Pardon (Zeitschrift)


Pardon (Zeitschrift)

Pardon (eigene Schreibweise: pardon) war eine deutschsprachige literarisch-satirische Zeitschrift, die von 1962 bis 1982 erschien. Markenzeichen von Pardon war F. K. Waechters Teufelchen, das seine Melone lupft. Ziel war, seit der ersten Ausgabe im September 1962, etwas Farbe in die graue Adenauer-Ära zu bringen und für ein kritisches Klima zu sorgen. Eine Wiederbelebung der Pardon von 2004 bis 2007 blieb erfolglos.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren und mehr als 1,5 Millionen regelmäßigen Lesern wurde Pardon schnell zur größten Satirezeitschrift Europas. Nach einer Nullnummer 1961 und einem internen Vorausheft erschien am 27. August 1962 die erste Ausgabe von Pardon, gegründet von den Verlegern Hans A. Nikel und Erich Bärmeier. Nikel gewann Erich Kästner als Paten, auch Loriot, der das erste Titelblatt gestaltete, und Werner Finck, gleich zu Anfang auch Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und andere bedeutende Autoren. Erich Bärmeier war zuständig für die Verlags- und Vertriebsgeschäfte, Chefredakteur war Hans A. Nikel. Er entwickelte Konzept und Themen und entdeckte zahlreiche Autoren, die später berühmt wurden.

Mitarbeiter und Ressorts

Zu den Autoren gehörten die damals noch unbekannten und erstmals veröffentlichenden Studenten Robert Gernhardt und F.W. Bernstein sowie die Zeichner Kurt Halbritter, Hans Traxler, F.K. Waechter, Walter Hanel, Stano Kochan und Chlodwig Poth. Es gab die ständige Nonsensdoppelseite WimS – Welt im Spiegel, viele Jahre vorwiegend von Bernstein, Gernhardt und Waechter bestritten. In Pardon veröffentlichten Alice Schwarzer, Günter Wallraff und Gerhard Kromschröder ihre ersten großen Rollenreportagen, Freimut Duve, Robert Jungk, Hagen Rudolph und andere ihre viel beachteten Meinungskolumnen. Auch Wilhelm Genazino war einige Zeit Redaktionsmitglied.

Pardon entwickelte als weitere internationale Besonderheit des Journals auch andere, nicht nur satirische Schwerpunkte, u. a. durch Gerd Winklers bilder- und informationsreiche Kunstwetterlage (Vorbild für die spätere Zeitschrift art), durch kritisch-witzige Literaturrezensionen (etwa Otto Köhlers Literaturkiller) und durch ein Film-Magazin, vor allem aber durch den Sonderteil ANDERS LEBEN mit Berichten über Zukunftswerkstätten. „Zu Zeiten, als die grüne Partei noch nicht einmal erdacht war, hatte der Pardon-Chef das Thema Ökologie schon besetzt, über das er den Zukunftsforscher Robert Jungk schreiben ließ“ (FAZ vom 9. August 2001).

Pardon verband Politik mit Witz, Information mit Satire und Philosophie mit Grafik. Trotz ihres hohen Anspruchs hatte Pardon von Anfang an Erfolg. Hier wurde nicht – wie sonst üblich – vom Schreibtisch aus für die Leser produziert:

Die von Pardon neu erfundene Institution der Pardon-Aktion sorgte regelmäßig für Aufregung in der Bundesrepublik. Veränderungen wurden bis in den Bundestag hinein angestoßen. Zumeist waren es Aktivitäten auf der politischen Rechten, die Pardon angriff. Aber es gab auch satirische Analysen, Aktionen und Angriffe auf den Spiegel, den Stern oder die Frankfurter Rundschau. Die FAZ musste ein Vierteljahrhundert später konstatieren: „Pardon hat unter Nikels Leitung mit dessen literarisch-satirischem Spürsinn 18 Jahre lang Einfluss auf den Zeitgeist der Republik genommen – eine markante Phase der Nachkriegsgeschichte.“

So wurde etwa im Herbst 1963 eine Günther-Grass-Büste in der Walhalla bei Regensburg aufgestellt. Nachdem die Frankfurter Rundschau einen Bericht über eine vermeintlich „skandalöse LSD–Party“ veröffentlicht hatte, die tatsächlich von der FR-Chefredaktion selbst finanziert worden war, inszenierten Pardon-Mitarbeiter eine solche angebliche „LSD-Party.“ Die Frankfurter Rundschau berichtete auch über diese Party. Daraufhin wurden die tatsächlichen Hintergründe von Pardon enthüllt. Mit der Aktion sollte ein Beweis für die Manipulierbarkeit der Medien geliefert werden. Ein anderes Mal schickte die Redaktion unter dem erfundenen Namen eines Amateur-Schriftstellers acht Maschinenseiten aus Robert Musils berühmtem Werk Der Mann ohne Eigenschaften als „Probe eigener Arbeit mit der Bitte um Veröffentlichung“ an mehr als 30 Verlage, die das Manuskript ausnahmslos ablehnten.

Spaltung, Reorganisation und Untergang

1971 kam es zur Trennung der Teilhaber. Erich Bärmeier schied aus, Hans A. Nikel führte Pardon allein weiter. In der Redaktion kam es schließlich zu differierenden Auffassungen. Ein Stein des Anstoßes war die zunehmende Neuorientierung des Heftes an New Age-Themen durch den damaligen Maharishi Mahesh Yogi-Anhänger Nikel (beispielhaft dafür die Titelstory „Kein Witz: Ich kann fliegen!“ über das „yogische Fliegen“, Ausgabe 11/1977[1]) wie allgemein der Wandel vom Satiremagazin zum Gemischtwarenladen aus Film-, Musik- und Reisemagazin. Einige Mitarbeiter trennten sich und gründeten die Titanic und fanden sich zur Neuen Frankfurter Schule zusammen.

Herausgeber Nikel gewann Elke Heidenreich, Peter Härtling und weitere Autoren. Er entdeckte neue Redakteure, die später als Autoren Bekanntheit erreichten, etwa Paul Badde, Matthias Horx, Albert Sellner (Autor für Enzensbergers Andere Bibliothek). Er veröffentlichte Karikaturen von Freimut Wössner, Manfred Limmroth, Gerhard Seyfried und Bernd Pfarr. Erich Rauschenbach, Klaus Puth, Norbert Golluch (alle drei jetzt Eichborn-/ Diogenes-Autoren), Volker Reiche (jetzt FAZ-Serien-Cartoonist). Brösel, der „zeichnende Anarchist“, brachte bei Pardon seinen Werner auf die Welt und zeichnete ihn als monatliche Kolumne. Die Doppelseite Welt im Spiegel wurde nach dem Ausscheiden von Gernhardt, Bernstein und Waechter von anderen Pardon-Mitarbeitern weitergeführt (u. a. Manfred Hofmann, Michael Schiff, Thomas Wenner). Gleichzeitig übernahm Pardon viel Material vom französischen Charlie Hebdo.

Nikel beendete seine Herausgebertätigkeit Ende 1980 und verkaufte Pardon an den Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza. Chefredakteur mit neuer Redaktion in Hamburg wurde Henning Venske. Er wollte die Richtung der Zeitschrift strikt links ausrichten. Während dieser Zeit erschien das Blatt nicht mehr geklammert, sondern wie eine Zeitung gefaltet. Drei Jahre später wurde Pardon eingestellt.

Neustart 2004

Im April 2004 wurde die Zeitschrift vom Jenaer Satiriker Bernd Zeller (* 1966) wiederbelebt. Der Buchautor, Karikaturist (u. a. für Titanic) und ehemalige Gag-Schreiber für Harald Schmidt versammelte in der ersten Ausgabe Texte von Götz Alsmann, Roger Willemsen, Doris Dörrie und Wiglaf Droste. Harald Schmidt schrieb das Vorwort: einen Absagebrief. Die Druckauflage betrug 97.000 Stück. Die neue Pardon sollte nach Zellers Vorstellung Satire, gemischt mit Essays und Kolumnen bieten. Zielgruppe seien Studenten und aufwärts – ein Publikum, dem Titanic zu bemüht lustig sei, so Zeller.

Nach dem Erfolg der ersten, von Zeller selbst finanzierten Auflage (47.000 verkauft) ging die Zahl der verkauften Exemplare bei der dritten Ausgabe bereits deutlich auf 12.000 zurück. Probleme bereitete von Anfang an die zentrale Stellung von Zeller als Verleger, Chefredakteur, Herausgeber und Autor mit den meisten Beiträgen. Zellers Versuche, einen neuen Verlag zu finden und sich dadurch auf die Redaktionsarbeit konzentrieren zu können, waren im Frühjahr 2005 erfolgreich: Pardon erschien bis August 2006 im Rübe Verlag. Seit September desselben Jahres erschien die Zeitschrift im macchiato – verlag Jena unter Herausgeberin Antje Hellmann und betrieb außerdem einen tagesaktuellen Web-Auftritt.

Im September 2007 wurde die Zeitschrift eingestellt[2], der Onlineauftritt wird jedoch unter dem Namen Darvins Illustrierte – nach der Figur des in Pardon veröffentlichten Hundes Darvin – fortgeführt und bietet nun tagesaktuelle Inhalte.

Literatur

  • Oliver Maria Schmitt: Die schärfsten Kritiker der Elche in Wort und Strich und Bild. Berlin: Alexander Fest 2001

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Flug zum Ich, Titel und Artikel vom November 1977
  2. Focus: „Pardon“. Satiremagazin eingestellt, Meldung vom 2. September 2007.

ISSN: 0031-1855


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