Siena [2]


Siena [2]

Siena, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz (s. oben), malerisch auf einer Anhöhe, 319–405 m ü. M., an der Eisenbahn Empoli-Chiusi gelegen, hat alte Ringmauern mit einer Zitadelle und neun Toren (darunter Porta Romana, 1327), meist enge und steile Straßen, ist aber für die Kunstgeschichte durch ihre schönen gotischen und Renaissancebauten, als Heimat und Arbeitsstätte von Architekten (Peruzzi), Bildhauern (Jacopo della Quercia) und einer eignen Malerschule (Duccio, Simone Martini, Lorenzetti, Sodoma, Beccafumi) von hoher Bedeutung. Der Dom von S., eins der schönsten gotischen Bauwerke Italiens (s. Tafel »Architektur IX«, Fig. 4), wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. begonnen und 1322 vollendet; die reich dekorierte Westfassade wurde nach dem Vorbilde des Domes von Orvieto 1380 vollendet. Die Mosaiken sind 1878 eingesetzt. Das dreischiffige Innere hat eine Länge von 89 m und eine Breite von 24,5 m; die Wände sind mit horizontalen schwarzen und weißen Marmorplatten verkleidet. Der Fußboden besteht aus schönen Marmormosaiken von 1369–1550 (meistens Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament). Über dem Mittelraum erhebt sich eine zwölfseitige Kuppel. Bemerkenswerte Kunstwerke im Innern des Domes sind: die berühmte, 1268 vollendete Kanzel von Niccola Pisano, der Hochaltar von Peruzzi (1532) mit Bronzetabernakel von Vecchietta (1465–72), das Altarbild von Duccio (1310), die Weihbecken von Federighi, das Renaissancestuhlwerk im Chor, fünf Bildsäulen von Michelangelo, eine Bronzestatue Johannes des Täufers von Donatello u. a. Der an den Dom angrenzende schöne Saal der Libreria (1495) enthält Fresken Pinturicchios aus dem Leben Pius' II. und reich ausgestattete Chorbücher mit Miniaturen. Unter dem Chor des Domes ist (seit 1317) gewissermaßen als Krypte die Unterkirche San Giovanni eingebaut, mit schöner, aber unvollendeter Fassade (1382) und berühmtem Taufbrunnen (1417–30). In der Dombauhütte (Opera del Duomo) befinden sich die Originalskulpturen der Fonte Gaja, andre Entwürfe und Zeichnungen, eine schöne antike Marmorgruppe der drei Grazien, Gemälde u. a. Andre bemerkenswerte Kirchen sind: die gotische Kirche San Domenico (1293 bis 1391) mit Fresken von Sodoma, einem Marmorziborium von Benedetto da Majano u. a.; Santo Spirito (1345) mit der schönen, von Sodoma ausgemalten Cappella degli Spagnuoli; die Kirche der in S. gebornen heil. Katharina (1473) mit schöner Frührenaissancefassade und Freskodarstellungen aus dem Leben der Heiligen von Pacchia; die Frührenaissancekirche Fontegiusta (1484–89) mit schönem Marmoraltar von Lorenzo di Mariano (1517); San Cristoforo mit Madonna von Pacchia; der Barockbau der Madonna di Provenzano (1594) u. a. Hervorragende Paläste sind: der Palazzo pubblico auf der den Mittelpunkt der Stadt bildenden Piazza Vittorio Emanuele, ein gotischer Bau von 1289–1305, mit 102 m hohem Turm, einer Kapelle, schönen Sälen mit Fresken von Simone Martini, Lorenzetti, Spinello Aretino, Beccafumi u. a.; der Palazzo del Governo (früher Piccolomini), ein Frührenaissancebau (1469–1500), mit reichem Staatsarchiv; der Palazzo del Magnifico (von 1508), mit schönen, bronzenen Fahnenhaltern an der Fassade; die gotischen Paläste Tolomei (1205), Saracini (13. Jahrh.), Sansedoni, Buonsignori (Backsteinbau aus dem 14. Jahrh., 1848 restauriert); die Frührenaissancepaläste Spannocchi (jetzt Postgebäude, von 1473), Nerucci (1463) und viele andre des 13.–16. Jahrh., ferner die Loggia dei Mercanti, eine freie Nachahmung der Loggia dei Lanzi in Florenz (1417 bis 1438), und die Loggia del Papa oder dei Piccolomini, eine zierliche, 1460 von Federighi erbaute Halle. Von den monumentalen Brunnen der Stadt sind die marmorne Fonte Gaja (1409–19) auf der malerischen Piazza Vittorio Emanuele (eine moderne Kopie des in der Dombauhütte befindlichen Originalwerkes von Jacopo della Quercia), die malerische Fonte Branda und die Fonte Nuova zu nennen. Ein schöner Spaziergang ist die Lizza mit Garibaldidenkmal (von Romanelli). Die Zahl der Einwohner beträgt (1901) 25,573. Von Industrieunternehmungen werden ein Antimonhüttenwerk, eine Eisenbahnreparaturwerkstätte, Fabriken für Eisenwaren und Maschinen, Weberei, Gerberei, Buchdruckerei, Erzeugung von Möbeln, Pfefferkuchen u. a. betrieben. An wissenschaftlichen Anstalten besitzt S. eine im 13. Jahrh. gegründete Universität mit juristischer und medizinischer Fakultät (1903: 202 Hörer; vgl. Zdekauer, Lo studio di S. nel rinascimento, Mail. 1894), ein Lyzeum, ein Gymnasium und eine Technische Schule, eine Kunstschule, eine Gemäldesammlung (reich an Werken der ältern Sieneser Schule), ein naturhistorisches Museum, eine Stadtbibliothek (75,000 Bände und 4971 Manuskripte). S. ist der Sitz des Präfekten und eines Erzbischofs. – S. hieß bei den Römern Sena Julia und erhielt unter Augustus eine Kolonie. Im Mittelalter war S. unter fränkisch-deutscher Herrschaft Hauptort einer Grafschaft; später, obwohl durch Parteiungen vielfach zerrissen, eine der ansehnlichsten Städte Tusciens und die Führerin der ghibellinischen Partei in Mittelitalien. Am 3. Sept. 1260 erfochten die Sienesen über die Florentiner den glänzenden Sieg von Montaperti. Nachdem S. aber durch Cosimo I., Herzog von Florenz und nachmaligen Großherzog von Toskana, seiner Freiheit beraubt und 1557 mit Florenz vereinigt worden war, sank es so sehr herab, daß es kaum noch 10,000 Einw. zählte. Vgl. Pecci, Memorie della città di S. (Siena 1755 bis 1760, 4 Bde.); Milanesi, Documenti per la storia dell' arte senese (das. 1854, 3 Bde.); Andreucci, S. e la sua provincia (das. 1886); Valsecchi, Le contrade di S. (das. 1889); Richter, Siena (Bd. 9 der Sammlung »Berühmte Kunststätten«, Leipz. 1901); Prunai, Una città del Trecento (Flor. 1902); Douglas, The history of S. (Lond. 1902); Gardner, The story of S. and San Gimignano (das. 1904); Heywood und Olcott, Guide to S. (Siena 1903); Rusconi, Siena (Bergamo 1904); Rothes, Die Blütezeit der sienesischen Malerei (Straßb. 1904); v. Chledowski, Siena (Berl. 1905, 2 Bde.); Petrucci, Le fonte di S. (Flor. 1905).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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