Christian Reuter (Schriftsteller)


Christian Reuter (Schriftsteller)

Christian Reuter (* 1665 in Kütten bei Zörbig; † um 1712 vermutlich in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller des Barock.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Christian Reuter war als Literat nur am Berliner Hof um 1703 namhaft. Dort fiel er der germanistischen Forschung als Gelegenheitsdichter ohne Niveau auf. Alle anderen Werke erschienen unter verschiedenen Pseudonymen, so dass Reuters Autorschaft erst erschlossen werden musste. Dies war nicht schwierig, da Reuter vor allem während seiner Studienzeit in Leipzig vielfach aktenkundig wurde.

Reuter entstammt dem Bauernstand. Die Möglichkeit, mit den seit der frühesten Jugend erworbenen agrartechnischen Kenntnissen zu jeder Zeit den Lebensunterhalt sichern zu können, erklärt Reuters wenig zielstrebiges Vorgehen in Bezug auf ein städtisch-bürgerliches Vorankommen. Reuters Familie war ursprünglich recht angesehen. Ein Urgroßvater mütterlicherseits war Bürgermeister in Zörbig bei Halle gewesen. Der väterliche Bauernhof hatte in den Wirren des 30-jährigen Krieges allerdings an Wohlstand eingebüßt. Reuter wurde 1665 als eines von neun Kindern in Kütten geboren. Urkundlich belegt ist die Taufe am 9. Oktober. Eine bescheidene Grundausbildung in kulturellen Fertigkeiten erhielt der junge Reuter am elterlichen Hof. Der Ort eines darüber hinausgehenden Unterrichts waren kirchliche Instanzen, etwa das Kantorat.

Von der ihm zugedachten Schulbildung an der Thomasschule, am Domgymnasium in Merseburg und an der Universität Leipzig wusste Reuter keinen Gebrauch zu machen. Es ist anzunehmen, dass er als Hauslehrer seinen Unterhalt bestritt, anstatt sich dem eigenen Lernen zu widmen. Da in alter Zeit die Alphabetisierung der Bevölkerung noch nicht so hoch war wie heute, ist anzunehmen, dass es zu den Aufgaben Gebildeter gehörte, beim Abfassen von Schriftstücken behilflich zu sein. In diesem Kontext sind auch die höchst originellen Komödien und der Schelmuffsky-Roman aus Reuters Feder zu sehen.

1700 ging Reuter nach Dresden, wo er eine letzte Komödie Graf Ehrenfried verfasste. Letztmalig ist Reuter am 11. August 1712 namhaft. Er lässt in der Berliner Schlossgemeinde einen Sohn taufen. Es ist somit nicht bekannt, ob er die Neuauflage seines Schelmuffsky-Romans von 1750 noch erlebt hat.

Die Schlampampe-Fehde

Der Streit zwischen dem homo literaticus und seiner Leipziger Zimmervermieterin Rosina Müller beruhte weniger auf persönlichen Animositäten als vielmehr auf dem uralten Stadt-Land-Konflikt. Der Komödienzyklus „Honnete femme“ ist daher auch eher die soziokulturelle Hinrichtung einer Persönlichkeit, die hergebrachte Techniken nicht mehr beherrscht und die Errungenschaften der Zeit ablehnt. Eine harmlose Satire ist die Darstellung einer solchen Persönlichkeit und ihrer Familie jedenfalls nicht.

So wie sich Reuter gerne auf französische Quellen beruft, werden die Schlampampe-Komödien als Übersetzungen von Werken Molières ausgegeben. Das trifft allerdings nur auf die erste Komödie zu, die in etwa Molières Precieuses ridicules entspricht. Nicht einmal der Tod der Rosina Müller kann Reuters Angriffe beenden. 1696 erscheint sogar ein Drama, das Krankheit und Tod der Wirtin thematisiert, diesmal ohne erkennbare Vorlage. Reuter vermerkt zwar im Titel, es handle sich um eine Tragikomödie. Ohne eine konkrete Aufführungssituation ist dies allerdings nicht zu verifizieren. Bei den Schlampampe-Dramen handelt es sich im Wesentlichen um reine Literatur (Lesedramen), die der Aufführung nicht bedürfen.

Schelmuffsky

Schelmuffsky ist Schlampampes ältester Sohn und der Ich-Erzähler eines Romans. Die Germanistik ist sich nicht ganz schlüssig, ob es sich um einen Picaro-, Abenteuerroman oder eine Münchhausiade handelt. Das Problem der Einordnung tritt hinter der überaus komplexen Erzählsituation zurück. Ein veritabler Ich-Erzähler liegt nur dann vor, wenn er übertreibt, und er übertreibt nur Fakten, mit denen er meint, Eindruck schinden zu können, im Wesentlichen Fressen, Saufen und sich Übergeben. Ansonsten handelt es sich eher um einen personalen Erzähler. Er ist in dieser Eigenschaft eine Art Kamera, die Eindrücke ungefiltert wiedergibt. Auf diese Weise charakterisiert sich der Erzähler selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dies trifft vor allem auf Schelmuffskys offensichtlich homophile Neigungen zu, die bewirken, dass er die aufrichtigen Absichten der Servante übersieht.

Die Szene, in der die Servante Schelmuffsky zur Femme charmante geleitet, hat durchaus etwas Rührendes und weist auf die weinerliche Literatur der Hochaufklärung voraus. Bestimmend für den Fortgang der Handlung sind die „Rattenepisode“ und die ständige Redewendung „der Tebel hohlmer“ und „daß ich ein brav Kerl war und daß was grosses hinter mir stecken mußte“.

Wirkungsgeschichte

Die Germanistik bestreitet jede zeitgenössische Wirkung des Schelmuffsky-Romans, obwohl bekannt ist, dass historische Auflagen bisweilen ausgesprochen klein waren. Das Werk stand auf dem päpstlichen Index. Im 20. Jahrhundert hat Günter Grass dem Schelmuffsky-Roman mehrfach die Reverenz erwiesen, namentlich in seinem Erstlingsroman Die Blechtrommel.

Werke (Auswahl)

  • 1695 L'honnête femme oder Die ehrliche Frau zu Plißine
  • 1696 Der ehrlichen Frau Schlampampe Leben, Krankheit und Tod
  • o.J. (1696) Le jouvenceau charmant seigneur Schelmuffsky
  • 1696/97 Schelmuffskys warhafftige curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande etext bei Project Gutenberg
  • 1697 Letztes Denck- und Ehren-Mahl der weyland gewesenen ehrlichen Frau Schlampampe
  • 1700 Graf Ehrenfried, in einem Lust-Spiele
  • 1708 Paßions-Gedancken (Oratorium, Musik von Johann Theile)
  • Christian Reuters Werke in einem Band. Weimar: Nat. Forschungs- u. Gedenkstätten 1965

Literatur

  • Gerhard Dünnhaupt: Christian Reuter. In: Personalbibliographien zu den Drucken des Barock. Band 5. Hiersemann, Stuttgart 1991, ISBN 3-7772-9133-1, S. 3309-3318 (Werk- und Literaturverzeichnis)
  • Georg Ellinger: Reuter, Christian. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 28, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 314–218.
  • Gunter E. Grimm: Kapriolen eines Taugenichts. Zur Funktion des Pikarischen in Christian Reuters „Schelmuffsky“, in: Chloe 5 (1987), S. 127-149
  • Wolfgang Hecht: Christian Reuter. (= Sammlung Metzler; M46). Metzler, Stuttgart 1966
  • Simone Trieder: Der Schelm aus Kütten. Betrachtungen zu Christian Reuter und über den komischen Halbgott Schelmuffsky. Gefährliche Reisebeschreibung. (= Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte; 1). Hasen-Edition, Halle (Saale) 2005, ISBN 3-939468-00-2

Weblinks

 Wikisource: Christian Reuter – Quellen und Volltexte

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