Scholtisei


Scholtisei
Ein Schultheiß. Holzschnitt von Peter Flötner (16. Jahrhundert)

Der Schultheiß oder Schuldheiß (von althochdeutsch: sculdheizo = "Leistung Befehlender", latinisiert (mlat.): scultetus oder sculteus) bezeichnete einen in vielen westgermanischen Rechten auftretenden Beamten, „der Schuld heischt“, d.h. der im Auftrag eines Herren (Landesherrn, Stadtherrn, Grundherrn) die Mitglieder einer Gemeinde zur Leistung ihrer Schuldigkeit anzuhalten hat, also Abgaben einzieht oder für die Einhaltung anderer Verpflichtungen Sorge zu tragen hat. Sprachliche Varianten des Schultheißes sind Schulte, Schultes oder Schulze. Früher wurde zwischen dem Stadtschulzen und dem Dorfschulzen unterschieden. In der städtischen Gerichts- und Gemeindeverfassung war er ein vom städtischen Rat oder vom Landesherren Beauftragter zur Ausübung der Verwaltungshoheit und Rechtspflege.

Der Schultheiß war meist auch Richter der niederen Gerichtsbarkeit. Im friesischen und fränkischen Recht war er ein Hilfsbeamter der Grafen, betraut mit der Einziehung von Geldern und der Vollstreckung von Urteilen, meist auch Hundertschaftsführer. Gleichartige oder ähnliche Amtsstellungen waren Amtmann, Fronbote, Meier, Vikar, Villicus, Vogt (in alphabetischer, nicht zeitlicher Reihenfolge).

Im Französischen entspricht dem Schultheiß der Maire, im Englischen der Bailiff oder Mayor.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Im Rahmen der Ostsiedlung erhielt der Siedlungsunternehmer (Lokator) regelmäßig unter anderen Rechten auch das Schulzenamt, wobei sich insbesondere im dörflichen Bereich neben richterlichen Befugnissen allgemein die Funktion der Dorfobrigkeit auch außerhalb der Gerichtsverfassung findet. Dabei gibt es alle Wahlmodalitäten: von der freien Wahl durch die Dorfgemeinde bis zur einseitigen Einsetzung durch den Dorfherren.

Das hohe Amt des städtischen Schultheißen geht auf das Schultheißentum im mittelalterlichen Gericht zurück. Im Sachsenspiegel aus der Zeit um 1230 heißt es: Es kann kein Richter (der bei Königsbann zum Thing lädt) echtes Thing abhalten ohne seinen Schultheißen, vor dem er sich zu Recht erbieten soll ... (Ssp. I/59,2). In den Städten besetzte die Bürgerschaft schon früh dieses Amt des stellvertretenden Richters, und als die Städte im späten Mittelalter auch die hohe Gerichtsbarkeit erwarben, wurde der Schultheiß zum höchsten Richter der Stadt und auf diesem Wege häufig zum Vorsteher der Stadt überhaupt.

Später konnte er auch der Vorsteher eines städtischen (Stadtschultheiß) oder dörflichen Gemeinwesens (Schulze) sein. Bei der ostdeutschen Kolonisation im Mittelalter hatten meist ritterliche Unternehmer diese Funktion als Erbschulze inne, wobei das Amt an Familie oder Güterbesitz gebunden war. Im Altsiedelgebiet und Ostthüringen hatte der von der Herrschaft eingesetzte Amts-Schulze (lat. centgreve) das Amt oft auf Lebenszeit inne.

Im altdeutschen Gerichtswesen (siehe Thing) hatte er den Vorsitz über die Schöffen im Hofgericht. Seit dem 15. Jhd. wurde die Amtsbezeichnung Schulze in verschiedenen Regionen (z. B. Sachsen) durch die Amtsbezeichnung Richter verdrängt, wobei der im Patrimonialgericht tätige Richter häufig auch den Titel Gerichts-Schulze trug.[1] Seine Aufgaben waren ursprünglich wohl die Teilnahme an Landgerichten, die Einnahme von Steuern und Leistungen sowie verschiedene Aufsichtsrechte (u.U. noch zugleich für den Bereich mehrerer Dörfer und regional differenziert). Seit dem 16.Jh. wurden ihm zunehmend durch die Landesherrschaft Aufgaben aus der Dorf- und Gemeindeverwaltung übertragen, die ehemals von den von der Ortsgemeinde bestimmten Amtsträgern (Heimbürger) erfüllt wurden. Damit verschwand allmählich der Dualismus zwischen herrschaftlichen und genossenschaftlichen Amtsträgern.[2]

Als Schulze wurde er im 17. bis zum 19. Jh. weitgehend der Dorfvorsteher im Sinne eines Bürgermeisters. (In Württemberg war ein Schultheiß um 1750 der Ortsvorsteher, den man heute Bürgermeister nennt.) Der damalige „Bürgermeister“ hatte die Funktion des heutigen Gemeindepflegers.

Das Amt des Schultheißen, das in neuerer Zeit durch Wahl der Gemeindemitglieder übertragen wurde, die aber noch der obrigkeitlichen Bestätigung bedurfte, war früher auch oftmals mit dem Besitz bestimmter Güter (Schulzengut, Schulzenlehen, Bauermeisterlehen, in Schlesien Scholtisei, Erbscholtisei, Scholten- oder Scholzengut genannt) verbunden.[3] Die entsprechenden Bezeichnungen für diese landwirtschaftlichen Betriebe haben sich zum Teil bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Je nachdem, ob der Besitz des Schulzenhofes mit bestimmten Verpflichtungen gegenüber dem Landes- oder Lehnsherrn verbunden war oder nicht, wurde zwischen dem „dienstfreyen Schulzen“, oder Freischulzen, und dem Dienstschulzen unterschieden (siehe auch: Freirichter). Der landwirtschaftliche Betrieb eines Freischulzen wurde „Freischulzenhof“ genannt.

Bedeutung und Funktion in der Schweiz

In der Schweiz (Deutschschweiz) blieb die Funktion des Schultheissen im Sinne eines Regierungs-Präsidenten über das Mittelalter hinaus erhalten, vor allem in den von aristokratischen Patriziaten absolutistisch regierten Kantonen. Gar bis in die Gegenwart hinein war der Titel Schultheiss in Gebrauch für den Präsidenten der Regierung des Kantons Luzern (Regierungsrat). Das Amt rotiert unter den Regierungsmitgliedern jährlich. Der Stellvertreter des Schultheissen heißt Statthalter. Wahlgremium für den Schultheissen und den Statthalter ist der Grosse Rat, das Parlament des Kantons Luzern. Der Regierungsrat hingegen wird vom Volk im Majorzverfahren gewählt.

Mit der neuen Luzerner Kantonsverfassung von 2007, die 2008 in Kraft getreten ist, wurde der Begriff Schultheiss durch den in den Mehrheit der deutschschweizerischen Kantone üblichen Terminus Regierungspräsident ersetzt. (Vergleiche auch Landammann)

Verwendung bei der Namensgebung

Schultheiß ist überdies Basisform eines der am weitesten verbreiteten deutschen Familiennamen, der auch in zahlreichen Varianten wie Schulz, Schulze, Schulte, Schultz, Schultze, Schulzeck, Schulten, Schuldt, Schulthess, Scholtes, Schotes, Schultheiss, Schultheis, Heiss oder Heiß vorkommt. Diese Schreibformen entsprechen der regionalen Aussprache und Schreibweise für die Funktion und das Amt des Schultheißen. Daneben die aus dem Schlesischen kommenden Varianten mit O: Scholz, Scholze etc. Im Schwäbischen wird aus dem Wort Schultheiß der Schultes. In der frühen Neuzeit wandelten etliche Personen den Namen latinisiert bzw. als Humanistenname um, zu Scultetus, Sculteus oder Praetorius. Außerdem existiert eine tschechische Schreibweise des Namens: Šulc, außerhalb der Tschechischen Republik auch Sulc. Auch existiert die Form Theißl in Österreich. Die Form Schulte ist oftmals auch in Doppelnamen zu finden, wobei das zweite Namenglied ursprünglich ein Hofname war, z.B. Schulze Dieckhoff, Schulze Elshoff, Schulte Renger, Schulte Mesum, Schulte Wermeling, Schulze Pellengahr, Bock-Schulz, Schulze-Behn-Bock usw. Eine andere Namensform ist noch Schulte-Bisping, wobei der zweite Name von Bischoff abstammt, welcher den örtlichen Ortsvorsteher einsetzte.

Bekannte Schultheißen

Namensträger

Literatur

  • Lexikon des Mittelalters. Bd. 7 (1999), Sp. 1591f. ISBN 3-476-01742-7
  • Adelheid von Livonius: Schulzen und Lehnsschulzengeschlechter in den Ämtern Stolp und Rügenwalde, Unser Pommerland, 20. Jahrgang 1935, Heft 7/8, Pommersche Sippenforschung PDF

Siehe auch

Fußnoten

  1. U. Hagner: Die Amtsschultheißen und Amtsrichter in den preußischen Dörfern vom 16. bis 18. Jahrhundert in: Jahrbuch des Museums Hohenleben-Reichenfels Hohenleben 1985, S. 21-46
  2. Siehe ebenda
  3. Meyers Großes Konversationslexikon, 6. Auflage, 18. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1909, S. 72.

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