Don Siegel


Don Siegel

Donald „Don“ Siegel (* 26. Oktober 1912 in Chicago, Illinois; † 20. April 1991 in Nipomo, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Regisseur.

Inhaltsverzeichnis

Biographische Daten

Don Siegel verbrachte seine Schulzeit in England; nach einer Zeit in London und Paris als Maler und Schlagzeuger [1] ging in den 1930er-Jahren nach Hollywood und arbeitete dort in verschiedenen Filmstudios. 1945 führte er erstmals Regie bei zwei Kurzfilmen. Bekannt wurde er durch seine später gedrehten actionbetonten Thriller. Er war ein Mentor Clint Eastwoods, als dieser begann, Regie zu führen.[2] Don Siegel war zweimal verheiratet und ist der Vater von Kristoffer Tabori, eines amerikanischen Schauspielers.

Don Siegel arbeitete mit zahlreichen berühmten Schauspielern: Walter Matthau, John Wayne, Michael Caine, Steve McQueen, James Stewart, Lauren Bacall, Bette Midler, Shirley MacLaine, Richard Widmark, Henry Fonda und Charles Bronson, und mehrmals mit Donald Pleasence und John Vernon. Der Jazzmusiker Lalo Schifrin steuerte oft den Soundtrack zu seinen Filmen bei.

Vor seinen eigenen Filmen war er am Schnitt von Casablanca beteiligt. Wie viele Actionfilmer war er lange Jahre Second Unit Director (Leiter der zweiten Gruppe, meist für Action- und Spezialeffekt-Szenen).[3] Don Siegel war den Studios für schnelles und effizientes Arbeiten bekannt, mit bis zu 55 Szenen am Tag.[4] Oft wird er in der Tradition von Raoul Walsh und Howard Hawks gesehen. Jean-Luc Godard soll ihm einmal begegnet und voll des Lobes gewesen sein.[5]

Von 1934 bis etwa 1948 war er Arbeitnehmer bei Warner Brothers, und arbeitete unabhängig, bis er Mitte der 1960er-Jahre eine Verbindung mit der liberaleren Universal aufnahm.[4]

„Siegel war ein kleines, doch wichtiges Rädchen im Uhrwerk des Studios. Er arbeitete allein und weitgehend selbstständig, kein Regisseur redete ihm viel in seine Arbeit hinein. Er arbeitete am Fließband und blieb dennoch ein Individualist. Obwohl er dem Studio viel Geld einsparen half, mochte ihn Jack Warner nicht allzu sehr – wie alle Freigeister.“

Michael Hanisch: Der letzte Professional – Trotz Fließbandarbeit bei Warner Bros. immer ein Solitär: Don Siegel in „film-dienst“ [6]

Die Arbeit beim Fernsehen und die dort erworbene Routine soll für seinen späteren Stil gewichtig gewesen sein. Nach The Killers war er ein erfolgreicher und renommierter Filmemacher.[6]

In einigen Filmen absolvierte er einen Cameo-Auftritt in der Art von Alfred Hitchcock. Das Dauerpseudonym Alan Smithee wurde für Siegel und Death of a Gunfighter erfunden. Bereits 1945 hat er, wie er in einem Interview 1970 ausführte, zwei Oscars für Kurzfilme bekommen, ohne dass jemand Notiz davon nahm, da ein Oscar für einen Kurzfilm nur für das Studio „zählt“.[7] Deborah Allison zeigt allerdings auf, nach einem Zitat von Karyn Kay, dass sein filmisches Schaffen nicht gerade von einem zeitgemäßen oder politisch korrekten Frauenbild [6] zeugt.[8]

Stil und Inhalt

Seine überwiegend spannenden Erzählungen zielten primär auf Unterhaltungswert und waren nicht immer unpolitisch. Meist porträtierte er Moden, Bewegungen, Land und Leute – stets vor dem Hintergrund Verbrechen. Im Genre Western war er mehr als einmal tätig. Siegels Werke sind pointiert, und wenige enden vollkommen hoffnungslos. Outlaws und Einzelgänger sind bei Siegel die Identifikationsfiguren und Sympathieträger, seine Hauptfiguren wirken leicht unscharf korrumpiert und beladen.

„Siegel sah in den vorgegebenen, festen Formen keine Fesseln, sondern Fixpunkte, zwischen denen jeder nur denkbare Freiraum sich nutzen läßt. Genre-Helden, das wußte er, sind von vornherein charakterisiert. Das ermöglicht es, vom Allgemeinen schneller zum Besonderen zu kommen.“

Norbert Grob [1]

Der kontroverse Dirty Harry, den Pauline Kael und sein eigener Biograph Stuart Kaminsky gar für „unmoralisch“ halten, ist inzwischen Popkultur. Invasion of the Body Snatchers führte zu Remakes von dem renommierten Philip Kaufman (hier taucht Siegel kurz als Taxifahrer auf) und dem Autorenfilmer Abel Ferrara. Eastwood widmete Siegel postum, zusammen mit Leone, seinen Film Unforgiven (deutsch: Erbarmungslos) aus dem Jahre 1992.

„Siegel bebildert in seinem Werk den impliziten Vertrag zwischen den Verbrechern und der Gesellschaft. Wir benötigen Verbrecher, unsere eigenen Gewaltfantasien zu verwirklichen. Er findet den Beweis dieser Symbiose in unserem Rechtssystem, einem untauglichen Werkzeug, das wir selbst sabotieren. Seine Filme veralbern diese Strukturen. Die Polizeigewalt in Madigan (1968) ist korrupt. Riot in Cell Block 11 und Escape from Alcatraz (1979) greifen den Strafvollzug an. Coogan’s Bluff, wie auch Dirty Harry, parodieren die Soziologie, die Rechtsprechung und das Konzept der Rehabilitation.“

Deborah Allison: Don Siegel [9]

Allison sieht Siegel insgesamt politisch rechts der Mitte und hält seine Charaktere für problematisch.[4] Abschließend deutet sie in Anlehnung an Richard Combs an, dass Siegel sowohl die Autorentheorie mit ihren egomanischen Zielen durch seine schwankende ideologische Handschrift, als auch die etablierten Strukturen der Industrie in Frage stelle. Er sei immer eine marginale Figur und in seiner Arbeit irgendwie exzentrisch gewesen. Die Zeitschrift film-dienst führt aus, dass er 1973 in einem Gespräch mit Eckhart Schmidt darauf bestand, dass Clint Eastwood der Konservative gewesen sei: „Ich sympathisiere entschieden mit der Linken. Ich bin ein Liberaler. Ich war zum Beispiel ein militanter Gegner des Vietnamkrieges.“ [6]

Siegels Filme strahlen eine gewisse Herzenswärme aus, und ein ganz eigener, unterschwelliger Humor ist präsent, mit einem absurden Beiklang.

Beispiele

  • Der klassische Invasion of the Body Snatchers nach einer Literaturvorlage von Jack Finney ist eine Studie über Außenseitertum, Paranoia, zur Entfremdung von der eigenen Umgebung, und nur in Zusammenhang mit der Kommunistenhatz der McCarthy-Zeit und der damit in Verbindung stehenden „Hollywood blacklist“ [10] zu verstehen, und eine Parabel auf die Atmosphäre in Phasen des Kalten Krieges [11][12] (vielleicht in Deutschland damals anders verstanden); gleichzeitig trage er „Rorschach-Handlungen“, in die man eigene Überzeugungen hineinprojiziert [12][13]. Es werden gefühlskalte und temperamentlose Hülsen von Menschen gezeigt, organisiert und in Scharen, [12] deren Gebaren Don Siegel zufolge zurückzuführen sei auf neue Wege der Kriegsführung und die Gräuel des 20. Jahrhunderts. [14] Siegel wollte den Film um einiges düsterer haben, als er dann geworden ist [6] (und meinte ihn selbst nicht politisch [15]).
  • The Killers, in dem Lee Marvin und Ronald Reagan mitwirken, liegt eine Short Story von Ernest Hemingway zugrunde. Der Film ist in der Criterion Collection enthalten. „[…] eine hart, schnell und äußerst spannend entwickelte, düstere Gangsterstory. Vor allem in der Konstellation der Personen sowie deren Handlungsdevise, nach der der Zweck alle Mittel heilige, ist der eindrucksvoll gespielte Film differenzierter, als der erste Blick vermuten lässt.“ (Lexikon des internationalen Films)
  • Die heute so populäre Handkamera [16] kannte er bereits, vereinzelt und angemessen, in Charley Varrick oder seinem Kommentar auf die LSD-Welle und das San Francisco der Hippies, Coogan’s großer Bluff, in dem sich regelrecht psychedelische Sequenzen finden.
  • Der wohl den Beginn einer neuen Schaffensperiode markierende The Black Windmill kann sich in seiner Düsterheit, Kälte und Suggestivität fast mit dem etwa zeitgleich entstandenen Don’t Look Now (deutsch: Wenn die Gondeln Trauer tragen) von Nicolas Roeg messen.
  • The Shootist, mit John Wayne in der titelgebenden Rolle, seiner letzten, ist eine nachwirkende und präzise Meditation über das richtige Sterben, und auch heute noch sehenswert. [17]
  • James Monaco hält Escape from Alcatraz für die im Wortsinne dunkelste aller Film-Noir-Produktionen, obwohl 1979 entstanden, und sieht Siegel als „harten Regisseur“ und nennt ihn in einer Linie mit Samuel Fuller und Robert Aldrich[18]

Filmografie (Auszug)

Literatur

  • Frank Arnold, Michael Esser (Hrsg.): Dirty Harry: Don Siegel und seine Filme. Vertigo, München 2003, ISBN 3-934028-05-5.

Dokumentarfilm

  • Thys Ockersen, Fernsehdokumentation, Niederlande 1980, über Don Siegel: „The Last of the Independents“ (wörtlich übersetzt: „Der Letzte der Unabhängigen“ [19])

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Norbert Grob: Meister der Demut (Nachruf). In: Die Zeit. 19, 1991 (online, abgerufen am 10. März 2008).
  2. Guardian Interview: Clint Eastwood vom 7. Oktober 2003 (Online-Ressource, englisch, abgerufen am 13. Oktober 2006)
  3. Internet Movie Database (IMDB) zum Namen im folgenden „IMDb“
  4. a b c Senses of Cinema – Essay von Deborah Allison im folgenden „Allison“ (englisch, Online-Ressource, abgerufen am 13. Oktober 2006)
  5. Ekkehard Knörer über „Frank Arnold, Michael Esser (Hg.): Dirty Harry. Don Siegel und seine Filme. (Online-Ressource, abgerufen am 13. Oktober 2006)
  6. a b c d e film-dienst 22/02 S. 10 ff.
  7. prisma TV Guide: Don Siegel Wiedergabe eines Interviews von 1970 (Online-Ressource, abgerufen am 13. Oktober 2006)
  8. Allison nach Karyn Kay
  9. Allison zitiert: John Baxter, „Dirty Harry“ in Tom Pendergast and Sara Perdergast (eds.), International Dictionary of Films and Filmmakers: Films, Detroit: St. James's Press, 2000. Übersetzung durch Wikipedia
  10. Hollywood Ten und „Hollywood blacklist“ in der englischen Wikipedia (englisch)
  11. Pressemitteilung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vom 28. Juni 2005 (englisch, Online-Ressource, abgerufen am 13. Oktober 2006)
  12. a b c so auch: Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films, S. 171 ff.
  13. Allison nach Tracy Knight
  14. John W. Whitehead: Invasion of the Body Snatchers – A Tale for our times in Gadfly Online (englisch, Online-Ressource, abgerufen 13. Oktober 2006)
  15. Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films, S. 173
  16. Sie ist auch im amerikanischen Kino schon älter
  17. Clint Eastwood beschäftigte sich mit ebendiesem Thema in dem 2004 gedrehten Million Dollar Baby
  18. James Monaco: Film verstehen. Rowohlt, Hamburg 2000, Sonderausgabe 2002, ISBN 3-499-61433-2, S. 317
  19. Von der Visitenkarte Charley Varricks

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