Geschichte des Sudans


Geschichte des Sudans
Bildnis eines nubischen Königs

Die Geschichte Sudans ist stark verknüpft mit der Geschichte Ägyptens, mit dem sich das historische Nubien das Niltal teilt, eine der Wiegen der menschlichen Zivilisation.

Sudan ist von der Fläche her das größte Land Afrikas. Große Teile beherrscht die Wüstenlandschaft der Sahara. Der Nil ist die Hauptlebensader des Landes und bietet so die Bedingungen zum Entstehen einer Hochkultur südlich des historischen Ägyptens. Im Süden des heutigen Sudan befinden wir uns bereits in Schwarzafrika mit dem wichtigen Nachbarland Äthiopien. Sudan ist ethnisch und kulturell äußerst vielgestaltig. Seit über 50 Jahren ist das Land von Bürgerkrieg und Armut gezeichnet – trotz seines relativ günstigen Potenzials an fruchtbarem Land und Bodenschätzen.

Inhaltsverzeichnis

Übersicht

Zur Zeit der Pharaonen war das historische Nubien teils Bestandteil Ägyptens, teils selbst Herr des ganzen Niltals. Die Islamisierung erfasste das Land erst Jahrhunderte nach Ägypten. Im 19. Jahrhundert wurde es zunächst von Ägypten erobert, dann für kurze Zeit von der Mahdi-Bewegung zurückerobert und schließlich mit britischer Hilfe der so genannte Anglo-Ägyptische Sudan bis zu seiner Unabhängigkeit 1956. Seitdem gab es immer wieder parlamentarisch-demokratische Ansätze, die durch Militärputsche annulliert wurden. Im Süden des Landes kämpfte die Befreiungsarmee SPLA gegen die Zentralmacht in der Hauptstadt Khartum. Im Jahr 2005 wurde ein Friedensabkommen zwischen der sudanesischen Regierung und der Befreiungsarmee vereinbart, das die Autonomie Südsudans und den Weg in die Unabhängigkeit regelt.

Vorgeschichte

Klimageschichte

Paläolithikum (bis 8000 v. Chr.)

Älteste menschliche Siedlungsspuren im heutigen Sudan sind mindestens 300.000 Jahre alt, vermutlich sogar älter, und gehören demnach zu Homo erectus. Technologisch und kulturell gehören diese ältesten Fundkomplexe ins Acheuléen. Aus Homo erectus entwickelte sich in Afrika der moderne Mensch (Homo sapiens), der von Ostafrika aus das Land am Nil besiedelte, bevor er – u.a. dem Nil nach Norden folgend – auch Asien und Europa für sich zu erschließen begann. Paläolithische Fundplätze konzentrieren sich im Niltal: Khashm el-Girba, Khor Musa.

Mesolithikum (8000-5000 v. Chr.)

Der erste Fundort dieser Zeitstellung, der untersucht wurde, war Khartoum Hospital, weshalb diese Kultur in der Archäologie auch als Khartoum Mesolithic bekannt ist. Die Träger dieser Kultur waren halbsesshafte Wildbeuter, die allerdings bereits die Keramikherstellung kannten. Ihre Wirtschaftsweise war aneignend. Die Flussressourcen standen dabei im Vordergrund, weshalb diese Fundkomplexe zuweilen auch als "aqualithic" bezeichnet werden. Die typische Keramik wird nach der bestimmenden Dekoration als Wavy-Line-Keramik bezeichnet. Die Fundorte befinden sich hauptsächlich an den Ufern von Flüssen und Seen. Wichtige Fundorte/-regionen sind: Ad-Damir, Abu Darbein, Wadi Howar, Shaqadud.

Neolithikum (4900-3000 v. Chr.)

Während des 5. Jahrtausends v. Chr. gelangten die aus den Domestikationszentren Vorderasiens stammenden Haustiere Rind, Schaf und Ziege aus Ägypten auch in das zentrale Niltal. Die aneignende Wirtschaftsweise (Jagen, Fischen und Sammeln) wandelt sich langsam zu einer kombinierten Subsistenzweise, indem neben Fischen und Jagen auch Tierhaltung betrieben wurde. Mancherorts dominierte weiterhin die aneignende Lebensweise, während in anderen Gebieten Sudans bereits die Haltung von Haustieren die Fleischversorgung der Bevölkerung garantierte und die Jagd lediglich eine untergeordnete Rolle spielte. Die Übernahme des Ackerbaus ist mangels eindeutiger Funde nur schwerlich nachzuweisen. Auf Mahlsteinen, die bei Grabungen häufig zutage treten, wurden auch schon zuvor gesammelte Wildgetreidekörner gemahlen. Die Gerstennachweise in Gräbern von Kadruka sind jedenfalls ein erster Hinweis auf Ackerbau. Während in der früheren Phase einfache Gefäßformen dominieren, treten in der jüngeren Phase auffällige Gefäßformen in den Mittelpunkt wie etwa die eleganten tulpenförmigen Becher. Wichtige Fundorte/-regionen sind: Kadero, esh-Shaheinab, Kadruka, Kerma, Wadi Howar.

Kerma-Kultur (2500-1520 v. Chr.)

Pharaonenzeit

Pyramiden von Meroe, erbaut durch das Reich Kusch - Luftbild von 2001

Hauptartikel: Reich von Kusch

Zur Zeit der ägyptischen Pharaonen und in der Antike war die Region des heutigen Sudan als Obernubien bekannt.

Es gab schon früh Verbindungen zum nördlichen Ägypten und sogar bis nach Griechenland. Begünstigt wurde das durch die geografische Lage am Oberlauf des Nils. Hier existierte einst das Königreich von Kerma, der älteste bekannte schwarzafrikanische Staat, der seinen Herrschaftsbereich bis zur Südgrenze Ägyptens ausdehnen konnte, im 2. Jahrtausend v. Chr. aber von den Pharaonen zurückgeschlagen wurde.

Vermutlich ab 1080 v. Chr. (spätestens aber ab 750 v. Chr.) bis zum 3. Jahrhundert besteht hier das Reich Kusch. Hauptstadt war zunächst Napata, später dann Meroe. Das Reich kann auf eine starke Militärmacht und große Goldfunde aufbauen.

Um 700 v. Chr. erobert Kusch Ägypten und stellt dort die 25. Dynastie der (nubischen) Pharaonen.

Christianisierung und Islamisierung

Karte der christlichen Königreiche im Mittelalter

Zwischen dem fünften und sechsten Jahrhundert etabliert sich das Christentum, ausgehend vor allem vom koptischen Ägypten, aber zum Teil auch vom heutigen Äthiopien und von Byzanz, in nördlichen und östlichen Teilen Sudans. Es entstehen die christlichen Königreiche Alwa, Makuria und Nobatia, von denen Makuria das bekannteste ist. Ab 640 n. Chr. verbreitet sich der Islam im Norden durch arabische Händler. Die Ansiedlung und Vermischung arabischstämmiger und indigener Bevölkerung führt im Laufe der Zeit zu einer Arabisierung des Gebiets und einem starken Einflussverlust des Christentums. Dennoch können sich christliche Königreiche in Nubien bis ins 14. Jahrhundert halten. Ab dem 16. Jahrhundert werden auch einige südsudanesische Volksgruppen muslimisch. Der Großteil des Südens bleibt jedoch bis ins 20. Jahrhundert animistisch.

Zur weiteren Ausbreitung des Islam trägt das islamische Sultanat von Sannar (1504-1821), auch Schwarzes Sultanat genannt, bei. Unter seinem Einfluss kommt es zur Arabisierung und Islamisierung verschiedener indigener Völker in Sudan. Es gibt jedoch auch Entwicklungen wie bei den Bedscha, die in den Bergen des Roten Meeres siedeln. Sie behalten trotz Konvertierung zum Islam und Mischehen mit arabischen Einwanderern eine abgegrenzte eigene Kultur.

Das mächtige Sultanat in Darfur, auch Fur-Sultanat genannt, besteht vom 16. Jahrhundert bis zur Eroberung durch türkische Besetzer 1874 und nimmt anders als das Fung-Reich eine Schlüsselrolle im transafrikanischen Handel ein. Es wird dann unter Ali Dinar nach Ende der Mahdi Herrschaft 1898 wiederhergestellt und bleibt bis ins Jahr 1916 bestehen.

Besetzung und Kolonialzeit

Osmanisch-ägyptische Besetzung

Hauptartikel: Türkisch-Ägyptischer Sudan

Im frühen 19. Jahrhundert begannen die Khediven (osmanische Vizekönige) von Ägypten Sudan zu erobern. Entlang des Nils stießen sie immer weiter nach Süden vor. 1821 wurde das Sultanat von Sannar von türkisch-ägyptischen Truppen unter Führung Ismael Kamil Paschas, des Sohns Muhammad Alis, erobert. Nach der Eroberung wurde sofort damit begonnen schwarze Sklaven zu rekrutieren. Am 13. Juni 1821 wurde die Hauptstadt der Fung Sannar erobert. Nach Dongola wurde das Königreich Darfur erobert und schließlich 1871 mit der Provinz Äquatoria die zentralafrikanischen Seen erreicht.

Um die Verwaltung in den besetzten Gebieten zu organisieren und dem Sklavenhandel ein Ende zu setzen, schickte die ägyptische Regierung in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts Europäer nach Sudan. Charles George Gordon wurde so 1874 zum Gouverneur von Äquatoria und dann des gesamten Sudan ernannt.

Mahdi-Aufstand

Ausdehnung des von den Mahdisten 1891 kontrollierten Gebietes in den heutigen Grenzen

Hauptartikel: Mahdi-Aufstand

Ab 1881 kann sich die Bewegung des sudanesischen religiösen Führers Muhammad Ahmad (genannt al-Mahdi - der von Gott geleitete) durchsetzen. Ägypten, das seit 1882 durch Großbritannien besetzt ist, zieht sich aus Sudan zurück. Diese Phase wird auch als Mahdi-Aufstand bezeichnet. Am 26. Januar 1885 fällt das von Briten verteidigte Khartum in die Hand des Mahdis. Der britische Befehlshaber Charles George Gordon wird dabei getötet. Die Mahdisten errichten einen Staat der sich von Darfur im Westen bis Suakin im Osten (ohne die Stadt) und von Dongola im Norden bis Bahr al-Ghazal im Süden erstreckt. Der Mahdi gründete am anderen Nilufer von Khartum in Omdurman eine neue Hauptstadt, wo er am 12. Juni 1885 stirbt. Der Mahdi-Nachfolger, Kalif Abdallahi ibn Muhammad, wird erst 1898 durch ägyptische Truppen unter dem britischen General Lord Horatio Herbert Kitchener in der Schlacht von Omdurman geschlagen. Die Mahdisten flohen nach Süden. Hier kontrollierten sie bis 1899 das Gebiet von Darfur bis zur Grenze nach Äthiopien. Im Oktober 1899 entsandte Kitchener 8.000 Soldaten, um Abdallahi ibn Muhammad endgültig zu vernichten. In der Schlacht von Umm Diwaykarat in der Provinz Kordofan wurde dieser getötet.

Anglo-Ägyptisches Kondominium

Muhammad al-Mahdi

Hauptartikel: Anglo-Ägyptischer Sudan

1898 und 1899 kommt es zur Faschodakrise zwischen Großbritannien und Frankreich, die sich nicht über ihre Besitzansprüche auf Sudan einigen können. Am Ende muss sich Frankreich aus Faschoda zurückziehen, verzichtet 1904 offiziell, und Sudan wird anglo-ägyptisches Kondominium, de facto aber bis 1953 britische Kolonie. Ägypten beansprucht Sudan weiterhin für sich, ist aber in dem Kondominium lediglich "Juniorpartner", das heißt: Britische Beamte kontrollieren die Verwaltung Sudans, und ägyptische Beamte sind höchstens in der mittleren Führungsebene zu finden.

Unter der britischen Herrschaft wird die Hauptstadt Khartum planmäßig ausgebaut, eine Universität errichtet (hauptsächlich zur Ausbildung lokaler Beamter), und vor allem der Anbau von Baumwolle intensiviert, die für die britische Textilindustrie ein sehr wichtiges Importgut ist. Wichtigstes Anbaugebiet wird die Gegend zwischen Weißem und Blauem Nil südlich Khartums.

Derweil strömen protestantische und katholische Missionare ins Land und bekehren im Süden Teile der vorher "heidnischen" Religionen oder dem monophysitischen Christentum äthiopischer Prägung angehörigen Schwarzen, so dass sich dort, wo es bisher keine Islamisierung gab, die christliche Minderheit zum Teil beträchtlich vergrößert.

Siehe auch: Liste der Generalgouverneure des Anglo-Ägyptischen Sudan

Republik Sudan

Unabhängigkeit 1956

Am 12. Februar 1953 geht Ägypten einen Kompromiss ein: Der künftige Sudan soll selber entscheiden, ob er zu Ägypten gehören will oder nicht. Die Wahlen am 29. November gehen eindeutig zugunsten der Nationalen Unionspartei (Umma-Partei - UP) aus. Damit ist der Weg in die Selbständigkeit weitgehend geebnet. Schon 1948 führten die Briten in Sudan eine Verwaltungsreform durch und ließen gegen den ägyptischen Widerstand 1951 eine nationale verfassunggebende Versammlung zu. Nach den Wahlen vom November gelingt es Ismail al-Aschari (* 1902, † 1969) am 9. Januar 1954 eine Regierung zu bilden.

1955 beginnt der Bürgerkrieg zwischen dem christlich-schwarzen Süden und dem islamisch-arabischen Norden des Landes.

Am 1. Januar 1956 wurde Sudan unter Präsident al-Aschari unabhängig. Die ethnisch-religiösen Gegensätze des Landes können allerdings bis heute nicht gelöst werden. Im April des Jahres wird Sudan Mitglied der Arabischen Liga und demonstriert so seine Zugehörigkeit zur Arabischen Welt.

Bei den Wahlen vom 11. März 1958 wird die Umma mit 68 der 173 Parlamentssitze stärkste Partei. Wegen der Probleme innerhalb der Koalition wendet sich ihr Führer Abdullah Khalil an den Oberbefehlshaber der Armee, General Ibrahim Abbud. Dieser putscht am 17. November. Er löst das Parlament auf, suspendiert die Verfassung, verbietet alle Parteien und wird als Oberhaupt der Militärjunta Staatschef.

Am 15. November 1964 wird Abbud von einer zivilen Regierung unter al-Aschari wieder abgelöst. Diese Zeit wird geprägt durch Instabilität und Rivalitäten der Parteien.

1969-1985: Herrschaft von Numeiri

Schon am 25. Mai 1969 gibt es einen neuen Putsch. Diesmal unter Oberst Dschafar Muhammad an-Numairi, der in der Folge die Sudanesische Sozialistische Union (SSU) als alleinige Partei im Staate installiert. Er nähert sich außenpolitisch der Sowjetunion an und verstaatlicht 1970 ausländische Banken und Unternehmen. Seine Politik richtet sich zunächst am damaligen panarabistischen Vorbild Gamal abd an-Nassir aus.

Am 19. Juli 1971 kommt es zu einem kommunistischen Putschversuch in Sudan: Linke Kräfte in Numeiris Revolutionsrat rebellieren gegen dessen nationalrevolutionären Flügel. Numeiri kann den Putsch am 22. Juli des Jahres mit Hilfe Libyens und Ägyptens niederschlagen. Es folgen Verhaftungen, Hinrichtungen und diplomatische Konflikte mit Moskau. Am 10. Oktober 1971 wird Numeiri zum Staatschef gewählt.

1972 erreicht er mit dem aufständischen Süden das Friedensabkommen von Addis Abeba. Der Süden erhält eine Autonomie; eine Amnestie für die Rebellen und Wirtschaftshilfe für den armen Süden werden versprochen. Am 13. Juni 1972 nimmt Sudan wieder seine diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland auf. Am 25. Juli auch wieder zur USA. Dies wird im Westen als außenpolitische Öffnung Sudans begrüßt, im Ostblock hingegen als Hinwendung zum Imperialismus gewertet.

Am 14. April 1973 gibt es eine neue Verfassung für Sudan. Der Islam wird als Staatsreligion verankert, das Christentum als Minderheitenreligion anerkannt, dem Süden die Autonomie versichert – und das alles unter Führung der SSU als alleiniger verfassungsmäßiger Staatspartei. Tatsächlich wird am 22. Oktober eine Autonomieregierung Südsudans eingerichtet.

1976 gibt es einen weiteren Putschversuch, der aber fehlschlägt. Numeiri beschuldigt Libyen der Urheberschaft und schließt am 15. Juli ein Beistandsabkommen mit Ägypten. Die Beziehungen zur Sowjetunion verschlechtern sich zunehmend. Diplomatische Kontakte werden minimiert.

Am 14. August 1977 werden diverse Exilpolitiker rehabilitiert und dürfen wieder nach Sudan kommen. Sadiq al-Mahdi versöhnt sich mit Numeiri und löst seine Nationale Front kurzerhand auf. Im Gegenzug verspricht Numeiri politische Teilhabe unter dem Dach der SSU.

Vom 12. bis 21. Januar 1979 tagen die Parlamente Ägyptens und Sudans gemeinsam. So soll der Schulterschluss der beiden Staaten auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet unterstrichen werden.

Im März 1980 überstand Dschafar Muhammad an-Numairi auch einen Putschversuch durch fünf Armeeoffiziere, die festgenommen werden. Er beschuldigt daraufhin die Sowjetunion und Syrien, den Putschversuch unterstützt zu haben, und bietet ab Juni 1980 den USA die Benutzung militärischer Einrichtungen in Sudan an. Am 26. Juni 1980 kommt es zudem zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Libyen, weil Sudan bei dessem Engagement im benachbarten Tschad auf der anderen Seite steht, da Libyen eine Vereinigung beider Länder anstrebt.

1982 kommt es zu weiteren Vereinbarungen der engen Zusammenarbeit mit Ägypten in der Nilregion.

1983 begehrt Südsudan erneut auf. Beobachter gehen davon aus, dass diesmal ethnische Streitigkeiten nur vorgeschoben sind und es vielmehr um die dort entdeckten Erdöllagerstätten geht. Hinzu kommt die Einführung der Schari'a am 9. September des Jahres. Die SPLA unter John Garang nimmt im Süden ihren Widerstandskampf zur "Befreiung Sudans" auf. Sie wird von Äthiopien logistisch unterstützt und sieht sich selber nicht als separatistisch.

Im April 1984 wird der Ausnahmezustand verhängt. Numeiri nähert sich immer mehr den Muslimbrüdern unter dem religiösen Führer Hassan al-Turabi an. Wichtigster Oppositionsführer wird wieder Sadiq al-Mahdi, der sich auf den Nimbus seines Vorfahren, den mächtigen al-Mahdi aus dem 19. Jahrhundert (siehe oben) berufen kann und als moderater Vertreter des Islam gilt. Er führt die Umma-Partei an und gründet die Ansar-Brüderschaft.

Sowohl die Bevölkerungsmehrheit als auch die Nationalversammlung lehnen Numeiris Islamisierungspolitik ab. Es kommt zum Eklat, als sich Numeiri offiziell als Imam ausrufen und Sudan als islamischen Staat umtaufen lassen will und die Nationalversammlung ihm die Zustimmung verweigert.

Am 18. Januar 1985 wird der 76-Jährige reformorientierte religiöse Führer Mahmud Taha (Republikanische Bruderschaft) wegen Häresie hingerichtet. Als US-Vizepräsident George H. W. Bush im März in Sudan weilt, kritisiert er Numeiris Islamisierungskurs angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftslage des afrikanischen Landes. Daraufhin werden Turabi und weitere Muslimbrüder plötzlich verhaftet.

Numeiri wird am 6. April 1985 nach Unruhen und der Drohung mit Generalstreik in Khartum durch einen unblutigen Militärputsch gestürzt. Numeiri befindet sich zu der Zeit in den USA bei einem Staatsbesuch. Der provisorische Militärrat (TMC) unter Swar ad-Dahab übernimmt die Macht und ernennt eine Übergangsregierung. Trotz Friedensangebots geht der Kampf der SPLA im Süden weiter, während sich im Norden Widerstand gegen die Reform der unter Numeiri geschaffenen Herrschaftsstrukturen formiert.

Außenpolitisch orientiert sich die neue Regierung wieder stärker an Libyen und der Sowjetunion und nimmt auch wieder diplomatische Beziehungen zum Iran auf, was die USA mit Sorge betrachten. Am 10. Oktober schließlich, wird eine Übergangsverfassung eingesetzt, und es werden Wahlen ausgeschrieben.

Vom 1. bis 12. April 1986 gibt es allgemeine Wahlen in Sudan, an denen sich 40 Parteien beteiligen. Wegen der anhaltenden Kämpfe im Süden wird dort in dutzenden Wahlkreisen nicht gewählt. Die Umma-Partei (UP) von Sadiq al Mahdi bekommt 99 Sitze, die Demokratische Unionspartei (DUP) 63; und die Nationale Islamische Front (NIF) unter Hassan Turabi 51.

Sadiq al-Mahdi wird am 15. Mai Ministerpräsident der Koalitionsregierung aus UP und DUP. Die Muslimbruderschaft, die unter dem Dach der NIF agiert, kann durch ihre parlamentarische Stärke verhindern, dass die Schari'a wieder ganz aus dem sudanesischen Rechtswesen verschwindet.

Derweil kann die SPLA weiter Boden gut machen, und Vermittlungsbemühungen zwischen al-Mahdi und dem SPLA-Führer John Garang in Addis Abeba scheitern. Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechtert sich zunehmend.

1989 bis heute: Herrschaft von Bashir

1989 putscht wieder das Militär, und der islamisch orientierte Omar Hassan Ahmad al-Bashir übernimmt mit seinem Revolutionären Kommandorat (RCC) die Macht.

Im Juli 1991 wird die Schari'a erneut im vollen Umfang eingeführt. Darüber hinaus verbietet Bashir weitere Hilfsflüge der internationalen Hilfsorganisationen in den hungernden Süden.

Inzwischen spitzt sich der Konflikt im Süden zu, und es kommt 1992 zu einer großangelegten Offensive der Regierungstruppen gegen die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA). Daran ändert auch die offizielle Beendigung der Militärdiktatur im Jahr 1993 nichts. Die Fronten gegenüber dem nach Autonomie strebenden Süden verschärfen sich. Beobachter der Vereinten Nationen sprechen von Völkermord, begangen von radikalen Islamisten unter Billigung bzw. Beteiligung der Regierungstruppen. Sudan wird bereits 1992 von der UNO wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt.

Am 10. Februar 1993 besucht Papst Johannes Paul II. die Hauptstadt Khartum.

Nach seiner Wiederwahl (Parteien bleiben verboten) als Präsident 1996 verhandelt al-Bashir erfolglos mit der SPLA, so dass die Gespräche 1997 in Nairobi als gescheitert erklärt werden müssen. Im darauf folgenden Jahr werden die Verhandlungen in der kenianischen Hauptstadt wiederaufgenommen. Hassan al-Turabi (inzwischen Parlamentspräsident) erklärt im Juli 1998, dass eine Unabhängigkeit des Südens nicht mehr ausgeschlossen werde.

1998 greifen die USA Sudan an und bombardieren die Asch-Schifa-Arzneimittelfabrik nahe der Hauptstadt Khartum. Dies wird offiziell damit begründet, dass dort angeblich Giftgas produziert wird und eine Verwicklung Sudans in die Terroranschläge von Nairobi und Daressalam bestehe. Beweise für diese Behauptungen konnten bis heute nicht erbracht werden.

Bereits 250.000 Menschen sollen im Süden durch die Bombardierungen getötet worden sein und 2,5 Millionen akut von einer Hungersnot betroffen. Im selben Jahr verdichten sich auch Berichte über den zunehmenden Sklavenhandel im Süden – ein Jahrhunderte altes Trauma der dortigen Völker.

1999 wird das sudanesische Parlament aufgelöst, und al-Bashir verhängt den Ausnahmezustand, der 2000 verlängert wird. Ein vereinbarter Waffenstillstand zwischen Regierung und Rebellen wird gebrochen, und die Hilfsorganisationen beenden ihre Hilfsflüge, die schon seit 1998 die Not der Menschen lindern sollen.

Bei den Neuwahlen von 2001 gewinnt al-Bashir haushoch, was unter anderen darauf zurückzuführen ist, dass die Oppositionsparteien die Wahl boykottieren. Der Ausnahmezustand wird erneut verlängert.

Siehe auch

Literatur

  • Khaled al-Hakami: Sudan - Arabien und Schwarzafrika am Nil, NORDICO - Museum der Stadt Linz 2001, ISBN 3-85484-078-0
  • Derek A. Welsby, Julie R. Anderson Hrs., Sudan : ancient treasures, an exhibition of recent discoveries from the Sudan National Museum, British Museum Press, London 2004, ISBN 0-7141-1960-1

Weblinks


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