Herzogtum Steyer


Herzogtum Steyer
Wappen der Steiermark

Die Geschichte der Steiermark deckt sich in vielen Epochen mit der österreichischen Geschichte. Dieser Artikel ist ein Überblick über die regionsspezifischen Eigenheiten der historischen Entwicklung bis zum heutigen Bundesland Steiermark.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die spärlichen ältesten Spuren der Anwesenheit von Menschen im Gebiet der heutigen Steiermark stammen aus dem Mittelpaläolithikum, der Zeit der Neandertaler. Im Wesentlichen handelt es sich um Funde von Stein- und Knochenwerkzeugen im Grazer Bergland in der Repolusthöhle, der Badlhöhle bei Peggau und der Drachenhöhle bei Mixnitz. Spuren jungsteinzeitlicher Siedlungen wurden unter anderem am Pölshals und am Buchkogel bei Wildon nachgewiesen.

In der Bronze- und Urnenfelderzeit entwickelte sich in Mitteleuropa ein bedeutender Kulturkomplex, der in der Steiermark mit Funden in Wörschach, Königsberg bei Tieschen, Bärnbach, Ringkogel bei Hartberg, Kulm bei Trofaiach und Kulm bei Weiz bezeugt ist. Die wichtigsten Funde aus der Hallstattzeit sind das Fürstengrab in Kleinklein bei Leibnitz und der Strettweger Opferwagen.

Die Zuwanderung der Kelten in das Gebiet der heutigen Steiermark, die für die Zeit zwischen 450 bis 250 vor Christus angenommen wird, ist maßgeblich für die Kultur der La-Tène-Zeit. Aus dem 5. und 4. Jahrhundert gibt es nur wenig Einzelfunde der La-Tène-Kultur. Der Schwerpunkt der mittellatènezeitlichen Grabfunde in der Steiermark liegt im 3. Jahrhundert. Der archäologische Befund spricht für eine keltische Bevölkerungsbewegung muraufwärts. Der größte Teil des heute steirischen Gebietes wurde Teil des Königreichs Noricum, dessen Verwaltungszentrum im Klagenfurter Becken lag.

Römische Provinzen auf dem Gebiet Österreichs

15 v. Chr. wurde das Königreich Noricum Teil des Römischen Reiches. Die Umwandlung in eine römische Provinz mit der Hauptstadt Virunum auf dem Zollfeld erfolgte unter Kaiser Claudius. Unter der Herrschaft der Römer, während der die Kelten, darunter als Hauptstamm die Noriker, weiterhin das Land bewohnten, gehörte der östliche Teil der heutigen Steiermark zu Pannonien, der westliche zu Noricum.

Flavia Solva – römische Fußbodenheizung

Um 70 n. Chr. erhielt die Stadt Flavia Solva, die in der Umgebung der heutigen Stadt Leibnitz liegt, das Stadtrecht verliehen. Der Einflussbereich dieser Stadt reichte bis in die heutige Obersteiermark. Im 1. Jahrhundert n. Chr. erfolgte die allmähliche Romanisierung der norischen Bevölkerung. Um 170 brachen die Markomannen und Quaden in die Provinz Noricum ein und zerstörten die Stadt Flavia Solva zum ersten Mal, die in den Folgejahren aber wieder aufgebaut wurde. Bei der Verwaltungsreform des Römischen Reiches durch Kaiser Diokletian wurde im Jahre 293 die Provinz Noricum geteilt. Der größte Teil der heutigen Steiermark gehörte zu Binnennoricum (Noricum Mediterraneum), das im Norden bis zum Alpenhauptkamm reichte. Das Ennstal und die umgebenden Gebiete gehörten zu Ufernoricum (Noricum ripense). Ende des 4. Jh. wurde Flavia Solva im Laufe der Germanendurchzüge ein zweites Mal vollkommen zerstört und nicht mehr wieder aufgebaut.

Binnennoricum – Karantanien – Karantanische Mark – Steiermark

Während der Völkerwanderung durchzogen oder besetzten Westgoten, Hunnen, Ostgoten, Rugier und Langobarden nacheinander das Land. Über das Schicksal der römisch-norischen Bevölkerung ist nichts überliefert. Ob ein Teil der römisch-norischen Bevölkerung das Land in Richtung Süden bzw. Westen verlassen hat und ob ein Teil der Bevölkerung zurückgezogen in Seitentälern vorerst überlebt hat, ist umstritten und ein Thema von Spekulationen. Die kulturellen und wirtschaftlichen Zentren der Römer verfielen jedenfalls.

Ab 595 rückten die Vorfahren der Slowenen (Alpenslawen, Karantanen) vermutlich über die Täler der Save, der Drau und der Sann in Binnennoricum ein und besiedelten das Gebiet, zum Teil auch über Binnennoricum hinaus, aber nur soweit die bairischen Nachbarn das zugelassen haben. Die slawischen Stämme standen unter der Oberhoheit der Awaren. Aus vielen heute noch bestehenden Toponymen slawischer Herkunft (die allerdings nicht immer sofort als solche erkennbar sind) in den südöstlichen Bereichen von Österreich kann man die Ausdehnung der slawischen Besiedlung unschwer nachvollziehen.[1] Die Entstehung des polyethnischen Fürstentums der Karantanen stellt die älteste frühmittelalterliche Stammesbildung dar, die sich im Ostalpenraum aus Zuwanderern und Einheimischen vollzog. Die Karantanen waren ein eindeutig slawisch bestimmtes Volk, das allerdings einen nichtslawischen Namen trug. In den auf die Landnahme folgenden Jahrzehnten konnten die Karantanen den Einfluss der Awaren zurückdrängen. Nach 741 versuchten die wiedererstarkten Awaren die Karantanen neuerlich zu unterwerfen. Diese versicherten sich der Hilfe der Bayern, schlugen die Angreifer gemeinsam zurück, dabei gerieten die Karantanen allerdings unter die bayerische Oberhoheit. Als ein Teil von Karantanien kamen auch die später zur Steiermark gehörenden Gebiete ab der Mitte des 8. Jahrhunderts zuerst unter bayerische und ab 788 unter karolingisch-fränkische Herrschaft.[2]

Awarenmark und Karantanien

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurden die slawischen Fürsten Karantaniens durch fränkische Grenzgrafen bayerischer Abstammung ersetzt und damit das Land in die Markenorganisation des Frankenreiches eingegliedert. Nach dem Sieg Karls des Großen über die Awaren am Ende des 8. Jahrhunderts wurde das Frankenreich tief in den pannonischen Raum, bis über den Plattensee hinaus, erweitert und eine karantanische und pannonische Provinz eingerichtet. Zur letztgenannten gehörte die Oststeiermark. Durch den Einbruch der im 9. Jahrhundert neu in Mitteleuropa aufgetauchten Magyaren gingen vorerst alle Gebiete des ehemaligen Pannonien, also die Gebiete östlich des steirischen Randgebirges verloren. Durch den Sieg Ottos des Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 konnten die Vorstöße der Ungarn eingedämmt werden. Die Grenzen Bayerns, als Teil des von den Ottonen gegründeten Heiligen Römischen Reiches, wurden nach Osten vorgeschoben und als Grenzgrafschaften wurden Marken errichtet, darunter die Karantanische Mark zwischen der Koralpe und der Mur und an diese im Süden anschließend die Mark an der Drau und die Mark an der Sann. Im Jahre 976 wurde Karantanien von Kaiser Otto II. zusammen mit den Marken Friaul, Istrien, Krain und der Karantanischen Mark sowie dem Markengebiet an Drau und Sann vom bayerischen Herzogtum getrennt und zum Herzogtum Kärnten erhoben. Erst unter Kaiser Heinrich III., im Jahre 1043, wurden die Grenzen der Karantanischen Mark gegen Ungarn dauerhaft bis zur Lafnitz vorgeschoben und die Oststeiermark in die Mark eingegliedert.

Schon mit Beginn der fränkischen Oberherrschaft in Karantanien wurde die im Frankenreich übliche Grundherrschaft in den Ostalpenländern eingeführt, wo sie die entscheidende Organisationsform für die weitere Besiedlung dieser Gebiete darstellten sollte. Der gesamte Grund und Boden war an den Frankenkönig und in der Folge an seine Nachfolger gekommen, die nun reichlich Königsgut an die Kirche und ihre Getreuen vergaben, womit die deutsche Besiedlung der Ostalpenländer eingeleitet wurde. Die Grundherren holten zum Zwecke der besseren Nutzung ihrer ausgedehnten und dünn besiedelten Ländereien deutsche Siedler herbei, die zum größten Teil aus den altbayerischen Gebieten kamen. Zu einer stärkeren Zuwanderung deutscher Siedler in das Gebiet der heutigen Steiermark kam es aber erst nach der Schlacht am Lechfeld, also nach 955. Vom 10. Jahrhundert an siedelten in Karantanien Deutsche und Slawen nebeneinander, ohne dass eine strenge Sprachgrenze sie trennte. In den Marken an der Drau und der Sann war die slawische Besiedlung dichter als in den nördlicheren Bereichen, wodurch auch, abgesehen von einigen Städten, weniger deutsche Siedler zuwanderten.

Das Christentum breitete sich, von Salzburg ausgehend, allmählich in diesen Gegenden aus. Salzburg war zum Metropolitansitz erhoben worden und betrieb die Christianisierung der Karantanen.

Im Jahr 1056 wurde die Karantanische Mark Otakar von Steyr, als erstem Markgrafen aus dem Geschlecht der Traungauer, einem Verwandten des lambachschen Geschlechts, verliehen. Die Hauptburg der Traungauer war Steyr. So wurde nach und nach der Name Steiermark statt Karantanermark üblich. Als 1122 die Herzöge von Kärnten, die Eppensteiner, ausstarben, fielen große Gebiete von deren Allodialbesitz, der vor allem in der Obersteiermark lag, an die mit ihnen versippten Traungauer und diese konnten ihre Macht damit festigen. Unter Markgraf Otakar III., der um 1139/40 die Markverwaltung übernahm, begann die Entstehung des Landesfürstentums. Die hoch- und edelfreien Geschlechter des Landes, die die wichtigsten und fruchtbarsten Landstriche besaßen, stellten das größte Hindernis bei der Durchsetzung der Landesherrschaft durch die Traungauer dar. Otakar III. gelang es durch Zwang das Zentrum der Mark, den Grazer Boden, an sich zu bringen, wo Graz, die endgültige Hauptstadt des Landes, entstand. Außerdem erbte er große Besitzungen in der heute zu Slowenien gehörenden Untersteiermark, die bis zur Save reichten, und die Mark Pitten im heutigen Niederösterreich.

In kirchlicher Hinsicht gehörte das Gebiet der Markgrafschaft Steiermark zum Erzbistum Salzburg, von wo die Impulse für den weiteren Ausbau der Kirchenstruktur ausgingen. Es kam auch zur Gründung einer Reihe von Klöstern. Das Stift Göß wurde 1020 von der bayerischen Pfalzgrafenfamilie der Aribonen gegründet. 1074 gründete Erzbischof Gebhard von Salzburg das Kloster Admont. 1096 folgte die Gründung des eppensteinischen Hausklosters St. Lambrecht. Weitere Klostergründungen folgten: 1129 das Zisterzienserstift Rein, 1140 das Stift Seckau, 1163 Vorau, 1164 Seiz (slowenisch: Žiče) bei Slovenske Konjice/Gonobitz in der Untersteiermark und 1164 Spital am Semmering.

Markgrafen der Steiermark aus der Familie der Otakare (Traungauer)

Das Herzogtum Steiermark im Mittelalter (1180–1500)

Babenberger

Herzog Leopold V. – links kniend, erhält das rot-weiß-rote Banner von Kaiser Heinrich VI. (Ausschnitt aus dem Babenberger Stammbaum, Stift Klosterneuburg)

1180 wurde die Steiermark ein Herzogtum und Markgraf Otakar IV. von Kaiser Friedrich Barbarossa zum Herzog ernannt. Dieser Vorgang hing eng mit der Absetzung Heinrichs des Löwen und der Neuvergabe des Herzogtums Bayern zusammen. Das neue Herzogtum war ein Lehen des Reiches und damit Kärnten, Bayern und Österreich gleichberechtigt. Gleichzeitig erloschen alle lehnsrechtlichen Bindungen an Bayern.

Da Markgraf Otakar IV. unheilbar erkrankt und ohne männliche Erben war, schloss er 1186 mit dem mit den Traungauern versippten Babenberger Leopold V. von Österreich einen Erbfolgevertrag die Georgenberger Handfeste. Als der letzte Traungauer 1192 im Alter von 29 Jahren starb, belehnte Kaiser Heinrich VI. am 24. Mai 1192 in Worms Herzog Leopold V. von Österreich und dessen Sohn Friedrich mit der Steiermark.[3] Die Verbindung Österreichs mit der Steiermark war der erste Schritt zur Vereinigung der Ostalpenländer. Die österreichischen Babenberger übernahmen ein in sich gefestigtes Territorium, das nicht zu einem Teil Österreichs gemacht wurde, sondern vorerst die Landeshoheit behielt und praktisch ein Nebenland des Herzogtums Österreich wurde.

Leopolds Söhne Friedrich und Leopold VI. von Österreich teilten sich 1194 die Herrschaft über Österreich und die Steiermark, doch kam 1198 mit Friedrichs Tod beides in Leopolds Hand. Diesem folgte 1230 Leopolds einziger Sohn Friedrich der Streitbare. Da er ihre Rechte nicht achtete, führten die Steiermärker Klage bei Kaiser Friedrich II. und erhielten von diesem ihre in Otakars Testament erhaltenen Freiheiten von Neuem bestätigt.

Von Seiten der Landesfürsten wurde der Wunsch nach Landesbistümern immer stärker an die Kirche und insbesondere an das Erzbistum Salzburg herangetragen. Dieses war selbst zum selbständigen Landesfürstentum geworden. Um nicht der Gegnerschaft anderer Landesherren ausgesetzt zu sein und um größeren politischen Schaden vom Erzbistum abzuwenden, errichtete Erzbischof Eberhard II. in seinem Einflussbereich von sich aus mehrere Bistümer, darunter 1218 Seckau in der Steiermark und 1225 Lavant im steirisch-kärntnerischen Grenzbereich. Diese Bistümer umfassten vorerst aber nur kleinere Gebiete und verhältnismäßig wenige Pfarren. Die Einsetzung der Bischöfe erfolgte durch den Erzbischof von Salzburg. Mit der Verwaltung des eigenen Bistums Seckau übernahm der Bischof auch das salzburgische Generalvikariat für das Herzogtum Steiermark. Diese Regelung hatte mit geringen Abweichungen bis zur Diözesanregulierung 1786 Gültigkeit.

Rudolf von Habsburg, Grabplatte im Dom zu Speyer

Interregnum und Beginn der Habsburgerherrschaft

Nach dem Tode des letzten Babenbergers, Friedrichs des Streitbaren 1246, folgte das für die Steiermark ungünstige Interregnum, in dem das Herzogtum, obgleich eine Partei der Stände Heinrich von Bayern 1253 zum Herzog wählte, 1254 unter Vermittlung des Papstes im Frieden von Ofen zwischen den Königen Ottokar II. Přemysl von Böhmen und Bela IV. von Ungarn geteilt wurde. Ottokar II. besiegte die Ungarn 1260 in der Schlacht bei Kressenbrunn auf dem Marchfeld. Im Frieden von Wien (1261) ging die Steiermark an Ottokar, 1262 wurde er vom deutschen (Gegen-)König Richard auch nominell mit Österreich und der Steiermark belehnt.[4] Zur Stärkung seiner Macht gründete er einige Städte und veranlasste auch die Neuanlage und Befestigung von Leoben und Bruck an der Mur. Aus militärischen Gründen wurden diese Städte planmäßig um einen großen rechteckigen Platz gebaut. Unter König Ottokar II. wurden erstmals, allerdings nur kurzfristig, Böhmen, Mähren, Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain von einem Herrscher regiert. 1276 erhob sich der steirische, Kärntner und Krainer Adel nach dem „Reinen Schwur“ gegen König Ottokar und schloss sich der Partei des 1273 zum römischen-deutschen König gewählten Rudolf von Habsburg an. Zur selben Zeit wurde Ottokar II. von König Rudolf von Habsburg seiner Lehen verlustig erklärt und 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld endgültig besiegt, worauf letzterer 1282 seine Söhne Albrecht I. und Rudolf II. mit Österreich, Steiermark, Krain und der Windischen Mark belehnte.[5] 1283 wurde Albrecht als alleiniger erblicher Landesherr dieser Länder eingesetzt. Fortan blieb das Herzogtum Steiermark bis 1918 im Besitz des Hauses Habsburg.

Im 12. und 13. Jahrhundert verstärkte sich die Zuwanderung deutscher Siedler vor allem ins Grazer Becken und die noch wenig bewohnte Oststeiermark (s.Deutsche Ostsiedlung). Der Landausbau durch Rodung der Wälder wurde das ganze 13. Jahrhundert weitergeführt. Dadurch kam es, dass die slawischen Siedlungsinseln der West- und Obersteiermark immer mehr zusammenschrumpften und endgültig im 14. Jahrhundert, infolge Assimilation der slawischen Bevölkerung, verschwanden. Südlich von Radkersburg bis zur Drau wurde das Gebiet von slowenischen Kolonisten aus den unteren Marken planmäßig besiedelt. Die schreckliche Pestpandemie der Jahre 1348 bis 1353 brachte einen so starken Bevölkerungsrückgang, dass in ihrem Gefolge Verödungen und Wüstungen auftraten.[6]

Kaiser Friedrich III.

Bei der nach Rudolfs IV. Tod 1365 zwischen dessen Brüdern Albrecht III. und Leopold III. 1379 vorgenommenen Teilung ím Vertrag von Neuberg fiel die Steiermark mit Kärnten, Tirol und Nebenlanden an den letzteren. Als dessen Söhne 1406 wiederum eine Erbteilung vornahmen, wurde unter anderem die Steiermark Ernst dem Eisernen zugesprochen. Es war dies die erste der beiden Linienteilungen der Habsburger in ihren im Südosten des Reiches gelegenen Stammlanden. Für die von Graz aus verwaltete Ländergruppe Steiermark, Kärnten, Krain, die Grafschaft Görz (ab 1500), die Stadt Triest und die Windische Mark wurde die Bezeichnung Innerösterreich üblich. Der älteste Sohn und Nachfolger (seit 1424) von Ernst dem Eisernen war der nachmalige Kaiser Friedrich III., der wiederum alle habsburgischen Lande vereinigte, nachdem die anderen Linien ausgestorben waren. Kaiser Friedrich III. lebte in verschiedenen österreichischen Städten. Am längsten, nämlich 40 Jahre, hielt er sich in Graz auf. Er ließ unter anderem die Grazer Burg und die Grazer Domkirche in spätgotischem Stil ausbauen. Als 1456 die gefürsteten Grafen von Cilli ausstarben, erwarb Friedrich auf Grund früherer Verträge deren Besitzungen.

Der für die Obersteiermark wirtschaftlich wichtige Bergbau erstarkte ab dem 12. Jahrhundert, vor allem der Salzbergbau in Bad Aussee, Hall bei Admont und im Halltal bei Mariazell, der Eisenbergbau auf dem Erzberg und in Johnsbach und der Silberbergbau in Oberzeiring und Schladming. Das Eisenerz wurde in den relativ primitiven Rennöfen zum Schmelzen gebracht, in späteren Jahrhunderten aber dann schon in den Radwerken, das sind Schmelzöfen, bei denen der Blasbalg mit Wasserrädern angetrieben wurde. Während in der Eisenerzeugung vorerst viele Kleinunternehmer tätig waren, übernahm das Sieden des Salzes in Aussee schon um 1449 der Landesfürst, der den Betrieb mit Lohnarbeitern betrieb. Die Salzquellen bei Admont wurden vom Stift Admont, jene im Halltal bei Mariazell vom Stift St. Lambrecht betrieben. Der Landesfürst griff Mitte des 15. Jahrhunderts auch regelnd in das Eisenwesen ein, wobei aber die Selbständigkeit der Gewerke vorerst erhalten blieb.

Im Jahre 1485 entstand das Landplagenbild am Grazer Dom, das stadtgeschichtlich durch die älteste Ansicht von Graz bemerkenswert ist. Darüber hinaus zeigt es auch deutlich die schweren Belastungen, denen die steirische Bevölkerung in jener Zeit ausgesetzt war: Hunger, Krieg und Seuchen: Hunger, verursacht durch Heuschreckenplagen; Krieg, nicht nur von den Türken ausgelöst, sondern auch durch die Einfälle der Ungarn unter König Matthias Corvinus und den Aufstand des ehemaligen kaiserlichen Söldners Andreas Baumkircher; immer wieder auftretende Seuchen, wie die Pest im Jahre 1480.

Ab 1470 wurden die Türken, die einen großen Teil des Balkans erobert hatten, zu einer ständigen Bedrohung von Innerösterreich. Immer wieder wurden diese Länder von Türkeneinfällen heimgesucht. Sie verwüsteten Städte und zerstörten Bauernhöfe, töteten Menschen oder verschleppten sie in Gefangenschaft.[7] Der Sohn und Nachfolger von Friedrich III., Kaiser Maximilian I., errichtete zentrale Verwaltungsbehörden in den Erbländern. Zu Beginn seiner Regierungstätigkeit ließ er die Grazer Burg erweitern, wobei der Treppenturm mit der berühmten gotischen Doppelwendeltreppe entstand. Im Jahre 1496 ließ er die Juden aus der Steiermark vertreiben. Diese wurden in Niederösterreich und Westungarn angesiedelt.[8] Mit Maximilian I. und seinen Nachkommen begann der Aufstieg der Habsburger zur Weltmacht. Das Herzogtum Steiermark war nur mehr ein relativ unbedeutender Teil ihrer Reiche, „in denen die Sonne nie unterging“.

Frühe Neuzeit: Glaubensstreit und Türkenkriege (1500–1740)

Die Lehren der deutschen Reformatoren fanden schon seit 1530 in der Steiermark Eingang und es kam zur raschen Ausbreitung der Lehren Martin Luthers. Gründe dafür waren schlechte soziale und wirtschaftliche Verhältnisse und Missstände in der Kirche. Ziemlich rasch schloss sich der Adel dem Protestantismus an. Der Hauptgrund hierfür war, dass dieser die Rückkehr der Kirche zur apostolischen Armut verlangte, was den Verzicht auf ihre reichen Güter und den Anfall der Kirchengüter an den Adel zur Folge gehabt hätte.[9] 1547 beanspruchte der Landeshauptmann Hans Ungnad auf dem Reichstag zu Augsburg freie Religionsübung, doch konnte diese erst auf den Landtagen zu Bruck 1575 und 1578 dem Erzherzog Karl II. abgenötigt werden. Erzherzog Karl, dem jüngsten Sohn Kaiser Ferdinands I., war bei der zweiten habsburgischen Länderteilung 1564 Innerösterreich zugefallen. Um die Verbreitung der neuen Lehre zu hemmen, rief Erzherzog Karl 1570 die Jesuiten zu Hilfe und stiftete 1585 die Universität Graz.

Karl II. von Innerösterreich

Die für die notwendige Abwehr der Türken eingeführten Türkensteuern und erhöhte Forderungen ihrer Grundherrschaft belasteten die Bauern. Ein großer Bauernkrieg erfasste 1525 von Salzburg aus auch die Steiermark. Bauern und Bergknappen eroberten die Bergbaustadt Schladming und setzten den Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein gefangen. Schladming wurde durch Niklas Graf Salm zurückerobert, niedergebrannt und verlor sein Stadtrecht.

Nach der Schlacht bei Mohács im Jahre 1526, bei der das ungarische Heer eine vernichtende Niederlage gegen die Türken erlitt, konnten die Türken große Teile Ungarns und Kroatiens einnehmen und in das Osmanische Reich eingliedern. Sie waren damit noch näher an die Steiermark herangerückt. Der Abwehrkampf gegen die Türken wurde mit wechselndem Erfolg geführt. Erzherzog Karl II. hatte zeitweise die oberste Leitung an den Grenzen übernommen. Er gründete einen innerösterreichischen Hofkriegsrat und ließ 1579 die nach ihm benannte Festung Karlovac (Karlstadt) errichten. Domenico dell'Allio befestigt den Grazer Schloßberg neu. Das heute noch bestehende Landeszeughaus wurde gebaut, in dem zahlreiches Kriegsgerät Platz fand. Die innerösterreichischen Landstände stimmten zu, die Kroatische und Slawonische Militärgrenze, die zum Schutz der habsburgischen Erblande errichtet wurden, zu finanzieren. Karl von Innerösterreich wurde im Mausoleum der Basilika von Seckau beigesetzt. Nachfolger wurde sein Sohn Ferdinand II.

Ferdinand II.

Ferdinand II., der 1596 die Regierung übernahm, war entschlossen, die Gegenreformation zum Sieg zu führen. Er erklärte den Freiheitsbrief seines Vaters Karl II. für aufgehoben und wies 1598 die protestantischen Lehrer und Prediger aus dem Land. Eine hierauf eingesetzte katholische Gegenreformationskommission befahl allen protestantischen Bürgern, entweder zur katholischen Religion überzutreten oder auszuwandern. Die Religionskommissionen, bestehend aus Geistlichen, Beamten und Soldaten, zogen durchs Land und sorgten mit Nachdruck für die Rekatholisierung aller Bevölkerungsschichten, mit Ausnahme des Adels. Viele Protestanten schworen damals ihrem Bekenntnis ab, eine bedeutende Zahl aber verließ die Heimat. Unter den aus Graz vertriebenen Protestanten war auch Johannes Kepler. Nur in den unzugänglichen Bergen der Obersteiermark, zum Beispiel in der Ramsau am Dachstein oder in Wald am Schoberpaß, erhielt sich im Stillen in einzelnen Bauernfamilien der evangelische Glaube, weshalb sich dort, nachdem Joseph II. 1781 die Glaubensfreiheit proklamiert hatte, die wenigen ersten protestantischen Gemeinden konstituierten. Dem steirischen Adel hatte Ferdinand II. vorerst Glaubensfreiheit zugestanden, aber 1628 wurden auch die Adeligen aufgefordert sich zum Katholizismus zu bekennen oder auszuwandern. Die Zahl der daraufhin auswandernden Adeligen war bedeutend.

Durch die Rekatholisierung wurde die religiöse Einheit des Landes wiederhergestellt. Ein wesentliches Streitobjekt zwischen Landesfürst und den Ständen war beseitigt. Der Wille des Erzherzogs hatte über den des Adels obsiegt und die landesfürstliche Gewalt wurde nachhaltig gestärkt. Ferdinand II. vereinte 1619 fast den gesamten habsburgischen Länderbesitz in seiner Hand, da es bei den anderen Habsburger-Linien keine Erben gab. Wieder war es die steirisch-innerösterreichische Habsburger-Linie, die die Erbfolge der Habsburger auch in Österreich fortsetzte. Er wurde König von Böhmen und Ungarn und bald darauf auch Kaiser. Er verlegte seine Residenz nach Wien und Graz wurde zur Provinzstadt, was sich bei der weiteren Stadtentwicklung und der Bautätigkeit auswirkte. Das letzte große Bauvorhaben der innerösterreichischen Habsburger in Graz war das Mausoleum südlich des Doms.

Von den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges blieb die Steiermark verschont, aber unter den hohen Steuern für die Kriegskosten und unter der Teuerung und der Hungersnot litt das Land schwer. Glücklicherweise hielten die Türken während dieser Zeit im Großen und Ganzen Frieden. Gelegentliche Übergriffe und Einfälle kleinerer Scharen kamen immer wieder vor.

Anfang des 17. Jahrhunderts geriet das steirische Eisenwesen in eine schwierige wirtschaftliche Lage. Vor allem in Innerberg war die Lage so schlecht, dass sich die Regierung zum Eingreifen gezwungen sah. Im Jahre 1625 wurden die drei Glieder des Eisenwesens zur Innerberger Hauptgewerkschaft vereinigt, dem größten Wirtschaftsunternehmen des damaligen Österreich. Zur Überwachung wurde ein Kammergraf eingesetzt. Es gelang die Lage des Eisenwesens nach und nach wieder zu verbessern. Auf der Vordernberger Seite des Erzberges behielten die Gewerken ihre Selbständigkeit. Lediglich der Einkauf von Holz und Kohle erfolgte im Rahmen der „Vordernberger Radmeisterkommunität“ gemeinsam.

Grazer Leechkirche im 17. Jahrhundert

Nach Beginn des 16. Jahrhunderts hielt die Renaissance ihren Einzug in der Steiermark und bestimmte die Baugesinnung des Adels und des wohlhabenden Bürgertums. Bedeutende Renaissancebauten sind das Landhaus, das ist der ehemalige Sitz der Landstände, eine Reihe weiterer Adelspaläste und Bürgerhäuser in der Grazer Innenstadt, das Schloss Eggenberg und einige steirische Schlösser. Nach der Gegenreformation dominierten die Prunkbauten der Kirche, wie das Stift St. Lambrecht. Zu den schönsten Kirchen- und Klosterbauten des Barock im Lande gehören die Stiftskirche Pöllau und jene von Vorau, die Grazer Barmherzigenkirche, die Basilika Mariatrost, die Basilika von Mariazell, die Wallfahrtskirche Frauenberg sowie die berühmte Stiftsbibliothek Admont. Der bedeutendste Barockbildhauer der Steiermark war der Stiftsbildhauer von Admont Josef Stammel.

1663 erklärten die Türken Kaiser Leopold I. den Krieg. Bevor das türkische Heer in die Steiermark eindringen konnte, wurde es von den kaiserlichen Truppen unter dem Oberbefehl von Graf Raimondo Montecuccoli in der Schlacht bei Mogersdorf geschlagen. Als Nachspiel zu diesem Krieg gab es eine Verschwörung ungarischer Adeliger. An dieser Magnatenverschwörung war auch der steirische Graf Hans Erasmus von Tattenbach beteiligt. Die Verschwörung wurde bekannt und Graf Tattenbach wurde 1671 vor dem Grazer Rathaus öffentlich hingerichtet, was ein aufregendes Ereignis in der Provinzstadt war.

Im Jahre 1683 kam es zur Zweiten Wiener Türkenbelagerung. Aus Wien und Niederösterreich gelangten viele Flüchtlinge in die Steiermark. Die erfolgreiche Verteidigung von Wien und der Sieg in der Schlacht am Kahlenberg befreiten die Steirer von der Sorge um ihre Sicherheit und beendeten für das Land die Türkengefahr. Es gab zwar in den nächsten Jahrzehnten noch mehrere entferntere Schlachten und Auseinandersetzungen mit den Türken, an denen auch Steirer als Soldaten beteiligt waren, aber nicht mehr als angegriffene Bauern oder Bürger. Allerdings verwüsteten 1704 bis 1711 die ungarischen aufständischen Kuruzen die Oststeiermark.

Das Herzogtum Steiermark blieb bis 1918 ein Teil des Habsburgerreiches, aber seit Karl VI. (1728) nahm kein Landesfürst mehr die Huldigung an, und seit 1730 wurde die Landeshandfeste nicht mehr bestätigt.

Die Steiermark im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus (1740–1792)

Im Jahr 1740 übernahm Maria Theresia ein schwieriges Erbe. Der Staat war von Feinden umgeben, die Staatskassen waren leer und das Heer war vernachlässigt. Direkt wurde die Steiermark vom Österreichischen Erbfolgekrieg nicht betroffen, aber Rekrutenaushebungen und vermehrte Steuerlasten bedrückten das Land.

Nach Abschluss des Krieges begannen durchgreifende Reformen und Veränderungen. Der Einfluss der steirischen Stände wurde weiter zurückgedrängt. Die Verwaltung wurde zentralisiert und die letzten innerösterreichischen Behörden in Graz wurden aufgelöst und dafür ein Gubernium für Steiermark, Kärnten, Krain und Görz-Gradiska eingerichtet. Die Steiermark wurde in fünf Kreise eingeteilt, und zwar Judenburg, Bruck an der Mur, Graz, Marburg und Cilli. Der jeweilige Kreishauptmann hatte die Aufgabe für den Eingang der Steuern zu sorgen, die Rekrutierungen zu unterstützen und das öffentliche Leben zu überwachen. Die Steuerfreiheit des adeligen Grundbesitzes wurde aufgehoben und eine Landaufnahme wurde gemacht, um den theresianischen Kataster, ein Verzeichnis aller Liegenschaften, anzulegen. Eine Heeresreform regelte die Stellungspflicht neu und auch das Rechtswesen wurde umgestaltet. Im Zuge der Bildungsreform erhielt die Grazer Universität 1778 eine juridische Fakultät.

Kaiser Joseph II. ging noch weiter und reduzierte die spärlichen Reste der Selbstverwaltung der Städte und Märkte. Er wollte die Monarchie zu einem absolut regierten Einheitsstaat machen. Durch das Toleranzpatent verkündete der Kaiser für alle Angehörigen der evangelischen Bekenntnisse und der griechisch-orthodoxen Kirche die Duldung ihrer Religion.

Über die katholische Kirche übte der Kaiser eine strenge Aufsicht aus. Päpstliche Bullen durften nur mit kaiserlicher Zustimmung veröffentlicht werden. Der Jesuitenorden wurde aufgehoben und sein Vermögen eingezogen. Weiters änderte Joseph II. die noch aus dem Mittelalter stammende Verwaltungseinteilung der Kirche, wodurch die Steiermark in drei Diözesen geteilt wurde. Das Bistum Seckau mit dem Sitz in Graz umfasste Graz und die Ost- und Weststeiermark, das Bistum Leoben die Obersteiermark und das Bistum Lavant mit dem Sitz in Marburg die Untersteiermark. Eine Vielzahl neuer Pfarren wurde errichtet und 32 steirische Klöster, darunter auch die alten Stifte Göß, St. Lambrecht, Seckau wurden aufgehoben, Admont, Vorau und Rein blieben verschont. Darüber hinaus wurden länger dauernde Wallfahrten verboten.

Koalitionskriege, Vormärz und Revolution in der Steiermark (1792–1848)

Mit der Thronbesteigung von Kaiser Franz II. im Jahre 1792 war die Zeit der großen Reformen zu Ende. Andere Geschehnisse nahmen die Aufmerksamkeit der Menschen in Anspruch. Die Französische Revolution und der darauf folgende Aufstieg des Generals Napoléon Bonaparte zum Kaiser Napoleon I. hielten die Menschen in Atem. Von den darauf folgenden Kriegen, die bis 1815 dauerten, war ganz Europa betroffen.

1797 drang das französische Heer über den Neumarkter Sattel in die Steiermark ein. Bald darauf kam Napoléon nach Graz, wo er sich zwei Tage aufhielt. In Leoben wurde über den Frieden verhandelt. Im Eggenwald’schen Gartenhaus wurde von Napoléon und den Vertretern Österreichs der Vorfriede von Leoben unterzeichnet. Dann zogen die französischen Truppen wieder ab. 1801 waren die Franzosen wieder da und besetzten Teile der Steiermark und bedrängten die Bevölkerung abermals mit Requisitionen und Kontributionen. Noch schlimmer war es 1805, wobei Mariazell und Judenburg stark zerstört wurden. 1809 brach ein neuer Krieg aus und verlief wieder unglücklich für Österreich. Bei St. Michael wurde eine Nachhut des österreichischen Heeres geschlagen und damit stand den Franzosen wieder der Weg nach Graz offen. Nach der Niederlage der Österreicher in der Schlacht bei Wagram wurden von Napoleon im Frieden von Schönbrunn harte Friedensbedingungen diktiert, die für das Kaisertum Österreich große Gebietsverluste brachten. Eine Bedingung, welche die Steiermark betraf, war die verlangte Schleifung der Festungsanlagen auf dem Grazer Schloßberg, die 1809 sogleich durchgeführt wurde. Nur der Uhrturm und der Glockenturm blieben erhalten, weil sie von der Grazer Bevölkerung losgekauft wurden. Die Koalitionskriege dauerten mit Unterbrechungen noch bis 1815. Die Steiermark war aber davon nicht mehr direkt als Kriegsgebiet betroffen. Die Kriege gegen Napoleon kosteten dem Land viele Opfer. Am Ende der über zwanzigjährigen Kriegszeit war die Steiermark erschöpft, die Einwohnerzahl hatte abgenommen, der Wohlstand war geschrumpft.

Nach der langen Kriegszeit wünschten sich die meisten Menschen „Ruhe und Ordnung“. Eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber dem politischen Geschehen verbreitete sich. Der herrschende Absolutismus duldete keine Verbesserungsvorschläge und erblickte in ihnen nichts als Anstiftung zu Aufruhr und Unbotmäßigkeit. Das öffentliche Leben wurde in einem bisher unbekannten Ausmaß verbürokratisiert. Adel und die Offiziere wurden auf allen Gebieten bevorzugt und legten eine hochmütige und überhebliche Haltung gegenüber den anderen Bevölkerungsschichten an den Tag. Staatskanzler Metternich errichtete einen Polizeistaat, zu dem Zensur und Spitzelwesen gehörten. Diese Zeit vor der Märzrevolution 1848/49 wurde als Vormärz bezeichnet.

Ein Lichtblick in den vielfach als unbefriedigend empfundenen Verhältnissen der Zeit war Erzherzog Johann. Der jüngere Bruder von Kaiser Franz II. wirkte privat als wichtiger Förderer und Modernisierer der Steiermark. Das Land und seine Bevölkerung hatten und haben ihm viel zu verdanken, sowohl auf dem Gebiete der Landeskunde und Volkskunde, der technischen Wissenschaften, der Landwirtschaft, des Berg- und Hüttenwesens, der Landestracht, der Volksmusik und auch als Impulsgeber für die Gründung zahlreicher noch heute bestehender Institutionen in der Steiermark. Seine Verbundenheit mit dem Volke kam auch durch seine häufigen Aufenthalte und seine Wohnsitze in der Steiermark und vor allem durch seine Verehelichung mit der bürgerlichen Ausseer Postmeisterstochter Anna Plochl zum Ausdruck.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Bergbaugebiet der Obersteiermark eines der Zentren der Industrialisierung, Vorschub leistete die traditionelle Kleineisenindustrie. Franz Mayr erbaute zwischen 1835 und 1837 die Franzenshütte in Donawitz, das damals modernste Eisenwerk, das von der Holzkohle unabhängig war. Im Jahre 1844 wurde die erste Eisenbahn, die Strecke Mürzzuschlag–Graz eröffnet. 1846 zählte die Steiermark rund eine Million Einwohner, wovon etwa 600.000 innerhalb der heutigen Landesgrenzen lebten. Wie fast überall in Europa nahm die Bevölkerung damals stark zu.

Schon zu Beginn des Revolutionsjahres 1848 kamen aufregende Nachrichten aus dem Ausland. In der Steiermark, insbesondere in Graz, brach der Aufstand erst los, als der Ausbruch der Revolution in Wien bekannt wurde. In verschiedenen Petitionen wurden Lehrfreiheit, Lernfreiheit, Pressefreiheit, Öffentlichkeit der Rechtspflege, Aufhebung der grundherrschaftlichen Gerichtsbarkeit, freie Gemeindeverwaltung verlangt. Mit der Niederschlagung der Revolution in Wien im Oktober 1848 gingen auch die revolutionären Bestrebungen in der Steiermark zu Ende.

Industrielle Revolution – Soziale und nationale Gegensätze (1849–1918)

Trotz des Scheiterns der Ziele der Revolution von 1848/49 gab es auch bleibende Erfolge, die von der siegreichen Gegenrevolution nicht revidiert wurden. Die endgültige Auflösung der feudalen Ordnung und die Aufhebung der Erbuntertänigkeit und der bäuerlichen Frondienste im Kaisertum Österreich sowie die Abschaffung der geheimen Inquisitionsjustiz der Restaurations- und Vormärzzeit zählen dazu.

Die Durchführung der Grundentlastung wurde rasch in Angriff genommen. Dadurch wurden die Bauern endlich zu gleichberechtigten Bürgern gemacht. Dazu waren viele damit zusammenhängende Veränderungen nötig. Durch die „Bauernbefreiung“ war eine Entschädigung der Grundherren erforderlich. Ein Drittel der Entschädigung mussten die Bauern bezahlen, ein zweites Drittel wurde aus Landesmitteln aufgebracht und der Rest wurde gestrichen. Die Abwicklung dieser Entschädigungszahlungen an die insgesamt 1496 Grundherrschaften der Steiermark dauerte einige Jahre. Sie enthob die Grundherren auch von den öffentlichen Lasten, die sie bisher getragen hatten, wie der Gerichtsbarkeit und der Sicherheitspflege auf dem Lande. Diese Lasten nahm nun der Staat auf sich. Hierfür musste die Rechtsprechung und die Verwaltung neu organisiert werden. Es wurde die Gerichtsorganisation in Österreich neu geordnet und 1859 bzw. 1868 wurden die Bezirkshauptmannschaften, wie sie im Grund noch heute bestehen, geschaffen. Für die Sicherheitspflege wurde 1849 die Gendarmerie gegründet. Schließlich wurden auch die Ortsgemeinden geschaffen. Bisher gab es im Lande neben den Grundherrschaften, deren Untertanen ja meist in verschiedenen Gebieten verstreut waren, nur 17 mehr oder weniger selbstverwaltete Städte und Märkte. Das Gemeindegesetz von 1849 schuf die Ortsgemeinden. Das Gesetz wurde zwar bald wieder außer Kraft gesetzt, aber durch das Reichsgemeindegesetz von 1862 wurde dann die freie Gemeindeverwaltung verwirklicht. Ein allgemeines freies Wahlrecht für die Gemeindevertretung gab es aber noch lange nicht. Wahlberechtigt waren vorerst nur Gemeindebürger, die direkte Steuern entrichteten, sowie Geistliche, Beamte und ähnliche Personen.[10]

Der junge Kaiser Franz Joseph I. und seine Berater versuchten nach dem Zusammenbruch der Revolution das Kaisertum Österreich weiterhin absolutistisch zu regieren. Dieser Versuch brach aber auf den Schlachtfeldern Italiens im Sardinischen Krieg im Jahre 1859 kläglich zusammen. Franz Joseph sah sich zu einer langsamen Lockerung des Neoabsolutismus Oktoberdiplom und Februarpatent gezwungen. Dies war ein kleiner erster Schritt hin zu einer konstitutionellen Monarchie.

Die Bevölkerungszunahme in der Steiermark in der Zeit zwischen 1849 und 1914 betrug fast 50 Prozent. Niemals sonst hatte die Steiermark eine so starke Bevölkerungszunahme aufzuweisen. Die Ursache dafür war in erster Linie das Aufblühen der Industrie. Man kann die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das Zeitalter der „industriellen Revolution“ in der Steiermark nennen. Begünstigt durch die gesetzlich festgelegte Gewerbefreiheit entstanden in weiten Teile des Landes industrielle Großunternehmen. Gewerbliche und landwirtschaftliche Arbeitskräfte wanderten in die Industrie ab, die höhere Löhne zahlte und günstigere Arbeitsbedingungen gewährte. Grundlage der steirischen Wirtschaft war die Eisenindustrie. 1881 wurde die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft gegründet, die eine starke Produktionssteigerung erreichte. Die meisten Stahlindustriebetriebe gab es im obersteirischen Murtal und im Mürztal, neben Donawitz auch in Kapfenberg, Bruck an der Mur, Judenburg, Mürzzuschlag und in kleineren Orten. Auch in Graz entstand eine Reihe neuer Unternehmen. Weiters entstanden neue Bergbaubetriebe, etwa für Magnesit in der Veitsch und an anderen Orten. In Fohnsdorf, Seegraben bei Leoben, Köflach, Wies und bei Trifail (slow.Trbovlje) in der Untersteiermark entstanden große Braunkohlenbergbaue. Weitere prosperierende Unternehmungen entstanden in der aufstrebenden Papier- und Zellstoffindustrie, in der Zementerzeugung und in der Mühlenindustrie. Die Bierbrauereien in Graz und Göss bei Leoben wurden zu Großunternehmen.

Einen Umschichtungsprozess machte das Gewerbe durch. Es kamen neue Gewerbe hinzu, manche alten Gewerbe blühten neu auf, während andere zugrunde gingen. Dieser Prozess ging nicht ohne Auseinandersetzungen zwischen Kleingewerbe und Fabriken vor sich.

In diesem Zeitraum wurde außerdem fast das gesamte Land durch Eisenbahnstrecken erschlossen. Die Bahnbauten veränderten den Verkehr, die Straßen verödeten und neue Orte blühten an den Eisenbahnknotenpunkten auf. Durch den Bau der Semmeringbahn führte die wichtige Strecke zwischen Wien und Triest über die Steiermark.

Der Bauernstand hatte nicht viel vom wirtschaftlichen Aufschwung der bürgerlich-liberalen Epoche. Viele Bauern bzw. Bauernsöhne wanderten als Arbeitskräfte zur Industrie oder zur Bahn und Post ab. Die Not der Bauern veranlasste die Landesverwaltung zur planmäßigen Förderung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens.

Umgangssprachen in Österreich-Ungarn aus: Distribution of Races in Austria-Hungary Historical Atlas, William R. Shepherd, 1911

Seit der Französischen Revolution bekam der Nationalismus eine immer größere Bedeutung. Verhältnismäßig spät, und zwar erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurden die ethnische Zugehörigkeit und die Sprache zum zentralen Kriterium für eine Nation.[11] Diese europaweite Entwicklung wirkte sich naturgemäß für einen multiethnischen Staat, wie ihn die Habsburger Monarchie darstellte, negativ aus. In dem seit 1861 bestehenden steiermärkischen Landtag wurde schon am Anfang des parlamentarischen Lebens in der Steiermark der nationale Gegensatz zwischen deutschen und slowenischen Steirern ein Thema. Die Slowenen fühlten sich durch die Mandatsverteilung zurückgesetzt und kritisierten dies auch ständig. Das deutsche (Eigenbezeichnung!) Bürgertum aber, dessen Vertreter über eine sichere Mehrheit verfügten, wollte von seinen Vorrechten nichts abgeben. Da die Slowenen zu dieser Zeit etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachten und keine Aussicht hatten, im Landtag jemals die Mehrheit zu erringen, ging ihre Hauptforderung sehr bald dahin, die slowenisch sprechenden Bezirke des Landes abzutrennen und sie mit den slowenischen Landschaften Kärntens und Krains zu einem eigenen Kronland zu vereinigen.

Andererseits wollten die Vertreter der Mittelsteiermark und der Obersteiermark das in den untersteirischen Städten und Märkten lebende deutschsprachige Bürgertum nicht einer slowenischen Mehrheit ausliefern. Die Fronten verhärteten sich und die Haltung beider Parteien wurde unnachgiebig. Die deutschnationalen Kreise fühlten sich noch dazu den Slowenen geistig und kulturell überlegen und brachten diese Meinung auch öfters deutlich zum Ausdruck. Diese Einstellung verärgerte natürlich die Slowenen und sie fühlten sich in ihrer Ehre getroffen. Die Spannungen zwischen deutschsprachigen und slowenischsprachigen Steirern nahmen zu, ohne allerdings dieselben Auswirkungen wie in Böhmen und Mähren zu erreichen. Brennpunkte waren die "deutschen" Städte in slowenischer Umgebung, neben Marburg (Maribor) vor allem Cilli (Celje). Wegen des Plans, im Cillier Gymnasium slowenische Klassen einzuführen, wurde 1895 sogar die österreichische Regierung gestürzt.

Im Jahre 1880 fand in Graz eine Volkszählung statt, bei der erstmals auch nach der Umgangssprache gefragt wurde. Dabei gaben 96 Prozent der Grazer Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache an. Der Anteil der slowenischsprachigen Bevölkerung, der größten nichtdeutschen Sprachgruppe, betrug 1,02 Prozent. Dies obwohl die Steiermark ein zweisprachiges Kronland war, mit rund einem Drittel slowenischsprachiger Bevölkerung, hauptsächlich in der Untersteiermark. Aufgrund einer Auswertung der Herkunftsgemeinden ist davon auszugehen, dass der Anteil an slowenischen Zuwanderern weit höher lag, als aus der Volkszählung erkennbar war. Dies deshalb, weil nur ein verschwindend geringer Teil dieser Zuwanderer Slowenisch als Umgangssprache angab.

Seit den 1870er Jahren entwickelte sich das Selbstverständnis von Graz als der „letzten großen deutschen Stadt im Südosten“ mit einer nationalen und kulturellen Mission. Mit den Leitvorstellungen „deutsch“ und „fortschrittlich“ galt die steirische Landeshauptstadt als die radikalste Stadt Österreichs, sowohl hinsichtlich ihrer liberal-antiklerikalen als auch ihrer nationalen Haltung.[12]

Steiermark als Teil Österreich-Ungarns (Nr. 12)

Zum nationalen Gegensatz kamen auch politische Spannungen zwischen den liberalen und katholisch-konservativen Kreisen der Bevölkerung. Auch die Arbeiterschaft begann sich zu organisieren und kämpfte in erster Linie um Lohnerhöhungen, Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, die bei 12 bis 14 Stunden lag, gegen die Not in Krankheitsfällen und im Alter, für das in keiner Weise vorgesorgt war und auch gegen die soziale Geringschätzung, die dem Arbeiter von Seite des Bürgertums gezeigt wurde.

Peter Rosegger

Wie fast überall in Europa war auch in der Steiermark die Zeit zwischen 1848 und 1918 eine Zeit reger geistiger Tätigkeit. Die Anzahl der Studenten und Professoren an der Karl-Franzens-Universität Graz und den übrigen Hochschulen vervielfachte sich. Man konnte bedeutende Gelehrte als Professoren gewinnen, von denen manche Weltruf erlangten. Die Technische Universität Graz wurde 1874 vom Staate übernommen und den übrigen Hochschulen gleichgestellt. Die Montanuniversität Leoben erhielt 1906 den Rang einer Hochschule. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Frauen zum Hochschulstudium zugelassen. Auch das übrige Schulwesen verzeichnete einen starken Aufschwung. Mit dem Reichsvolksschulgesetz 1869 wurde die Schulaufsicht, die bis dahin der Kirche zugestanden war, dem Landesschulrat übertragen. Das Theater erlebte eine Blütezeit. Im Jahre 1899 wurde das Grazer Opernhaus erbaut. Neben dem Grazer Schauspielhaus bestanden noch fünf Provinzbühnen. Aus der Reihe der steirischen Dichter und Schriftsteller ist vor allem Peter Rosegger zu erwähnen. Sein Aufstieg vom Waldbauernbuben zum berühmten Schriftsteller war für die Steiermark einmalig wie der weltweite Erfolg seiner Gedichte und Romane, die sich vor allem durch die Frische seiner Menschen- und Landschaftsschilderungen auszeichnen.

Die Gegensätze zwischen deutschen und slowenischen Steirern wurden durch den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg vorübergehend vermindert, da auch die Slowenen die Gebietsansprüche der Italiener abwehren wollten. Je länger der Krieg dauerte und je mehr sich die Wirtschaftslage und die Versorgungslage verschlechterten und die Anzahl der Kriegsopfer wuchs, desto mehr nahm die Sehnsucht nach Frieden zu. Nach dem militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte bildete sich in Wien die deutschösterreichische Nationalversammlung. Am 30. Oktober 1918 wurde der SHS-Staat proklamiert, dem sich die Untersteiermark anschloss.

In Graz wurde ein Wohlfahrtsausschuss gebildet, der sich um die Versorgung des Landes kümmerte. Eine provisorische Landesversammlung, die von den drei großen deutschen Parteien des Landes, Christlichsozialen, Sozialdemokraten und Deutschfreiheitlichen, gebildet wurde, wählte eine neue Landesregierung, die ein schweres Amt übernahm. Die Landesversammlung beschloss am 6. November 1918 unter Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker einstimmig den Beitritt zu Deutschösterreich und hielt fest, dass sich der andere im bisherigen Kronland mitseßhafte Volksstamm von dem bisher gemeinsamen Staate losgesagt, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker mit seinen übrigen Volksgenossen ein eigenes nationales Staatswesen errichtet und dadurch auch die Gemeinschaft aller bisherigen Einrichtungen des Herzogtums Steiermark aufgelöst hat[13]. Hungernd, verarmt und müde erlebte der Großteil der deutschsteirischen Bevölkerung die Ausrufung der Republik, die am 12. November 1918 erfolgte.

Die Steiermark in der Ersten Republik (1918–1938)

Die 1919 beanspruchten Grenzen der Steiermark

Für die Steiermark als Bundesland Deutschösterreichs war die Demokratisierung der Landesverfassung eine der ersten Aufgaben. Die vollziehende Gewalt wurde der Landesregierung übertragen, die vom Landtag gewählt wurde und aus dem Landeshauptmann, zwei Stellvertretern des Landeshauptmannes und mehreren Landesräten bestand. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen und das Verhältniswahlrecht an Stelle des bisher geltenden Mehrheitswahlrechts wurden eingeführt. Eine neue Bundesverfassung regelte die Befugnisse der Länder gegenüber dem Gesamtstaat. Aus der Verfassung der Monarchie wurde der Grundsatz der Selbstverwaltung der Gemeinden übernommen. Dabei fiel auch das Klassenwahlrecht in den Gemeinden weg und wich einer demokratischen Ordnung.

Die provisorische Landesversammlung wollte die Festlegung der Südgrenze des Bundeslandes Verhandlungen mit den Slowenen bzw. dem zu schließenden Friedensvertrag überlassen und ging davon aus, dass das Draugebiet Österreich zufallen würde. Die Slowenen gingen allerdings unter dem bisherigen k.u.k. Major und nunmehrigen slowenischen General Rudolf Maister, der in Marburg an der Drau stationiert war, sofort daran, Fakten zu schaffen. Sich unter seinen Befehl stellende k.u.k. Truppenteile und slowenische Freiwillige besetzten die Untersteiermark, ohne bei der deutschsprachigen Minderheit wesentlichen Widerstand zu finden. Auch Spielfeld und Orte nördlich der Mur an der Bahn nach Radkersburg wurden besetzt, um die slowenische Nordgrenze zu sichern.

Eine größere Zahl von deutschsprachiger Untersteirern und Beamten der Monarchie, die ihre Heimat anderswo hatten, verließen das Land und übersiedelten in die bei Österreich verbliebenen Gebiete, manche wurden auch vertrieben. In Radkersburg und Umgebung und auch in der Soboth gab es bewaffneten Widerstand gegen die Besetzung, was zur Folge hatte, dass die Gebiete laut dem Friedensvertrag von Saint-Germain bei der Steiermark blieben.

Ein spezielles Problem stellte die überwiegend deutschsprachige Stadt Marburg dar, die mit ihren Nachbardörfern eine deutschsprachige Sprachinsel bildete, die ungefähr 15 Kilometer südlich der geplanten neuen Staatsgrenze lag. Ein paar Wochen im November 1918 stellten die Marburger, allerdings vergeblich, sogar eine Bürgerwehr auf, um die Machtübernahme durch die Slowenen zu verhindern. Deutschösterreich beanspruchte die Stadt für sich und wollte auch den zwischen Marburg und der Südgrenze des deutschen Siedlungsgebiets liegenden, ca. 15 km breiten, slowenisch besiedelten Gebietsstreifen bei Österreich belassen sehen.

Bei einer Demonstration deutschsprachiger Bürger am 27. Jänner 1919 schossen slowenische Soldaten auf die unbewaffneten Demonstranten. Dabei wurden 13 deutschsprachige Marburger Zivilisten getötet und rund 60 verwundet, was bei allen deutschösterreichischen Untersteirern Entsetzen und Empörung auslöste, aber auch zu einer Einschüchterung der deutschsprachigen Marburger führte.

Der Vertrag von Saint-Germain nahm aber auf diese Wünsche keine Rücksicht. Er ließ nicht nur die deutschen Sprachinseln unberücksichtigt, sondern sprach auch das rein deutsche Abstaller Becken dem SHS-Staat zu; deutschösterreichische Enklaven in Slowenien wurden nicht in Erwägung gezogen, die gesamte Untersteiermark verblieb nun auch völkerrechtlich bei Slowenien. Im SHS-Staat wurde die Untersteiermark vorerst mit Krain zum Draubanat zusammengeschlossen. Heute bildet sie mit dem Namen Štajerska (= Steiermark) ungefähr das östliche Drittel Sloweniens.

Lage des Herzogtums Steiermark in Österreich und Slowenien

Für die Mehrheit der Österreicher war der Zerfall der großen k. u. k. Doppelmonarchie ein traumatisches Ereignis. Dem neuen Kleinstaat mangelte es von Anbeginn an Selbstbewusstsein, große Teile der Bevölkerung und der Politiker befürworteten den Anschluss an Deutschland, der daher am 12. November 1918 zugleich mit der Erklärung Deutschösterreichs zur Republik beschlossen wurde. In St. Germain unterschrieb Österreich (der Staatsname Deutschösterreich wurde von den Siegern nicht akzeptiert) aber, dass es auf Dauer selbstständig und von Deutschland unabhängig bleiben werde (das Deutsche Reich wurde im Vertrag von Versailles analog verpflichtet). In der Steiermark wurde der Deutschnationalismus bzw. in späteren Jahren der Nationalsozialismus dennoch ein bestimmender Faktor.

Dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie folgten große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Versorgung mit den lebensnotwendigen Gütern war sehr schlecht. Nur mit Hilfe von Aktionen in den neutral geblieben Ländern Schweiz, Niederlande und Schweden konnte der Schreckenswinter 1918/19 überstanden werden. Das schlimmste Übel aber war der Schwund des Geldwertes. Eine Hyperinflation zehrte alte Vermögen auf. Der Mittelstand, der es von jeher gewohnt gewesen war, seine Ersparnisse in Banken oder in Staatspapieren anzulegen, verarmte und mit ihm der Großteil der übrigen Bevölkerung. Erst als die Hungersnot gebannt und die Währung stabilisiert war – 1925 wurde der Schilling eingeführt – konnte an einen erfolgreichen Wiederaufbau der Wirtschaft gedacht werden. Der folgende leichte wirtschaftliche Aufschwung dauerte nur bis 1929 und endete mit der Weltwirtschaftskrise.

Viele Sparten der steirischen Wirtschaft waren von der Weltwirtschaftskrise betroffen. Besonders stark spürten sie die steirische Eisenindustrie und der Braunkohlebergbau. Es kam zu Betriebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen. Die schwerste Geißel der Zwischenkriegszeit war die Arbeitslosigkeit, die einen bis dahin unvorstellbar großen Umfang erreichte. Mit ihr wuchs die Not vor allem in den Industrieorten.

Trotz der materiellen Beschränktheit blühten die Wissenschaften. Die an den steirischen Hochschulen tätigen Wissenschafter Fritz Pregl, Otto Loewi, Victor Hess und der Atomphysiker Erwin Schrödinger erhielten den Nobelpreis. Der in Graz als Universitätsprofessor tätige Deutsche Alfred Wegener entdeckte die Kontinentaldrift.

Ab 1930 nahmen die politischen Spannungen zu. Die politischen Parteien umgaben sich mit paramilitärischen Verbänden. Es gab häufig Zusammenstöße. Die Heimwehr gewann vornehmlich unter der ländlichen Bevölkerung Anhänger, während die Arbeiterschaft der Industrieorte ein festes Bollwerk der Sozialdemokratie bildete. Der Republikanische Schutzbund war die paramilitärische Organisation der Sozialdemokraten. Im September 1931 versuchte die Heimwehr unter dem Judenburger Rechtsanwalt Walter Pfrimer einen Putsch, der aber sehr rasch zusammenbrach. Pfrimer wurde wegen Hochverrats angeklagt, jedoch freigesprochen.

Nachdem der christlichsoziale Politiker Engelbert Dollfuß 1933 eine Parlamentskrise benützt hatte, um eine autoritäre Ständestaatregierung in Österreich zu installieren, brach der Aufstand der Sozialdemokraten im Februar 1934 offen aus. Davon war auch die Steiermark stark betroffen, wo sozialdemokratische Arbeiter in Graz und in den obersteirischen Industriestädten den Generalstreik ausriefen und zu den Waffen griffen. Der Kampf kostete auf beiden Seiten zahlreiche Todesopfer, die durch das harte Strafgericht der siegreichen Vaterländischen Front noch zahlreicher wurden. So wurde auch der steirische Arbeiterführer Koloman Wallisch von einem Standgericht zum Tod verurteilt. Insgesamt kamen in der Steiermark 59 Personen beim Februaraufstand 1934 ums Leben.

Nach der „Machtergreifung“ in Deutschland im Jahre 1933 nahm die nationalsozialistische Propaganda im Land ständig zu. Wie im gesamten Bundesgebiet setzte die NSDAP auch in der Steiermark mit Gewaltakten ein. Sprengstoffanschläge wechselten mit Hakenkreuzmalereien. Beim Juliputsch 1934 gab es einerseits den Überfall auf das Bundeskanzleramt in Wien und die Ermordung von Dollfuß und andererseits, davon ausgelöst, den NS-Aufstand in mehreren Bundesländern, der praktisch autonom ablief. Bei diesem Aufstand überfielen die österreichischen Nationalsozialisten in vielen steirischen Orten Gendarmerieposten, Postämter und sonstige öffentliche Einrichtungen und verhafteten politische Gegner. Nach einem Tag brach die Aufstandsbewegung, nach Einsatz des Bundesheeres, zusammen. Es gab in ganz Österreich auf beiden Seiten insgesamt 223 Todesopfer, davon 96 in der Steiermark. Zwei Putschisten aus dem Ennstal wurden hingerichtet. Ungefähr 13.000 bis 15.000 Aufständische wurden zumindest vorübergehend verhaftet. Manche davon wurden längere Zeit inhaftiert, viele davon wurden im Anhaltelager Wöllersdorf festgehalten. Dort waren seit Februar 1934 auch viele Sozialdemokraten interniert. Viele der Teilnehmer am Nazi-Putsch flüchteten ins Ausland, und zwar vorwiegend nach Deutschland und Jugoslawien.[14]

Die weitere politische Entwicklung der Steiermark wurde von außen bestimmt. Durch die Zusammenarbeit des Deutschen Reiches mit dem faschistischen Italien hatte Österreich nur wenig Möglichkeit zu einer eigenständigen Politik. Österreich war politisch zutiefst gespalten, lebte seit 1933/34 unter der austrofaschistischen Diktatur und kam aus der Wirtschaftskrise nicht heraus, während Deutschlands Kriegswirtschaft boomte. 1938 betrug die Zahl der statistisch erfassten Arbeitslosen in Österreich 401.000. Dazu aber kam die „unsichtbare“ Arbeitslosigkeit, die vom Institut für Konjunkturforschung auf 300.000 geschätzt wurde. Ende Jänner 1938 dürfte es in der Alpenrepublik rund 700.000 Arbeitslose gegeben haben: mehr als 20 Prozent der Erwerbstätigen.

Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war eines der erklärten Ziele Adolf Hitlers. Die scheinbar aussichtslose politische und wirtschaftliche Situation Österreichs hatte der tief verwurzelten Idee eines Anschlusses an Deutschland Auftrieb gegeben. Schon in den Jahren vor dem Anschluss wurde die illegale NSDAP zu einer Massenbewegung: Arbeiter, Kleinbürger, Bauern, Landarbeiter und Studenten waren dabei. Im Februar 1938 verstärkte Hitler den Druck auf die österreichische Regierung Schuschnigg. Diese hob das das Parteiverbot für die österreichischen Nationalsozialisten auf und zwei Nationalsozialisten wurden als Regierungsmitglieder aufgenommen.

Am 19. Februar zog in Graz ein riesiger Fackelzug, das Versammlungsverbot ignorierend, mit Hakenkreuzfahnen durch die Straßen. Dem Aufruf der Grazer NS-Führung, am 24. Februar die Häuser mit Hakenkreuzfahnen „zu schmücken“, kamen viele nach. Am 24. Februar besetzten Tausende Nationalsozialisten den Grazer Hauptplatz und nötigten den Bürgermeister am Rathaus die Hakenkreuzfahne zu hissen. Dies brachte Graz später die Bezeichnung „Stadt der Volkserhebung“[15] ein. Am 12. März 1938 wurden die Österreicher in das Großdeutsche Reich „heimgeholt“. Auf breiter Front rückten ab 8 Uhr die deutschen Truppen ein. Und überall wurde gejubelt. Gleichzeitig setzte eine Verhaftungswelle ein.

Die Steiermark im „Dritten Reich“ 1938–1945

Als Auftakt zu seiner Propagandareise durch Österreich, für die Volksabstimmung über den bereits vollzogenen „Anschluss“, besuchte Adolf Hitler am 3. und 4. April 1938 Graz. Die Wahlveranstaltung, die im Rundfunk übertragen wurde, fand vor 30.000 dichtgedrängten Personen in der Montagehalle einer Waggonfabrik statt, die bereits einige Jahre aufgrund der Weltwirtschaftskrise still stand. Anschließend fuhr Hitler in einem Triumphzug durch die Straßen von Graz. Jubelnde Menschenmengen säumten die 4,3 Kilometer lange Wegstrecke durch die Stadt, darunter Zehntausende Steirer, die mit Sonderzügen, Autobussen und Lastkraftwagen in die Landeshauptstadt gekommen waren, um den „Führer“ zu sehen.[16]. Substanzielle Maßnahmen, die im Wahlkampf geboten wurden, verfehlten beim Großteil der Bevölkerung nicht ihren Zweck, wie zum Beispiel Volksausspeisungen, Neueinstellungen in der Industrie und Wirtschaft, Lohnerhöhungen, Entschuldungen und Kreditaktionen für die Bauern, Ehestandsdarlehen und Kinderbeihilfen, Freizeit- und Ferienaktionen und anderes mehr. [17]

Am 10. April 1938 stimmten 99,87 Prozent der Steirer für den Anschluss. 40.000 Personen waren vom Stimmrecht ausgeschlossen. Zu den Ausgeschlossenen zählten alle politisch Inhaftierten, die Juden und andere rassisch diskriminierte Gruppen wie die Zigeuner. Auf Plakaten der neuen Machtinhaber wurde darauf hingewiesen und gleichzeitung wurden allen die widerrechtlich an der Abstimmung teilnehmen sollten, Arreststrafen angedroht. [18]

Am 1. April war der erste Transport mit Gegnern des Nationalsozialismus ins Konzentrationslager Dachau abgegangen. Im Mai wurden dann zum „Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ die Nürnberger Rassegesetze, die in Deutschland seit 15. September 1935 in Kraft waren, auch in Österreich wirksam. Die Judenverfolgung hatte gleich nach dem Einmarsch der Hitlertruppen mit Demütigungen der jüdischen Bevölkerung und „Arisierungen“ jüdischen Eigentums eingesetzt.

Das Bundesland Steiermark wurde in einen Reichsgau umgewandelt, dem das südliche Burgenland angegliedert wurde, während das Ausseer Land, das durch mehr als 800 Jahre mit der Steiermark verbunden gewesen war, zum Gau Oberdonau kam. Die Landesregierung wurde beseitigt. An ihre Stelle wurde ein nur an Weisungen aus Berlin gebundener Landeshauptmann – ab 1940 Reichsstatthalter – in der Person von Sigfried Uiberreither gesetzt, der gleichzeitig Gauleiter der NSDAP war. Durch die Eingliederung der steirischen Wirtschaft in die großdeutsche Rüstungsplanung konnte die Massenarbeitslosigkeit rasch überwunden werden. Eine Entschuldungsaktion für die Bauern festigte die finanzielle Lage der Bauernhöfe und bewahrte Tausende vor einer Zwangsversteigerung. Die nationalsozialistischen Machthaber waren sehr darauf aus, jede Kritik und jeden Zweifel an der Richtigkeit ihrer Maßnahmen und Befehle schon im Keim zu ersticken. Ein Beispiel dafür sind die schweren Strafen, die auf bis dahin unbekannten Delikten wie Feindsender hören, Wehrkraftzersetzung und Vergehen gegen das Heimtückegesetz oder die Volksschädlingsverordnung, standen. Jede Skepsis, die gegen die NSDAP, ihre Vertreter oder die Wehrmacht geäußert wurde, konnte schlimme Folgen haben. Dies förderte auch das Spitzelwesen und die Denunziationen.

Über 10,5 % der im Gau Steiermark (ohne Untersteiermark) lebenden Volksgenossen waren im Jahre 1942 NSDAP-Mitglieder, also Parteigenossen, wie dies im NS-Jargon hieß. Diese Mitgliederanzahl entsprach 15,5 % aller österreichischen Nationalsozialisten. Mit 30.530 Illegalen, also Mitgliedern, die schon vor 1938 Parteigenossen waren, hatte die Steiermark nach Kärnten den höchsten Anteil aller Bundesländer.

In dem von den neuen Machthabern „Reichskristallnacht“ genannten Novemberpogrom vom 9. November 1938 wurden die Grazer Synagoge und die Zeremonienhalle zur Gänze zerstört. 1934 hatten 1720 Personen der Israelitischen Kultusgemeinde angehört, das waren 1,1 % der Grazer Gesamtbevölkerung. Auf Grund des ausgeübten Terrors emigrierten zwischen März und November 1938 417 Grazer Juden allein nach Palästina. In Graz verbliebene Juden mussten in der Folge nach Wien übersiedeln, von wo aus später ihre Deportation nach Theresienstadt erfolgte. Im März 1940 galten Graz und die Steiermark als „judenrein“.[19]

Um den Einfluss der Katholischen Kirche weitestgehend zurückzudrängen, wurden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, wie etwa die Schließung der katholischen Privatschulen, Enteignung von Klosterbesitz, wie in Admont, Seckau, Vorau, Rein und St. Lambrecht oder Schließung der Theologischen Fakultät an der Universität Graz. Der Religionsunterricht wurde zum Freifach erklärt. Die Finanzierung der Kirche erfolgte nicht mehr von Seiten des Staates, sondern durch Kirchenbeiträge der Gläubigen. Nach dem Anschluss kam die verpflichtende standesamtliche Eheschließung – die Erste Republik hatte auch die kirchliche Trauung anerkannt. Amtliche Ehescheidungen wurden auch für Katholiken möglich. Die Zweite Republik Österreich übernahm sowohl die Kirchenbeitrags-Regelung als auch die standesamtliche Eheschließung.

Mit 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg und damit wurden die Lebensumstände der Menschen immer mehr vom Krieg bzw. den Notwendigkeiten des Krieges bestimmt. In den ersten Jahren nach dem Anschluss, als der Nationalsozialismus mit der Überwindung der Massenarbeitslosigkeit und in den „Blitzkriegen“ Erfolge aufwies, gab es eine weit über die Parteimitglieder hinausgehende Identifizierung mit dem System. Bei Fortdauer des Krieges mit all seinen Schrecken und Leiden wurde die Begeisterung für den Nationalsozialismus schwächer. Insgesamt waren zirka 1,2 Millionen Österreicher in der Wehrmacht als Soldaten eingezogen. Soldaten aus der Steiermark kämpften bei allen Einheiten und an allen Fronten. Verstärkt wurden Steirer bei den Gebirgsjägern eingesetzt.

Gau Steiermark im Großdeutschen Reich

Anfang April 1941 eroberte die Wehrmacht Hitler-Deutschlands im Balkanfeldzug Jugoslawien, das von Italien und Deutschland besetzt und aufgelöst wurde. Die Untersteiermark und Teile von Oberkrain kamen zum Deutschen Reich. Die Untersteiermark wurde nicht direkt an den Reichsgau Steiermark angeschlossen, sondern wurde als eigene Verwaltungseinheit „CdZ-Gebiet Untersteiermark“ geführt. Hitler setzte den steirischen Gauleiter Uiberreither als Chef der Zivilverwaltung für die Untersteiermark ein. Es begann eine rigorose Germanisierungspolitik. Nach der Verhaftung der slowenischen Führungsschicht und Auflösung der slowenischen Vereine und Kulturorganisationen wurden tausende Slowenen nach Serbien, Kroatien und ins „Altreich“ umgesiedelt. Weiters wurden schon im Mai 1941 zirka 1200 jüngere Lehrerinnen und Lehrer aus der Steiermark zum Einsatz in die Untersteiermark abkommandiert und es wurde Deutsch an Stelle von Slowenisch als Unterrichtssprache an den zirka 400 Schulen eingeführt. Slowenen durften, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr als Lehrer tätig sein. Die rücksichtslose Germanisierungspolitik führte bald zu slowenischen Gegenaktionen wie passivem Widerstand, Sabotage und Anschlägen. Diese Reaktionen beantwortete das NS-Regime mit Terror, wie zum Beispiel der Erschießung von Gefangenen, deren Namen zur Abschreckung im ganzen Land plakatiert wurden. Mit der Fortdauer des Krieges bekamen die Partisanen ständig mehr Zulauf. Die deutschsprachige Minderheit der Untersteiermark bezahlte diese barbarische Germanisierungspolitik des NS-Regimes nach dem Krieg mit ihrer vollständigen Vertreibung und Enteignung, persönlichen Verfolgungen, Inhaftierungen, Folterungen und Ermordungen, die vom an die Macht gekommenen Tito-Regime veranlasst wurden.

Ab August 1943 hatten die Alliierten eine zweite Luftfront von Süditalien aus errichtet. Damit war auch die Steiermark von den alliierten Bombenflugzeugen erreichbar. Die ersten schweren Bombenangriffe auf Graz erfolgten ab 18. Februar 1944 und dann laufend in unregelmäßigen Abständen. Mit Juli 1944 wurde das gesamte öffentliche Leben auch in der Steiermark den Erfordernissen der totalen Kriegsführung angepasst. Besonders schwere Bombenangriffe erfolgten am 16. Oktober 1944 auf Graz und Zeltweg. Am 1. November 1944 wurde die Grazer Oper von Bomben beschädigt. Am 6. November gaben es schwere Bombenangriffe auf Kapfenberg und Judenburg, am 17. November auf Graz, am 11. Dezember wieder Bombenangriffe auf Graz, Bruck an der Mur und Donawitz und am 25. Dezember 1944 wieder auf Graz. Am 23. Februar 1945 wurde das Stadtzentrum von Knittelfeld von Bombern vernichtet. Am stärksten in Erinnerung waren den Grazern die verheerenden Bombenangriffe zu Allerheiligen 1944 und am Ostersonntag 1945.[20] Allein auf Graz wurden in 56 Angriffen insgesamt 29.000 Bomben abgeworfen, die 7.800 Gebäude und 20.000 Wohnungen zerstörten.

Anfang 1945 waren in der Oststeiermark tausende ungarische Juden als Zwangsarbeiter eingesetzt, um beim Südostwall zur Verteidigung gegen die heranrückende russische Armee mitzuarbeiten. Darnach wurden sie in einem mehrteiligen Elendszug in das Konzentrationslager Mauthausen getrieben. Bei diesen Todesmärschen kamen viele entkräftete Juden, die von den Begleitmannschaften brutal behandelt wurden, zu Tode. Am 7. April 1945 ereignete sich am Präbichl ein Massaker. Angehörige des Eisenerzer Volkssturms schossen wahllos in eine Marschkolonne der erschöpften Juden. Das sinnlose Massaker kostete 200 Juden das Leben. Im Juni 1946 wurden zwölf Mann, die für die Erschießungen für schuldig befunden wurden, gerichtlich zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Am 29. März 1945 überschritten Sowjetsoldaten nördlich des Geschriebensteins die Grenze des Reichsgaues Steiermark. Die raschen Vorstöße der sowjetischen Einheiten in der Oststeiermark ließen bereits den bevorstehenden militärischen Zusammenbruch erahnen. Die Einheiten des Volkssturms konnten der sowjetischen Offensive nicht allzu viel entgegensetzen. In vereinzelten Gebieten gab es aber zähe und blutige Kämpfe um Stellungen und Ortschaften, wobei häufig Reste von SS-Divisionen als „Feuerwehr“ an den Brennpunkten eingesetzt wurden. Mehrere oststeirische Orte wurden schwerst zerstört. Gehöfte brannten nieder und wurden geplündert.[21] Da die Sowjets Kräfte für die Eroberung von Wien abzogen, kam der Angriff auf Graz ins Stocken. Am 7. Mai 1945 ordneten die deutschen Heerführer Rückzugsbewegungen an. Gleichzeitig war in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet worden. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende.

Viele Menschen, deren Angehörige an der Front waren, betrachteten die Sache Hitlerdeutschlands als die eigene. Das Kriegsende im Mai 1945 empfanden daher nicht wenige, auch Nicht-Nationalsozialisten, nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Das Kriegsende wurde ja landläufig auch von vielen als „Zusammenbruch“ bezeichnet. Letztlich aber haben es doch auch die meisten Österreicher mit Erleichterung aufgenommen, dass der schreckliche Krieg endlich vorbei war, wenn auch viele besorgt waren, was die Zukunft bringen würde. Erst nach der katastrophalen Niederlage Nazideutschlands im Jahre 1945 begann die späte österreichische Nationsbildung. Eine solche war erst mit der unwiderruflichen Niederlage des österreichischen Deutschnationalismus möglich.

Die Bilanz der sieben Jahre NS-Herrschaft war auch für die Steiermark erschütternd: 27.900 steirische Soldaten waren gefallen und 12.400 Soldaten blieben dauernd vermisst, 9.000 Zivilisten starben bei Luftangriffen und Kriegshandlungen, 8.000 Steirer wurden aus politischen Gründen hingerichtet, starben in Zuchthäusern, Gefängnissen und KZs, 2.500 steirische Juden und 300 Zigeuner wurden ermordet.

Siehe auch: Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus

Der Wiederaufbau der Steiermark 1945–1955

Am 8. Mai 1945 wurde eine provisorische steirische Landesregierung gebildet, bei der der Sozialist Reinhard Machold die Funktion des provisorischen Landeshauptmannes übernahm. In der Nacht zum 9. Mai marschierte die Rote Armee in Graz ein, übernahm faktisch die Regierungsgewalt und besetzte in den folgenden Tagen einen Großteil der Steiermark. Nur das obere Murtal bis Judenburg wurde von den Briten besetzt und das obere Ennstal von den Amerikanern. Die zehn Wochen dauernde russische Besatzung blieb den Steirern mehr in Erinnerung als die zehn Jahre dauernde britische Oberaufsicht. Die Übergriffe der sowjetischen Soldaten prägen noch heute die Erinnerung an die Rote Armee. Plünderungen, Brandschatzungen und Demontagen ganzer Fabriken verursachten einen riesigen materiellen Schaden.

Alliierte Besatzungszone in Österreich

Auf Grund einer Vereinbarung der vier Besatzungsmächte übernahmen am 24. Juli 1945 die Briten das Ruder im ganzen Land, was von der Bevölkerung sehr positiv gesehen wurde. In der Anfangsphase ging politisch nichts ohne den britischen Hochkommissar.

Die ausreichende Versorgung der steirischen Bevölkerung mit den notwendigen Lebensmitteln war ein großes Problem. Hatte diese während des Krieges noch halbwegs funktioniert, so waren nunmehr die Menschen von einer echten Hungersnot bedroht. Die Steiermark blieb noch lange ein ausgehungertes Land. Viele versuchten am Land bei den Bauern oder am Schwarzmarkt Nahrungsmittel, meist im Tauschhandel, zu ergattern, was schwer genug war. Hilfslieferungen aus dem Ausland linderten die Not ein bisschen. Der Alltag aber blieb vorläufig ein Lebenskampf. Zusätzlich zur einheimischen Bevölkerung mussten zu Kriegsende auch noch etwa 300.000 Displaced Persons und Vertriebene, die aus dem Sudetenland, dem Banat, Syrmien, Siebenbürgen, Slawonien, der Batschka, der Woiwodina, der Gottschee und Slowenien stammten, versorgt werden. Deren Zahl betrug ein Jahr nach Kriegsende noch immer 76.000. Sie waren zumeist in Lagern untergebracht.

Für hunderttausende Soldaten der geschlagenen Wehrmacht war auch nach Ausrufung des Waffenstillstandes der Überlebenskampf noch nicht zu Ende. Sie wurden Kriegsgefangene und oft dauerte es Jahre bis zur Entlassung und zur Rückkehr in die Heimat. Besonders betraf dies jene Soldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren.

Die Niederlage des Nationalsozialismus führte bei den meisten Nazis zu einem totalen Zusammenbruch der Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Gedankengut. Die militärische Niederlage, die Bombenschäden, die zuweilen recht lange Kriegsgefangenschaft, die Verhaftung und zum Teil jahrelange Internierung zahlreicher Nazis in den Lagern Glasenbach und Wolfsberg und weitere „Sühnefolgen“ wurden als Strafe und Sühne für frühere Begeisterung verstanden.[22] Darüber hinaus hatte das Erlebnis einer unmenschlichen Diktatur die Demokratie um vieles attraktiver gemacht.[23]. Nur eine kleine Minderheit blieb unbelehrbar und war nach wie vor der Meinung, dass nur Verrat und Spionage zur Niederlage des Deutschen Reiches geführt hätten und taten die Berichte über die Konzentrationslager und die Ermordung von Millionen Juden, Roma und Sinti als Propaganda der Siegermächte ab. Für die große Mehrheit der Bevölkerung war der Wunsch nach einem Anschluss an Deutschland, der in den vorangehenden hundert Jahren auch in der Steiermark einen hohen Stellenwert hatte, endgültig tot.

Am 25. November 1945 fanden in ganz Österreich Wahlen für den Nationalrat, die Landtage und die Gemeindevertretungen statt. Die Wahlbeteilung bei der Landtagswahl in der Steiermark lag bei 94 %. Die ehemaligen NSDAP-Angehörigen waren von diesen Urnengängen ausgeschlossen.[24] Mit den Wahlen war den Engländern klar, dass die Österreicher in der Lage waren, ordentliche demokratische Verhältnisse zu schaffen. Die Österreichische Volkspartei stellte nach der Wahl den Landeshauptmann. Die Kommunisten bekamen nur 5 % der Stimmen, weil sie mit den Exzessen der Roten Armee in Zusammenhang gebracht wurden. In den folgenden Jahren arbeiteten die Politiker der ÖVP und der SPÖ vertrauensvoll zusammen, was in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig war. Im Juli 1948 wurde der ÖVP-Politiker Josef Krainer zum Landeshauptmann gewählt. Er blieb 23 Jahre in dieser Funktion und wurde zu einer Symbolfigur des Wiederaufbaues der Steiermark.

Trotz der prekären Situation herrschte allgemein die Zuversicht, dass es gelingen würde, das Land erfolgreich aufzubauen. In den ersten Monaten nach dem Waffenstillstand bestand kaum eine Verbindung der Steiermark mit dem übrigen Österreich, geschweige denn mit dem Ausland. Erst ganz allmählich wurde sie wieder hergestellt. Der notwendige Wiederaufbau der Industrie war nicht nur eine Angelegenheit des Fleißes und des guten Willens, sondern mehr noch eine Frage der Kapitalbeschaffung. Durch die Verstaatlichungsgesetze wurden viele große Industriebetriebe und die großen Banken in den Besitz des Staates übergeführt, aber auch dem fehlte das notwendige Kapital. Es war daher für die weitere Entwicklung sehr entscheidend, dass die USA im Rahmen des Marshallplanes, der offiziell „European Recovery Program“, abgekürzt ERP, genannt wurde, die notwendigen Geldmittel zur Verfügung stellten. Damit konnten der Erzberg, die verschiedenen Eisen- und Stahlwerke, viele sonstige Bergbau- und Industriebetriebe, die stark beschädigten Verkehrsanlagen, aber auch die Land- und Forstwirtschaft wieder aufgebaut und modernisiert werden. Damit wurden die Grundlagen für die erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung geschaffen.

Das Stadtgebiet von Graz und auch das anderer steirischer Städte war noch Jahre nach Kriegsende von vielen Bombenruinen geprägt. Trotzdem war es beachtlich, dass in zirka fünf bis zehn Jahren nach Kriegsende fast alle Bombenruinen repariert oder durch Neubauten ersetzt waren.

Nach dem Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages verließen im September 1955 die letzten britischen Besatzungssoldaten mit ihren Familien die Steiermark. Nach den Jahren der NS-Diktatur, dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg und den Entbehrungen der Nachkriegszeit war das dunkelste Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts schließlich zu Ende gegangen. Der Staatsvertrag und die anschließende Räumung Österreichs durch die vier Besatzungsmächte konnte endlich als jenes gemeinsame kollektive Erfolgserlebnis interpretiert werden, das als symbolische Basis für ein österreichisches Nationalbewusstsein notwendig war.[25]

Die Steiermark seit 1955

Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Steiermark in den Jahren seit 1955 unterscheidet sich kaum von jener der anderen österreichischen Bundesländer. Österreich war im letzten halben Jahrhundert weltweit eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder. Es hat eine Entwicklung vom Nachzügler bis ins europäische Spitzenfeld geschafft. Das reale BIP war 2005 fast fünfmal höher als 1955. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zählt Österreich heute zu den reichsten Staaten in der EU und auch in der Welt. Österreich liegt derzeit beim BIP pro Kopf an vierter Stelle in der EU und weltweit an zwölfter Stelle. Die Zunahme des Wohlstandes der Menschen lässt sich auch daraus ermessen, dass es viele der Geräte und Gegenstände, die heute in fast jedem Haushalt praktisch unverzichtbar erscheinen, um 1955 entweder noch gar nicht gegeben hat oder deren Besitz sich damals nur ganz wenige leisten konnten.

In den ersten Jahren nach dem Staatsvertrag waren jene österreichischen Regionen, die unmittelbar an den Eisernen Vorhang grenzten, in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, da sie praktisch an einer toten Grenze lebten, über die es kaum einen Kontakt oder Warenaustausch mit den jugoslawischen, ungarischen und tschechoslowakischen Nachbarn gab. Dies wirkte sich auch auf die süd- und oststeirischen Bezirke aus. Diesbezüglich hatten es die westlichen Bundesländer Österreichs leichter.

Industrie

Die wirtschaftliche Situation der Steiermark war bis zirka 1970 stark von der in der Mur-Mürz-Furche angesiedelten Stahl- und Eisenindustrie bestimmt. Diese Industrie war von der Stahlkrise um 1985 stark betroffen. Durch rigorose Umstrukturierungen, neue Produktentwicklungen und die Privatisierung der verstaatlichten Industrieunternehmungen ist es gelungen, viele dieser Betriebe zu reorganisieren und wieder erfolgreich zu machen. Leitbetrieb dieser Industrie ist die voestalpine. Allerdings führte diese Umstrukturierung zu einer starken Reduzierung der Anzahl der in dieser Industrie beschäftigten Mitarbeiter.

Da inzwischen vor allem im Raum in und um Graz, aber auch in anderen Teilen der Steiermark neue Industrien entstanden sind, ist die Beschäftigungslage in der Steiermark insgesamt weiterhin zufriedenstellend geblieben. Diese Entwicklung führte aber zu einer Reduzierung der Einwohnerzahlen in den meisten obersteirischen Bezirken und zu einer deutlichen Zunahme der Einwohner in den südlichen Bezirken, vor allem in und um Graz. Typisch für diese neuen Betriebe sind die zum Autocluster Steiermark gehörenden Unternehmungen der Autozulieferindustrie. Wenn die wirtschaftliche Entwicklung der Steiermark auch durchaus positiv ist, fällt doch auf, dass sich die Headquarters der größeren Unternehmungen immer seltener in der Steiermark befinden. Der Sitz der voestalpine ist in Linz, Magna Steyr hat den Verwaltungssitz in Niederösterreich. Viele der traditionsreichen steirischen Bierbrauereien gehören heute zum niederländischen Konzern Heineken. Der größte Verarbeiter steirischer Milch, die Berglandmilch, befindet sich in Oberösterreich.

Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft erfolgten massive Veränderungen. Durch die Technisierung wurden die Landarbeiter und die Zugtiere durch die Traktoren und viele andere Maschinen verdrängt. Waren früher auf einem Bauernhof etliche Mägde und Knechte tätig, so sind ab etwa 1970 diese Betriebe praktisch Familienbetriebe geworden. Die frei gewordenen Arbeitskräfte kamen in der wachsenden Industrie leicht unter. Die kleineren Bauernhöfe werden nur mehr als Nebenerwerbsbetriebe geführt oder es wurden die Gründe verpachtet und die Landwirtschaft überhaupt aufgegeben. Durch verbesserte Düngung, Schädlingsbekämpfung und die Einführung neuer ertragreicherer Sorten konnten die Erträge im Acker- und Obstbau gewaltig gesteigert werden. Auch in der Tierzucht kam es zu großen Änderungen. Eine Milchkuh des Jahres 2000 gibt ungefähr vier Mal mehr Milch als eine Kuh des Jahres 1950. Erfreulicherweise ist es vielen steirischen Bauern gelungen ihre Produkte zu Markenartikeln zu machen, wie zum Beispiel die steirischen Äpfel, das steirische Kernöl, die südsteirischen Weißweine, diverse steirische Käsesorten. Auch mit der Erzeugung von naturnahen Produkten und Bioprodukten sind die steirischen Bauern erfolgreich.

Fremdenverkehr

Die Steiermark ist ein beliebtes Fremdenverkehrsland. Früher gab es hier viele Sommerfrischen, die vor allem von den Städtern gerne besucht und genutzt wurden. Die Steiermark konnte die Spitzenstellung im österreichischen Inländerfremdenverkehr erfolgreich verteidigen. Eine steirische Erfolgsgeschichte ist die Errichtung der Thermenanlagen im Steirischen Thermenland, die zu einer starken Belebung des Tourismus in der Oststeiermark führten. Die zahlreichen steirischen Skiregionen wurden ständig modernisiert und erfreuen sich eines guten Zuspruches, die bekanntesten Gebiete sind um Schladming, Murau und am Stuhleck im Semmeringgebiet.

Verkehr

Ein Symbol für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist sicherlich der Pkw, üblicherweise das Auto genannt. In dieser Zeit wurde der Personenkraftwagen zum dominierenden Verkehrsmittel. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich nur ganz wenige Menschen ein Auto leisten. Heute gibt es in Österreich über 4,15 Millionen PKWs bei 8,3 Millionen Einwohnern. Diese Entwicklung bedingte den Ausbau der Verkehrswege. Um die Jahrhundertmitte waren viele Verbindungsstraßen im ländlichen Raum nicht einmal asphaltiert. Jetzt gibt es ein voll ausgebautes Straßennetz mit Bundesstraßen, Schnellstraßen und Autobahnen. Beim Ausbau der Auto- und Bahnverkehrsstrecken kam die Steiermark immer später an die Reihe als die anderen Bundesländer. Beim Ausbau des österreichischen Autobahnnetzes wurde die West Autobahn in den 70er Jahren, die Tauern Autobahn in den 80er Jahren, die Brennerautobahn in den 60er Jahren und die Inntal Autobahn in den 80er Jahren fertig gestellt. Die für die Steiermark wichtige Süd Autobahn war erst 1999 endgültig fertig und die Pyhrn Autobahn gar erst im Jahre 2004. Nur die in die nördlichen und östlichen Nachbarstaaten führenden Strecken wurden noch später errichtet.

In den 1970er Jahren hätte man die Pyhrn Autobahn dringend gebraucht, denn für viele in Westeuropa tätige Arbeitsmigranten war die unausgebaute Strecke durch das Enns-, Palten- und Liesingtal die kürzeste Straßenverbindung zu ihren Heimatländern. Auf dieser berüchtigten „Gastarbeiterstrecke“ kam es zu häufigen Staus und vielen schweren Verkehrsunfällen. Jetzt, wo die Strecke ausgebaut wäre, fliegen diese Menschen zumeist mit dem Flugzeug in die alte Heimat, weil die Flüge billig geworden sind.

Die Österreichische Bundesbahn setzt modernere Wagengarnituren eher an der Westbahnstrecke ein. Auf der von Wien in die Steiermark führenden Südbahnstrecke kommen häufig die älteren Waggons zum Einsatz. Der projektierte Semmeringbasistunnel würde die Fahrtzeit in die Steiermark um eine halbe Stunde verkürzen. Aber der Baubeginn wird verzögert. Gegen den Semmeringbasistunnel gibt es wasserökologische Einwände des Landes Niederösterreich, die vom NÖ-Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll unterstützt werden und von Bürgerinitiativen. Gegen die vor wenigen Jahren gebauten Straßentunnels am Semmering gab es keine derartigen Einwände. Dass die Koralmbahn, die eine weit raschere Zugverbindung von der Steiermark nach Kärnten ermöglichen wird, gebaut wird, war nur durchzusetzen, weil vorübergehend eine dafür günstige Regierungskonstellation gegeben war.

„Ostöffnung“

Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Grenzen zu den nachbarlichen Ostblockländern langsam durchlässiger und die Handelsbeziehungen wurden intensiver. Damit holten auch die östlichen Bundesländer wirtschaftlich auf. Seit der Verlegung der Schengen-Außengrenze von Österreich weg an die Peripherie der 27-Staaten-EU am 21. Dezember 2007 können die Steirer und alle Menschen in Mitteleuropa wieder unbehindert und ohne Passvorlage in die Nachbarländer einreisen wie seinerzeit in der Donaumonarchie.

Parteipolitik

Besonders in den ersten Nachkriegsjahrzehnten war der „Proporz“ im Rahmen der Großen Koalition ein wesentliches Element der österreichischen Politik. Die Lehre aus den leidvollen Erfahrungen in der ersten Republik führte zu einer engen Zusammenarbeit der beiden großen Parteien ÖVP und SPÖ. Die gegenseitige Skepsis blieb jedoch bestehen. Die Koalition und mit ihr der Proporz wurden so zu einem Instrument der gegenseitigen Kontrolle. Im eigentlichen Sinn heißt Proporz die anteilsmäßige Beteiligung sozialer und politischer Gruppierungen an der politischen Willensbildung. Tatsächlich war es aber mehr als das. Im allgemeinen Sprachgebrauch verstand man darunter die Praxis der Regierungsparteien, die Posten im öffentlichen Dienst und in der verstaatlichten Wirtschaft an ihre Parteigänger zu vergeben. Das Parteibuch galt nicht nur als Ausdruck der „richtigen“ Gesinnung oder Weltanschauung, sondern entschied nicht selten über Lebenschancen wie die Vergabe von Arbeitsplätzen, Wohnungen und Karrieremöglichkeiten. Die Parteipolitik reichte weit in ein wirtschaftspolitisches Vorfeld hinein, in den Bereich der verstaatlichten Industrie und der Banken, in die Bauwirtschaft und viele andere Institutionen.

Widerstand gegen dieses Machtkartell wurde außer von den Oppositionsparteien vor allem von den politisch unabhängigen Zeitungen artikuliert. Ein Beispiel dafür ist das Rundfunkvolksbegehren von 1964. Im Laufe der Zeit wurde diese Proporzpraxis doch in vielen Bereichen zurückgedrängt. Sie ist aber im Vergleich zu anderen Staaten in Österreich noch immer relativ stark ausgeprägt. Die öffentliche Diskussion um „Postenschacher“ und „Privilegienwirtschaft“ ist ein ständiges Thema der österreichischen Politik. Der Einfluss der Sozialpartner ist auch etwas schwächer geworden.

In der steirischen Landesverfassung ist das Proporzsystem vorgeschrieben. Alle Parteien haben, sofern sie eine bestimmte Mandatszahl erreichen, einen Anspruch auf eine Beteiligung in der Landesregierung. In einigen österreichischen Bundesländern wurde dieser „Zwangsproporz“ durch ein System einer freien Mehrheits- und Koalitionsbildung abgelöst. Von 1945 bis 2005 stellte die ÖVP den Landeshauptmann. Bei den Landtagswahlen 2005 erhielt die SPÖ die meisten Stimmen. Damit wurde mit Franz Voves erstmals ein Sozialdemokrat zum Landeshauptmann gewählt und Waltraud Klasnic (ÖVP), die bis dahin Landeshauptmann war, zog sich aus der Politik zurück.

Kultur

Im Bereich der zeitgenössischen Kunst, war man in der Steiermark und hier vor allem in Graz ab 1955 besonders aktiv. Das Forum Stadtpark, der Steirische Herbst, das Filmfestival Diagonale, das seit 1998 in Graz abgehalten wird, sind einige Beispiele für diesen Bereich. Auch für die Styriarte, das seit 1985 stattfindende Festival für alte und klassische Musik, ist Graz ein unverwechselbarer und würdiger Veranstaltungsort. Im Jahr 2003 war Graz Europäische Kulturhauptstadt.

Literatur

Zeitschriften

  • Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Bd. 1ff., 1902ff. Neue Folge beginnend mit Bd. 1, 1954.
  • Beiträge zur Kunde steiermärkischer Geschichtsquellen. Hrsg. vom Historischen Vereine für Steiermark. Band 1, 1864 bis Band 32, 1902. Fortgesetzt als: Beiträge zur Erforschung steirischer Geschichte. NF1, 1903 bis NF9, 1918. Wiederum fortgesetzt als: Beiträge zur Erforschung steirischer Geschichtsquellen NF10ff., ab 1931.

Monographien

  • Othmar Pickl (Hrsg.): Geschichte der Steiermark. 10 Bände, Historische Landeskommission für Steiermark, Graz 2004, ISBN 3-901251-30-8.
  • Anita Ziegerhofer: Ferdinand I. und die steirischen Stände. Dargestellt anhand der Landtage von 1542 bis 1556. dbv-Verl, Graz 1996, ISBN 3-7041-9062-4.

Einzelnachweise

  1. Brigitta Mader: Die Alpenslawen in der Steiermark. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, Vorwort, ISBN 3-7001-0769-2
  2. Herwig Wolfram (Hrsg.): Die Geburt Mitteleuropas. Verlag Kremayr und Scheriau, Wien 1987, ISBN 3-218-00451-9, S. 345
  3. Heinrich von Zeißberg: Leopold V.. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 18, Duncker & Humblot, Leipzig 1883, S. 385–388.
  4. Mathias Bernath (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Verlag Oldenbourg, Band 3, München 1979, ISBN 3-486-48991-7, S. 375f.
  5. Belehnungsurkunde vom Jahre 1282
  6. Fritz Posch: Der Landausbau Österreichs im Früh- und Hochmittelalter, in Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte Österreichs. Institut für Österreichgeschichte, Verlag Ferdinand Hirt, Wien 1974, ISBN 3-7019-5018-0, S. 92
  7. Werner Strahalm, Peter Laukhardt: Graz. Eine Stadtgeschichte. Edition Strahalm, Graz 2003, ISBN 3-900526-27-3, S. 71
  8. Jüdisches Leben in der Steiermark
  9. Ferdinand Tremel: Land an der Grenze. Eine Geschichte der Steiermark, Leykam Verlag, Graz 1966, S. 146
  10. Ferdinand Tremel: Land an der Grenze. Eine Geschichte der Steiermark. Leykam Verlag, Graz 1966, S. 234
  11. Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Campus, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-593-37778-0.
  12. Heidemarie Uhl ÖAW: Kulturelle Strategien nationaler Identitätspolitik in Graz um 1900. In: Johannes Feichtinger, Peter Stachel (Hrsg.): Das Gewebe der Kultur: kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne. Studienverlag, Innsbruck 2001, ISBN 3-7065-1556-3, S. 85
  13. Landesgesetz- und Verordnungsblatt für das Herzogtum Steiermark, Nr. 78/1918 (ausgegeben am 20. November 1918)
  14. Kurt Bauer: Elementarereignis. Die österreichischen Nationalsozialisten und der Juliputsch 1934, Czernin Verlag, Wien 2003, ISBN 3-7076-0164-1, S. 86.
  15. Helmut Konrad, Andrea Strutz: Graz – „Stadt der Volkserhebung“, DÖW 1998
  16. Stefan Karner: Die Steiermark im Dritten Reich 1938–1945, Leykam Buchverlag, Graz 1986, ISBN 3-7011-7171-8, S.62
  17. Günther Jontes, Günter Schilhan: Zeit. Geschichten Steiermark. Vom Anschluss bis zum Staatsvertrag. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2007, ISBN 978-3-201-01891-3, S. 19
  18. Günther Jontes, Günter Schilhan: Zeit. Geschichten Steiermark. Vom Anschluss bis zum Staatsvertrag. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2007, ISBN 978-3-201-01891-3, S. 21.
  19. Stefan Karner: Die Steiermark im Dritten Reich 1938–1945, Leykam Buchverlag, Graz 1986, ISBN 3-7011-7171-8, S.173.
  20. Walter Zitzenbacher (Hrsg.): Landeschronik Steiermark. Brandstätter Verlag, Wien 1988, ISBN 3-85447-255-2, S. 344
  21. Manfried Rauchensteiner: Krieg in Österreich 1945. Schriften des Heeresgeschichtlichen Museum Wien, Band 5, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1984, ISBN 3-215-01672-9.
  22. Ernst Bruckmüller: Sozialgeschichte Österreichs. 2. Auflage, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 2001, ISBN 3-7028-0361-0, S. 427.
  23. Heinz Fischer in „Das Buch Österreich“, herausgegeben von Hans Rauscher, Verlag Brandstätter, ISBN 3-85498-391-3, S. 600.
  24. Günther Jontes, Günter Schilhan: Zeit. Geschichten Steiermark. Vom Anschluss bis zum Staatsvertrag. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2007, ISBN 978-3-201-01891-3, S. 201.
  25. Ernst Bruckmüller: Sozialgeschichte Österreichs. 2. Auflage, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 2001, ISBN 3-7028-0361-0, S. 428.

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