Timm Ulrichs


Timm Ulrichs
Timm Ulrichs, 1997
Timm Ulrichs' Grabanlage in der Kasseler Künstler-Nekropole
Timm Ulrichs' Erdpyramide in Bergkamen
Timm Ulrichs' Kopf-Stein-Pflaster (nach dem Kopf des Künstlers), 1980/1994, Standort am Schiffgraben in Hannover

Timm Ulrichs (* 31. März 1940 in Berlin) ist ein deutscher Künstler.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Timm Ulrichs wuchs in Wildeshausen und Bremen auf, wo er 1959 sein Abitur ablegte. Er begann anschließend ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Hannover, das er 1966 nach dem Vordiplom abbrach.

Als „Totalkünstler“ ist Ulrichs seit 1959 aktiv. In diesem Jahr gründete Ulrichs die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“ in Hannover, die zur Verbreitung, Entwicklung und Produktion von Totalkunst dienen sollte. Weiterhin erklärte er sich 1961 zum „ersten lebenden Kunstwerk“ und organisierte 1966 eine öffentliche „Selbstausstellung“ in Frankfurt am Main. Ulrichs war von 1969 bis 1970 Gastprofessor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und von 1972 bis 2005 Professor für Bildhauerei und Totalkunst am Institut für Kunsterzieher Münster (seit 1987 Staatliche Kunstakademie Münster). 1970 fand seine erste Totalkunst-Retrospektive in Krefeld statt, sieben Jahre später war er Teilnehmer der Documenta 6 in Kassel. Große Einzelschauen fanden 1980 in Lüdenscheid, 1991 in Madrid und Recklinghausen, 2001 in Antwerpen (Plastik und Skulpturen) sowie 2002 in Hannover (Druckgrafik) statt.

Testamentarisch erklärte Timm Ulrichs seine Bereitschaft, sich nach seinem Tod in der Kasseler Künstler-Nekropole bestatten zu lassen.

Tätigkeit

Ulrichs arbeitet interdisziplinär. Er ist ein Vertreter von Neodadaismus, Body Art und Konzeptkunst. Ebenfalls beschäftigt sich Ulrichs mit Druckgrafik, dem Künstlerbuch und Performance-Kunst. Bekannt ist er darüber hinaus durch seine Beschäftigung mit der Sprache. Ulrichs setzt Tautologien, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten in der Sprache − z. B.: „Am Anfang war das Wort am ...“ − sowie verbale Begriffe künstlerisch, meist in Form von Plastiken oder Installationen, um.

Kontinuierlich hat Ulrichs auch Kunst im öffentlichen Raum betrieben. Große, oft themen- und standortbezogene Plastiken von Ulrichs sind u. a. vor dem Magdeburger Hauptbahnhof (Erd-Achse), nahe der Münchner Allianz-Arena in Fröttmaning (Versunkenes Dorf), im Freilichtmuseum Middelheim in Antwerpen (Musterhäuser, Typ Bomarzo), in der Altstadt von Recklinghausen (Das Ganze und die Teile), in Bergkamen "Pyramide zum Mittelpunkt der Erde", in Mülheim/Ruhr-Styrum (Zwischen den Zeilen) und vor der Galerie Nordhorn (Der Findling) zu sehen.

Ulrichs ist seiner eigenen Definition zufolge ein Totalkünstler. Dieser Begriff lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen durch die Heterogenität und Variabilität des Gesamtwerks, zum anderen verdankt er sich verschiedenen Inspirationsquellen und ist weniger als Etikett für Ulrichs' einzelne Arbeiten, sondern als Formel für den gesamten und unabgeschlossenen Schaffensprozess zu verstehen. Im eigentlichen Sinne bezeichnet Ulrichs' Auffassung von "Totalkunst" einen reflexiven ästhetischen Prozess, der geläufige Wahrnehmungsmuster und Weltsichten sensibilisiert und hinterfragt.

Im Jahr 1976 trat Ulrichs an den Tattoo-Künstler und Streckenbach-Schüler Manfred Kohrs in Hannover heran, um sich im Rahmen eines Kunstprojektes ein Augenlid tätowieren zu lassen. "Mein Leben wird von der Geburt bis zum Tod ununterbrochen gefilmt", plante Ulrichs bereits 1961. Auf sein rechtes Augenlid ließ er sich 1981 die Worte "The End" tätowieren[1] – der Abspann für den ultimativ letzten Film.[2][3] Das Ende ins Auge gefasst hat Timm Ulrichs 1970 im Rahmen seiner in Literatur, Aktion, Video und Fotografie ausgeführten Werkgruppe »Filmvorstellungen, vorgestellt« (1961–1971): „Um zu demonstrieren, daß alles, was in mein Blick-Feld fällt oder mir unter die Augen kommt, Film ist, beschrifte ich (mittels Tätowierung) meine Augenlid-Vorhänge (...) mit dem Wort ,Ende“: Schließen sie sich, ist auch mein Augen-Kino beendet. (...)“. Und 1984 schrieb er dazu (verkürzt): „Ist der Augenblick zu guter Letzt gekommen, da man mir die Augen zum ewigen Schlaf zudrückt, erscheint auf dem rechten Lid die Schlußpointe: die letzte Vorstellung einer bühnenreif intendierten Lebensführung und -aufführung.«

Ausstellungen

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2010/2011 Betreten der Ausstellung verboten! Timm Ulrichs. Werke von 1960 bis 2010, Sprengel Museum Hannover und Kunstverein Hannover
  • 2010 Den Blitz auf sich lenken, Galerie Wentrup, Berlin
  • 2002 Die Druckgrafik, Sprengel Museum, Hannover
  • 1994 Museum Ludwig, Budapest
  • 1991 Kunsthalle Recklinghausen
  • 1984 Totalkunst, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
  • 1975 Kunstverein Braunschweig
  • Karl-Ernst-Osthaus-Museum, Hagen
  • Kunstverein Heidelberg
  • 1970 Galerie Nächst St. Stephan, Wien
  • Totalkunst, Museum Haus Lange, Krefeld
  • 1966 Das erste lebende Kunstwerk, Galerie Patio, Frankfurt

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2011 ... aus einem Lager, Christiane Möbus und Timm Ulrichs, Museum DKM, Duisburg
  • 2010 Der Westen leuchtet, Kunstmuseum Bonn
  • Nude visions-150 Jahre Körperbilder in der Fotografie, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg
  • Bense und die Künste, ZKM, Karlsruhe
  • Das Fundament der Kunst, Städtische Museen Heilbronn
  • It's a kind of magic, Weserburg Museum für Moderne Kunst
  • 2008 Babylon. Mythos und Wahrheit, Pergamonmuseum, Berlin
  • 2007 Große Kunstausstellung, Haus der Kunst, München
  • 2006 Diagnose Kunst. Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst, Kunst-Museum Ahlen, Museum im Kulturspeicher, Würzburg
  • A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu…Farben, Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg
  • 2005 Les Grands Spectacles. 120 Jahre Kunst und Massenkultur, Museum der Moderne, Salzburg
  • Die obere Hälfte. Die Büste seit Auguste Rodin, Städtische Museen Heilbronn
  • Superstars. Von Warhol bis Madonna, Kunsthalle und BA-CA Kunstforum, Wien
  • 2002 Iconoclash, ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 1999 Das XX. Jahrhundert. Die Lesbarkeit der Kunst, Kunstbibliothek Berlin
  • 1993 Poésure et Peintrie, Centre de la Vieille Charité, Marseille
  • Différentes Natures, Art Défense, Paris
  • 1992 Zufall als Prinzip, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen a. Rh.
  • 1991 Außenraum – Innenstadt, Sprengel Museum, Hannover
  • 1990 Blau – Farbe der Ferne, Kunstverein, Heidelberg
  • bis jetzt… Plastik im Außenraum der Bundesrepublik, Georgengarten, Hannover
  • 1987 Inside – Outside, Museum van Hedendaagse Kunst, Antwerpen
  • Animal Art (»steirischer herbst«), Palais Attems, Graz
  • 1985 1945 – 1985. Kunst in der Bundesrepublik Deutschland, Neue Nationalgalerie, Berlin
  • 1982 Momentbild. Künstlerphotographie, Kestner-Gesellschaft, Hannover
  • 1978 Städtische Kunsthalle Düsseldorf
  • Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven
  • Art: – Museum des Geldes, Centre Pompidou, Paris
  • 1976 documenta 6, Kassel
  • 1974 Projekt 74. Aspekte internationaler Kunst am Anfang der 70er Jahre, Kunsthalle Köln
  • 1970 Jetzt. Künste in Deutschland heute, Kunsthalle Köln
  • Konkrete Poesie. Visuelle Texte, Stedelijk Museum Amsterdam
  • 1969 Konzeption – Conception, Städtisches Museum Leverkusen

Auszeichnungen

Literatur

  • Franz Billmayer: Ich kann keine Kunst mehr sehen .... In: Grünewald, D. (Hrsg.): Kunst + Unterricht: (Sammelband) Lernen in Praxisprozessen. Friedrich Verlag, Velber 1996. S. 73 f.
  • Ludger Fischer: Timm Ulrichs setzt sich durch. In: Timm Ulrichs macht mobil. Möbel-Skulpturen und -Installationen, Freiburg 1999, S. 147-148. Gleichzeitig Ausst.-Kat. Atelierhaus Aachen.
  • Bernhard Holeczek: Timm Ulrichs. Braunschweig 1982.
  • Christine Korte-Beuckers: Kommunikationskonzepte in der Objektkunst der 1960er Jahre. Theorie der Gegenwartskunst, Bd. 13. Lit Verlag, Münster/Hamburg/London 1999.
  • Jürgen Raap: Timm Ulrichs. In: Kunstforum international, Bd. 126, 1994.
  • Matthias Reichelt: Totalkunst im Grünen (Timm Ulrichs). In: Kunstforum international, Bd. 157, 2001.
  • Ansgar Schnurr: Timm Ulrichs´ künstlerische Forschungen in kunstdidaktischem Erkenntnisinteresse. In: Blohm, Manfred (Hg.): Kurze Texte zur Kunstpädagogik. Flensburg 2008, S. 71-76.
  • Ansgar Schnurr: Über das Werk von Timm Ulrichs und den künstlerischen Witz als Erkenntnisform. Analyse eine pointierten Vermittlungs- und Erfahrungsmodells im Kontext ästhetischer Bildung. Norderstedt, 2009.

Ausstellungskataloge

  • Timm Ulrichs: Timm Ulrichs, Retrospektive. Kunstverein Braunschweig, Braunschweig 1975.
  • Timm Ulrichs: Kunstpreis Nordhorn. Städtische Galerie Nordhorn (Hg.), 1980.
  • Timm Ulrichs: Totalkunst. Städtische Galerie Lüdenscheid, Lüdenscheid 1980.
  • Timm Ulrichs: Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein 1984.
  • Timm Ulrichs: Landschaftsepiphanien. Kunsthalle Recklinghausen 1991.
  • Timm Ulrichs: Unterwegs. Deutsches Kulturinstitut Madrid 1991.
  • Timm Ulrichs: Timm Ulrichs macht mobil. Modo, Galerie blau, Freiburg/Brsg. 1992.
  • Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Bestandskatalog 1992/93, S. 128
  • Timm Ulrichs: Städtische Galerie, Iserlohn 1993.
  • Timm Ulrichs: Parcours. Kunstverein Cuxhaven / Kunsthalle Recklinghausen 1993.
  • Timm Ulrichs: Der Detektorische Blick. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1997.
  • Timm Ulrichs: Dem Betrachter den Rücken zukehrend. Siegerlandmuseum, Siegen 1994.
  • Timm Ulrichs: Gehäuse für Denkmäler und Brunnen. Modo-Verlag, Freiburg/Brsg. 2000.
  • Timm Ulrichs: Die Druckgrafik. Sprengel Museum Hannover, Hannover 2002. ISBN 3-89169-183-1
  • Timm Ulrichs / Ferdinand Ullrich: Wer war das!. Ein Bestimmungsbuch der Klasse Timm Ulrichs an der Kunstakademie Münster 1972 bis 2005. Kunsthalle Recklinghausen und Kunstverein Ingolstadt 2005.
  • Timm Ulrichs: Betreten der Ausstellung verboten, Hrsg. Kunstverein Hannover und Sprengelmuseum Hannover, 2011. ISBN 978-3-7757-2794-5

Weblinks

 Commons: Timm Ulrichs – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. THE END, Dokument einer Tätowieraktion von Horst Heinrich Streckenbach, Samy´s Tattoo Studio, Frankfurt am Main, 16. Mai 1981, Timm Ulrichs: Ausstellungskatalog: Betreten der Ausstellung verboten, Hrsg. Kunstverein Hannover und Sprengelmuseum, 2011, S. 59
  2. Vgl. Christina Sticht, Timm Ulrichs: Pionier der Konzeptkunst, nw-news.de, 31. März 2010.
  3. http://www.situation-kunst.de/vortrag-timm-ulrichs.htm (abgerufen am: 31. Oktober 2010)

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