SSRI-Absetzsyndrom


SSRI-Absetzsyndrom
Klassifikation nach ICD-10
A00-R99 Unerwünschte Nebenwirkungen bei therapeutischer Anwendung von Arzneimitteln, Drogen oder biologisch aktiven Substanzen
Y49.2 Sonstige und nicht näher bezeichnete Antidepressiva
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

SSRI-Absetzsyndrom (SSRI Discontinuation Syndrome) kann beim Absetzen von Selektiven Serotonin- und/oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI, SNRI) auftreten.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Entwöhnungserscheinungen treten in der Regel in den ersten 24 Stunden bis eine Woche nach Absetzen ein. Der Zeitpunkt des Eintretens der Entwöhnungserscheinungen hängt unter anderem von der Dosis der Medikation und der Halbwertszeit der Wirksubstanz ab. Die bei SNRI vergleichsweise starken Absetzerscheinungen können durch die gleichzeitige Einnahme von Fluoxetin vermindert werden.

SSRI haben kein Abhängigkeitspotential im konventionellen Sinn (Versuche mit Tieren mit freiem Zugang zu SSRI ergaben keine selbstständige Erhöhung der Dosis). Ein plötzliches Absetzen der Wirkstoffgruppe kann aber sowohl körperliche als auch psychische Entwöhnungserscheinungen hervorrufen (siehe wissenschaftliche Beschreibung[1]).

Obwohl die Absetzerscheinungen beim Absetzen von SSRI im Allgemeinen als weniger tiefgreifend als bei anderen Substanzen wie Alkohol, Opiaten oder Kokain empfunden werden, wird in den Packungsbeilagen explizit von selbstständigem Absetzen der Medikamente abgeraten. Manche Patienten sind trotz unzähliger Versuche nicht fähig, wieder von SSRI loszukommen.

Studien mit Placebos ergaben, dass 35-78% jener Patienten, die fünf oder mehr Wochen mit dem Medikament behandelt wurden und die Einnahme abrupt beendeten, eine oder mehrere der Symptome des SSRI Discontinuation Syndrome entwickelten. Ohne zusätzliche Behandlung der Symptome dauert das Syndrom eine bis mehrere Wochen an. Die Stärke der Symptome bewegt sich von üblicherweise mittelstarken Beeinträchtigungen bis hin zu, in wenigen Fällen, extrem starken Beeinträchtigungen.

Obwohl das Syndrom durch bekannte Symptome nicht eindeutig identifiziert werden kann, ist es wahrscheinlich, dass Patienten mit Verwirrtheitszuständen, grippeartigen Zuständen und Schlaf- oder Empfindungsstörungen innerhalb 24 bis 72 Stunden nach dem Absetzen Absetzerscheinungen entwickeln. Dies trifft vor allem dann zu, wenn die Symptome nicht einer anderen Indikation zugeordnet werden können und durch eine Wiederherstellung der gewohnten Dosis gemildert werden.

Symptome

Folgende Symptome können beim SSRI-Absetzsyndrom auftreten:

  • Orthostatische Störungen (Kreislaufbeschwerden), Schwindel und Gleichgewichtsstörungen bei Kopfbewegungen wie Drehen des Kopfes oder horizontale Bewegungen der Augen (Blick nach links oder rechts)
  • Empfindungsstörungen wie Schwindel, Höhenangst und Empfindungen, die an leichte Stromschläge erinnern und meist ausgehend von der Mitte des Körpers in die Extremitäten ausstrahlen oder auch am ganzen Körper auftreten („Brain zaps“), Tinnitus
  • Motorische Störungen (Zucken, Tics) und Schwierigkeiten bei alltäglichen Bewegungen (aufstehen, gehen)
  • Schlafstörungen, lebhafte Träume, Müdigkeit, Tagschläfrigkeit (das Gefühl, plötzlich einzuschlafen)
  • Verdauungsstörungen (Durchfall, Verstopfung), körperliches Unwohlsein (Kopfweh, verstopfte Nase, Abgeschlagenheit, Knochen- und Gelenksschmerzen, fieberartige Zustände)
  • Stimmungsschwankungen, Muskelkrämpfe, Zittern, aggressives Verhalten, Manie, schwere Depression und Suizidgedanken
  • Post-SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion

Die Anzeichen für ein SSRI Discontinuation Syndrome sind:

  • Unterbrechung, Beendigung oder Verringerung der Dosis einer mit SSRI oder SNRI geführten Behandlung über vier Wochen oder länger
  • Symptome, die sich im sozialen Umfeld bemerkbar machen
  • Symptome, die nicht von der Wirkung von anderen Medikationen, deren Absetzen oder Drogenkonsum verursacht werden können
  • Symptome, die nicht denen entsprechen, wogegen die Behandlung mit SSRI begonnen wurde

Diese Symptome verschwinden bei erneuter Erhöhung der Dosis auf die gewohnte Menge. Um eine klare Diagnose stellen und die korrekte Behandlung sicherstellen zu können, sollten Ärzte, die SSRI verschreiben, sich mit den Symptomen des SSRI Discontinuation Syndrom auseinandersetzen.

Mechanismus

Entzugserscheinungen beim Absetzen von Antidepressiva indizieren nicht Sucht im allgemeinen Sinn, sie sind mehr das Ergebnis der Versuche des menschlichen Gehirns, erneut ein neurochemisches Gleichgewicht nach dem Absetzen des Medikaments zu erzeugen. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen die Serotonin-Konzentration in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns. Bei einer längeren Therapiedauer führt dies zu einer Toleranzentwicklung, welche beim abrupten Absetzen zu einem Serotonin-Mangel führt. Die Entzugserscheinungen können meist durch Ausschleichen (langsames Verringern der Dosis) über die Dauer von Wochen oder Monaten vermindert oder gänzlich verhindert werden. Auch diese Methode ist aber speziell bei Patienten mit Langzeitbehandlung nicht immer erfolgreich. Alternativ kann auch mit 5-Hydroxytryptophan abgesetzt werden, wobei eine Kombination beider Stoffe unterlassen werden sollte, da dies eine Gefahr des Serotonin-Syndrom beherbergt.

Prävention und Behandlung

Die Patienten sollten über die kurze Halbwertszeit von SSRI informiert werden. Speziell bei einer Umstellung auf Medikamente mit kürzerer Halbwertszeit (beispielsweise Paroxetin), ist dieser Punkt wichtig.

Obwohl nicht sichergestellt werden kann, dass das SSRI Discontinuation Syndrome nicht auftritt, können das Wiedereinsetzen der Erhaltungsdosis sowie das langsame Ausschleichen die Symptome mildern oder ganz verschwinden lassen.

Die Behandlung der Symptome ist abhängig vom Schweregrad der Entzugserscheinungen und davon, ob nach Absetzen des SSRI weiterhin mit Antidepressiva behandelt wird. Während in jenen Fällen, in denen eine weitere Behandlung mit Antidepressiva indiziert ist, das einfache Wiedereinsetzen der Medikation meist zum Erfolg führt, ist die Behandlung von Patienten, die ganz auf Antidepressiva verzichten, abhängig von der Schwere der Symptome und führt bei leichten Fällen meist durch Beruhigung und Entspannung des Patienten zu Erfolg. Mittelschwere Entzugserscheinungen können mit Benzodiazepinen behandelt werden. In Fällen mit schweren Symptomen oder in Fällen, in denen der Patient nicht auf die Behandlung der Symptome anspricht, kann die Medikation wieder eingesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt behutsamer, also in kleineren Schritten, wiederholt abgesetzt werden. [2]

Trizyklische Antidepressiva (bspw. Amitriptylin) können leichte bis mittelschwere Entzugserscheinungen, insbesondere Kreislaufbeschwerden, lindern.

Einzelnachweise

  1. Tamam L, Ozpoyraz N: Selective serotonin reuptake inhibitor discontinuation syndrome: a review. In: Adv Ther. 19, Nr. 1, S. 17-26. PMID 12008858.
  2. Haddad P: Antidepressant discontinuation syndromes. In: Drug Saf. 24, Nr. 3, 2001, S. 183-97. PMID 11347722.

Literatur

Weblinks

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