Stuttgart


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Stuttgart In einem lieblichen, von wald- und weinreichen Hügeln umgebenen Thale breitet sich längs des Nesenbaches diese Haupt- und erste Residenzstadt des Königreichs Würtemberg, der reizende Wohnort von 33,000 Menschen, aus. Herrliche öffentliche Plätze, wie der Friedrichs-, Charlotten-, Dorotheen-, alte Schloß- und Leonhardsplatz, und die neuen ebenso schönen als regelmäßigen Straßen, wie die Friedrichs-, Kronen-, Schloß- und die wahrhaft königliche Königsstraße lassen es uns gern vergessen, daß der ältere Stadttheil nicht eben gegründete Ansprüche hat auf Geschmack oder Grandiosität. Das große, aus Granit erbaute, im Innern wie Aeußern überaus prächtige Residenzschloß ist von dem herrlichen Paradeplatz und den reizendsten Gartenanlagen umgeben, an welche sich, sämmtlich die schönsten und schattigsten Spaziergänge gewährend, die Planie, die Stadtallee und die neue Allee würdig anschließen. Und will der Fremde aus den Blumen- und Schattengängen, aus dem Kranze, welchen die Kunst um die Stadt wand, eine Fußwanderung machen zu den schönen Thoren hinaus in die Freie der Natur, so gewährt ihm das ¾ Stunden von der Stadt entfernte königl. Lustschloß Rosenstein, sowie das königl. Landhaus Bellevüe eine herrliche Fernsicht in eine reich- und buntstaffirte Landschaft. Unter den vielen öffentlichen, meist in einem edlen Style erbauten Prachtgebäuden steht der sogenannte Schloßbau obenan, ein 600 F. langes Gebäude mit drei Höfen, dem königl. Leibstall und der königl. Privatbibliothek von 30,000 Bänden. Das Ständehaus, der für die Kunstsammlungen bestimmte königl. Pavillon, der große Marstall, das Opernhaus, der Fürstenbau, das ehemalige Schloß der Kronprinzen, das Bibliotheks- und Archivgebäude, das Katharinenhospital, die Kaseenen und die Stiftskirche mit den Denkmälern und Gräbern der herrschenden Familie und einer trefflichen Orgel, bieten viel Interessantes dar; und zwischen diese, meist modisch drappirte Festgebäude lugt neckisch contrastirend das »alte Schloß« darein, eine alternde, unscheinbar gekleidete Matrone aus dem 16. Jahrhunderte. Aber wo die Sinne so angenehm beschäftigt werden im Tempel der Natur und Architektonik, da dürfen auch die Altäre nicht fehlen der Wissenschaft und Kunst und der Bildung des Volkes. Die öffentliche Bibliothek enthält 200,000 Bände, darunter 8256 Bibeln in 68 Sprachen und Dialekten, 1800 Handschriften und 2500 Incunabeln (Kinder der Typographie, als sie noch selbst in der Wiege lag); und nicht minder sehenswerth sind die königl. Kupferstichsammlungen, das Medaillon-, Kunst- und Antiquitätencabinet, der Antikensaal, das Naturaliencabinet und der botanische Garten. Ein Landwirthschafts-, Handels- und Gewerbverein, die Societät für Vaterlandskunde, die Bibel- und Missionsgesellschaft, die Kunst-, Gewerb-, Real- und 2 Sonntagsschulen sorgen für Bildung und Veredelung überhaupt und das treffliche Katharineninstitut für weibliche Erziehung insbesondere. Dannecker's (s. d.) Atelier zeigt hier die modernen Meistergebilde des Meisels; in den Reihen des »Liederkranzes« kämpft die schwäbische Dichterschule würdig für das Ideal und das Leben der deutschen Poesie; und wenn das Abendroth versank hinter die Berge und die Lüfte der Nacht ihre heimlichen Segen bringen, da schwebt Schiller's heiliger Schatten über die Stadt, in der ein eigener Verein liebend und segensreich waltet, sein Andenken zu erneuern, zu bewahren, zu verherrlichen.

P.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.


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