Stimme


Stimme

Stimme (lat. Vox), 1) der Ton, welchen lebendige Geschöpfe von sich geben können; 2) der Schall, welchen leblose Dinge verbreiten; 3) der Inbegriff der Töne, welche durch das Athmen der Thiere hervorgebracht u. namentlich in dem Kehlkopfe erzeugt werden. Die S. kann sich daher nur in solchen Thieren entwickeln, in welchen die Respirationsorgane ausgebildet u. die Lunge u. der Kehlkopf wirklich vorhanden sind. Sie ist die Andeutung des inneren Lebens für den Gehörsinn so wie Bewegung solche für den Gesichtssinn ist. Unter den Säugethieren gibt es nur wenige, welche ganz stimmlos sind (der Ameisenbär, das Schuppenthier u. die den Fischen nahe stehenden Cetaceen). Bei den Vögeln dagegen ist die S. vorzugsweise ausgebildet, am meisten bei den Singvögeln; auch findet man einzig in dieser Thierklasse das Vermögen einzelner Arten, nicht nur die menschliche S. im Allgemeinen, sondern auch wegen breiterer u. dickerer Zunge menschliche Sprachlaute nachzuahmen. Die Amphibien zeigen wenige Ausbildung der S.; nur einige haben eine laute S.; bei vielen, wie bei den Schlangen, besteht sie nur in einer Art von Zischen; mehre sind ganz stumm, wie die Schildkröten, die Salamander u.a. Die Laute, welche einige Fische u. Insecten von sich geben, gehen durch mechanische Bewegungen, bei den Insecten der Flugwerkzeuge hervor. Der Kehlkopf, namentlich in seinem Übergange zur Luftröhre, ist bei den Thieren höherer Ordnung das eigentliche Stimmorgan. Die Möglichkeit verschiedene Töne in der Kehle hervorzubringen, od. zu singen, liegt zunächst in der Fähigkeit die Stimmritze durch Muskelthätigkeit[836] während der Ausstossung eines Tons zu erweitern u. zu verengen. Ein tieferer Ton hat eine weitere, ein höherer eine enge Stimmritze zur Bedingung; zugleich wird bei hohen Tönen der Kehlkopf mehr in die Höhe u. vorwärts gezogen, bei den höchsten Tönen wohl auch das Haupt zurückgebeugt; bei den tiefen Tönen dagegen wird der Kehlkopf niedergezogen, bei den tiefsten werden wohl auch die Schultern gesenkt u. der Kopf auf die Brust geneigt. Die Erhebung des Kehlkopfs von einem mittlern Tone an bis zur obern Octave desselben beträgt etwa 1/2 Zoll, die Senkung bis zur untern Octave eben so viel. Selten erstreckt sich der Umfang einer S. über zwei Octaven, so daß die höchste weibliche od. Knabenstimme, der Sopran, vom einmal gestrichenen c bis zweimal gestrichenen a, seltner bis zweimal gestrichenen h u. dreimal gestrichenem c, selten voll u. rein bis dreimal gestrichen d, e, s; die tiefe weibliche od. Knabenstimme, der Alt, die Töne von g bis zweimal gestrichen e, seltner bis zweimal gestrichen f, g; die höchste männliche S., der Tenor, die Töne von c bis einmal gestrichen a, höchst selten bis einmal gestrichen b, h, aber häufiger vom H, A; die tiefste männliche S., der Baß, die Töne vom G od. F bis einmal gestrichen e, f, seltner vom F, E, anzugeben im Stande ist. Viele Menschen, deren Stimmorgan wenig ausgebildet ist, vermögen jedoch kaum eine Octave in der Scala zu durchsingen, andere dagegen wohl bis zu drei Octaven. Doch sind immer auch bei Kunstsängern entweder die höhern od. tiefern Töne vorzugsweise ausgebildet u. reiner. Die Biegsamkeit u. Nachgiebigkeit der Theile des Kehlkopfs entscheidet hierbei das Meiste; daher die S. von Knaben u. Frauen einen größern Umfang hat, u. in dem hohen Alter widerstehen die die Stimmorgane bewegenden Muskeln noch früher der leichten Beweglichkeit, als es bei andern Muskelpartien der Fall ist; daher alte, gute Sänger selten sind. Die Stärke des Tones u. die gleiche Haltung desselben beruht auf denselben Bedingungen, wie die der S.; Alles, was die S. beeinträchtigt, wie katarrhalische Beschwerden u. Lungenkrankheiten, beeinträchtigt das Singen. Außer der Verschiedenheit, welche die vier verschiedenen S-n: Discant (Sopran), Alt, Tenor u. Baß, als Töne haben, kommt bei ihnen bes. die Mitwirkung der übrigen Mundtheile in Betracht. Bei Knaben, welche nicht castrirt werden, verliert sich die Discantstimme zur Zeit der Pubertät u. wird dann zur tiefern Altstimme. Im fortgehenden Alter entwickelt sich nun, je nachdem die Kehle sich mehr erweitert, eine Tenor- od. Baßstimme. Eigentlich ist die Tenorstimme die natürliche Männerstimme in ihrer vollkommenen Ausbildung, so wie die Discantstimme die der Frauen, von welcher sich die Castratenstimme nicht sowohl durch Gefälligkeit des Tons, als durch die Stärke, bei welcher zugleich die Reinheit erhalten bleibt, unterscheidet. Die Höhe u. Tiefe der Töne läßt sich am einfachsten aus der mindern od. größern Eröffnung der Stimmritze erklären. Der Ton bei der S. bildet sich zunächst von der Stimmritze selbst aus; dieser Ton kann, wenn man vorher dieselbe Luft von Neuem in die Lungen gezogen hat, wieder erneuert werden, ist aber ohne alle Modulation. Setzt man jedoch die vordern Mundtheile in Thätigkeit, so daß die Backen aufgeblasen werden, so wird der Ton gröber u. tiefer. Zu der eigentlichen Resonanz der S. wirken alle Mund- u. Nasentheile mehr od. weniger mit durch Anspannung, bei welcher Muskeln vorwaltend thätig sind. Vorzüglich hängt die Stärke des Schalles, außer der Kräftigkeit des Brustbaues u. der mehrern od. mindern Ausbildung der Lungen u. der Luftröhre mit ihren Ästen, von der mehrern od. mindern Erweiterung des Kehlkopfs, so wie von seiner festen Consistenz ab. An den Erschütterungen des Kehlkopfs mag auch wohl selbst die Luftröhre, eben so der Kehldeckel Theil nehmen. Auch die Weichgebilde des Mundes u. der Nase tragen wesentlich zur Resonanz, ja selbst zur Bildung des Tons bei; auch das zehnte Nervenpaar der Gehirnnerven, Stimmnerven, hat einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung der S.; weiden diese auf beiden Seiten durchschnitten, so verstummt das Thier. Der positiv galvanische Pol erzeugt hohe, der negative tiefe, dumpfe u. heisere Töne, wenn sie auf die Stimmnerven wirken. Bedeutend u. eigenthümlich wirken die Geschlechtsfunctionen auf die S.; die Vögel singen zur Begattungszeit mehr u. eigenthümlicher; das Weib erhält nach der Pubertät erst Metall der S.; der Mann nach der Pubertät u. erst durch dieselbe den ihm eigenthümlichen Ton, Baß od. Tenor. Störungen im Organismus, bes. des Nervensystems u. in dem Respirationsorgan, erzeugen bedeutende Veränderungen der S., welche dieselbe in Krankheiten zu einem wichtigen Zeichen machen. Die S. kann aber im krankhaften Zustande entweder ganz fehlen (Aphonia), oder krankhaft verändert sein (Paraphonia, Cacophonia); im letztern Falle ist sie entweder zu stark, od. zu schwach, zu tief (Vox clangosa, wenn sie zugleich zu stark, u. Raucitas gravis, wenn sie zugleich zu schwach ist), od. zu hoch (Omphonia, die wieder in die Vox tucariens s. ridens, die zugleich zu stark, u. Raucitas acuta; die zugleich zu schwach ist, zerfällt). Die meisten der Affectionen kommen symptomatisch vor, nur selten wird die eine od. die andere als primäre Krankheit beobachtet. Vgl. Müller, Über die Compensation der physischen Kräfte am menschlichen Stimmorgane, Berl. 1839; Merkel, Anthropophonik, Lpz. 1856. 4) Bei einem Musikstück die für die einzelnen Singstimmen od. Instrumente gehörenden Partien, welche, gemeinschaftlich vorgetragen, ein harmonisches Ganzes bilden, u. die für jedes Instrument od. jede Singstimme aus der Partitur ausgeschriebenen Notenblätter. Man unterscheidet daher Sopran-, Alt-, Tenor- u. Baßstimmen etc. u. Violin-, Baß-, Flötenstimmen etc., ferner Hauptstimmen, welche die Melodie führen, u. Neben- (Ripien-, Füll)- stimmen, welche die Melodie nur begleiten. Dies geschieht bes. im polyphonischen (mehrstimmigen) Satz, bei welchem man Discant u. Baß die äußeren, die andern die Mittelstimmen nennt; im homophonischen (gleichstimmigen) Satz sind hingegen alle S-n unisono. Die S., welche bei dem polyphonischen Satz die tiefsten Noten auszuführen hat, heißt Grundstimme, im Gegensatz zu der obern S. u. zu den Mittelstimmen; 5) So v.w. Register an der Orgel, s.d. I. u. IV.; 6) (Stimmstock), ein kleines Stück Holz, welches im Innern der Geige zwischen Boden u. Decke eingeklemmt wird u. so beiden die gehörige Spannung gibt, um einen schönern Ton hervorzubringen; man bringt es durch ein f loch mit dem Stimmsetzer) einem gabelförmigen Instrumente, ein u. stellt es unter die Quinte hinter dem Stege nach dem Saitenhalter zu; 7) bei Pauken der kleine Trichter über dem runden Loche an[837] dem Paukenkessel; 8) bei Berathschlagungen od. Wahlen die durch Worte od. Zeichen ausgedrückte Meinung; 9) (Stimmrecht), die Berechtigung, in einer öffentlichen Behörde od. politischen Körperschaft sein Urtheil abzugeben; daher Sitz u. S. in einer Behörde haben so v.w. als vollberechtigtes Mitglied an den Berathungen u. Beschlüssen der Behörde Theil nehmen zu dürfen; s.u. Abstimmung.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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