Gastmähler und Mahlzeiten

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Gastmähler und Mahlzeiten

Gastm√§hler und Mahlzeiten. Wie der Geschmack das Bed√ľrfni√ü und die Production aus dem Pflanzen- und Thierreiche, waren sie zu allen Zeiten und bei fast allen V√∂lkern verschieden. Die Urv√∂lker a√üen ger√∂stetes Fleisch, rohe Pflanzenkost und opferten dergleichen, als G√∂ttermahlzeit, auch ihren G√∂tzen. Der Grieche sp√§terer Zeit opferte Herden und seine Prachtmahlzeiten waren gro√ü in Hinsicht auf die Menge und den n√∂thigen Raum. Der fr√ľhere R√∂mer a√ü einen gekneteten Mehlbrei, der sp√§tere bewirthete seine G√§ste mit einer Verschwendung, einem Erstaunen erregenden Ueberflu√ü und raffinirten Gaumenkitzel. Bei den Griechen speiste jede Person an einem besondern Tischchen, das zugleich als Teller diente. Die Kost war derbes Fleisch und Gem√ľse, seltener Fische und V√∂gel. Bekannt ist die herbe spartanische Suppe. Man a√ü mit den Fingern und wusch sich vor und nach der Mahlzeit die H√§nde. Den vermischten Wein reichten Sclaven herum. Die Angesehenen erhielten gr√∂√üere Portionen und wurden durch den Tanz und Gesang der Sclavinnen unterhalten. Obst wurde wenig aufgetragen, man geno√ü Zwiebeln, Milch, K√§se; Butter war noch unbekannt. Man a√ü gleich nach dem Aufstehen, 5 Stunden sp√§ter noch ein Mal, und Nachmittags, nach Beendigung der Gesch√§fte, folgte die Hauptmahlzeit. Es gab damals schon gemeinschaftliche Schm√§use, wo jeder der Geladenen Etwas mitbrachte, oder wo Einer allein bewirthete, so wie Hochzeit- und Leichenessen. Bei den Israeliten standen die Gastm√§hler mit den Opfern und B√ľndnissen, so wie auch mit Familienereignissen, z. B. Geburtstagen, Hochzeiten etc., in Verbindung, und wurden meist nach Sonnenuntergang gehalten. Man wusch den G√§sten bei ihrer Ankunft die F√ľ√üe, salbte ihnen Bart und Haar, selbst auch die Kleider mit wohlriechenden Oelen und schm√ľckte ihr Haupt mit Blumenkr√§nzen. Wollte man ihnen besondere Ehre erweisen, so setzte man ihnen eine doppelte, ja f√ľnffache Portion vor. Musik, Sprichw√∂rter, R√§thselaufgaben, Tanz belebte die Unterhaltung, die oft bis sp√§t in die Nacht hinein dauerte. Beim Abschiede r√§ucherte man die G√§ste und besprengte sie mit k√∂stlichem Wasser. Selten erschienen Frauen bei diesen Gastm√§hlern, aber Sclavinnen warteten auf, und es war f√ľr jede Art der Bequemlichkeit gesorgt Die √§ltern R√∂mer lebten sehr einfach und jeder Hausvater verzehrte seine m√§√üige Mahlzeit mit den Seinigen am Feuerherde vor den Familieng√∂ttern (Laren). Die vornehmsten Staatsbeamten und Feldherren, die, wenn sie kein Amt bekleideten, das Land mit eigenen H√§nden bauten, genossen mit ihrem Gesinde an einem Tische ein l√§ndliches Mahl, das sie selbst bereiteten oder ihnen die Frauen auf's Feld brachten. Suppe und warmes Essen waren damals noch unbekannt, eben so das Brodbacken; zum Fr√ľhst√ľck trank man Meth. Das zweite Fr√ľhst√ľck war schon eine solide Mahlzeit, das Hauptessen bestand aber aus mehreren Gerichten, worunter Fleischspeisen die Hauptrolle spielten. Bei Einladungen wurde das Hauptgericht besonders angef√ľhrt. Der Nachtisch bestand aus Fr√ľchten und Honig. Man sa√ü auf Ruhebetten halbliegend und hatte besondere Kleider bei Tische. Als Ueppigkeit, Reichthum und schlechte Sitten in Rom einzogen, √ľbertrafen die R√∂mer die schwelgerischen Griechen bei weitem in der Verschwendung bei der Tafel, und es wurde das Thier- und Pflanzenreich der ganzen damals bekannten Erde und des Meeres gepl√ľndert, um den verw√∂hnten Gaumen zu kitzeln. Man a√ü Pfauen, Fasanen, V√∂gel aus Ionien, indische H√ľhner, Nachtigallen, Krammetsv√∂gel, G√§nse, Enten, Fische, Austern und Desserts von Aepfeln, Birnen, Oliven, Feigen, Weintrauben, Pistacien, Datteln, Ananas, Confect etc. Mit ungeheuren Kosten legte man Fischbeh√§lter an, in die man das Meerwasser leitete und darin Seefische f√ľtterte und z√§hmte, so da√ü sie auf den Ruf des W√§rters heranschwommen. Die H√§user, worin V√∂gel und Hafen gezogen wurden, waren Prachtgeb√§ude; Obstkammern errichtete man mit der gr√∂√üten Zierlichkeit, M√§use f√ľtterte man in F√§ssern, Schnecken in Gehegen, so da√ü ein Schneckenhaus oft zu einer Gr√∂√üe wuchs, da√ü es 10 Quartiere fa√üte. Der Feinschmecker a√ü nur Pfauen aus Samos, H√ľhner aus Phrygien, Kraniche aus Melos, Thunfische aus Chalcedon, Hechte aus Passinus, Austern von Tarent, Muscheln von Chios, Seefische aus Rhodus und Cilicien, N√ľsse aus Thasos, Datteln aus Aegypten, s√ľ√üe Eicheln aus Spanien etc. Ein Paar Trauben kosteten 13 bis 70 Thaler, ja sogar 111 Thaler, Krammetsv√∂gel 15 Groschen, ja in einem Jahre wurden zu Triumphfestgelagen aus einem Vogelhause 5000 St√ľck, im Preise von 4165 Thalern verkauft. Den Prasser Lucullus kostete eine Mahlzeit f√ľr zwei G√§ste 6000 Thaler. Dieser reiche Mann hatte 5000 Prachtgew√§nder f√ľr Schauspieler vorr√§thig, welche seine G√§ste unterhielten, und lie√ü 100,000 Eimer griechischen Weines unter das Volk vertheilen. Er erkl√§rte, nebenbei gesagt, nur den f√ľr reich, der eine Armee aus eigenen Mitteln zu errichten im Stande sei, wie er gethan. ‚Äď Apicius nannte das wilde Schwein das reichste Feld des Geschmackes, weil es f√ľnfzigerlei Lekkerbissen an sich habe. Er reiste nach Afrika, um eine eigene Hummerart kennen zu lernen und vergiftete sich, als er noch reich war; denn der Mann, der Millionen in der K√ľche vergeudete und den einzelne Gastm√§hler so viel kosteten, als wenn ein Kaiser das ganze Volk speiste, glaubte Hungers zu sterben, als sein Verm√∂gen etwas geschmolzen war. Man a√ü nicht mehr des Hungers, selbst nicht des Geschmackes wegen, sondern wegen anderer Nebenkitzel. Den Appetit beim Genusse einer Nachtigallenzunge reizte der Gedanke an ihren sch√∂nen Gesang. Ein Gericht war sch√∂n, wenn es die Quintessenz von ungeheuren Massen bildete. Apicius empfing seinen Bruder mit einem Gastmahle von 5000 der ausgesuchtesten Fische und 7000 V√∂gel. Vitellius lie√ü auf einer gro√üen Sch√ľssel, Schild der Minerva genannt, Lebern von Seefischen und Fasanen, Pfauengehirne, Zungen von Goldfasanen, Milch von Mur√§nen (Fischart aus dem Mittelmeere, die man zuweilen mit Menschen- (Sclaven-) Fleisch f√ľtterte) etc. auftragen. Der Mullus, ein Seefisch aus der Familie der Barsche, war beliebt, weil er im Sterben seine Farbe so sch√∂n ver√§nderte. Die G√§ste hatten ihn in Gl√§sern vor sich, weideten sich an der Marter und a√üen ihn dann, wenn er in Fischroggenextract, nach der Angabe des Apicius, gestorben und zubereitet war. Crassus gab dem Volke auf 3 Monate Korn und speiste es an 10,000 Tischen mit einer solchen Reichlichkeit, da√ü t√§glich eine Masse Lebensmittel in den Flu√ü geworfen werden mu√üte, und der Wein, wirklich im Sinne des Wortes, str√∂mte. Bei C√§sar's Gastm√§hlern wurden immer neue St√ľcke servirt und die eben angeschnittenen weggetragen. Zahllose Sclaven nach Nationen vertheilt, k√∂stlich gekleidet, bedienten die G√§ste; S√§nger, Gelehrte, Schauspieler, K√§mpfer, T√§nzer und T√§nzerinnen; fechtende M√§dchen trugen zur Unterhaltung bei. Der Wein (wovon man 80 seine Sorten hatte) wurde mit prunkenden Zetteln, worauf Alter und Sorte verzeichnet war, versehen, kredenzt. Ge√ľbte Vorschneider tranchirten nach dem Takte der Musik mit heroisch-zierlichen Gesten, Knaben wischten den Abfall mit seinen Stoffen auf, die Toaste brachte der durch W√ľrfeln bestimmte Gastmahlsk√∂nig aus. Man a√ü nicht um des S√§ttigens, sondern blo√ü um des Schmeckens willen. Vor dem Essen machte man sich Appetit durch Leibes√ľbungen, B√§der, Anschauen Appetit erregender Gegenst√§nde, hungrig-schmausender Sclaven etc. Man setzte die Laren und Salzf√§sser auf die Tafel, schm√ľckte sich mit Kr√§nzen und Kr√§utern, die den Rausch abhalten sollten etc. Frauenzimmer scheinen nur bei Hochzeitsm√§lern und im engern Familienkreise bei Tische gegenw√§rtig gewesen zu sein. Sie verlie√üen das Gelage wenn die st√§rkeren Weinsorten unvermischt aufgetragen wurden, so wie heut' zu Tage in England. (S. d. A. englische Mahlzeiten.) Man schlo√ü die Tafel mit Gebeten und Libationen, worauf der Wirth Geschenke austheilte und sie verlosen lie√ü. Man bat sich mit seinen Freunden selbst zu Gaste bei gastfreien Leuten, f√ľhrte sans g√™ne Freunde ein und war bei Tische so ungenirt wie jetzt. Es gab reiche Freigelassene, bei welchen der Ritter und Patrizier nicht zu essen verschm√§hte, wenn ihre Tafel gut war. Sie suchten die Vornehmen an Luxus zu √ľberbieten, um die Schmach der Herkunft zu bedecken. Wie bescheiden sind dagegen unsere Gastm√§hler, die in vielen Beziehungen wie alle unsere Sitten und Lebensverh√§ltnisse noch ein Abglanz r√∂mischer Vorbilder sind. Apicius brauchte f√ľr sich allein t√§glich mehr, als das feinste englische Diner, dem die h√∂chsten Notabilit√§ten beiwohnen, kostet, und unsre Bedienung bei Tische ist gegen das Heer der K√∂che, Sclaven, Sclavinnen und Kinder, die alle ihre eigenen Functionen hatten, nicht zu vergleichen. Wir essen nicht mehr so derbe Kost wie z. B. deutsche Kaiser vor 600 Jahren, die sich mit ungenie√übaren Reihern, Schw√§nen und B√§renfleisch auf ungedecktem Tische begn√ľgten, sind aber in der K√ľche auch so weit gediehen, da√ü Milchreis nicht mehr eine f√ľrstliche Leckerei und Zucker nicht eine gro√üe Seltenheit ist. Wir essen in Deutschland um 12 oder 1 Uhr, je nach den Gesch√§ften, aber auch um 3 und 4 Uhr. S√ľdl√§nder, der gro√üst√§dtische Franzose und der fleischliebende Engl√§nder speist um 5, 6, 7 Uhr zu Mittag. Der Franzose liebt viele Gerichte, die in mehreren G√§ngen und zierlicher Zubereitung auf die Tafel kommen; er will Geschmackreiz in kleiner Menge und ist im Ganzen bei seinen Gastm√§hlern m√§√üig, zierlich, heiter und trinkt wenig. In England liebt man gro√üe, in die Augen fallende Fleisch- und Fischspeisen ohne viele Entremets, i√üt mehr und trinkt nach dem Abgange der Damen, viele und schwere Weine. Gro√üe politische Vorbereitungen, allgemeine Festlichkeiten, Ehrenbezeigungen etc. heiligt stets ein Gastmahl. Der Deutsche ist im Essen kein r√∂mischer W√ľstling, der das Fremdartige versucht, wenn er es auch nicht verschm√§ht. Seine liebsten Gerichte sind seine heimathlichen; der Freund der Seefische hei√üt bei uns schon Gourmand. Der Franzose mu√ü schon Tr√ľffeln von Perigord, Pasteten aus Stra√üburg etc. haben. Indessen ist wie in den Sitten, so auch die deutsche K√ľche eine Mischung und Nachahmung fremder Kost, jedoch ohne Ausartung.

D.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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