Lennie Tristano

Lennie Tristano
Lennie Tristano, ca. 1947.
Fotografie von William P. Gottlieb.
Bill Harris, Denzil Best, Flip Phillips, Billy Bauer, Lennie Tristano, Chubby Jackson, ca. September 1947.
Fotografie von William P. Gottlieb.

Lennie Tristano (* 19. März 1919 in Chicago, Illinois; † 18. November 1978 in New York) war ein US-amerikanischer Jazzmusiker: Pianist und Multiinstrumentalist, Arrangeur, Komponist und Musikpädagoge; Stilrichtungen Bebop, Cool Jazz, Modal Jazz, bis zur Vorwegnahme des klassischen Free Jazz der 1960er.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Leonard Joseph Tristano wurde 1919 als zweites von vier Kindern italienischer Einwanderer in Chicago geboren. Er hatte bereits als vierjähriger mit dem Klavierspiel begonnen, anfangs unterrichtet von seiner Mutter, die nebenberuflich Opernsängerin und Pianistin war. Als Folge der grassierenden Spanischen Grippe war sein Sehvermögen stark geschwächt, mit zehn Jahren war er völlig blind. 1928 bis 1938 besuchte er in Chicago eine Schule für Blinde, wo er außerdem Musiktheorie, Cello, Klarinette und Tenorsaxophon lernte, und danach bis zu seinem Abschluss 1943 das American Conservatory of Music, mit einer vorwiegend klassischen Ausbildung, vor allem widmet er sich Bach. Nebenbei spielte er in Chicago Jazz und begann nach seinem Abschluss zu unterrichten - zu seinen ersten Schülern in Chicago zählten Lee Konitz und der Komponist Bill Russo.

1946 übersiedelte er nach New York und gründete eigene Combos (Trio bis Sextett), denen insbesondere der Gitarrist Billy Bauer und der Tenorsaxophonist Warne Marsh (der bei ihm ab 1948 studierte) angehörten. Ein weiterer wichtiger Mitspieler war der Altsaxophonist Lee Konitz aus dem Claude Thornhill Orchestra, der damals auch bei Gil Evans und Miles Davis mitspielte. Außerdem spielte er mit Musikern wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Er erregte so viel Aufmerksamkeit, dass er von Metronome 1947 zum Musiker des Jahres gewählt wurde (der Metronome-Journalist Barry Ulanov war einer seiner eifrigsten Fürsprecher). Tristano mit seiner Gruppe ist in dieser Zeit neben Evans und Davis mit Gerry Mulligan, John Lewis u.a. einer der wesentlichen Schöpfer des aus dem Bebop abzweigenden Cool Jazz. Zu seinen markanten Stücken zählen die im Mai 1949 eingespielten Improvisationen „Digression“ und „Intuition“ (auf dem Album Crosscurrents mit Konitz, Marsh, Bauer, Arnold Fishkin (b), Harold Granowsky und Denzil Best (beide dr)); den Stellenwert zweier weiterer, in der gleichen Aufnahmesitzung eingespielten Stücke mit freien Improvisationen hat Produzent Pete Rugolo nicht erkannt (Aufnahmen wurden nicht archiviert).

Tristanos Stil ist besonders hinsichtlich seiner Art interessant, bis zu drei unabhängige Takte zu spielen und ineinander zu verweben. 1951 gründete er in New York eine Jazzschule, die erste ihrer Art, bei der u.a. seine Schüler Bauer, Konitz, Marsh und der Pianist Sal Mosca unterrichteten. 1955 entstanden die legendären Titel „Requiem“, „Line Up“ und „Turkish Mambo“ sowie Live-Aufnahmen mit Lee Konitz, die dann auf seinem Debütalbum Lennie Tristano auf Atlantic erschienen sind.


Sessions und Aufnahmen wurden ab 1956 selten. Tristano konzentrierte sich aufs Unterrichten und trat nur gelegentlich im „Half Note“ auf. Auf Descent into the Maelstrom setzt er seine Experimente mit Overdub-Techniken fort. 1965 tourte Tristano ein Mal durch Europa, 1968 hatte er seinen letzten öffentlichen Auftritt in den USA. Er unterrichtete weiter bis zu seinem Tod 1978.

Zwei der Kinder Lennie Tristanos aus der zweiten Ehe mit Carol Miller, die Schlagzeugerin Carol Tristano und der Gitarrist Bud Tristano, pflegen sein musikalisches Erbe.

Tristano-Schule des frühen Modern Jazz

Lennie Tristano unterrichtet zunächst bei sich zu Hause, eröffnet dann später eine Schule in der 317 East 32nd Street, New York. 1956 schloss er die Schule und unterrichtete von Long Island aus.

Seine Methoden beinhalten vor allem die Auseinandersetzung mit dem Barock, insbesondere mit Johann Sebastian Bach. Als Vorbilder im Jazz gelten Louis Armstrong, Earl Hines, Roy Eldridge, Lester Young, Charlie Christian, Charlie Parker und Bud Powell. Die Soli dieser (im Grunde sehr begrenzten) Auswahl von Musikern werden von Aufnahmen transkribiert und nachgesungen, später nachgespielt. Wichtig ist generell, dass zunächst die Basis gründlich abgedeckt wird: Bevor sich die Studenten mit dem Instrument befassen, müssen sie nicht nur alles singen können, sondern auch schwierige grundlegende rhythmische sowie polyrhythmische Übungen beherrschen. Daraufhin lernen sie Stücke in allen Tonarten, sowohl in Dur als auch in Moll und befassen sich detailliert mit den Harmonien und Strukturen jeden Akkordes. Letztendlich bezeichnet Tristano aber die Melodie als wichtigstes Element der Musik und der Improvisation.

Neben dem strengen musikalischen Training zeichnet sich die Tristano-Schule auch durch bestimmte Anschauungen aus: Tristano ist absolut gegen jeden Kommerz, er wettert gegen Veranstalter und Cafébesitzer, die die Künstler ausbeuten und sie dazu zwingen, sich entweder musikalisch anzupassen oder zu „verhungern“ („....either conform, comercially, or starve..“). Seiner Meinung nach darf keine Kunstform durch die Forderungen der Gesellschaft an ihrer freien Entfaltung gehindert werden.

Ein weiteres musikalisches Merkmal seiner Lehre regelt weitgehend die Rolle der Rhythmusgruppe in der Band; Schlagzeuger und Bassist fungieren im Grunde lediglich als „timekeeper“, sie sorgen für eine stabile Grundlage, die den Solisten ihre waghalsigen Verschiebungen und harmonischen Ausflüge erlaubt. Oft werden die Tristano-Bands aufgrund dieser Gepflogenheit bei Publikum und Kritikern als zu wenig interaktiv und dynamisch empfunden. Wegen dieser als beherrscht, unterkühlt und intellektuell empfundenen Spielweise entsteht auch der Begriff Cool Jazz.

Regelmäßig fanden in der „Schule“ Sessions statt. Tristano gab zahlreiche Konzerte zusammen mit seinen besten Studenten; auch Studioaufnahmen wurden gemacht. Dabei wurden die eingeübten Kompositionen, oft komplizierte Melodielinien über bekannte Standards, aufgeführt und aufgenommen, auch Inventionen von Bach (im Duo Marsh/Konitz) gehören zum Programm. Für viele seiner Schüler, darunter Lee Konitz, Billy Bauer, Peter Ind, Lloyd Lifton, Warne Marsh war Lennie Tristano nicht nur Mentor, sondern eine Art Vaterfigur und „Rundum-Vorbild“. Manche Studenten studierten jahrzehntelang bei ihm; insbesondere Warne Marsh kann sich -wenn überhaupt- über lange Zeit nicht von seinem Lehrer lösen. Weitere Tristano-Schüler sind Bill Russo, Connie Crothers, Lenny Popkin, Sal Mosca, Sheila Jordan, Bill Evans, Fran Canisius, Betty Scott, Jeff Morton, Willie Dennis, Don Ferrara, Alan Broadbent und Rockgitarrist Joe Satriani.

Ebenfalls typisch für Lennie Tristano und seine Anhänger ist das Bewusstmachen vieler Tatsachen und Vorgänge. Der Kreis befasst sich mit Psychoanalyse, z.B. mit Wissenschaftlern wie Sigmund Freud und Wilhelm Reich. Es wird über das Einfließen von Empfindungen in die Musik diskutiert.

Rezeption bei afroamerikanischen Musikern

Möglicherweise sah Lennie Tristano seine Methode als eine „weiße“ Herangehensweise an den Jazz. Seine besondere Faszination durch europäische Komponisten (Johann Sebastian Bach, Bela Bartók) sprechen dafür, sowie sein bevorzugtes Repertoire, das kaum Blues, aber viele Stücke von weißen Musikern wie George Gershwin, Jerome Kern und Cole Porter beinhaltete.

Tristanos Schüler Warne Marsh äußerte sich häufig zur Diskriminierung der weißen Musiker im Jazz, die er ständig erfahren musste. Viele vertraten in dieser Zeit die Meinung, dass Weiße nicht in der Lage seien, Jazz zu verstehen und zu spielen. Relativ selten kommt es zum Zusammenspiel zwischen Tristano-Anhängern und afroamerikanischen Musikern. Einige Afroamerikaner, z.B. Charlie Parker und Max Roach, drücken dennoch ihre Bewunderung für Tristanos Stil aus und erscheinen gelegentlich bei Sessions in dessen Schule.

Einen großen Einfluss übte Tristano allerdings auf Charles Mingus aus, der in seinen Jazzworkshops (ab 1953) mit vielen Tristano-Schülern (wie Teo Macero, John LaPorta) zusammenspielte und in seiner Probe- und Improvisationspraxis viel von ihm lernte. Mingus selbst studierte Anfang der 1950er Jahre bei Tristano.

Diskografie

  • Intuition  –  (1946–52; Box 4 CD + Booklet 40 S.(en), compil. 2003 Proper/mcps)
  • Live in New York  –  (1949; with Lee Konitz, Warne Marsh, Billy Bauer u.a., compil. 2004 by Jazz Door)
  • Crosscurrents, Capitol 1949 (als Album veröffentlicht erst 1972)
  • Descent into the Maelstrom, Inner City 1952
  • Lennie Tristano (Atlantic, 1956)

Literatur

  • Peter Ind: Jazz Visions – Lennie Tristano and his legacy London, Equinox Pbl. Ltd., 2005.
  • Eunmi Shim: Lennie Tristano: His Life in Music] Ann Arbor, University of Michigan Press 2007 ISBN 0-472-11346-1

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