Kirchenrecht

Kirchenrecht (jus ecclesiasticum). Vom rein weltlichen Standpunkte aus erscheint die Kirche wie jede andere Gesellschaft od. Corporation u. könnte so im Staats- und Privatrecht nur eine untergeordnete Stellung erhalten. Ihre das innerste Wesen des Menschen beherrschende Wichtigkeit läßt jedoch diese Behandlung nicht zu. In verschiedenen Zeiten der Weltgeschichte hat daher die Kirche und das K. eine sehr verschiedene Stellung gegen den Staat eingenommen. Bei den Römern war das jus sacrum ein Stück des Staatsrechts und der Staatsgewalt untergeordnet. Die weltumfassende Natur des Christenthums schließt diese rein nationelle Behandlung aus. Im Mittelalter versuchte die Kirche, die Staaten selbst sich unterzuordnen und zu beherrschen. Die verschiedenen christlichen Kirchen lassen sich nur betrachten als neben dem Staate stehend, aber in mannigfaltiger und inniger Berührung mit demselben. Daher ist das K. ein für sich bestehendes Rechtsgebiet, das weder dem öffentlichen noch dem Privatrecht unter- oder übergeordnet werden darf. Der Inbegriff der Normen, durch welche die Rechtsverhältnisse der Kirche als eines Ganzen und der Menschen als Glieder derselben bestimmt werden, bildet das K. Es ist theils für alle Kirchen ein gemeines, theils für die verschiedenen ein besonderes; dem Gegenstande nach äußeres (Verhältniß zum Staate und andern kirchlichen Gemeinschaften) od. inneres (Verhalten der Kirche an und in sich). Dem Inhalt nach umfaßt das K. 1) Wesen u. Verfassung der Kirchen. ihre Verhältnisse zum Staate u. zu einander (apostolische Gemeindeverfassung, Uebergang zur Kirchenverfassung, Synoden, Metropolitanverfassung, Entwicklung des röm. Primats, Papalsystem, Reaction dagegen im Episcopalsystem, Reformation, Entwicklung der evangelischen Kirche mit Synodal-, Presbyterial- u. Episcopalverfassung, Verhältniß zu einander in Religionsfrieden; kathol. K. vom Klerus und seiner Ordination, von den Kirchenämtern als Papst, Curie, d.h. Cardinäle und Congregationen, Legaten, Nuntien, Vicarien, Erzbischöfe, Bischöfe, Capitel, Coadjutoren, Pfarrer, Patronat, Concilien; evangel. K. vom Regiment nach Synodal-, Presbyterial- und Consistorialverfassungen, vom geistlichen Amte der Pfarrer, Ordination, Patronat, Wahlrecht); 2) Verwaltung der Kirche oder Gesetzgebung (Papst, Bischöfe, Autonomie, Dispensationen, Placet), Aufsicht (Visitationen), Gerichtsbarkeit (Kirchenstrafen: Excommunication, Interdict, Suspension, Degradation, Disciplinarcompetenz, Kirchenzucht), Besteuerung (Stolgebühren); 3) kirchliches Leben (Eintritt in die Kirche. Bekenntniß, Cultus, Sacramente u. andere kirchliche Handlungen); 4) Kirchenvermögen (Kirchenzehnten, Pfrundgut, Fabrik, Baulast, Administration). Quellen des K.s sind gemeinsame: Bibel, canonisches Rechtsbuch, röm. Recht und deutsche Reichsgrund- und Staatsgesetze; katholische: Tradition, Concilien, päpstl. Verordnungen, Concordate; evangelische: Bekenntnisse, conclusa corporis evangelicorum, landesherrliche Gesetze, statutarisches Recht. Das K. bildet einen Theil der Rechtswissenschaft; Bearbeiter: Thomasius, Böhmer, Carpzov, Müller, Phillips, Lancelott, Walter, Brendel, Richter, Eichhorn, Grolmann, Mosheim, H. Grotius, Permaneder.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Kirchenrecht — ist das von Religionsgemeinschaften selbst gesetzte interne Recht. Entgegen dem Wortlaut betrifft das Kirchenrecht keineswegs nur Kirchen, sondern alle Religions und Weltanschauungsgemeinschaften, daher spricht man erweiternd auch von… …   Deutsch Wikipedia

  • Kirchenrecht — (lat. Jus ecclesiasticum, zu unterscheiden von jus canonicum, vgl. Kanonisches Recht), Inbegriff der Rechtsnormen, die für die Rechtsverhältnisse der Kirche (s. d.) als solcher und für diejenigen des einzelnen als Mitglied dieser Gemeinschaft… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Kirchenrecht — (Jus ecclesiasticum), der Inbegriff u. die wissenschaftliche Entwickelung der Normen, welche sich auf die äußere Ordnung die Kirche als eines gegliederten Organismus beziehen. I. Obschon die Küche als die Gemeinschaft, der Gläubigen zunähst nur… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Kirchenrecht — (Jus ecclesiastĭcum), Inbegriff der die Rechtsverhältnisse der Kirche und der Menschen als deren Glieder bestimmenden Grundsätze; zu unterscheiden das kath. K., dessen Quellen die Tradition, die Bestimmungen der Kirchenväter, Konzilien und Päpste …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Kirchenrecht — Jus ecclesiasticum …   Das große Fremdwörterbuch

  • Kirchenrecht — Kịr|chen|recht 〈n. 11; unz.〉 Gesamtheit der Rechtsvorschriften über Verfassung u. Verwaltung der Kirche u. über die Beziehungen ihrer Mitglieder untereinander * * * Kịr|chen|recht, das: 1. Gesamtheit der Rechtsvorschriften, die das kirchliche… …   Universal-Lexikon

  • Kirchenrecht —    heißt das Recht, das in der Kirche gilt u. ihr Leben als Gemeinschaft besonderer Art ordnet. In allen Kirchen (getrennten Konfessionen) gibt es Rechtsordnungen, die sich nach Begründung (aus dem ”Wesen “ der Kirche) u. konkreter Gestaltung… …   Neues Theologisches Wörterbuch

  • Kirchenrecht — Kịr|chen|recht …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Kirchenrecht, das — Das Kirchenrêcht, des es, plur. die e. 1) Die Gerechtsamen, Vorrechte, Befugnisse und Freyheiten einer Kirche und der dazu gehörigen Personen und Sachen. 2) Der Inbegriff der in kirchlichen Sachen von der kirchlichen Obrigkeit gegebenen Gesetze,… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht — Die Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht (abgekürzt ZevKR) ist eine 1951 von Rudolf Smend gegründete juristische Fachzeitschrift, in der Beiträge zum evangelischen Kirchenrecht und zum Staatskirchenrecht sowie Berichte zur Rechtsprechung… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.