Erich von Müller

Erich von Müller

Erich von Müller (* 1877[1]; † nach 1938[2]) war ein deutscher Marineoffizier und Diplomat. Müller wurde vor allem bekannt als Marineattaché an der deutschen Botschaft in London, als der er eine der Zentralfiguren in der deutsch-englischen Flottenrivalität im Vorfeld des Ersten Weltkriegs war.

Leben und Arbeit

Von Müller trat in den 1890er Jahren in die kaiserlich-deutsche Marine ein, in der bis zum Korvettenkapitän befördert wurde. 1912 wurde von Müller als Protegé des Marinestaatssekretärs Alfred von Tirpitz – und auf Fürsprache seines Vorgängers Wilhelm Widenmann – zum Marineattaché an der deutschen Botschaft in London berufen. Widenmanns Intervention zugunsten von Müller verhinderte insbesondere die Ernennung des gemäßigteren Korvettenkapitäns Werner von Rheinbaben, der ursprünglich für den Londoner Attaché-Posten vorgesehen gewesen war.[3]

Dem Londoner Attachéposten – ohnehin der wichtigste Marineattachéposten, den die deutsche Militärdiplomatie zu vergeben hatte – kam in dieser Zeit, den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, noch zusätzliche Bedeutung zu, da er eine der Schlüsselpositionen im Zusammenhang mit dem Deutsch-Britischen Flottenkonflikt, einem der wichtigsten politischen Themen der Jahre zwischen 1900 und 1914, darstellte. Der Flottenkonflikt zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich in diesen Jahren ergab sich dabei aus den Befürchtungen der Briten, dass der massive Ausbau der deutschen Hochseeflotte seit der Jahrhundertwende langfristig eine Bedrohung der – für das Inselkönigreich lebenswichtigen – britischen Vormachtstellung zur See bedeuten könnte.

Von Müller, der, wie sein Freund und Vorgänger Widenmann, einen „harten Kurs“ gegenüber England befürwortete, vertrat in diesem Konflikt die Auffassung, man müsse sich gegenüber den britischen Forderungen nach einer Reduzierung des deutschen Flottenaufbaus unnachgiebig zeigen – denn wenn man erst einmal zur See derart stark sei, dass die Briten die deutsche Hochseeflotte nicht ohne unvertretbare eigene Verluste besiegen könnten, würden diese ganz von alleine die Annäherung an Deutschland suchen.

Von Müllers Tätigkeit in London, die energisch darauf bedacht war, ein Nachgeben oder „Einknicken“ der deutschen Diplomatie in der Flottenfrage zu vermeiden, war dabei höchst umstritten. Kaiser Wilhelm II. rühmte von Müllers Berichte als „geradezu staatsmännisch“.[4] Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg konnte in dem Attaché demgegenüber nichts weiter entdecken als einen „gefährlichen Scharfmacher“.[5] Außenstaatssekretär von Jagow warf von Müller im gleichen Tenor vor, er betreibe eine „tendenziöse Berichterstattung“.[6] Friedrich Rosen charakterisierte den Marinediplomaten wiederum als sehr „begabt aber noch temperamentvoller“[7] und Müllers Vorgesetzter, der deutsche Botschafter in London, Karl Max Fürst von Lichnowsky, verspottete den selbstbewussten Flottenlobbyisten als „der schöne Müller“.[8]

In der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges plädierte von Müller dafür, sich der britischen Flotte gegenüber vorerst „ganz passiv zu verhalten“.[9] Für die Entscheidung der liberalen britischen Regierung Asquith im August 1914, auf der Seite von Frankreich und Russland gegen Deutschland in den Krieg einzutreten, machte Müller insbesondere den damaligen britischen Marineminister Winston Churchill verantwortlich, unter dessen Einfluss sich – so Müller – die „Kriegspartei“ im Kabinett Asquith nach „harten Kämpfen“ gegen die Anti-Kriegspartei hätte durchsetzen können.[10]

Einzelnachweise

  1. Michael Epkenhans: Aus dem Leben eines Wilhelminers, Personenregister.
  2. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Mai 1938 erschien ein Artikel, in dem Widenmann sich über seine Attachétätigkeit äußert.
  3. Wilhelm Widenmann: Marineattaché an der deutschen Botschaft in London 1907 bis 1912, S. 219. Widenmann lobte an Müller „neben vorzüglichen Kenntnissen“ vor allem, dass dieser über „gewandte aber zurückhaltende Formen und die nötige Festigkeit des Charakters verfügte, die die Garantie boten, dass er der schwierigen Stellung in London gewachsen sein werde“.
  4. Werner von Rheinbaben: Kaiser, Kanzler, Präsidenten, 1968, S. 129.
  5. Bethmann an Wangenheim im April 1914, abgedruckt in Michael Epkenhans: Hopmann-Tagebuch, S, 368. An gleicher Stelle unterstellt Bethmann – der in Fragen der Flottenverhandlungen eine Berichterstattung vermeiden wollte, die den Kaiser im antibritischen Sinne beeinflussen würde bzw. zu einer Verstärkung der Flottenrüstung veranlassen konnte – Von Müller, von seinem Gegenspieler Tirpitz beeinflusst zu sein.
  6. Jagow an Lichnowsky 26. Februar 1914, GP 37/I 14697/105. An gleicher Stelle bittet Jagow Lichnowsky, von Müller an die Leine zu nehmen, da dessen „ewige Hetzereien und Verdächtigungen der englischen Politik […] außerordentlich störend“ seien.
  7. Friedrich Rosen: Aus einem diplomatischen Wanderleben, 1931, S. 87.
  8. Brief an Maximilian Harden vom 8. Juni 1917, Bundesarchiv Koblenz NL Harden, N1062766, fol. 22.
  9. Wilhelm Ernst Winterhager: Mission für den Frieden. Europäische Mächtepolitik, S. 183.
  10. Wilhelm Ernst Winterhager: Mission für den Frieden, S. 183.

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