Paderborn [1]


Paderborn [1]

Paderborn, vormaliges Hochstift im Westfälischen Kreise, 42 QM., 100,000 katholische Ew.; von Rittberg, Lippe, Korvey, der Weser, Kurhessen, Waldeck u. dem Herzogthum Westfalen begrenzt; Wappen: ein goldenes Kreuz in rothem Felde; Einkünste: 400,000 Thlr.; hatte Landstände, welche aus den Domcapitularen, der Ritterschaft u. den Städten bestanden, u. theilte sich in den Vor- (Unter-) waldischen u. den Oberwaldischen District, welche durch die Egge geschieden wurden. Nach der Säcularisation 1802 u. der neuen Circumscription vom Jahre 1821 umfaßt das Bisthum P. die früheren Hochstifte P. u. Korvey, das Herzogthum Westfalen, die Grafschaft Rittberg, das Amt Reckenberg, das Eichsfeld, das Gebiet von Erfurt, die Pfarren im Herzogthum Magdeburg, den Fürstenthümern Halberstadt, Minden u. Siegen, den Grafschaften Mark, Ravensberg u. Rhede, in Stendal u. außerhalb Preußen die Pfarren in Waldeck u. Lippe-Detmold; im Ganzen 800 QM. mit 538,000 Katholiken. – Das Bisthum P. wurde 780 von Karl dem Großen auf einer Versammlung zu Lippspringe errichtet, der Obsorge des Bischofs von Würzburg anvertraut u. Heristall ihm zum Sitz angewiesen; daher auch Anfangs das Heristallsche Bisthum genannt. Bereits 795 erhielt P. in Hathumar einen eignen Bischof; dieser sorgte für Ausbreitung des Christenthums u. begann auch den Dombau. Unter ihm kam 799 der Papst Leo III. nach P., um bei Karl dem Großen Schutz gegen seine Verfolger zu suchen; er st. 815. Ihm folgten: Badurat, welcher den Dom vollendete u. die Domschule zu einer der damals berühmtesten in Sachsen erhob; er st. 859; Luthard, welcher der Geistlichkeit von Karl dem Dicken die Erlaubniß verschaffte, seinen Nachfolger im Bisthum selbst zu wählen; er st. 886; Biso st. 908; Theoderich, unter welchem das Bisthum von den Hunnen verwüstet wurde, st. 916; Unwan st. 935; Dudo st. 956 (958); Volkmar st. 983; Rethar, unter welchem der Dom nebst einem großen Theil der Stadt abbrannte, st. 1009; Meinwerk, Hofcaplan der Kaiser Otto III. u. Heinrich II., gilt als der zweite Stifter des Bisthums, er baute die noch jetzt stehende Domkirche (vollendet 1015), that viel für Geistes- u. Landescultur, erwarb dem Bisthum die Grafschaften des Haholt, des Dodico, des Herimann u. Immedeshusen u. st. 1035; Rotho (Rothardus, Ruodo) st. 1051; Imad, Neffe Meinwerks, welcher bes. die Dombibliothek bereicherte u. sich mit den sächsischen Großen den Unbilden Heinrichs IV. gegen die Sachsen widersetzte, st. 1076; Poppo v. Holte st. 1084. Darauf wählten die Gegenkaiser jeder einen Bischof: Hermann von Luxemburg wählte Heinrich I., Grafen von Asio, dagegen Heinrich IV. wählte Heinrich II., Grafen von Werl; der Streit zwischen Beiden wurde erst geschlichtet, als Heinrich I. 1102 als Erzbischof nach Magdeburg berufen wurde. Heinrich II. ist der erste Bischof von P., welchem vom Kaiser der Titel als Reichsfürst beigelegt wurde; er st. 1127. Bernard I. von Ösede, unter welchem der Dom durch eine Feuersbrunst beschädigt wurde, st. 1160. Evergis, welcher bes. sehr für die Landescultur des Stiftes sorgte, st. 1178; Sifrid, unter dem das Stift zum Herzogthum Westfalen geschlagen u. so mit dem Erzbisthum Köln vereinigt wurde; dadurch entstanden für P. viele Unruhen, da die Erzbischöfe bis ins 15. Jahrh. allerhand Versuche machten, P. ganz an sich zu reißen; Sifrid st. 1186. Bernard II. von Ösede folgte ihm; die Vögte der Kirche zu P. nebst den Grafen Hermann u. Widekind von Waldeck u. Schwalenberg erregten dem Bischof durch ihre Neckereien große Unruhe, daher vergrößerte derselbe seine Kriegsmacht u. überfiel u. besiegte jene; später verpfändete ihm Widekind das Vogteirecht, u. der Bischof behielt es nach Widekinds Tode mit Bestätigung des Grafen Hermann[552] 1193; Bernard erwarb auch Büren u. st. 1203. Bernard III. von Ösede, Bruder Bernards I., st. 1223; Oliver machte einen Kreuzzug mit u. war bei der Belagerung von Damiette; er resignirte 1225; sein Nachfolger Willebrand, Graf von Oldenburg, wurde 1227 Bischof von Utrecht; Bernard IV., Graf von der Lippe, unter welchem das klösterliche Zusammenleben im Domcapitel aufgehoben wurde u. die Domherren sich in die Güter, Archidiakonate u. Obedienzen theilten, st. 1247. Simon I. wollte sich bes. gegen die Eingriffe des Erzbischofs von Köln in die Gerechtsame u. Besitzungen des Hochstifts wahren, aber er wurde gefangen u. nur durch einen harten Vertrag losgelassen; auch in einer Fehde mit dem Landgrafen von Hessen war er unglücklich u. mit der Stadt P. hatte er ärgerliche Streitigkeiten, weshalb er seine Residenz aus P. nach Salzkotten verlegte; er st. 1277, nachdem er das Hochstift in große Schulden gestürzt hatte. Otto von Rittberg machte 1287 zu Neuß einen Vertrag mit Köln, worin Erzbischof u. Bischof ein Schutz- u. Trutzbündniß schlossen, wodurch der Letztere 1288 in den Krieg zwischen Köln u. Berg verwickelt wurde. Auch mit den Bürgern von P. kam er in neue Mißhelligkeiten; er st. 1307. Günther von Schwalenberg trat 1310 seinem Gegenbischof Theoderich II. von Itteren das Bisthum ab; dieser erwarb die Grafschaft Dringen u. brachte das Bisthum wieder in Flor; er st. 1321. Bernard V., Graf von der Lippe, wählte die von ihm erbaute Stadt Dringenberg zu seiner Residenz; Unzufriedenheit erregte er bei dem Adel durch das Ausschreiben ungewöhnlich hoher Grundsteuern zur Anlegung neuer Festungsplätze; um jenen zu beschwichtigen, gewährte er ihm viele Befreiungen u. Vorrechte, woher sich der befreite Stand des Adels im Paderbornschen schreibt; Bernard st. 1341. Balduin von Steinfurt st. 1360 (1361); Heinrich III. vom Spiegel zum Desenberge war der erste Bischof von P., welcher durch den Papst eingesetzt wurde; ein kriegerischer Mann, kümmerte er sich nicht um die geistlichen Geschäfte, die er (zuerst in diesem Bisthum) einem Weihbischof übertrug, was seine Nachfolger oft nachahmten. Er war glücklich in seinen Fehden u. in seinen Unternehmungen gegen die Raubritter u. bezahlte viele Schulden, versetzte aber die Herrschaft Wünnenberg u. st. 1380. Simon II., Graf von Sternberg; durch seine Verbindungen mit mehren Fürsten wurde er in viele Fehden verwickelt, welche seine Domänen sehr erschöpften, weshalb er mehre Plätze versetzte; auch mit dem Adel des Bisthums kam er in Streit u. blieb 1389 vor Brobeck bei Brilon. Rupert, Herzog von Jülich u. Berg, reinigte die Diöcese von Räuberhorden, bes. von den Benglern (s.d. 1), u. st. 1394 vor der Burg Padberg. Johann I., Graf von Hoya, wurde 1399 Bischof von Hildesheim; sein Nachfolger Bertrand wurde bald abgesetzt, u. Wilhelm war in fortwährenden Streitigkeiten mit den Städten u. wurde 1414 auch abgesetzt. Theoderich III., Erzbischof von Köln, wurde Administrator, welcher jedoch das Bisthum in tiefe Schulden stürzte. In die Soester Fehde verwickelt, litt die Diöcese ungemein; Theoderich st. 1463. Simon III., Graf von der Lippe, hatte eine Fehde mit Hessen u. 1474 mit dem Grafen von Waldeck, stellte Zucht u. wissenschaftlichen Sinn bei den Geistlichen u. in den Klöstern wieder her u. st. 1498. Unter ihm wurden 1480 statutenmäßig alle Nichtadeligen vom Domcapitel ausgeschlossen. Hermann von Hessen, zugleich Erzbischof von Köln, seit 1496 Coadjutor, st. 1508. Erich, Herzog von Braunschweig u. Bischof von Osnabrück, wurde 1511 in die Reichsacht erklärt, weil er sich weigerte, von seinen Bisthümern die Reichssteuer zum Krieg gegen Venedig zu geben; 1528 entstanden große Unruhen durch die Reformation in P. u. anderen Städten der Diöcese; er st. 1532 in Fürstenau. Hermann II., Graf von Wied, Erzbischof von Köln, wurde nun Administrator; unter ihm dauerten die Religionsunruhen fort; 1545 verlangte er, inzwischen für die Reformation gewonnen, in P. die Abschaffung der katholischen Gebräuche, allein Capitel u. Stände widersetzten sich, u. 1547 entsagte er. Rembert von Kerssenbroch war eifrig für Erhaltung der Katholischen Kirche, aber doch ohne Erfolg; bes. war es der Prediger Hoitband, welcher viel zur Verbreitung des Protestantismus beitrug; Rembert st. 1568 in Dringenberg. Johann II., Graf von Hoya, auch Bischof von Osnabrück u. Münster, st. 1574; Salentin von Isenburg, Erzbischof von Köln, welcher sich bes. um die Schulen verdient machte u. den Frieden im Lande aufrecht erhielt; er abdicirte 1577. Heinrich IV. von Sachsen-Lauenburg, Erzbischof von Bremen u. Administrator von Osnabrück, erhielt die päpstliche Bestätigung in P. nicht, weil er der Reformation zugethan war; er st. 1585. Theodor von Fürstenberg gründete den Jesuiten 1596 ein Collegium u. 1612 ein Novizenhaus; unter ihm litt das Bisthum sehr durch die Verwüstungen des Grafen von Oberstein. In P. selbst war 1604 ein langer heftiger Streit über die Wahl der Rathsherren ausgebrochen, welcher sich erst nach Einnahme der Stadt durch die bischöflichen Truppen endigte. Theodor stiftete 1614 die Universität u. st. 4 Dec. 1618. Ferdinand I., Herzog von Baiern, Erzbischof von Köln, Bischof von Lüttich u. Münster, Administrator von Hildesheim u. seit 1612 Coadjutor in P., welcher den Franciscaner Johann Peleking als Weihbischof in P. einsetzte. Unter ihm wüthete der Dreißigjährige Krieg auch im Bisthum P., u. bes. Herzog Christian von Braunschweig zog verheerend in den ersten Jahren des Kriegs durchs Paderbornsche; 1622 vertrieb ihn Tilly; im Herbst 1631 fielen Hessen ins Bisthum ein u. nahmen P., Pappenheim vertrieb sie zwar, aber 1632 kamen sie wieder u. blieben bis 1634 Herren des Landes, wo sie von den Kaiserlichen unter Gallas vertrieben wurden. Abwechselnd war nun die eine u. die andere Partei Herr, bis 1646 Balduin von Remont das Land meist von Schweden u. Hessen befreite; Ferdinand st. 1650 in Arnsberg. Theodor Adolf von Reck mußte den noch im Lande stehenden Hessen große Contributionssummen zahlen, trat 1652 dem Defensivbündniß bei, welches die Königin Christine von Schweden mit Braunschweig u. Hessen geschlossen hatte, beförderte die Wissenschaften u. den Ackerbau, gab eine Polizeiordnung, baute die meisten, im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Schlösser wieder auf u. st. 1661 in Neuhaus. Ferdinand II. von Fürstenberg begünstigte das Missionswesen, Industrie, Künste u. Wissenschaften u. brachte das Land zu Blüthe u. Wohlstand; er st. 1683. Hermann Werner, Freiherr von Wolf-Metternich zur Gracht, st. 1704. Franz Arnold, Freiherr von Wolf-Metternich zur Gracht, Vetter des Vor. u. seit 1703 sein Coadjutor, 1706 auch Bischof von Münster, welcher bes.[553] durch weise Gesetze den Waldverwüstungen Grenzen setzte, st. 1718. Gewählt wurde nun 1719 Prinz Moritz von Baiern, doch starb dieser in Rom, ehe er sein Amt angetreten hatte, u. an seiner Stelle wurde sein Bruder Clemens August Fürstbischof, auch Bischof von Münster, Osnabrück u. Hildesheim, Erzbischof von Köln u. Großmeister des Deutschen Ordens; er st. 1761. Alle in dieser Zeit in Deutschland geführten Kriege lasteten auch auf P., bes. aber der Siebenjährige, in welchem die Franzosen das Land besetzt hatten. Erst 1763 wurde Wilhelm Anton von Asseburg zum Fürstbischof gewählt; die Landesschulden tilgte er durch neue Steuerauflagen, in das entvölkerte Land zog er Colonisten aus benachbarten Ländern, stellte durch Strenge die öffentliche Sicherheit wieder her, sorgte für Verbesserung der Rechtspflege u. traf allerhand wohlthätige Anstalten; er st. 1782 in Neuhaus. Friedrich Wilhelm, Freiherr von Westfalen zu Fürstenberg, Bischof zu Hildesheim u. seit 1773 des Vor. Coadjutor, folgte ihm u. st. 1789. Ihm folgte sein Coadjutor Franz Egon, Freiherr von Fürstenberg, unter welchem durch den Reichsdeputationsschluß vom 23. Novbr. 1802 das Hochstift säcularisirt u. an Preußen als Entschädigung gegeben wurde. Erst den 16. Juli 1821 wurde P. als Suffraganbisthum von Köln wieder hergestellt u. circumscribirt durch die Bulle De salute animarum, welche aber erst mit dem Tode des letzten Fürstbischofs Franz Egon in Kraft treten sollte; dieser st. 11. Aug. 1825. Der erste Bischof des neuen Bisthums war Friedrich Clemens, Freiherr von Ledebur-Wicheln, st. 30. August 1841; ihm folgten Richard Dammers, st. 11. Octbr. 1844, u. Franz Drepper, st 1855; der jetzige Bischof ist Konrad Martin, gewählt den 24. Jan. u. inthronisirt den 17. Aug. 1856. Vgl. Kersenbroch, Catalogus episcoporum Paderborn., Lemgo 1578; Schaten, Annales Paderbornenses, Neuhaus 1693; Monumenta Paderbornensia, 1772 (deutsch von Micus, Paderb. 1844); Bessen, Geschichte des Bisthums P., Paderb. 1820, 2 Bde.; Giefers, Die Anfänge des Bisthums P., ebd. 1860.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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