Französische Literatur in der Schweiz


Französische Literatur in der Schweiz

Französische Literatur in der Schweiz. Die französische Schweiz (Suisse romande), die oft eine literarische Vermittlerolle zwischen Frankreich und Deutschland gespielt hat, umfaßt die protestantischen Kantone Genf, Waadt, Neuchâtel; über die Hälfte französisch sind die katholischen Kantone Wallis und Freiburg; überwiegend deutsch ist Bern. Obwohl sich die Volksmundarten stark von der französischen Schriftsprache unterscheiden, ist doch diese schon seit dem 13. Jahrh. eingeführt und in der Literatur fast ausschließlich verwendet worden. Vor der Reformation ist nicht viel zu nennen. Die Gedichte des Ritters Otto von Granson (hrsg. von Piaget, 1889) wurden Chaucer bekannt und auch in Frankreich gelesen. Einige Chroniken haben kaum literarischen Wert. Erst mit der Reformation kommt die Literatur zur Entwickelung. Hier sind zu nennen der Reformator Farel, der Prediger Viret, der Chronist Bonivard (gest. 1570). Genf wurde der Vorort der französischen Reformation, indem Calvin sich dort niederließ. Bei seinem Tode (1564) löste Beza ihn ab. Die Dichtung muß in dieser Zeit hinter der Theologie zurückstehen. Nur die Gedichte des Neuchâteler Pastors Blaise Hory (gest. 1595), das frostige allegorische Schauspiel »L'ombre de Garnier Stoffacher« (1584), wohl die älteste Version des Tellschusses, und die zahlreichen Reimereien, welche die »Escalade« (1602; neue Ausg. v. E. Ritter, Genf 1900) hervorrief (unter ihnen Chappuzeaus Drama »Genève délivrée«, 1662, wohl noch die erträglichste), verdienen Erwähnung. Das 17. Jahrh. bedeutet einen Stillstand. Der Widerruf des Edikts von Nantes brachte neues Blut nach Genf; diesmal hatten die Naturwissenschaften und die Mathematik am meisten Vorteil davon. Auch die Opposition gegen den Calvinismus wurde stärker und nachhaltiger; während noch 100 Jahre früher Sebastian Castellio (eigentlich Chateillon), ein Gegner der Prädestinationslehre und Apostel der ToleranzConseil à la France désolée«), in die Verbannung gehen mußte, wurde jetzt unter dem Einfluß Turrettinis, Professors der Kirchengeschichte seit 1694, und seines Freundes Osterwald, Verfasser des großen Katechismus und einer weitverbreiteten Bibelübersetzung (1744), die Praxis der Genfer Kirche toleranter, und es konnte sich im Anschluß an den von Deutschland herübergekommenen Pietismus ein liberaler Protestantismus entwickeln, der in Marie Huber (gest. 1753) und in Béat de Muralt (gest. 1749) seine Hauptvertreter fand. Muralt ist zugleich der bemerkenswerteste Schriftsteller jener Zeit (»Lettres sur les Anglais et les Français«, 1725; hrsg. von Ritter, Bern 1897; vgl. Muralts Biographie von Greyerz, Frauenfeld 1888). Für Voltaires Beziehungen zu Genf, wie für Rousseaus literarische Tätigkeit sei auf die betreffenden Artikel verwiesen.

In Lausanne hatte der Voltairesche Geist am meisten gewirkt. Dort lebte der berühmte Arzt Tissot, dessen »Avis an peuple de la santé« (Lausanne 1760) in kurzer Zeit 15 Auflagen erlebte und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Die Schriftstellerei wurde bei den Damen Modesache, seitdem Frau v. Montolieu (1751–1832) mit ihren ziemlich faden Romanen viel Beifall gefunden hatte, besonders mit »Caroline de Litchfield« (1786). Etwas höher stehen die »Poésies helvétiennes« des Dechanten Ph. Bridel (1757–1845). In Neuchâtel versammelten Frau v. Charrière (gest. 1805) und David Chaillet (gest. 1823, Kritiker des »Mercure suisse«) einen Kreis um sich, dem auch Benjamin Constant eine Zeitlang angehörte.

Während der französischen Revolution und des Kaiserreichs nahm Frankreich alle Interessen und Kräfte der Schweiz in Anspruch, zumal da die Proklamierung der Helvetischen Republik und die Mediationsakte sie eng mit dem Nachbarland verbanden. Von den Schweizern, die in dieser Zeit politisch und literarisch für Frankreich tätig waren, sind zu nennen: der Bankier und Minister Necker, der Baron von Besenval, den Sainte-Beuve neben B. Constant den französischsten aller Schweizer nennt, die beiden Theologen Reybaz und Dumont, Freunde Mirabeaus, die ihm häufig die Konzepte zu seinen Reden lieferten, Benjamin Constant, der Freund der Frau v. Staël, General Jomini, der berühmte Militärschriftsteller, u. a. m. Frau v. Staël war zwar in Paris geboren und in Geschmack und Gewohnheiten Französin, allein ihrer Natur nach eine Schweizerin, eine echte Tochter Rousseaus und in Ideen und Gefühlen mehr germanischem Wesen sich zuneigend. Dennoch wollte sie von der Schweiz nichts wissen, und der Aufenthalt in Coppet war für sie trotz der herrlichen Natur und der interessanten und glänzenden Gesellschaft, die sich dort zusammenfand, eine Strafe.

Mit der Loslösung der Schweiz von Frankreich (1814) erwachte neues geistiges Leben, vornehmlich in Genf; hier lebten und lehrten die Gebrüder Pictet, die 1796 die »Bibliothèque britannique« gegründet hatten, aus der die »Bibliothèque universelle« entstanden ist, der ernste Geschichtschreiber Sismondi, der mit Corinna in Italien reiste, der Genfer Gesetzgeber Bellot (1776–1836), seit 1803 auch Bonstetten, der französischste aller Berner, der hier erst, wie er sagte, zu leben begann, Madame Necker de Saussure, die Cousine der Frau v. Stael, u. a. Hervorhebung verdient Rudolf Töpffer (1799–1846), der Verfasser der »Genfer Novellen«, der mit seinen Freunden den »Courrier de Genéve« (1841) gründete. Die heute angesehenste Schweizer Zeitung, das »Journal de Genéve«, entsprang 1826 einem Kreise von jungen Dichtern, die sich im »Caveau genevois« zusammenfanden und die politische Chanson pflegten; die hervorragendsten unter ihnen sind Chaponnière (1769–1856) und Gaudy-Lefort (1773–1850), die sich an Béranger anschlossen; der korrekte und elegante Charles Didier (1805–64), auch als Reisebeschreiber gelobt, der originelle Henri Blanvalet (1811–70), der von 1835 an 20 Jahre als Erzieher im Hause Rothschild in Frankfurt wirkte, wo auch seine erste Gedichtsammlung im Druck erschien; A. Richard (1801–81), der mit seinen Schilderungen aus der vaterländischen Geschichte Erfolg bei der Jugend hatte, aber später in Vergessenheit geriet. Ein Bindeglied zwischen dem alten und neuen Genf (der Scheidepunkt ist die Revolution von 1846) war der Dichter Petit-Senn (1792–1870); er hatte dem Caveau angehört, mit den Romantikern geschwärmt und von 1832–36 die Genfer mit seinem Witzblatt »Le Fantasque« erheitert. Seine gelungensten Gedichte sind die Humoreske »La Miliciade« auf die Genfer Stadtsoldaten und die geistvollen, vielleicht zu pointierten Lebensregeln: »Bluettes et boutades«. Seinem gastfreundlichen Hause verdanken viele jüngere Kräfte Anregung und Förderung: der Fabeldichter Ant. Carteret (gest. 1889), der Historiker A. Rilliet (1809–83), der die Tell- und Grütlisage auf ihre Echtheit geprüft hat, Henri Amiel (gest. 1880) und Marc Monnier (gest. 1884). Hervorragende Dichter der neuen Schule sind Philippe Godet (geb. 1850), zugleich geistvoller Literarhistoriker, und Jules Couguard (geb. 1855).

In Lausanne, wo bisher Fremde den Ton angegeben hatten, traten nun Einheimische an die Spitze der geistigen Bewegung; voran Alexandre Vinet (1797 bis 1847), der treffliche Literarhistoriker und Kritiker; dann der patriotische Dichter Iuste Olivier (1807 bis 1876), der zwölf Jahre neben Vinet eine Geschichtsprofessur bekleidete und einen tiefgehenden Einfluß auf die studierende Jugend ausübte, neben diesen Charles Monnard (1790–1865), der formvollendete politische Redner und Publizist, I. I. Porchat (1800–1864), der geist- und geschmackvolle Übersetzer von Horaz, Tibull und Goethe; der Historiker Vulliemin (1797–1879), der Pastor von Vevey A. Cérésole, dessen »Scènes vaudoises« (1885) in waadtländischer Sprache geschrieben sind, Eugène Secrétan, der Verfasser der »Galerie suisse« (1875) und Eugene Rambert (1830–86), der Verfasser der »Alpes suisses« und vortrefflicher Essais und Biographien. Wie die Revolution in Lausanne die Professoren in alle Winde zerstreute, so machte sie auch 1848 in Neuchâtel der kurzen Blüte der Akademie (erst 1839 gegründet) ein jähes Ende. Hier hatte Olivier vor seiner Übersiedelung nach Lausanne gelehrt; vornehmlich aber blühten Geographie und Geologie unter Agassiz, Desor, Guyot und Fr. de Rougemont. Die schöngeistige Literatur, die bei der strengen Zensur des Konsistoriums nur schwach vertreten war, entfaltete sich reger erst in den 1880er Jahren. Den Typus des Neuenburger Bauern schilderte meisterhaft der Maler August Bachelin (1831–91) in dem Roman »Jean Lourin« (1882). Daneben zeigte sich als trefflicher Erzähler Adolphe Ribaux (geb. 1864), der auch einige Bände »Poésies« veröffentlichte. Ungewöhnliches Aufsehen riefen die hinterlassenen Gedichte (»Au delà«, 1884) von Alice de Chambrier (1861–82) hervor. Eine andre Frau, Adele Huguenin (Pseudonym T. Combe, geb. 1856), leistet Hervorragendes auf dem Gebiete des sozialen Romans; sie schildert mit Vorliebe die Bewohner des Jura. Daneben verdienen als Romanschreiber Erwähnung du Bois-Melly, Verfasser historischer Romane, Louis Favre und Oskar Huguenin wegen ihrer Schilderungen des Neuenburger Lebens, ferner Adolf Chenevière, Prosper Meunier, S. Cornut, Philippe Monnier, die auch in deutscher Sprache dichtende Isabelle Kaiser.

Die neueste französische Lyrik zeigt auch in der Schweiz ihre Einwirkung. Warnery (1859–1902), Professor der Literaturgeschichte in Neuenburg, erinnert mit seinem philosophischen Lehrgedicht »Les origines« (1887) an Sully-Prudhomme, die Genfer Tavan und Duchosal (1862–1901), jener an Leconte de Lisle, dieser an Verlaine. Zart und frisch bei allem Pathos zeigt sich Charles Fuster (aus Yverdon, geb. 1862).

Als religiöse Schriftsteller reformierter Richtung sind zu nennen Frau de Gasparin (s.d.), der kirchengläubige Genfer Prediger Naville und der freiere christlich-soziale Secrétan (gest. 1898). – Der katholische Teil der französischen Schweiz, die Kantone Freiburg und Wallis, spielt in der literarischen Bewegung nur eine untergeordnete Rolle. In Freiburg wurde 1841 die Zeitschrift »L'Emulation« gegründet, die für jenen das war, was die »Revue suisse« (gegründet 1838, 1861 verschmolzen mit der »Bibliothêque universelle«) für den protestantischen Teil ist. Aus der neuern Zeit ist Pierre Sciobéret (1830–76) zu erwähnen, ein guter Märchenerzähler, dessen »Scènes de la vie champêtre« in 2 Bänden von Ayer (1882 u. 1884) veröffentlicht wurden, und Etienne Eggis (gest. 1867 in Berlin), der wie ein Barde Deutschland durchwandert und Gedichte in der Art der deutschen Burschenlieder gedichtet hat (»Poésies«, hrsg. von Godet, 1885).

Vgl. Senebier, Histoire littéraire de Genève (Genf 1786, 3 Bde.); Sayous, Histoire de la littérature française à l'étranger (das. 1853–61, 2 Bde.); Amiel, Coup d'œil sur le mouvement littéraire de la Suisse romande (das. 1849); Gaullieur, Études sur l'histoire littéraire de la Suisse française an XVIII. siècle (das. 1856); E. Secrétan, Galerie suisse. Biographies nationales (Lausanne 1875, 2 Bde.); Rambert, Écrivains nationaux (das. 1874; als Fortsetzung erschienen die Einzelbiographien von A. Vinet und Juste Olivier, 1879); Marc Monnier, Genève et ses poètes (Genf 1874); Semmig, Kultur- und Literaturgeschichte der französischen Schweiz (Zürich 1882); V. Rossel, Histoire littéraire de la Suisse romande (Genf 1889–91, 2 Bde.); Godet, Histoire littéraire de la Suisse française (Par. 1890); A. de Montet, Dictionnaire biographique des Genevois et des Vaudois (Lausanne 1878, 2 Bde.); A. Jullien, Catalogue des éditions de la Suisse romande (Genf 1902) u. das »Bibliographische Bulletin der Schweizerischen Landesbibliothek«.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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