Nidhogg

Am Weltenbaum kämpft der Hirsch mit der Schlange (Nidhöggr?). Relief der inneren Seitenwand der Stabkirche von Urne in Sogn (Norwegen).

Nidhöggr (auch Nidhögg oder Nidhöggur) ist ein Drache der nordischen Mythologie am Weltenbaum Yggdrasil, der mit dem Tod und Schlangen in Verbindung steht. Anscheinend konnte man in ihm selbst auch eine Schlange sehen.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Nidhöggr, an. Niðhǫggr, bedeutet „Der grimmig/hasserfüllt Schlagende“[1], vergleiche das Wort an. niðuðr „grimmiger Krieger“. An. hǫgg ist auch Bestandteil von an. hǫgguðr „Schwert“ und an. hǫggnuðr „Zauberstab, der das Gelingen verursacht“. Das ähnliche Wort an. nið hat die Bedeutung „Neumond, abnehmender Mond“.[2]

Sein Name wird zum Teil auch mit „Neiddrache“ übersetzt."[3] Die Bedeutung "Drache" kann dem Namen aber nicht unmittelbar entnommen werden. An. nīð bedeutet „Schmähung, Verhöhnung“.[4]

Stellung im germanischen Kosmos

Der Drache haust in Niflheim bei der Quelle Hvergelmir und lebt dort mit (anderen) Schlangen wie Goinn und Moinn, deren Herr er vielleicht ist. Stets nagt Nidhöggr von unten an der Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil, die nach Niflheim reicht. Er verletzt den Baum und schädigt ihn. Der Baum jedoch erduldet das. Die drei Nornen heilen die Wunden Yggdrasils mit dem feuchten Quellsand des Urdbrunnens, der an einer anderen Wurzel liegt. (Grímnismál 34 f., Gylfaginning 15 f.).

Am Weltenbaum liegt Nidhöggr in Streit mit einem Adler, der in der Krone lebt. Das Eichhörnchen Ratatöskr klettert von der Krone zu den Wurzeln den Baum auf und ab und überbringt die Zankworte der beiden (Grímnismál 32, Gylfaginning 16). Den Adler setzt man mit dem adlergestaltigen Riesen Hräsvelgr gleich.

Warum und worüber sie streiten wird nicht gesagt. Adler (Oben) und Drache (Unten) bilden ein Gegensatzpaar und liegen wie alle Gegensätze im Streit miteinander. Der Adler (Mächtiger der Oberwelt) und der Drache (Mächtiger der Unterwelt), die Majestät des Adlers und die Niedernheit des Drachen, oben und unten (und alle anderen Gegensätze).

Interessant ist, dass beide aber auch ein gemeinsames Merkmal haben. Der Drache wird in seinen Taten als Leichenfresser beschrieben (Völuspá 39, Gylfaginning 52). Der Name des Adlers Hräsvelgr bedeutet Leichenfresser. Wer im Erdreich (Unterwelt) bestattet wird, den fressen die Würmer (Schlangen unter der Erde), aber um das Aas über der Erde kümmern sich die Raubvögel, deren größter der Adler ist.

Nidhöggr nagt an Yggdrasil

Totendrache

Der Drache ist ein Totendrache. In seinem Namen klingt der Neumond mit an, der auch ein Sinnbild des Todes ist. Seine Heimat ist Niflheim, die Welt des eisigen Nordens (der ungünstigsten Himmelsrichtung der Germanen), die zugleich auch ein Teil der Unterwelt ist. Er verschlingt die Leichen und saugt das Blut der Toten aus (Völuspá 39, Gylfaginning 52). Durch das Blutaussaugen entzieht er ihren Körpern den Stoff, der die Lebenskraft trägt. Christlichen Einfluss vermutet man in der Aussage der Edda, dass der Drache sich aber nur um die schlimmen Übeltäter, die Mörder und Meineidigen, kümmere wegen des Strafgedankes (Völuspá 39, Gylfaginning 52). Nach der Götterschlacht Ragnarök sammelt er die Leichen der Toten ein (Völuspá 66).

Ragnarök

Als einer der wenigen überlebt Nidhöggr Ragnarök, den Untergang der Götter (Völuspá 66). Er ist es, der die Leichen einsammelt:

„Dort kommt der dunkle Drache geflogen,
die glänzende Schlange,
von unten, von Nidafjöll;[5]
er trägt in den Flügeln
- fliegt übers Feld -,
Nidhögg, Leichen -
nun wird er versinken.“[6]

Man kann die Stelle so lesen, dass der Drache kurz darauf stirbt. Man kann die Stelle aber auch so lesen, dass der Drache von der Luft mit all den Toten, die er eingesammelt hat, wieder in die Unterwelt sinkt, wo sein Platz ist.

Deutung

„Er ist der Unterweltdrache, der ständig an einer Wurzel der Weltesche Yggdrasil nagt und damit das ganze All bedroht.“[7]

Nidhöggr schädigt zwar den Weltenbaum, und somit die Ordnung der Welt, er ist aber kein Feind der Weltordnung, sondern ein Teil von ihr. Er ist auch nicht die germanische Entsprechung „des großen Drachens, der alten Schlange, die Teufel und Satan genannt wird“, den Erzengel Michael bezwingt (Apk 12,7-9). Auch wenn Nidhöggr dem Tod nahe steht, ein Drache ist und am Ende der Zeit eine Rolle spielt.

- Nidhöggr kämpft nicht gegen die Götter in Ragnarök im Gegensatz zu dem Antichristen, der sich am jüngsten Tag als Drache gegen Gott erhebt und von Michael bezwungen wird.

- Nidhöggr überlebt Ragnarök unbehelligt, im Gegensatz zum Drachen der Apokalypse, der bezwungen und auf die Erde geworfen wird.

- Nidhöggr macht nach Ragnarök genau das, was er vor Ragnarök getan hat: Er kümmert sich auf seine Weise um die Toten.

- Nidhöggr ist nicht der einzige Schädiger des Weltenbaums. Da sind auch 4 Hirsche, die die Blätter des Baums essen. Niemand käme auf die Idee, diese Hirsche als Feinde der Weltordnung zu verstehen. Im Übrigen heißt es auch, dass der Weltenbaum die Schädigungen duldet.

Nidhöggr ist anscheinend ein Teil der Welt, ohne den die Welt nicht sein kann. Die Germanen hatten nicht den christlichen Glauben an Satan, sondern ein Naturverstehen, in dem Werden und Vergehen zum Schicksal allen Lebens gehört. Auch das Wiederwerden, so wie aus dem Neumond (Tod, Winter) der zunehmende Mond (Neues Leben, Frühling) entsteht und der Untergang der Götter in Ragnarök zwar das Ende von alter Ordnung und altem Kosmos bedeutet, aber nicht das Ende des Universums und der Möglichkeit, eine neue Ordnung zu schaffen.

Nidhöggr steht in dieser Weltanschauung auf der Seite des Vergehens und trägt somit seinen Teil zur Ordnung der Welt bei. Ein notwendiges Übel durch das erst Raum für neues Leben geschaffen wird.

Altnordische Textzeugen

Nidhöggr wird viermal in der Lieder-Edda erwähnt: zweimal im Grímnismál und zweimal in der Völuspá, dort das zweite Mal im Ragnarök. In der Übersetzung Simrocks[8]:


Völuspá, Strophe 38/39 (= Simrock 42/43)

Einen Saal sah sie,
der Sonne fern,
In Nastrand, die Türen
sind nordwärts gekehrt.
Gifttropfen fallen
durch die Fenster nieder;
Aus Schlangenrücken
ist der Saal gewunden.

Sie sah im starrenden
Strome waten
Meuchelmörder
und Meineidige,
Und die andrer Liebsten
ins Ohr geraunt.
Da sog Nidhöggr
entseelte Leiber,
Der Menschenwürger:
was wißt ihr noch mehr?


Möglicherweise diese Stelle zu Beginn Ragnaröcks: Völuspá, Strophe 50 (= Simrock 49)

Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,
Jörmungand wälzt sich im Jötunmute.
Der Wurm* schlägt die Flut, der Adler facht,
Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.

  • im Originaltext: an. neffölr „der Nasenbleiche“, was Simrock mit „Wurm“ übersetzt und zum Teil einfach mit Nidhöggr gleichgesetzt wird.


Völuspá, Strophe 66 (= Simrock 65)

Nun kommt der dunkle
Drache geflogen,
Die Natter herauf
aus den Nidafelsen.
Das Feld überfliegend
trägt er auf den Flügeln,
Nidhöggr, Leichen –
und nieder senkt er sich.


Grímnismál, Strophe 32:

Nagezahn heißt das Eichhorn,
das immer rennt
auf der Esche Yggdrasil:
von oben her
soll es des Adlers Worte
zu Nidhöggr niedertragen.


Grímnismál, Strophe 35:

Die Esche Yggdrasil duldet Unbill
Mehr als Menschen wissen.
Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhöggr.


Einzelnachweise

  1. Arnulf Krause: Die Götter und Heldenlieder der Älteren Edda. Reclam, 2004 - vgl. Reiner Tetzner: Germanische Göttersagen - Nach den Quellen neu erzählt. Reclam, Stuttgart 1992, S. 193
  2. Die Bedeutungen des Absatzes siehe: Gerhard Köbler: Altnordisches Wörterbuch. 2. Aufl., 2003. Online
  3. Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Dämonen. Verlag Kröner, 2. Aufl., 1989. Stichwort: Nidhöggr
  4. Gerhard Köbler: Altnordisches Wörterbuch. 2. Aufl., 2003. Online
  5. „dunkle Berge“
  6. Arnulf Krause: Die Götter und Heldenlieder der Älteren Edda. Reclam, 2004.
  7. Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Dämonen. Verlag Kröner, 2. Aufl., 1989, Stichwort: Nidhöggr
  8. Karl Joseph Simrock: Die Edda. 1851.

Weblinks


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