London


London

London, Hauptstadt des brit. Reichs und insbesondere Englands, an beiden Ufern der Themse, 12 Meil. oberhalb deren Mündung, die größte Stadt und der erste Handelsplatz der Welt, immer fort sich weiter ausbreitend, hat über 7 deutsche Ml. im Umfang, 277500 Häuser, 16390 Straßen u. Gassen u. über 3 Mill. E. Die 3 Haupttheile der Riesenstadt sind: City (der Mittelpunkt des Handels und Reichthums), Westminster (der Aufenthalt der vornehmeren Stände) u. Southwark (Sitz der Fabrikindustrie). Die Verbindung der beiden Themseufer wird durch 7 Brücken und den berühmten Tunnel bewerkstelligt. Für amtliche und polizeiliche Zwecke ist L. in 4 Divisionen getheilt; 3 liegen auf dem nördl. Themseufer, nämlich Holborn od. Westend, Finsbury u. Tower-Hamlets, das ganze Ostende; eine, Brixton, auf südl. Ufer. Die Privatwohnungen, auch der reichsten Leute, sind äußerlich meistens einförmig, sogar unansehnlich, dagegen hat L. viele öffentliche prächtige Gebäude: die Paulskirche in der City mit großartiger Kuppel; die Westminsterabtei, ein gothisches Gebäude, der Begräbnißort der Könige u. ausgezeichneter Männer; Westminsterhall mit dem prächtigen neuen Parlamentsgebäude; ferner Guildhall, das Rathhaus der City, Mansionhouse, die Residenz des Lordmayors, die Münze, das Generalpostamt, das Hauptzollamt an der Themse, das Haus der ostind. Compagnie, der Temple, der Tower (1841 im Innern theilweise durch Brand zerstört), ein mittelalterliches mit Gräben umgebenes Castell, Verwahrungsort der Kronjuwelen, mit ausgedehnten, historisch merkwürdigen Zeughäusern; der Palast St. James, Hauptpalast der Krone, der Buckinghampalast, die Residenz der Königin; Whitehall, bis auf Karl I. Residenz, jetzt das Quartier des Oberbefehlshabers der Armee; Kensingtonpalast, Marlboroughhouse etc., das königl. Opernhaus, Haymarkettheater, die Nationalgallerie, das Haus des Staatsschatzes, die Bank, die Börse mit Lloyds Kaffehaus, die Admiralität etc. Kirchen und Kapellen gibt es über 700, Hospitäler 250, große Theater 21, Gefängnisse 12, unter denen Newgate das bedeutendste, Queensbench für Schuldner und geringere Vergehen, Milbank auf pennsylvanische Weise eingerichtet ist. L. hat herrliche Parks und Squares; die bekanntesten sind: St. James, Green- u. Hydepark, Kensingtongardens, Regentspark, Victoriapark, Batterseapark, Vauxhall und Cremornegardens sind öffentliche Vergnügungsorte, wie sie selbst Paris nicht hat, dazu kommt der Sydenham-Krystallpalast mit seinen Sehenswürdigkeiten aller Art. – Die öffentlichen Museen sind das British Museum (s. d.), die großartigste Sammlung in der Welt als Bibliothek, Sammlung von Naturgegenständen u. Kunstwerken, sowie die Nationalgallerie; den großen Reichthum der Privatgallerien hat man erst durch G. F. Waagen kennen gelernt. Die meisten Bildungsanstalten sind von der Gemeinde oder von Privaten ausgegangen, so die Bildungsschule für das engl. Recht Inns of court (s. Inns) die Universität, 1827 durch Privatmittel gegründet, erst seit 1838 mit Corporationsrechten, demnach als Staatsinstitut anerkannt; die gleiche Stellung haben: die Kunstakademie, die Westminstershool, Christs Hospital, Charterhouse, die königl. Gesellschaft. Alle übrigen Erziehungsinstitute, deren Anzahl sich auf wenigstens 5000 beläuft, gehören der Stadt oder Privaten, dessen ungeachtet wachsen viele Kinder ohne allen Unterricht auf, wie die Zahl der Leute, welche keine der vielen Kirchen besuchen, auf mehr als eine halbe Mill. berechnet wird. Vereine und Gesellschaften für Kunst, Wissenschaft, für Wohlthätigkeitszwecke gibt es großartige und fast zahllose: die königl. Gesellschaft für exacte Wissenschaften, die Linnéische Gesellschaft, das königl. Institut Großbritanniens, die zoologische Gesellschaft, die geographische Gesellschaft, die Gesellschaft für Entdeckungen im Innern Afrikas, die geologische Gesellschaft, die asiatische Gesellschaft, die astronomische, die Gartenbaugesellschaft etc.; weltbekannt ist die Bibel- u. Missionsgesellschaft (s. d.). – Die Polizei wird nicht wie in andern engl. Städten von den Bürgern selbst geübt, sondern dieselbe steht direct unter dem Ministerium des Innern (seit 1829) und beschäftigt 5000 Constablers; man berechnet (ein Bericht der innern Mission) die Zahl der Trinker auf 150000, der Diebe u. Hehler auf 36000, der Bettler auf 20000, lüderlicher Menschen beiderlei Geschlechts auf 150000. – Seine mächtige Entfaltung verdankt L. nicht allein dem Umstande, daß es Haupt- u. Residenzstadt ist, sondern vielmehr seinem Handel. Derselbe umfaßt die ganze Erde; jährlich laufen in die Themse 10–12000 große Seeschiffe und 8000 Küstenfahrer ein, so daß der Fluß von denselben, von Lichterschiffen u. Booten fast bedeckt ist, zwischen welchen kleine und größere Dampfer pfeilschnell hin- u. herschießen. Großartig sind die Docks (s. d.); Eastindiandocks, Westindiandocks, L.docks, Katharinedocks, Grand- u. Outerdocks, Commercialdocks etc., wo in den Lagerhäusern ungeheure Massen von Waaren aufgespeichert liegen. Die jährliche Ausfuhr u. Spedition, der Einfuhr ziemlich gleichkommend, beläuft sich auf 600 Mill. Thlr., die Zolleinnahmen bringen 66–76 Mill. Thlr. ein. Außer dem ungeheuren Speditionshandel findet sich auch in L. der Mittelpunkt für den Geldverkehr der Erde; außer der Bank von England bestehen 80 große Privatbanken und eine Menge mittlerer und kleinerer. Neben der Stockbörse besteht eine Kornbörse, unzählige Actien- u. Handelsgesellschaften, über 50 Assecuranzcompagnien. Natürlich ist auch der Kleinhandel von ungeheurem Belange; auch die Fabrikation ist sehr bedeutend (riesenmäßige Bierbrauereien, Zuckersiedereien, Seidenfabrikation, Luxusartikel jeder Art, seine Stahlwaaren etc.). L. ist zugleich der Mittelpunkt des brit. Buchhandels und der Publicistik; alle Parteien haben in L. ihre Hauptorgane. L. ist der Sammelplatz, wo sich die Männer von Stand und Einfluß aus allen Theilen des Landes zu gewissen Zeiten treffen; daher die vielen Clubs u. die zum Theil großartigen Clubhäuser. Eisenbahnen gehen von L. nach allen Richtungen aus, durchschneiden theilweise die Stadt und befördern eine wahre Fluth von Menschen, während daneben noch über 4000 Lohnkutscher Beschäftigung finden. Die Consumtion der verschiedenartigen Lebensmittel ist bei einer solchen Menschenmasse eine unermeßliche, indessen weichen die Zahlen, die wir angegeben finden, sehr stark von einander ab; daß die Lebensmittel besonders für die unteren Klassen der Bevölkerung fast durchschnittlich mehr od. weniger verfälscht werden, ist neuerdings polizeilich erwiesen worden; ebenso leiden viele Theile der Stadt Mangel an gutem Trinkwasser. – Die Verfassung von L. ist sehr eigenthümlich: City, Westminster und die 3 Divisionen der Vorstädte haben ihre eigene Gemeindeobrigkeit, wählen ihre Parlamentsmitglieder nach besonderen Wahlnormen, fast durchgängig im liberalen Sinne; die City namentlich übt einen bedeutenden politischen Einfluß aus. – L. war schon zur Zeit der celtischen Britannen ein bedeutender Ort und hob sich als röm. Colonie zu einem Hauptplatze. Es war eine der ersten Städte, deren sich die Sachsen bemächtigten; König Alfred wählte sie zur Residenz, Wilhelm der Eroberer ließ ihr die früheren Privilegien und L. spielte immer eine große Rolle bei den inneren Erschütterungen Englands von König Johann bis Karl I., wo ihre Miliz bereits über 20000 Mann betrug. Im Jahre 1665 sollen über 100000 Menschen an der Pest gestorben sein u. das Jahr darauf verbrannten 13200 Häuser, zu deren Wiederaufbau das ganze Reich besteuert wurde. Seitdem blieb L. von einem allgemeinen Unglück verschont und hat sich mit der Größe Englands von Jahr zu Jahr gehoben.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

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