Nationalsozialisten

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Nationalsozialisten

Der Nationalsozialismus ist eine radikal antisemitische, antikommunistische und antidemokratische Weltanschauung.[1] Diese politische Bewegung entstand in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Seine in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) organisierten AnhĂ€nger gelangten unter Adolf Hitler 1933 zur Herrschaft und errichteten eine totalitĂ€re Diktatur, den „FĂŒhrerstaat“ bzw. das „Dritte Reich“. Sie vollzogen seit 1939 die Eroberungskriege, die den Zweiten Weltkrieg auslösten, und verĂŒbten die Verbrechen des Holocaust. Ihre Herrschaft endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945.

In verschiedenen rechtsextremistischen Parteien und Gruppen leben nationalsozialistische Ideen und Ziele als Neonazismus bis heute fort. Ihre Propaganda und politische Organisation – auch mit den damaligen Symbolen – ist in der Bundesrepublik Deutschland als Volksverhetzung und in Österreich als WiederbetĂ€tigung strafbar. In weiteren Staaten bestehen Ă€hnliche Verbote.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Die Propagandabezeichnungen „Nationalsozialismus“ und „Nationaler Sozialismus“ entstammen der Programmatik der 1919 gegrĂŒndeten Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die sich 1920 in NSDAP umbenannte.[2] Schon im Mai 1918 benannte sich die 1903 in Österreich gegrĂŒndete Deutsche Arbeiterpartei in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) um. Ihre AnhĂ€nger wurden „Nationalsozialisten“, von Gegnern auch abwertend kurz „Nazis“ genannt.

Beide Parteien stellten den „Nationalen Sozialismus“ gegen den internationalistischen Sozialismus bzw. die Sozialdemokratie.[3] Sie verbanden einen völkisch-rassistischen Nationalismus mit einzelnen, dem Sozialismus entlehnten, antikapitalistischen Forderungen. Damit grenzten sie sich von konservativen und linksgerichteten Parteien ab und boten ihren WĂ€hlerschichten – Arbeitern und Mittelstand – eine Alternative. Zudem stellten die deutschen Nationalsozialisten sich seit 1920 als „Bewegung“, nicht als Partei dar, um so ProtestwĂ€hler und Politikverdrossene zu erreichen.

Heute bezeichnet der Begriff meist die besondere Ideologie Adolf Hitlers und seiner Gefolgschaft in der NSDAP. Dabei definierte Hitler die Begriffe Nationalismus und Sozialismus auf ungewöhnliche Art und Weise: Nationalismus nannte er die Hingabe des Individuums fĂŒr seine Volksgemeinschaft, wĂ€hrend er Sozialismus als Verantwortung der Volksgemeinschaft fĂŒr das Individuum definierte. Besonders die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die ein Hauptziel originĂ€rer Sozialisten war und ist, lehnte Hitler entschieden ab.[4]

Zudem wollten die Ideologen der NSDAP sich mit dem Begriff Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus unterscheiden. Der Faschismusbegriff wurde jedoch vor allem in der Sowjetunion seit 1925, nach 1945 im ganzen Ostblock, aber auch in westdeutschen ForschungsansĂ€tzen, als gemeinsamer Oberbegriff fĂŒr den Nationalsozialismus („Hitlerfaschismus“), den italienischen Faschismus und andere ihnen verwandte antikommunistische Ideologien, Regimes und Systeme verwendet. Vor allem von marxistischen Forschern wird der Nationalsozialismus als eine Spielart des Faschismus subsumiert, womit in den verschiedenen AusprĂ€gungen dieser Theorie eine diktatorische bĂŒrgerliche Klassenherrschaft gemeint ist.

Besonders in den USA, teilweise auch in der Bundesrepublik, wurde der Nationalsozialismus nach 1945 als eine Form von Totalitarismus begriffen. Die Totalitarismustheorie stellt ihn mit Ideologie und System des Stalinismus auf eine Ebene und betont deren gemeinsame Herrschaftsformen. Die verallgemeinernden Einordnungen als Faschismus und Totalitarismus werden in der Forschung kontrovers diskutiert, vielfach wird der Nationalsozialismus als eigenstĂ€ndiges und singulĂ€res PhĂ€nomen betrachtet. Der Begriff Nazismus kann als eingedeutschte Version des englischen Wortes nazism gesehen werden. Seine Verwendung war in der Deutschen Demokratischen Republik, nicht der Bundesrepublik Deutschland ĂŒblich.

AnhÀnger des Nationalsozialismus, die aufgrund ihres Lebensalters nicht Mitglied der NSDAP gewesen sein konnten, werden im Nachkriegsdeutschland oft mit der abwertenden Kurzform Neonazi bezeichnet.

Entstehung

Das GedankengebĂ€ude des Nationalsozialismus entstand nach dem Ersten Weltkrieg als Verschmelzung von Ideologemen und Zielen mehrerer Ă€lterer Gruppen aus der Völkischen Bewegung des Deutschen Kaiserreichs und der Österreich-Ungarischen Monarchie. Dazu gehörten u.a.

  • rassistische und okkulte, sektenartige Vereine, die, ausgehend von den österreichischen Ariosophen Guido von List und Lanz von Liebenfels seit 1900 gegrĂŒndet worden waren: u.a. die Guido-von-List-Gesellschaft (1905) oder die Armanenschaft (gegrĂŒndet 1907). Aus diesen stammten u.a. Runensymbole und das Hakenkreuz. Sie vertraten auch Ideen wie die „Menschenzucht“ von „Ariern“.
  • betont antisemitische, auf kommunaler Ebene ĂŒberparteilich organisierte Vereine und VerbĂ€nde, vor allem der Reichshammerbund von Theodor Fritsch. In seinem Umfeld hatte sich nach der Niederlage der Antisemitenparteien bei den Reichstagswahlen von 1912 auch ein Verband gegen die Überhebung des Judentums gegrĂŒndet. Zum Reichshammerbund gehörte der geheime Germanenorden, aus dem 1918 die MĂŒnchner Thulegesellschaft hervorging. Aus ihrer Zeitschrift, dem MĂŒnchener Beobachter mit dem Hakenkreuz als Titelsymbol, wurde das Parteiorgan der NSDAP Völkischer Beobachter. Die Thulegesellschaft finanzierte die DAP, unterstĂŒtzte in ihr FunktionĂ€re wie Adolf Hitler und inszenierte 1923 den Hitler-Ludendorff-Putsch mit. Sie förderte so den Aufstieg der NSDAP von einer bayerischen Splitterpartei zu einer reichsweit organisierten Massenpartei.
  • radikal-nationalistische und imperialistische VerbĂ€nde wie der 1891 gegrĂŒndete Alldeutsche Verband. Er verstand sich unter Heinrich Claß als ĂŒberparteiliche Sammlungsorganisation und vertrat die Erweiterung des deutschen „Lebensraums“ durch kriegerische Expansions- und Unterwerfungspolitik. Er gewann im Verlauf des Ersten Weltkriegs trotz geringer Mitgliederzahl großen publizistischen Einfluss und war Hauptinitiator der JudenzĂ€hlung von 1916. Nach 1918 forderte er eine „nationale Diktatur“ gegen „Fremdvölkische“.
  • Ă€ltere antisemitische VerbĂ€nde und Parteien wie der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und die Deutschvölkische Partei, gegrĂŒndet 1914 als Vereinigung zweier Antisemitenparteien. Sie vereinte sich im Kriegsverlauf mit dem Alldeutschen Verband. Auf dessen Initiative hin vereinten sich gegen Kriegsende aufgelöste mit neugegrĂŒndeten völkischen Gruppen wie dem Deutsch-Österreichischen Schutzverein Antisemitenbund, der Deutschvölkischen Beamtenvereinigung und dem Bund völkischer Frauen zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Dieser hatte 1920 rund 200.000 Mitglieder in 600 Ortsgruppen, wurde aber nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch verboten. Nach der Wiederzulassung der NSDAP verlor er ihr gegenĂŒber an Einfluss und wurde 1933 ganz aufgelöst.

Zu den geistig-politischen Wurzeln dieser Gruppen zĂ€hlten der Rassismus, Militarismus und Imperialismus, die sich in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts besonders im Kaiserreich und in Österreich verbreiteten und schubweise zunahmen. Das stĂ€rkste tragende Bindeglied ihrer heterogenen Ideologien war jedoch der Antisemitismus, der sich im Verlauf der Novemberrevolution von 1918 und in den Folgejahren zugleich als radikale Ablehnung der Weimarer Verfassung Ă€ußerte. Die Weimarer Republik wurde dort allgemein als von Novemberverbrechern geschaffene „Judenrepublik“ denunziert. Die Völkischen definierten ihre Weltanschauung als strikten Gegensatz zum Marxismus der Linksparteien, zum politischen Katholizismus der Zentrumspartei und zu ihrer Fiktion eines „Weltjudentums“.

Programmatik

25-Punkte-Programm

Der Nationalsozialismus bildete als Sammelbewegung völkischer, rassistischer und revisionistischer Gruppen zunĂ€chst keine konsistente Ideologie. Hans Frank erklĂ€rte daher spĂ€ter in den NĂŒrnberger Prozessen, es habe „so viele Nationalsozialismen wie Nationalsozialisten“ gegeben. Doch das bei der GrĂŒndung der NSDAP 1920 beschlossene 25-Punkte-Programm sollte ĂŒber seine praktische ErfĂŒllung hinaus gelten, war also zugleich Ausdruck dauerhafter nationalsozialistischer Weltanschauung.

An erster Stelle standen außenpolitische Ziele. Aus dem „Zusammenschluss aller Deutschen... zu einem Groß-Deutschland“ mit Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker leitete Punkt 2 die Aufhebung des Versailler Friedensvertrages, Punkt 3 „Land und Boden (Kolonien) zur ErnĂ€hrung unseres Volkes und Ansiedlung unseres BevölkerungsĂŒberschusses“ ab. Dem folgten innenpolitische Forderungen nach Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile durch eine rassistische Fremdengesetzgebung:

„StaatsbĂŒrger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne RĂŒcksichtnahme auf die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Daraus folgerte Punkt 6 den Ausschluss von Juden aus allen Staats- und ParteiĂ€mtern, Punkt 8 ein Einwanderungsverbot und sofortige Zwangsausweisung aller als „Nichtdeutsche“ definierten Personen, die seit 2. August 1914 eingewandert waren.

Die Leitidee der rassischen Volksgemeinschaft wurde also nach außen expansiv, nach innen als Entrechtung eines Teils der Deutschen ausformuliert. Dem folgten in Punkt 9-17 einige plakative und ressentimentgetrĂ€nkte wirtschafts- und sozialpolitische Forderungen, die den Anspruch der Partei, die Interessen deutscher Arbeiter zu vertreten, zeigen sollten:

  • allgemeine Arbeitspflicht
  • „Abschaffung des Arbeits- und mĂŒhelosen Einkommens“
  • „Brechung der Zinsknechtschaft“
  • „Einziehung aller Kriegsgewinne“
  • „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“
  • „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“
  • „Ausbau der Altersversorgung“
  • „Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung“
  • „Kommunalisierung der Groß-WarenhĂ€user und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende“
  • „eine unentgeltliche Enteignung von Boden fĂŒr gemeinnĂŒtzige Zwecke“
  • „Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation“.

Punkt 18 forderte die Todesstrafe fĂŒr „gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw... ohne RĂŒcksichtnahme auf Konfession und Rasse“: erneut ein deutlicher Hinweis auf die gemeinte Zielgruppe, die Juden. Punkt 19 forderte den Ersatz eines angeblich „materialistischen“ römischen Rechtes durch ein „deutsches Gemeinrecht“.

Der Idee einer Einheit von Volk und Staat folgten Forderungen nach staatlichem Ausbau der Volksbildung (20), „Hebung der Volksgesundheit“ durch „körperliche ErtĂŒchtigung“ (21), Bildung eines „Volkesheeres“ (22). Die angestrebte Abschaffung der Pressefreiheit und EinfĂŒhrung von Pressezensur wurde als „gesetzlicher Kampf gegen die bewußte politische LĂŒge und ihre Verbreitung“ (23) bemĂ€ntelt. Indem nur „Volksgenossen“ Zeitungsredakteure und VerlagseigentĂŒmer sein sollten, zeigte sich auch hier ein antisemitischer Impuls: Der Topos von der „jĂŒdischen Weltpresse“ war unter Antisemiten seit langem ĂŒblich. Zugleich sollte auch Kunst und Kultur von dem „zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben“ gereinigt werden: Dem entsprach die NS-Kulturpolitik gegen die Entartete Kunst.

Im scheinbaren Widerspruch dazu bekrĂ€ftigte Punkt 24 die Religionsfreiheit „im Staat“, allerdings nur, „soweit sie nicht dessen Bestand gefĂ€hrden oder gegen das Sittlichkeits- und MoralgefĂŒhl der germanischen Rasse verstoßen.“ Mit dem Bekenntnis zu einem „positiven Christentum“ ohne Bindung an eine bestimmte Konfession, aber in einheitlicher Frontstellung gegen einen „jĂŒdisch-materialistischen Geist in und außer uns“ war eine Voraussetzung fĂŒr den spĂ€teren Kirchenkampf genannt. Die spĂ€tere antichristliche Einstellung der SS widersprach diesem Programmpunkt offensichtlich.

Das Programm gipfelte in der Parole „Gemeinnutz vor Eigennutz“ und der Forderung nach einer „starken Zentralgewalt des Reiches“, deren in „unbedingter AutoritĂ€t“ erlassene „Rahmengesetze“ neugebildete StĂ€nde- und Berufskammern in den Bundesstaaten durchfĂŒhren sollten. Damit deutete sich die spĂ€tere Gleichschaltungspolitik gegenĂŒber föderalen Institutionen schon an. Die ParteifĂŒhrer wĂŒrden „wenn nötig unter Einsatz des eigenen Lebens“ fĂŒr die Programmverwirklichung eintreten.

WĂ€hrend die außen- und innenpolitischen Hauptforderungen in Punkt 1-8 prĂ€zise und konkret formuliert waren und tatsĂ€chlich ab 1933 staatlich großenteils umgesetzt wurden, blieben viele der wirtschafts- und kulturpolitischen Forderungen in Punkt 9-20 vage (11), unklar (13), skurril (etwa die Behauptung eines „römischen“ Rechts in Punkt 19) oder praktisch unrealisierbar (etwa der „Einzug aller Kriegsgewinne“ in Punkt 14). Diese Unklarheiten fĂŒhrten zu einer teilweise heftigen internen Ideologiedebatte und verschiedenen Wirtschaftsprogrammen. Otto Wagener etwa forderte die UnterstĂŒtzung des Mittelstandes, Richard Walther DarrĂ© die der Bauern, Gottfried Feder verlangte die von ihm erfundene „Brechung der Zinsknechtschaft“. Hitler trug diesem Streit als ParteifĂŒhrer spĂ€ter zum Teil Rechnung, indem er einige Programmforderungen revidierte, reduzierte oder ignorierte. 1928 reduzierte er die angekĂŒndigte Bodenreform auf Enteignung „jĂŒdischer“ Bodenspekulationsgesellschaften. Wie die „Zinsknechtschaft gebrochen“ werden sollte, ließ er jedoch offen.

„Mein Kampf“

In Mein Kampf bekrĂ€ftigte Hitler vor allem die außen- und bevölkerungspolitischen Ziele des NSDAP-Programms, allen voran den Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich. Im Unterschied zum Kaiserreich, das mit dem britischen Weltreich als Kolonialmacht in Afrika und Fernasien zu konkurrieren versuchte, wollte Hitler Lebensraum nicht in Westeuropa und in Übersee, sondern in Osteuropa gewinnen. Damit schloss er sich wahrscheinlich geopolitischen Theorien von Rudolf KjellĂ©n, Halford Mackinder und Karl Haushofer an, die die Eroberung und Beherrschung der Landmasse von „Eurasien“ als SchlĂŒssel zur Weltherrschaft sahen. Auch der mittelalterliche Mythos mancher Ordensritter von einem deutschen „Drang nach Osten“ stand hinter dieser Idee.

Dabei dachte Hitler an „Russland und die ihm untertanen Randstaaten“. Um sie zu erobern, wollte er zuerst den Versailler Vertrag revidieren, dann Frankreich mit Hilfe eines BĂŒndnisses mit Großbritannien und Italien isolieren, spĂ€ter ganz vernichten. Damit revidierte er Punkt 3 des NSDAP-Programms: Das Erobern von Kolonien wĂŒrde England zu Protesten herausfordern. Dessen Kolonialmacht mĂŒsse Deutschland garantieren, dann wĂŒrden die Briten es auf dem Kontinent gewĂ€hren lassen. Polen erwĂ€hnte Hitler hier nicht, auch die USA und Japan kamen nur am Rande vor. Diese PrioritĂ€ten waren gegenĂŒber den Vorlieben kaiserlicher Imperialisten neu. [5]

Zur Wirtschaftspolitik Ă€ußerte sich Hitler in Mein Kampf nur auf fĂŒnf Seiten. Den Punkt der Volksgesundheit dagegen fĂŒhrte er breit aus und brachte dabei den auch die wirtschafts- und kulturpolitischen Vorstellungen tragenden Rassismus der NS-Ideologie deutlich zur Geltung. Seine beiden untrennbar miteinander verknĂŒpften Grundgedanken waren

  • die These von höheren und niederen Rassen, die miteinander im Kampf liegen
  • die These, dass eine „Rassenvermischung“ schĂ€dlich fĂŒr die höhere Rasse sei und diese unweigerlich schwĂ€che und langfristig auflöse.

Diese Axiome hatten Sozialdarwinisten und Rassetheoretiker des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts wie Francis Galton, Ernst Haeckel, Alfred Ploetz, Wilhelm Schallmayer begrĂŒndet. Neu war nur, dass „Rassenhygiene“ erstmals zum umfassenden politischen Programm gemacht wurde. Hitler sah die „Arterhaltung“ als Hauptaufgabe des Staates und folgerte, dass dieser die „unvermischten BestĂ€nde an nordisch-germanischen Menschen“ im deutschen Volk konsequent schĂŒtzen und so „langsam aber sicher zur beherrschenden Stellung emporfĂŒhren“ mĂŒsse. Der starke FĂŒhrerstaat mĂŒsse „den Sieg des Besseren, StĂ€rkeren“ und die Unterordnung des „Schlechteren und SchwĂ€cheren“ fördern. Dies bedeutete konkret etwa Zwangssterilisation von Behinderten und Erbkranken, zugleich Kindergeld, billige Wohnungen und materielle VergĂŒnstigungen fĂŒr „deutsche Familien“. Die „TrĂ€ger höchster Rassenreinheit“ sollten ein „Siedlungsattest“ erhalten und in noch zu erobernden „Randkolonien“ angesiedelt werden. Hitler betonte am Schluss nochmals seine Zielvorstellung:

„Ein Staat, der sich im Zeitalter der Rassenvergiftung der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.“

Das Gegenbild zu dieser Vision bildete die Verschwörungstheorie des Weltjudentums. Dieses sah Hitler als Urheber aller negativen Zeiterscheinungen, etwa des Ersten Weltkriegs, der Niederlage darin, der Novemberrevolution und der Inflation. Dabei identifizierte er das Judentum sowohl mit dem „Finanzkapital“ in den USA als auch mit dessen weltpolitischem Gegner, dem „Bolschewismus“. Dieser globalen Übermacht scheinbar widersprechend betonte Hitler jedoch zugleich die absolute Minderwertigkeit und unterlegene AbhĂ€ngigkeit der Juden von ihren arischen „Wirtsvölkern“ und beschrieb sie als Schmarotzer, Parasiten, Bazillen, Blutegel, Spaltpilze, Ratten usw. In allen seinen Erscheinungsformen strebe das Judentum die „Zersetzung“, „Bastardisierung“ und „Blutvergiftung“ des deutschen Volkes an: etwa durch Prostitution, Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, VerfĂŒhrung ahnungsloser arischer MĂ€dchen. Dieses pornografische Bild zu propagieren wurde Hauptaufgabe des eigens dazu gegrĂŒndeten Hetzblattes Der StĂŒrmer des Gauleiters von Franken, Julius Streicher.

Im zweiten Band von Mein Kampf sprach Hitler zuletzt auch die Idee einer stellvertretenden, prÀventiven Judenvernichtung offen aus:[6]

„HĂ€tte man zu Kriegsbeginn und wĂ€hrend des Krieges zwölf- oder fĂŒnfzehntausend dieser hebrĂ€ischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mussten, dann wĂ€re das Millionenopfer an der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hĂ€tte vielleicht einer Million ordentlicher, fĂŒr die Zukunft wertvoller Deutscher das Leben gerettet.“

Diese Aufgabe kĂŒnftig zu vollstrecken, dazu sah Hitler sich von der „Vorsehung“ – so sein Ausdruck fĂŒr Gott – bestimmt:

„Indem ich mich des Juden erwehre, erfĂŒlle ich das Werk des Herrn.“

Deshalb spricht der Historiker Saul FriedlĂ€nder im Blick auf die nationalsozialistische Bewegung und ihre unmittelbaren VorlĂ€ufer von einem besonderen, ĂŒber traditionelle christliche, aber auch völkische und sozialdarwinistische Judenfeindschaft hinausgehenden „Erlösungsantisemitismus“.[7]

FĂŒhrerkult und FĂŒhrerstaat

In allen Staaten Europas gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts starke Tendenzen zu autoritativen, antidemokratischen Politikkonzepten, deren Akzeptanz sich nach 1918 auch aus EnttĂ€uschung ĂŒber die pluralistische Demokratie und Massenelend speisten. Als „FĂŒhrerkult“ ließ sich schon die Verehrung des Herrschers in einer Monarchie, begrĂŒndet etwa mit der Idee des Gottesgnadentums, auffassen. Der Erste Weltkrieg enttĂ€uschte das Bild vom Heldenkaiser, verstĂ€rkte bei Nationalisten aber noch die Sehnsucht nach dem heldischen FĂŒhrer. Zu einem parteipolitischen Konzept machte dies erst der aufstrebende Faschismus: zuerst mit dem Duce Benito Mussolini in Italien, dann dem Caudillo General Franco in Spanien, aber auch im Kult um „VĂ€terchen“ Stalin in der Sowjetunion.

Anders als in Italien begann der Hitlerkult schon zehn Jahre vor der Machtergreifung nach dem Hitlerputsch von 1923, aus dessen Scheitern Hitler folgerte, dass die NSDAP eine straff gefĂŒhrte FĂŒhrerpartei sein mĂŒsse und er selbst zu Deutschlands „Rettung“ bestimmt sei. Dem kam die Erwartung der Parteibasis an ihn entgegen. Der deutsche FĂŒhrerkult ging also mit der Entwicklung der NSDAP zur Massenpartei einher und diente ihrer Integration, Schlagkraft und Ausdehnung. Er wurde 1933 auch nicht wie in Spanien oder Russland einer bestehenden zentralisierten MilitĂ€rdiktatur zu deren Absicherung aufgepropft, sondern zum Organisationsprinzip eines durch ersatzlose Gleichschaltung aller bestehenden Verwaltungs- und Regierungsinstitutionen geschaffenen FĂŒhrerstaates. Nach dem Tode des ReichsprĂ€sidenten von Hindenburg (1934) wurde Hitler als FĂŒhrer und Reichskanzler auch oberster Befehlshaber der Wehrmacht; seit 1938 trat auch das Regierungskabinett nicht mehr zusammen.

Anders als in der Sowjetunion, die nach Stalins Tod noch Jahrzehnte fortbestand, untergrub das Prinzip der „charismatischen FĂŒhrerpersönlichkeit“ (Max Weber), die die rivalisierenden KrĂ€fte in Staat und Partei durch ihren „Willen“ lenkte und orientierte, das selbstĂ€ndige Funktionieren der BĂŒrokratie in Deutschland. Denn der lange Zeit mit FĂŒhrererlassen und -Verordnungen direkt regierte Staat konnte Kriegsniederlage und Tod Hitlers nicht mehr ĂŒberdauern. Nach Ian Kershaw stand und fiel der deutsche NS-Staat daher mit der Person des FĂŒhrers.[8]

Weitere Merkmale und Entwicklungen der NS-Ideologie

Weitere Hauptmerkmale des Nationalsozialismus waren:

  • die zentrale Rolle von Propaganda und Massen-Inszenierungen als Mittel zur Herrschaft und ihrer Sicherung nach innen und außen.
  • Totalitarismus: Zerschlagung der Demokratie, Einparteienherrschaft, Aufhebung der Gewaltenteilung, Instrumentalisierung aller politischen Kontrollinstanzen und Medien, weitreichende Vollmachten fĂŒr Geheimdienste und Denunzianten, Polizeistaat
  • Militarismus und Imperialismus: Schon wĂ€hrend des Aufstiegs der NSDAP wurden Waffenlager eingerichtet, bewaffnete SchlĂ€gerbanden ausgebildet, die Straßengewalt einĂŒbten, um politische Gegner einzuschĂŒchtern. In den Jahren der Weimarer Republik konzentrierte sich die nationalsozialistische Propaganda zunĂ€chst auf den Vertragsrevisionismus, also die Forderung nach Wiederaneignung der infolge der deutschen Kriegsniederlage verlorenen Gebiete und damit nach Aufhebung oder Bruch des Versailler Vertrags. Dieser wurde als „Schmach von Versailles“ oder „Versailler Schanddiktat“ diffamiert. Von 1933 an wurde AufrĂŒstung betrieben, zunĂ€chst geheim, dann offen, und die vertraglichen Bindungen an Völkerbund und Völkerrecht erst unterlaufen, dann gebrochen. Sobald die Wehrmacht stark genug sein wĂŒrde, plante Hitler gezielte Angriffskriege zur Wiederherstellung und Erweiterung eines auf militĂ€rische Machtentfaltung gebauten Großdeutschlands. Dabei sollte ein Land nach dem anderen isoliert und einzeln niedergekĂ€mpft werden. Das Endziel war nach Meinung der meisten Historiker die Eroberung des kontinentalen Festlands, der Sowjetunion bis zur Linie Archangelsk–Uralgebirge–Kaukasus sowie die Besiedelung dieser Gebiete durch die Deutschen, andere Forscher glauben Belege dafĂŒr zu haben, dass Hitler die (utopische) Weltherrschaft anstrebte. Die Herrschaft ĂŒber die besetzten Gebiete sollte durch Vertreibung unerwĂŒnschter Bevölkerungsgruppen gestĂ€rkt werden.
  • Der „Blut-und-Boden-Mythos“, die Verherrlichung des Bauernstandes (des „NĂ€hrstands“). Viele Nationalsozialisten lehnten die VerstĂ€dterung und die zunehmende Industrialisierung ab und sehnten sich nostalgisch nach einem Land, das wie eh und je von Bauern bestellt wurde. Auch Heinrich Himmler hatte solche Gedanken, als er vorschlug, die eroberten Gebiete der Sowjetunion mit Bauern zu besiedeln, die zugleich Soldaten („Wehrbauern“) sein sollten. Russen, Ukrainer und Polen sollten die Landarbeiter, das Hauspersonal, die Bauarbeiter oder die Hilfsarbeiter stellen.
  • Die Propagierung der Herrenrasse bzw. des Herrenvolkes, die das Recht habe andere minderwertige Völker zu unterdrĂŒcken.
  • MĂ€nnerherrschaft und MĂ€nnlichkeitskult, also Propagierung von Werten wie Tapferkeit und soldatischer HĂ€rte. „Weibliche Werte“ werden bei MĂ€nnern als Feigheit, Krankheit und „Zersetzung der Wehrkraft“ denunziert.
  • Verschwörungstheorie: Die wahnhafte Idee, das internationale Judentum hĂ€tte sich verschworen, um die Weltherrschaft zu erringen, wird von verschiedenen Historikern [9] als Kern des Nationalsozialismus angesehen. Diese Verschwörungstheorie tritt bereits in einem 1924 von Dietrich Eckart veröffentlichten GesprĂ€ch mit Hitler zu Tage, in dem eine ungebrochene KontinuitĂ€t der angeblichen jĂŒdischen Machenschaften vom zweiten vorchristlichen Jahrtausend an behauptet wird.[10] In der Bildsprache der nationalsozialistischen Propaganda, etwa in den Wahlplakaten vor 1933 oder in den Karikaturen des StĂŒrmer wurde „der“ Jude regelmĂ€ĂŸig in verschwörungstheoretischen Metaphern wie dem Drahtzieher hinter den Kulissen des Weltgeschehens oder der weltumspannenden Krake oder Spinne dargestellt. Und wĂ€hrend des Kriegs gegen die Sowjetunion begrĂŒndete die Wehrmacht die Umsetzung der verbrecherischen Befehle wie des Kommissarbefehls oder des Kriegsgerichtsbarkeitserlasses verschwörungstheoretisch mit der These vom JĂŒdischen Bolschewismus: Hinter dem Sowjetsystem stehe in Wahrheit das Judentum. So wies General von Manstein am 20. November 1941 seine Truppen an, „VerstĂ€ndnis“ aufzubringen fĂŒr die „harte SĂŒhne am Judentum“:
„Das Judentum bildet den Mittelsmann zwischen dem Feind im RĂŒcken und den noch kĂ€mpfenden Resten der Roten Armee und der Roten FĂŒhrung ... Das jĂŒdisch-bolschewistsische System muß ein fĂŒr allemal ausgerottet werden.“[11]

VerhÀltnis zum Kapitalismus

Das VerhÀltnis von Nationalsozialismus und Kapitalismus wird seit 1933 sehr verschieden beurteilt. Der deutsche Soziologe Max Horkheimer vertrat 1939 noch vor Kriegsbeginn die bekannte marxistische Position: [12] Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen.

Dem stellte Ludwig von Mises 1947 die Auffassung gegenĂŒber: [13] The philosophy of the Nazis, the German National Socialist Labour Party, is the purest and most consistent manifestation of the anticapitalistic and socialistic spirit of our age. („Die Ideologie der Nazis, der deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, ist die reinste und konsistenteste Manifestation unseres antikapitalistischen und sozialistischen Zeitgeistes.“)

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die von ideologischen Vorgaben dominierten Àlteren Faschismustheorien zunehmend differenziert. Neuere historische Forschungen untersuchen das VerhÀltnis von Nationalsozialismus zu Kapitalismus auf drei Ebenen:

  • als Frage nach den Finanzquellen der NSDAP und den Kreisen, die Hitler an die Macht brachten,
  • als Frage nach der Bedeutung antikapitalistischer Elemente fĂŒr die Ideologie der Nationalsozialisten,
  • als Frage nach der tatsĂ€chlichen Wirtschaftspolitik des NS-Regimes 1933–1945.

Finanzquellen der NSDAP

Marxisten sehen die Spendenpraxis deutscher Industrieller wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf und die Industrielleneingabe vom November 1932, die ReichsprĂ€sident Paul von Hindenburg aufforderte, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, meist als Belege fĂŒr die Verantwortung der Großindustrie fĂŒr die MachtĂŒbergabe an Hitler. Der ostdeutsche Historiker Eberhard Czichon etwa meinte deshalb, dass „eine Mehrheitsgruppe deutscher Industrieller, Bankiers und Großagrarier Hitlers Kanzlerschaft gewollt und organisiert“ habe.[14]

Sein westdeutscher Kollege Reinhard Neebe betonte dagegen, dass die meisten deutschen Unternehmer und ihr Dachverband, der Reichsverband der Deutschen Industrie, nicht Hitler, sondern die VorgĂ€ngerregierungen von Heinrich BrĂŒning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher unterstĂŒtzten.[15] Diese Sicht untermauerte der US-amerikanische Historiker Henry Ashby Turner mit Untersuchungen, wonach die NSDAP ihre Finanzmittel nicht vorwiegend aus Industriespenden, sondern MitgliedsbeitrĂ€gen und Eintrittsgeldern bezog. Die Großindustrie habe ihr immer deutlich weniger Geld zukommen lassen als ihren Konkurrenten DNVP, DVP und Zentrum. Sie habe sich damit auch nur fĂŒr den unerwĂŒnschten Fall einer NS-Machtergreifung absichern wollen.[16] Die Großunternehmer gelten daher heute kaum noch als Hauptverursacher des Aufstiegs der Nationalsozialisten und der MachtĂŒbergabe an Hitler.

Siehe Hauptartikel Großindustrie und Aufstieg der NSDAP.

Antikapitalismus in der NS-Ideologie

FĂŒr die Frage, ob die Ideologie der Nationalsozialisten antikapitalistisch gewesen sei, liegen sehr widersprĂŒchliche Quellenbelege vor.

Das 25-Punkte-Programm der Partei von 1920, das Hitler bis 1926 fĂŒr „unabĂ€nderlich“ erklĂ€rte, enthielt mehrere antikapitalistische Forderungen wie Brechung der Zinsknechtschaft, Verstaatlichung von Trusts und Gewinnbeteiligung an Großbetrieben. FĂŒhrende Nationalsozialisten wie Otto Strasser, sein Bruder Gregor und Joseph Goebbels verwendeten regelmĂ€ĂŸig sozialistische VersatzstĂŒcke in ihren Reden. Dem steht jedoch Hitlers Bekenntnis zum Privateigentum gegenĂŒber.

Die Frage nach der Rolle des Antikapitalismus in der NS-Ideologie wird aufgrund der widersprĂŒchlichen Quellen unter verschiedenen Aspekten diskutiert und sehr unterschiedlich beurteilt:

VerhÀltnis zum Privateigentum

Hitlers Bekenntnis zum Privateigentum erfolgte 1919 privat[17] und 1926 im Hamburger Nationalklub öffentlich.[18] Der Berliner Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl macht allerdings auf Äußerungen Hitlers aufmerksam, die er im MĂ€rz 1942 im Kreise seiner Adjutanten machte, das heißt ohne Zwang, seine wahren Ansichten zu kaschieren. Hitler wandte sich hier grundsĂ€tzlich „gegen anonymen Privatbesitz der Aktie. Ohne selbst etwas dazu zu tun, erhalte der AktionĂ€r mehr Dividende, wenn die Arbeiter der Aktiengesellschaft fleißig statt faul seien oder wenn ein genialer Ingenieur an der Spitze des Betriebs stehe“.[19] Demnach wĂ€re die hĂ€ufige Ablehnung eines „raffenden“ im Gegensatz zum lobenswerten „schaffenden Kapitalismus“ von ihm durchaus ernst gemeint gewesen.

Der ehemalige NSDAP-Politiker und konservativ-bĂŒrgerliche Faschismustheoretiker Hermann Rauschning warf Hitler in Wirtschaftsfragen reinen Opportunismus vor: Er habe ĂŒber keine konsistenten ökonomischen Überzeugungen verfĂŒgt, sondern immer nur seinem Publikum nach dem Munde geredet.[20]

Der Historiker Henry A. Turner kommt zu dem Schluss, dass Hitler das „liberale Konkurrenzprinzip“ und das Privateigentum nur deshalb bejaht habe, „weil er sie in entstellter Weise in seine sozialdarwinistische Sicht des Wirtschaftslebens einbauen konnte“.[21]FĂŒr den Wirtschaftswissenschaftler Ralf Ptak deuten „die vielfĂ€ltigen Publikationsmöglichkeiten ordoliberaler Autoren in diesem Zeitraum auf eine nationalsozialistische Duldung gegenĂŒber dem ordoliberalen Projekt“ hin.[22]

Ausschaltung des sozialistischen ParteiflĂŒgels und der Arbeiterbewegung

Albrecht Ritschl verweist auf die schrittweise Ausschaltung des sozialistischen ParteiflĂŒgels zwischen 1930 und 1934 und deutet die antikapitalistischen Töne als verkappten Antisemitismus.[23]

1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, forderte die NSDAP staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme, um die Arbeiterschaft als NSDAP-WĂ€hler anzuwerben. Doch zuvor zerschlug das NS-Regime die organisierte Arbeiterbewegung in Form der Linksparteien und der Gewerkschaften. Die NSDAP betrachtete marxistische und kommunistische Gruppen innenpolitisch als Hauptgegner, so wie außenpolitisch der Bolschewismus der Hauptfeind war.

Die Alternative, der „nationale Sozialismus“, wurde als „Volksgemeinschaft“ definiert. Diese wurde als „Einheit von Volk und Staat“ unter der einheitlichen NS-Ideologie und einem „starken Staat“, gelenkt von einem „FĂŒhrer“, verstanden. Die Einordnung aller StaatsbĂŒrger in die Arbeitspflicht und die rassisch definierten nationalen Interessen ließ offen, ob dazu die ProduktionsverhĂ€ltnisse umgestĂŒrzt werden sollten: Dieses Stichwort fehlte im 25-Punkte-Programm. Als Gegenkonzept zur Leitidee der internationalen klassenlosen Gesellschaft im Marxismus, aber auch zur individuelle Freiheiten schĂŒtzenden pluralen und parlamentarischen Sozialdemokratie gedacht, unterschied es die NSDAP von den damaligen Programmen aller sozialistischen Parteien.

EgalitÀre Prinzipien und VerhÀltnis zum Sozialismus

Friedrich August von Hayek begreift den Nationalsozialismus nicht als Entartung des Kapitalismus, sondern hebt vielmehr hervor, dass sich Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus in diktatorischen und antiliberalen GrundzĂŒgen Ă€hnelten.[24]

Rainer Zitelmann versteht Hitler als „RevolutionĂ€r“, dem die Verbesserung der Aufstiegschancen der Arbeiter, soweit sie seinen Rassevorstellungen entsprachen, ein ehrliches Anliegen gewesen sei. Dabei sei es ihm nicht „um die Ermöglichung der bestmöglichen Entfaltung des Individuums, sondern um die Optimierung des Nutzens fĂŒr die deutsche Volksgemeinschaft“ gegangen.[25] GegenĂŒber der Wirtschaft habe er einen „Primat der Politik“ angestrebt, der „auf eine Revolutionierung des VerhĂ€ltnisses von Politik und Ökonomie“ hinausgelaufen sei:

„Anstelle des kapitalistischen Wirtschaftssystems wollte Hitler eine gemischte Wirtschaftsordnung etablieren, in welcher markt- und planwirtschaftliche Elemente zu einer neuen Synthese vereint wĂ€ren.“

Wenn auch Hitlers oberstes Ziel „seine sozialdarwinistische Idee vom ewigen Kampf und das völkische Prinzip“ gewesen sei, sei die „vom Nationalsozialismus ausgelöste soziale Revolution, deren Inhalt die ModernitĂ€t war“, durchaus ernst zu nehmen.

Gegen diese These wandten Wolfgang Wippermann und Michael Burleigh indirekt ein, dass sie den rassistischen und damit reaktionĂ€ren Charakter des NS-Regimes ĂŒber GebĂŒhr herunterspiele.[26]

Laut Joachim Fest ist „die Diskussion ĂŒber den politischen Standort des Nationalsozialismus nie grĂŒndlich gefĂŒhrt worden“. Stattdessen habe man „zahlreiche Versuche unternommen, jede Verwandtschaft von Hitlerbewegung und Sozialismus zu bestreiten“. Zwar habe Hitler keine Produktionsmittel verstaatlicht, aber „nicht anders als die Sozialisten aller Schattierungen die soziale Gleichschaltung vorangetrieben“.[27] Auch nach Ansicht von Götz Aly versuchte das NS-Regime, das er als „GefĂ€lligkeitsdiktatur“ bezeichnet, durch soziale FĂŒrsorge egalitĂ€re Prinzipien zu verwirklichen.[28]

Wirtschaftspolitik des NS-Regimes

FĂŒr die von 1933 bis 1945 praktizierte Wirtschaftspolitik des NS-Regimes sind die Befunde ebenfalls widersprĂŒchlich. Auf der einen Seite spricht die Reprivatisierung der in der Bankenkrise 1931 de facto verstaatlichten Großbanken eher fĂŒr eine prokapitalistische Haltung der Regierung. Die Arbeiten u.a. von Avraham Barkai, Timothy Mason und Dieter Petzina dagegen zeigen, dass die dirigistischen Eingriffe in die Wirtschaft unter Schachts „Neuem Plan“ (1934), unter dem Vierjahresplan (1936) und vollends die Kriegswirtschaft unter RĂŒstungsminister Albert Speer (ab 1942) vom freien Unternehmertum der Weimarer Jahre wenig ĂŒbrig ließen. Der Historiker Klaus Hildebrand fasst den Stand der Forschung in Oldenbourg Grundriss der Geschichte zusammen:

„Zwar blieben die Betriebe in privaten HĂ€nden der Unternehmer, ohne Zweifel stiegen auch die finanziellen ErtrĂ€ge aus der RĂŒstungskonjunktur. Doch wurde das fĂŒr eine kapitalistische Wirtschaft verbindliche Prinzip der Zweck-Mittel-RationalitĂ€t im Banne der RĂŒstungsanforderungen und des Autarkieprinzips auf Befehl Hermann Görings mehr und mehr außer Kraft gesetzt.[29]“

GestĂŒtzt wird diese These von aktuellen ordnungstheoretischen Untersuchungen: Michael von Prollius beschreibt das NS-Wirtschaftssystem als „Ergebnis unablĂ€ssiger Neu- und Umorganisation [
] und zahllosen Lenkungs- und BĂŒrokratisierungsmaßnahmen“[30]; fĂŒr Markus Albert Diehl „entfernte sich die deutsche Wirtschaftsordnung unter der nationalsozialistischen Herrschaft immer weiter vom Idealtyp der Marktwirtschaft und entsprach schließlich weitgehend dem Idealtyp der Zentralplanwirtschaft“.[31]

Der Nationalsozialismus als politische Religion

Ob und wieweit auch religiöse Elemente fĂŒr die nationalsozialistische Ideologie konstitutiv waren, ist in der historischen Forschung umstritten. Verschiedene Strömungen in der NSDAP reichten vom Atheismus und Nihilismus ĂŒber rassistischen Neopaganismus bis zur Bejahung oder taktischen Vereinnahmung eines „positiven Christentums“ (siehe dazu Deutsche Christen und Kirchenkampf). Dass Elemente der NS-Propaganda, etwa der FĂŒhrerkult, religionsĂ€hnliche ZĂŒge trugen, wurde oft beobachtet. Auf den Reichsparteitagen wurde der Nationalsozialismus zelebriert, was durch den Film Triumph des Willens der Regisseurin Leni Riefenstahl besonders herausgearbeitet und verstĂ€rkt wurde. Das VerhĂ€ltnis des Nationalsozialismus zur christlichen Religion blieb daher auch zwiespĂ€ltig. Einerseits gab es den Versuch, mit der evangelische Kirche ein „Deutsches Christentum“ zu begrĂŒnden. Andererseits aber gab es antichristliche Elemente bei Alfred Rosenberg und eine völlige Abwendung vom Christentum durch die Bezugnahme auf germanische Mythologie, Okkultismus, Hinduismus und Buddhismus durch Heinrich Himmler, den ReichsfĂŒhrer SS. Die bereits bei Rosenberg vorhandenen Bezugspunkte zu Indien wurden in den SS-Einrichtungen wie den „Ordensburgen“ (die Himmler als Elite des Systems verstand) ausgebaut. Esoterische Lehren mit deutlichen östlichen EinflĂŒssen wurden teilweise von der SS ĂŒbernommen. Himmler betrieb auch eine EuropĂ€isierung der Ideologie. Ein bekanntes Produkt dessen sind die Freiwilligen-Einheiten der „EuropĂ€ischen SS“ aus vielen LĂ€ndern.

Siehe auch

Literatur

  • Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt am Main, 2005, ISBN 3-10-000420-5
  • Rainer C. Baum: The Holocaust and the German Elite. Genocide and National Suicide in Germany, 1871–1945. Totowa/London 1981, ISBN 0-7099-0656-0.
  • Kurt Bauer: Nationalsozialismus. UrsprĂŒnge, AnfĂ€nge, Aufstieg und Fall. Böhlau/UTB, Wien 2008. ISBN 978-3-8252-3076-0.
  • Karl Dietrich Bracher: Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus. PropylĂ€en-Taschenbuch, ungekĂŒrzte Ausgabe, auf der Grundlage der 7. Auflage. Ullstein, Berlin 1997, ISBN 3-548-26501-4.
  • Hermann Graml, Wolfgang Benz, Hans Buchheim, Hans Mommsen (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Studien zur Ideologie und Herrschaft, Fischer-TB, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11984-7.
  • Walther Hofer (Hg.): Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945. In: BĂŒcher des Wissens (Reihe), Fischer Taschenbuch Verlag, Erstausgabe 1957, ISBN 3-436-00183-X.
  • Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-03462-6.
  • Reinhard KĂŒhnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Pahl-Rugenstein, Köln.
  • Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944 Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1984.
  • Gerhard Paul: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933, 2. Aufl., Bonn 1992, ISBN 3-8012-5015-6.
  • Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 351 Seiten, ISBN 3-455-50024-2.
  • Michael von Prollius: Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten 1933-1939. Steuerung durch emergente Organisation und Politische Prozesse. Paderborn 2003. ISBN 3-506-76948-0
  • Michael Ruck: Bibliographie zum Nationalsozialismus, 2 Bde. m. CD-ROM, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, ISBN 3-534-14989-0.
  • William L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, 2000, ISBN 3-933366-61-5.
  • Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler Verlag, Berlin 1985, ISBN 3-88680-143-8.
  • Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn. Ideologie und Politik Adolf Hitlers, Bertelsmann Lexikon Verlag, GĂŒtersloh 1989, ISBN 3-570-03950-1.
  • Michael Burleigh/Wolfgang Wippermann: The Racial State. Germany 1933–1945, Cambridge University Press 1991, ISBN 0-521-39114-8.

Weblinks

Grundinformationen:

Dokumente:

Materialien:

Opfer:

Historische Debatte:

Einzelnachweise

  1. ↑ S. Konrad Kwiet, in: EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 1997, S. 50: Im Programm des Nationalsozialismus „nahm der Rassismus einen zentralen Platz ein. Von Beginn an fungierte er zusammen mit dem Antisemitismus und dem Antikommunismus als dominierende Mobilisierungs- und Rechtfertigungsideologie“.
  2. ↑ Albrecht Tyrell: FĂŒhrer befiehl
 Selbstzeugnisse aus der Kampfzeit der NSDAP, Gondrom Verlag, Bindlach 1991, S. 119 u.ö.
  3. ↑ Rudolf Jung: Der nationale Sozialismus. Troppau 1919, S. 32
  4. ↑ Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie. 8. Auflage 2006, S. 411
  5. ↑ EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus 1998, S. 15f
  6. ↑ beide Zitate in: EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus 1998, S. 14
  7. ↑ Saul FriedlĂ€nder, Das Dritte Reich und die Juden, dtv 2000, S. 87–128.
  8. ↑ EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus S. 22-25
  9. ↑ So z. B. Wolfram Meyer zu Uptrup: Kampf gegen die „jĂŒdische Weltverschwörung“. Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919 bis 1945, Metropol, Berlin 2003, und Wolfgang Wippermann: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute, be.bra. Verlag, Berlin 2007, S. 78–93.
  10. ↑ Dietrich Eckart, Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. ZwiegesprĂ€ch zwischen Adolf Hitler und mir. MĂŒnchen 1924
  11. ↑ zit. nach Omer Bartov, Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Reinbek 1995, S. 36
  12. ↑ Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialforschung 8 (1939), S. 115
  13. ↑ Ludwig von Mises
  14. ↑ Eberhard Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S. 54.
  15. ↑ Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981 (PDF, 6,55 MB).
  16. ↑ Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985.
  17. ↑ Henry Picker: Hitlers TischgesprĂ€che im FĂŒhrerhauptquartier. Ullstein, Berlin 1993, S. 136.
  18. ↑ Werner Jochmann: Im Kampf um die Macht. Hitlers Rede vor dem Hamburger Nationalklub von 1919. EuropĂ€ische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1960.
  19. ↑ Henry Picker: Hitlers TischgesprĂ€che im FĂŒhrerhauptquartier. Ullstein, Berlin 1993, S. 136.
  20. ↑ Herrmann Rauschning: Die Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich. Europa Verlag, ZĂŒrich/New York 1938.
  21. ↑ Henry A. Turner: Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933. In: Geschichte und Gesellschaft 2, 1976, S. 95.
  22. ↑ Ralf Ptak: Vom Ordoliberalismus zur sozialen Marktwirtschaft. VS-Verlag 2004, S. 64.
  23. ↑ Albrecht Ritschl: Zum VerhĂ€ltnis von Markt und Staat in Hitlers Weltbild. In: Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. PropylĂ€en Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1990, S. 254 u. ö.
  24. ↑ Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft. MĂŒnchen 1981 [zuerst 1944].
  25. ↑ Rainer Zitelmann: Hitler. SelbstverstĂ€ndnis eines RevolutionĂ€rs. Darmstadt 1990, S. 491.
  26. ↑ Wolfgang Wippermann und Michael Burleigh: The racial state. Germany 1933–1945. Cambridge University Press 1991, S. 378 ff.
  27. ↑ Joachim Fest: War Adolf Hitler ein Linker? (taz.de, 27. September 2003)
  28. ↑ Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-15863-X
  29. ↑ Klaus Hildebrand, Das Dritte Reich (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 17), MĂŒnchen 1991, S. 170
  30. ↑ Michael von Prollius, Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten 1933–1939. Steuerung durch emergente Organisation und Politische Prozesse. Paderborn 2003.
  31. ↑ Markus Albert Diehl, Von der Marktwirtschaft zur nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Die Transformation der deutschen Wirtschaftsordnung 1933–1945 (BeitrĂ€ge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Nr. 104), Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, S. 179

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