Historische Musikwissenschaft


Historische Musikwissenschaft

Die Historischen Musikwissenschaft oder Musikgeschichte beschäftigt sich mit der Entstehung und Entwicklung von Musik. So ist der Gegenstandsbereich etwa die Einteilung der Musik in Epochen. Sachverhalte der Vergangenheit sollen anhand von Quellen aufgedeckt und interpretiert werden. Aber auch die Musik der Gegenwart ist im Fokus der historischen Musikwissenschaft.[1]

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Die Wiege der Musikwissenschaft stand im europäisch-deutschsprachigen Raum. Die ersten Lehrstühle für Musikwissenschaft und -geschichte wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien, Berlin, Prag und Straßburg errichtet. Die Geschichte der Musik im Sinne einer Hochkulturgeschichte war zunächst Gegenstand des Fachs. Gelegentlich wird behauptet, die Musikwissenschaft sei 3000 Jahre alt, denn es wird auf die Musik der alten Griechen geschaut. Die Musik war sowohl bei Pythagoras, als auch bei Platon und Aristoteles Gegenstand philosophischer Erörterungen. Ein wichtiger antiker Grieche war Aristoxenos, der sich bis heute einflussreich mit Musik befasste. Die entwickelte Musiktheorie wurde im Mittelalter aufgenommen und wirkt in der Begrifflichkeit bis heute nach, betrachtet man die musikalischen Begriffe: Musik, Harmonie, Melodie und Rhythmus. Dies sind Wörter, die ihre Wurzeln im Altgriechischen haben. Im 19. Jahrhundert wurde an die außeruniversitäre Musikgeschichtsschreibung angeknüpft, die es bereits vor dem Jahrhundert gegeben hatte. Das Betreiben von Musikwissenschaft oder Musikforschung im Sinne historisch-philologisch ausgerichteter Geisteswissenschaft deckt sich nicht mit der Institutionalisierung an der Universität, sondern gab es schon früher im 19. Jahrhundert. Guido Adlers (1855–1941) eingeführte Aufteilung des Fachs in einen historischen und einen systematischen Teil wirkt noch heute fort. Er war bestimmend für die historische Ausrichtung der Musikwissenschaft bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Adlers Methode der Musikgeschichte (1919) beschreibt den Umriss der historischen Musikwissenschaft: Besprechung der Epochen, Menschen, Länder, Städte, Schulen und Künstler. Dabei ist vor allem der Fokus auf Notation, Gruppierung von musikalischen Formen, Systemen (Theoretiker, Kunstausübung) und Instrumente.

Gegenstand der historischen Musikwissenschaft

Carl Dahlhaus (1928–1989)

Das Kernstück der Historischen Musikwissenschaft ist der Gegenstandsbereich Musik und Geschichte. Um zu objektiven und überprüfbaren Aussagen zu gelangen, verwendet man geisteswissenschaftlich-philologische Methoden, wie etwa Quellenforschung, Notenkunde, Notentextanalyse und –auslegung. Dabei gibt es verschiedene Arten von Quellen die untersucht werden: Absichtlich überlieferte Quellen wie z. B. Lehrbücher, unabsichtlich überlieferte Quellen wie das Musikinstrument eines Komponisten, Briefe und Gehaltsabrechnungen, Musikquellen (Autographe) und Skizzen.

Das Ziel ist die Aufdeckung von Sachverhalten der Vergangenheit. Die Historische Musikwissenschaft will Quellen verfügbar machen und sie interpretieren. Bis 1945 stellte sich die Musikwissenschaft nicht der Gegenwartsmusik, viel mehr spezialisierten sich die Fachvertreter auf einzelne Epochen oder sie differenzierten den Erkenntnisstand des Musikbereichs. Erst ab den 1960er Jahren wurde die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts in Angriff genommen. Im Groben und Ganzen kann man sagen die historische Musikwissenschaft ist in eine empirisch-positivistische (Fokussierung auf Dokumentenstudien) und eine theoretisch-philosophischen Kategorie aufgeteilt (Wandel der Zeit, Periodisierung und Biographie).

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der historischen Musikwissenschaft gehört zum einen Rudolf Stephan (* 1925), der für die Hinwendung zur Musik des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung ist. Er sieht die Musikgeschichte als Teil der allgemeinen Geschichte der Kultur[2] und der Geschichte der Kunst. Als zweiter sei Hans Heinrich Eggebrecht (1919–1999) genannt, der die musikalischen Werke im Rahmen der historischen Rezeptionsforschung anregte und als drittes Carl Dahlhaus (1928–1989), der die historische Musikwissenschaft inhaltlich und methodisch neu formulierte.

Historische Musikwissenschaft in anderen Ländern

In Österreich beschäftigt sich die Historische Musikwissenschaft vor allem mit Stilgeschichtsschreibung und Lokalmusikforschung und ist ähnlich wie in Deutschland vor allem eine universitäre Disziplin. Bedeutend für die Historische Musikwissenschaft in Österreich sind Erich Schenk (1902–1974), Wilhelm Fischer (1886–1962), Othmar Wessely (* 1937) und Rudolf Flotzinger (* 1939).

Musikwissenschaftliche Forschung erfolgt in der Schweiz vor allem an deutschsprachigen Universitäten und widmet sich europäischer Musik vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert und außereuropäischer Musik. Die Schola Cantorum Basiliensis beschäftigt sich besonders mit historischer Aufführungspraxis. Die Paul-Sacher-Stiftung archiviert die Nachlässe von Webern und Strawinski und unternimmt Studien zur Musik des 20. Jahrhunderts.

Nach 1945 beschäftigte sich die universitäre Musikwissenschaft in den Niederlanden besonders mit der Historie. Albert Smijers (1888–1957) und Karel Philippus Bernet Kempers (1897–1974) untersuchten vor allem das Thema „Zeitalter der Niederländer“, wie z. B. Sweelinck oder Josquin. Besonders die Edition kritischer Gesamtausgaben, Mittelalterstudien, historische Aufführungspraxis und Organologie stehen im Mittelpunkt der Forschung. Seit den 60er Jahren vollzog sich eine Öffnung der historischen Musikwissenschaft durch moderne Analyseverfahren, Strukturalismus und Semiotik.

Musikwissenschaft ist in den USA ein nachkriegs- und universitäres Phänomen, und es gibt kaum außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Die amerikanische Musikwissenschaft hat die Teildisziplinen history, theory und ethnomusicology, wobei der historischen Musikwissenschaft die größte Bedeutung beigemessen wird. Dahlhaus-Schriften, die fast alle ins Englische übersetzt wurden, führten ab den 80er Jahren zu einem strukturgeschichtlichen Ansatz. Aufbauend auf den Arbeiten von Sophie Drinker wird mittlerweile auch die Gender-Dimension einbezogen.

Anmerkungen / Einzelnachweise

  1. Rudolf Stephan: Musikwissenschaft, a. a. O., Seite 236
  2. Rudolf Stephan: Musikwissenschaft, a. a. O., Seite 236

Literatur

  • Cadenbach, Rainer u. a.: Musikwissenschaft in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil, Band 6. Kassel u. a.: Bärenreiter 1989, Spalte 1789–1834.
  • Duckles, Vincent u. a.: Musicology in: The New Grove. Dictionary of Music und Musicians, 2nd edition, Vel. 17. Hrsg. von Stanley Sadie, London/ New York: Macmillan. S. 488–533.
  • Rösing, Helmut; Petersen, Peter: Orientierung Musikwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt 2000.
  • Carl Dahlhaus. Gesammelte Schriften. Hermann Danuser (Hrsg.) in Verbindung mit Hans-Joachim Hinrichsen und Tobias Plebuch, 11 Bände, Laaber-Verlag 2000–2007, ISBN 3-89007-235-6
  • Rudolf Stephan: Musikwissenschaft, in: Das Fischer Lexikon Bd. 5, Musik, Hrsg. Rudolf Stephan, Frankfurt am Main 1957, Seite 236 ff

Weblinks


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