Windschatten


Windschatten

Unter einem Windschatten im eigentlichen Sinn versteht man die Zone geringerer Windgeschwindigkeit auf der windabgewandten Seite (Lee) eines Strömungshindernisses. Die historische Nutzung des Windschattens besteht in der Anlage von Baumreihen oder Wallhecken in der Feldflur, wo der Windschatten – in sechs- bis siebenfacher Länge der Baumhöhe – die Erosion verhindert. Im weiteren Sinne bezeichnet man mit Windschatten auch bei Windstille die Zone hinter einem bewegten Gegenstand. Der Windschatten hinter bewegten Gegenständen spielt eine wichtige Rolle bei verschiedenen Sportarten. Bei einem bewegten Gegenstand mit zusätzlichem Seitenwind liegt der Windschatten gemäß den Gesetzen der Vektorrechnung schräg hinter dem Gegenstand.

Inhaltsverzeichnis

Nutzung des Windschattens in der Segelschifffahrt

In der Segelschifffahrt ist der Effekt des Windschattens grundsätzlich negativ: Auf der windabgewandten Seite von Inseln oder Küsten hat der Segler weniger Wind und damit weniger Vortrieb – beim Wettsegeln nimmt das sich zwischen den Kontrahenten und die Windrichtung schiebende Schiff dem Gegner den Wind aus den Segeln, indem es ihm einen Windschatten beschert.

Radsport

Belgischer Kreisel

Im Radsport spielt der Windschatten eine wichtige Rolle, da im flachen Gelände ab ca. 20 km/h der Luftwiderstand größer als alle anderen Widerstände ist. Beim Windschattenfahren wird gleichermaßen ein vorausfahrender Radfahrer als „Windbrecher“ benutzt, in dessen Schatten die Luftwiderstandskraft und damit – bei gleicher Geschwindigkeit – auch der zu seiner Überwindung notwendige Anteil an der Leistung bis zu 30 Prozent geringer ist.

Bei den meisten Disziplinen ist dies erlaubt und auch erwünscht − die Geschwindigkeit des Feldes und die taktische Vielfalt nehmen zu.

Formen des Windschattenfahrens in Gruppen – Mannschaftszeitfahren

In einer speziellen Form des Windschattenfahrens, dem so genannten „Belgischen Kreisel“, wechseln sich die Fahrer ständig ab, so dass die Führungsarbeit zu gleichen Teilen auf alle Fahrer verteilt wird und auch die Fahrer, die sich in einer zweiten Reihe in der Rückwärtsbewegung zum Ende der Gruppe befinden, im Windschatten fahren. Nachteile dieser Formation: Durch den häufigen Führungswechsel muss der jeweils führende Fahrer deutlich schneller als die Geschwindigkeit der Gesamtformation fahren (weil er die Führung und damit ca. 1,80 bis 2,00 m immer wieder beim Führungswechsel abgibt) und die Formation arbeitet nur reibungslos, wenn alle Fahrer annähernd gleich stark sind. Bei den Mannschaftszeitfahren der Tour de France wird diese Technik bei den Spitzenmannschaften überwiegend nicht mehr angewendet.

Andere Formationen sind die Windstaffel, bei der sich jeweils nach etwa 250 m der Führende ans Ende der Gruppe zurückfallen lässt oder (ausschließlich im Training) die Doppelreihe, bei der sich beide führende Fahrer außen an der Gruppe vorbei zurückfallen lassen.

Bei Seitenwind fährt man bei allen Formen des Windschattenfahrens seitlich versetzt. Z. B. fährt bei von links vorne kommendem Wind der erste Fahrer auf der linken Straßenseite, die anderen reihen sich jeweils rechts von ihrem Vordermann auf, wobei das Vorderrad je nach Winkel des schräg einfallenden Windes im Mittel etwa auf Höhe des Tretlagers des Vordermannes sein sollte. Hierdurch kann sich, durch die begrenzte Breite der Straße, jeweils nur eine begrenzte Anzahl von Fahrern an der Gruppe beteiligen (20 bis 25), so dass es bei den belgischen Frühjahrs-Klassikern mit vom Atlantik auf den langen Geraden schräg einfallendem Wind schon allein deswegen schnell zur Aufteilung des Feldes in viele Gruppen kommt. Um dies zu forcieren, kann der führende Fahrer auch statt auf der Windeinfallsseite (im Beispiel links) in der Mitte bzw. fast rechts auf der Straße fahren, um nur einen kleinen Teil der Gruppe „mitzunehmen“. Diese Technik nennt man daher auch „auf der Windkante abhängen“.

Ausreißer, die sich vom Hauptfeld absetzen wollen, haben in der Regel nur dann eine reelle Chance auf Erfolg gegenüber dem Peloton, wenn sie sich im Windschattenfahren gegenseitig abwechseln.

Genaue Untersuchungen mit dem mobilen SRM Training System haben ergeben, dass

  • die Luftwiderstandsminderung an unterschiedlichen Positionen einer Reihe von Fahrern – etwa beim Bahnvierer – verschieden hoch ist. Der letzte Fahrer muss eine bis zu 15 Prozent höhere Luftwiderstandskraft als die im Windschatten des ersten Mannes vorausfahrenden überwinden;
  • auch der führende Fahrer – überraschenderweise und im Gegensatz zum Segeln (s. o. Wind aus den Segeln nehmen) – eine Minderung der Luftwiderstandskraft erfährt.

Triathlon und Einzelzeitfahren

Lediglich beim Triathlon und beim Einzelzeitfahren ist das Windschattenfahren verboten und wird mit Disqualifikation bzw. Zeitstrafen bestraft, da es als Verfälschung der eigenen Leistung angesehen wird. Insbesondere bei den langen Geraden der Ironman-Strecke auf Hawaii durch die Vulkan-Wüste bei starken Gegenwinden und hohen Temperaturen tritt Windschattenfahren aufgrund des sehr unterschiedlichen Leistungsniveaus aller Beteiligten sehr häufig auf und wurde gerade in den beiden letzten Jahren zum Reizthema, da regelrechte Sicherheitsabstände vorgeschrieben waren.

Fahren hinter Schrittmachern: Steherrennen – Rekordversuche

Durch den Windschatten schuf man auch sportliche Sonderdisziplinen wie z. B. das Steherrennen, bei dem hinter speziellen Motorrädern, die mit einem stählernen Abstandshalter, der Rolle, ausgerüstet sind, auf Radrennbahnen Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h im Rennen erzielt werden. In Deutschland erfreute sich dieser Sport einer besonderen Beliebtheit seit den 1920er-Jahren bis hin in die 1980er-Jahre, als meist Deutsche den Weltmeister stellten. Eine Steherbahn existiert heute noch in Solingen.

Am 3. Oktober 1995 erreichte der Niederländer Fred Rompelberg auf den Bonneville Flats in der Großen Salzwüste in Utah (USA) auf seinem Spezialrad hinter einem Dragster-Rennwagen mit riesigem Windschild eine Geschwindigkeit von 268,831 km/h.

Siehe dazu auch: Steher-Weltrekorde auf dem Grenzlandring.

Inlineskating

Beim Inlineskaten hat der Windschatten – trotz der geringeren Geschwindigkeit – durch den geringeren Abstand zum Vordermann noch eine größere Sogwirkung als beim Radsport. Allerdings ist zum optimalen Ausnutzen des Windschattens ein einheitlicher Schritt der Beteiligten nötig. Daher müssen die Skatebewegungen in einem einheitlichen Rhythmus ausgeführt werden, damit die Windschattengruppe den Abstand zum Vordermann minimieren und somit die Geschwindigkeit maximieren kann. Günstige Positionen innerhalb einer Windschattengruppe sind die ersten Positionen nach dem Führenden. Nicht nur bei Tempowechseln kommt es im hinteren Teil der Windschattengruppe zum so genannten „Ziehharmonika-Effekt“. Geringe Geschwindigkeitsdifferenzen in der Gruppe erzeugen weiter hinten in der Gruppe „Löcher“ zwischen den Skatern. Bei Tempoverschärfungen können die Skater oft die Lücke zum Vordermann nicht mehr schließen und müssen somit abreißen lassen.

Wie beim Radfahren hat der Windschatten beim Inlineskaten einen entscheidenden Einfluss auf den Rennverlauf.

Motorsport

In vielen Kategorien des Motorsports wird der Windschatten genutzt, um beim Überholvorgang nahezu gleichwertiger Rennwagen oder Motorräder sich in der „ruhigen Zone“ des Vordermanns gleichsam heranzusaugen und dann mit der überschüssigen Geschwindigkeit von bis zu 25 km/h an ihm vorbeizukommen.

Bei langen Geraden, Steilwandkurven bzw. Kursen oder den Ovalrennen, wie heute noch in der IRL- oder NASCAR-Serie kann es daher auf der einen Seite zu packenden Windschatten-Duellen kommen, andererseits aber auch zu gefährlichen Karambolagen, sobald der Strömungsabriss die Fahrzeuge unberechenbar ausbrechen lässt.

Bei den Sportwagenrennen, wie z. B. dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans ist das Windschattenfahren angesichts der immer noch langen Geraden ein wichtiges Element, um vor allem Sprit zu sparen, da dort jeder zusätzliche Boxenstopp ins Gewicht fällt.

In der Formel 1 hatte der Windschatten bis zur Mitte der 1980er-Jahre noch keine größere Bedeutung. Etwa bis zu dieser Zeit bewirkte der Diffusor unter dem Unterboden der Fahrzeuge noch keinen Unterdruck direkt hinter dem Fahrzeug. Dadurch wären Nachfolgende, die sich zuvor bis an das Heck des Kontrahenten herangesaugt hatten, nunmehr in tückische Verwirbelungen hereingeraten. Die Fahrzeugkontrolle wäre speziell auf der Vorderachse viel schwieriger geworden und hätte somit einen Überholvorgang unmöglich gemacht.

Sprachgebrauch

Sehr häufig findet man im deutschsprachigen Bereich die Verwendung, dass Person B im „Windschatten“ von Person A zum Erfolg gefunden hätte, was in der Regel bildlich nichts anderes besagen soll, dass Person A für B den Weg gleichsam vorbereitet hätte und B weniger Widerstand zu überwinden hatte.

Der Hang der Journalisten zu einer bildlichen Sprache prägt allerdings auch einen nicht unbedingt passenden Gebrauch, wenn damit nur im Sinne von „im Gefolge von“ gemeint ist, wie z. B. „Sozialpläne im Windschatten von Hartz IV“.

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  • Windschatten — Wịnd·schat·ten der; meist im Windschatten von jemandem / etwas während des Fahrens hinter jemandem / etwas (sodass man selbst weniger Luftwiderstand hat) …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Windschatten — Wịnd|schat|ten, der; s (Leeseite eines Berges; geschützter Bereich hinter einem fahrenden Fahrzeug) …   Die deutsche Rechtschreibung

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