Participium Coniunctum


Participium Coniunctum

Das Participium coniunctum oder abgekürzt PC ist eine syntaktische Konstruktion im Lateinischen, bei der ein Partizip mit einem Bezugsnomen in Kasus, Numerus und Genus kongruiert. Das Nomen (meist ein Substantiv oder ein Pronomen) hat gleichzeitig die Rolle eines Satzgliedes, das Partizip fungiert prädikativ zu dem Bezugsnomen. Die Partizipialgruppe ist satzwertig, verhält sich also wie ein Satz, in dem das Nomen das Subjekt und das Partizip das Prädikat bildet. Zwischen das Nomen und das Partizip können zusätzliche Objekte oder adverbiale Angaben treten, die Teil der Partizipialkonstruktion sind.

Das PC wird mit den verschiedenen Partizipformen des Verbs gebildet. Syntaktisch hat es meist die Funktion eines Adverbiale, die auch durch eine Präpositionalphrase oder einen Nebensatz mit finitem Verb ausgedrückt werden könnte. Es ist von anderen afiniten Konstruktionen wie dem Ablativus absolutus und von den Flexionsformen Gerundivum und Gerundium zu unterscheiden. Vom Ablativus absolutus unterscheidet sich das PC dadurch, dass das Bezugsnomen im Ablativus absolutus kein Satzglied mit eigener syntaktischer Funktion ist.

Das PC wird vor allem in der lateinischen Schriftsprache häufig verwendet. Auch in anderen indogermanischen Sprachen findet man PC-Konstruktionen. Im Deutschen wird es durch eine Präpositionalkonstruktion, einen adverbialen Nebensatz oder einen koordinierten Hauptsatz wiedergegeben, seltener auch durch einen Relativsatz.


Inhaltsverzeichnis

Anwendung im Lateinischen

Das PC verwendet die drei lateinischen Partizipformen PPP, PPA und PFA:

  • PPP = „participium perfecti passivi“ bzw. „participium praesentiae passivae“ oder auf Deutsch „Partizip-Perfekt-Passiv“ (passives Perfektpartizip):
    zum Ausdruck von Vorzeitig-/Gleichzeitigkeit
  • PPA = „participium praesentiae activae“ oder auf Deutsch „Partizip-Präsens-Aktiv“(aktives Präsenspartizip):
    gleichzeitig
  • PFA = „participium futuri activi“ oder auf Deutsch „Partizip-Futur-Aktiv“ (aktives Futurpartizip):
    nachzeitig (oft in finalem Sinn zu verstehen)

Beispiele

1. Anwendung des PPP zum Ausdruck der Vorzeitigkeit:

          *ohne PC: Tantalus, qui in Tartarum missus erat, poenas persolvit.
          *mit  PC: Tantalus in Tartarum missus poenas persolvit.
                   Tantalus, welcher in die Unterwelt geschickt worden war, erlitt Strafen.

2. Anwendung des PPA zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit:

          *ohne PC: Flaminius legiones contra Hannibalem duxit atque cum equo concidit.
          *mit  PC: Flaminius legiones contra Hannibalem ducens cum equo concidit.
                   Flaminius führte Legionen gegen Hannibal und fiel mit dem Pferd.

3. Anwendung des PFA zum Ausdruck der Nachzeitigkeit:

          *ohne PC: Ii, qui morientur, te salutant.
          *mit  PC: Morituri te salutant.
                   Die, die sterben werden, grüßen dich.

Übersetzungsmöglichkeiten

Es gibt verschiedenste Translationsvarianten, die nach Belieben angewandt werden können. Die obigen Übersetzungen sind streng nach den Beispielen ohne PC gehalten und somit durchaus verbesserungswürdig. Das PC erlaubt der eigenen Individualintellektualität die Auslebung zahlreicher stilistischer Ausschmückungen:

a) wörtlich:

1. mit Attribut:

  • vorzeitig: Tantalus, in die Unterwelt geschickt, erlitt Strafen.
  • gleichzeitig: Flaminus, die Legionen gegen Hannibal führend, fiel mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Die, die sterben werden, grüßen dich.
[PFA ist niemals ins Deutsche direkt-translationabel!]

2. mit Apposition (substantivisches Attributivum im Kasus des Bezugswortes):

  • vorzeitig: Der in die Unterwelt geschickte Tantalus erlitt Strafen.
  • gleichzeitig: Der die Legionen gegen Hannibal führende Flaminus fiel mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Die Sterbenwerdenden grüßen dich.
[äußerst unüblich]

b) mit Hauptsatzreihe, koordinierend = beiordnend (betonend): Reihenfolge beachten!

  • vorzeitig: Tantalus wurde in die Unterwelt geschickt und erlitt dann Strafen.
  • gleichzeitig: Flaminus führte Legionen gegen Hannibal und fiel dabei mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Die grüßen dich und werden dann sterben.

Perfektpartizip-Ausdruck immer vorher, Präsenspartizip-Ausdruck beliebig, Futurpartizip immer nachher.

c) mit Nebensätzen, subordinierend = unterordnend: meist recht multilaterale Gestaltungsmöglichkeiten, auch hier ist die Beachtung der Consecutio Temporum (Zeitenfolge) erforderlich.

Beispiele:

1. Relativsatz(mit der, die, das eingeleitet):

  • vorzeitig: Tantalus, der/welcher in die Unterwelt geschickt worden war, erlitt Strafen.
  • gleichzeitig: Flaminus, der die Legionen gegen Hannibal führte, fiel mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Die, die sterben werden, grüßen dich.

2. Temporalsatz:

  • vorzeitig: Nachdem/als/... Tantalus in die Unterwelt geschickt worden war, erlitt er Strafen.
  • gleichzeitig: Während/als/... Flaminus die Legionen gegen Hannibal führte, fiel er mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Bevor die sterben werden, grüßen die dich.

3. Die besprochenen Satzarten sind die gebräuchlichsten. Oft sind aber auch andere möglich, wie z. B. ein Kausalsatz (Begründungssatz) mit "weil" oder "da" beim Beispiel für Vorzeitigkeit et cetera. Vor allzu vagen Experimenten sollte man sich allerdings hüten.

d) manchmal Präpositionalausdruck opportun:

  • vorzeitig: Nach der Entsendung Tantalus' in die Unterwelt erlitt er Strafen.
  • gleichzeitig: Während eines Kriegszuges Flaminus' gegen Hannibal fiel ersterer mit dem Pferd.
  • nachzeitig: Die Todgeweihten grüßen dich.

Nicht immer lassen sich mit dieser Möglichkeit inhaltlich wirklich korrekte Übersetzungsvarianten erschließen. Auf jeden Fall ist dieses vor der Benützung der besprochenen Eventualität, aber auch bei der Selektion überhaupt zu bedenken.

In den bisher behandelten Kasus wurde nur der Nominativ angewandt. Die Partizipialkonstruktion kann auch in anderen Fällen als dem 1. Fall vorkommen. Importantes Merkmal ist bei der Anwendung, dass neben dem Partizip keine Form von „esse“, also „sein“ aufscheint (was ein Anzeichen für eine Perfekt, Plusquamperfekt oder Futur II - Passiv-Form wäre).

Abgrenzung in Bezug auf andere Konstrukte

Nicht verwechselt darf das PC mit dem Ablativus absolutus werden, welcher im Gegensatz zu ersterem von der übrigen Satzkonstruktion abgespalten wäre. "Ablativus absolutus" heißt dementsprechend wörtlich übersetzt "entfernter, abgelöster Ablativ" (Ablativ = 6.Fall). Auch hier wäre PPA, PPP und PFA möglich. Allerdings könnte dieser Ablativus absolutus dann logischerweise nur im 6.Fall stehen. Weiteres Merkmal ist die totale, absolute Unabhängigkeit vom restlichen Satz. Die Übersetzung geschieht in derselben Weise.

Bsp.: gleichzeitig:

     Qua re animadvertente rex iit.
     Die Sache bemerkend, ging der König.
     Als der König die Sache bemerkte, ging er. 

Es gibt hierbei immer einen Täter. Bei diesem Beispiel hat ein König die Sache bemerkt - ein weiterer Unterschied zum PC. Beim Ablativus absolutus muss bei mehr Angaben immer beachtet werden, wer der Täter ist, welcher beim PC nicht unbedingt vorhanden ist.

Die Differenzierung hinsichtlich Gerundium und Gerundivum fällt leicht. Man kann Gerundium und Gerundivum durch die "nd"-Form vom PC unterscheiden. Diese wird jeweils vom Infinitiv abgeleitet und ist ebenfalls deklinabel.

Bsp.: pareo, -es, -ere, -ui = gehorchen, ...

     parenda = Gerundivum im 1./5./6. Fall Sg. fem.
     
     analoge Partizipien, wie sie bei Abl. abs. und PC vorkommen:
     parens  = PPA im 1./5. Fall Sg. 
     parente = PPA im 6. Fall Sg.
     parita  = PPP im 1./5./6. Fall Sg. fem.
     paritura= PFA im 1./5./6. Fall Sg. fem.

PC in anderen Sprachen

Auch in modernen indogermanischen Sprachen wird das PC in ähnlicher Weise wie im Latein verwendet, so im Französischen (Partizip fett)

Confrontée à la vérité, l'accusée avouait ses péchés.

statt

Puisqu'elle était confrontée à la vérité, l'accusée avouait ses péchés.

Beides bedeutet: "Nachdem sie mit der Wahrheit konfrontiert wurde, gestand die Angeklagte ihre Sünden."


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