Neapel

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Neapel

Neapel. ¬ĽVedi Napoli e poi muori¬ę ‚Äď (Sieh' Neapel und dann stirb!) so ruft ein brauner Lazzarone dich an, der stolz und malerisch in seinen Lumpen auf der H√∂he von St. Elmo in der Sonne liegt und mit ausgestreckten Armen auf sein herrliches K√∂nigreich deutet, in welchem der Stein nicht sein ist, worauf er den Kopf zur Nachtruhe bettet, oder zur tr√§gen Siesta. Und dein Blick folgt dem weiten Kreise, den seine Hand bezeichnet und sein dunkles Auge √ľberschauet. Welche Herrlichkeit, welche W√ľrde der Welt! ‚Äď das ist Parthenope, der Jungfrau Antlitz (so nannten die alten Dichter Neapel), die da ruhet am Saume des sch√∂nsten Meerbusens der Erde. Welch' ein Azurblau des wolkenlosen Himmels; wie strahlt es zur√ľck aus der krystallreinen Meerestiefe, wie spielen darin zum lieblichen Kranze geordnet, alle die rein gezeichneten Bilder des prachtvoll geschm√ľckten Uferrandes! ‚Äď Welche wunderbare Weihe im Duft- und Lufttone hat dieses Panorama aus dem Lande, wo die Orange bl√ľhet, √ľberhaupt ‚Äď welcher Zauber der zartesten Farbentinten ist dar√ľber ausgegossen! welche Wollust im Einathmen der lauen, balsamischen L√ľfte, die der Seewind erfrischt! Der Eindruck des Ganzen ist so berauschend, da√ü der Beschauer M√ľhe hat, im Kreise herum, dem Einzelnen zu folgen. Dort unten liegt Neapel ‚Äď eine fremde Welt, mit seinen flachbedachten Pal√§sten, byzantinischen Kirchen und heitern Orangeng√§rten auf der lustigen Lastrico der D√§cher. Wei√üe H√§user mit hellgr√ľnen Jalousien, zartgegitterten Balkons, blendenden Markisen, dehnen sich in langen schimmernden Linien an den Baumreihen der reizenden Kais dahin. Dort im hellen Krystallglase des Meerbusens spiegeln sich die Baumgruppen und Pal√§ste der Villa-reale von den Zauberg√§rten Armidens umgeben, da die belebte Uferstra√üe der Chiaja, dann die wei√üen, lang gestreckten Geb√§ude der Darsena, der Molo, der Vesuv, eine Welt von wei√üen Villen, D√∂rfern und St√§dten, die den Golf umgeben. Und gleich befiederten Schw√§nen ziehen wei√üe Segel mit den Flaggen aller Nationen dar√ľber hin von den duftig fernen Inselh√∂hen von Capri, Portici und Ischia, die den Eingang des Golfs von Neapel zu bewachen scheinen, bis zu dem Hafen aus welchem der schlanke Molo oder Leuchtthurm wie eine geweihte Kerze zum Himmel aufsteigt. Dem Amphitheater der Stadt schlie√üen sich die H√∂hen von St. Elmo, von Camaldoli, der sanft sich erhebende Pausilippo, der k√ľhn emporragende Felsen Pizzifalcone an, alle mit Castellen oder Kl√∂stern gekr√∂nt, mit Wein- und Citroneng√§rten umkr√§nzt; aber Alle √ľberragt, wie ein Riese unter Pygm√§en, der m√§chtige Vesuv, der die ewige Feuerkrone auf dem kahlen Scheitel tr√§gt. Wie drohende Furchen, so ziehen sich verwitterte Lavastr√∂me √ľber das greise Antlitz des Riesen, w√§hrend ein lichtgr√ľnes Gewand, mit den Perlen wei√üer Landh√§user gestickt, mit Orangeng√§rten und Rebengel√§nden umkr√§nzt, noch jugendlich eitel seine langgestreckte Gestalt umh√ľllt. St√§dte, Kl√∂ster und Pal√§ste ‚Äď selbst der k√∂nigl. Palast von Portici ‚Äď liegen an seinem Fu√üe, ohne dadurch die Gefahr abzuwenden, die dort Pompeji, da Herkulanum vor Jahrtausenden, aus dem Reiche der Lebenden vertilgt hatte. Und folgt das Auge von dort aus der, wie Amorsbogen gewundenen Uferlinie, so schimmern ganze Reihen von St√§dten und Flecken, als Pompeji, P√§stum, Amalfi und in weiter Ferne die wei√üen Mauern von Tarent, wo (1531) Tasso dichtete, aus dem dunklen Gr√ľn der Orangen und Ulmen heraus. Gegen√ľber in der reizenden Bucht von Baj√§ hatte schon, 1600 Jahre fr√ľher, Virgil, an derselben Quelle einer entz√ľckenden Natur die g√∂ttliche Begeisterung getrunken. Und so rollt sich dann die Bai von Neapel vom Cap Misene bis zum Vorgebirge der Minorra, den fast geschlossenen Kreis bildend dort auf vor unsern Blicken und gew√§hrt ein eben so erhabenes als anziehendes Bild. Der weite Horizont verschwimmt am azurblauen Himmel. Auf der H√∂he des Meeres schimmert der wei√üe Schaum der Wellen, die sich an den schwarzen Klippen von Capri brechen, da wo einst Tiber, der woll√ľstige Tyrann, wie ein Ungeheuer in seiner H√∂hle hausete. Gegen√ľber steigt die gr√∂√üere Insel Procida, ein lichtgr√ľnes Eiland, im √ľppigsten Pflanzenschmucke, aus der spiegelhellen Meeresfl√§che empor; daneben erhebt sich die kleine Berginsel Ischia, deren Vulkan, der steile Epomeo, l√§ngst eingeschlafen ist; aber noch zur Zeit Virgils hatte er getobt, denn der r√∂mische Dichter sang vom Riesen Typh√§us, der unter der Last des Berges von Ischia erliegend seine Wuth eben durch den Schlund austobte. Dort rechts von St. Elmo, dem Vesuv gegen√ľber, kr√ľmmt sich in weichen Wellenlinien der Berg Pausilippo, die schon genannte Bucht von Baj√§ umschlie√üend, aber nur noch wenige Steintr√ľmmer, die zwischen Oleander und Myrthengestr√§uch, von Feigenb√§umen √ľberschattet, umherliegen, erinnern an die Pal√§ste und B√§der der √ľppigen R√∂mer, welche vor Jahrtausenden hier ihre schwelgerischen Orgien feierten. Fluthen rollen jetzt √ľber die Spuren gl√§nzender Marmorvillen, wo, wie ein Zeitgenosse sang, jede Penelope zur Helena geworden war. Eine schaurige Stille ruhet auf dieser Bucht, als ob die heilige Natur ihre Entweihung durch die Ausschweifungen des Caligula und Nero betraure, und erstarre √ľber den hier ver√ľbten Muttermord an Agrippina, die Nero, ihren M√∂rder, geboren hatte. So gew√§hrt jeder Zoll der reizenden Umgebung Neapels gro√üe, klassische Erinnerungen, und wir erw√§hnen nur noch den nahen Avernersee, die elis√§ischen Gefilde, die unsern liegen, von der Grotte der Cum√§ischen Sybille, den Lucriner See, den einst C√§sar zum Golischen Kriegshafen umschuf, die Thermen des Nero und unz√§hlige andere Denkw√ľrdigkeiten. Mit dem Blicke links auf die lange Kette der Apenninen, deren mit Schnee bedeckte Wipfel am blauen Horizont schimmern, sei dieses Rundgem√§lde von Neapel und seinem Meerbusen geschlossen. ‚Äď Steigen wir herab in das Gew√ľhl der Stra√üen der Haupt- und Residenzstadt des K√∂nigreichs beider Sicilien, so umf√§ngt uns das Gedr√§nge einer Tag und Nacht hindurch bewegten Volksmenge von 400,000 Menschen. Welch' ein s√ľdliches Leben in dieser immer wogenden Menschenwelt, die Alles so √∂ffentlich treibt, da√ü die Stra√üe das Haus der Bewohner geworden zu sein scheint! dieses Geschrei durch einander, diese wilde verzerrte Gesticulation, diese wunderliche Zeichensprache mit den Armen, die sie wie Windm√ľhlenfl√ľgel bewegen, ist nur dem Neapolitaner eigen. Die M√§nner dieses Volkes sind fast durchaus sch√∂n, dunkelbraune Kern- und Kraftgestalten mit gro√üen, schwarzen Augen, malerisch leicht bekleidet; und doch machen sie keinen bleibenden Eindruck auf den Fremden. Die Unbeweglichkeit der Gesichtsz√ľge contrastirt zu unangenehm mit jener fast krampfhaften Lebhaftigkeit der Action, um nicht den Begriff von Falschheit zu erwecken, den tausendj√§hrige Knechtschaft in dem Charakter dieser sonst so einfachen Naturs√∂hne entwickelt haben mag. Der Blick des Neapolitaners ist unsicher umherschweifend, wie das b√∂se Gewissen, und w√§re der Gang dieser Salvator-Rosa-Figuren nicht weibisch und schleppend, man w√ľrde f√ľrchten, das Banditenmesser schon zwischen den Rippen zu f√ľhlen, indem man an diesen wilden Lazzaroni-Gestalten vorbeigeht, wovon 30,000 die Marmorstufen der Pal√§ste und Kirchen, den Hafendamm der heiligen Lucia und den Strand der Mergelina belagern. Unter den Frauen Neapels, besonders in den h√∂heren St√§nden, gibt es allerdings gl√§nzende Sch√∂nheiten, und Bildung und Sittsamkeit haben ihnen das Feuer des hei√üen Blutes zur reizenden Anmuth gel√§utert; allein im allgemeinen ist die Neapolitanerin nicht sch√∂n, nicht einmal h√ľbsch zu nennen. Ein graulicher Widerschein gibt ihrer Haut ein fahles, fast kr√§nkliches Ansehen, ihr Gang ist tr√§ge, ohne Anmuth der Haltung, und doch fehlen ihnen nicht alle Reize; aus ihren Augen spr√ľhen Flammen; in ihren Z√ľgen herrscht so viel sprechende Lebhaftigkeit, da√ü eben diese Ahnung des tief im Innern spr√ľhenden Gluthherdes der Gef√ľhle ihren Anblick so fesselnd und anziehend macht. Die Neapolitanerin ist naiv zum Err√∂then und kennt doch diese zarte Regung des sittlichen Gef√ľhls unserer Nordl√§nderin nicht; dabei sind die M√§dchen keusch in der Liebe, bis der Frauenstand ihr neben dem Gatten noch den Geliebten zu erh√∂ren gestattet. Nur im Gebete ist die Jungfrau sinnlich und leidenschaftlich; der Heilige ist ihr Geliebter, Christus ihr Br√§utigam. Von den Stra√üen Neapels ist die des Toledo die belebteste. Sie ist vielleicht die einzige ger√§umige und fahrbare Stra√üe, die mit zahllosen Pal√§sten geschm√ľckt, das enge Gassengewirr der Stadt in seiner ganzen L√§nge durchschneidet. Hier ist der Mittelpunkt alles Volkslebens. Das Geschrei von tausend Feilbietenden und Wunder verk√ľndenden Ciarlatanis, oder von w√ľthenden Morra-Spielern, die sich ihre Zahlen in's Ohr schreien, erf√ľllt die Luft. Dort sitzt der Schuhmacher, da der Schneider in seiner Werkstatt auf der Stra√üe, da hobelt der Tischler, dort h√§mmert ein Schmidt oder Blechschl√§ger, als ob es nur g√§lte, den H√∂llenl√§rm zu vermehren. Da an der Ecke sitzt der √∂ffentliche Schreiber (Scribano) und verfertigt den harrenden Kunden Liebesbriefe oder dem√ľthige Suppliken; dort an der Pfanne eines Friggitore (Garkochs) steht ein Haufen nackter Lazzaronis, und jeder verschlingt behaglich die ellenlangen Macaronis; daneben fleht ein barf√ľ√üiger M√∂nch in brauner schmutzigen Kutte, per la Carit√† di Dio, um ein Almosen f√ľr die im Fegefeuer brennenden Seelen; dicht dabei h√§lt ein begeisterter Improvisatore in wohllautenden Stanzen seinen Vortrag, und Kupferm√ľnze regnet daf√ľr in seinen durchl√∂cherten Hut, den der Schnelldichter vor sich auf den Boden gestellt hat. Dort hat sich eine Gruppe grotesker Gestalten gelagert, um dem Vorleser einer sch√∂nen R√§ubergeschichte vom Angelo Duca, oder dem Gran Tessano aus den nahen Bergen Calabriens, oder um den schlanken Schiffer, der die sch√∂nsten Ottaverime aus Tasso's befreitem Jerusalem pathetisch im singenden Tone declamirt. Vor jener Heiligenblende sieht man Hirten aus den Abbruzzen, mit dem Ziegenfelle auf den nackten Schultern, der heiligen Madonna ein St√§ndchen auf dem Dudelsacke bringen. Nicht weit davon tanzen zwei Sicilianerinnen die Tarantella, nach dem Takte einer monotonen Musik, und dazwischen dr√§ngt sich der Acquajuolo, um dir f√ľr einen Gran das frischeste, oft mit Pezzi (oder Eisst√ľcken) gek√ľhlte Wasser zu bieten. Der Calessero hat M√ľhe, sein einsp√§nniges, mit Menschen √ľberladenes Carriculo durch die Menge zu arbeiten; gl√§nzende Equipagen, mehr altmodig, prachtvoll mit Federb√ľschen, Schellen und Troddeln geschm√ľckt, als elegant und modern, fahren durch das so seltsam verschlungene Menschengew√ľhl dem k√∂niglichen Palaste auf dem Platze von San Spirito zu, oder Abends zur Promenade der eleganten Welt auf den sch√∂nen Uferstra√üen der heiligen Lucia und der Chiaja. Ost genug freilich sind sie aufgehalten durch die Procession der vermummten frommen Br√ľderschaft oder durch die Lazzi und Sp√§√üe eines Policinello oder den Purzelbaum eines Pagliazzo. Hier entfaltet sich auch an gro√üen Kirchenfesten ‚Äď wie am Tage des heiligen Januarius, wo das Wunder des Fl√ľssigwerdens des ausgestellten Blutes Christi geschieht ‚Äď die gl√§nzendste Pracht; seidene Teppiche wehen von allen Balkonen, Fahnen und Blumen und geschm√ľckte Frauen mit wehenden T√ľchern bilden die Zierde der Balustraden und Fenster; oder, zu anderer Zeit, wenn die freigelassenen kleinen Rennpferde (Barberi) ohne Reiter durch das Volksgew√ľhl jagen, das mit wunderbarer Sicherheit vor ihnen sich √∂ffnet und hinter ihnen sich schlie√üt, w√§hrend Jauchzen und Flaggen der T√ľcher die Luft erf√ľllen. Gewaltsam m√ľssen wir uns losrei√üen von dieser Masse der Bilder, die immer neu und nimmer endend sich uns aufdr√§ngt, um noch Raum zu gewinnen f√ľr einige andere topographische und geschichtliche Mittheilungen √ľber Neapel. ‚Äď Wahrlich die Natur hat Gro√ües f√ľr diese herrliche Stadt gethan, aber die Kunst scheint dabei verarmt zu sein; keine grandiose Bauladen); keine bedeutenden Werke der Bildhauerkunst und Malerei fesseln dort den kunstsinnigen Beschauer, der vielleicht von den Kunstsch√§tzen, die Rom, Florenz, Mailand u. A. ihm darboten, schon √ľbers√§ttigt die sonnige Parthenope erreichte. So zeichnet sich auch von den 121 Kirchen, 130 Kapellen und vielen Kl√∂stern Neapels nichts durch Sch√∂nheit des Baustyls aus. Die bedeutendste ist noch die des heiligen Januarius; f√ľr die sch√∂nste halt man: il Gesu novi, welche die beste Kuppel hat. Die Kirche des reichen Frauenklosters St. Chiara gleicht mehr einem Ballsaale als einem Tempel, √ľberhaupt tr√§gt die Religion in Neapel mehr den heitern als d√ľstern Charakter. F√ľr die Carthause von San Martino, die unter dem Schlosse St. Elmo liegt, und jetzt Invaliden zur Wohnung dient, hat die Natur mehr gethan als die Kunst, durch die wunderherrliche Aussicht, die man von dort herab genie√üt. Das Fort von St. Elmo beherrscht die breite Toledostra√üe, andere Castells sch√ľtzen die Stadt nach au√üen, wie das Castell dell' Uovo. das auf einem eif√∂rmigen Felsen in das Meer hineinragt. Unter den Pal√§sten zeichnet sich das k√∂nigliche Schlo√ü durch edle Bauart aus; der k√∂nigl. Palast zu Capo di Monte ist unvollendet, enth√§lt aber viele Gem√§lde und andere Kunstsachen. Die alte Residenz: la Vicaria ist jetzt Justizpalast und dient als Gef√§ngni√ü. Das Museum Bourbon, im Palast degli Studi, umfa√üt antike Kunstsch√§tze, unter denen jedoch nur wenige gro√üe Auszeichnung verdienen; zu den ber√ľhmtesten geh√∂rt der farnesische Herkules und die Venus Kallipyga. Es gereicht inde√ü Neapel zur Ehre, da√ü die Stadt an 60 wohlth√§tige Stiftungen enth√§lt. F√ľr die Unterhaltung der eleganten Welt sorgen 4 Theater, unter welchen das pr√§chtigste, San Carlo, 1815 abgebrannt war, dann aber sch√∂ner wieder aufgebaut ist. Zu den Sehensw√ľrdigkeiten der n√§chsten Umgebungen von Neapel geh√∂ren au√üer den schon genannten, die Grotte des Pausilippo, eigentlich ein uralter, an tausend Schritt langer, Tunnel, durch welchen die alte R√∂merstra√üe sich nach Neapel zieht, mit dem Columbarium oder den Gr√§bern Virgils, die bekannte Hundsgrotte, in welcher erstickende D√§mpfe √ľber dem Boden schweben; die Solfatara, jenes vulkanische Thal, wo man nur mit einem Stocke in die Erde zu sto√üen braucht, um Flammen und Schwefeldampf hervorbrechen zu lassen; der Riesenbau des k√∂niglichen Palastes Caserta mit dem 12 Miglien langen Aquaduct; Pompeji und Herkulanum (s. d.), diese ausgegrabenen R√∂merst√§dte, deren von den W√§nden abges√§gte Frescogem√§lde mit anderen aufgefundenen Antiken in 16 Zimmern des alten Lustschlosses von Portici aufbewahrt werden. ‚Äď Der Charakter Neapels ist ein heiterer Gegensatz der grandiosen Einfachheit des r√∂mischen Lebens. Ein blendender schillernder Geschmack, an lebhaften, bunten Farben, kleinlichen gl√§nzenden Zierathen ist vorherrschend. Alles dort ist grell geputzt, von der Architektur der H√§user und Pal√§ste bis herab zu der mit Gold- und Silberpapier beklebten Bude des Acquajuolo. Equipagen, Miethwagen und Calessi gl√§nzen in den schreiendsten Farben, mit reich betre√üten Livreen; die sch√∂nen neapolitanischen Rosse sind mit Federb√ľschen, Schellen und Frangen geschm√ľckt; an allen Buden flattern Flaggen, bunte Fahnen und Teppiche. Ueberall L√§rm, Ausgelassenheit und Luft. In Neapel genie√üt man der Gegenwart, in Rom der Vergangenheit. Neapel ist eine Wonne f√ľr jeden lebenslustigen Fremden, aber eben de√ühalb l√§√üt sich die reizende Parthenope, mit der sch√∂nen Helena vergleichen ‚Äď viel Helden haben schon um ihren Besitz gek√§mpft und geblutet; so lehrt: ‚Äď Neapels Geschichte. ‚Äď Mag nun die Stadt Neapel, wie dunkle Sagen berichten, von dem Argonauten Falernus, oder von der Syrene Parthenope, vom Herkules, Ulysses, Aeneas, oder, wie wohl das Wahrscheinlichste ist, von griechischen Kolonisten begr√ľndet sein: so bleibt doch so viel gewi√ü, da√ü sie in den √§ltesten Zeiten schon Ansehen und Wohlstand erlangt hatte. Im dritten Jahrhunderte vor Chr. Geb. hat Hannibal sie mit seinen Karthaginensern vergebens belagert. Sie blieb eine treue Verb√ľndete der R√∂mer, die in Neapels Umgebungen Luftwohnungen anlegten und sie zu der zweiten Hauptstadt des ungeheueren R√∂merreichs erhoben. Selbst die Wuth der Vandalen, eines Alarich und Genserich, denen Rom erlag, brach sich an Neapels hohen Mauern. Belisar eroberte die Stadt durch unterirdische G√§nge, Totila schleifte ihre Mauern; frei unter den Lombarden, wurde sie sp√§ter eigenen Herz√∂gen unterworfen. Tancred, nachher Heinrich VI., ein Sohn Friedrichs Barbarossa, regierten hier; Konradin, der Enkel Friedrichs II., fiel durch Henkersschwert auf Befehl des grausamen Karls von Anjou, der nun Neapel besa√ü, jedoch unter p√§pstlicher Oberhoheit. Dann wurden die Franzosen, unter Karl VIII., Neapels Beherrscher, endlich gewann es der schlaue Ferdinand von Aragon (1504), und die √ľberm√ľthigen Spanier besa√üen das ungl√ľckliche Land. Vicek√∂nige herrschten dort als Tyrannen und Satrapen, bis Neapel (1714) an das Haus Oestreich fiel. Unter den fr√ľheren Beherrscherinnen Neapels waren Johanna I. und Johanna II. (s. d. A.) die denkw√ľrdigsten. Nach kurzem Besitze √ľbergab Oestreich Neapel an die Bourbons. So erhielt Neapel unter dem Titel des K√∂nigreichs beider Sicilien seit Jahrhunderten zuerst wieder zum Herrscher den Sohn Philipps von Spanien, Karl III., diesem folgten Ferdinand I., Franz I. und seit 1830 Ferdinand II. ‚Äď Doch w√§hrend der vielen Jahrhunderte, die hier im raschen Ueberblicke aufgerollt vor uns liegen, fehlte es nicht an blutigen K√§mpfen, innern Aufst√§nden, deren Herd die Stadt Neapel war, an Episoden und m√§chtigen Einwirkungen von Au√üen. Dahin geh√∂ren der unserer sch√∂nen Welt durch Aubers Oper: die Stumme von Portici, bemerkenswerth gewordene Aufstand der Schiffer und Lazzaroni, als deren Haupt und F√ľhrer Masaniello (Tomaso Aniello), ein junger Fischer aus Amalfi, zu mehr als k√∂niglicher Macht sich (1647) erhob, dann tragisch endete. Ferner (1799) der erste Schwindel der Parthenop√§ischen Republik, erregt durch die franz√∂sische Revolution; die grausame D√§mpfung dieses Aufstandes durch den Kardinal Ruffo, der an 90,000 blutgierige Calabresen nach Neapel gef√ľhrt hatte und nun wie G√∂the's Faust die Geister der Rache, die er herauf beschworen, nicht wieder bannen konnte. An 24,000 M√§nner, Frauen und Jungfrauen aus den edelsten Familien wurden die Opfer dieser schaudervollen R√§ubertribunale, der Vomero f√ľhrte Wellen von Blut dem Meere zu, mehr als 40,000 Menschen aus den gebildeten St√§nden schmachteten und starben zum Theil in Gef√§ngnissen, und die K√∂nigin Karoline triumphirte √ľber eine gemordete Stadt. (Eine romantische, aber historisch treue Erz√§hlung dieses Aufstandes und seiner blutigen Beruhigung enth√§lt: ¬ĽDer Calabrese, Erz√§hlung aus Neapels Schreckenstagen von H. E. R. Belani.) Dann folgte, als Episode die Vertreibung der K√∂nigsfamilie nach Palermo, dort die Abh√§ngigkeit derselben von englischen Einfl√ľssen, in N. aber die Alles reformirende napoleonsche Herrschaft Murat's (1808‚Äď1815), und als nun mit der R√ľckkehr der alten K√∂nigsfamilie alles gewonnene Frische im Staatsleben Neapels wieder umgesto√üen wurde, da regte sich die allgemeine Unzufriedenheit, und namentlich die Vendittas (oder Logen) der Carbonari, jener politischen Verbindung exaltirter Liberalen, wuchsen zu einer Macht von 60,000 Verschwornen an. Die Begeisterung war rauschend, aber nicht dauernd, ganz angemessen dem Nationalcharakter der Neapolitaner, und so bedurfte es denn kaum des Vorr√ľckens der √∂streichischen Heere, in Folge der zu Laibach gefa√üten Beschl√ľsse der heiligen Allianz, um dem ganzen, mit vieler W√ľrde und Glanz unblutig aufgef√ľhrten Revolutionsdrama eben so unblutig ein Ende zu machen. Bessern Zeiten sieht Neapel seit 1830 unter seinem jetzigen K√∂nige Ferdinand II. entgegen. (S. Sicilien, K√∂nigreich beider.)

B....i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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