Schiffsmühle


Schiffsmühle
Schiffmühle Minden

Die Schiffmühle oder Schiffsmühle ist eine heute seltene Bauform der Wassermühle. Bezeugt sind Schiffmühlen bereits für das Jahr 540 n. Chr., als die Ostgoten unter der Führung des Witichis bei der Belagerung Roms die vierzehn Aquädukte zur Versorgung der Stadt zerstörten und damit auch den Wasserstrom der Trajanischen Wasserleitung zum Versiegen brachten, der die Wassermühlen am Ianiculum in Trastevere antrieb. Um die lebenswichtige Versorgung der Stadt mit Mehl zu gewährleisten, ließ daraufhin Belisar auf Barken schwimmende Mühlen im Tiber verankern, deren Räder vom Wasser des Tibers angetrieben wurden.[1]

Im Deutschen werden die Wortformen Schiffs- und Schiffmühle (mit und ohne Fugen-S) nebeneinander verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Technik der Schiffmühlen

Zeichnung 1: Schiffmühle nach H. Ernst, 1805

Die Mühlen- und Mahltechnik sowie der Antrieb (Wasserrad) sind bei diesem Mühlentyp auf einer schwimmenden Plattform errichtet. Zwischen Hausboot (zum Ufer hin gelegenes Hauptschiff) und Wellboot (Weitschiff) befindet sich das unterschlächtige Wasserrad, das durch das fließende Wasser berührt und von ihm angetrieben wird. Auf dem Hausboot stehen ein Holzhaus mit Kammer, Bett, Tisch und Sessel für den Schiffsmüller und seine Gehilfen sowie das Mühlwerk. Es gibt aber auch Hinweise auf Schiffmühlen, die beidseitig ein schmaleres Wasserrad hatten, ähnlich wie es von einem alten Raddampfer bekannt ist. Die schwimmende Plattform wird an der strömungsintensivsten Stelle im Fluss verankert, an Brückenpfeilern wegen des guten Zugangs zur Mühle vertäut oder auch am Ufer.

Zeichnung 2: Schiffmühle nach H. Ernst, 1805

Dadurch kann die Schiffmühle bei wechselnden Wasserständen mit aufschwimmen, es steht der Mühle damit immer die gleiche Wasserenergie zur Verfügung. Der Wirkungsgrad einer Schiffmühle entspricht im günstigsten Fall dem einer unterschlächtigen Wassermühle. Schiffmühlen hatten jedoch den Vorteil, dass ihre Energie im Gegensatz zu Wasser- und Windmühlen immer zur Verfügung stand, so dass sie als Grundlastmaschine (d. h. nicht besonders stark, aber dafür 24h laufend) zur Verfügung stand.

Schiffmühlen konnte man bei Bedarf (Schiffsverkehr, Flößerei, Eisgang, niedrige Wasserstände) an das sichere Ufer ziehen. Flußauf nahm man Pferde zu Hilfe, um die schwimmende Mühle an einen anderen Platz zu ziehen. Die Schiffmühlen waren, wie auch die Wasser- und Windmühlen, im Besitz der Landesherren oder Klöster. Damit war auch die rechtliche Situation entsprechend geregelt (Mühlenrecht). Historische Schiffmühlen haben sich in Mitteleuropa nicht erhalten, da die aufkommende Flussschifffahrt sie zu einem Hindernis machte.

Geografische Verbreitung der Schiffmühlen

An nahezu allen Flüssen in Europa sind Schiffmühlen betrieben worden.

  • Elbe – bis 1911
  • Rhein: Straßburg, Mainz und viele andere Standorte – 9.–20. Jahrhundert nachgewiesen
  • Donau: Regensburg – 1493 urkundlich erwähnt; Wien Kaisermühlen, Orth an der Donau (Niederösterreich). Allein im Raum Wien hat es um 1770 an die 20 Schiffsmühlen gegeben, die teilweise bis ins 19. Jahrhundert existierten.
  • Mur: Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn
  • Weser: Minden – 1326 erstmals urkundlich erwähnt
  • Tiber: Rom

Tourismus

Schiffsmühle Mureck

Es gibt jedoch noch einige Nachbauten von Schiffmühlen:

Weiterhin gibt es Schiffmühlen auf dem Trockenen – d. h. als Denkmal:

  • in Magdeburg am Ufer der Elbe, wo früher bis zu 23 Stück lagen sowie
  • in Bad Düben im Burggelände gibt es die Bergschiffmühle, mit der früher Korn gemahlen wurde.

Eine Rekonstruktion ist am Rhein in Arbeit:

  • in Ginsheim am Ufer des Rhein – gegenüber Mainz. Im Jahre 1875 lagen dort z. B. 22 Mühlen im Strom.

Fotografien

Einzelnachweise

  1. Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Bd. I, Cotta, Stuttgart 1859, S. 356ff.

Literatur

  • Adam Meltzer: Mühlenbaukunst. Merseburg 1805.
  • Heinrich Ernst: Anweisung zum praktischen Mühlenbau. Leipzig 1805.
  • J. Mager, G. Meißner, W. Orf: Die Kulturgeschichte der Mühlen. Leipzig 1988.
  • Daniela Gräf, Boat Mills in Europe from Medieval to Modern Times. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie Sachsen 51, 2006.

Weblinks

Foto-Archiv


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