Neapel


Neapel

Neapel, 1) so v.w. Königreich beider Sicilien, s. Sicilien. 2) (Sicilien diesseit der Meerenge od. des Faro), der continentale Theil des Königreichs beider Sicilien, bildet die zwei südlichsten Spitzen des Festlandes von Italien u. grenzt nordwestlich an den Kirchenstaat, nordöstlich an das Adriatische Meer (mit Busen von Manfredonia), im Süden an das Ionische Meer (mit dem Meerbusen von Tarent u. im Westen an das Tyrrhenische [730] Meer mit dem Busen von Gaeta, N. u. Salerno); mit dem Tyrrhenischen Meer ist das Ionische durch die Meerenge von Messina verbunden, in welcher der Fels Scylla u. der Strudel Charybdis (s. b.) sind. Flächengehalt: 1535 QM. Gebirge: die Apenninen, welche sich im Süden des Landes theilen u. zwei große Halbinseln bilden, deren nordöstliche durch die Provinz Calabrien in dem Capo di Leuca, die südwestliche aber durch die Provinz Calabrien in dem Vorgebirge Spartivento ausläuft. Die höchsten Punkte des Apennins sind Majella (8684 Fuß) u. Gran Sasso d'Italia (8255 Fuß). Einzelne Zweige des Apennin sind: Sorrento, Cenide, Gargano, u. die Vorgebirge, außer den erwähnten: d'Otranto, Cavallo, Punta Rossa, delle Colonne, Gaeta, Ancini, d'Orso, Licosa, Palinuro, Vaticano. Zwischen den Gebirgen sind sehr fruchtbare Thäler u. Ebenen (Apulische Ebene die größte, Campanische die fruchtbarste), welche wie das Land, vielfache vulkanische Zeichen haben u. durch vulkanische Erscheinungen ausgezeichnet sind (Vesuv, Solfatara, Puzzuolo, die Dampfhöhlen beim Lago d'Agnano etc.). Die Flüsse sind nur Küstenflüsse, von denen der Garigliano, Volturno (nur diese beiden durch flache Fahrzeuge [Sandale] schiffbar), Sale (Silaro), Noce, Lao, Savuto, Mesima u. Marro ins Tyrrhenische Meer, der Corace, Tacino, Nieto, Trionto, Crati, Sinno, Agri, Salandra, Basente u. Bradano in das Ionische Meer, der Ofanto, Carapella, Cervajo, Cesone, Fortore, Biferno, Trigno, Sangro u. Pescara in das Adriatische Meer münden. Auch hat N. einige Bewässerungskanäle u. mehre Seen (Lago di Celano, Agnano, Lugrino, Varano, Battaglia, Fusaro u. m.). Mineralquellen gibt es viele. Das Klima ist herrlich, die Luft mild u. gesund, nur der Sommer ist heiß u. wird bes. durch heiße Winde (Sirocco u. Libecchio) beschwerlich; Erdbeben bringen oft Gefahr. Die hohen Gipfel des Apennin sind alle Jahre bis in den Juni u. Juli mit Schnee bedeckt, dagegen fällt nur selten Schnee in den Thälern, u. noch seltener bleibt der Schnee einen od. einige Tage liegen. Die Natur ist üppig u. reich an Producten südlicher Gegenden u. gibt letztere ohne besondere Arbeit; es wird viel Getreide (Mais, Hirse, Buchweizen, Reis) gebaut u. ausgeführt, man zieht Hülsenfrüchte (Bohnen), Flachs, Baumwolle, Safran, Zucker, Süßholz, Tabak, süße Weine, (Lagrima Cristi, Vino greco u.a.), kostbares Öl aus Oliven, Granatäpfel, Feigen, Mandeln, Citronen, Pomeranzen, Rosinen, edle Kastanien, Wallnüsse, Johannisbrod (für Menschen u. Pferde), Kapern, Mastix, Holz (doch nicht überall hinreichend), Kork, Manna, Galläpfel, auch seit 1817 Kartoffeln. Von den Beschäftigungen ist die Viehzucht nicht an allen Orten bedeutend, doch zieht man gute Pferde (Neapolitaner), Esel, Rindvieh (auch Büffel als Zugthiere), Schafe mit guter Wolle, Ziegen, Geflügel (Truthühner), Bienen, Seidenraupen; die Fischerei ist ergiebig, bes. auf Sardellen, Thunfische, Korallen; Bergbau gibt nur wenig Eisen, Steinsalz, Marmor, Alaun; am Meere gibt es viele Salzschlämmereien. Weniger ausgebreitet, die Hauptstadt ausgenommen, ist der Kunstfleiß, er producirt nicht alle Bedürfnisse, ist jedoch seit 1824 im Steigen, namentlich die Fabrikation in Baumwolle, Wolle, Leder, Handschuhen, Papier, Glas, Liqueur, Maccaroni, Eisen, Stahl, Gewehren, Kupfer, Wachs, Porzellan, Fayence, von welchem N. jetzt weit weniger fremde Einfuhr bedarf als sonst. Schifffahrt wird fast nur an der Küste u. auf dem Mittelmeere getrieben. Der Handel (bes. der Seehandel), welcher die Landesproducte ausführt, ergibt eine günstige Bilanz, doch wird er viel von Ausländern (Engländern, Franzosen, Deutschen u. Dänen) betrieben. Minder bedeutend ist der Landhandel, welcher durch eine Menge Zölle gedrückt u. durch schlechte Straßen gehemmt wird, doch haben die Österreicher, als sie N. 1815 u. bes. 1821 besetzten, mehrere Chausseen gebaut u. die Regierung ist damit fortgefahren. An Eisenbahnen besitzt N. gegenwärtig (1860) zwei Linien, die eine von der Hauptstadt aus über Portici u. Castellamare nach Nocera, die andere ebenfalls von der Hauptstadt aus über Acerra nach Capua u. Nola; eine Anzahl anderer Linien ist in neuester Zeit projectirt worden. Andere Unterstützung bekommt der Handel durch einige Assecuranzgesellschaften, eine Bank, Börse, Handelskammer, Dampfschiffe (s. Neapel 4) etc. Haupthandelsplatz ist N. Einwohner: 6,475,100; die Mehrzahl Italiener (Neapolitaner), mit hartem Dialekt des Italienischen, Liebhaber der Musik, lebhaft, witzig, zornig, träge für Arbeit, feig, durch Bedrückungen arm, habsüchtig; die Kleidung, Wohnung u. Kost des Volkes ist schmutzig u. dürftig, doch wird der im Überfluß vorhandene Wein auch von den Armen für gewöhnlich genossen. Die höheren Stände sind mehr den französischen Sitten geneigt, theilen aber die Geistesanlagen mit dem gemeinen Mann. Außer den eigentlichen Neapolitanern leben etwa 66,000 Arnauten in N.; dann noch etwa 30,000 Europäer anderer Länder (bes. Engländer, doch auch Franzosen, Spanier, Neugriechen, Deutsche), auch einige Orientalen, Ägyptier, Türken etc.; die Europäer werden zum Theil durch den reizenden Aufenthalt, doch auch, wie die Orientalen, durch den Handel dahin gezogen. Der Religion nach ist der Neapolitaner (bis auf die Arnanten, welche den griechischen Cultus haben, die Juden u. einige Ausländer) katholisch, u. die Katholische Kirche ist die einzige herrschende, doch haben die Gesandtschaften in der Residenz das Recht eigener Capellen ihrer Religion. Der König ernennt die hohe Geistlichkeit; die päpstlichen Bullen dürfen ohne seine Erlaubniß nicht publicirt u. vollzogen, die bischöflichen Hirtenbriefe nicht ohne Censur des Staatsraths ausgegeben werden. Über Reichsverfassung, Gesetzgebung, Rechtsverfahren, Einkommen, Abgaben, Militär, Orden, Wappen, Wissenschaften u. Künste, Unterricht etc., s.u. Sicilien (Königreich beider). Münzen: In N. wird seit dem Münzgesetz vom 20. April 1818 gerechnet nach Ducati (neuen Silber-Ducati) zu 100 Grani à 10 Cavalli im gesetzmäßigen Werth von 12,2313 neue Ducati = 1 Vereinsmark sein Silber, also 1 Ducato = 1 Thlr. 4 Sgr. 4,055 Pf., der Erfahrung nach aber durchschnittlich 124/11 Ducati = 1 seine Mark, also 1 Ducati = 1 Thlr. 3 Sgr. 11,647 Pf. preußisch Courant. Da die bisherige neapolitanische Regierung den Werth des Silbers alle 6 Monate aufs Neue bestimmte, so waren bisher die Münzsätze häufigen Veränderungen unterworfen; 1859 galt 1 Scudo di Fernando = 12 Carlini, 1 Plastro ebensoviel, 1 Oncia = 3 Ducati, 1 Ducato = 10 Carlini, 1 Carlino = 10 Grani, 1 Grana = 2 Tornesi = 10 Cavalli, 1 Zechino = 251/2 Carlini. Im gewöhnlichen Leben rechnet man nach Ducati à 10 Carlini à 10 [731] Grani; wirklich geprägte Münzen: a) in Gold seit 1818 einfache Oncetta zu 3 Ducati (85 Acini an Gewicht mit 99,006 Feingehalt, 0,003 Kupferzusatz u. 0,001 Remedium), ferner Stücke zu 2, 5 u. 10 Oncette od. 6, 15 u. 30 Ducati nach Verhältniß im Gewicht u. Gehalt u. unter Murat zu 20 u. 40 Lire italiane; b) in Silber seit 1818 der Ducato zu 10 Carlini od. 100 Grani im gesetzmäßigen Gewicht von 515 Acini u. 5/6 Feingehalt, dann namentlich Stücke zu 12 u. 6 Carlini od. 120 u. 60 Grani (ganze u. halbe Scudi. Thaler od. Piaster), u. Stücke zu 2 Carlini od. 20, 1 Carlino od. 10 u. 1/2 Carlino od. 5 Grani von verhältnißmäßigem Gewicht u. gleichem Gehalt u. unter Murat 5, 2, 1 u. 1/2 Lire italiane; c) in Kupfer nach 1818, 1/2, 1, 11/2, 2, 3, 4, 5 u. 10 Tornesi. Maße: Durch Gesetz vom 22. April 1840 wurden für das Königreich N. diesseit des Pharus neue Maße u. Gewichte als allgemeine Größen eingeführt, nachdem schon 1811 zu diesem Zweck eine Commission ernannt u. durch den Mathematiker Visconti mehrmals Vorschläge gemacht u. diese Angelegenheit seit 1828 öfter wieder in Anregung gekommen war. Längenmaße: Der Erdquadrant ist in 90 Grade à 60 Minuten getheilt, u. jede Minute ist der Miglio, die Meile, diese hat 1000 Passi od. Schritt, jeder Passo hat 7 Palmi u. dieser Palmo ist die Einheit der Längenmaße u. die Grundlage des ganzen Maßsystems. Der Palmo hat 10 Decime, à 10 Centesime, ist aber im gemeinen Leben auch in 12 Once à 5 Minuti getheilt, 1 Palmo = 50/139 od. 0,26455 Meter, 100 Palmi = 84,2910 rhein. Fuß; die Canna od. Elle hat 10 Palmi = 2,6455 Meter, 100 Canne = 396,664 preuß. Ellen; der Miglio ist 1851, 852 Meter, die in fast ganz Italien gebräuchliche Land- u. Seemeile; 4 Miglj = 1 deutsche (geographische) Meile. Flächenmaß: die Einheit ist die Canna quadrata, Quadratelle; Feldmaß: der Moggio à 10 Decime à 10 Centesime, 100 Moggio = 27,4112 preuß. Morgen; Körpermaß ist die Canna cuba (Cubik Canna), hat 1000 Cubik-Palmi = 18,515 Cubikmeter; Holzmaß: die Canna di legna (Holz-Canna) ist 8 Palmi hoch, 8 P. breit u. 4 P. tief, hält also 256 Cubik-Palmi od. = 4,7399 Cubikmeter; Getreidemaß: die Einheit ist der Tomolo, getheilt in 2 Mezzo tomoli (Mezzette), 4 Quarti à 6 Misure à 4 Quartarole u. hält 3 Cubik-Palmi od. 55,5451 Liter; Wein- u. Branntweinmaß: die Einheit ist der Barile, ein Cylinder von 1 Palmo Durchmesser u. 3 Palmi Höhe, ist in 60 Caraffe getheilt, 12 Barili = 1 Botte, 2 Botti = 1 Carro = 1047 Liter; 100 Barili = 63,49 preuß. Eimer. Gewichte: Die Einheit ist das Pfund, die Libbra, sie hält 320,759 Gramm, u. ist beim Gold-, Silber-, Münz- u. Seidengewicht getheilt in 12 Once (Unzen) à 10 Dramme (Drachmen) à 3 Trappesi od. Scropoli (Scrupel) à 2 Oboli à 10 Grani od. Acini, hat also 7200 Grani; 100 Libbre = 64,152 deutsche Zollpfund od. 32,076 Kilogramm; Handelgewicht ist der Rotolo, in 10 Decime getheilt, er hat 1000 Trappesi od. 17/9 Libbre, od. 890,997 Gramm, 100 Rotoli sind 1 Cantaro grosso (großer Centner) = 178,2 deutsche Zollpfund od. 89,100 französische Kilogramm; der Cantaro piccolo od. kleine Centner hat 100 Libbre; die Schiffslast (2 Tonnen) hat 22 Cantari, 80 Rotoli, od. 50 Tomoli od. 11 Salme. N. wird eingetheilt: sonst in 4 Hauptprovinzen (Campanien, Apulien, Abruzzo u. Calabria), woraus später 15 Provinzen gebildet worden sind: Napoli, Terra di Lavoro, Principato citeriore u. ulteriore, Molise, Abruzzo ulteriore I. u. II., Abruzzo citeriore, Capitanata. Terra di Bari, Terra d'Otranto, Basilicata, Calabria citeriore u. Calabria ulteriore I. u. II. 3) (Napoli), Provinz im Königreich N., bildet mit Terra di Lavoro das Glückliche Campanien; grenzt an das Mittelmeer u. den Kirchenstaat u. ist 17,50 QM. groß ohne die Inseln; Gebirg: Apennin, namentlich dessen Zweige: Tisato, Auronco u.a., mit den Spitzen Monte Cesimo, Colle Rotondo, Cassino u. m., so wie mit dem Vulkan Vesuv; hat größtentheils vulkanischen Boden, welcher sich durch Schwitzbäder, Dampfhöhlen, Rauchhügel, Mineralquellen etc. offenbart, ist durch die verwitterte Lava sehr fruchtbar; Seen u. Sümpfe: Averno, S. Filippo u. Lucrino, Agnano, Fondi, Fosaro etc.; Flüsse: Garigliano, auf einige Meilen schiffbar, mit den Nebenflüssen Fibreno, Melfi u.a., der Volturno, Clanio. Producte: die oben 2) genannten, die Feldfrüchte geben in der Provinz 12- bis 20fältigen Ertrag; der Handel ist wegen der Hauptstadt hier stärker als anderswo in N.; 832,000 Ew. 4) (Napoli, mit dem Beinamen Fidelissima [die treueste]), Haupt- u. Residenzstadt des Königreichs beider Sicilien, Sitz der Ministerien u. sonstige oberen Behörden, eines Erzbischofs, obersten Civilgerichtshofs des Festlandes, Appellationshofs, eines Criminal-, Provinzial- u. Handelsgerichts u. einer Handelskammer; die städtischen Behörden bestanden bis zur Revolution 1860 aus von dem Könige gewählten Decurionen, sie ernannten aus sich einen Syndicus u. 1/3 der Decurionen als Ausschuß, u. dieser Syndicus bildete wieder mit 12 Mitgliedern des Ausschusses das Corpo di citta. Auch besteht eine nniformirte Nationalgarde von 12,000 Mann. N. ist nach London u. Paris die größte Stadt Europas u. liegt reizend in der imposantesten Lage der Welt (daher das Wort der Neapolitaner: Napoli vedere e poi morir, d.i. sieh Neapel u. dann stirb!), im schönsten Klima u. herrlichsten Lande, am gleichnamigen Golf u. theilweise auf den angrenzenden Hügeln (Vomero, Capodichino, S. Maria del Pianto, Pizzo Falcone) u. wird von einer oberhalb der Stadt mit ihr parallel laufenden u. in einem Ausläufer ans Meer grenzenden Bergreihe umgeben, östlich der Vesuv, westlich der Posilippo; es ist auf der Landseite nur auf der schmalen östlichen Seite mit Mauern u. Thürmen versehen, ohne eigentliche Thore u. Außenwerke, gilt aber doch wegen seiner Castelle für eine Festung. Das wichtigste von diesen ist Castello S. Elmo (ehedem Ermo, jetzt auch S. Erasma genannt), ein tenaillirtes Sechseck, auf einem steilen Felsen nördlich bei der Stadt, wurde 1343 neu gegründet, von Louis XII. von Frankreich zuerst befestigt, von Landhäusern u. Gärten umgeben u. ist allein einer regelmäßigen Vertheidigung fähig, es hat eine Pfarrkirche u. Cisterne, mit ihm hängt Pizzo Falcone (auf einem steilen Felsen liegende große Casernen u. Besserungshaus etc.), durch eine hohe Brücke (Ponte Chiaja), unter welcher die Straße Chiaja weggeht, zusammen, u. am Fuße dieses liegt das Castello del uovo, eine eiförmige, durch eine Brücke mit dem Festland verbundene u. nur durch Mauern u. einen Thurm befestigte Felseninsel, wo schon Lucullus Gärten besaß u. Romulus Augustulus als Verwiesener[732] starb. Außerdem liegt östlich, unsern des letzteren u. am Hafen, mit der einen Seite nach dem Meere zugewendet, das Castello nuovo, ein Viereck, das innere Castell nach Art der Bastillen u. Donjons 1283 von Karl von Anjou erbaut, später durch einen darum gelegten Mantel von 4 Bastions erweitert, mit dem Zeughaus u. 3 Kirchen, u. in dies Castell führt ein Triumphbogen von Alfons I. von Aragonien, mit mittelalterlichen Bronzethüren; das Castell soll bei plötzlichem Aufruhr den König, die Behörden u. den dicht dabei gelegenen königlichen Palast schützen u. zur Vertheidigung des Hafens gegen plötzliche Angriffe wirken. Zu ersterem Zweck war auch das Castello Capuano (Vicaria) bestimmt, welches, in dem ostnördlichen Theile der alten Stadt liegend, von Wilhelm I. bis Ferdinand II. Residenz war u. bis auf die neueste Zeit zum Sitz der oberen Gerichte N-s, zum Archiv u. Gefängnisse diente, eben so das Castello del Carmine, an der Südostecke der alten Mauer, 1647 nach dem Aufstand des Masaniello gegen Volksaufstände gebaut. Beide letztere Castelle tragen ganz den Charakter der Befestigung im Mittelalter u. sind zu einer ernsten Vertheidigung unfähig, das letztere aber zum Rettungsort bei Aufständen bestimmt u. deshalb mit Kanonen besetzt. N. hat 12 Miglien im Umfang u. wird in 12 Stadttheile getheilt. Von den Vorstädten sind die ansehnlichsten: S. Giovanni Teduccio, Pietra Bianca, Capo di Monte, Arenella, Fuori Grotte (mit der Höhle Posilippo), Chiaja. Die Bauart N-s ist im Ganzen unregelmäßig, denn die ältere Stadt, östlich von dem Höhenzug (Vomero), welcher, von Norden nach Süden sich ziehend, sich in N. mit jähem Felsenhange in das Meer stürzt u. welchen das Castell S. Elmo u. Pizzo Falcone krönen, ist, einige Plätze u. großartige Straßen ausgenommen, eng, krumm u. winkelig, dagegen die andere, westlich dieses Höhenzuges, großartig u. prächtig. Der Sebeto, ein kleiner wasserarmer Fluß, von dem Vesuv kommend, durchfließt den östlichen Theil der Stadt u. mündet ins Meer, über ihn führt der Ponte della Magdalena.

Die Plätze in N. heißen Larghi, die Märkte Piazze, beide sind unbedeutend, unregelmäßig u. nicht geräumig; die großen Straßen heißen Strade, die Querstraßen Vichi, die kleinen Strettole od. Vicoletti; die Häuser, 3–6 Stockwerke hoch, haben Balcons u. platte u. mit Estrich (Astrico) aus Kalk u. Puzzolana flach gewölbte Dächer; die Bauwerke haben keinen reinen Kunststyl, denn fast alle Gebäude sind überladen u. durch Zierrathen verunstaltet. Plätze: Largo del Castello (beim Castel nuovo u. bei der Fontana medina); Largo del Palazzo (wo der königliche Palast u. gegenüber die Kirche S. Francesco nuovo sich erhebt, auf ihm die Bronzestatue Karls III. u. Ferdinands I.); Largo del Mercatello od. Spirito Santo am oberen Ende von Toledo (mit einem, Karl III. zu Ehren aufgeführten Gebäude); Largo del Carmine od. Mercato (Victualienmarkt, Hinrichtungsplatz Konradins von Schwaben, Tummelplatz der Aufstände, auch Masaniellos, dessen Haus man hier noch zeigt, Hauptaufenthalt der Lazzaroni); Largo di Monte Oliveto (mit Bronzestatue Karls II.); Largo del Vasto, Largo del Pigne etc. Unter den Straßen ist die schönste die prächtige, breite u. gerade Strada di Toledo, welche, vom Largo del Mercatello ausgehend u. auf dem Largo del Palazzo endigend, die Hälfte von N. von Norden nach Süden durchschneidet; sie dient zum Corso, bes. zur Carnevalszeit, hat schöne Paläste u. ist der Hauptsammelplatz für N., hier u. auf den Larghi, bes. dem Largo Mercato, wird Alles, was verkäuflich ist, mit Geschrei ausgeboten. Die andere Hauptstraße ist Chiaja, wo der Corso meistentheils zu Wagen abgehalten wird, sie beginnt auf dem Largo del Palazzo u. führt, unter der hohen, den Pizzo Falcone mit dem Castell S. Elmo verbindenden Brücke weg, nach u. durch die Vorstadt Riviera di Chiaja zu der Villa reale u. nach dem Posilipp. Die neu angelegte Strada Maria Teresa in der Höhe der Stadt ist die an malerischen Ann. Aussichten reichste in N. Das treffliche Pflaster von N. ist von Lavaquadern, doch werden die Straßen nie gereinigt u. der Schmutz ist daher ungeheuer. Gute Erleuchtung findet seit 1806 statt. Überreste von Baudenkmalen aus frühester Zeit findet man in N. wenige, z.B. Reste vom Theater am Portico Avellino, vom Tempel des Castor u. Pollux an der Kirche S. Paolo maggiore, vom Apollotempel in S, Gennaro; die Pontirossi bei Albergo reale sind Überreste eines Aquäducts. Um dem Wassermangel zu begegnen, führen die Aquäducte von S. Agnata di Grotta (7(deutsche Meilen weit) u. der von Caserta Wasser zu. Von Kirchen hat N. 4 Haupt-, 51 Pfarr- u. 149 Klosterkirchen, im Ganzen gegen 300 Kirchen u. Kapellen, fast alle ohne Thürme, darunter die Kathedrale S. Gennaro, 1299 im Gothischen Styl unter Karl II. von Anjou gebaut, von Masuccio I. nach dem Erdbeben von 1456 neu erbaut, aber jetzt modernisirt, enthält die Grabmäler Karls II. von Anjou, des Königs Andreas u. Karls III. Durazzo, u. viele Kapellen (unter denen die Basilica S. Restituta, die ursprüngliche Kathedrale, auf den Trümmern eines Apollo- u. Neptuntempels um 330 erbaut wurde), die Confession des St. Januarius, die Wunder des Heiligen von Domenichino, Lanfranco, Spagnoletto u. Stanzioni in der Capella di tesoro, in welcher auch in zwei Flaschen das Blut des St. Januarius (s.d.) bewahrt wird; vor ihr steht die Aguglia di S. Gennaro. Andere Kirchen sind: die Kirche S. Gennaro dei Poveri, mit Katakomben, in denen sich Malereien aus dem Urchristenthum befinden; S. Lorenzo maggiore, gegründet von Karl I. von Anjou nach dem Siege über Manfred bei Benevent, beendigt 1324, später modernisirt mit Grabmälern Karls I., der Katharina von Österreich, Roberts von Artois u. v. a.; S. Maria l'Incoronata, S. Francesco di Paola, nach dem Vorbild des Pantheons in Rom, ganz nen von P. Bianchi errichtet; S. Maria Donna Regina, mit Grabmal der Königin Maria von Ungarn, Gesu nuovo (sonst Trinità maggiore), S. Giovanni a Carbonara, mit Grabmal des Königs Ladislaus, S. Filippo Neri, die Kirche der sonstigen Karthäuser (S. Martino), unterhalb des Castells S. Elmo; S. Maria nuova, mit den Grabmälern der Feldherren Lautrec u. Pierre Navarre; das Kloster zu Monte Oliveto, wo einst Tasso Zuflucht fand, Kirche mit Kunstschätzen; die Nonnenklosterkirche S. Chiara mit Denkmal des Königs Robert, 5 Denkmälern von Mitgliedern des Hauses Anjou, Grabmal des Herzogs Karl von Calabrien, der Königin Johanna I. u.a., auch mit den Grabstätten der neuen Könige von N. u. ihrer Familienglieder; das 1820 hergestellte Dominicanerkloster, worin Thomas von Aquino lehrte, in der Kirche die Grabmäler [733] Philipps von Anjou, 12 aragonischer Fürsten, Kapelle des St. Thomas von Aquino mit Grabmal der Johanna d' Aquino; vor derselben Obelisk; das Kloster Sta. Maria della Sanità mit Katakomben; S. Severino e Sosio; das Carmeliterkloster, in der Kirche (S. Maria del Carmine) Begräbniß. Konradins von Schwaben u. Friedrichs von Österreich, hier wurde Masaniello erschossen u. beigesetzt. Außerdem: S. Angelo a Nilo; S. Annunziata mit Grabmal der Königin Johanna II.; S. Antonio Abate, S. Apostoli mit Krypta, in welcher das Grab des Dichters Marini ist; S. Carlo Borromeo, eine Rotunde, nach der Cholera 1838 erbaut; S. Giacomo degli Spagnuoli mit Grabmal des Vicekönigs Pietro di Toledo, S. Giovanni Evangelista, in welcher die Academia degli Aspiranti naturalisti ihre Sitzungen hält; S. Giovanni maggiore; S. Giovanni de' Pappacoda, Girolonimi, S. Maria delle Grazie a Capo Napoli, S. Maria del Porto auf dem Posilipp, gegründet von dem Dichter Sannazaro 1629 mit seinem Grabmal; S. Maria della Pietà de Sangri; S. Pietro ad aram, die älteste Kirche in N., zu Ehren des Altars, welchen Petrus bei seiner Landung errichtet haben soll; S Pietro a Majella mit dem Conservatorio di Musica u.a. Evangelische Kapellen bestehen nur in den Hotels des preußischen Gesandten u. in Privathäusern französische u. englische. Juden gibt es wenige u. daher auch keine Synagoge. 1786 gab es gegen 200 Klöster mit 3644 Mönchen u. 6416 Nonnen, 3143 Priester; 1845 aber nur noch 32 Mönchsklöster mit 1502 Mönchen u. 22 Nonnenklöster mit 1013 Nonnen, außerdem 800 Priester. Von Palästen u. öffentlichen Gebäuden sind merkwürdig: der Palazzo reale, 1600 vom Vicekönig Ruiz de Castro, Graf von Lemos, erbaut, ein verdeckter Gang verbindet ihn mit dem Castello nuovo, u. Kunstwerke schmücken ihn, er brannte am 6. Februar 1837 größtentheils ab, ist aber 1841 erneuert u. erweitert, mit Gemälden von Rafael, Guido Reni, Tizian, Holbein u.a.; die Villa reale im neuen Theil N-s, am Meere, mit Gartenanlagen, Statuen, Tempeln u. herrlichen Aussichten, allgemeiner Spaziergang der Neapolitaner, der königliche Palast Capo di Monte, in der äußersten nördlichen Vorstadt, auf einer Anhöhe gelegen, 1839 ganz ausgebaut, mit Park, Gemälden u. Kunstschätzen, das Lustschlößchen Casino reale, an der Straße Chiatamone u. am Meere, in reizender Lage, von Murat eingerichtet; Palast des Grafen von Syracus unweit des Meeres an der Chiaja; der erzbischöfliche Palast, das neue Finanzgebäude (Palazzo de Ministeri) in der Toledostraße, in welchem sämmtliche Ministerien vereint sind etc., die Paläste Santangelo mit einer der bedeutendsten Privatkunstsammlungen in Italien (bes. griechische Vasen, Terracotten, Bronzen, geschnittene Steine etc.), Maddaloni, Gravina (in der Revolution 1848 verheert, jetzt Post, Hypothekenamt etc.), Berio, letzter mit Gemäldesammlung u. Venus u. Adonis von Canova, Cellamare mit Gärten; Angri mit Gemälden von Tizian u.a., Campofranco mit Gemälden, Casareno mit Gemälden, Cassano mit Kupferstichsammlung, Cassaro mit Gemälden, Castaldi mit Münz- u. Medaillensammlung, Costa mit naturhistorischem Museum, Fondi mit Gemälden, Fusca mit bedeutender Münzsammlung, Lazzari u. Marulli mit Gemälden, Monticelli mit vollständiger Mineraliensammlung der Umgegend N-s u. anderen oryktognostischen u. geologischen Sammlungen, Ottajono. mit Gemälden, Policastro mit Bibliothek, bes. für die Geschichte Neapels reichhaltig, Santantimo mit Gemälden u. Sculpturen neuerer italienischer Meister, Taccone mit Gemälden u.a.

Wissenschaftliche u. Kunstanstalten. Akademien: Königliche Akademie od. Societa reale borbonica, von Karl III. gegründet (aus 3 Abtheilungen: Akademie der Wissenschaften, Akademie der Künste u. Academia ercolanense bestehend), Academia Pontaniana, ebenfalls von wissenschaftlicher Bestimmung, Academia medico cerusica, Gesellschaft für Ackerbau u. Manufacturen, Institut der Aufmunterung der Naturwissenschaften, Botanischer Garten, Astronomisches Observatorium, nahe bei Capo di Monte, auf einem Hügel, 1819 von der französischen Regierung eingerichtet, Meteorologisches Observatorium, seit 1845, am Vesuv mit vorzüglicher Einrichtung, Topographisches Bureau. Bibliotheken: Biblioteca reale od. Borbonica im Museo Borbonico, die größte von N., 150,000 Bände u. 4760 Manuscripte (besteht hauptsächlich aus der Farnesischen, vormals in Rom befindlichen Sammlung); Biblioteca Brancacciana, gegründet 1675 vom Cardinal Brancaccio, 50, 000 Bde., reich bes. an Manuscripten für die neapolitanische Geschichte; Biblioteca ministeriale, gegründet 1807 aus den Bibliotheken aufgehobener Klöster; Biblioteca della città, entstanden aus der Bibliothek des Marchese Taccone, Universitätsbibliothek (30,000 Bde.), auch aus Bücherschätzen aufgehobener Klöster erwachsen, mehre Bibliotheken noch bestehender Klöster, bes. des Klosters von S. Filippo Neri. Die Kunstsammlungen sind sämmtlich in den Studj publici, der bedeutendsten u. umfangreichsten Kunstsammlung Italiens, vereint, einem großen Viereck nach einer Zeichnung Fontanas vom Vicekönig Ruiz de Castro errichtet, 1616 von seinem Sohne Pedro de Castro als Universität eröffnet u., als Ferdinand I. diese 1816 in das Kloster Gesù vecchio verlegte, als Real Museo Borbonico der jetzigen Bestimmung gegeben, in dem man die Alterthümer aus Herculanum, Pompeji, Stabiä, Nocera, Minturnä, Nola, Pästum etc. u. die Gemäldegallerie von Capo di Monte vereinigte. Sie besteht aus 15 Abtheilungen, u. zwar befinden sich im Erdgeschoß: die antiken Wandgemälde u. Mosaiken aus Herculanum, Pompeji u. Stabiä, die antiken Marmorwerke, darin die Hallen der Flora (mit der großen Mosaik der sogenannten Alexanderschlacht aus Pompeji, der Kolossalstatue der Flora aus den Bädern des Caracalla in Rom, dem Torso Farnese u.a.), des Adonis, der Musen, des Apollo, Jupiter, Atlas, Tiberius u. der Venus (mit Venusstatuen); ägyptische u. oscische Alterthümer; die antiken Bronzestatuen; die Inschriften mit der Gruppe des Toro Farnese; in einem Mittelstockwerk: Kunstdenkmale des Mittelalters, antike Gläser u. Terracotten; im oberen Stockwerk: Abtheilung der Papiere, 1752 in Herculanum in einer Privatsammlung aufgefundene Manuscripte auf Papyrus, dabei eine von Antonio Piaggio erfundene Maschine des Entrollens (s. Herculanum); die Bibliothek (s. oben); Gemmen u. Pretiosen (darunter der berühmte Onyx, die Apotheose des Ptolemäos I. vorstellend); Münzen u. Medaillen; Abtheilung der kleinen Bronzen[734] (mit antiken Tempel-, Haus-, Kirchen-, Handelsgeräthschaften etc.); Abtheilung der Vasen (wohl die vollständigste u. bedeutendste derartige Sammlung in der Welt mit 3300 Stück, meist aus altgriechischen Gräbern); Gabinetto riservato mit obscösen antiken Kunstwerken; zwei Gallerien der neuen Gemälde (mit Werken der berühmtesten Meister). Außerdem bestehen viele Privatkunstsammlungen u. Il grande Archivio, aus dem ganzen Reiche, auch aus den Klöstern gesammelt, in vier Sectionen getheilt: das Archiv der Geschichte, der Gesetze, der Finanzen u. der Communen u. mit Schule der Paläographie verbunden. Unterrichtsanstalten: Universität, von Friedrich II. 1224 gestiftet, 1780 umgestaltet, die einzige Universität des Königreichs, mit fünf Facultäten u. 52 Lehrstühlen, Bibliothek, Anatomischem Theater, Chemischem Laboratorium, Physikalischem Cabinet, Mineralogischem u. Zoologischem Museum; Lyceum del Salvatore, vier andere Lyceen, mehre Collegien (d.i. Klosterschulen), namentlich Collegio di S. Sebastiano, von Jesuiten geleitet, 12 königliche Gymnasien, Collegium u. Akademie zur Bildung junger Offiziere, Militärschule, Akademie für Marine, Lehranstalt für Medicin u. Chirurgie, Schule bei dem Hospital degli Incurabili mit 8 Professoren, das Istituto für Maler- u. Bildhauerkunst (1822 neu organisirt), die königliche Scuola de musaico (Mosaikschule, mehr Fabrik als Schule), 2 Erziehungsanstalten für adelige Mädchen (Casa de' miracoli u. S. Marcellino), 2 Jesuitencollegien, das Collegio della propaganda side auf Capo di Monte, wo junge Chinesen zu Missionären für ihr Vaterland gebildet werden, 1726 gestiftet; Conservatorium für Musik, gegründet von G. Tappia 1537, entwickelte kurz nach einander 3 ähnliche Anstalten, führt in der Heiligen Woche größere Musiken u. während des Carnevals Opern auf; 2 Seminarien, Polytechnische, Taubstummen- u. Blindenanstalt, Veterinärschule. Die Primärschulen sind schlecht, der größere Theil des Volkes besucht sie gar nicht. Über die Conservatorien s. unten. Wohlthätigkeits- u. andere öffentliche Anstalten. Die Wohlthätigkeitsanstalten N-s sind trefflich u. man rechnet, daß jährlich 400,000 Ducati (455,000 Thlr.) auf dieselben gewendet werden. Die Hospitäler sind zahlreich, reinlich u. gut, die wichtigsten sind das Ospedale degli Incurabili (welches jedoch Kranke aller Art aufnimmt), mit 100,000 Ducati Einkünften; Casa santa (S. dell' Annunciata) (64,000 Ducati Einkünfte), für Findelkinder (von denen jährlich in N. etwa 2000 ausgesetzt werden), in der Kirche Grab der Johanna II.; Ospizio di Lorenzo, in welchem arme Kinder zu Handwerkern u. Künstlern gebildet werden, das Sagramento u. das Trinità degli Monacha, beide aus Klöstern in Militärspitäler verwandelt, das Ospedale de Pellegrini, für Fremde u. Einheimische, von einer Brüderschaft bedient, Ospedale di S. Eligio, S. Gennaro dei Poveri, bei der gleichnamigen Kirche, das de Carcerati für erkrankte Gefangene, u. das della Pace de Febbricitanti; die Hospitäler sollen insgesammt 3000 Kranke fassen können. N. hat 48 Armenhäuser, in denen 6000 Arme verpflegt werden, das größte ist Albergo reale (Reclusorio) degli poveri (im Munde des Volkes Seraglio), das größte Gebäude N-s, 1757 von Karl III. gebaut, mit 3 Höfen u. einer Kirche in der Mitte, jedoch nicht ausgebaut, es enthält ein militärisch organisirtes Waisenhaus u. eine Unterrichtsanstalt für 6000 Kinder in Künsten u. Handwerken, zugleich Besserungs- u. Taubstummenanstalt, Schule des gegenseitigen Unterrichts; es hat die Aufsicht über mehre audere Waisenhäuser. Außerdem gibt es ein Invalidenhaus im ehemaligen Karthäuserkloster, am Abhang des Berges, wo das Castell S. Elmo liegt, den Monte della Pietà, Leihhaus u. Bank zugleich, so wie mehre andere Leihhäuser, Monte della Misericordia, Wohlthätigkeitsanstalt in mehren Richtungen, Monte dei poveri, zur Unterstützung von wegen Schulden Gefangenen etc. Wichtig sind auch zur Wohlthätigkeitspflege die Brüderschaften (Confraternità), deren eine große Menge zu allen guten Werken bestehen. Ein Mittelding zwischen Wohlthätigkeitsanstalten u. Erziehungshäusern sind die klosterähnlichen Conservatorien, deren es mehr als 30 gibt, u. wo arme Mädchen, von meist 7–18 Jahren Nahrung, Erziehung, Unterricht in weiblichen u. Handarbeiten, Weben u. dgl. u. nach ihrem Austritt auch wohl eine Aussteuer erhalten. Es gibt auch ein solches Conservatorium für Töchter von Freudenmädchen u. ein anderes für solche, wenn sie Reue fühlen. Gefängnisse befinden sich im Castell Capuano für schwere Verbrecher, dann S. Maria apparente, Concordia (Schuldgefängniß), S, Agnello, S. Maria d'Agnone (Arbeitshaus für Verbrecherinnen), S. Caterina a Formello (Strafarbeitshaus), S. Francesco di Paolo. Von Kirchhöfen ist bes. der Campo Santo, für die ärmeren Neapolitaner, östlich von N., zu bemerken, in ihm werden die Leichen entkleidet ohne Ordnung in große gemauerte Gruben geworfen u. mit Kalk überdeckt; der Campo Santo nuovo liegt vor der Porta Capuana, hat 160 Capellen für die ebensoviel Congregationen N-s, u. auf ihm steht die kolossale Statue der Religion (30. Sept. 1845 eingeweiht). Wohlhabendere werden in die Kirchen begraben u. oft, wenn die Leichen vertrocknet sind, in gläsernen Schränken ausgestellt; auch einen protestantischen Kirchhof (Garten der Protestanten) gibt es.

Die Fabriken u. Manufacturen N-s haben sich in den letzten Jahren sehr gehoben; sie fertigen bes. Gros de Naples, carrirte Taste, Seife, Handschuhe, Gold- u. Silberwaaren, Glas, Schmucksachen von Korallen, Lava, Schildkrot, Porzellan, Gewehre, Tabak, Maccaroni, Darmsaiten; es gibt 45 Buchdruckereien, 150 Buchhandlungen, von denen jedoch die Mehrzahl Antiquare, Papierhändler u. Buchdrucker zugleich sind; Musikalienhandlung, Lithographische Anstalt, optische Instrumente. Der Handel ist beträchtlich; ausgeführt wird viel Seide, Öl, Getreide, Leinsamen, Safran, Krapp, Lakritzensaft, Talg, Manna, Hanf, Mandeln, Feigen u. andere Südfrüchte, Weinstein, Cremor Tartari, Ziegen- u. Lammfelle, Wein (die besten sind vom Vesuv, Somma u. Lagrima Cristi u. von Puzzuoli). Er wird durch eine Bank für beide Sicilien (mit 1 Million Ducati Fond), Börse, mehre Privatbanken u. dgl. unterstützt. Der Hafen, durch Kunst hervorgebracht, ist tief genug für Fregatten, doch nicht sehr geräumig. An ihm liegt die Gesundheitsdeputation u. am Ende des Molo der zur Gasbeleuchtung eingerichtete hohe Leuch tthurm; rechts von ihm befindet sich der Kriegshafen mit der Darsena. Eine Eisenbahn führt von N. über Portici, Torre del Greco, Torre dell' Anunziata, Castellamare u. Pompeji nach Nocera, eine andere nach [735] Capua u. Nola. Vergnügungen: 7 Theater, unter denen das bei dem königlichen Palast liegende S. Carlotheater das größte in Italien nach der Scala in Mailand ist, 1537 erbaut, es hat fünf Reihen Logen u. die sechste als Gallerie über einander, jedes Stockwerk 25 Logen, u. faßt 7500 Zuschauer; es brannte 1816 ab, ist jedoch bis 12. Januar 1817 wieder aufgebaut; hier werden die großen Opern u. Ballets aufgeführt; Teatro del Fondo für Oper u. Ballet; Fenice, Volkstheater; S. Ferdinando, Fiorentini, S. Carlino ist Volkstheater für Komödien u. Sebeto für die unteren Volksklassen. N hat eine große Anzahl Kaffeehäuser, welche Fremde u. Einheimische mehr besuchen, um zu schwatzen, als um Zeitungen zu lesen u. zu verzehren. Villen, von denen die meisten schöne Garrenanlagen u. prachtvolle Aussichten haben: Villa Belvedere. Floridiana, Ricciardi, Duca Rocca Romana, Villa Real (s.u. Palästen), Villa Regina Isabella, Santangelo u. m. a. Die Bewohner von N. tragen weniger Charakteristisches an sich als die von Rom, treiben aber ein ewig bewegtes Leben, Tag u. Nacht wird es nicht ruhig auf den Straßen, immer drängen sich Menschenmassen, stets droht den Vorübergehenden Gefahr von Cabriolets überfahren zu werden, man sieht Sänger u. Improvisatoren, Erzähler, Vorleser, Marktschreier, Pulcinelltheater u. andere Histrionen thätig. Zum Verkauf ausgestellte Orangen, Kuchen, Feigen, Honig, Maccaroni etc. dienen zur Leckerei. Sonst ist der Neapolitaner genügsam u. strebt außer dem Unentbehrlichen nur darnach, etwas für Divertimentis zu erübrigen. Eigenthümlich ist dem Neapolitaner seine überaus große Fertigkeit in der Zeichensprache. Das Leben im Freien liebt er über Alles, alle Handwerker arbeiten auf der Straße u. auch der Wohlhabendere lebt auf dem Balcon u. den platten Dächern, wo Gärten gehalten werden. Das Dolce far niente schätzt der Neapolitaner hoch, u. so werden viele allmälig Lazzaroni (s.d.), deren man sonst gegen 40–60,000 rechnete, welche Zahl aber jetzt bedeutend abnimmt. Der größte Schmutz herrscht bei den Neapolitanern vor, u. die schönsten Paläste sieht man fortwährend mit Unflath bedeckt, selbst die Kirchen werden nie gereinigt. Die neapolitanischen Männer sind sehr schön, bes. in den Jahren der vollen Kraft, die Weiber dagegen häßlich. Der Charakter der Neapolitaner ist übrigens Gutmüthigkeit, drollige Treuherzigkeit u. Mäßigkeit, doch auch Geldgier, Treulosigkeit, Leidenschaftlichkeit, welche aber bei ihrer ungemeinen Feigheit selten in Mord ausartet; Dieberei, namentlich Taschendieberei, ist sehr gewöhnlich. Polizeiu. Gensd'armerie sind gut organisirt, sehen aber durch die Finger u. thun wenig; der Fremde kommt stets in Gefahr betrogen, bestohlen u. sonst hintergangen zu werden, u. stets hilft das Volk einem Übelthäter durch. Die Prostitution ist in N. groß; um Geld zu gewinnen, tragen auf dem Lande die Frauen u. Mädchen niederen Standes sich häufig selbst an, weniger aber Dirnen in der Stadt N., wo die Polizei sehr aufmerksam darauf ist; desto mehr geht das Geschäft dort durch Zwischenträger. In den mittleren u. höheren Ständen herrscht bei Mädchen große Zurückhaltung, doch entschädigen sie sich nach der Verheirathung. Hazardspiele sind jetzt verboten, dennoch wird in Privatzirkeln noch stark gespielt, auch Lotto ward mit Wuth von der ganzen Nation gespielt. Getanzt wird viel, bes. im Volke; der beliebteste Volkstanz ist die Tarantella. Volksseste sind meist kirchlich. Außer den Festen des St. Januarius, 3. Mai u. 19. Sept., wobei dessen Blut fließt u. die Reliquien in Procession nach S. Chiara getragen werden, dem Fronleichnamsfest, dem Weihnachtsfest, welches mit Schmaußen gefeiert wird, wo Krippen mit der Darstellung der Geburt Jesu ausgestellt sind u. die Hirten aus den Abruzzen nach N. kommen u. mit Schalmei, Dudelsack u. Triangel vor den Häusern u. Heiligenbildern Musik machen, dem Osterfest, wobei am Ostersonntag große Procession mit Puppen, die Heilige Jungfrau, Johannes den Täufer, Jesum etc. darstellend, gehalten wird, u. vielen anderen Kirchfesten, sind die wichtigsten: das Fest der Maria del Arco, ein ländliches, sehr besuchtes Fest in dem nahen Dorfe gleiches Namens am 2. Pfingsttage mit großer Wallfahrt nach Monte Vergine, u. das Fest S. Maria di Piè di Grotta, am 8. Sept., welches durch Karl III. 1734, als er den Österreichern bei Bicocco gegenüber stand, in Folge eines Gelübdes, im Falle des Sieges der Mariadi Piè di Grotta auf dem Posilipp 100 Jahre lang ein prächtiges Fest feiern zu lassen, eingesetzt ist u. durch große Paraden, eine prächtige Auffahrt des Hofes zur genannten Kirche, Kanonendonner aus den fünf Castellen u. von der Flotte, welche nach jener Kirche segelt, Militärmusik auf den verschiedenen Plätzen u. durch die durch einander wogende Einwohnerschaft u. das herzuströmende Landvolk der Umgegend gefeiert wird, welches in seiner malerischen Tracht nur an diesem Tage die herrliche Villa reale an der Chiaja betreten darf. Das Fest der Marinare findet den 30. August Statt; die Seeleute laufen in Reifröcken gekleidet auf S Lucia umher u. stürzen sich mit Jedem, den sie erfassen, in das gerade dort sehr tiefe Meer; dabei werfen sie Schwärmer etc. Das neapolitanische Carnevalfest, welches sonst mit der Cocagna (s.d.) endigte, steht dem römischen bedeutend nach. Einwohner: 400,813, nach Anderen 550,000 (1818 329,438; 1827 357,238; 1837 351,700. Die Umgegend von N. hat schöne Landhäuser (s. oben unter Villen) u. große Naturschönheiten (der Vesuv, der erloschene Vulkan Astronti mit Wildschweingarten, der Lago d'Agnano, die Solfatara, die Hundsgrotte, die Schwitzbäder von Germano u. m. a.). auch Alterthümer (Herculanum u. Pompeji); außerdem gewähren la Chiaja, die Grotte von Posilippo, das Grab des Virgil, Marzellina, Scoglio di Virgilio, Camaldoli, Pozzuoli, Golf von Bajä, Bajagrotte der Cumäischen Sibylle, Cumä, Capua, Nola, Portici, Sorrento, nach den Inseln nähere, nach Pästum u. Amalfi weitere Ausflüge.

Vgl. Mormile, Descr. della città de Napoli, Neapel 1670; F. Sacco, Dizionario geografico-istorico del regno di Napoli, ebd. 1794, 4 Bde.; G. M. Galanti, Nova descrizione storica e geografica delle due Sicilie, ebd. 1787–1791, 5 Bde. (deutsch von C. I. Jagemann, Lpz. 1790–95, 5 Bde.); Descrizione geografica e politica delle due Sicilie, ebd. 1792, 2 Bde; N. u. Sicilien, Gotha 1789–1805, 10 Bde.; I. N. v. Salis, Reisen in verschiedene Provinzen des Königreichs N., Zürich 1793; K. F. Benkowitz, Reise von N. in die umliegende Gegend, Berl. 1806; Romanelli, Napoli antica e moderna, Neapel 1815, 2 Bde.; Finati, Il regal Museo Borbonico, ebd. 1817; Beiträge zur Kenntniß von N., Berl. 1821; Gerhard u. Panofka, Neapels Bildwerke etc.,[736] Tüb. 1828; G. Ceva Grimaldi, Considerazioni sulle publiche opere della Sicilia di quà del Faro dai Normanni sino ai nostri tempi, Neapel 1840; K. A. Mayer, N. u. die Neapolitaner, Oldenb. 1841, 2 Bde.; Luigi Galanti, Napoli e contorni, 1839; Napoli e i luoghi celebri delle sue vicinanze, 1845, 2 Bde.; Stanisl. hl Aloë, Naples, ses monuments et ses curiosités, 1852; F. Förster, Handbuch für Reisende in Italien, 6. Aufl., Münch. 1857, 4 Abth. (4. Abth. Unteritalien u. Sicilien); F. Gregorovius, Siciliana, Wanderungen in N. u. Sicilien, Lpz. 1860.

Die Stadt Neapel wurde etwa 1000 Jahre v. Chr. von den Cumäern an der Stelle des alten Phaleron od. Parthenope an dem nordwestlichen Abhange des Vesuvius u. an der Mündung des Sebethus in den Puteolanischen Meerbusen angelegt. Anfangs bedrohten die Campaner die junge Colonie, dann suchten die Römer Einfluß auf sie zu gewinnen, die sich daher 327 v. Chr. in den Schutz der Samniter begab, aber von diesen 6000 M. Beschatzung einnehmen mußte. Im Samnitischen Krieg, 290 v. Chr., kam sie durch Einverständniß ihrer Führer in die Hände der Römer; diese ließen N. die griechische Verfassung, aber seitdem verlor sich die Eintheilung der Stadt in die Paläopolis (Altstadt) u. Neapolis (Neustadt), welche früher durch eine Mauer geschieden gewesen waren, u. der Name N. allein blieb der Stadt. Nochmals wurde es Municipium u. stellte 50 Schiffe zur römischen Flotte. Wegen der schönen Lage, der warmen Bäder in der Nähe u. der Bildung der Einwohner war N. Lieblingsaufenthalt vornehmer, bes. exilirter Römer. Die Römer behaupteten N. gegen Pyrrhus, gegen die Tarentiner (272 v. Chr.) u. gegen Hannibal (212 v. Chr.). Lucullus besaß Gärten auf dem jetzigen Castell del Uovo; alsdie Stadt unter Titus von einem Erdbeben gänzlich zerstört wurde, baute dieser Kaiser es im Römischen Styl wieder auf. Unter den Antoninen (od. unter Commodus) wurde N. römische Colonie (Colonia Augusta). Als das Römerreich unter Constantin dem Gr. das Christenthum annahm, war N. die Stadt, welche am längsten die alten Götter bewahrte. Romulus Augustulus ward hierher verbannt u. st. daselbst. Im 5. Jahrh. theilte N. das Schicksal von ganz Italien, es wurde von den Westgothen, Vandalen, Herulern (415) u. Ostgothen eingenommen (493) u. stand dann 33 Jahre lang unter Theoderich, König der Ostgothen, welcher es durch einen Comes regieren ließ. Nach dessen Tode ließ Kaiser Justinian N. durch Belisar 536 erobern. N. wurde hierauf 542 vom Gothenkönig Totila, nach der Niederlage der Byzantiner bei Mucella, belagert u. ergab sich nach zwei Entsatzversuchen der Griechen, kam jedoch 555 bald wieder in die Hände der Griechen u. wurde zum Exarchat geschlagen.

Der erste der unter dem Exarchen zu Ravenna stehenden Herzöge von N. war seit 568 Myron, unter welchem außer N. u. Gebiet die Inseln Ischia, Nisida, Procida, die Seestädte Gaeta, Amalfi, Sorrento, Otranto, Gallipoli, Rossano mit Gebiet standen; er st. 589, u. erst 592 (593) folgte Maurentius, welcher sich gegen die Longobarden tapfer hielt, aber 602 vom Kaiser Phokas abberufen wurde; nach ihm waren Herzöge Gaudoin (Gondoin) u. 615 Johann I.; letzter machte einen Versuch, sich von Byzanz unabhängig zu machen, da er aber wegen Grausamkeiten verhaßt war, öffnete das Volk 612 dem kaiserlichen Exarchen Eleutherius die Thore, Johannes wurde hingerichtet u. Theodorus an seiner Statt Herzog. N. theilte nun alle Schicksale des Exarchats, seine Herzöge wechselten schnell, bis 751 das Exarchat durch Aistulf, König der Longobarden, zerstört wurde. Damals war Exhilaratus Herzog von N.; er unterwarf sich dem Longobardenkönig nicht u. erhielt den byzantinischen Kaisern diese wichtige Stadt. Auf Exhilaratus folgte 753 Stephan I. als Herzog, welcher 767 von den Neapolitanern auch zugleich zum Bischof gewählt wurde; er ließ die weltlichen Angelegenheiten eine Zeitlang durch seinen Sohn Cäsarius verwalten. Unter Stephans Enkel, Stephan II., versuchte Fürst Sicon von Benevent N. zu erobern; diese Versuche erneuerte Sicon unter dem Herzog Bonus (seit 820) u. nöthigte den Herzog zur Zahlung eines jährlichen Tributs. Gegen Herzog Andreas erneuerte Sicons Sohn, Fürst Sicard von Benevent, den Krieg; Andreas besiegte ihn mit Hülfe der Sarazenen, die er aus Sicilien gerufen hatte. Aber kaum hatten die Sarazenen die Stadt verlassen, so begann Sicard den Krieg von Neuem u. belagerte N. bis 839. Der Kaiser Lothar I. schickte zur Ausgleichung den Baron von Coutard, welchen Andreas, um durch ihn die aufrührerischen Neapolitaner zu schrecken, unter dem Versprechen zurückbehielt, ihm seine Tochter Eupraxia zu vermählen. Da er sein Wort nicht hielt, ermordete ihn Coutard 843, worauf Sergius I. zum Herzog gewählt wurde. Er schlug 845 einen Angriff der Sarazenen auf die Insel Ponza zurück u. eroberte Licosa wieder. Ein Jahrhundert lang herrschte im Herzogthum N große Verwirrung, indem die Herzöge es meist mit den Sarazenen gegen die Päpste hielten u. deshalb von denselben in den Bann gethan od. durch angezettelte Verschwörungen gestürzt wurden. Als der Kaiser Otto I., in Folge der Usurpation Berengars II. Italien unterwarf, hielt sich nur N. tapfer gegen ihn, u. die Neapolitaner drangen selbst unter Führung des Herzogs Marinus nach Capua vor u. belagerten dieses. Der griechische Kaiser Nikephoros II. Phokas suchte endlich durch das Versprechen, das Herzogthum seiner Tochter Theophania als Aussteuer zu geben, den Frieden herzustellen, erfüllte dies Versprechen aber so wenig als sein Nachfolger, u. Otto II. mußte um Unteritalien kämpfen, eroberte N, wurde aber, da die Griechen die Sarazenen zu Hülfe riefen, bei Basantello in Calabrien geschlagen (982), u. mit seinem Tode (983) endigte dieser Krieg. Herzog Sergius wurde im 11. Jahrh. von dem Herzog Pandulf IV. von Capua, welcher eine Schaar Normannen in seinen Sold genommen hatte, bekriegt u. vertrieben; er gewann aber die Fremdlinge durch höhern Sold u. eroberte N. wieder. Er vermählte sich dann mit einer Verwandten Rainniss, eines normännischen Anführers, u. gab demselben ein Stück Land bei N., wo er 1026 Aversa baute u. dies als Grafschaft besaß.

Mit der Ausbreitung der Normannen in Unter-Italien, welche 1059 unter Robert Guiscard das Herzogthum Apulien (s.d.) u. Calabrien gründeten u. vom Papst die eventuelle Belehnung mit allen Ländern Unter-Italiens u. Siciliens erhielten, welche sie den Sarazenen entreißen würden, wogegen sie dem Papst ihre stete Hülfe zusagten, begannen auch die Angriffe derselben auf N. Robert Guiscard verdrängte die Griechen vollends aus den Seestädten u. unterwarf sich mit den longobardischen[737] Fürstenthümern Bari (1070), Salerno u. Amalfi (1075), Benevent (1077) ganz Unter-Italien, während sein Bruder Roger I., ihm lehnbar, als Großgraf von Sicilien sich auf dieser Insel festsetzte u. sein dritter Bruder Richard, der normannische Graf von Aversa, 1062 Capua u. einen Theil Campaniens eroberte. Rogers I. Sohn, Roger II., vereinigte nach dem Tode seines Vaters (1101) u. Wilhelms von Apulien (1127) von dem er schon früher Calabrien abgetreten erhalten hatte, alle normännischen Eroberungen unter dem Titel eines Königs von Sicilien u. Herzogs von Apulien u. Calabrien u. wurde vom Papst Anaclet II. als solcher 1128 bestätigt. Palermo war der Sitz seines Reichs. Nur N. u. Capua waren in Italien noch freie Städte. Bei Gelegenheit eines Kriegs mit Innocenz II., dem Gegenpapste Anaclets II., u. dem Kaiser Lothar II., wo er die Deutschen zum Rückzug zwang, eroberte er Capua u. belagerte auch N., doch nöthigte ihn ein neuer Einfall des Kaisers Lothar II. die Belagerung aufzuheben. Als Lothar II. aber 1137 st., gewann er die Oberhand u. nahm Innocenz II. 1139 gefangen, erkannte ihn aber, da Anaclet II. gestorben war, als Papst an. Freiwillig ergab sich ihm 1150 auch N., u. das Herzogthum N., dessen letzter Herzog Sergius VII. gewesen war, ward nun integrirender Theil des Königreichs Sicilien, welches außer dieser Insel auch ganz Mittel- u. Unter-Italien, also die Herzogthümer Apulien, Calabrien, Bari, Sorento, Amalfi, Gaeta, beide Abruzzos u. die Fürstenthümer Capua, Tarent u. Salerno umfaßte. Diese Länder nannte man schon zur Zeit der byzantinischen Statthalter im 9. Jahrh. Sicilien jenseit des Faro, u. hiervon stammt der Name des Königreichs beid er Sicilien. Roger verschönerte die Stadt N. sehr mit neuen Gebäuden. Als der normannische Mannsstamm mit Wilhelm II. 1189 ausstarb, kam das Reich durch dessen Tante Constanze, Tochter des Königs Roger I., welche mit dem Kaiser Heinrich VI. vermählt war, an das deutsche Haus Hohenstaufen, bei welchem dasselbe bis 1266 blieb, wo Manfred bei Benevent blieb (s.u. Sicilien), worauf Karl von Anjou sich mit Hülfe des Papstes Clemens IV. auf den Thron von Sicilien u. Neapel schwang (s. ebenda), welcher dafür dem Papst 8000 Unzen Gold zu zahlen u. ein weißes Pferd (Neapolitanischer Zelter, s. d) zu schicken u. außerdem die Vasallentreue versprach. Er wählte N. zu seiner Residenz, u. diese Stadt ward von nun an der Mittelpunkt des Reichs. Indessen bereitete Peter III., König von Aragonien, Gemahl der Hohenstaufin Constanze u. von Konrad in zum Erben eingesetzt, heimlich Krieg gegen Karl von Anjou vor, u. ein Vertrauter der letzten Hohenstaufen, Friedrichs II. u. Manfreds, Johann von Procida, ein palermitanischer Edler, war zu ihm mit einer sicilianischen Flotte geflohen. Am 30. Mai 1282 brach eine Empörung aus (Sicilianische Vesper), u. in wenigen Stunden waren sämmtliche Franzosen in ganz Sicilien ermordet. Sogleich erschien die aragonische Flotte zur Hülfe des Aufstands, im August auch Peter III. mit einem Heer u. entschied, da die Unternehmung Karls von Anjou gegen Sicilien an der Festigkeit Messinas scheiterte u. er zurückeilen mußte, um dem Aufruhr in Calabrien u. Apulien entgegen zu arbeiten, wo dann die Aragonier Sicilien, die Franzosen das Festland behaupteten, die Trennung Siciliens von N.

Vergebens suchte der Papst Karln Sicilien wieder zu erwerben, u. that deshalb Peter III. von Aragonien in den Bann; ja der aragonische Admiral Roger von Lauria lockte den Prinzen Karl von Salerno, Thronerben Karls von Anjou, aus dem Hafen von N., schlug dessen Flotte u. nahm ihn selbst gefangen. Da starb Karl I. 1284 zu Foggia. Die Gefangenschaft des nunmehrigen Königs Karl II. brachte das Reich in die größte Verlegenheit. Vom Papst ward ein Legat, vom König Philipp III. von Frankreich aber dessen Sohn, der Graf Robert von Artois, als Statthalter eingesetzt, u. diese bekriegten seit 1285 Jakob, Sohn u. Nachfolger Peters in Sicilien. Karl II. war indessen in der Hast des Königs Alfons III. von Aragonien, des ältern Bruders Jakobs, der ihn endlich, von Frankreich bedrängt u. durch Englands Vermittlung, 1289 unter der Bedingung entließ, daß er den Frieden zwischen Frankreich u. Aragonien vermittelte. Nur mit Mühe brachte Karl II. denselben 1290 zu Stande, u. als König Alfons III. von Aragon st., erhielt Jakob, bisher König von Sicilien, Aragonien, hob die eingegangenen Verpflichtungen auf u. trat endlich, durch den päpstlichen Bann bewogen, 1295 Sicilien an Karl II. ab. Doch die Sicilianer wählten nun Jakobs Bruder, Friedrich, zum König, u. dieser vertheidigte Sicilien gegen Karl u. seinen eigenen Bruder Jakob, u. erzwang so den Frieden von Castro nuovo 1302, wodurch er Sicilien als König von Trinakrien auf Lebenszeit behielt. Karl II. st. 1309, u. ihm folgte, vermöge einer Entscheidung des Papstes, sein dritter Sohn, Robert. Dieser ward 1312 vom Papst zum Gonfaloniere des Kirchenstaats ernannt, Kaiser Heinrich VII. citirte ihn aber 1312 auf seinem Römerzug nach Rom u. ächtete ihn, als er nicht erschien; doch st. Heinrich VII. bald darauf. Gleichzeitig ward Robert von Friedrich II., König von Trinakrien, bekriegt, landete zwar in Sicilien, mußte aber 1315 ohne Erfolg abziehen u. schloß 1318 einen fünfjährigen Waffenstillstand. Als er mit Kaiser Ludwig dem Baier im Krieg war u. denselben über die Alpen zurückdrängte, st. 1328 sein einziger Sohn, Karl Herzog von Calabrien. Dieser hinterließ eine Tochter, Johanna, u. Robert vermählte nun seine Enkelin 1330 mit Andreas, dem zweiten Sohn seines Neffen Karobert, der Ansprüche auf den Thron Karls II. hatte, u. ließ ihn in N. erziehen. Als er 1343 starb, folgte ihm Johanna I. Unter ihr nahmen die schon unter Karl II. Statt gefundenen Unruhen zu. Die meisten Großen u. alle Prinzen von Geblüt entfernten sich vom Hofe, u. der wegen seiner eignen Rohheit u. der an seiner Gemahlin verübten Mißhandlungen gehaßte Andreas ward von Nicolo Acciajuoli am 18. Septbr. 1345 auf dem Schloß zu Aversa ermordet. Johanna vermählte sich nun 1346 mit ihrem Vetter, dem Prinzen Ludwig I. von Tarent. Doch schon 1347 erschien Ludwig, König von Ungarn, vor N., um den Mord seines Bruders Andreas zu rächen, zwang die Königin u. deren Gemahl nach der Provence zu fliehen, hielt schreckliches Gericht über die Schuldigen, ließ u.a. den der Theilnahme am Mord überwiesenen Herzog Karl von Durazzo enthaupten, führte die übrigen anjonischen Prinzen gefangen nach Ungarn u. ließ einen Ungar als Regenten zurück, welcher das Land schwer bedrückte. Sehr bald indeß kehrten Johanna u. ihr Gemahl zurück u. wurden nach hartem Kampfe durch den mit dem König von Ungarn[738] geschloßnen Frieden von 1351 wieder in ihr Reich eingesetzt. Der König von Ungarn setzte die vier Prinzen in Freiheit u. entsagte allen Ansprüchen auf N. Die Unmündigkeit des Königs Ludwig von Sicilien war eine starke Lockung, diese Insel zu erobern; Ludwig I. von N. bemächtigte sich auch derselben wirklich, ward aber durch innere Unruhen in N. gezwungen, sie wieder zu verlassen, doch erklärte sich in dem Frieden von 1357 Siciliens König zum Vasallen von N. u. versprach 3000 Unzen Gold Tribut. 1362 st. Ludwig, Johannens Gemahl, u. die kinderlose Johanna heirathete nun den Infanten von Majorca, Prinzen Jakob von Aragonien, der aber nicht den Königstitel führte, sondern sich nur Herzog von Calabrien nannte u. 1375 st. 1376 heirathete Johanna in vierter Ehe Otto von Braunschweig, nahm aber Karl von Durazzo, einen Anjou, dem sie bereits 1370 ihre Nichte Margaretha vermählt hatte, an Kindesstatt an. Dieser Karl benahm sich aber höchst undankbar gegen sie, ließ sich 1380 vom Papst Urban VI. zum König von N. krönen, rückte, als Johanna den Ludwig von Anjou an seine Stelle zum Nachfolger wählte, nach N., nahm sie gefangen, ließ sie 1382 erdrosseln u. bestieg als Karl III. den Thron. Bald veruneinigte er sich aber mit seinem bisherigen Beschützer, Urban VI., u. ward auch von Ludwig I. von Anjou, der nach dem Testamente Johanna's den Thron prätendirle, angegriffen u. hart bedrängt; von diesem befreite ihn indessen 1384 der Tod, den Papst belagerte er in Nocera; endlich ging er nach Ungarn, von seinen Anhängern dahin berufen, u. wurde 1386 von Anhängern der verwittweten Königin Elisabeth, an deren Spitze der Palatin Nikolaus Graf von Gara stand, durch den Grafen von Forgacz ermordet. Sein zehnjähriger Sohn Ladislaw folgte ihm unter Vormundschaft seiner Mutter Margaretha, wurde aber sowohl von aufrührerischen Großen als von Ludwig II. von Anjou, welcher auf den Thron Ansprüche machte, nach Gaeta zu fliehn genöthigt u. heirathete dort die reiche Gräfin Constanze von Chiaramonte, verstieß sie aber, als ihr Vermögen zu Ende war, schon 1394 u. heirathete 1403 Maria, Schwester des Königs von Cypern. Schon 1400 hatte ihm sein Gegner Ludwig II. von Anjou, durch immerwährende Neckereien erschöpft, die Rechte auf N. abgetreten u. war nach Frankreich zurückgekehrt. Ladislaw nahm darauf die ungarische, ihm angebotene Krone an, jedoch nur, um sie bald wieder niederzulegen. 1408 benutzte er die Unzufriedenheit der Römer mit Papst Gregor XII., um Rom zu besetzen u. sich den Titel eines Königs von Rom beizulegen. Dafür reizte der dritte der damals zugleich regierenden Päpste, Alexander V., Ludwig von Anjou zu einem nochmaligen Angriff auf N. Dieser fiel in N. ein u. schlug zwar Ladislaw bei Riosecca, mußte aber, da sein Söldnerhaufe bald aus Mangel an Zahlung auseinander lief, N. wieder verlassen. 1414 st. Ladislaw, u. seine Schwester Johanna II. folgte ihm. Diese, Wittwe des Herzogs von Österreich, zeichnete sich durch ein zügelloses Leben aus u. war von Liebhabern umgeben, von denen sie bes. Pandolfello Alopo, ihren Küchenmeister, begünstigte u. zum Obristkämmerer u. Grafen erhob. Sie heirathete 1415 Jakob von Bourbon; dieser, von den Baronen des Reichs sogleich als König begrüßt, ließ alsbald Alopo verhaften u. hinrichten u. hielt die Königin, nebst ihrem treuen Anhänger dem Condottiere Franz Sforza, selbst gefangen. Johanna wurde aber 1416 von ihren Unterthanen befreit u. Jakob von Bourbon selbst gefangen gesetzt, bis er 1419 entkam. Johanna adoptirte 1421, um den innern Aufrührern desto besser zu widerstehen, Alfons V., König von Aragonien u. Sicilien. Dieser erschien u. schlug die unruhigen Vasallen, maßte sich aber bald zu viel Gewalt an, weshalb Johanna die Adoption zurücknahm u. solche auf Ludwig III. von Anjou übertrug. Dieser schlug Alfons V. u. befreite die wiederum gefangene Königin, welche nun bis 1432 mit ihrem Günstling Caraccioli regierte, wo dieser bei ihr in Ungnade fiel u. ermordet wurde. 1434 st. Ludwig III. u. 1435 Johanna II. selbst. Ludwig hatte seine Rechte auf seinen Bruder, den Herzog René von Anjou übertragen, welcher Johannen auch ihrem Testament zu Folge succediren sollte, doch Papst Eugen IV. wollte dasselbe dem König Alfons von Aragonien zuwenden. René wurde vom Herzog von Burgund als Gefangner zurückgehalten, u. nur seine Gemahlin Isabella erschien, von dem Volke jubelnd begrüßt, in N. Bald erschien aber Alfons von Aragonien, u. obschon er 1435 bei Ponza zur See geschlagen u. gefangen wurde, so wußte er doch in seiner Gefangenschaft den Herzog von Mailand, Bundesgenossen Renés, durch die ihm eingeflößte Furcht, N. in französischen Händen zu sehen, von ihm abzuziehen u. zu bewegen, ihn u. die andern Gefangenen frei zu lassen. Zwar erschien 1438 René persönlich in N., aber am 2. Juni 1442 drang Alfons in N. ein, eroberte es u. vertrieb René, welcher sich nach Frankreich einschiffte, um nie zurückzukehren.

Alfons I. blieb Herr von Sicilien u. N. Mit ihm bestieg das Haus Aragon den neapolitanischen Thron. Außer in N., Sicilien u. Aragonien gebot Alfons I. noch in Catalonien, Valencia, Majorca, Corsica, Sardinien u. in Roussillon, wählte nun N. zu seiner Residenz, that während seiner sechzehnjährigen Regierung viel für Verschönerung der Stadt, begünstigte Künste u. Wissenschaften u. st. 1458. Er hatte seinen natürlichen Sohn, Ferdinand I., zum Nachfolger in N., dagegen seinen Bruder Johann II. zum König von Aragon u. Sicilien bestimmt. Das finstere stolze Wesen des Ersteren machten ihn nicht beliebt, dazu bestritt ihm der Prinz Karl von Viana, Sohn Johanns II., u. der Papst Calixt III. sein Recht auf den Thron, u. Aufrührer riefen Johann von Anjou, Sohn des Königs René, in das Reich. Anfangs war dieser siegreich, bald aber wurde er 14. Aug. 1462 bei Troja geschlagen u. ging nach Frankreich zurück, seine Rechte auf N. trat er aber an König Karl VIII. von Frankreich ab. Die Unzufriedenen riefen dagegen den türkischen Sultan Muhammed II. herbei, welcher 1480 Otranto erobern ließ; 1481 wurden aber die Türken wieder vertrieben. Nun trat Papst Innocenz VIII. gegen Ferdinand auf u. begünstigte die Rebellen, wurde jedoch 1486 zum Frieden gezwungen, u. die Rebellen wurden hingerichtet od. flohen nach Frankreich; Ferdinand st. 1494. Seinem Sohn u. Nachfolger, Alfons II., mißlang ein Anschlag auf Genua, er wurde von Karls VIII. Heere besiegt u. durch dessen Vordringen u. den Aufruhr seiner Barone so niedergeschlagen, daß er 1495 zu Gunsten seines Sohnes, Ferdinand II., abdankte u. in ein Kloster ging. Ferdinand II. mußte schon nach 10 Tagen, da die Franzosen bis N. vordrangen,[739] nach Ischia u. von dort nach Sicilien fliehen. Dort gewann er aber in Ferdinand dem Katholischen, König von Sicilien u. Aragon, eine kräftige Hülfe. Dieser sandte Gonsalva di Cordova, welcher, von allen die Franzosen hassenden Neapolitanern gern aufgenommen, Karl VIII. zum schnellen Rückzug nöthigte, u. Ferdinand II. zog im Juni 1495 wieder in seine Hauptstadt ein. Doch schon 1496 st. er, u. sein Oheim Friedrich Il. folgte ihm; sein Bruder Ferdinand der Katholische von Aragonien u. Sicilien schloß gegen ihn mit Ludwig XII. von Frankreich einen Vertrag, durch welchen er N., Gaeta, Terra di Lavoro u. die Abruzzen abtrat u. sich dagegen Calabrien u. Apulien vorbehielt. Da 1501 französische u. sicilianische Truppen in N. einrückten, floh Friedrich Anfangs nach Ischia u. ging später nach Frankreich, wo er das Herzogthum Anjou erhielt. Bald aber geriethen Aragonien u. Frankreich über die Theilung der Beute in Streit, die aragonischen Truppen zogen sich zurück, aber durch Verrath siegte Ferdinand dennoch, denn während er zum Schein unterhandelte, griff Cordova die Franzosen an, schlug sie 1503 am Garigliano u. bei Cerignoles u. vertrieb sie aus Italien. Endlich gewann Ferdinand der Katholische, nun als König von N. Ferdinand III. genannt, Friede u. die Abtretung N-s von Ludwig XII. 1504 dadurch, daß er die Nichte desselben, Germaine von Foix, heirathete u. N. den aus dieser Ehe entspringenden Kindern versprach. Von jetzt an waren N. u. Sicilien wieder vereinigt u. wurden ein Nebenland von Spanien.

Ferdinand setzte Vicekönige in N. ein; diese waren: Graf von Ripacorsa, Don Raimund von Cardona (bis 1522), Don Carlos de Lanoja (bis 1524) u. Andr. Caraffa (st. 1527). Bisher hatte N. nur durch Geldopfer u. Truppen an dem Kriege zwischen Karl V. u. Franz I. Theil genommen, als aber in der Heiligen Ligue sich der Papst 1526 mit Frankreich verband, belehnte er den Prinzen von Vaudemont-Anjou mit N., u. französische Truppen landeten daselbst, während Lautrec mit 40,000 M. zu Lande vordrang u. das Königreich N. 1528 eroberte. Seuchen brachen indessen bei der Belagerung von N. durch die Franzosen aus, Lautrec selbst starb u. der Rest seines Heeres wurde von dem neuen Vicekönig, Hugo von Moncada, in Aversa gefangen, worauf der Friede in Cambray den Krieg 1529 endete. Auf Moncada folgten als Vicekönige Philibert von Chalons, Prinz von Oranien, der Cardinal Pompejo Colonna bis 1532, u. Peter von Toledo, dessen Regierung strenge Gerechtigkeitspflege, Beschränkung des Adels, Befestigung der Küsten gegen die Türken auszeichneten; ebenso machte er sich durch Anlegung einer neuen Citadelle, vermehrte Befestigungen u. Verschönerungen der Stadt, Sorge für die Nahrungspolizei, Vertreibung der Juden aus dem Königreiche u. Einrichtung von Leihhäusern um die Stadt N. verdient u. war daher allgemein beliebt. In Folge der vom Kaiser gebotenen Einführung der Censur u. Inquisition 1547, entstand ein Aufruhr, wo die Spanier in die Festungen eingeschlossen wurden; 1553 st. Toledo bei der Belagerung der abgefallenen Stadt Siena. Cardinal Pacecco wurde nun Vicekönig u. herrschte mild. 1554 trat Karl V. N. u. Sicilien seinem Sohne Philipp II. ab, um ihn bei seiner Vermählung mit Maria, Königin von England, als König auftreten zu lassen. Der harte Sinn dieses Monarchen stieß die Herzen des Volkes ab, u. seine Vicekönige mußten in N. noch mehr als unter seinem Vater Geld erpressen. Der erste derselben, Herzog Alba von Toledo (1555–58), bekriegte den Papst Clemens VII., welcher N. wegen der Verweigerung des üblichen Tributs für ein eröffnetes Kirchenlehn erklärt hatte, aber durch die von den Franzosen verlorene Schlacht von St. Quentin mittelbar zum Frieden genöthigt ward. Der Herzog von Alcala (1558–1571) handhabte stets die Gesetze u. schwächte das Ansehen des Adels dadurch, daß er die großen Lehen nicht wieder zusammen besetzte, sondern an mehrere minder mächtige Edle vertheilte. Ihm folgten 1571 der Cardinal Granvella, unter welchem N. viel zur Ausrüstung der Flotte, welche den Seesieg von Lepanto über die Türken erfocht, beitrug; 1575 der allgemein verhaßte Marchese von Mondejar; 1579 Johann von Zuniga, 1583 der Herzog von Ossuña, unter dessen schlechter Verwaltung ein Aufruhr wegen Getreidemangels entstand, der N. viel Blut u. Geld (4,400,000 Ducati Versöhnungsgeschenk an den König) kostete; 1586 der Graf Miranda, unter dem das Räuberwesen auf eine furchtbare Weise überhandnahm; 1595 der Graf Olivarez, abstoßend durch sein Äußeres, aber für das wahre Wohl des Landes thätig. Unter Letzterem starb Philipp II., u. sein Sohn Philipp III. succedirte ihm in Spanien u. N. Er rief sogleich Olivarez ab u. sendete 1598 den Grafen Lemos nach N. Dieser hatte mit einem Aufstand, an dessen Spitze der Dominicaner Campanella stand, zu kämpfen u. bekam von Florenz den angeblich falschen Sebastian ausgeliefert, welchen er nach Spanien schickte. Als er 1603 starb, wurde der Graf von Benevente Vicekönig; dieser stieß durch seine Gerechtigkeitsliebe allenthalben so an, daß er, als über eine Victualiensteuer ein Aufstand ausbrach u. er mit der Geistlichkeit über das Asylrecht in Streit gerieth, 1610 durch den Grafen Ruiz de Lemos ersetzt wurde; dessen Nachfolger waren der Herzog Peter von Ossuña (1616), Cardinal Zapatta, 1620, unter dem ein Aufstand wegen der Hungersnoth u. Verschlagen aller gangbaren Münzen ausbrach; Herzog Alba 1622 unter dem neuen König Philipp IV., unter welchem Hungersnoth u. Erdbeben wütheten u. Geldlosigkeit den Staat drückte; 1629 Herzog Ferdinand von Alcala; 1631 Graf von Monteray; 1637 der Herzog von Medina; 1644 der Admiral Enriquez, welcher abberufen wurde, weil er zur Schonung des unglücklichen Landes rieth; 1646 der Herzog von Arcos. Unter diesem brach 1647 die Empörung des Masaniello (s.d.) in Folge der ungeheueren Bedrückungen u. einer schließlich noch hinzugefügten Obststeuer aus, durch welche letztere bes. das niedere Volk sehr betroffen wurde. Masaniello, persönlich beleidigt durch die harte Behandlung seiner Frau, welche die Mauth umgangen hatte, ergriff am 7. Juli 1647 die Gelegenheit eines Aufruhrs an den Zollhäusern wegen Erhebung der neuen Obststeuer, um eine Revolte zu machen. Er zerstörte mit seinen Genossen die Zollgebäude u. vertrieb die Zollbeamteten, u. obgleich der Vicekönig sich zu Concessionen erbot, so fand doch der Pöbel, welcher Herr in der Stadt war, keine Mäßigung, sondern zerstörte Paläste u. übte eine blutige Volksjustiz. Masaniello handhabte nun die Gewalt in der Stadt, u. erst, nachdem der Vicekön ig am 13. Juli einen förmlichen Vertrag in der Karmeliterkirche mit[740] ihm abgeschlossen hatte, wonach die neu aufgelegten Abgaben beseitigt wurden, kehrte die Ruhe zurück. Masaniello selbst, welcher darauf aus dem Demagogen ein Despot gegen seine eigenen Anhänger geworden war, wurde von diesen bereits am 16. Juli ermordet. Arcos hatte in Folge dieses Auftrittes seine Vicekönigschaft in die Hände Juans von Österreich niedergelegt, doch ohne Wissen des Hofes, u. dieser setzte den Herzog von Ognatta an dessen Stelle. Der Graf von Castrillo (1653), unter welchem eine Pest N. verheerte, u. der Herzog von Guise, welcher den Versuch machte sich des Thrones von N. zu bemächtigen, der Graf von Peguaranda (1659), der Cardinal Pascal (1664), unter welchem 1665 Philipp IV. starb u. Karl II., dessen Sohn, die Regierung antrat, bekleideten nun die Würde als Vicekönige. Don Peter von Aragonien, Bruder des Cardinals, welcher trotz der Ansprüche, welche der Papst auf die Verwaltung N-s während des Königs Minderjährigkeit machte, Vicekönig war u. durch Geiz u. Habsucht eine förmliche Rechtlosigkeit organisirte, der Marchese de Astorga (1671), welcher mit ungeheuerer Anstrengung u. Kosten gegen das empörte Messina stritt, der Marchese de los Velez (1675) u. der Marchese del Carpio (1693) folgten auf einander, u. erst Letzterem gelang es, den Unordnungen, welche von Neuem entstanden waren, zu steuern. Alle forderten aber viel Geld, indem die großen Kriege Spaniens gegen Frankreich ungeheuere Anstrengungen erheischten u. sie selbst auch sich zu bereichern strebten. Nach Carpios Tode (1678) wurden der Graf von Stefano u. dann der Herzog von Medina-Celi (1695), Beide strenge u. gerechte Männer, Vicekönige. Unter Letzterem starb Karl II. (1700), u. der Spanische Erbfolgekrieg brach auch mit um N. zwischen Frankreich u. Österreich aus. N. war gegen die Franzosen gestimmt, dennoch wurde es durch die Anstrengungen des französisch gesinnten neuen Vicekönigs, des Herzogs von Escalona, von Franzosen besetzt; Philipp V. kam aber selbst nach N., um das Volk durch seine Gegenwart zu gewinnen, u. wirklich gelang es ihm, N. zu behaupten, bis 1706 die Generalcapitulation von Italien, welche in Folge von Eugens Siegen in Turin geschlossen wurde, die Franzosen verpflichtete, N. zu räumen; zugleich versprachen dieselben kein neues Heer zu senden. Der Graf Daun rückte nun mit 14,000 Mann Österreichern den 7. Juni 1708 in N. ein u. der spanische Vicekönig Escalona warf sich nach Gaeta, wurde aber dort belagert u. mußte sich ergeben.

Der Erzherzog Karl, zweiter Sohn des Kaisers Leopold, wurde nun in N. als Karl III. zum König proclamirt, u. das Haus Habsburg bestieg mit ihm den neapolitanischen Thron. Cardinal Grimani wurde Vicekönig. Mit Jubel hatten die Neapolitaner die Deutschen empfangen, bald waren sie jedoch ihrer, wie der Spanier u. Franzosen, überdrüssig; allein dennoch regten sie sich nicht, u. im Frieden zu Utrecht 1713 wurde N., wie Mailand, Belgien u. Sardinien, an den unterdessen als Karl VI. Kaiser gewordenen Karl III. abgetreten, während Philipp V. Spanien u. dessen Colonien behielt. Sicilien sollte das Haus Savoyen, welches ebenfalls als Mitbewerber um die Erbschaft aufgetreten war, bekommen. 1715 vermählte sich Philipp V. mit der. Prinzessin Elisabeth Farnese von Parma. Diese gebar ihm bald einen Sohn, Karl, u. für diesen strebte sie mit allen Kräften, ein Reich zu erobern. Die Spanier griffen daher schon 1717, unter dem Vorwand, daß Bedingungen des Utrechter Friedens nicht erfüllt (u.a. daß Majorca u. Catalonien noch nicht geräumt) wären, den Kaiser an u. nahmen Majorca, Sardinien u. einen Theil von Sicilien; jedoch wurde 1718, durch die Bemühungen Englands, eine Quadrupelallianz geschlossen, welche 1719 den Frieden vermittelte u. Spanien durch eine englische Flotte zur Annahme derselben zwang. Österreich entsagte in diesem neuen Frieden allen Rechten auf die spanische Succession u. erhielt von Savoyen Sicilien abgetreten, wogegen Savoyen Sardinien bekam u. ein spanischer Prinz Parma, Piacenza u. Toscana, im Fall des Aussterbens dieser Häuser, unabhängig besitzen sollte. Erst 1720 räumten die Spanier Sicilien gänzlich. Elisabeth benutzte den 1733 wegen der Polnischen Succession zwischen Österreich einer- u. Frankreich, Savoyen u. Spanien andrerseits ausgesprochenen Krieg, um ihren Sohn Karl mündig erklären u. 1734 mit einem, von dem Marquis von Montemar geführten Heere zu den Kaiserlichen stoßen zu lassen. Die Kaiserlichen aber wurden in den Linien von S. Angelo, u. 1734 bei Bitonto besiegt, u. nun zog Don Carlos, Sohn des Königs Philipp V. von Spanien, siegreich in N. ein, eroberte auch Sicilien, bis auf Messina u. Syracus, wurde in dem Vertrag vom 16. Novbr. 1735 als König von N. u. Sicilien anerkannt u. als Karl III. (denn der Habsburger Karl III. wurde in der Regentenreihe nicht mitgezählt) in Palermo gekrönt. So kam das Haus Bourbon wieder aus den Thron von N. Noch in demselben Jahre trat Kaiser Karl VI. vorläufig am 21. April 1739, definitiv aber in dem Wiener Frieden, die Kronen von N. u. Sicilien förmlich an Karl ab, erhielt aber Mailand, Parma u. Piacenza u. für seinen Schwiegersohn, Franz von Lothringen, die Anwartschaft auf Toscana, wenn das Haus Medici aussterben sollte, dafür; zugleich garantirten N. u. die anderen Frieden schließenden Staaten Karl VI. die Pragmatische Sanction.

Karl III., nun allgemein als König von N. anerkannt, rüsteteungeachtet dieser Verträge, um beim Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges 1742 den Gegnern Maria Theresias beizutreten, u. nur die Drohung des englischen Admirals Martin, N. zu bombardiren, nöthigte ihn zur Neutralität. Als aber 1744 das Glück die französischen Waffen in Italien begünstigte, brach Karl III. die versprochene Neutralität, zog an der Spitze der Spanier in. Italien ins Feld u. siegte bei Velletri über die Österreicher unter Lobkowitz. Der Friede in Aachen 1748 endigte diesen Krieg. Während der Abwesenheit des Königs hatte die hohe Geistlichkeit die Inquisition eingeführt, doch schaffte der König dieses dem Volke verhaßte Institut sogleich nach seiner Rückkehr wieder ab. Am 10. Aug. 1759 starb Ferdinand II., König von Spanien, u. Karl III., sein Bruder, erbte den spanischen Thron, trat aber N. u. Sicilien nicht, wie es ein früherer Vertrag bestimmte, seinem jüngeren Bruder Philipp, Herzog von Parma, sondern seinem dritten Sohne, Ferdinand IV. (od. III. in Sicilien) ab, schloß aber mit Österreich den Vertrag vom 3. Oct. 1759, daß die Kronen von N. u. Spanien nie auf demselben Haupte vereinigt werden sollten. So waren N. u. Sicilien wieder ein selb ständiges Reich. Da Ferdinand IV.[741] erst 8 Jahre alt war, so führte eine Regentschaft unter dem Marquis von Tanucci, die Regierung. Ferdinands Erziehung war sehr vernachlässigt, u. Jagd, Fischfang u. Bankettiren waren nachher seine Lieblingsbeschäftigungen, die Regierung überließ er seiner Gemahlin Karoline von Österreich, welche 1788 dem Papst den Lehnsverband aufkündigte, übrigens den Adel an den Hof zog, daß er durch Vergeudung seiner Güter alle Bedeutung verlöre, das Volk in Unwissenheit hielt u. den guten Minister Tanucci durch den berüchtigten Acton ersetzte. Durch diesen bestimmt, wollte sich der König bei Ausbruch der Französischen Revolution von Abscheu vor derselben erfüllt, an England u. Österreich anschließen; nun änderte zwar das Erscheinen einer französischen Flotte vor N. 1792 augenblicklich seinen Entschluß, jedoch in Folge der Hinrichtung der Königin Marie Antoinette, seiner Schwägerin, erklärte er 1793 den Krieg an Frankreich, trat aber bei Bonapartes Siegen in Oberitalien aus der. Coalition u. schloß den 10. October 1796 gegen 8,000,000 Fr. zu zahlende Contribution den Separatfrieden in Paris. Nun wurde unter den Auspicien der Königin u. Actons, denen sich Nelson anschloß, ein schweres Gericht über alle gehalten, welche einer Hinneigung zu den liberalen französischen Ideen bezüchtigt waren. Als die Franzosen 1798 Rom republikanisirt u. in der Schlacht von Abukir ihre Flotte verloren hatten, sendete der König von N., nachdem er ein Bündniß mit Österreich geschlossen hatte, ein 12,000 Mann starkes Heer unter Mack in den Kirchenstaat, um den Papst zu restituiren. Die Franzosen wichen zurück, u. die Neapolitaner zogen Ende Novbr. in Rom ein u. besetzten es zugleich mit den Engländern, ebenso Civita vecchia u. Livorno. Darauf von Frankreich mit Krieg überzogen u. von Österreich nicht ausreichend unterstützt, machte N. Bündnisse mit England u. Rußland. Nun rückte Championnet mit einer republikanischen Armee an, schlug im Dec. 1798 die Neapolitaner überall u. besetzte Rom u. N. Mack mußte sich, um dem wüthenden Pöbel zu entgehen, zu der französischen Armee retten, der König aber nach Sicilien entfliehen, nachdem er den Fürst Pignatelli von Strongoli als Vicekönig zurückgelassen hatte. Die Lazzaroni bewaffneten sich zu Tausenden für das Königthum u. leisteten bis zum 23. Jan. unter Rocca Romana blutigen Widerstand, wo es Championnet, welcher bereits 20. Jan. in N. eingerückt war, durch List gelang, sie zu bewältigen.

Darauf wurde von den Franzosen das Königreich N. zur Parthenopäischen Republik erklärt, eine provisorische Republik von 25 Neapolitanern, notorischen Feinden des Königthums, eingesetzt u. der neuen Republik die Annahme des französischen Papiergeldes aufgenöthigt. In dem Lande umher zogen nun wetteifernd in Plünderung u. Unthaten die Franzosen u. der Pöbel, welcher dem. König angehangen hatte, unter Fra Diavolo u. Cardinal Ruffo. In Norditalien wendete sich der Krieg indessen zum Nachtheil der Franzosen. Das Vordringen u. die Siege der Russen u. Österreicher daselbst nöthigten Macdonald, welcher nach Championnets Abberufung in N. befehligte, Unteritalien zu verlassen u. seine dortigen Anhänger im Stiche zu lassen. Sogleich rückte der Cardinal Ruffo aus Calabrien gegen die Republik vor; sein Heer wuchs bald bis zu 100,000 Mann an u. drückte allenthalben die Republikaner zurück, endlich wurde Manthone, Kriegsminister u. Anführer der Republikaner, vor N. geschlagen u. die Franzosen verließen 7. Mai die Stadt. Während nun Russen u. Türken unter dem Chevalier Micheroux u. Admiral Food auf mehren Punkten des Königreichs landeten, auch eine englische Flotte die Stadt selbst zur See blockirte, griff Ruffo N. zu Lande an, zog, von den Royalisten in der Stadt u. den Lazzaroni unterstützt, den 14. Juni 1799 unter Mord u. Plünderung in N. ein u. vernichtete den 15. Juni die Reste der republikanischen Besatzung bei Portici. Nun capitulirten auch die von den Parthenopäern besetzten Castelle am 23. Juni, u. so wurde die Republik wieder gestürzt, den Republikanern aber vermöge eines Vertrages die Wahl gelassen, nach Marseille übergesetzt zu werden, od. in N. ohne Störung zu leben. Schon waren zwei Schiffe mit einem Theil derselben nach Marseille abgegangen, als ein von Sicilien abgeschickter königlicher Befehl diese Capitulation annullirte; die noch nicht nach Frankreich abgereisten Patrioten wurden gefangen gesetzt u. einige nach wenigen Tagen gehängt, die anderen eingekerkert u. die Stadt N. am 30. Juni, nach der Rückkehr des Königs, ihrer Rechte für verlustig erklärt. Die Lazzaroni beraubten u. mordeten nun ungestraft jeden, den sie des Republikanismus verdächtig hielten; mehre Patrioten wurden lebendig gebraten u. ihr Fleisch von den Cannibalen verzehrt, andere mit den größten Martern zu Tode gequält. Die errichtete Staatsjunta verurtheilte hierauf die gefangenen Parthenopäer, der greise Admiral Caraccioli, welcher sich aus Schwäche ihnen angeschlossen hatte, die Fürsten Strongoli u. Julian Colonna, der ganze Generalstab der Nationalgarde u. der Linientruppen, so wie fast das ganze gesetzgebende Corps u. das Directorium wurden hingerichtet. Man sagt, daß diese Greuelthaten bes. auf Antrieb der durch Privatfeindschaften erbitterten Lady Hamilton, der Maitresse Nelsons, gestattet worden wären. Selbst Ruffo fiel in Ungnade wegen seiner milden Capitukation u. wurde durch den Prinzen von Cassaro, einen Sicilianer, ersetzt. Das Castell S. Elmo in N., das einzige, welches noch nicht capitulirt hatte, ergab sich unter General Majean; Gaeta u. andere Plätze, welche in den Händen der Franzosen waren, capitulirten ebenfalls, allein nur die Franzosen u. Cisalpiner erhielten freien Abzug, die Neapolitaner hingegen wurden hingerichtet. Bis zur Schlacht von Marengo (14. Juni 1800) blieb nun N. im Kriegsstand mit Frankreich; durch diese Schlacht aber geschreckt schloß Ferdinand IV. Waffenstillstand u. am 28. März 1801 in Florenz einen Separatfrieden mit Frankreich, worin er die Insel Elba, das Fürstenthum Piombino u. die Stati degli Presidj abtrat u. die Häfen den Briten zu schließen versprach. Der Parthenopäischen Republik wurde in diesem Frieden nicht gedacht, der erste Consul verlangte nur größere Schonung der Patrioten, welche schon eingetreten war, seitdem der Herzog von Ascoli in N. commandirte u. der Finanzminister Ritter von Medici den früheren Minister Acton aus der Gunst der Königin verdrängt hatte. Der König, welcher nur einen kurzen Aufenthalt in N. gemacht hatte u. dann nach Palermo gegangen war, kehrte erst 1802 wieder dahin zurück, als die Franzosen, welche nach einem geheimen Artikel des Florentiner Friedens die nördlichen Provinzen N-s während des Krieges zwischen England u. Frankreich besetzt halten sollten,[742] dieselben gänzlich geräumt hatten. Doch kaum war der Krieg zwischen England u. Frankreich 1803 wieder ausgebrochen, als die Franzosen unter Murat Apulien u. die Abruzzen wieder besetzten. Vergebens waren die Protestationen N-s gegen diese Occupation, u. erst nachdem der König versprochen hatte, neutral zu bleiben (Sept. 1805) u. Acton u. alle Anhänger desselben zu entfernen, verließ die französische Armee unter Gouvion St. Cyr das neapolitanische Gebiet. Nichts destoweniger setzte Ferdinand IV. die Rüstungen fort u. nahm am 20. Novbr. 1805 ein englisch-russisches Hülfsheer von 13,000 M. in N. auf. Da erklärte Napoleon von Schönbrunn aus, daß das Haus N. aufgehört habe zu regieren, u. eine französische Armee unter Joseph Napoleon u. Massena eilte nach Abschließung des Presburger Friedens nach Unteritalien u. überschritt Ende Januar 1806 die neapolitanische Grenze; der König u. seine Familie flüchtete am 23. Januar nach Sicilien, die fremden Truppen schifften sich wieder ein u. am 14. Febr. 1806 zogen die Franzosen in N. ein.

Napoleon ertheilte nun am 31. März seinem Bruder Joseph Bonaparte den Thron von N. Die französischen Truppen unter Reynier vertrieben die letzten Neapolitaner unter Damas von dem Continent; Gaeta war der letzte bedeutende Punkt, der sich hielt u. erst am 18. Juli 1806 nach langer heldenmüthiger Vertheidigung unter dem Prinzen von Hessen-Philippsthal sich ergab. Die Organisation des Landes ganz auf französische Weise hatte unterdessen begonnen, die innere Ruhe war durch Energie u. militärische Strenge, außer in Calabrien, hergestellt worden. Durch Milde strebte König Joseph das Volk zu gewinnen; er minderte die hohen Abgaben einigermaßen, hob die Jesuiten, welche Ferdinand IV. 1805 wieder eingeführt hatte, nochmals auf u. verwendete deren Güter zur Sicherstellung einer Anleihe von 1,700,000 Ducati, säcularisirte viele Güter geistlicher Orden u. Klöster, errichtete eine Bank, eröffnete ein großes Buch der öffentlichen Schuld, verkaufte viele Domänen, verbesserte die Gerechtigkeitspflege, führte eine Gendarmerie u. Nationalgarde ein, welche die Banditen u. Lazzaroni im Zaume halten sollten, verbesserte die Landescultur u. theilte das Land in 13 Departements. Alle diese Vortheile wurden jedoch durch die Conscription u. eine strenge Censur, durch eine kostspielige, 50,000 Mann starke französische Armee u. das durch die Blockirung sämmtlicher Häfen durch die Briten bewirkte Darniederliegen des Handels überwogen. Die Landungen der Engländer u. Sicilianer, bes. die des Prinzen von Hessen-Philippsthal im Jahre 1807 in Reggio mit 6000 Mann, wurden immer bedeutender, doch ward Letzter bei Mileto geschlagen. Als Gegensatz machten die Franzosen Miene, in Sicilien zu landen, u. nur das Kreuzen einer britischen Flotte vor Sicilien schützte dieses. Joseph wurde durch Decret vom 15. Juli 1808 durch Napoleon abberufen, um den spanischen Thron zu besteigen, u. Joachim Murat, Napoleons Schwager, ersetzte ihn durch Decret vom 1. August. Noch bevor Joseph das Land verließ, gab er demselben am 20. Juni eine Constitution, deren wesentlichste Punkte die Errichtung eines aus fünf Klassen bestehenden Parlaments, welches wenigstens alledrei Jahre berufen werden sollte, waren, während die andern Artikel die Successionsfolge, Gesetzgebung, innere Organisation etc. betrafen. Durch Krankheit abgehalten, setzte Joachim Anfangs den Marschall Perignon zu seinem Lieutenant ein, hielt am 6. September seinen Einzug in N. u. bezeichnete seine Ankunft durch die Begnadigung mehrer Hundert Verurtheilter. Er imponirte den Neapolitanern Anfangs durch den Glanz, welcher seine Person umgab, u. durch prächtige Feste u. ließ, um sich noch mehr in Ansehen zu setzen, gleich bei seiner Ankunft den Engländern die im Angesicht der Stadt N. gelegene Insel Capri durch den General Lamarque wegnehmen, wobei zwei britische Regimenter unter Sir Hudson Lowe kriegsgefangen wurden, hob die Frohnen u. andere Beschränkungen des Ackerbaues auf u. suchte die Staatsschuld durch Veräußerung der Klostergüter zu tilgen. Allein die consequente Fortführung der Conscription u. die Anordnung von Grundsteuern von 7,000,000 Ducati, hob die Zuneigung des Volkes zu ihm wieder auf. Der Plan, Sicilien 1810 zu nehmen, mißlang durch die Schwäche der neapolitanischen Seemacht, dagegen unternahmen die Engländer von da aus glücklichere Landungen u. Neckereien, bombardirten selbst Reggio u. versuchten Gaeta zu überrumpeln. Um diese Zeit entstanden Mißverhältnisse zwischen Murat u. seinem Schwager, dem Kaiser Napoleon, u. erzeugten in Ersterem Mißtrauen gegen seine eigenen Umgebungen. Der Feldzug von Rußland 1812, zu welchem er berufen wurde u. wozu er 10,000 Mann stellte, rief ihn von N. abu. er setzte während seiner Abwesenheit seine Gemahlin Karoline, Schwester Napoleons, als Regentin ein. Nach dem unglücklichen Ausgang des Feldzugs für die Franzosen kehrte Murat nach N. zurück u. unterhandelte schon damals mit Napoleons Feinden. Doch Napoleons neue Siege bei Lützen u. Bautzen ließen Murat wieder einlenken, u. er übernahm für Frankreich wieder ein Commando. Nach der Schlacht von Leipzig verließ er das Heer nochmals u. kehrte nach N. zurück. Dort sann er ernstlicher auf Abfall von Napoleon u. schloß mit Österreich den 11. Jan. 1814 einen Allianztractat, worin er versprach, 30,000 Mann für die Sache der Alliirten zu stellen, wogegen ihm Österreich nicht nur seine Staaten garantirte, sondern auch noch eine Vergrößerung derselben durch die Marken verhieß. Nachdem er 15. Februar an Napoleon den Krieg erklärt hatte, drang er nach Oberitalien vor, benahm sich aber dort, von Napoleons Drohungen u. augenblicklichen Erfolgen in der Champagne u. von einem, von den Carbonari zur Herstellung einer Verfassung in den Abruzzen gemachten Aufstand erschreckt, so unentschlossen u. neigte sich wieder so sichtbar auf die Seite der Franzosen, daß er den Österreichern nur wenig nützte. Nur nach Napoleons Abdankung trat er entschieden für sie auf. Bei dem Congreß in Wien kam Murats zweideutiges Benehmen zur Sprache; er hatte dort vorzüglich sämmtliche bourbonische Höfe zu Gegnern, u. es war ungewiß, ob die ihm verheißene Garantie seiner Länder gehalten werden würde. Nachdem er daher, um die öffentliche Meinung zu gewinnen, die Conscription u. die Zölle abgeschafft u. mehre Reformen eingeführt, England u. auch Österreich seine Treue versprochen hatte, rückte er mit 40,000 Mann in den Kirchenstaat ein, proclamirte die Unabhängigkeit u. Einheit Italiens u. begann, am 30. März selbst die Feindseligkeiten gegen Österreich. Zu spät erfuhr er, daß der Wiener Congreß, durch Napoleons Landung besorgt gemacht, ihn anerkannt[743] habe. Es war aber jetzt zu spät, um wieder einzulenken, u. er drang daher nun bis an den Po vor, wurde aber in mehren Gefechten, namentlich bei dem Sturm auf den Brückenkopf von Ochio-Bello, zurückgeworfen, mußte sich, von den Österreichern auf der linken Flanke umgangen, zurückziehen u. suchte nun vergebens einen Waffenstillstand durch Unterhandlungen zu erlangen. An das Adriatische Meer gedrängt, wagte er gegen den österreichischen General Bianchi am 3. Mai die Schlacht bei Tolentino, wurde aber geschlagen u. sein ganzes Heer zerstreut. Vergebens versuchte er sich in Capua zu halten u. durch den Herzog von Gallo Unterhandlungen anzuknüpfen. Den 19. Mai kam er nach N., da sich aber hier ein Aufstand gegen ihn u. für Ferdinand IV. erhob, so schiffte er sich schon am 20. nach Ischia ein u. segelte von hier aus nach Frankreich. Eine Capitulation wurde nun von Carrascosa den 20. Mai zu Casa Lanza geschlossen, worin sich die ganze noch übrige neapolitanische Armee, die Hauptstadt u. alle Festungen den Österreichern ergaben, die Bourbons aber restaurirt wurden. Am 23. Mai besetzte der österreichische General, Graf Nugent, N., u. die Königin Karoline, welche als Regentin in N. zurückgeblieben war, schiffte sich zu Folge der Capitulation mit dem britischen Commodore Campbell auf englischen Schiffen nach Triest ein.

König Ferdinand, u. mit ihm die bourbonische Dynastie, kehrte den 14. Juni nach N. zurück; Erster betrachtete diese Rückkehr als die Gründung einer neuen Dynastie u. befahl, daß von ihm als Ferdinand I., an, die Könige in besonderer Reihenfolge gezählt u. den Titel: König beider Sicilien fortführen sollten. Um sich auf seinem Throne sicher zu erhalten, nahm er 14,000 Österreicher in Sold, strebte aber, um sie entbehren zu können, nach einer neuen Organisation der neapolitanischen Armee. Milder als früher, verkündete Ferdinand I. Vergeben u. Vergessen, ließ fast alle Angestellte in ihren Posten u. behielt auch die alten Einrichtungen größtentheils bei. Mit Jubel wurde er daher aufgenommen. Bald aber bemerkte das Volk, daß man gerade das Verhaßteste, die Abgaben u. mancherlei unbehagliche Einrichtungen der Franzosen, beibehielt, u. dagegen andere Dinge, deren Änderungen durch die Franzosen dem Volke willkommen gewesen waren, auf den alten Stand zurückführte. Als daher nach wenigen Monaten Viele die Franzosen zurückwünschten, unternahm Murat eine Expedition gegen N., stieg am 8. Oct. mit 30 M. zu Pizzo in Calabrien ans Land, wurde aber an der Küste von Soldaten u. Einwohnern ergriffen u. kriegsrechtlich am 15. Octbr. in Pizzo erschossen. Die neapolitanische Regierung begriff wohl, daß der Zustand N-s, wie er jetzt war, nicht fortbestehen könne; sie arbeitete daher ernstlich an Reformen, der Minister Tomma mit Medici bereitete, laut des organischen Gesetzes vom 12. Dec. 1816, neue Einrichtungen vor, führte u.a. Provinzial- u. Municipalräthe ein, konnte aber an eine repräsentative Verfassung nicht denken, da ein 1815 mit Österreich geschlossener geheimer Vertrag N. ausdrücklich verpflichtete, eine solche, ohne Österreichs Zustimmung, nicht einzuführen. Außerdem mehrte die von Medici eingeführte Erhöhung der Grundsteuer (welche 35 Procent des reinen Ertrags betrug) u. die durch das Concordat bedingte Wiedererrichtung von 42 Klöstern die Unzufriedenheit. Auch die Verschmelzung der neapolitanischen Armee mit der dem König nach Sicilien gefolgten, gab, da letztere belohnt, erstere nur geduldet wurde, Anlaß zu vielen Klagen. Dazu war die Conscription abgeschafft u. die Ergänzung eines Heeres von 60,000 Mann daher sehr schwierig. 1817 änderte Graf Nugent, Oberbefehlshaber des neapolitanischen Heeres u. Kriegsminister, die bisherige französische Organisation in österreichische Formen um u. beleidigte hierdurch die Offiziere. Die Unzufriedenen flüchteten sich in die geheime Gesellschaft der Carbonari, welche schon zu Murats Zeiten bestand. Bald zählte diese Gesellschaft über eine halbe Million Mitglieder, u. der Widerstand der Polizei, welche ihnen die Calderari (Kesselmacher) unter dem Protectorat des Prinzen von Canosa entgegensetzte, verstärkte sie. Durch das Gelingen der Spanischen Revolution gewann sie noch mehr Muth, u. von ihr aus gingen die Bewegungen, durch welche die Neapolitanische Revolution ihren Anfang nahm. Am 2. Juli 1820 rückte der Lieutenant Morelli mit seiner Schwadron u. dem Priester Minichini, an der Spitze von 20 Nationalgarden, von Nola aus über Monteforte nach Avellino u. verkündete dort die Constitution. Hier vereinigten sich die Verschworenen mit Lorenzo de Conciliis, Chef des Generalstabs der dritten Militärdivision, welcher ihnen Truppen u. Milizen zuführte. Mehre Städte, so Salerno, erklärten sich für die Empörer, auch ein Corps unter General Carrascosa weigerte sich, gegen dieselben zu fechten. Am 5. Juli führte General Wilhelm Pepe von N. aus ein Dragonerregiment zu den Insurgenten, u. am 6. sandte das Regiment, welches das königliche Schloß bewachte, sowie die Bürgergarde in N. Abgeordnete an den König, welche denselben aufforderten, dem Volkswünsche nach einer Constitution nachzugeben. Der König erließ auch eine Proclamation, worin er versprach, binnen acht Tagen die Grundlagen einer Verfassung zu geben, allein die Aufständischen waren mit dieser Erklärung nicht zufrieden u. forderten binnen 24 Stunden die Annahme der Constitution der spanischen Cortes von 1812. Ferdinand I. setzte nun den Kronprinzen Franz als alter ego (Mitregenten) mit unumschränkter Entscheidungsvollmacht ein; dieser nahm die spanische Constitution an, u. am 7. Juli bestätigte der König diesen Ausspruch. Eine provisorische Junta wurde ernannt, zu welcher der Generallieutenant Florestan Pepe u. David Winspeare gehörten. Am 9. wurde ein neues Ministerium ernannt, in welchem Graf Zurlo das Innere u. General Carrascosa das Departement des Kriegs erhielten; Wilh. Pepe wurde Oberbefehlshaber der Insurgentenarmee, u. am 13. Juli beschworen der König, der Kronprinz u. der Prinz Leopold, Herzog von Salerno, die Constitution u. nahmen den Mitgliedern der Junta den Eid ab. Die Censur ward nun in N. aufgehoben, das Parlament auf den 1. Octbr. berufen u. dem Heere die alte Verfassung, wie unter Murat, gegeben. Die in dem Neapolitanischen enclavirten päpstlichen Districte Benevent u. Ponte Corvo hatten ebenfalls die Constitution am 4. angenommen u. verlangten vom Prinzen von Calabrien völlige Aufnahme in den Neapolitanischen Staatsverein, als ihnen aber diese Bitte abgeschlagen wurde, indem dies N. in Collision mit dem Papst gebracht haben würde, verwandelten sie sich in einen Freistaat. Als die Nachricht von diesen Ereignissen nach Sicilien kam,[744] brach am 16. u. 17. Juli auch ein Aufstand in Palermo aus; der Franciscaner Joachim de Voglica stellte sich an die Spitze, die neapolitanischen Truppen wurden geschlagen u. 6000 Neapolitaner gefangen u. viele gemordet; zugleich forderte eine Junta in Palermo ein eigenes Parlament. Darauf wurde von N. aus der Fürst la Scatella zum Statthalter ernannt, Flor. Pepe landete am 2. Sept. mit einem Corps auf Sicilien, schlug die Palermitaner mehrmals u. nahm am 5. Octbr. Palermo durch die Vermittelung des von den Insurgenten zum Befehlshaber ernannten Fürsten von Paterno durch Capitulation, der zu Folge die Frage wegen des sicilianischen Parlaments durch Stimmenmehrheit der Sicilianer entschieden werden sollte. Das neapolitanische Parlament verwarf jedoch diese Capitulation, rief Pepe ab u. sendete den General Coletta mit 5000 Calabresen nach Palermo, welcher die Einwohner entwaffnete u. ihnen eine Contribution von 300,000 Thalern auflegte.

Das neapolitanische Parlament war nämlich am 1. Octbr. vom König eröffnet worden. Es bestand unter Galdis Vorsitz aus 97 Abgeordneten (74 von N., 23 von Sicilien) u. 32 Ersatzmännern. Bald zeigten sich aber in ihm politische Spaltungen, bes. von den Carbonari u. Calderari veranlaßt. Vergebens riethen einzelne Deputirten, die französische od. eine der deutschen Constitutionen anzunehmen, man beharrte bei der spanischen. Zu der alten Finanzverlegenheit zeigte sich dazu ein neues Deficit von 700,000 Ducati, u. dennoch setzte das Parlament, um sich beliebt zu machen, die Grundsteuer um 1/6 herab. Der Congreß in Troppau zwischen Österreich, Rnßland u. Preußen erklärte Ende October, daß eine bewaffnete Einmischung anderer Staaten in die inneren Angelegenheiten eines andern europäischen Landes, um den Besitzstand der legitimen Monarchie u. das monarchische Princip aufrecht zu erhalten, erlaubt sei; zugleich wurde der König von N. zum Congreß in Laibach, der Fortsetzung jenes zu Troppau, eingeladen. Dies, die Rüstung eines österreichischen Heeres in Oberitalien u. die Erscheinung eines englischen u. französischen Geschwaders vor N., um die königliche Familie im Fall der Noth wegzuführen, erzeugte eine große Aufregung in N. Eine königliche Botschaft, den Rath Frankreichs zur Annahme des Zweikammersystems u. mehrer, den königlichen Prärogativen günstigerer Abänderungen in der Tonstitution betreffend, wurde verworfen, die am 7. Decbr. gemachte Anzeige, daß der König der Einladung zum Congresse nach Laibach folgen werde u. in seiner Abwesenheit keine Änderung in der Constitution gemacht sehen wolle, steigerte noch die üble Stimmung. Vor der Abreise änderte der König auch das Ministerium u. nachdem er den Kronprinzen zum Regenten des Reichs ernannt hatte, schiffte er sich am 13. Dec. ein u. ging nach Laibach, wo er am 8. Jan. 1821 ankam. Dort faßte der Congreß am 5. Febr. den Entschluß, Nichts von dem anzuerkennen, was seit dem 5. Juli 1820 in N. geschehen wäre. Österreich drang auf Erfüllung des geheimen Vertrags, welcher N. an der Einführung des repräsentativen Systems hinderte; der constitutionelle Minister, Herzog von S. Gallo, wurde bei den Unterhandlungen nicht zugelassen u. ihm am 30. Jan. eröffnet, daß in N. die königliche Gewalt wieder herzustellen sei, wie sie vor dem 5. Juli 1820 gewesen wäre, u. daß, um dies zu können, dem König ein österreichisches Heer überlassen werden solle. In N. hatte unterdessen der Regent den 18. den constitutionellen Eid geleistet; das Parlament hatte die Majorate u. das Feudalwesen in Sicilien anfgehoben u. die Hazardspiele verboten, in andern Sachen aber zeigte es sich excentrisch u. parteiisch. Ende Januar gab der Regent dem Constitutionsentwurf seine Zustimmung, worauf am 30. Jan. das Verfassungsgesetz förmlich bekannt gemacht wurde. Am 31. wurde das Parlament geschlossen. Als bald darauf der Beschluß des Laibacher Congresses vom 5. Febr. in N. bekannt gemacht u. dem permanenten Ausschuß officiell mitgetheilt wurde, erklärte der Regent, daß er sich von der Sache der Nation nicht trennen werde. Am 13. Febr. wurde das wieder zusammenberufene Parlament eröffnet u. ihm die Congreßbeschlüsse mitgetheilt; das Parlament erklärte, daß es den Beschlüssen des Congresses nicht unterworfen sei, den Willen des Königs nicht als frei betrachte u. jenen daher auch nicht nachkommen werde. Zugleich wurde beschlossen, das Parlament im Nothfall nach Salerno zu verlegen, u. alle Anstalten zur Gegenwehr gegen die österreichische Executionsarmee wurden nun getroffen.

Die neapolitanische Armee belief sich auf 32,000 M. Linientruppen, 219,000 mobile, 400,000 stehende Nationalgarden u. 10,000 Gensd'armen u. Küstenwächter. Der Geist dieser Armee war jedoch schlecht, die Nationalgarden fast nicht zu gebrauchen. Bereits früher waren die Linientruppen u. 50–60,000 Nationalgarden in drei Armeecorps, unter General Ambrasso auf der Straße von Neri, unter General Carrascosa bei dem Passo von S. Germano u. unter General Wilhelm Pepe in den Abruzzen aufgestellt worden; eine Flotte sollte die Zufuhr der Österreicher zur See erschweren. Die Österreicherunter Frimont gingen indessen über den Po u. rückten, sich bei Bologna in zwei Colonnen theilend (die rechte unter Stutterheim durch Toscana u. den Kirchenstaat, die linke unter Wallmoden durch die Legationen u. die Marken), gegen N. vor; eine kleine österreichische Flotille sollte von Ancona aus letztere Colonne cottoyiren. Eine Proclamation Ferdinands I., vom 23. Febr., langte mit den Österreichern gleichzeitig auf neapolitanischem Gebiet an; sie verkündete, daß man die Österreicher gut aufnehmen u. sich mit ihnen vereinigen solle. Die Neapolitaner selbst eröffneten den Krieg; W. Pepe fiel den 21. Febr. in den Kirchenstaat ein, besetzte Rieti u. drang bis Terni vor; als aber 2500 Mann österreichischer Reiterei sich zeigten, ergriff er die Flucht. Frimont verbreitete von Foligno aus den Aufruf des Königs u. erklärte, daß er als Freund komme u. nur da, wo er Widerstand finde, Kriegssteuern auflegen werde. Die Erklärung löste die lockeren Bande, welche die Miliz vereinigte, vollends auf u. ganze Bataillone liefen bei W. Pepes Corps aus einander. Noch einmal versuchte Pepe das Glück u. griff am 7. März den österreichischen Vortrab unter General Geppert mit 10,000 M. bei Rieti an, wurde aber geschlagen u. sein Corps floh in die Gebirge, die Österreicher aber rückten mit den Fliehenden zugleich in Civita ducale ein. An demselben Tage wurde ein anderes, von Leonessa aus vordringendes neapolitan. Corps von 3000 M. geschlagen. Von Stellung zu Stellung trieben nun die Österreicher die flüchtige Armee in den Abruzzen vor sich her; auch das Corps Carrascosa's, bes. die Milizen, lösten sich auf. Von Capua aus eilte der [745] Regent nach N., u. hier ersuchte ihn das rathlose Parlament um Vermittlung. Er sandte einen Adjutanten nach Florenz, erhielt jedoch ausweichende Antwort, u. die Österreicher drangen fortwährend vor. In Folge hiervon vollendete sich die Auflösung von Carrascosas Corps, die Milizen gingen nach Hause u. die Linientruppen marschirten mit den Österreichern; nur die königliche Garde blieb bei Carrascosa u. schloß in Capua Waffenstillstand mit den Österreichern. Die Carbonari beabsichtigten noch immer einen Gebirgskrieg; die Capitulationen von Neapel, Pescara u. Gaeta am 23. lösten aber auch die letzten Banden der Revolution auf. Die große Vendita der Carbonari löste sich auf, W. Pepe u. die übrigen Häupter der Carbonari erhielten Pässe ins Ausland; am 24. März löste sich auch das Parlament auf, u. die Österreicher zogen in N. ein. Der König hatte bereits den 10. März von Florenz aus eine provisorische Regierung ernannt, welche die alte Ordnung wieder herstellte u. die Constitutionellen gerichtlich verfolgte, Erst am 10. Mai kehrte er selbst nach N. zurück. Österreichische mobile Colonnen reinigten nun die Provinzen, wo Morelli, Minichini u. de Conciliis den Guerillakrieg fortzusetzen strebten, u. entwaffneten das Volk, auch wurde den 1. Juni Sicilien besetzt. Benevent u. Ponte Corvo unterwarfen sich dem Papst. Nur in Sicilien erhob General Rossarol einen neuen Aufstand, indem er Messina zur Republik erklärte, doch unterwarfen sich die aufgewiegelten Truppen dem König wieder u. Rossarol floh nach Spanien. Am 10. Sept. 1822 wurden von 43 verhafteten Revolutionärs 30 zum Tode verurtheilt, jedoch ließ der König das Urtheil nur an Morelli u. Silvati vollziehen. Von der am 28. Sept. 1822 ausgesprochenen Amnestie waren blos W. Pepe, Minichini, de Conciliis, Carrascosa, Rossarol u. noch sechs Andere ausgenommen.

Eine Staatsjunta gab nun eine neue Verfassung, welche zwei Staatsversammlungen, eine von 30 Mitgliedern für N., eine andere von 18 Mitgliedern für Sicilien bestimmt, einsetzte; doch waren die Mitglieder besoldete Staatsdiener. Sie sollten sich mit Gutachten über Gesetzvorschläge, Abgaben, Verwaltung u. Tilgung der Schulden etc. beschäftigen, u. waren daher mehr als Regierungen, denn als ständische Versammlungen zu betrachten. Beschränkungen hinsichtlich der Unterrichtsanstalten u. der Sittenzucht traten ein, die Jesuiten wurden wieder eingeführt, die alte Armee aufgelöst u. alle Offiziere entlassen, die neue aber gleich darauf zu organisiren begonnen u. die Offiziere, erst nachdem ihr Betragen durch zwei strenge Reinigungsjunten untersucht worden war, wieder angestellt. Dem Nothstande der Finanzen (die Revolution hatte N. 10 Millionen Ducati gekostet) half Rothschild dadurch ab, daß er am 7. Mai 1821 eine Rente von 800,000 Ducati auf das Große Buch von N. zu 60 Procent, mit einer Provision von 3 Procent auf das nominelle Capital, kaufte. Mit Österreich wurde den 8. Oct. 1821 eine Convention abgeschlossen, wonach es 57,000 Mann in N. u. Sicilien zur Besatzung lassen sollte, welche von N. unterhalten werden mußten. Wenn 6000 M. neuerrichteter neapolitanischer Truppen in Sicilien, angelangt sein würden, sollte diese Insel von den Österreichern geräumt u. das österreichische Heer auf 30,000, später auf 25,000 Mann vermindert werden. Ungeachtet dieser österreichischen Besatzung war das Land nicht ruhig, bes. in Sicilien gährte es sehr, obschon 12,000 M. unter Wallmoden dort standen; ein Aufstand zu Palermo wurde noch die Nacht vor dem Ausbruch verrathen. In N. waren bes. die Räuber furchtbar u. wurden durch das Verfolgungssystem des Ministers des Innern noch mehr, verstärkt, indem derselbe sie als Polizeibeamte brauchte. Die Regierung hatte bei ihrem furchtbaren Walten im Jahre 1822 bes. zweierlei im Auge, einmal die Bestrafung für die beendigte Revolution, dann die Verhütung von Verschwörungen, welche letztere auch manchmal nur imaginär waren. Auf den Rath Österreichs änderte der König sein Ministerium u. setzte Medici u. andere Gemäßigte wieder ein; auch bewirkte er 1823 in Wien, obgleich noch keineswegs die tractatenmäßige Reorganisirung der neapolitanischen Armee geschehen war, den Abmarsch von 17,000 M. Österreicher, u. nur 40,000 blieben in N.; 1824 fand abermals eine Verringerung von etwa 5000 M. statt.

Am 4. Januar 1825 starb Ferdinand I. u. sein ältester Sohn folgte ihm als Franz I. Wiederum bewirkte der neue König durch Convention vom 28. Mai 1825 eine Verminderung der Occupationsarmee um 12,000 M., über die zurückbleibenden 23,000 Mann erhielt Feldmarschalllieutenant Lederer das Commando. 1826 verließen die letzten österreichischen Truppen Sicilien u. 1827 ganz N.; sie blieben jedoch am Po stehen, um im Nothfall wieder umzukehren, denn noch immer war N. in einem gereizten Zustande, u. oft kamen Versuche zu Revolten vor. Zwar gab der König die Jagdplätze seines Vaters (auf 10 Mill. Ducati geschätzt) dem Ackerbau durch Veräußerung derselben wieder etc., aber immer noch hob dies die Nahrungslosigkeit nicht. Am kläglichsten stand es mit den Finanzen. Zwar wurden die größten Einschränkungen im Hof- u. Staatshaushalt gemacht u. 10 Procent Abzug von allen Besoldungen u. Pensionen bezogen, u. 1824 machte Rothschild eine Anleihe von 24 Millionen Ducati, wogegen die Zölle zum Pfand eingesetzt wurden. Von 1821–1828 waren die Staatsschulden von 1,420,000 auf 5,198,500 Ducati gestiegen. Geldmangel hinderte auch die Ausrüstung einer achtunggebietenden Flotte gegen die afrikanischen Raubstaaten; nur 1828 lief eine Seeexpedition gegen den Dey von Tripolis aus u. bombardirte Tripolis, jedoch kam der Friede bald durch die Vermittlung des französischen Consuls zu Stande, u. N. fuhr diesem Vertrage gemäß dennoch fort, Tribut an den Dey zu zahlen. 1828 brach in Salerno ein Aufstand aus, welcher aber unterdrückt u. die Theilnehmer daran schwer gestraft wurden. Der Finanzminister Medici, unter welchem sich die Finanzen etwas zu bessern anfingen, starb 1830 aufder Reise nach Spanien, wohin er die Prinzessin Christine, welche dem König Ferdinand VII. zur Gemahlin bestimmt war, begleiten sollte. Am 8. Nov. d.i. starb auch der König Franz I.

Ihm folgte sein Sohn Ferdinand II.; von ihm erwartete man bei seiner Thronbesteigung eine freisinnigere Verfassung, doch erklärte er alsbald, er halte die Zeit nicht für günstig, die Verfassung zu ändern. Seine streng legitimistischen Grundsätze mußten sich bei der Julirevolution in Frankreich nach den Umständen fügen, u. er erkannte den König der Franzosen Louis Philipp, welcher eine seiner Tanten zur Gemahlin hatte, nur ungern an, doch gingen von den bourbonischen Höfen u. N. mancherlei[746] Machinationen gegen Louis Philipp u. besondere Begünstigungen der Herzogin von Berry, Ferdinands II. älteren Schwester, bei ihrem abenteuerlichen Zuge durch Südfrankreich aus. Als 1822 in Spanien die Aufhebung der ausschließlich männlichen Erbfolge durch die Königin Christine, seine Schwester, bewirkt wurde, war er für die Sache des Don Carlos u. rief seinen Gesandten von Madrid ab. Im Allgemeinen wurde das Land unter ihm ruhiger als vorher; das materielle Wohl suchte er dadurch zu heben, daß er den Abgabendruck erleichterte, auf 270,000 Ducati von seinem Einkommen verzichtete u. beim Staatshaushalt Einschränkungen machte, auch vermehrte er die Handelsmarine, führte gleiches Maß u. Gewicht im Lande ein u. steuerte der Bettelei durch Einrichtung von Zwangsarbeitshäusern; die geheimen Verbindungen aber konnten nicht ganz unterdrückt werden, u. die Begünstigung der Jesuiten erregte oft Unzufriedenheit, selbst von Seiten des katholischen Clerus. Zum offenen Aufstand kam es aber durch Hungersnoth u. Cholera während der Jahre 1836–37 in Sicilien. Der König ließ, obgleich er den Titel eines Königs beider Sicilien fortführte, Sicilien am 10. Nov. 1837 zur neapolitanischen Provinz erklären, u. so kam eine Centralverwaltung u. ein Gesammtministerium für das ganze Königreich zu Stande, was den Geschäftsgang sehr erleichterte u. die Kosten der doppelten Verwaltung verminderte. 1838 beunruhigten Räuberbanden die Insel Sicilien, das Kriegsgesetz mußte gegen sie proclamirt werden, u. erst 1839 gelang ihre völlige Unterdrückung. Am 2. Jan. 1840 stellte der König den Malteserorden wieder her, gerieth aber wegen des Schwefelmonopols, welches er 1816 den Briten, 1838 aber einer französischen Gesellschaft verpachtet hatte, mit Großbritannien in Streit, u. es kam so weit, daß eine britische Escadre den Golf von Neapel blockirte u. Embargo auf alle Schiffe unter neapolitanischer Flagge legte. Der König wollte Gewalt mit Gewalt vertreiben, ließ seine Truppen zusammen ziehen u. seine Castelle verproviantiren, als aber die Sache ernster wurde u. der Verlust Siciliens sich in mögliche Aussicht stellte, nahm er am 26. April 1840 französische Vermittlung an u. zahlte den Briten 11/4 Mill. Ducati u. der französischen Compagnie 1 Mill. 1841 wurde eine neue Verschwörung des Jungen Italien entdeckt. 1842 schaffte der König die Feudalabgaben in Sicilien ab, ließ seit October d.i. Syracus in eine starke Festung verwandeln u. schloß einen günstigen Handelsvertrag mit England. 1842 fanden Differenzen mit Belgien u. Holland statt, welche Staaten bei einer Insolvenz der Banca dei Tavolini di Puglia für ihre Unterthanen von der Regierung Entschädigung verlangten, was die neapolitanische Regierung zurückwies, jedoch wurden diese Differenzen bald ausgeglichen.

Während 1843 u. 1844 wurde das Land von zahlreichen Räuberbanden in Schrecken gesetzt u. bes. die Provinz Calabrien von Ruhestörungen heimgesucht. Am 15. März 1844 brach ein Aufstand in Cosenza aus, wobei es zum Kampf zwischen den Aufständischen u. den königlichen Truppen kam, welcher aber durch energisches militärisches Einschreiten schnell beendigt wurde. 1845 hatte eine große Anzahl verfolgter Flüchtlinge sich im Silawalde mit zahlreichem Gesindel zu Räuberbanden organisirt, deren Verfolgung u. Aufhebung sich weit in das Jahr 1846 hineinzog. Als mit der Erhebung Pius' IX. auf den Päpstlichen Stuhl in der italienischen Bevölkerung Tausende von Wünschen u. Hoffnungen laut wurden, herrschte in dem Königreiche beider Sicilien in politischer Beziehung Anfangs vollkommene Ruhe, aber schon zu Anfang des Jahres 1847 begann sich's auch hier gewaltig zu regen, u. wenn bes. in N. selbst die öffentliche Stimmung vor der Hand nur gegen einzelne unbeliebte Persönlichkeiten, so namentlich gegen den Polizeiminister del Caretto, sich aussprach, kam es doch schon im Sommer in Calabrien u. auf Sicilien zu offenen Aufständen. Auf Sicilien wurde Messina der Schauplatz eines, jedoch bald wieder unterdrückten Aufstandes; weit gefahrdrohender war der Aufstand in Calabrien, welcher von Domenico u. Giovanni Andrea Romeo organisirt u. geleitet wurde u. eine allgemeine Revolution vorbereiten sollte; begleitet von mehreren hundert Gleichgesinnten rückte Domenico Romeo am 31. Ang. 1847 in Reggio ein. Die schwache Garnison der Stadt, welche sich gleich beim Erscheinen der Insurgenten in die Citadelle zurückgezogen hatte, capitulirte Tags darauf, eine provisorische Regierung wurde eingesetzt u. auf der Citadelle die päpstliche Fahne aufgepflanzt. Allein schon Anfangs Sept. wurden Truppen auf Kriegsdampfbooten unter dem Grafen von Aquila entsendet, welche den Aufstand niederwarfen, worauf die Revolutionsführer u. die compromittirten Bewohner der Stadt mit anderen Mißvergnügten u. Räuberbanden das Land weiter zu revolutioniren suchten u. noch eine längere Zeit einen blutigen Guerillakrieg fortsetzten, endlich aber meist aufgegriffen u. auf die Galeeren geschickt od. hingerichtet wurden. Dessenungeachtet kam die Regierung nicht zu einem erwünschten Ziele, vielmehr wurde seitdem die Unzufriedenheit noch größer u. theilte sich um so schneller allen Schichten der Gesellschaft mit, je raschere Erfolge die Erhebung Italiens zu Tage brachte, bes. in Rom die Gewährung u. Eröffnung der Staatsconsulta im Herbste 1847. Wie große Theilnahmlosigkeit u. Gleichgültigkeit daher die Masse des Volkes in N. u. Sicilien bisher für Politik u. Staatsverwaltung gezeigt hatte, so groß wurde jetzt das Interesse, welches jeder Einzelne im Staate an solchen Dingen nahm, u. die Leidenschaftlichkeit, mit welcher in liberalen Kreisen darauf hingearbeitet wurde, auch dem Königreiche beider Sicilien die Reformen der Nachbarstaaten zu verschaffen. Gegen Ende des Jahres 1847 kam es aber in N. u. Sicilien noch öfter zu unruhigen Auftritten, die einen um so ernsteren Charakter annahmen, je fester die Regierung an ihrem alten Systeme festhielt u. je offenkundiger allgemein unbeliebte Persöulichkeiten, wie der Polizeiminister del Caretto u. der vertraute Rathgeber des Königs, der Jesuit Cocle, nach wie vor ihren Einfluß geltend zu machen wußten.

Anfang Januar 1848 wurden in u. um N. große Massen Militär zusammengezogen, die Gefängnisse füllten sich von Tag zu Tag immer mehr u. eine nicht geringe Anzahl bisher geachteter Beamten wurden abgesetzt. Deshalb u. weil die erwarteten Reformen nicht gewährt wurden, schritt Sicilien in offener Revolution dem übrigen Königreiche voran. Als am Morgen des 12. Jan. Kanonendonner vom Castell zu Palermo den Namenstag des Königs verkündigte, erhob sich Palermo zum Kampfe, so daß sich der Statthalter, Herzog San Pietro de Maja, in seinen Palast, die königlichen [747] Truppen in die Citadelle zurückziehen mußten, während noch an demselben Tage von den Palermitanern ein Dampfboot mit dem Befehle entsendet wurde, die Insel zu umsegeln, um alle Küstenstädte zur Theilnahme am Freiheitskampfe aufzufordern. Schon am 13. Jan. begann die Besatzung von Castellamare ein heftiges Bombardement auf Palermo; das Volk dagegen organisirte die Revolution u. wählte am 11. Jan. Ausschüsse, von denen der erste die Sorge für die Lebensmittel, der andere die für den Kriegsbedarf, der dritte die für die nöthigen Geldmittel u. der vierte die Leitung der Revolution selbst hatte. Am 16. Jan. kam ein Geschwader mit Truppen unter General Sauget aus N. an, um Palermo wieder zu unterwerfen. Die Ausschüsse hatten unterdeß ihr Programm festgestellt, auf dessen Grund Palermo die Waffen niederlegen werde. Die Hauptbedingungen desselben waren: Gewährung der Constitution von 1812, Trennung Siciliens u. N-s in den Verwaltungsverhältnissen, Ernennung eines Vicekönigs aus dem königlichen Hause, Municipalverfassung. Prinz Aquila, des Königs Bruder, welcher in Verbindung mit dem General Sauget mit den Palermitanern unterhandelte, wagte nicht auf diese Bedingungen einzugehen, erstattete dem Könige Bericht u. warf inzwischen einen Theil der gelandeten Truppen in die Citadelle, von welcher die Stadt bombardirt wurde, bis der Capitän eines englischen Kriegsschiffes hiergegen Protest einlegte. In den Gefechten gegen die noch in den Vorstädten der Stadt befindlichen Truppen blieb das Volk fortwährend Sieger, daher es nun um so hartnäckiger auf seinen Forderungen beharrte, zumal da in gleicher Weise unterdeß sich fast die ganze Insel erhoben hatte u. häufig Adressen u. Deputationen in Palermo anlangten, welche die Palermitaner zu dem entschiedensten Widerstande noch mehr ermuthigten. Solche Vorgänge, verbunden mit denen in der Hauptstadt N. selbst, wo auf die Nachricht von der sicilianischen Revolution von Stunde zu Stunde die allgemeine Stimmung gefahrdrohender wurde u. trotz polizeilicher Strenge in revolutionären Maueranschlägen zu gleichem Verfahren aufgefordert ward, stimmten endlich den König zur Nachgiebigkeit, u. bereits am 19. Jan. erschien ein königliches Decret, wodurch die Befugniß der neapolitanischen u. palermitanischen Consulta erweitert, die Verwaltung Siciliens durch eingeborne Beamtete gewährt, die Presse freigegeben u. der Graf von Aquila zum Statthalter von Sicilien mit einem eigenen Ministerium ernannt wurde. Aber schon kam diese Nachgiebigkeit zu spät; die Palermitaner setzten den Kampf gegen die königlichen Truppen fort u. wurden, während unterdeß der vierte der obenerwähnten Ausschüsse sich provisorisch an die Spitze der Regierung stellte, so vom Glück begünstigt, daß bereits am 25. Jan. die königlichen Truppen aus den Vorstädten in die Umgegend der Stadt zersprengt u. nur noch auf die Citadelle beschränkt waren u. Sauget sich auf der Rhede von Solanta einschiffen mußte, um die Insel wieder zu verlassen. Da nun gleichzeitig die Kämpfe des Volkes auf anderen Punkten der Insel nicht minder günstigen Erfolg hatten, so daß im Ganzen nur noch die Citadellen von Palermo, Messina u. Syracus sich in den Händen der Truppen befanden, war Ende Januar die ganze Insel Sicilien frei. Gleichzeitig kam es auch zu einer Entscheidung auf dem Festlande, wo sich die Bewegung unterdeß von N. auch nach den Provinzen fortgepflanzt hatte. Ebenso wenig als das königliche Reformdecret vom 19. Jan. die Aufregung unter der Bevölkerung der Hauptstadt zu beschwichtigen vermocht hatte, ebenso wenig hatte dies ein am 24. Jan. erlassenes Amnestiedecret vermocht, da dasselbe zu viele Ausnahmen enthielt. Am 27. Jan. reichte das Ministerium seine Dimission ein, worauf der König zur Bildung eines liberalen Cabinets schritt, welches ihm ernstlich zu Ertheilung einer Constitution rieth. Am 29. Jan. ward auch mittels Decrets eine Constitution ertheilt, deren Grundlagen in folgenden Punkten beruhten: zwei Kammern, die Pairskammer vom König ernannt, die Abgeordnetenkammer nach Census gewählt, keine Religion außer der katholischen, der König als Oberbefehlshaber über die Land- u. Seemacht, seine Person heilig, die Minister verantwortlich; das Militär vom König abhängig, Errichtung einer Nationalgarde, Einführung der Preßfreiheit. Diese königliche Botschaft brachte große Freude unter das Volk, zumal da noch an demselben Tage der König, mit der dreifarbigen Cocarde geschmückt, Revue über die Truppen hielt. Anders wurde diese königliche Botschaft in Palermo aufgenommen, wo sie erst am 5. Febr. eintraf. Schon am 2. Febr. hatte sich hier das Generalcomité als provisorische Regierung unter dem Vorsitz Ruggiero Settimo's constituirt, u. diese wies die königliche Verfassung zurück, während sie gleichzeitig an den königlichen Commandanten von Castellamare die Forderung stellte, das Castell zu übergeben u. mit den Truppen abzuziehen. Der Commandant mußte endlich auf diese Forderung eingehen, wornach auf die Dauer von 10 Tagen ein Waffenstillstand abgeschlossen u. weitere Unterhandlungen angeknüpft, gleichzeitig aber auch von der provisorischen Regierung an die Ausschußpräsidenten aller sicilischen Städte eine Botschaft erlassen wurde, worin diese insgesammt zu Ende des Monats März nach Palermo zu weiterer Beschlußnahme eingeladen wurden. Zu einem glücklichen Endresultate aber konnten diese Unterhandlungen zwischen Sicilien u. N. um so weniger führen, da ersteres an seiner Grundbedingung, Aufstellung eines eigenen Parlaments auf Grund der Verfassung von 1812, unweigerlich festhielt. In N. kam es inzwischen mehrmals zu Lazzaronibewegungen für die Regierung, u. am 3. April erfolgte ein Wechsel des Ministeriums in Folge der Erhebung der Lombardei am 23. März, bei deren Bekanntwerdung in N. der König durch eine neue Volksbewegung genöthigt wurde, Truppen u. Freiwillige u. sogar eine Flotte dahin abzuschicken (s.u. Lombardisch-Venetianisches Königreich, Gesch.). Indeß war diese gezwungene Theilnahme an dem Kampfe Italiens gegen Österreich nicht die einzige neue Verlegenheit, in welche sich König Ferdinand versetzt sah; an die Übernahme der Portefeuilles knüpfte das neue Ministerium Troja auch die Bedingung, daß die Kammern constituirende wären u. das Recht hätten, die Verfassung zu verändern. Endlich folgte aber in Sicilien auch noch das Schlimmste, nämlich am 13. April beschloß das dortige Parlament: Ferdinand Bourbon u. seine Dynastie sind für immer des sicilischen Thrones verlustig, doch wird Sicilien unter constitutioneller Regierungsform einen italienischen Fürsten, auf den Thron berufen. Obgleich König Ferdinand unter dem 18. April gegen diesen Beschluß einen Protest einlegte, so blieb doch derselbe soweit unbeachtet,[748] daß Ruggiero Settimo zum Präsident des Königreichs Sicilien gewählt wurde. Niemand vermochte dieser Wirren Meister zu werden, u. wenn auch am 14. April abermals eine Veränderung des Ministeriums vorgenommen wurde, so war doch auch dieses weder im Stande, der Autorität des Königs eine neue Grundlage zu verschaffen, noch den Zuständen des Königreichs im Allgemeinen eine bessere Wendung zu geben. Unter solchen Verhältnissen wurde die Hauptstadt N. immer unruhiger, zumal da nach dem Abmarsch so vieler Truppen die unter sich uneinige Nationalgarde nicht im Stande war, die Ordnung aufrecht zu erhalten. In den Provinzen ging es sehr anarchisch zu; als ebén die Kammern zusammentraten, kam es am 15. Mai in N. zu einer furchtbaren Katastrophe, durch welche die gesammten Verhältnisse der Monarchie mit einem Male eine völlige Umgestaltung erhielten. Bereits am 14. Mai, als die Ernennung von 50 Pairs durch den König erfolgt war, erklärten die zu einer vorläufigen Sitzung versammelten Deputirten, indem sie sich dabei auf das Programm des Ministeriums Troja beriefen, daß sie den Constitutionsentwurf nur beschwören würden, wenn verschiedene Modificationen gemacht würden; bes. verlangten sie Aufhebung der Pairskammer, Sendung aller Truppen nach der Lombardei, Übergabe aller Forts an die Nationalgarde u. endlich Ausweisung aller angesessenen Deutschen aus dem Reiche. Dazu aber wollte sich der König nicht verstehen u. rief deshalb die schweizerischen u. neapolitanischen Truppen unter die Waffen. Am 16. Mai begann der Kampf zwischen Truppen u. Nationalgarde, in welchem erstere die Oberhand behielten. Von Stund an trat die Regierung mit großer Energie auf, die Deputirtenkammer wurde aufgelöst, die Nationalgarde entwaffnet u. die in Belagerungszustand erklärte Stadt gegen außen ganz abgeschlossen, um ihr jede Hülfe abzuschneiden, die Polizei trat in volle Thätigkeit, die Gefängnisse füllten sich, selbst mit Personen der höchsten Stände. Zugleich trat ein neues Ministerium mit Fürst Cariati an der Spitze in Activität, u. alsbald wurden die neapolitanischen Truppen aus der Lombardei zurückgerufen, (welchem Befehl nur der General Pepe mit seinem Corps nicht folgte). Unter dem 24. Mai erließ darauf der König eine Proclamation, worin er versprach, die Verfassung vom 10. Febr. in voller Kraft beizubehalten, doch wurde das Programm vom 3. April, insofern es die Verfassung änderte, für ungültig erklärt.

So gelang es also dem König, nachdem auch in den Provinzen, bes. Calabrien, der Aufstand durch die Truppen niedergeworfen war, seine Gewalt auf dem Festlande wieder herzustellen. Dagegen leistete Sicilien nach wie vor hartnäckigen Widerstand, bes. Messina, welches zwar von dem Fort aus Monate lang bombardirt wurde, aber dennoch nicht gezwungen werden konnte, sich den königlichen Truppen zu ergeben. Anfang Juli trat der Streit zwischen den beiden Theilen des Königreichs in ein neues Stadium. Bereits am 10. Juli faßte das sicilianische Parlament zu Palermo über die künftige Verfassung der Insel folgenden Beschluß: die Insel ist constitutionell monarchisch; der König kann mit der Regierung über die Insel keine andere verknüpfen; die Souveränetät beruht in der Gesammtheit der Inselbewohner, nicht in Klassen noch bei Einzelnen etc., u. erließ auf Grund dieses Beschlusses am 11. Juli ein Decret, wonach der Herzog von Genua, zweiter Sohn des Königs von Sardinien, auf den sicilischen Thron berufen wurde, auch erschien bereits am 15. Juli ein außerordentlicher sicilianischer Botschafter in Genua, um den sardinischen Hof von diesem Beschluß in Kenntniß zu setzen u. das Weitere darauf Bezug habende an Ort u. Stelle zu ordnen. Wenige Tage vorher, am 1. Juli, war in N. das Parlament eröffnet worden, aber von 78 Pairs waren nur 33, von 164 Deputirten nur 71 erschienen. Eben als diese Versammlung ihre Berathungen begann, lief die Nachricht von jenem sicilischen Parlamentsbeschluß ein, gegen welchen König Ferdinand, mit Bezugnahme auf die früheren Proteste vom 22. März u. 18. April, sofort eine neue Protestation erließ. Zu Gunsten des Königs war auch der unglückliche Ausgang des Sardinisch-österreichischen Kriegs für Sardinien, so daß König Victor Emanuel dem Plane der Sicilianer keine Berücksichtigung schenken konnte. Am 30. August ging eine neue Expedition gegen die Insel ab, deren nächstes Ziel Messina war. Am 4. Sept. landeten die Truppen in Spadafora u. begannen alsbald die Beschießung der Stadt, u. bereits am 7. Septbr. Nachmittags 5 Uhr unterwarf sich Messina, alle Kanonierboote der Sicilier wurden genommen, alle Forts, den Faro inbegriffen, besetzt u. die Stadt entwaffnet. Dagegen wurde die Regierung verhindert, die Offensive gegen Sicilien in der begonnenen Weise fortzusetzen, da gleichzeitig in der Hauptstadt N. neue Unruhen ausbrachen. Veranlassung dazu gab die am 5. Sept. erfolgende Vertagung der Kammern, eine Maßregel; die von den Kammern selbst ruhig hingenommen wurde, in der Stadt aber, bes. unter den untersten Volksschichten, große Unruhe hervorrief; es kam zum Handgemenge, worauf Polizei u. Truppen einschritten. Ähnliche Auftritte wiederholten sich auch die folgenden Tage. Unter solchen Umständen mußte die Waffenruhe dem König mehr als willkommen sein. Zudem machten die gleichzeitigen Stürme in dem übrigen Italien, namentlich die Flucht des Papstes auf neapolitanisches Gebiet nach Gaëta am 6. Nov. 1848, welchem später (am 22. Febr. 1849) auch der Großherzog von Toscana folgte, ein Sistiren des Kriegs nicht minder wünschenswerth. Daher wurde auch jetzt wieder unterhandelt, allein abermals ohne Erfolg. Vergebens verlangte der britische Gesandte William Temple für Sicilien die Verfassung von 1812, statt deren bewilligte der König unter dem 28. Febr. 1840 eine Amnestie u. eine neue Verfassung für Sicilien, bezeichnete aber auch dieselbe als sein Ultimatum. Diesem Decrete zufolge sollte der König in Sicilien durch einen Vicekönig repräsentirt werden, Sicilien sollte Minister für Justiz u. Gnaden, Inneres, Finanzen, öffentliche Arbeiten, Ackerbau u. Handel, geistliche Angelegenheiten, öffentlichen Unterricht u. Polizei erhalten, wogegen die Ministerien des Kriegs, der Marine u. des Auswärtigen für N. u. Sicilien gemeinschaftlich sein sollten. Die Minister, welche übrigens sämmtlich Sicilianer sein müßten, sollten verantwortlich sein. Alle Vermischung der Ämter zwischen Sicilien u. N. sollte aufhören u. das Budget getrennt sein, dagegen sollte Sicilien einen Theil der Schuld u. 500,000 Unzen für die außerordentlichen Ausgaben des Schatzes 1848 u. 1849 übernehmen. Das Parlament Siciliens ferner sollte bestehen aus einer Kammer der Pairs u. einer [749] Kammer der Gemeinen etc. Bereits am 9. März faßte die sicilianische Deputirtenkammer, trotz der neuen englischen u. französischen Vermittelungsversuche, den Beschluß, das königliche Ultimatum abzulehnen, worauf sofort ein Waffenaufgebot in Masse angeordnet wurde u. der Krieg von neuem begann. Gleichzeitig wurden am 14. März die neapolitanischen Kammern der Abgeordneten aufgelöst, weil sich in der Kammer unverkennbare Sympathien für die derzeitigen republikanischen Gewalthaber in Rom gezeigt hatten, u. zugleich nicht nur mehrere Abgeordnete, sondern auch viele andere weniger distinguirte Personen verhaftet. Die Anstrengungen, welche Sicilien für den Krieg gegen N. machte, waren ungeheuer, dem Massenaufgebot wurde überall willig Folge geleistet, zum Chef der Armee wurde der Pole Mieroslawski berufen. Der Kampf selbst begann in den letzten Tagen des März 1849 u. beschränkte sich anfänglich auf unbedeutendere Gefechte; zur ersten Entscheidung kam es vor Catania, welche Stadt General Filangieri nach großem Verlust am 7. April einnahm. Die nächste Folge davon war, daß Taormina, Aci Reale, Caltagirone, Augusta, Syracus, Noto nebst mehreren kleineren Ortschaften, also fast die ganze östliche Küste Siciliens den Neapolitanern in die Hände fielen, u. daß Palermo an einem weiteren glücklichen Erfolge verzweifelte. Nach Einlaufen der Nachrichten vom Fall jener Städte beschlossen die Kammern, in dieser kritischen Lage die Intervention des französischen Admirals Baudin anzurufen. Bereits am 20. April brachte ein französischer Dampfer die Nachricht nach N., daß Palermo u. somit Sicilen sich unterwerfe, nur um eine allgemeine Amnestie wurde gebeten. Am 23. April begab sich darauf eine Deputation Palermitaner in das neapolitanische Lager, um dem General Fürsten Satriano die unbedingte Unterwerfung der Stadt anzuzeigen, wogegen gleichzeitig der Chef der provisorischen Regierung zu Palermo, Ruggiero Settimo, nach Malta floh, Mieroslawski aber nach Marseille ging. Am 15. Mai hielt Fürst Satriano mit den Neapolitanern seinen Einzugin Palermo, u. an demselben Tag wurden hier als provisorische Ministerialdirectoren Gino Buongiardino für die Finanzen, Giaochimo Lumia für die Justiz, Ferd. Malrica für das Innere eingesetzt. Nach der Zeit verwendete König Ferdinand einen Theil seiner Truppen zur Restituirung der päpstlichen Herrschaft im Kirchenstaate, wobei dieselben mehrmals mit dem Garibaldischen Corps zusammenstießen, ohne jedoch bedeutende Resultate zu erringen. In der Verwaltung des Landes begann von der Pacification Siciliens eine vollständige Rückkehr zu dem früheren Systeme; zugleich trat ein sehr ernstes Ahndungsverfahren gegen diejenigen ein, welche sich an der Revolution wesentlich betheiligt hatten, so namentlich gegen die Deputirten der im Frühjahre 1849 aufgelösten Kammer, welche sich gegen die Mitte des Jahres fast alle auf flüchtigem Fuß od. in Hast befanden. Auf die Kunde von einer Verschwörung, deren Zweck gewesen sei, im Vereine mit den römischen Liberalen die weltliche Herrschaft des Papstes zu zerstören u. diesen selbst in Gaëta auf die Seite zu schaffen, wurden im Aug. 1849 zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Im Zusammenhangehiermit stand auch ein am 7. Aug. 1849 eintretender Ministerwechsel; Präsident des Ministerraths u. zugleich Ministerstaatssecretär der Finanzen wurde Giustino Fortunato, der schon unter Murat mit der Führung der innern u. äußern Angelegenheiten betraut gewesen war u. seit 1830 fortwährend für Einführung von Verbesserungen gewirkt hatte. In Bezug auf die sicilischen Angelegenheiten erließ nun zwar der britische Gesandte zu N., Temple, an den neapolitanischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten unter dem 16. Sept. 1849 eine Note, in welcher eine Amnestie, sowie die Aufrechthaltung der Verfassung von 1812 für Sicilien abermals verlangt wurde, wobei er sich auf die im Manifeste vom 28. Febr. 1849 zugesagten Zugeständnisse bezog, darauf aber gab der Minister zur Antwort: die Sicilianer hätten die ihnen in jenem Manifeste gemachten Zugeständnisse durch die Erneuerung des Aufstandes verwirkt; dessenungeachtet sei der König geneigt, passende, von den Einwohnern gewünschte Verwaltungsformen aus freiem Willen einzuführen. Nachdem in N. seit längerer Zeit für die Beseitigung der Constitution von 1848 agitirt worden war, ging im Juli 1850 ein Befehl vom Ministerium des Innern aus, daß alsbald Militär u. Beamtete den Eid nach der im königlichen Decrete vom 21. Juli 1816 vorgeschriebenen Formel leisten sollten; unter dem 16. Aug. 1850 wurde die Censur wieder eingeführt, die Verfolgung u. Verhaftung politisch Verdächtigter dauerte fort, die Bürgergarden wurden aufgelöst (Oct. 1851) etc. Dankbar für die gastliche Aufnahme in Gaëta bewies sich dem König Ferdinand der Papst Pius IX., indem er demselben noch vor seiner Rückkehr nach Rom den Titel Rex pissimus u. dazu das Einsprachsrecht bei Papstwahlen verlieh, ein Vorrecht, welches bis dahin nur Österreich, Frankreich u. Spanien zustand.

In eine Differenz kam N. mit Spanien durch die Vermählung der Prinzessin Karoline, Schwester des Königs Ferdinand, mit dem Grafen Montemolin (s. Karl 153). In Folge derselben verließ sogar der spanische Botschafter am 10. Juli 1850 N., doch wurden die freundschaftlichen Beziehungen zu Spanien bald wieder hergestellt. Ernster wurde ein Streit mit England, welches für Verluste britischer Unterthanen bei den Revolutionsstürmen in Messina auf diplomatischem Wegebedeutende Entschädigungsforderungen erhob, ja endlich sogar mit seiner Flotte drohte. Indeß wurde auch diese Angelegenheit noch 1850 unter russischer Vermittelung dadurch ausgeglichen, daß die neapolitanische Regierung sich zur Zahlung der geforderten Summen für verpflichtet erklärte. Große Aufmerksamkeit widmete die neapolitanische Regierung i. J. 1851 den politischen Processen, von denen einer sogar zu diplomatischen Streitigkeiten mit England führte (vgl. Gladstone). Am meisten aber machten die Finanzen der Regierung zu schaffen, es fehlten 5–6 Millionen Ducati zur Deckung der Ausgaben: zu einer Verminderung des Militärs wollte sich der König bei der fortdauernden Spannung der Gemüther nicht verstehen; die Grundsteuer, welche bereits die Höhe von 20 Proc. erreicht hatte, konnte nicht mehr erhöht werden; der Abschluß einer Anleihe mit dem Hause Rothschild gelang nicht, eine Ende 1851 in Vorschlag gebrachte Anleihe im Lande wurde wegen des mehr als fraglichen Patriotismus der Einheimischen unter damaligen Verhältnissen gar nicht versucht. In Sicilien wollte man im Oct. 1851 einer Verschwörung gegen den König auf die Spur gekommen sein, u. die häufig deshalb vorgenommenen [750] Verhaftungen erstreckten sich sogar auf das Militär u. die Schweizercompagnien. Deshalb gingen bedeutende Militärverstärkungen nach verschiedenen Punkten der Insel, so daß das dort stehende Heer Ende 1851 sich auf 40,000 Mann belief. Messinas Handel hob sich, als im März 1852 der dasige Hafen zum Freihafen erklärt wurde. Auch war im Aug. 1851 ein Handelsvertrag mit der Türkei abgeschlossen worden. Die Calamitäten des Landes wurden 1851 erhöht durch den Schaden, welchen mehrmalige Eruptionen des Vesuvs u. wiederholte Erdbeben verursachten. Das bedeutendste Erdbeben war am 14. Aug. 1851, durch welches die Provinz Basilicata fast ganz verheert wurde; über 50 Dörfer u. mehre Städte, Melfi, Venosa u. Barile, wurden davon betroffen; mit Heftigkeit erneuerten sie sich wieder im März 1852. Zu Anfang des Jahres 1852 waren auch die Entschädigungen der durch die Ereignisse 1848 u. 1849 im Königreich beschädigten Fremden durch eine eigens dazu niedergesetzte Commission ermittelt u. begann die Auszahlung derselben. Eine Milderung im Regimente wurde gehofft, als der König Ende Januar 1852 plötzlich seinen Specialsecretär u. Vertrauten, Baron Leopold Corsi, u. den Ministerpräsidenten Fortunato nebst dem alles vermögenden Polizeiminister Peccheneda entließ; den Vorsitz im Ministerium übernahm Ferdinand Troja, u. in der That erfolgten gleichzeitig zahlreiche Gnadenacte gegen die in den politischen Monsterproceß vom 15. Mai Verwickelten. Auch lag es im Interesse der Dynastie, das Volk an sich zu ziehen, da allerhand Gerüchte von einer Muratschen Partei in N. u. von Bonapartistischen Ideen u. Absichten auf N. auftauchten. Die Folge von jenen Gerüchten war eine Vermehrung der Schweizertruppen, während die einheimischen vermindertwurden, u. die Verproviantirung der Festungswerke von N. u. Gaëta. Bemerkenswerth war, daß der König, obwohl völlig unumschränkt regierend, doch die Verfassung von 1848 nicht förmlich u. ausdrücklich aufgehoben hatte, während dies in Toscana im Jahre 1852 geschah. Ein Vertrag mit der römischen Regierung (14. Mai 1852) beendigte noch obwaltende Grenzstreitigkeiten; ein gleicher mit Frankreich (21. Febr.) enthielt Zusätze zu dem bestehenden Handelsvertrag u. ein dritter (23. December) erneuerte den abgelaufenen Postvertrag mit Frankreich mit einigen Abänderungen zu Gunsten Frankreichs. Neue Unruhen auf dem platten Lande Siciliens im Februar 1853 trugen mehr den Charakter von Bauernaufständen wegen der Mißernte als von politischen Bewegungen; die Rädelsführer wurden zum Tode verurtheilt, ihre Strafe jedoch vom König gemindert, u. hierauf die Entwaffnung des sicilischen Landvolkes vollzogen. Gegen Frankreich erwies sich die Regierung durch Vergünstigungen gefällig, die sie der französischen Dampfschifffahrtsgesellschaft im Hafen von Messina einräumte. Indessen wurde es von Seiten der französischen u. der englischen Regierung mit Mißfallen vermerkt, daß, während andere Mächte zweiten Ranges die von ihnen erklärte Neutralität in der nunmehr auftauchenden Orientalischen Frage durch Nachgiebigkeit gegen die Westmächte abschwächten, der König von N. dieselbe im vollen Sinne des Wortes nach beiden Seiten hin aufrecht hielt. Der König verhehlte sich nicht die Gefahren, welche die Versagung einer sympathisirenden Neutralität den drohenden Mienen der Westmächte gegenüber zur Folge haben konnte, sondern rüstete zum Kriege. Alle politischen Interessen verschwanden jedoch vor der Cholera, die mit gleicher Heftigkeit in N. u. Sicilien wüthete. Der Schreck darüber war so groß, daß in wenigen Tagen in N. 40,000 Pässe ausgestellt wurden. Bemerkenswerth war am Schlusse des Jahres 1854 ein vorübergehendes Zerwürfniß zwischen dem König u. den sonst im Reich gern gesehenen Jesuiten, welches mit einer Versicherung der monarchischen Grundsätze der Letztern schloß (s.u. Jesuiten III.). Im Jahr 1855 wurde die große Landstraße vollendet, welche von Gaëta ausgehend längs der römischen Grenze erst durch das Volscergebirge u. dann durch die Abruzzen zum Adriatischen Meere führt, ein großartiges Werk, welches den Abruzzen möglich macht, die reichlichen Erzeugnisse ihres Bodens nach zwei Meeren hin abzusetzen. Im September erhielten der Kriegsminister Fürst Ischitella u. der Polizeiminister Mazza, wie es scheint aus politischen Rücksichten, ihre Entlassung. Übrigens herrschte in N. nach Beendigung aller politischen Untersuchungen vollständige Ruhe, u. wenn auch in Sicilien die einzelnen politischen Parteien im Herbste Versuche gemacht haben mochten, die Bevölkerung aufzuregen, so fanden sie einerseits doch viel zu wenig Theilnahme, u. war ihnen Polizeigewalt u. Militärmacht viel zu überlegen, um irgend auf Erfolg rechnen zu können. Auch das Jahr 1856 zeugte von der Thätigkeit der Regierung auf dem Gebiete volkswirthschaftlicher Verbesserungen. Ein strenges Polizeiregiment bekundete sich allerdings in den königlichen Decreten vom 10. Mai, wonach das Tragen von Waffen ohne schriftliche polizeiliche Erlaubniß mit dem ersten Grade der Eisenstrafe bedroht ward, allein die im Juli stattfindende Begnadigung mehrer wegen politischer Vergehen früher Verurtheilten zeigten versöhnlichen Sinn. Die Verhandlungen der Pariser Friedensconferenzen über die italienischen Angelegenheiten u. die Haltung Englands nachher konnten nicht verfehlen, auf die Regierung Eindruck zu machen; jedoch wies der König jede Einmischung in die innern Angelegenheiten eines selbständigen Staates als völkerrechtswidrig entschieden ab, u. der Gang der Ereignisse ließ erkennen, daß die freundlich gesinnten Regierungen Österreichs u. des Kirchenstaates ihren Einfluß auf Frankreich zu Gunsten des Königs geltend gemacht hatten, so daß der Gedanke eines gewaltsamen Einschreitens in die neapolitanischen Angelegenheiten kaum Platz greifen konnte. Die Stellung zu Frankreich hatte sich schon im Frühjahr gebessert. Die Hoffnungen der Urheber des am 26. Juli versuchten Aufstandes in Modena, daß sie durch eine Volksbewegung in N. unterstützt werden würden, erwies sich als unbegründet. Indessen hatten doch die diplomatischen Verhandlungen, um den König zu Zugeständnissen in Bezug auf die inneren Einrichtungen seiner Staaten zu vermögen, bes. von Seiten Englands, fortgedauert, u. während die Regierung N-s auf der Weigerung, eine Einmischung zu gestatten, beharrte, hatte England u. Frankreich über ein gemeinschaftliches Handeln in dieser Angelegenheit im September 1856 sich verständigt. Sie drohten mit dem Abbruch der diplomatischen Verbindungen u. erklärten, jedes ein Geschwader von zwei Linienschiffen, einer Fregatte u. einer Corvette in den Gewässern N-s kreuzen zu lassen, um bei dem etwaigen Ausbruch eines Bürgerkriegs daselbst[751] die Personen u. Sachen ihrer Unterthanen schützen zu können. Österreich beschränkte sich dabei auf vermittelnde Schritte u. die russische Regierung sprach sich beiläufig in einer Note vom 9. September dahin aus, daß sie nur Rathschläge u. höchstens Ermahnungen für zulässig erachte. Die neue Verwickelung der europäischen Angelegenheiten u. die Erschlaffung des Englisch-französischen Bündnisses wegen der Russisch-orientalischen Angelegenheit brachte auch einen Stillstand in das gemeinschaftliche Handeln Englands u. Frankreichs; doch als der König sich auf ihre Forderungen gar nicht einließ, gab die englische Regierung dem neapolitanischen Gesandten seine Pässe, worin die französische Regierung erst gegen Ende November nachfolgte. Die Abreise des englischen u. französischen Gesandten hatte auf die Stimmung des Landes keinen Einfluß. Der König erließ wieder mehre Gnadenacte u. noch andere sollten folgen; doch wurde Seitens der Regierung damit innegehalten, da bei dem Aufstand auf Sicilien am 22. November sich eben Amnestirte, unter ihnen bes. Bentivenga (s.d.), als Führer betheiligt hatten. Dieser Aufstand, zu Gunsten der Idee von 1848 gemacht, wurde alsbald durch die Regierungstruppen gedämpft. Am 8. Decbr. wurde in Neapel auf den König von einem Soldaten Milano (s.d.) ein erfolgloses Attentat gemacht; auch die Pulverexplosion am 17. Dec. im Kriegshafen, in der Nähe des königlichen Palais, wurde als eine politische, gegen den König gerichtete Demonstration gedeutet.

In Folge dieser Ereignisse schloß sich der König nur noch strenger von seinem Volke ab u. lebte mit seiner Familie in Caserta, unzugänglich für Jedermann u. nur umgeben von Militär. Zugleich wurden immer strengere Maßregeln ergriffen. Nachdem in Sicilien Baron Bentivenga mit sieben Aufständischen erschossen worden war, wurden in N. die umfassendsten Verhaftungen, darunter vieler Priester u. Mönche, vorgenommen. Das Ereigniß des Jahres 1857 war die Cagliari-Angelegenheit. Während nämlich in N. eben erst wieder ein Muratislischer Aufstandsversuch unterdrückt worden war, landete der einer sardinischen Gesellschaft gehörige Dampfer Cagliari, welcher von Genua aus politische Flüchtlinge nach Tunis hatte überführen sollen, die sich jedoch angeblich unterwegs des Schiffes bemächtigt hatten, an der Insel Ponza, wo der Oberst Pisicane als Führer jener Flüchtlinge die Fahne der Empörung aufpflanzte, die dortigen Strafgefangenen befreien ließ u. dann bei Sapri an das neapolitanische Festland ging. Hier wurde der Aufstand Anfang Juli durch Regierungstruppen rasch unterdrückt, wobei Pisicane selbst ums Leben kam. Zahlreiche Gefangene, dazu die Mannschaft des von zwei neapolitanischen Fregatten aufgebrachten Cagliari, wurden nun den Gerichten zur Aburtheilung übergeben. Die Wegnahme des Cagliari gab aber der sardinischen Regierung eine, wohl erwünschte Gelegenheit, dagegen als eine durchaus unrechtmäßige Maßregel, energisch zu protestiren, u. es entspann sich daraus zwischen beiden Cabineten ein heftiger Notenwechsel, welcher, da die englisch-französischen Vermittelungsversuche lange erfolglos blieben, weit bis ins nächste Jahr hineindauerte u. selbst zu beiderseitigen Kriegsrüstungen führte. Für N. wurde die Angelegenheit dadurch noch verwickelter, daß sich unter den Gefangenen des Cagliari auch zwei englische Maschinisten befunden hatten, deren Freilassung u. Entschädigung die englische Regierung forderte. Erst nachdem der in Salerno geführte Proceß mit Verurtheilung der Gefangenen geschlossen worden war, ließ der König eine Amnestie für dieselben eintreten u. befahl die Freilassung der Ausländer, wie die Herausgabe des Cagliari. Mit dem Römischen Stuhle hatte N. 1857 ein Concordat abgeschlossen, welches der Geistlichkeit wieder die vollste Gewalt in die Hände gab. Überhaupt gerieth der König immer mehr unter den Einfluß der absolutistischen Partei (Sanfedisten), welche ihn durch fortwährende Gerüchte von Verschwörungen zu schrecken u. zu den härtesten Maßregeln zu drängen suchte; darum blieben auch die Annäherungsversuche Englands u. Frankreichs völlig erfolglos. Im Jahre 1859 suchte man die überfüllten Gefängnisse dadurch zu leeren, daß man nach einem mit der Argentinischen Republik geschlossenen Vertrage eine bedeutende Anzahl politischer Gefangener (darunter Poerio) zur Deportation nach dem Platastrome einschiffte, welche jedoch unterwegs den Capitän zu einer Landung in Irland zwangen u. dann meist ins sardinische Heer eintraten. Während die italienischen Angelegenheiten immer verwickelter wurden u. der Krieg zwischen Sardinien u. Österreich bereits begonnen hatte, wobei die Regierung sich für eine bewaffnete Neutralität erklärte, lag der König schon monatelang schwer krank darnieder u. st. am 22. Mai.

Der Kronprinz Franz, seit Anfang des Jahres mit der Prinzessin Marie von Baiern (der Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich) vermählt, bestieg den Thron als Franz II. Es gingen damals Gerüchte von Bestrebungen des Grafen von Trani, seines ältesten Stiefbruders, ihm den Thron streitig zu machen, u. in der That wurden viele Verhaftungen in den vornehmsten Familien vorgenommen. Die Berufung des Generals Filangieri u. des Fürsten Ischitella in das Cabinet des Königs wurden als eine Gewähr für die Ergreifung einer liberaleren Politik hingenommen u. dem überhandnehmenden Einfluß Englands auf die Entschließungen des Königs zugeschrieben. Es wurden zugleich wiederholt umfassende Amnestien erlassen u. das verhaßte Gesetz gegen die Verdächtigen aufgehoben. Je unruhiger es jedoch im Kirchenstaate wurde u. je offener die nationale Partei in N. u. Sicilien hervortrat, um so mehr fühlte sich der junge König nach dem System seines Vaters hingedrängt. Als höchst bedenkliches Zeichen mußte ein Aufstand der Schweizerregimenter in N. am 8. Juli gelten, welcher zwar mit Strenge niedergeschlagen wurde, aber dann die völlige Auflösung der Schweizerregimenter zur Folge hatte, wonach die meisten Schweizer das Land verließen. Inzwischen war in beiden Landestheilen die Stimmung immer drohender geworden, einzelne Aufstände mehrten sich, wie am 10. Octbr. ein solcher in Sicilien losbrach, worauf in Palermo allgemeine Entwaffnung u. Schärfung des Belagerungszustandes angeordnet wurde. Filangieri ward entlassen u. provisorisch durch General Cavaseca ersetzt. Die von Frankreich angerathenen Reformvorschläge wies der König zurück; die Verhaftungen mehrten sich wieder. Zugleich wurden gewaltige Kriegsrüstungen u. die Befestigung der Grenzen angeordnet u. zahlreiche Truppen nach den Abruzzen entsendet.

[752] Unter den obwaltenden Verhältnissen mußte die Anfang 1860 erfolgende Veröffentlichung des Budgets für 1859 einen um so ungünstigeren Eindruck machen, als dasselbe wiederum ein Deficit von 2 Millionen Ducati ergab, wie überhaupt seit 10 Jahren die öffentliche Schuld um 20 Millionen gewachsen war. Unter die ersten bedenklichen Zeichen des Jahres 1860 gehörte, daß unter den nach dem Kirchenstaat hin aufgestellten, neuerdings bedeutend vermehrten Truppen eine weit verzweigte Verschwörung entdeckt wurde, in welche selbst Offiziere verwickelt waren u. in deren Folge zahlreiche Verhaftungen unter dem Militär erfolgten. In noch ausgedehnterer Weise fanden in N. am 1. März Verhaftungen, bes. vieler Edelleute, statt, wie denn an diesem Tage wegen Befürchtung des Ausbruches einer Muratistischen Erhebung das ganze Militär in der Hauptstadt allarmirt war. Die definitive Entlassung Filangieri's aus dem Cabinet am 11. März u. dessen Ersetzung durch Carafa trug noch mehr zu der allgemeinen Erbitterung bei. Inzwischen hatten aber die Verhältnisse in Sicilien eine noch viel drohendere Gestalt angenommen. Nachdem schon seit länger dort große Aufregung geherrscht u. sich bes. in Mordversuchen gegen Beamte kundgegeben hatte, wie in Messina der Generalstaatsprocurator dem Volkshaß als Opfer gefallen war, brach am 4. April in Palermo in Folge einer von der Regierung angeordneten Durchsuchung des Klosters Gancia nach verdächtigen Mönchen eine, immer größeren Umfang gewinnende Volkserhebung aus; das von den Mönchen u. dem Volke tapfer vertheidigte Kloster wurde endlich von den Truppen erstürmt u. die in andern Stadttheilen sich erhebende Empörung durch das Militär unterdrückt, aber ein großer Theil der Aufständischen floh ins Innere der Insel. Gleiches geschah nach dem am 8. April in Messina gegen die Truppen ausgebrochenen Aufstand. So mehrten sich die Anzeichen, daß die italienische Propaganda in Folge einer plötzlichen Schwankung den äußersten Süden zum Ausgangspunkt einer neuen Bewegung erkoren hatte. Außer allem Zweifel aber wurde dies gesetzt, als der seit einiger Zeit in Zurückgezogenheit lebende sardinische General Garibaldi, nachdem er, von der sardinischen Regierung nur unzureichend verhindert, in der Nacht vom 5. zum 6. Mai Genua mit mehren Schiffen verlassen hatte, am 11. in Marsala auf der Westküste von Sicilien mit etwa 1100 Mann wohlbewaffneten Freischaaren, auffallend unterstützt von einer englischen Fregatte, landete u. nach getroffener Verabredung mit den sich ihm alsbald, unterordnenden einheimischen Führern des Aufstandes, welcher nun völlige Organisation erhielt, gegen die sich immer weiter nach Palermo zurückziehenden Regierungstruppen marschirte. Der Hof von N. wurde dadurch in einen großen Schrecken versetzt. Da der von der Regierung bei dem diplomatischen Corps zu N. erhobene Protest gegen das Verfahren Sardiniens erfolglos blieb, wurde General Lanza nach Sardinien gesandt, um Concessionen zu machen, namentlich Amnestie, Eisenbahnen u. die Errichtung eines besonderen Vicekönigreiches in Sicilien zu versprechen. Aber es war schon zu spät; Garibaldi, durch Massen sicilischer Insurgenten u. fortwährend zur See anlangenden fremden Zuzug verstärkt, stand am 20. Mai bereits in der Nähe von Palermo, dessen Erstürmung, von innen durch das Volk unterstützt, am 27. begann u. erst am 31. nach einem Bombardement durch die königliche Armee gegen die Stadt durch einen Waffenstillstand unterbrochen wurde, welcher endlich, nachdemdie Einwilligung dazu von Seiten des königlichen Hofes in N. erlangt worden war, mit der Räumung der Stadt u. der Forts durch die königlichen Truppen endete, die sich zumeist nach Messina einschifften. Unterdessen hatte sich Garibaldi schon zum Dictator von Sicilien erklärt, ein Ministerium gebildet u. eine neue Verwaltung u. neue Aushebungen angeordnet. In N. herrschte während dessen vollständige Rathlosigkeit; die Entlassung u. Verbannung der Generale Lanza u. Letizia änderte in der Lage der Dinge nichts. Endlich ließ sich der König zu Concessionen herbei u. unterzeichnete am 25. Juni einen Erlaß, durch welchen Amnestie, Bildung eines neuen Ministeriums, Wiederherstellung der Verfassung von 1848, Bündniß mit Sardinien u. Annahme der italienischen Farben zugesagt wurden, u. welchem weitere Verheißungen folgten. Aber schon bei Verkündigung des neuen Ministeriums unter Spinelli am 28. fanden in der Hauptstadt von Seiten der beiden äußersten Parteien wieder die gröbsten Excesse statt. Auch nach Aufhebung des Belagerungszustandes, der Einberufung der Kammern auf den 1. September u. der provisorischen Errichtung einer Nationalgarde besserten sich die Verhältnisse nicht. Es herrschte allgemeines Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit der königlichen Zusagen; das Ministerium zeigte keine Energie u. gewann, selbst nachdem der volksbeliebte Romano in dasselbe eingetreten war, auf keiner Seite Sympathien. Die Aufstände in den Provinzen währeten fort. Die Hoffnung auf eine Intervention der Großmächte schwand immer mehr. Die französische Regierung hatte dem außerordentlichen Gesandten des Königs eine ausweichende Antwort gegeben; Sardinien dagegen hatte für das ihm angetragene Bündniß fast unerfüllbare Bedingungen (Aufgeben von Sicilien etc.) gestellt, u. König Victor Emanuel sich gegenüber den Forderungen N-s nur dazu herbeigelassen, Garibaldi zur vorläufigen Einstellung der Feindseligkeiten aufzufordern, worauf Letzter jedoch unter Hinweisung auf die Lage Italiens ablehnend antwortete. Der Dictator schritt inzwischen mit der Neuorganisation von Sicilien fort, gab die Schifffahrt frei u. ließ die Rüstungen mit Energiebetreiben, wozu das fortwährende Anlangen von italienischen Freischaaren u. die sich beständig häufenden Desertionen der königlichen Truppen, selbst die eines neapolitanischen Kriegsschiffes, die beste Unterstützung boten. Der Kampf mit dem treugebliebenen Militär währte jedoch beständig fort; Milazzo fiel nach hartnäckigem Kampf, u. Anfangs August hielt die königliche Streitmacht fast nur noch die Citadelle von Messina besetzt. Unterdessen hatte aber in Sicilien, bes. in Palermo, auch schon der Streit der politischen Parteien für od. wider Anschluß an Sardinien od. an ein neues Mittelitalien begonnen u. den Dictator zu mehrmaligem Wechsel seines Ministeriums, ja der Ausweisung seines ersten Ministers Lafarina, veranlaßt. Mit der Ankunft des sardinischen Bevollmächtigten Depretis, welcher als Vicedictator auftrat u. die sardinische Verfassung proclamirte, sowie die Beamten darauf vereiden ließ, trat jedoch hierin ein günstigeres Verhältniß ein. In N. selbst stieg inzwischen die Verwirrung; der Ausbruch einer Verschwörung[753] des Grafen von Aquila zum Sturz der Verfassung war am 9. Aug. von der Nationalgarde mit Mühe unterdrückt worden. Der Graf von Syracus, Oheim des Königs, hatte sich offen für ein Norditalienisches Reich u. Victor Emanuel erklärt u. war verbannt worden. Der König aber hatte wieder ganz zu reactionären Mitteln gegriffen u. sich der Camarilla aufs Neue in die Arme geworfen. Der Belagerungszustand war wiederum erklärt, die Wahlen für die Kammern waren verschoben, der größte Preßzwang herrschte; schon nahte aber auch die Entscheidung. Nach längerer Vorbereitung zu einer Landung auf dem Festlande, wozu Garibaldi durch die weitern Übergänge königlicher Kriegsschiffe unterstützt wurde, u. nachdem der vereinzelte Versuch einer Landung bei Castellamare mißglückt war, setzte Garibaldi am 19. August mit starker Macht über, nahm am 22. zunächst Reggio u. ließ kleinere Expeditionen an andern Küstenpunkten landen u. ins Land vordringen. Sofort fanden nun auch in den meisten Provinzen Erhebungen für ihn statt, welche bei der Unzuverlässigkeit des Militärs nur mühsam unterdrückt wurden. Wirklich befand sich auch schon das königliche Heer zum großen Theile in vollstänständiger Auflösung; ganze Brigaden wurden fahnenflüchtig, die meisten im Felde stehenden Generale capitulirten, die Kriegsschiffe gingen über. Da endlich entschloß sich der König, nach langem Sträuben, am 6. September die Hauptstadt zu verlassen u. ging zur See nach Gaëta ab, wohin ihm das diplomatische Corps folgte. Schon am 7. zog darauf Garibaldi in N. ein, wo er sofort Victor Emanuel als König von Italien ausrufen ließ u. ein neues Ministerium unter Romano bildete. Doch war seine Stellung, inmitten der Parteien, von denen die eine die Annexation, die andere mit Mazzini die Republik, die dritte Fortdauer eines selbständigen Reiches unter einem anderen Könige wollte, u. gegenüber einestheils dem sardinischen Ministerpräsidenten Cavour, anderntheils der Unzulänglichkeit seiner Truppen gegen die dem König treu gebliebenen neapolitanischen, längere Zeit eine sehr schwierige, bis er sich völlig der sardinischen Regierung unterordnete u. selbst den Einmarsch sardinischer Truppen forderte, um den Kämpfen mit den neapolitanischen Truppen um Capua, Gaëta etc. ein Ende zu machen. Nachdem das sardinische Ministerium den beschlossenen Einmarsch sardinischer Truppen in das Königreich beider Sicilien dem neapolitanischen am 6. Octbr. angezeigt hatte, protestirte dieses am 7. Octbr. dagegen. Gleichwohl ging der König, nachdem er am 13. Octbr. eine neapolitanische Deputation wegen der Annexation an Sardinien empfangen hatte, auch ungeachtet einer dringenden Vorstellung dagegen von Seiten Preußens u. Rußlands doch nach Süditalien, landete bei Giulia Nova u. setzte seinen Marsch nach Foggia fort. Die Hauptstadt wollte er erst nach vollendeter Volksabstimmung über seine Annahme betreten. Rußland rief nun seinen Gesandten von Turin ab, was der Kaiser von Frankreich, welcher vorgeblich das Verfahren Victor Emanuels gegen N. mißbilligte, schon vorher gethan hatte.

Vgl. F. A. Grimaldi, Istoria delle leggi e magistrati del regno di Napoli (v. Erb. Roms bis 1211 n.Chr.), Neap. 1781–86, 16 Bde.; N. Toppi, Bibliotheca Napoletana, ebd. 1678, 2 Bde., Fol.; hierzu L. Nicodemo, Addizioni copiose alla Bibl. Nap., ebd. 1683, Fol.; Caruso, Bibliotheca histor. regni Siciliae, Palermo 1720–23, 2 Bde.; D. Jordanus, Delectus scriptorum rerum Neapolitanarum, Neap. 1735; Raccolta di tutti i più rinomati scrittori dell' istoria del regno di Napoli, ebd. 1769, 25 Bde.; Sora, Memorie storico-critiche degli storici Napolitani, ebd. 1781–82, 2 Bde.; A. Caraccioli, Antiqui chronologi quatuor historiae Neapolitanae, ebd. 1624; G. B. Caraffa, Storia del regno di Napoli, ebd. 1572, ebd. 1580; A. di Costanzo, Istoria del regno di Napoli, Aquileja 1582, Neap. 1735; Summonte, Istoria della città e regno di Napoli, ebd. 1601, 4 Bde., ebd. 1751, 6 Bde.; F. Capecelatro, Istoria della città e regno di Napoli, ebd. 1640, Pisa 1820, 4 Bde.; N. P. Giannetasio, Historia Neapolitana, ebd. 1713, 3 Bde. (italien. ebd. 1715, 3 Bde.); P. Giannone, Istoria civile del regno di N., ebd. 1723, 4 Bde., zuletzt Mail. 1823–24, 14 Bde. (deutsch von v. Lohenschiold u. le Bret, Ulm 1758–1770, 4 Bde.); P. Troyli, Istoria generale del reame di Napoli, Neap. 1747–53, 11 Bde.; A. Meo, Annali critico-diplomatici del regno di Napoli, ebd. 1805, 7 Bde.; Gesch. des Königreichs N., Darmst. 1828; F. de Angelis, Storia del regno di Napoli sotto la dinastia Borbonica, Neap. 1817, 4 Bde.; G. Orloff, Mémoires historiques et littéraires sur le royaume de Naples, mit Anmerkungen von A. Duval, Par. 1819–21, 5 Bde.; ebd. 1825, 5 Bde. (deutsch im Auszug, Lpz. 1821, 2 Bde.); P. Colletta, Storia del reame di Napoli dal 1734 sine al 1835, Par. 1835, 2 Bde., Capolago 1837, 4 Bde.; Cinq jours de l'histoire de Naples, Par. 1820 (deutsch Altenb. 1820); W. Pepe, Darstellung der politischen u. militärischen Ereignisse in Neapel, im Jahr 1820 u. 1821, französisch Lond. 1822, deutsch Ilmenau 1822; Carrascosa, Historische, politische u. militärische Denkwürdigkeiten über die Revolution von Neapel 1820 u. 1821, aus dem Französischen, 1823; Denkschrift über die geheimen Gesellschaften in Süditalien u. bes. der Carbonari, Stuttg. 1823; Gamboza, Gesch. der neapolitanischen Revolution im Juli 1820; Helffrich, Neapel u. Sicilien im Jahre 1850, Lpz. 1853; Th. Mundt, Italienische Zustände, 4. Thl. (Rom u. Neapel), Lpz. 1860.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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