Englischer Schweiß


Englischer Schweiß

Der Englische Schweiß, auch bekannt als sudor anglicus, Schweißfieber oder pestis sudorosa,[1] war eine ungewöhnliche, sehr ansteckende Infektionskrankheit mit meist tödlichem Ausgang, die im 15. und 16. Jahrhundert in fünf Seuchenwellen hauptsächlich in England auftrat und dann anscheinend wieder verschwand. Typisches Symptom waren starke Schweißausbrüche, die der Krankheit zu ihrem Namen verhalfen. Es ist bis heute nicht klar, worum es sich bei dieser Krankheit handelte. Die Mutmaßungen über die Verursacher des Englischen Schweißes reichen von Grippe- bis Hantaviren.

Titelblatt einer Publikation von Euricius Cordus, 1529

Inhaltsverzeichnis

Epidemien

Die Ärzte wurden ganz zu Beginn der Herrschaft Heinrichs VII. von England erstmals auf den „Englischen Schweiß“ aufmerksam. Er war definitiv einige Tage nach der Landung Heinrichs in Milford Haven am 7. August 1485 bekannt, auf jeden Fall vor der Schlacht von Bosworth am 22. August. Bald nach der Ankunft Heinrichs in London am 28. August brach er in der Hauptstadt aus und forderte viele Todesopfer. Dieser alarmierenden Krankheit wurde bald der Name Schweißkrankheit (englisch: sweating sickness) verliehen. Sie wurde als sehr verschieden von der Pest oder anderen bis dahin bekannten epidemischen Krankheiten erachtet, nicht nur wegen ihrer speziellen Symptome, die ihr ihren Namen gaben, sondern auch wegen ihres extrem schnellen und oft tödlichen Verlaufs.

Allerdings sind Zweifel an der Deutung der Quellen laut geworden. Denn die Ausbrüche fielen in England in den Jahren 1485/1486, 1517, 1528/1529 und 1551/1552 mit den Pestausbrüchen zusammen, so dass der Anteil an Toten, der auf den Englischen Schweiß zurückzuführen ist, sich nicht ermitteln lässt.[2]

Paul Slack hat anhand der gut dokumentierten Epidemie 1551 gezeigt, dass in engem Umkreis sehr viele, insbesondere von der Oberschicht, erkrankten, aber doch nicht sehr viele daran starben, so dass die Wirkung der Epidemie auf die Bevölkerungszahl eher gering war.[3] Hinzu kommt, dass die zeitgenössischen Chronisten sowohl den Englischen Schweiß als auch die Pest mit den Worten „Pest“ oder „Pestilenz“ bezeichneten, so dass Verwechslungen naheliegen.

Nach der ersten Seuchenwelle 1485 trat die Krankheit erst 1507 ein zweites Mal auf und forderte weit weniger Todesopfer als beim ersten Ausbruch. 1517 kam es zu einem dritten, sehr schweren Ausbruch. Oxford und Cambridge hatten ebenso wie viele andere Städte viele Todesopfer zu beklagen. In einigen Städten soll die Hälfte der Bevölkerung umgekommen sein. Es gibt Berichte, wonach sich die Krankheit bis nach Calais und Antwerpen verbreitete. Bis auf diese Ausnahmen blieb die Krankheit, wie während der ersten beiden Ausbrüche, auf England beschränkt.

1528 kam es zu einem vierten, sehr schweren Ausbruch. Die Krankheit trat Ende Mai zuerst in London auf und verbreitete sich schnell über ganz England, kam aber nicht nach Schottland und Irland. Die Mortalität in London war sehr hoch. Der Hof wurde aufgelöst; König Heinrich VIII. verließ die Stadt und wechselte oft seinen Aufenthaltsort. Man glaubt, dass Anne Boleyn sich mit der Krankheit ansteckte und überlebte.

Während der vierten Epidemie breitete sich die Krankheit auch im Rest Europas mit einer solchen Geschwindigkeit aus, dass 1528/1529 innerhalb weniger Wochen tausende Menschen starben. Parallel zu dieser Epidemie wurde 1528 eine Geflügelpest beobachtet, bei der unter den Flügeln der toten Vögel erbsengroße Eiterbeulen gefunden wurden.[4]

Er verbreitete sich ähnlich wie die Cholera und erreichte die Schweiz im Dezember 1528, verbreitete sich über Deutschland und Österreich nordwärts nach Dänemark, Schweden und Norwegen und ostwärts entlang der südlichen Ostseeküste auf den Handelswegen der Hanse nach Litauen, Polen und Russland. Frankreich und Italien blieben verschont. Auch in den Niederlanden trat die Seuche auf, möglicherweise direkt aus England kommend, da sie in Antwerpen und Amsterdam gleichzeitig am Morgen des 27. September 1528 auftrat.

Die Krankheit traf Hamburg im Juli 1529, es starben 1.100 Bewohner in 22 Tagen. Betroffen waren auch Lübeck und Bremen, Königsberg und Danzig. In Dortmund starben in den ersten vier Tagen der Epidemie von 500 Erkrankten 497. Die Krankheit erreichte Marburg in den ersten Oktobertagen 1529. In Augsburg verstarben in sechs Tagen von 1.500 Erkrankten 800. Nachweise gibt es aus Nürnberg, Amberg, Kempten, Landshut, Memmingen und Ulm.[5]

Über den Ratgeber zur Krankheit von Euricius Cordus schrieb Martin Luther an einen Freund:

„Das Artzneybüchlein, so wider diese Kranckheit ausgangen, ist Ursache, daß viele, wenn sie anfangen zu schwitzen, gleich erschrecken und dencken, sie hätten das Uebel am Halse.“[6]

Die Seuche hielt sich nicht lange in den befallenen Orten, meist nur zwei Wochen. Nur im Osten der Schweiz hielt sie sich etwas länger. Danach trat der Englische Schweiß nicht mehr im kontinentalen Europa auf. Irland und Schottland blieben immer verschont.

Der Arzt und Philosoph Thomas Morus führte die Erkrankungen auf die hygienischen Umstände seiner Zeit zurück.

Ludwig Bechstein schrieb 1853:

„Im Jahre 1529 kam aus England eine gefährliche Krankheit, die wurde die Schweißsucht oder der englische Schweiß genannt. In Hamburg gewann sie auf dem Festland den ersten Boden und raffte binnen zweiundzwanzig Tagen tausend Menschen dahin. Von da ging sie weiter nach Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswald, Stettin, Danzig und breitete sich weit umher im Lande aus. Sie flog gleichsam durch die Städte und Länder im Hui.“

Für Lübeck wurde diese Epidemie durch den Stadtmedicus Rembertus Giltzheim eingehend chronologisch beschrieben.[7]

England erlitt 1551 noch einen fünften Ausbruch der Seuche. Von diesem Ausbruch existiert der Bericht eines Augenzeugen, des englischen Arztes John Caius.[8] Die Krankheit tauchte nach 1578 in England nie wieder auf.

Eine ähnliche Krankheit namens Picardsches Schweißfieber, in England als Picardy sweat bezeichnet, trat epidemisch in Frankreich, Italien und Süddeutschland von 1718 bis 1861 auf, verlief mit einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen jedoch deutlich länger und war weniger tödlich. Außerdem von einem Hautausschlag (Schweißfriesel) begleitet, anders als der Englische Schweiß. Allein in Frankreich zählte man 175 Epidemien, sie trat nicht in Großbritannien auf.

Symptome

Die Symptome wurden von Caius und anderen wie folgt beschrieben: Die Krankheit begann sehr plötzlich mit Angstgefühlen, gefolgt von manchmal sehr heftigem Schüttelfrost, Schwindel, Kopfschmerz und Schmerzen in Hals, Schultern und Gliedmaßen, begleitet von großer Erschöpfung. Nach diesem „kalten“ Stadium, das eine halbe Stunde bis drei Stunden dauern konnte, folgte das Stadium der Hitze und des Schwitzens. Der charakteristische Schweiß brach urplötzlich und, wie es den mit der Krankheit Vertrauten schien, ohne offensichtlichen Grund aus. Mit dem Schweiß oder kurz danach kam ein Gefühl von Hitze, begleitet von Kopfschmerz, Delirium, rasendem Puls und großem Durst. Herzrasen und Herzschmerz waren häufige Symptome. Kein wie auch immer gearteter Hautausschlag wurde beobachtet; auch Caius machte keine diesbezügliche Andeutung. In den späteren Stadien folgten entweder allgemeine Erschöpfung, Zusammenbruch und rascher Tod oder eine unwiderstehliche Schläfrigkeit, der nachzugeben für tödlich erachtet wurde. Wer einen Anfall überstand, war nicht immun, und einige Menschen hatten mehrere Anfälle, bevor sie starben.

Häufig stellte sich auch Nasenbluten ein. Bezeichnend war, dass die Patienten schon 4 bis 12 Stunden nach Ausbruch der Krankheit verstarben und dass diejenigen, die 24 Stunden überstanden hatten, eine gute Chance hatten, zu überleben. Wer mit den Kranken in Kontakt kam, erkrankte in der Regel selbst.

Langzeitfolgen der Krankheit waren laut Naumann häufige Anfälle von Herzrasen, zum Teil lebenslang, sowie nächtliche Schweißausbrüche auch lange nach der Erkrankung.

Ursache

Die Ursache ist der mysteriöseste Aspekt der Krankheit. Manche geben dem allgegenwärtigen Schmutz und Abwasser der damaligen Zeit die Schuld, die Quellen der Infektion gewesen sein könnten.

Dass der erste Ausbruch am Ende des Rosenkrieges stattfand, könnte bedeuten, dass die Krankheit von französischen Söldnern Heinrichs VII. nach England gebracht wurde, vor allem, da diese immun gewesen zu sein scheinen. Die Tatsache, dass die Krankheit heftiger unter den Wohlhabenden wütete als unter den Armen, erklärt, warum sie besonders beachtet wurde, anders als andere Krankheiten dieser Zeit. Heutige Vermutungen über die Ursache der Seuche reichen von Influenza über von Flöhen und Läusen übertragene Krankheiten bis zu Hanta-Viren. Laut einer Beschreibung der Seuche im Handbuch der medicinischen Klinik von Naumann wurde das Schweißfieber von einem unnatürlichen Vogelsterben begleitet, wobei die toten Vögel Abszesse unter den Flügeln aufwiesen. Somit ist es auch möglich, dass Vögel bei der Übertragung eine Rolle spielten, zumindest scheinen sie ebenfalls von der Erkrankung betroffen gewesen zu sein.[9] Ob das Schweißfieber eine neuartige Zoonose war lässt sich auch nach heutigem Wissenstand nur vermuten, obwohl der Seuchenverlauf einige Indizien für diese Annahme zeigt.

Bechstein berichtet:

„Man schrieb ihre Ursache der eigentümlichen Witterung des Jahres zu: gelinder Winter, trockner Mai, naßkalter Sommer und darauf solche Hitze, daß es unmöglich war, nicht zu schwitzen, und wenn einer nackend gegangen wäre, und mit dieser lähmenden Hitze kam die Sucht.“

Einzelnachweise

  1. So in den Protokollen des Domkapitels von Lübeck 1529.
  2. John F. D. Shrewsbury: A History of Bubonic Plague in the British Islands. Cambridge 1970. S. 168.
    Paul Slack: Mortality crisis and epidemic disease in England 1485–1610. In: Charles Webster (Hrsg.): Health, medicine mortality in the sixteenth century. Cambridge 1979. S. 27.
  3. Paul Slack, S. 25–27.
  4. Vgl. Heinrich Haeser: Historisch-pathologische Untersuchungen. Als Beiträge zur Geschichte der Volkskrankheiten. Band I. Gerhard Fleischer, Dresden/Leipzig 1839, S. 238.
  5. Manfred Vasold: Pest, Not und schwere Plagen. C. H. Beck, München 1991, S. 116–122.
  6. Luther am 29. August 1529 an Wenzeslaus Link, zitiert nach Gunther Mann: Euricius Cordus. S. 3.
  7. Bericht über die Schweißsucht vom J. 1529, abgedruckt in Georg Christian Friedrich Lisch: Die Schweißsucht in Meklenburg im Jahre 1529 und der fürstliche Leibarzt, Professor Dr. Rhembertus Giltzheim. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 3 (1838), S. 60–83. (Digitalisat)
  8. John Caius: A Boke or Counseill Against the Disease Commonly Called the Sweate, or Sweatyng Sicknesse. (etwa: Ein Buch oder Ratgeber gegen die im Allgemeinen Das Schwitzen oder Schweißkrankheit genannte Seuche)
  9. Moritz Naumann: Handbuch der medicinischen Klinik Band 3., Verlag August Rücker, Berlin 1831. Abgerufen am 20. Oktober 2010.

Literatur

Weblinks


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