Gynokratie


Gynokratie

Das Matriarchat (von lat. mater „Mutter“, und griech. arché „Beginn, Ursprung“, auch „Herrschaft“) ist eine gynozentrische Gesellschaftsstruktur, in der je nach verwendeter Definition entweder Frauen die Macht innehaben oder die frauenzentriert ist, die Gesellschaftsordnung also um die Frauen herum organisiert ist. Außer dem Begriff Matriarchat sind für die zweite Bedeutung folgende Begriffe gebräuchlich: mutterrechtlich oder gynaikokratisch (Johann Jakob Bachofen), matrizentrisch oder matristisch (Wilhelm Reich, Humberto Maturana), matrifokal oder gylanisch (Riane Eisler).

Die verwandtschaftsethnologischen Begriffe matrilinear, matrilokal und uxorilokal beschreiben vor allem die Abstammungs- und Wohnsitzregeln. Begrifflich wird oft nicht unterschieden zwischen der zentralen Stellung von Müttern und der zentralen Stellung von Frauen.

Für Vertreterinnen der Frauenbewegung, insbesondere des differentialistischen Zweiges, bedeutet das Matriarchat im besonderen eine Zeit der Ur- und Frühgeschichte, in der die Frauen kulturschöpferisch und prägend gewesen sind, aber nicht geherrscht haben. Es besteht demgegenüber heute bei Historikern wie bei Feministinnen Einigkeit darüber, dass es Gesellschaften mit Frauenherrschaft - im Sinne eines umgedrehten Patriarchats - nicht gegeben hat.

Die Anfänge der Matriarchatsforschung entstammen dem 19. Jahrhundert. Bei einigen Matriarchatstheorien werden hypothetische und gelegentlich sogar fantastische Elemente mit historischen Tatsachen verbunden. Seit den 1970er Jahren wurden sie vor allem von Heide Göttner-Abendroth auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Der Begriff Matriarchat wird manchmal wertend verwendet und hat dann auch eine politische Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale eines Matriarchats

Zu der Frage, was ein Matriarchat definiert, gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Ansatzpunkte. Heide Göttner-Abendroth hat folgende Kriterien definiert:

  1. Soziale Merkmale: Die Sippen sind matrilinear strukturiert (Abstammung von der Mutterlinie) und werden durch Matrilokalität und Uxorilokalität zusammengehalten (Wohnsitz bei der Mutterlinie). Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen. Biologische Vaterschaft ist neben der sozialen Vaterschaft zweitrangig.
  2. Politische Merkmale: Das politische System basiert auf Konsensdemokratie auf verschiedenen Ebenen (Sippenhaus, Dorf, Regional). Delegierte agieren als Kommunikationsträger zwischen den verschiedenen Ebenen. Es handelt sich um so genannte segmentäre Gesellschaften, die sich durch das Fehlen einer Zentralinstanz auszeichnen (regulierte Anarchie).
  3. Ökonomische Merkmale: Es handelt sich meistens um Garten- oder Ackerbaugesellschaften. Es wird Subsistenzwirtschaft betrieben. Land und Haus sind im Besitz der Sippe und kein Privateigentum. Die Frauen haben die Kontrolle über die wesentlichen Lebensgüter. Das Ideal ist Verteilung und Ausgleich und nicht Akkumulation. Dieser Ausgleich wird durch gemeinschaftliche Feste erreicht. Es handelt sich um so genannte Ausgleichsgesellschaften.
  4. Weltanschauliche Merkmale: Der Glaube, in der eigenen Sippe wiedergeboren zu werden, und der Ahnenkult bilden die Grundlage der religiösen Vorstellungen. Die Welt gilt als heilig. Die Erde als die Große Mutter garantiert die Wiedergeburt und Ernährung allen Lebens. Sie ist die eine Urgöttin, die andere Urgöttin ist die kosmische Göttin als Schöpferin des Universums. Es handelt sich um sakrale Gesellschaften.

Damit hat Göttner-Abendroth einen sehr umfassenden Kriterienkatalog erstellt. Kein Konsens herrscht in der Frage, ob es bei strenger Anwendung aller Kriterien derzeit Matriarchate gibt (bei Konversionenen zu Islam oder Christentum, Aufgeben der Clanhäuser und somit Abkehr von der Matrilokalität, Abkehr von Subsistenzwirtschaft etc.). Weniger Zweifel dürfte es hingegen bei selektiver Anwendung einzelner Kriterien geben.

Rezente Matriarchate

Matriarchale Völker

Tuareg-Frau

Die Ethnologie kennt auch heute noch auf allen Kontinenten - außer in Europa - Völker (Ethnien) mit matrilinearen Abstammungsregeln, von denen manche zusätzlich die Matrilokalität praktizieren: die Khasi und die Nayar in Indien, die Irokesen in den USA, die Tuareg in Nordafrika, die Mosuo in China etc. Aufgrund von kolonialer Vereinnahmung, Missionierung oder wegen Interaktionsprozessen mit angrenzenden Nationen weisen diese allerdings nur noch selten alle Züge ihrer ursprünglichen Kultur auf.

Die Minangkabau auf Sumatra werden als das größte bekannte matrilineare Volk bezeichnet, und sie haben bis heute das Adat, ihr ungeschriebenes Gesetz, bewahrt. Insgesamt über drei Millionen Menschen leben noch nach diesen tradierten Regeln. In Handel, Verwaltung, Wirtschaft, Politik, Kultur sind sie sehr aktiv und gelten in Indonesien als ein Volk von hoher Bildung, Kultur, Weltoffenheit und großer Wirtschaftskraft. Die Minangkabau hatten ursprünglich matrilokale Wohnsitzregeln, heute sind jedoch Kernfamilien eine gängige Lebensform. Durch die amerikanische Anthropologin Peggy Reeves Sanday sind die Strukturen der Minangkabau hervorragend dokumentiert, weil die Forscherin jahrelang unter ihnen lebte. Die Minangkabau sind Moslems, was im ersten Moment überraschend wirkt. Die starke Stellung des Bruders der Mutter, die typisch ist für matrilineare Gesellschaften, ermöglicht die Vereinbarkeit mit einer patriarchalen Religion.

Die Goajiro-Arawak sind mit 60.000 Menschen eine zahlenmäßig recht große Ethnie in Kolumbien und in Venezuela. Die Goajiro sind matrilinear und bilden etwa 30 große Clans, je mit einem Tier als Erkennungszeichen und mit eigenem Territorium. Jeder Clan wird von der ältesten Frau zusammengehalten. Ihr ältester Bruder ist der Vertreter des Clans nach außen und genießt große Autorität. Aus diesen männlichen Sippenvertretern wird der Dorfhäuptling gewählt, und die Wahl fällt immer auf den Wohlhabendsten. Die wirtschaftliche Basis jeder Sippe ist das Vieh, es ist Gemeinschaftsbesitz. Die junge Frau geht bei der Heirat ins Haus des Gatten, für sie erhält ihr eigener Clan Vieh als Hochzeitsgabe.

Mit 19.000 Mitgliedern sind die im Regenwald lebenden Yanomami eine eher kleine Gemeinschaft.

Matrilinearität und Herrschaft

Das Verwandtschaftssystem sagt noch nichts über die politische Machtverteilung einer Kultur aus. So hat eine matrilineare Verwandtschaftsorganisation nicht automatisch die Konsequenz, dass Frauen die politische Macht innehaben. Es ist eine Gemeinsamkeit aller von der Matriarchatsforschung als Matriarchate definierten Gesellschaften, dass repräsentative Aufgaben außerhalb der Sippe von den Männern wahrgenommen werden, was bei Ethnologen immer wieder zum Fehlschluss führte, Männer hätten die politische Macht inne, und bei der betreffenden Gesellschaft könne es sich deshalb nicht um ein Matriarchat handeln. Zur Begriffsverwirrung Matriarchat/Frauenherrschaft siehe Frauenherrschaft.

Wenn weiblichen Häuptlingen oder Clan-Vorständen jeweils männliche gegenüberstehen, ergibt sich daraus ein allgemeines Prinzip der Ämterdoppelung. In matriarchalen Gesellschaften ist es üblich, die Verantwortung für Ämter auf zwei Personen zu verteilen, die nicht selten denselben Aufgabenbereich zu betreuen haben (→Dyarchie). Wie Henry Lewis Morgan für die Irokesen feststellt, resultiert daraus ein Zwang zu Absprachen und zu einem regelmäßigen Wechsel der Führungsrolle.

Das Prinzip der Ämterteilung entspricht der Übereinkunft auf allen gesellschaftlichen Ebenen, wo sich jeweils reziproke Hälften gegenüberstehen. Das kann innerhalb einer Sippe oder eines Gefüges mehrerer Sippen sein, die sich untereinander als Geschwister verstehen. Solche dualen Institutionalisierungen sind eine Verwirklichungsform des Prinzips der Gegenseitigkeit, das auch anderen Institutionen zugrunde liegt.[1]

Organisierte Kriege sind untypisch für matriarchale Gesellschaften, obwohl bei ihnen gelegentliche Fehden im Sinne von Blutrache vorkamen. Allerdings hatte bei einigen dieser Völker Kriegsführung durchaus einen hohen Stellenwert: Die Nayar in Südindien waren eine Kriegerkaste, Irokesen und Huronen bildeten Kriegsbünde und die Tuareg nahmen gelegentlich an Fehden und Raubzügen teil. Die Bedeutung des Krieges nahm zu, wenn matriarchale Gesellschaften gezwungen waren, sich gegen in ihr Gebiet eindringende, kriegerisch organisierte patriarchale Völkerschaften zu verteidigen. Die Kriegsführung war im Allgemeinen defensiv, sie konnte unter besonderen Umständen aber auch offensive Züge annehmen, so z.B. bei den Irokesen und den Nayar, die auch matriarchale Nachbarvölker besiegten oder überlagerten. Dies geschah hauptsächlich dann, wenn matriarchale Völker trotz Gegenwehr aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet vertrieben wurden und ein neues Territorium eroberten, das bereits besiedelt war. Dieser Prozess unterhöhlte jedoch die matriarchalen Strukturen, da die Stellung kriegsführender Männer und ihrer Kriegshäuptlinge gestärkt und damit gleichzeitig die Macht der Frauen untergraben wurde.[2]

Siehe auch: Beispiele für matriarchale Völker

Historische Matriarchate

Verbreitung

Fruchtbarer Halbmond
rekonstruiertes Haus in Catal Hüyük

Vertreter der Matriarchatsforschung gehen davon aus, dass frühe menschliche Gesellschaften, insbesondere diejenigen der neolithischen Ackerbauern, matriarchal waren. Dies wird u.a. damit begründet, dass archäologische Funde aus dieser Zeit angeblich keine Anzeichen für die Dominanz des Mannes und für Gewalt, Krieg oder Klassenunterschiede ergaben.[3] Zahlreiche Mythen, Legenden und Märchen sollen Überreste einer matriarchalen Gesellschaftsordnung bewahrt haben und deuten nach Ansicht von Heide Göttner-Abendroth insofern auf ihre Existenz hin.[4]

Als frühe Matriarchate gelten die prä-neolithische Siedlung Göbekli Tepe in Anatolien, die neolithischen Siedlungen des fruchtbaren Halbmonds wie Çatalhöyük, Hacilar, Nevali Cori, Jericho und Beidha, möglicherweise auch die frühesten Siedlungen in Mesopotamien und am Indus.

Die alteuropäischen Kulturen vor der Invasion der Kurgan-Leute werden ebenfalls als Matriarchate angesehen. Beispiele sind die von Marija Gimbutas beschriebene Vinča-Kultur, die Bandkeramiker und die Megalithkulturen, denen z.B. das Hypogäum von Ħal-Saflieni auf Malta zugerechnet wird. Auch die minoische Kultur war möglicherweise matriarchal geprägt[5].

Zeitlich wären diese Kulturen ungefähr zwischen 8000 und 3000 v.u.Z. anzusiedeln, wobei sie teilweise auch noch später vorkamen.

Im Widerspruch zum gegenteiligen Glauben bei manchen Anhängerinnen des Neuheidentums (z.B. Wicca) waren die Kelten, trotz teilweise besserer Stellung der Frauen als bei anderen Kulturen der Antike, eine eindeutig patriarchal geprägte indoeuropäische Kultur.

Religion der historischen Matriarchate

Göttin-Heros-Struktur nach Göttner-Abendroth

Die Religion der historischen entwickelten Matriarchate Vorderasiens und Europas war nach Göttner-Abendroth der Kult der Großen Göttin, die in dreierlei Gestalt auftrat. Es handelte sich dabei jedoch nicht um eine transzendente Gottheit außerhalb der Welt, sondern die ganze Welt wurde als göttlich gedacht. In diesem Sinne wird der – in der Sicht der antiken Völker dreigegliederte – Kosmos als vollständig von weiblichen Kräften durchdrungen vorgestellt:

  • Im Himmel „wohnt die helle, jugendliche, atmosphärische Göttin, verkörpert im jagenden Mädchen.“
  • Die Mitte – Land und Meer – ist Wohnung der Frauengöttin, „die mit ihrer erotischen Kraft Erde und Gewässer, Tiere und Menschen, Land und Meer fruchtbar macht und damit das Leben erhält.“
  • „In der Unterwelt wohnt die Greisingöttin, die Todesgöttin als Alte Frau, welche alles Leben im Abgrund auflöst und zugleich aus der Tiefe wiederauferstehen lässt. Sie ist die mysteriöse Gottheit ewigen Untergangs und ewiger Wiederkehr; sie bestimmt die astronomischen Zyklen (Untergang und Aufgang der Sterne) und damit auch die Zyklen der Vegetation und des menschlichen Lebens; damit ist sie die Herrin der kosmischen Ordnung und die ewige Weisheit in Person.“

Alle drei Gestalten bilden eine Gottheit, sie sind nie völlig voneinander getrennt. Ihr Symbol ist der Mond mit seinen drei Phasen, als aufgehender Sichelmond Symbol der Mädchengöttin, der rote Vollmond repräsentiert die Frauengöttin und der unsichtbare Neumond ist der Unterweltsgöttin zugeordnet. Dementsprechend sind die heiligen Farben des Matriarchats auch weiß, rot und schwarz[6].

Der männliche Heros gilt als Gefährte und Geliebter der Göttin. Sein Symbol ist die Sonne. Er durchläuft die Stadien Initiation im Sinn der Vollbringung von Heldentaten, Heilige Hochzeit mit der Göttin sowie Opfertod und Wiedergeburt durch die Göttin. Im Verhältnis zur Göttin repräsentiert er den sterblichen Menschen [7].

In matriarchalen Religionen gab es keine Dogmen oder heiligen Bücher, sondern innerhalb des oben beschriebenen Rahmens eine große Vielfalt von Mythen und Kulthandlungen[8].

An Festtagen wurden Zeremonien und Kultdramen aufgeführt, die das Weltbild des Matriarchats wiedergaben. Sie symbolisierten sowohl das Werden und Vergehen der Natur wie des menschlichen Lebens und wiederholten sich jährlich:

  • Im Frühjahr wurde die Göttin in ihrer jugendlichen Gestalt sowie die Initiation des Heros gefeiert. Dies symbolisierte gleichzeitig die Wiederkehr des Lebens.
  • Im Sommer wurde die Heilige Hochzeit zwischen Göttin und Heros gefeiert. Hierdurch sollte die Fruchtbarkeit des Landes gesichert werden.
  • Im Herbst wurden Feste gefeiert, die im Zusammenhang mit dem Tod und der Wiederauferstehung des Lebens standen. So wurde der „Tod“ des reifen Getreides als Voraussetzung für das Leben des Menschen verstanden. Auch der Opfertod und die Jenseitsfahrt des Heros-Königs symbolisierten die Sterblichkeit des Menschen und waren zugleich Voraussetzung, um die Kosmos durch sein Blut fruchtbar zu halten. Im Herbst gedachte man auch der Ahnen/innen der Sippe.
  • Im Winter wurde die Wiedergeburt des Lebens gefeiert. Man stellte sich ganz konkret vor, dass die Seelen der Verstorbenen in den Kindern der gleichen Sippe wiedergeboren werden. Insofern wurde der Tod nicht als etwas Endgültiges angesehen[9].

siehe auch: Jahreskreis

Übergang zum Patriarchat

Wenn angenommen wird, dass das Matriarchat in der menschlichen Frühzeit allgemein verbreitet war, stellt sich die Frage, warum es einen (fast) allgemeinen Übergang zum Patriarchat gegeben hat. Hier gibt es zwei unterschiedliche Theorietraditionen.

Historisch-materialistische Theorien

Diese Theorie ist die ältere. Sie wurde zuerst von Friedrich Engels im Jahr 1884 formuliert und wird bis heute von vielen marxistischen Wissenschaftlern vertreten, neuerdings wieder von Ernest Bornemann (1975) und Lambrecht / Tjaden / Tjaden-Steinhauer (1998). Danach soll der Übergang zum Patriarchat aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung und Arbeitsproduktivität erfolgt sein, die durch Einführung des Ackerbaus, der Viehzucht und der Metallverarbeitung zustande kam. Weil jetzt erstmals ein gesellschaftliches Mehrprodukt erzeugt werden konnte, kam es zur verstärkten Anhäufung von Privatbesitz und damit hatten die Männer einen Anreiz, diesen ausschließlich an ihre leiblichen Nachkommen zu vererben. Damit wurde für sie die Feststellung der biologischen Vaterschaft wichtiger. Deshalb musste aus ihrer Sicht die Sexualität der Frauen eingeschränkt und kontrolliert werden. Auch durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die den Männern angeblich prestigereiche Tätigkeiten im Zusammenhang mit Viehzucht und Ackerbau zuwies, wurde ihre Position gestärkt[10].

Nach diesen Theorien war das Matriarchat zwar eine wichtige Epoche der Menschheitsgeschichte, aber die zunehmende Arbeitsproduktivität führte unvermeidlich zu Statusunterschieden zwischen Männern und Frauen, zur Entstehung des Staates und von Klassen. Eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter könne es nur im Sozialismus bzw. Kommunismus geben.

Katastrophentheorien

Diese Theorien werden v. a. von Vertreterinnen der Frauenbewegung bzw. ihr nahe stehenden Wissenschaftler/inne/n vertreten.

Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth geht davon aus, dass Patriarchate nur unter bestimmten katastrophischen Bedingungen, zu denen auch Klimaverschlechterungen gehören, entstehen. Sie beschreibt den Entstehungsmechanismus unter Bezugnahme auf den Sozio- und Ethnologen Christian Sigrist: Im Verlauf von durch Naturkatastrophen ausgelösten Wanderungen bildeten sich Gefolgschaften von Männern, die jetzt einem Anführer verpflichtet waren. Damit war der Grundstein für die Entstehung von Macht und Herrschaft gelegt, denn dieser Anführer konnte mittels des durch seine Gefolgschaften gebildeten Erzwingungsstabes seine Befehle auch gegen Widerstand durchsetzen, was vorher nicht möglich war.

Die Völker mit Zentralinstanz und Erzwingungsstab sind denjenigen ohne strategisch überlegen. Nach Göttner-Abendroth hätten diese ersten patriarchalen Gesellschaften benachbarte, Ackerbau treibende Völker erobert, überschichtet und dort ihre eigenen patriarchalen Institutionen durchgesetzt. Aber bereits die Bedrohung durch patriarchale Gesellschaften führt bei den Betroffenen zu ähnlichen Mechanismen. Zum Zweck der Verteidigung werden sie sich um einen charismatischen Führer scharen und ihm weitgehende Rechte überlassen. Nur so haben sie eine Chance, den Angreifern zu widerstehen. Sie geraten also auf jeden Fall unter (patriarchale) Herrschaftsmechanismen, entweder unter die eines fremden Volkes oder unter diejenige des eigenen Anführers. Wenn die persönliche Herrschaft einmal etabliert ist, wird sie mit unterschiedlichen Techniken im Allgemeinen auch dauerhaft aufrecht erhalten.[11]

Göttner-Abendroth erklärt den Übergang zum Patriarchat mit äußeren, nicht in der Gesellschaft selbst liegenden Faktoren. Daraus folgt bei ihr, dass es für die Entwicklung der historischen Matriarchate keine immanente Grenze gab und demnach durchaus matriarchale Gesellschaften mit stark ausgeprägter Arbeitsteilung denkbar sind.

Forschungsgeschichte

Siehe auch: Matriarchatsforschung

Lewis Henry Morgan war der einflussreichste amerikanische Ethnologe des 19. Jahrhunderts. Er stellt in seinem Werk „Ancient Society“ (Die Urgesellschaft, 1891, ISBN 3-930596-01-6) ein evolutionistisches Schema der menschlichen Familienentwicklung am Beispiel der Irokesen-Liga in Nordamerika auf. Seine Bemerkungen zur weiblichen Rolle sind relativ spärlich und neutral, weil es gar nicht Morgans Absicht war, eine matriarchale Gesellschaft ethnologisch zu erforschen, obwohl er es faktisch tut. Er ist damit eines der vielen Beispiele für Forscher nach ihm, die sich mit matriarchaler Thematik beschäftigen, jedoch andere Begrifflichkeiten benutzen.

Der Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen verfasste 1861 sein Werk „Das Mutterrecht“, für das er hauptsächlich antike Quellen auswertete. Er gebrauchte das Wort Gynaikokrateisthai (Frauenherrschaft), das in der Antike Verbreitung fand. Bachofens Ansatz war evolutionistisch, er nahm folgende kulturelle Reihenfolge an: Am Anfang steht die promiskuitäre Stufe, dann folgt die mutterrechtliche Stufe, welche zuletzt von der vaterrechtlichen Stufe abgelöst wird.

Basierend auf den Forschungen von Bachofen und Morgan ging Friedrich Engels in seinem Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ von 1884 davon aus, dass das Matriarchat in der menschlichen Vorgeschichte allgemein verbreitet war. Die Verwandtschaftsordnung der Urgesellschaft war demnach matrilinear und matrilokal. Der Übergang zum Patriarchat soll aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung und Arbeitsproduktivität durch einen einfachen Beschluss der Gens erfolgt sein. Im Unterschied zu Bachofen kritisiert Engels jedoch die Konsequenzen für die Frauen: „Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“ [12].

Friedrich Engels übte mit seinem Werk einen erheblichen Einfluss auf marxistische Wissenschaftler aus.

Die Harvard-Professorin Marija Gimbutas präsentierte 1956 im Rahmen ihrer Ausgrabungen in Anatolien ihre „Kurgan-Hypothese“. Sie entdeckte, dass vor der Kurganisierung Europas die Menschen in unbefestigten Dörfern und Städten friedlich zusammenlebten, und dass Frauen eine wichtige Rolle einnahmen. Mit ihrer interdisziplinären Vorgehensweise stellte sie das herrschende Modell der Archäologie, das rein-wirtschaftlich materiell ausgerichtet ist, grundsätzlich in Frage. Ihr Verdienst ist es, dass durch ihren Forschungsansatz das Aufeinanderprallen der indogermanischen Eroberer mit den lokalen Stämmen unter einem neuen Aspekt verstanden werden konnte. Obwohl Gimbutas die alteuropäischen Kulturen nicht als matriarchal bezeichnete, sind ihre Forschungen für die Matriarchatsforschung wichtig.

Wurde das Thema Matriarchat seit seiner Erforschung wenig in den wissenschaftlichen Institutionen beachtet, so erfährt es seit Ende der 1990er Jahre mehr Popularität, besonders im deutschsprachigen Raum.

Grundsätzliche Kritik

Allgemein

Die meisten Ethnologen gehen davon aus, dass Gesellschaften mit Frauenherrschaft nur als eine temporäre Ausnahmeerscheinungen existiert haben (siehe Amazonenvölker), nicht jedoch als stabile, dauerhafte Gesellschaftsform. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die hier besprochenen matriarchalen Gesellschaften. Die These einer allgemeinen matriarchalen Frühgeschichte ist in der Archäologie umstritten und wird von der Mehrheit der Forscher nicht geteilt. Allein mit archäologischen Methoden könne man keine Aussagen über die Gesellschaftsstruktur gewinnen.[13]

Siehe auch Frauenherrschaft

Ethnologisch

Der französische Ethnologe Claude Meillassoux stellte bereits 1975 eine alternative Erklärung für die Entstehung patriarchaler Verwandtschaftsverhältnisse vor. Seine Daten hat er allerdings durch Feldforschung an rezenten afrikanischen Gesellschaften gewonnen.

In Ackerbau treibenden Gesellschaften sind die Mitglieder der einzelnen Produktionszellen (Familie, Clan, Dorf) stark voneinander abhängig. Eine Zirkulation der erwachsenen Mitglieder einer Produktionszelle muss hier in geordneten Bahnen erfolgen, um eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Arbeitskräfte sicherzustellen.

Im matrilokalen Verwandtschaftssystem bleiben die Frauen in ihrer Ursprungsgemeinschaft. Dieses ist nach Meillassoux das ursprünglichere System. Hier tritt aber das Problem auf, dass die Reproduktion einer Produktionszelle von der Fruchtbarkeit der geschlechtsreifen Frauen abhängt, die in jeder Zelle geboren wurden. Wenn in einer Produktionszelle zu wenig Frauen geboren werden, was in kleinen Einheiten, die dem statistischen Gesetz der großen Zahl nicht unterliegen, relativ häufig vorkommt, kann diese in der nächsten Generation nur dann fortbestehen, wenn Frauen von außerhalb in sie eingegliedert werden. Dies kann unter matrilokalen Bedingungen nur durch Frauenraub geschehen. Hierdurch sinkt auf jeden Fall die Stellung der Frau, und längerfristig entstanden in den meisten Gesellschaften aus dem Frauenraub ein geregelter Frauentausch und patrilineare Verwandtschaftssysteme.

Nach Meillassoux ist nicht von einem allgemeinen verbreiteten Matriarchat auszugehen. In Wildbeuter-Gesellschaften spielten Verwandtschaftsverhältnisse nur eine geringe Rolle, und nach Entdeckung des Ackerbaus sollen die meisten Gesellschaften relativ schnell zu patrilinearen Verwandtschaftssystemen übergegangen sein.[14]

Ideologiekritisch

Cynthia Eller kritisiert in ihrem 2000 erschienen Buch The Myth of Matriarchal Prehistory die Matriarchatsthese vor allem aus ideologiekritischer Sicht. Ihr zufolge handelt es sich hierbei um das Wunschdenken von Anhängerinnen des differenzialistisch orientierten Zweigs der Frauenbewegung. Die These vom Matriarchat hätte eine vergleichbare Funktion, wie sie der Beschreibung eines "Urkommunismus" in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts unterstellt wird, und wäre rein ideologischen Bedürfnissen geschuldet. Ihrer Meinung nach halten auch die archäologischen Funde einer näheren Überprüfung nicht stand.[15]

Quellen

  1. vgl. hierzu Lévi-Strauss' elementare Strukturen der Verwandtschaft
  2. vgl. Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat II.2. Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika, S. 133ff
  3. vgl. James deMeo: Update on Saharasia, 1998
  4. vgl. Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihre Heros, München 1984
  5. vgl. Marija Gimbutas: Die Zivilisation der Göttin. Die Welt des Alten Europa, Frankfurt am Main 1996
  6. vgl. und Zitate: Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 17ff. Die Autoren hat die in diesen Abschnitten dargestellten Muster durch Analyse von Mythen, mittelalterlichen Epen und Märchen gewonnen, die sie auch als Ausdruck einer früheren gesellschaftlichen Praxis versteht.
  7. vgl. Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 20
  8. vgl. Heide Göttner-Abendroth: Spiritualität, in KursKontakte 120
  9. vgl. Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 32ff
  10. vgl. Friedrich Engels: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, Berlin 1962, S. 59f, auch im Internet: ML-Werke
  11. Vgl. Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat, 1, S. 56ff
  12. Friedrich Engels: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, Berlin 1962, S. 61, auch im Internet: ML-Werke
  13. vgl. Brigitte Röder, Juliane Hummel, Brigitta Kunz: Göttinnendämmerung. Das Matriarchat aus archäologischer Sicht Droemer Knaur, München 1996, ISBN 3426268876
  14. vgl. Claude Meillassoux: Die wilden Früchte der Frau, Frankfurt am Main 1976
  15. vgl. Cynthia Eller: The Myth of Matriarchal Prehistory, Beacon Press 2000, ISBN 0-8070-6792-X.

Siehe auch

Film

  • Uschi Madeisky: Die Töchter der sieben Hütten. Ein Matriarchat in Indien. Colorama, Deutschland 1997 (Video)
  • Uschi Madeisky, Klaus Werner: Wo dem Gatten nur die Nacht gehört – Besuchsehe bei den Jaintia in Indien. Colorama, Deutschland 1999 (Video)

Literatur

Wissenschaft

  • Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht. 9.Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997 (Erstauflage 1861), ISBN 3-518-27735-9.
  • Ernest Bornemann: Das Patriarchat, Fischer, Frankfurt am Main 1991 (Erstauflage 1975), ISBN 3-596-23416-6
  • Cynthia Eller: The Myth of Matriarchal Prehistory. Why an Invented Past Won't Give Women a Future. Beacon Press, Boston 2000, ISBN 0-8070-6793-8. (1. Kapitel online)
  • Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. In Marx-Engels-Werke, Band 21, Berlin 1962 (Erstauflage 1884). Online.
  • Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation, Frankfurt am Main 1995
  • Marija Gimbutas: Die Zivilisation der Göttin. Die Welt des Alten Europa, Frankfurt am Main 1996
  • Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Frauenoffensive, München 1984, ISBN 3-88104-096-X
  • Heide Göttner-Abendroth, Kurt Derungs: Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften. Edition Amalia 1997, ISBN 3-905581-01-9.
  • Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat I. Geschichte seiner Erforschung. Kohlhammer, Stuttgart 1988, ISBN 3-17-009807-1.
  • Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat II.1. Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien. 2. ergänzte Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 1999, ISBN 3-17-014995-4.
  • Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat II.2. Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika. Kohlhammer, Stuttgart 2000, ISBN 3-17-010568-x.
  • Heide Göttner-Abendroth: Für Brigida, Göttin der Inspiration. Neun patriarchatskritische Essays und Thesen zum Matriarchat. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1998 (Erstauflage 1988), ISBN 3-86150-263-1.
  • Lars Lambrecht / Karl Hermann Tjaden / Margarete Tjaden-Steinhauer: Gesellschaft von Olduvai bis Uruk, Verlag Jenior und Pressler, Kassel 1998, ISBN 3-928172-82-4
  • Claude Lévi-Strauss: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993 (Erstauflage 1949), ISBN 3-518-28644-7.
  • Carola Meier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen. Die sexistischen Wurzeln der Kultur. Fischer, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-11038-6. (online bei opus magnum)
  • Claude Meillassoux: Die wilden Früchte der Frau. Syndikat, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-8108-0010-4.
  • Brigitte Röder,Juliane Hummel, Brigitta Kunz: Göttinnendämmerung. Das Matriarchat aus archäologisdcher Sicht. DroemerKnaur, München 1996. ISBN 3-426-26887-6
  • Beate Wagner-Hasel: Matriarchatstheorien der Altertumswissenschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-01496-0.
  • Barbara G. Walker: Das geheime Wissen der Frauen. DTV, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-86150-006-X.
  • Uwe Wesel: Der Mythos vom Matriarchat. Über Bachofens Mutterrecht und die Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-07933-6.

Belletristik

  • Dirk Gerhardt: Habiru, Books on Demand GmbH 2005, ISBN 3-8334-2859-7.
  • Gerhart Hauptmann: Die Insel der großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames. Eine Geschichte aus dem utopischen Archipelagus., S. Fischer, Berlin 1924.
  • Mary Mackey: Kornmond und Dattelwein. Fischer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-22719-4.
  • Mary Mackey: Im Jahr der Pferde. Goldmann, München 1997, ISBN 3-442-41559-4.
  • Mary Mackey: Die Schmetterlingsgöttin. Goldmann, München 1997, ISBN 3-442-41560-8.
  • Mary Mackey: Das Lied der Erde. Blanvalet, München 1999, ISBN 3-442-35137-5.
  • Barbara G. Walker: Amazone. Fischer, Frankfurt 1996, ISBN 3-596-12566-9.
  • Christa Wolf: Medea - Stimmen, DTV, München 1998, ISBN 3-423-12444-X.

Weblinks


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