Wolf Bongôrt-v.Roy


Wolf Bongôrt-v.Roy
Wolf Bongôrt-v. Roy

Wolf Bongôrt-v.Roy (auch Lou van Roy; ursprünglich: Wolf-Rüdiger Bongôrt; * 19. August 1942 in Breslau, Deutsches Reich; † 8. August 2006 in Berlin) war ein deutscher Intendant, Theaterregisseur und Theatergründer.

Inhaltsverzeichnis

Leben

W.Bongôrt-v.Roy flüchtet bei Kriegsende mit seinen Eltern aus seiner Geburtsstadt Breslau in den Westen.In Berlin wächst er auf und besucht wechselnd Schulen im sowjetischen Sektor als auch im Sektor der Alliierten. Er wird während eines Gastspiels in Schweden vom Bau der Berliner Mauer überrascht. Um einen Freund zu besuchen, kehrt er in die DDR zurück jetzt kann er die DDR nicht mehr verlassen. Wolf Bongôrt arbeitet nun in Leipzig und in Berlin. Neben seinem Engagement im Metropol-Theater in Berlin als Solotänzer und vielen Tanzverpflichtungen u. a. in Leningrad und Moskau, absolviert er ein Schauspiel- und Regiestudium und studiert Medizin in Berlin.

Aufgrund staatsfeindlicher Aussagen wird er monatelang in Bautzen inhaftiert, er erhält zeitweise Berufsverbot oder wird zwangsversetzt ins Landestheater Dessau, was damals als Provinztheater verschrien war. Hier macht er Bekanntschaft u.a. mit Eva-Maria Hagen und Ezard Haußmann, denen ein ähnliches Schicksal zuteil wurde. W.Bongôrt knüpft während dieser Zeit Kontakte ins „bauhaus dessau“, welches zu der Zeit offiziell geschlossen ist; die Räumlichkeiten werden aber dennoch zum Teil von Künstlern und Architekten genutzt und es wird im Sinn des „bauhauses“ gearbeitet. Während Bongôrt die handwerkliche Arbeit in der DDR sehr schätzt, vermisst er künstlerische Freiheiten und ästhetische Experimente. Ständig gibt es Probleme mit den Parteidirektiven, die seine Arbeit mit ihren permanenten Eingriffen erschweren. Seine Kontakte zu anderen DDR-Dissidenten (DDR-Opposition und Widerstand) wie Wolf Biermann sorgen für zusätzliche Reibung mit dem Staat. Seine Versuche, das Theater von der Ideologie zu befreien, bringen ihm wiederum ein Arbeitsverbot ein. Der Bürokratie schlägt er eins ums andere Mal ein Schnippchen: Am Dessauer Schauspiel bringt er Biermann-Texte zu Gehör – „Verfasser unbekannt“,so die Tarnung; während sich die Parteisekretäre über die tollen Texte freuen.

Um sein Auftrittsverbot zu umgehen, legt er sich den Namen seiner Großmutter „van Roy“ zu und kann wieder auftreten. Nach jahrelangem Mobbing, offensichtlicher Überwachung der Staatssicherheit und verwanzten Wohnungen fährt er persönlich in die Bürgersprechstunde von Erich Honecker und gibt seine Ordens- und Staatspreise mitsamt den Preisgeldern zurück. Daraufhin folgt die Ausbürgerung. Mit 40 Jahren steht Bongôrt im Westen vor der Aufgabe eine neue Existenz aufzubauen. Er will eine Zuschauerschule aufbauen, um dem Theaterpublikum beizubringen, was Qualitäten und was Quantitäten sind. Daraus wird auf Wunsch der ersten Schüler sogleich eine Ballettschule; schließlich entsteht 1987 die Theaterfachschule in Bergisch Gladbach mit einem umfassenden Ausbildungsprogramm.

Sein Meisterschüler Holger-Hoppla Pester beginnt seine Ausbildung von 1995 – 1999 in Bergisch Gladbach. Bevor die Schule nach Leipzig umzieht, befindet sie sich einige Jahre bis 2003 in Siegburg. Dort wird ab diesem Zeitpunkt unabhängig eine Schule vom Schüler René Böttcher geführt, die aber autonom arbeitet. Während der Ausbildung studiert Pester Musikwissenschaft, Phonetik und Allgemeine Sprachwissenschaften in Köln. Pester, der mit Bongôrt 1998 eine GmbH gründet spielt in verschiedenen Produktionen im In- und Ausland. 2006 spielt er in einer Co-Produktion des Bauhauses und des Teatrocontinuo im Theater Teatro Fundamenta Nuove in Venedig die Produktion „A house is a house“.

Daraus ergibt sich eine jahrelange Kooperation mit Nin Scolari, Schüler von Jerzy Grotowski und befreundet mit Dario Fo. Als 2006 Bongôrt verstirbt übernimmt Pester die Schulleitung der Theaterfachschule und inszeniert ganz im Sinne des Gründers Stücke mit den Schülern u.a. von Shakespeare, Ludwig Tieck und Gerhart Hauptmann. Er eröffnet gemeinsam mit Schauspielern und ausgewählten Schülern das Zille Denkmal 2008 in Berlin mit einer eigens geschriebenen Zille-Revue. 2009 gründet er das Profiensemble mit den ehemaligen Schülern Jessica Bomball und Florian Knappe mit dem Stück „Clyde und Bonnie“ von Holger Schober.

Beruflicher Werdegang

Bongôrt-v.Roy als Namtar in dem Ballett Ischtar

Wolf Bongôrt-v.Roy begann seine Karriere im Elbe-Elster-Theater Wittenberg, wo er als Praktikant und Tänzer von 1959-1960 kleine und mittlere Rollen übernahm. Danach wechselte er 1960 an Volkstheater Rostock, wo er ebenfalls Praktikant und Tänzer kleinere und mittlere Rollen übernahm, ab 1961 fiel dort seine Praktikantenzeit weg, womit er nur noch tanzte. Doch auch am Rostocker Volkstheater blieb Wolf Bongôrt-v.Roy nicht lange. 1962 kam er ans Metropol-Theater in Berlin-Mitte, wo er bis 1965 mit Spielverpflichtung tanzte, ehe er 1965 Theater der Stadt Brandenburg ging, wo er Solotänzer und Chereograph mit Spielverpflichtung tätig war und zusätzlich auch als Abendspielleiter fungierte. Er blieb hier bis 1967.

1967 gelang er ans Landestheater Dessau, wo als Solotänzer und Regie-Assistent arbeitete. Er kooperierte dabei mit dem Bauhaus Dessau. Während seiner Zeit in Dessau, die von 1967 bis 1968 reichte, kam es zudem zur Zusammenarbeit und Bekanntschaft mit Ezard Haußmann, Wolf Biermann und Eva Maria Hagen.

1968 kehrte er zum Volkstheater Rostock zurück, wo er Arbeiten als Tänzer, Solotänzer und Abendspielleiter innehatte. Im Folgejahr 1969 wechselte er bis 1971 ans „Hans Otto- Theater“ in Potsdam, wo er neben Solotänzer, auch den Beruf als Regisseur für Operette und Musicalausführte.

Von 1971 bis 1972 war er Intendant sowie Ballettmeister mit Tanzverpflichtung am Theater der Stadt Rudolstadt. Von 1972 bis 1973 war er in den Städtische Bühnen Erfurt aktiv, wo er Mitglied des Musicalensembles war und mit Tanz sowie mit Schauspielerei auftrat und Regie führte. Danach war er von 1973 bis 1980 im Landestheater Altenburg, wo er als Solotänzer, Darsteller und in der Theaterleitung Posten innehatte.

Theaterfachschule Bongôrt-v.Roy

Die Theaterfachschule Bongôrt-v. Roy ist eine Ergänzungsschule, die beim Sächsischen Staatsministerium für Kultur in Dresden als gleichwertig gemäß §2 Abs.2 Bundesausbildungsförderungsgesetz anerkannt ist.

Sie ist eine Ausbildungsstätte für Darstellende Bühnenkunst, die den Studierenden ein umfassendes Lehrangebot im Bereich Schauspiel, Gesang und Bühnentanz bietet. Die Schule ist BAFöG-berechtigt. Das heißt, der Besuch ist gleichwertig mit dem Besuch einer öffentlichen Berufsfachschule.

§ 2 Abs.2 Bundesausbildungsförderungsgesetz-BAföG

Für den Besuch von Ergänzungsschulen und nichtstaatlichen Hochschulen wird Ausbildungsförderung nur geleistet, wenn die zuständige Landesbehörde anerkennt, dass der Besuch der Ausbildungsstätte dem Besuch einer in Absatz 1 bezeichneten Ausbildungsstätte gleichwertig ist. Die Prüfung der Gleichwertigkeit nach Satz 1 erfolgt von Amts wegen im Rahmen des Bewilligungsverfahrens oder auf Antrag der Ausbildungsstätte.

Unterrichtsgebiete der Theaterfachschule

Haupteingang Theater-Fabrik-Sachsen
  • Philosophie: Das Unterrichtsfach „Mimetik“ stellt grundlegende Erkenntnisse vor allem der geisteswissenschaftlichen aber auch der naturwissenschaftlichen Disziplinen vor und führt in die grundlegenden wissenschaftlichen Ansätze des traditionellen wie modernen Denkens ein. Es wird dargelegt wie multidisziplinär und fächerübergreifend der Schauspieler heutzutage arbeiten kann.
  • Sprache: Das Unterrichtsfach „Phonetik“ führt in die Wissenschaft des Sprechens ein und lehrt unter anderem die Verwendung suprasegmentaler Merkmale wie Tonhöhenverlauf, Betonungsabstufung, Rhythmik und Pausierung. Außerdem wird in die Transkription und den Umgang der Visualisierung der Sprache mittels eines Sonagramms eingeführt.
  • Theaterwissenschaft: Hier wird ein Grundwissen gesellschaftlich-politischer Entwicklungen zu den wesentlichen Epochen der überwiegend europäischen Kulturgeschichte vermittelt. Direkte Zusammenhänge und übergeordnete Bezüge werden vorgestellt und sollen in Bezug zur Rollenfindung erörtert werden.
  • Musiktheorie: Das Unterrichtsfach „Mu The Mu“ klärt die musikalischen Grundlagen des Quintenzirkels genauso wie Erkennen und Aufschreiben von Rhythmen und Melodien. Neben Gehörbildung wird in das Partiturlesen eingeführt und es werden kleine überschaubare Melodiebögen komponiert und gesungen.
  • Tanz/ Moderner Tanz: Im Bereich des Klassischen und Modernen Tanzes werden Bewegungen mit dem musikalischen Rhythmus in Übereinstimmung gebracht; die Struktur des Metrums, gekoppelt mit der Tempogeschwindigkeit und dem Charakter der musikalischen Bewegung werden erforscht.
  • Stimmbildung: Im Unterrichtsfach „Sprechtechnik“ werden diese Möglichkeiten in Praxis angewendet und ausprobiert. Im Fach des „Künstlerischen Worts“ werden mit den fortgeschrittenen Schülern Schauspielpartituren gebildet und vorgetragen. Auch der Bereich Gesang fällt mit in den Bereich der Stimmbildung. Es gilt Zusammenhänge zwischen Sprechen und Singen zu erkennen und ein grundlegendes Fundament zu erarbeiten, das sowohl in den Bereich des Klassischen Gesangs sowie des Modernen Gesangs (Schlager, Rock, Musical) reicht.
  • Musik: Das Grundverständnis von Musik, das Erkennen und Anwenden von musikalischen Strukturen wird vor allem durch das Erlernen des Klavierspiels erreicht. Dabei kann es sein, dass der Schüler bisher noch kein Instrument gespielt hat oder auch mit Grundkenntnissen die Ausbildung beginnt und während des Studiums erweitert und weiterentwickelt.
  • Dramatischer Unterricht: Im Unterrichtsfach der Schauspiel-Etüden werden geistig-körperlich-emotionale Vorgänge tiefgreifend und vollständig untersucht. Eine genaue Beobachtung und Wahrnehmung wird geschult und der Schüler systematisch zur Komposition einer Handlungspartitur geführt. Dabei spielt der Kontakt zum Partner eine entscheidende Rolle; die Aktionen müssen auf die Außenwelt bezogen sein.
  • Arbeit vor der Kamera: In Kooperation mit verschiedenen Fernsehsendern wie dem MDR und dem ZDF produzieren unsere Schüler verschiedene Fernsehprojekte.
  • Schauspiel: Hier stehen Probenarbeit und Rollenfindung im Vordergrund. Dies geschieht im Rahmen der Themen (Collagen) und Stücke (Komödie, Tragödie, Musical), die regelmäßig erarbeitet werden und der Öffentlichkeit in Form von Aufführungen angeboten werden.

Weblinks

Quellen

  • Sämtliche Bilder, Texte und Videoaufnamen stammen aus dem Archiv der Theaterfachschule Bongôrt-v.Roy und aus dem Nachlass des 2006 verstorbenen Wolf Bongôrt-v.Roy

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