Silenvs


Silenvs

SILENVS, i, Gr. Σειληνὸς, οῦ.

1 §. Namen. Einige führen diesen Namen von σιλλάινειν her, welches so viel heißt, als einen mit einem frechen Bezeigen durchziehen. Aelian. Histor. Var. l. III. c. 40. Andere wollen ihn von σείεσθαι, schütteln, und ληνὸς, die Kelter, herleiten; jedoch so fern insonderheit Bacchus auch selbst Silenus genannt wird. Suidas in Σειληνὸς, Tom. III. p. 303. Noch andere meynen, von σιμὸς, Stumpfnase, sey Silus, und von Silus wiederum Silenus gemacht worden Voss. Etymol. in Sileni. p. 546. Wiederum andere setzen zum Stammworte σῖνος, Schaden oder Schamglied. Ap. Becmann. Orig. L. L. in Silenus. Allein, es scheint wohl eine Ableitung so gezwungen zu seyn, als die andere.

2 §. Herkunft. Wegen des tiefen Alterthums wollen einige nicht wissen, wo er hergestammet, oder wer seine Aeltern gewesen. Diod. Sic. l. III. c. 72. p. 143. Andere geben ihn theils für des Mercurius, theils für des Pan und einer Nymphe Sohn an; wogegen noch andere wollen, daß er aus dem Blute des Cölus entstanden, als ihm Saturn das männliche Glied weggeschnitten. Serv. ad Virgil. Eclog. VI. v. 13. Man machet ihn auch wohl zu der Erde Sohne, und nennet drey Söhne von ihm, Asträus, Moron und Lenäus. Nonni Dion. XXIX. 260. Wenigstens soll er in der Insel Malea erzogen worden seyn, und eine Nais zur Gemahlinn gehabt haben Pindar. ap. Pausan. Lacon. c. 25. p. 211.

3 §. Stand und Thaten. Er soll selbst ein König auf der Insel Nysa gewesen seyn, welche der Fluß Triton in Libyen machet. Diod. Sic. l. III. c. 72. p. 143. Hiervon werden denn die Silenen auch wohl Nysigenæ, genannt. Catul. car. LXIII. 252. Dabey soll er den Bacchus in seiner Jugend in allen guten Wissenschaften unterwiesen und hernach selbst in dessen Kriegen mit begleitet haben. Id. l. IV. c. 4. p. 148. Wenigstens wird er für einen sehr gelehrten Mann angegeben. Serv. ad Virg. Eclog. VI. v. 13. Cf. Cnipping. ad Ovid. Metam. XI. v. 90. Desgleichen wird er als ein sehr guter Tänzer angeführet. Nonni Dion. l. XIX. 156. 223. & 261. Pindar. ap. Pausan. Lacon. c. 25. p. 211. Immittelst verlor er sich ehemals von dem Bacchus, oder lief auch vorsetzlich von demselben hinweg. Lactant. Narrat. l. XI. fab. 3. Da er nun in Phrygien umher schweifete, so nahm ihn Midas gütig auf, ließ ihn auch wieder zu dem Bacchus führen, wofür diesem solcher zustund, daß alles, was er anrührete, zu Golde wurde. Hygin. Fab. 191. Einige wollen, daß er sich berauschet gehabt, indem Midas den Brunnen, woraus er zu trinken pflegen, mit Weine angefüllet. Max. Tyr. Diss. 30. Pausan. Att. c. 4. p. 8. Er wurde also schlafend von des Midas Hirten gefunden und zu ihrem Herrn gebracht, welcher eine große und gelehrte Unterredung mit ihm hielt. Aelian. V. H. l. III. c. 18. Unter andern fragete er ihn, was er für den Menschen am zuträglichsten hielt. Silen wollte zuerst nicht darauf antworten. Nach vielem Nöthigen aber sagete er: das Beste für den Menschen wäre, wenn er nicht geboren würde, und hiernächst, wenn er gleich wieder stürbe. Aristot. ap. Plutar. de consol. ad Apoll. p. 115. T. II. Opp. Cicer. Tusc. Qu. I. 48. Hierauf stellete er ihn dem Bacchus wieder zu. Theopompus ap. Serv. l. c. & Ovid. Metam. XI. v. 90. Sonst soll er auch mit seinem Esel, worauf er zu reiten pflegte, den Göttern einen großen Dienst geleistet haben, als sie von den Riesen bestritten worden. Denn als er sich auf demselben eingefunden, und der Esel, welcher sich vor den ungeheuren Gestalten gefurcht, ungemein zu schreyen angefangen, die Riesen aber dergleichen Geschrey niemals gehöret, und daher geglaubet, daß es gar ein schreckliches Thier sey, welches die Götter wider sie hervor gebracht hätten, so sollen sie insgesammt die Flucht ergriffen und ihren Feinden den Sieg gelassen haben. Arat. ap. Pomey Panth. P. II. p. 164. Andere schreiben solches dem Bacchus, Vulcanus und Satyrn mit ihren Eseln insgesammt zu; Eratosth. Cataster. 11. wozu einige noch die Silenen setzen. Hygin. Astron. Poët. l. II. c. 33. Man meldet auch, daß er sich so, wie Marsyas, mit dem Apollo in einen musikalischen Wettstreit auf der Flöte eingelassen; darüber aber von ihm in einen Fluß verwandelt worden. Pausan. Corinth. c. 22. p. 126. Nonni Dion. l. c. 315. Gleichwohl soll er, so wie die Silenen, sterblich gewesen seyn, deren Gräber man bey den Ebräern und bey den Pergamenern will gesehen haben. Pausan. Eliac. post. c. 24. p. 391.

4 §. Verehrung. Er hatte sonst seinen Tempel mit dem Bacchus gemein, doch aber auch einen ganz besondern zu Elis, in welchem er also vorgestellet war, daß ihm die Trunkenheit einen Becher mit Weine reichete. Paus. Eliac. post. c. 24. p. 391.

5 §. Bildung. Er wird als ein alter dicker Mann von mittelmäßiger Größe, mit einem kahlen Kopfe, einer Affennase, großen und langen Ziegenohren, und dickem Bauche, vorgestellet. Er stemmet sich entweder auf einen Stecken, wenn er geht, da er, als jederzeit trunken, stets taumelt, oder sitzt auch auf einem kleinen krummen Esel, und reitet ebenfalls ganz voll einher. Pomey Panth. P. II. p. 163. & Chartar. Imag. 67. Lucian. Conc. Deor. p. 710. T. II. Opp. So sieht man ihn oft auf Gemmen, wo der Stab gemeiniglich ein Thyrsus ist. Maffei gem. ant. P. III. t. 43. e 44. Auf dem ersten steht er und ein junger Silen mit einem Gefäße vor ihm, welcher mit ihm zu reden scheint. Der andere zeiget ihn auf dem Esel zurück gelehnet, mit einer vorgehaltenen Schale in der rechten und dem Thyrsusstabe in der linken Hand. Andere Vorstellungen mehr hat Lippert Dactyl. I Taus. 388–399, etc. Auf einem alten Marmor liegt er mit Weinbeeren bekränzet auf einer Tygerhaut ausgestrecket auf einem gefüllten Weinschlauche unter seinem linken Arme, wobey er die rechte Hand auf ein Trinkgefäß setzet. Montf. Antiq. expl T. I. P. II. pl. 170. In einer Bildsäule, die ihn stehend vorstellet, wie er den jungen Bacchus auf beyden Armen vor sich hält, sind beyde mit Epheu bekränzet. Maffei Racc. di Statue. t. 77. Hiernächst soll er auch einen Schwanz gehabt haben, welchen denn alle seine Nachkommen geerbet. Diod. Sic. l. III. c. 72. p. 143. Eben so eignet man ihm zuweilen Hörner zu. Nonni Dion. l. XIX. 156. Da sonst die Silenen nichts anders, als Satyrn gewesen: Paus. Attic. c. 23. p. 41. so wird er daher auch wohl mit Ziegenbeinen, nach Art der Satyrn, gebildet.

6 §. Wahre Beschaffenheit. Aus der Fabel von ihm soll man abnehmen können, daß die Alten von dem Messias etwas gewußt; denn der Namen desselben komme von Silo her, unter welchem fast alle Ausleger Christum verstehen. Bochart. Chan. I. I. c. 18. Im Grunde soll er ein tiefsinniger Philosoph gewesen seyn, welcher dem Midas bey Einführung seiner Gesetze und gottesdienstlichen Gebräuche manchen guten Rath ertheilet hat. Da er die Orgien u. andere Feste des Bacchus vieleicht vorzüglich in Lydien befördert, so hat man ihn für den Pflegevater und unzertrennlichen Gefährten des Bacchus ausgegeben und gedichtet, daß er der Trunkenheit ein wenig ergeben gewesen. Daß man ihn auf einem Esel reiten lassen, soll anzeigen, er habe in der Philosophie nur langsame, aber sichere Tritte, gethan; daher man vom Aristoteles, in Vergleichung mit ihm, gesaget, er habe allezeit zu Pferde gesessen, weil er spornstreichs fortgeeilet und zuweilen gestrauchelt habe. Ban. Erl. der Götterl. III B. 688 S. Die Fabel von seinen langen Ohren soll andeuten, daß er mit einem großen Verstande begabt gewesen. Tertull. de anim. c. 2. So wie es nichts weiter, als des Midas heftige Begierde, ihn zu bekommen, enthält, wenn man vorgiebt, er habe einen Brunnen mit Weine anfüllen lassen. Voss. de Theol. gent. l. I. c. 21. Vieleicht ist er auch mit dem Marsyas nur einerley Person, weil dieser selbst seinen Namen führet. Herodot. Polymn. VII. 26.


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