Candide oder der Optimismus


Candide oder der Optimismus

Candide oder der Optimismus (frz. Candide ou l'optimisme) ist eine 1759 anonym erschienene satirische Novelle des französischen Philosophen Voltaire. Im Jahr 1776 erschien eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Candide oder die beste aller Welten. 1956 schuf Leonard Bernstein ein gleichnamiges Musical.[1] Candide wurde 1977 von Serge Ganzl dramatisiert.[2]

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Diese Satire wendet sich unter anderem gegen die optimistische Weltanschauung von Gottfried Wilhelm Leibniz, der die beste aller möglichen Welten postulierte. Stattdessen wird eine Auffassung sichtbar, die skeptischer und pessimistischer ist und Leibniz' Postulat in den Kontext der Zeit (Eindruck des Erdbebens von Lissabon 1755, Siebenjähriger Krieg) und dadurch infrage stellt.[3]

Verfolgung der Mädchen durch wilde Affen, Zeichnung von Jean-Michel Moreau le Jeune, Radierung nach der Zeichnung von Emmanuel de Ghendt, 1803
Paul Klee: Candide 1. Cap. chassa Candide du château à grands coups de pied dans la derrière, 1911, Feder auf Papier auf Karton, Zentrum Paul Klee, Bern

Der einfach gestrickte Held Candide wird aus seinem Heimatschloss verbannt, nachdem er mit seiner Liebe Cunégonde in flagranti ertappt wurde. Die Vertreibung vom Anwesen des westfälischen Barons von „Thunder-ten-tronckh“ gerät für ihn zu einer Vertreibung aus dem Paradies, jenem Paradies, in dem ihm sein Lehrer Pangloss (von altgriechisch pan „alles, umfassend“ und glotta „Zunge, Sprache“, also ungefähr „Allessprecher“) die Leibniz'sche optimistische Theorie der „besten aller Welten“ näherbringt. Auf seiner nachfolgenden Reise wird die Theorie des Optimismus für Candide zusehends ad absurdum geführt. Denn was ihm auf der Reise widerfährt, die dadurch motiviert wird, Cunégonde wiederzufinden, ist durch eine einzige Kette an zufälligen Unglücken, Katastrophen und unwahrscheinlichen Rettungen gekennzeichnet, die ihn an die entlegensten Orte der Welt führen. So gerät er in die Fänge bulgarischer Soldaten, die einen grausamen Krieg führen, kommt nach Lissabon, als dort das berüchtigte Erdbeben hereinbricht und flüchtet über Cádiz (wo er seinen Begleiter Cacambo trifft) nach Paraguay, um schließlich nach El Dorado zu gelangen. Hierbei handelt es sich um einen utopischen Ort, in dem Toleranz, Wohlstand und Glück verwirklicht sind. Doch Candide, der ja auf der Suche nach Cunégonde ist, verlässt dieses Paradies, um zurück nach Europa zu fahren. Auf seinen Irrfahrten lernt Candide Zufall, Unglück und Bosheit als treibende Kräfte des menschlichen Lebens kennen. In Begleitung des pessimistisch orientierten Martin wird Candide allmählich kritischer und schenkt der optimistischen Philosophie nach all dem Leid, das er gesehen hat, kaum noch Glauben. Cunégonde findet er schließlich in Konstantinopel wieder, allerdings grauenvoll verstümmelt. Resigniert beschließt er jedoch, sie dennoch zu heiraten. Für seine Begleiter kauft er nun ein Landgut, in dem sich alle niederlassen. Candides Erkenntnis am Ende der Novelle lautet, dass er das Übel der Welt nicht erklären kann, aber doch eine Notwendigkeit erkennt: „Il faut cultiver notre jardin“ (dt.: „Unser Garten muss gepflegt werden“).

Mit Witz, beißendem Spott und Ironie prangert Voltaire in der speziellen literarischen Gattung der „conte philosophique“ auch den überheblichen Adel, die kirchliche Inquisition, Krieg, Sklaverei und die naive Utopie des einfachen Manns von einem sorglosen Leben an. Dabei ist die Aussage der Novelle weitgehend pessimistisch: Candide hat das Traumland El Dorado verlassen, um (dank des dort erworbenen Geldes) mit der hässlich gewordenen Cunégonde Kohl zu pflanzen. Candide ist ein negatives Märchen, das bei einer Unwahrscheinlichkeit der Zufälle allegorisch die Unverbesserlichkeit des Menschen zum Thema hat, dabei aber in der resignativen Beschränkung auf das Handeln einen gewissen Ausweg bietet.

Ausgaben

Bücher

  • Candide oder Die Beste der Welten. Dt. Übertragung und Nachwort von Ernst Sander. Philipp Reclam jun., Universal-Bibliothek Nr. 6549, Stuttgart 1971, ISBN 3-15-006549-6
  • Candide oder der Optimismus. Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759 zu Minden starb, aus dem Französischen von Ilse Lehmann, mit Zeichnungen von Paul Klee. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1972, ISBN 3-458-31711-2
  • Candide oder der Optimismus. Aus dem Deutschen übersetzt von Herrn Doktor Ralph samt den Bemerkungen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er zu Minden im Jahre des Heils 1759 starb. Übersetzt von Stephan Hermlin. Reclam, Leipzig 2001, ISBN 3-379-01725-6 (RUB 1725)
  • Candide — oder der Optimismus. Hg. von Heinz-Joachim Fischer, Dt. Übersetzung von Ulrich Bossier, Marix Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 3-86539-094-3
  • Candide oder der Optimismus. Hg. und übersetzt von Wolfgang Tschöke, dtv/Hanser, München 2003, ISBN 3-423-13009-1

Hörbücher

Literatur

  • Pol Gaillard: Candide (1759): Voltaire. Résumé, personnages, thèmes. Hatier, Paris 1995, ISBN 2-218-04724-1 (Collection profil littérature; Profil d'une œuvre, Bd. 34)
  • Michel Charpentier, Jeanne Charpentier: Lektürehilfen Voltaire, „Candide“. 5. Aufl. Klett, Stuttgart u.a. 2001, ISBN 3-12-922406-8 (Klett-Lektürehilfen Französisch)
  • Till R. Kuhnle: Voltaire – 'Candide ou l’optimisme' / 'Candide oder der Optimismus', in: Geppert, Hans Vilmar (Hg.): Große Werke der Literatur VI, Tübingen u. Basel: Francke 2001, 69-88
  • Candide. Illustrierte Ausgaben eines Klassikers. Katalog einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek Trier. Universitätsbibliothek Trier, Trier 2000 (Ausstellungskataloge Trierer Bibliotheken Bd. 32)

Bearbeitungen

  • Leonard Bernstein: Candide (1956). Komische Operette in zwei Akten. Bernstein verstand sie musikalisch als „Liebeserklärung an die europäische Musik“. Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra: Deutsche Grammophon (1989), Audio-CD Art.-Nr.: 429734-2. Neufassung 1974 als Musical in einem Akt.

Rezeptionsgeschichte

Nach Voltaire haben sich auch andere Schriftsteller der Aufklärung des Stoffes angenommen. Die bekanntesten Werke sind Johann Karl Wezels Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne (1776) und Johann Pezzls Faustin oder das philosophische Jahrhundert (1783).[4] Bereits 1784 wird eine Episode aus dem 26. Kapitel gekürzt auf die beiden historischen Figuren des König Theodor und des Sultan Achmet III. durch Giambattista Casti in ein Libretto umgeschrieben und von Giovanni Paisiello als Il Re Teodoro in Venezia vertont.

Candide Preis

Unter ausdrücklichem Bezug auf Candide stiftete der Literarische Verein Minden 2004 den Candide Preis, der seit 2007 als deutsch-französischer Literaturpreis fortgeführt wird.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eckhardt van den Hoogen: ABC der Oper. Die großen Musikdramen und ihre Komponisten, Eichborn, 2003, S. 82
  2. Lothar Knapp: Candide oder Der Optimismus, in: Wilpert, Lexikon der Weltliteratur, Bd. 2, 1993, S. 200
  3. Richard Schwaderer: Candide, ou l'optimiste, in: Volpi, Franco und Julian Nida-Rümelin, Lexikon der philosophischen Werke, 1988, S. 61f.
  4. Materialien zum Studium der Rezeptionsgeschichte von Voltaires Candide, (Universität Trier)

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