Ölbaum [1]


Ölbaum [1]

Ölbaum (Olive, Olivenbaum, Olea R. Br.), Gattung der Oleazeen, kahle oder mehr oder minder schuppige Bäume oder Sträucher mit gegenständigen, lederartigen, einfachen, ganzrandigen, selten gezahnten Blättern, in meist achselständigen, zusammengesetzten Trauben stehenden, oft wohlriechenden Blüten und eiförmigen oder kugeligen, fleischigen, ein-, seltener zweisamigen Steinfrüchten. Etwa 31 Arten im Kapland, in Ostindien, Australien und Polynesien. Der echte O. (O. europaea L.), dessen wilde Form in pliocänen Schichten bei Bologna gefunden wurde, ist eine wichtige Kulturpflanze. (Näheres s. Tafel »Fett und Öl liefernde Pflanzen«, Fig. 7, mit Text.) Der Baum beginnt im 7. Jahr zu tragen, und seine Fruchtbarkeit ist am größten vom 40.–100. Jahr. Man erntet von einem Baum 70–75 kg Früchte. Die Oliven werden vom November bis Ende Januar geerntet und roh und in Salzwasser gelegt genossen. Meist werden sie aber vor völliger Reise abgenommen, in Kalkwasser gelegt, wodurch sie weicher werden und einen mildern Geschmack erhalten, und dann entweder in Salz oder auch in Essig eingelegt. In dieser Zubereitung bilden sie eine beliebte Vor- und Zuspeise. In den Olivenländern ist kaum eine Mahlzeit zu denken ohne Oliven. Auch getrocknete Oliven werden sehr viel gegessen. Die besten Salzoliven liefert Andalusien (Sevilla). In der Küche werden frische und konservierte Oliven zu Ragouts, Salaten, Saueen und zum Garnieren benutzt. Hauptsächlich gewinnt man aus den reisen Früchten das Olivenöl (s. d.), auch die Kerne liefern fettes Öl. Das Ölbaumholz (s. Tafel »Nutzhölzer II«, Fig. 14) ist gelb, im Kern dunkel geädert und gefleckt, daher im Längsschnitt mit dunkeln Wellenzeichnungen, sehr hart, homogen und schwer, nimmt gute Politur an, bildet auch sehr schöne Maser und wird zu Möbeln, Stöcken und kleinen Gebrauchsgegenständen verarbeitet. Ein aus alten Stämmen schwitzendes, vanilleartig riechendes Gummiharz, das kristallinisches Olivil enthält, dient in Italien zum Räuchern. – Die Geschichte des Ölbaums reicht bis in das höchste Altertum. Die Ölfrucht bildete einen bedeutenden Teil des Reichtums des Gelobten Landes und war nächst dem Feigenbaum und Weinstock das Bild des Wohlstandes und bürgerlichen Glückes. David und Salomo beförderten den Anbau des Ölbaums. Man benutzte das Öl zu Speisen, bei den Opfern, als Brennöl und zum Salben des Haares und des ganzen Körpers. Tiefer nach Asien hinein verschwindet die Kultur des Ölbaums, auch Ägypten brachte kein Olivenöl hervor. Zu Homers Zeiten benutzte man in Griechenland das Holz des wilden Ölbaums zu Axtstielen etc.; das Öl diente zum Salben des Körpers, aber nur den Reichen und Edlen, und ward wohl aus dem Orient eingeführt. Die Olivenkultur faßte dann Fuß auf dem ionischen Küsten- und Inselboden. Bei den spätern Griechen galt Athen als Ursitz dieser Kultur. Solon erließ gesetzliche Bestimmungen über den Oliven- und Feigenbau, in der Akademie standen die der Athene geweihten unantastbaren Ölbäume; sie stammten von der Mutterolive auf der Burg, die von der Göttin selbst geschaffen und später nach der Verbrennung durch die Perser von selbst aus der Wurzel wieder aufgesproßt sein sollte. Homer kannte die Beziehung des Ölbaums zur Athene noch nicht. Im 7., jedenfalls im 6. Jahrh. kam der O. nach Italien. Salzoliven wurden als Leckerbissen sehr beliebt. Im 1. Jahrh. v. Chr. war Italien das ölreichste Land. Von Massilia war mit dem Wein auch die Olive in Gallien vorgerückt und nach der ligurischen Küste gekommen. Wie schon in Griechenland ein Kranz von Ölzweigen die höchste Auszeichnung des um das Vaterland hochverdienten Bürgers sowie der höchste Siegespreis bei den Panathenäen und den Olympischen Spielen war, so trugen bei den Römern die nicht im Felde gewesenen Diener lorbeergeschmückter Feldherren einen Kranz von Ölzweigen. Der Ölzweig war das Symbol des Friedens, und Besiegte, die um Frieden zu bitten kamen, trugen Ölzweige in den Händen. Auf den Frieden der höhern Welt ist dies übertragen, wenn die Neophyten in den samothrakischen Mysterien Ölzweige trugen, oder wenn auf den Grabsteinen der ältesten Christen eine Taube mit einem Ölzweig erschien. Aus der Sitte, Ölbäume als Grenzmarken zu setzen, läßt sich das Sprichwort erklären: extra oleas vagari (»über die Ölbäume hinausschweifen«), für: Maß und Ziel überschreiten. Die Früchte des amerikanischen Ölbaums (O. americana Mich.), in Carolina, Florida, werden gegessen; die weißen, zierlichen Blüten sind wohlriechend; das sehr harte Holz führt den Namen Devil-wood. Der wohlriechende O. (O. fragrans Thb.), in China, Kotschinchina und Japan, ist ein immergrüner, 2 m hoher Strauch, dessen Blüten zum Parfümieren des chinesischen Tees dienen. Auch andre Arten liefern Nutzholz, so O. lancea Lam. auf Réunion, O. undulata Jacq. am Kap ein schwarzes Ebenholz, O. paniculata R. Br. in Neusüdwales und Queensland das Marmorholz. Vgl. Coutance, L'olivier, histoire, botanique, régions, etc. (Par. 1878); Aloi, L'olivo e l'olio (5. Aufl., Mail. 1902); Brizi, Olivicoltura (Casale 1903); Aygalliers, L'olivier et l'huile d'olive (Par. 1899); Cabrié, Der Olivenbaum, seine Kultur etc. (Nizza 1901); Fischer, Der Ölbaum (Ergänzungsheft 147 zu »Petermanns Mitteilungen«, Gotha 1904).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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