Chausseestraße (Berlin)


Chausseestraße (Berlin)
Beginn und Ende der Chausseestraße nahe dem Oranienburger Tor, 2007

Die Chausseestraße im Berliner Bezirk Mitte ist die älteste Straße der Oranienburger Vorstadt und etwa zwei Kilometer lang. Sie bildet die Verbindung zwischen der Friedrichstraße und der Müllerstraße. In ihrem Verlauf befinden sich zahlreiche bemerkenswerte Bau- und einige Gartendenkmäler von Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Lage, Benennung, Geschichte

Chausseestraße auf einer Flurkarte von 1884, südwestlich in der Oranienburger Vorstadt

Die Chausseestraße beginnt am Oranienburger Tor im Ortsteil Mitte und verläuft in nordwestliche Richtung; historisch wird dieser Bereich des Zentrums auch als „Äußere Friedrich-Wilhelm-Stadt“ bezeichnet. Zwischen 1961 und 1990 trennte die Berliner Mauer das letzte etwa 200 Meter lange Stück dieser Straße, die exakt bis zur Brücke über einen Verbindungskanal zwischen Panke und Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal im Ortsteil Wedding reicht.

Blick von der Mauer in den Bereich der Grenzübergangsstelle Chausseestraße (rechts Wöhlertstraße mit Straßenbahnwendestelle), 1964

An der Einmündung der Liesenstraße befand sich von 1961 bis 1990 der Grenzübergang Chausseestraße.[1]

Der Name der Straße stellt eine Tautologie dar, ist doch eine „Chaussee“ das Synonym für eine ausgebaute Straße. Der bis 1750 als Ruppiner Heerweg, bis 1800 als Ruppiner Straße und Oranienburger Landstraße benannte Verbindungsweg zwischen Altberlin und Tegel wurde um 1800 als gepflasterte Kunststraße ausgebaut. Die Pflasterung war gegenüber den bis dahin üblichen Sandwegen etwas Neues, und als erste derartige Straße in der Mark Brandenburg erhielt sie in Anlehnung an die aus Frankreich stammende Bezeichnung den Namen Chausseestraße. Das von den Anwohnern im Jahre 1861 eingereichte Gesuch, wegen der Tautologie die Straße in Humboldtstraße umzubenennen, wurde vom Magistrat abgelehnt.

Die Nummerierung der Häuser in der Chausseestraße beginnt am Oranienburger Tor bei Hausnummer 1, verläuft dann fortlaufend auf der nördlichen Straßenseite bis zum Ende der Straße ("Wendepunkt" ist die Hausnummer 98), zurück auf der südlichen Straßenseite und endet wieder am Oranienburger Tor bei Hausnummer 131.

Bebauung und Sehenswürdigkeiten

Der nördliche Teil

Die Straße nimmt ihren Anfang an der Einmündung der Torstraße mit einem 1890 erbauten Wohn- und Geschäftshaus im neobarocken Baustil. Über einer abgerundeten Gebäudeecke dominieren korinthische Dreiviertelsäulen über zwei Geschosse die Fassade, die in Putz ausgeführt ist und einige Stuckornamente aufweist. Im Erdgeschoss, das mehrfach baulich verändert wurde, befinden sich zwei Verkaufseinrichtungen.[2] Bis 1990 boten ein Spirituosengeschäft und die Humboldt-Apotheke ihre Waren bzw. Dienstleistungen an.

Die anschließende Nordostseite der Chausseestraße bildete im 19. Jahrhunderts einen Schwerpunkt der Berliner Maschinenbauindustrie. Die Gegend wurde wegen der vielen Schornsteine „Feuerland“ genannt (siehe dort für eine Auflistung der einzelnen Betriebe). Dieses Industriegebiet lag ursprünglich außerhalb der Grenze der Stadt Berlin, die am Ende des 19. Jahrhunderts eine flächenmäßige Ausdehnung erfuhr. Fabriken, die am Stadtrand entstanden waren, wurden nun auf größere Flächen noch weit vor den Toren der Stadt umgesiedelt, beispielsweise ging die Firma Borsig nach Borsigwalde. Entlang der Chausseestraße erfolgte eine zusammenhängende Wohnbebauung, während hofseitig einige Fabrik- oder Werkstatthallen stehen blieben.

Reste der Alten Lokfabrik auf dem Hofgelände
Hafenbar in der Chausseestraße

Hinter den Mietshäusern Chausseestraße 5 bis 8 befinden sich 1885 erbaute Fabrikhallen, letzte Überbleibsel der Borsigwerke. Die renovierten Produktions- bzw. Werkstättengebäude werden vielfältig genutzt und als Alte Lokfabrik vermarktet.[3] Nach einer Kachel-Mosaik-Darstellung im Durchgang hatte in der DDR-Zeit das Tiefbaukombinat (TK) eine kleine Filiale in den Hallen. Bekannteste Nutzerin ist die Starköchin Sarah Wiener, die hier „Sarah Wieners Speisezimmer“ betreibt.[4]

Borsighaus in der Chausseestraße 13
Gebäude Chausseestraße 22 Ecke Invalidenstraße

Nach einem Neubau der 1990er-Jahre schließt sich das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Borsig unter der Hausnummer 13 an. Der stattliche Bau im Neorenaissancestil mit historisierender Sandsteinfassade wurde nach Plänen der Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte errichtet. Er setzt sich hofseitig in zwei schlichten Gebäudeflügeln fort. Die Straßenfront ist mit zwei zweigeschossigen Erkern unter jeweils einer kupfergedeckten Schweifhaube und einer lebensgroßen Bronzefigur des Firmengründers (AB) in Gestalt eines Schmiedes über der Einfahrt geschmückt. Am Dreiecksgiebel informiert die Inschrift „A. Borsig“ über den Auftraggeber und Nutzer.[5]

Im weiteren Verlauf der Chausseestraße fällt unter Nummer 20 ein nur zweigeschossiges Haus in einfachen Formen auf, das wahrscheinlich aus der ersten Bauzeit im frühen 19. Jahrhundert stammt und das Tanzlokal Hafenbar beherbergt.

Eine historische Apotheke unter der Hausnummer 21 diente zwischen 1950 und 1990 als Farbenfachgeschäft, danach wurde es von einem französischen Imbissanbieter umgebaut.

Die Kreuzung mit der Invalidenstraße zeigt unter Hausnummer 22 wieder ein Baudenkmal, ein Wohn- und Geschäftshaus aus dem Jahr 1891.[6] Im Erdgeschoss dieses Eckgebäudes befand sich bis 1990 ein Schuhgeschäft, danach zog kurzzeitig ein Reisebüro ein. Nach einigen Jahren des Leerstands baute ein Investor den Erdgeschossbereich um, indem die Ladenfläche verkleinert und der Eckbereich arkadenartig geöffnet wurde. Nun gibt es hier eine Speisegaststätte.

Hausnummer 23 gehört zur Europa-Zentrale der Vattenfall Europe, die das historische Eckhaus Zinnowitzer Straße renovieren und daneben einen Glas-Beton-Anbau errichten ließ. Die Außenfläche des Neubaus dient hin und wieder für großflächige Bilder-Animationen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Zinnowitzer Straße (Chausseestraße 25) steht ein 1908 von Theodor Jaretzki errichtetes ehemaliges Geschäftshaus.[7] Das restaurierte Gebäude beherbergt direkt an der Ecke ein Postamt, das aus dem großen Baukomplex der Straße Am Nordbahnhof hierher umgezogen ist.

Nach einigen Wohnbauten folgt unter der Hausnummer 35 das Gebäude der Maschinenfabrik „Flohr“, das aus dem Jahr 1844 stammt und zwischen 1900 und 1908 baulich erweitert wurde.[8]

Gegenüber der Habersaathstraße wurde 1860 zwischen den Fabriken (Hausnummern 36–41) „Meisels Sommertheater“ eröffnet. Bereits im Eröffnungsjahr wurden über hundert Vorstellungen des Orpheus in der Unterwelt hier gegeben, dazu häufig Operetten von Franz v. Suppé aufgeführt. Die Rolle als Operettentheater verlor das kurzzeitig auch „Woltersdorff-Theater“ genannte Haus an das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater (später „Deutsches Theater“).

Als letzte erhaltene historische Bebauung befindet sich vor der (von der Habersaathstraße verlegten) Tankstelle an der Liesenstraße eine 1910 nach Entwürfen von Max Richter errichtete Fabrikanlage mit Verwaltungsgebäude und Torhäuschen. In diesen Räumen produzierte in der DDR-Zeit der zum Kombinat Mikroelektronik Erfurt gehörende Betrieb Secura Kassen- und Vervielfältigungstechnik. Nach der Abwicklung des Betriebes nutzte ein türkischer Verein einige Jahre den Verwaltungsbau, er steht aber seit etwa 2007 leer. Die hinteren Fabrikgebäude reichen an die erst um 2001 angelegte Caroline-Michaelis-Straße heran.[9]

Ehemalige Einfahrt zum Grenzstreifen am Haus Chausseestraße 58 (rechts) mit Kolonnenweg der Grenztruppen

Im Gelände zwischen Chausseestraße, Liesenstraße und dem Friedhof der Domgemeinde sind Reste und Spuren der Grenzanlagen der Berliner Mauer am ehemaligen Kontrollpunkt Chausseestraße zu entdecken. Dazu gehören ein Abschnitt des geteerten Patrouillenwegs der Grenztruppen („Kolonnenweg“), eine Pfostenreihe, die einst zur Verankerung der Mauersegmente der sogenannten „Hinterlandmauer“ auf Ost-Berliner Seite diente, die Stahlpfeiler des früheren Einfahrtstores zum Mauerstreifen, sowie Gitter, Leuchten und weiße Farbmarkierungen an der Brandmauer des Hauses Chausseestraße 58. Zudem lagern hier abgebaute Betonplatten der ehemaligen Hinterlandmauer. Bauliche Reste des eigentlichen Kontrollpunkts wurden 2008 im Zuge der Errichtung der Tankstelle auf dem einstigen Brachgelände entfernt. Erhalten geblieben sind jedoch fünf paarweise angeordnete Straßenlampen („Peitschenlampen“) entlang der Chausseestraße, die einst den Kontrollpunkt ausleuchteten.[10]

Im Boden eingelassene Gedenkplatte zum Mauerverlauf an der Chaussee- Ecke Boyenstraße

Direkt auf der viel befahrenen Chausseestraße und auf den Gehwegen wurden 1998/1999 von der Künstlerin Karla Sachse gestaltete flache messingfarbene Kaninchen in den Straßenbelag eingelassen. Die vom Berliner Senat 1996 veranlasste Kunstaktion unter dem Titel „Sieben künstlerische Zeichen an den ehemaligen innerstädtischen Grenzübergängen“[11] erinnert, zusammen mit ebenfalls eingelassenen Eisenplatten und einer doppelreihig im Asphalt verlegten Steinpflasterung, an den Verlauf der Berliner Mauer in diesem Bereich.

Betonskulptur Wiedervereinigung, 1962 von Hildegard Leest geschaffen und in einer kleinen Grünanlage an der Einmündung der Liesenstraße aufgestellt; im Hintergrund das Haus Chausseestraße 86
ehemaliges Warenhaus Stein in der Chausseestraße 66
"Einen herzlichen Gruß sendet, da Sie sich am Sonnabend nicht haben sehen lassen aus dem von mir ungeliebten Berlin M. Johnke"

Ein um 1980 gebauter längerer Gebäudetrakt und ein anschließender U-förmiger Wohnkomplex flankieren die Chausseestraße bis zu ihrem nordwestlichen Ende bei der Hausnummer 98. (Diese Nummerierung steht auf dem letzten Straßenschild, bildet aber einen Widerspruch zu der sonstigen systematischen Nummernvergabe und ist wahrscheinlich den eingefügten Neubauten geschuldet.) Hier ist die Ansiedlung einer Tages- und Altenpflegeeinrichtung erwähnenswert sowie eine kleine Wehranlage eines Kanals, der als Überlauf der hinter dem Wohnkomplex offen verlaufenden Panke dient.

Nicht erhalten ist das Warenhaus Wilhelm Stein aus dem 19. Jahrhundert unter der Hausnummer 66.

Der südliche Straßenbereich

Die südliche Straßenseite der Chausseestraße beginnt an der Einfahrt zum Erika-Heß-Eisstadion, daran schließt sich ein Fußballplatz und ein abgetrenntes Areal als „Reisemobilstation Berlin-Mitte“ an, ein Stellplatz für Caravan-reisende Berlin-Touristen (Nummer 82).[12]

Die Häuser Chausseestraße 83 bis 85 an der Ecke Boyenstraße gehören zu einer neuen Wohnbebauung auf dem ehemaligen Grenzstreifen an der Berliner Mauer. Diese Gebäude wurden ab der Mitte der 1990er-Jahre errichtet.

Rest der „Hinterlandmauer“ auf dem ehemaligen Grenzstreifen an der Chausseestraße 86 mit Zufahrtstor, 2008 beseitigt

Auf dem anschließenden Brachgelände befanden sich bis Ende 2007 noch Reste der Grenzbefestigungsanlagen. An einem Abschnitt des Kolonnenwegs standen hier einige Segmente der sogenannten „Hinterlandmauer“ samt dem originalen Zufahrtstor der Grenztruppen. (Der nahe gelegene Kontrollpunkt Chausseestraße gehörte nicht zu deren Zuständigkeitsbereich, sondern unterstand den Passkontrolleinheiten.) Bei ihren Patrouillenfahrten auf dem Kolonnenweg verließen die Grenztruppen daher den Mauerstreifen durch dieses Tor, umfuhren den Grenzkontrollpunkt auf Ost-Berliner Seite und setzten ihre Patrouille auf der anderen Seite der Chausseestraße fort. Alle Teile wurden 2008 beim Ausbau der in der zweiten Reihe erhaltenen Fabrikgebäude beseitigt, da sie nicht unter Denkmalschutz standen.[10]

Mit den südlich angrenzenden Hausnummern 86–90 sind einige alte Gebäude erhalten. Diese wurden saniert und mehrere kleine Wirtschaftsunternehmen aus dem Bereich e-commerce haben sich hier angesiedelt, unter anderem ein Web-Start-up (smaboo) und eine Firma, die Kundenbewertungen im Internet „zertifiziert“ (eKomi).

Das folgende Gebäude unter Hausnummer 94 ist ein gut erhaltener Bau, der straßenseitig das „Erste Krieger-Vereinshaus“ bildete und 1907–1910 zusammen mit der zurückgesetzten Wohnbebauung durch Conrad Faerber errichtet wurde. Nach einigen Jahren Leerstand ab 1990 erfolgte zwischen 2002 und 2005 eine Totalsanierung, der umbaute Hof wurde als Tiefgarage neu gestaltet. Die Vereinsräume sind noch nicht vollständig neu belegt.[13]

Die Hausnummern 95 bis 100 repräsentieren komplett die militärische und sportliche Vergangenheit dieses Stadtteils. Das Gelände diente im 18. und 19. Jahrhundert als „Exercierplatz der Artillerie“. 1865 wurde auf dem Übungsplatz die „Kaserne der Gardefüsiliere“ in mehreren Bauabschnitten fertig gestellt. Garderegimenter waren sozial hochrangige Einheiten, deren Offiziere aus höchsten Adelskreisen stammten. Gardefüsiliere genossen also in der Wilhelminischen Zeit neben den Gardekürassieren und dem „1. Bataillon Garde“ das maximale Prestige. Wegen ihrer Uniform (braune Paspelierung) wurden sie vom Berliner Volksmund „Maikäfer“ genannt. Während der verhältnismäßig unblutig verlaufenen Novemberrevolution gab es am 9. November 1918 hier drei Todesopfer, von denen einer der 24-jährigen Werkzeugmacher Erich Habersaath war. 1951 wurde die an der Kaserne verlaufende Kesselstraße (nach General v.Kessel, einem Kommandanten des Invalidenhauses in Habersaathstraße umbenannt. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte eine Nutzung als Polizeikaserne, der Exerzierplatz wurde zum Polizeisportplatz bzw. als Polizeistadion ausgebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Garde-Füsilier-Kaserne mit Ausnahme weniger erhaltener Nebengebäude zerstört.

Das „Walter-Ulbricht-Stadion“ im Jahr 1951

Die zwischen 1945 und 1950 erfolgten Abrisse schwer beschädigter Gebäude in der Chausseestraße führten zur Trümmerablagerung auf dem Kasernengelände. 1950 wurde aus Anlass der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten auf dem Exerzierplatz das „Walter-Ulbricht-Stadion“ angelegt und 1951 eröffnet. 1973 erfolgte die Umbenennung in Stadion der Weltjugend. Im Stadion der Weltjugend fanden diverse Leichtathletik-Wettkämpfe, politische Großveranstaltungen und Fußballspiele statt. Zwischen 1975 und 1989 war es regelmäßiger Austragungsort des FDGB-Pokal-Finales. Die DDR-Fußball-Nationalmannschaft absolvierte hier 14 Länderspiele. Die Fläche wurde nach der Wende im Zuge der Berliner Olympiabewerbung vollständig beräumt und nach deren Scheitern von einem kommerziellen Sportartikelhersteller für Beachvolleyballplätze bzw. als Abschlagplatz für den Golfsport hergerichtet. Seit dem 19. Oktober 2006 entsteht an dieser Stelle die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes nach Planungen des Architekturbüros Kleihues + Kleihues. Die Grundsteinlegung erfolgte am 7. Mai 2008.[14]

An die Baustelle der BND-Zentrale grenzt südwestlich das Gelände des gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebauten „Königlichen Garnisons Lazaretts“ an. In der NS-Zeit erhielt dieser Bau den Status des Staatskrankenhauses der Polizei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wende diente es als „Krankenhaus der Deutschen Volkspolizei“, heute ist es das „Bundeswehrkrankenhaus Berlin“.

Die Chausseestraße zwischen Habersaathstraße und Invalidenstraße bietet weitere Sehenswürdigkeiten wie das frühere Tanzlokal Ballhaus Berlin (Nummer 102) oder das 1892 von Alfred Messel als „Volkskaffeehaus“ errichtete Gebäude (Nummer 105).[15] [16] Nach einigen Jahren Leerstand wird es nun als Backpacker-Hotel genutzt.

Ehemaliges Gebäude der IHK der DDR an der Kreuzung Chaussee-/Invalidenstraße

Einem hinteren Zugang zum Landwirtschaftlichen Institut der Humboldt-Universität über die zugehörige Mensa folgt ein sechsgeschossiger Eckbau mit einem Arkadenbereich, der 1954–1957 von Johannes Päßler für die Verwaltung der Industrie- und Handelskammer der DDR im neoklassizistischen Stil gestaltet wurde. An der Seite Invalidenstraße 36–39 erfolgte 1959–1961 ein von den Architekten Borchard und Balke entworfener Anbau. Im Erdgeschoss des Eckgebäudes befindet sich ein China-Restaurant. Der gesamte Komplex wird als luxuriöses Wohnhaus umgebaut und vermarktet.[17] [18]

Die vierte Ecke der Kreuzung Chaussee-/Invalidenstraße ist seit den 1970er-Jahren mit einem Beton-Plattenbau versehen, in dem einige Institute der Humboldt-Universität zu Berlin untergebracht waren. Als ein neuer Universitätscampus in der Wista Adlershof fertiggestellt war, zogen die naturwissenschaftlichen Einrichtungen dorthin und das hier beschriebene Haus wurde zum Verkauf angeboten. Offenbar fand sich kein Interessent und nun befinden sich in den Räumlichkeiten Verwaltungen der Universität.

Die frühere Aktiengesellschaft für Automobilunternehmungen ließ 1913/1914 (vermutlich durch den Architekten Arnold Kluthe) ein Gebäude an der Chausseestraße 117 mit einer Hochgarage errichten. Architektonisch ist an dem Bau nichts Auffälliges, es steht aber unter Denkmalschutz.[19]

Das Warenhaus Tietz brannte 1929 völlig aus

Das nebenliegende Grundstück (Hausnummern 118–120) wurde bis 1929 von einem großen Warenhaus von Hermann Tietz dominiert. Als dieses bei einem Großbrand fast vollständig vernichtet wurde, trug man es ab. Im Zeitraum 1960 bis 1991 stand auf einem kleinen Teil des Geländes eine Kaufhalle, die für einen Neubau eines Geschäftshauses abgerissen wurde. Darin befindet sich nun ein Viersterne-Hotel.[20] Ein Teil der früheren Kaufhausfläche ist noch immer eine Brache, für die keine Nutzungsmöglichkeiten bekannt geworden sind.

Hofansicht Chausseestraße 123

Die Hausnummer 121 gibt es nicht mehr. Bis zur Vernichtung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg befand sich hier im zweiten Stockwerk unter anderem die Rechtsanwaltspraxis von Karl Liebknecht. In diesen Räumen kam es am 1. Januar 1916 zur Gründung des Spartakusbundes und damit zur II. Internationale, woran eine Betonstele auf der nun freien Fläche erinnerte.[21]

Unter den Nummer 122/123 fällt ein langgestreckter Bau mit zwei Innenhöfen auf, der 1896 von dem Architekten Carl Galuschki jugendstilähnlich ausgestattet wurde. Straßenseitig beherbergte er einige Jahrzehnte die renommierte Akademische Buchhandlung Paul Schober, die um das Jahr 2002 aufgegeben wurde. Das gesamte Bauensemble wurde bis 2008 von einem privaten Investor saniert und wird unter der Bezeichnung Parkquartier Chausseestraße vermarktet. Es dient zu Wohn- und Geschäftszwecken. Vorgesehen ist der weitere Ausbau und die Einrichtung eines Hotels in den Gebäudeflügeln.[22] Dieser Baukomplex gehört zu dem denkmalgeschützten Gesamtensemble Chausseestraße 122–125.[23][24]

Gedenktafel an der Brecht-Weigel-Gedenkstätte

Ein weiteres Baudenkmal ist das Brecht-Haus[25] in der Nummer 125, das ab 1953 als Wohn- und Arbeitshaus für das Ehepaar Bertolt Brecht und Helene Weigel diente. Nach ihrem Tod richtete die Akademie der Künste hier die Brecht-Weigel-Gedenkstätte ein.[26]

Auf der Westseite des Oranienburger Tores wurde 1730 ein großes Gelände zur Aufnahme von Begräbnisplätzen ausgewiesen und zunächst von Bebauung freigehalten. Zwischen 1762 und 1780 konnten hier unter den Nummern Chausseestraße 126 und 127 der „Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden“ und der Friedhof I der Französisch-reformierten Gemeinde angelegt werden. Diese beiden Begräbnisplätze sind inzwischen als Gartendenkmale ausgewiesen. Auf ihnen fanden zahlreiche berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte.[27] [28]

In den die Chausseestraße abschließenden Gebäuden, Hausnummern 128–129, befindet sich seit Mitte der 1990er-Jahre der neue berliner kunstverein n.b.k.[29] In den ausgedehnten Erdgeschossräumen gab es zu DDR-Zeiten einen als Familienbetrieb erhaltenen Zigarren- und Pfeifenladen sowie eine Musikalienhandlung.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ursprünglich für den Friedhof der katholischen Hedwigskirche vorgesehenen Flächen mit Mietshäusern als dreiseitig aneinander gereihte Eckgebäude bebaut (Chausseestraße 129–131). Die Brandmauern weisen auf eine beabsichtigte vollständige Überbauung hin, zu der es aber nicht kam. Im Haus Nummer 131 hat sich die Greenpeace-Gruppe Berlin ihre Niederlassung eingerichtet.[30]

Verkehr in der Chausseestraße

Unter der Chausseestraße verläuft die bis 1930 als „Nord-Süd-Bahn“ bezeichnete jetzige U-Bahnlinie 6 mit den jeweils in der Straßenmitte errichteten Ein- und Ausgängen der U-Bahnhöfe Schwartzkopffstraße, Zinnowitzer Straße und Oranienburger Tor, die seit der Errichtung der Berliner Mauer und bis zur Wende allesamt als Geisterbahnhöfe existierten und nur für die Grenztruppen der DDR zugänglich waren. Die Bahnhöfe wurden 1913/1914 und 1919–1923 nach Plänen der Architekten Heinrich Jennen, Alfred Grenander und Alfred Fehse gebaut oder umgebaut.[31] [32]

Oberirdisch verkehren durch die Chausseestraße einige Straßenbahnlinien, von denen drei Metrolinien ihre Wendestelle im Karree Schwartzkopff-/Pflug-/Wöhlert-/Chausseestraße haben. Während der Bauarbeiten für die Zentrale des BND, deren Eröffnung 2012 geplant ist, gibt es einige vorübergehende Einschränkungen. Das nördlichste Teilstück der Chausseestraße mit Anschluss an den Ortsteil Wedding wird von zwei Buslinien bedient.

Bekannte Anwohner der Chausseestraße

Stolpersteine für ein jüdisches Ehepaar, das in der Chausseestraße wohnte

Literatur

  • Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR. Berlin, I; Hrsg.: Institut für Denkmalpflege im Henschelverlag, Seiten 330–341; Berlin 1984
  • Alte Lokfabrik Chausseestrasse 8 Berlin aus der Reihe: Die Neuen Architekturführer, Nr. 51, Stadtwandel-Verlag, Berlin 2004

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Info des Bezirksamtes Mitte zum Grenzübergang Chausseestraße; abgerufen am 28. Februar 2009
  2. Haus Chausseestraße 1.
  3. Wohnhaus und Fabrikhalle, Chausseestraße 5.
  4. Website zum Restaurant „Das Speisezimmer“; abgerufen am 28.  Februar 2009.
  5. Borsighaus Chausseestraße 13.
  6. Geschäftshaus Chausseestraße 22/ Invalidenstraße 35.
  7. Geschäftshaus Chausseestraße 25.
  8. eh. Maschinenfabrik „Flohr“, Chausseestraße 35.
  9. Chausseestraße 42, Secura-Werke, 1910.
  10. a b Axel Klausmeier, Leo Schmidt: Mauerreste – Mauerspuren. Der umfassende Führer zur Berliner Mauer. 3. Auflage. Westkreuz-Verlag, Berlin und Bonn 2007 (2004), ISBN 978-3-929592-50-4, S. 124–128.
  11. KunStstadtRaum – 21 Kunstprojekte im Berliner Stadtraum, Hrsg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2002,S. 18
  12. Homepage der Reisemobilstation Berlin-Mitte; abgerufen am 28. Februar 2009.
  13. Chausseestraße 94, Erstes Krieger-Vereinshaus, 1907-10.
  14. Info über die Neubebauung des Areals; abgerufen am 28. Februar 2009.
  15. 09011199 Chausseestraße 105, Volkskaffeehaus.
  16. Die Grundrisszeichnung des Volkskaffeehauses im Archiv des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin
  17. Chausseestraße 111–113, Industrie- und Handelskammer der DDR, Verwaltungsgebäude und Anbau Invalidenstraße 36–39.
  18. Homepage einer Immobilienfirma, die die Hofseite des Gebäudes Chausseestraße 111 modern erweitert hat und hochwertigen Wohnraum anbietet.
  19. Chausseestraße 117, AG für Automobilunternehmungen, Wohn- und Geschäftshaus mit Hochgarage.
  20. Website des Ramada-Hotels; abgerufen am 28. Februar 2009.
  21. Hans Prang, Horst Günter Kleinschmidt: Durch Berlin zu Fuß, VEB Tourist Verlag Berlin Leipzig, 1983; Seite 143]
  22. „Neues Hotel in Brechts Nachbarschaft“, Artikel in der Berliner Morgenpost vom 1. Februar 2008; abgerufen am 28. Februar 2009.
  23. Chausseestraße 123, Wohn- und Geschäftshaus, 1896 von Carl Galuschki
  24. Chausseestraße 122-125, Mietshäuser Baudenkmale siehe: Chausseestraße 123; 125 Weitere Bestandteile des Ensembles: 09011062 - Chausseestraße 124, Mietshaus mit Treppenanlage, 1844
  25. Chausseestraße 125, Bertolt-Brecht-Haus.
  26. Informationen der Brecht-Weigel-Gedenkstätte; abgerufen am 28. Februar 2009.
  27. Chausseestraße 126, Dorotheenstädtischer Friedhof mit Einfriedungsmauer, Grabstätten und Mausoleen.
  28. Chausseestraße 127, Friedhof I der Französisch-reformierten Gemeinde, mit Einfriedungsmauer und Grabstätten.
  29. Homepage des „Neuen Berliner Kunstvereins“; abgerufen am 28. Februar 2009.
  30. Homepage von Greenpeace Berlin.
  31. U-Bahnhof Schwartzkopffstraße
  32. U-Bahnhof Zinnowitzer Straße

52.53513.37757Koordinaten: 52° 32′ 6″ N, 13° 22′ 39″ O


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