Operation Entebbe

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Operation Entebbe
Das Terminal des Flughafens Entebbe mit einer Gedenktafel

Im Rahmen der Operation Entebbe, einer milit√§rischen Befreiungsaktion in der Nacht vom 3. Juli bis zum fr√ľhen Morgen des 4. Juli 1976 auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda, wurde die Entf√ľhrung eines Passagierflugzeugs der Air France durch pal√§stinensische und deutsche Terroristen nach Entebbe von israelischen Sicherheitskr√§ften beendet.

Die lokalen, ugandischen Beh√∂rden hatten die Geiselnehmer unterst√ľtzt, der Diktator Idi Amin pers√∂nlich begr√ľ√üte sie nach ihrem Eintreffen.[1] Die j√ľdischen Geiseln wurden von den Terroristen ausgesondert, w√§hrend die √ľbrigen freigelassen wurden. Bei der Befreiungsaktion wurden alle Geiselnehmer get√∂tet. Drei Geiseln und etwa 25 ugandische Soldaten kamen bei Feuergefechten ums Leben. Eine weitere Geisel wurde sp√§ter in einem ugandischen Krankenhaus von ugandischen Offiziellen ermordet. Da kenianische Stellen die Israelis unterst√ľtzt hatten, wurden in der Folge auf Veranlassung Amins mehrere hundert Kenianer in Uganda ermordet. Amin selbst wurde zwei Jahre sp√§ter ins Exil gezwungen.

F√ľr die Befreiungsaktion sind neben Operation Entebbe auch die Bezeichnungen Operation Thunderbolt oder Operation Jonathan in Gebrauch; letztere nach dem Namen des dabei ums Leben gekommenen Anf√ľhrers Jonathan Netanjahu.

Der spektakul√§re Handstreich wurde bereits 1976 und 1977 mehrmals verfilmt. Die Aussonderung j√ľdischer Geiseln durch den deutschen Terroristen Wilfried B√∂se wie auch die Anerkennung der milit√§rischen F√§higkeiten und der Selbstbehauptung Israels spielten dabei eine wichtige Rolle.

Zu einer breiteren Debatte √ľber das Verh√§ltnis der Linken zu Antizionismus und Antisemitismus und zu den Terrororganisationen RAF und Revolution√§re Zellen kam es in Deutschland erst deutlich sp√§ter.

Die Aktion hatte kontroverse Debatten im Sicherheitsrat zu Folge und wirft bis heute diskutierte völkerrechtliche Fragen auf. Am Flughafen Entebbe erinnert heute eine israelisch-ugandische Gedenktafel am Eingang an die Geschehnisse.

Flughafengebäude mit UN-Fahrzeug im Vordergrund
Das alte Terminal des Flughafens Entebbe (1994)

Inhaltsverzeichnis

Entf√ľhrung

Am 27. Juni 1976 wurde der Flug 139 der Air France, der von Tel Aviv √ľber Athen nach Paris f√ľhren sollte, nach dem Start in Athen entf√ľhrt. Die Maschine vom Typ Airbus A300 wurde zum Flughafen Bengasi in Libyen umgeleitet, dort aufgetankt und landete schlie√ülich am Nachmittag des 28. Juni auf dem Flughafen Entebbe der Hauptstadt von Uganda, Kampala.

Die Entf√ľhrer waren zwei[2] Terroristen der Volksfront zur Befreiung Pal√§stinas, Wadi Haddad, sowie zwei deutsche Terroristen der Revolution√§ren Zellen, Wilfried B√∂se und Brigitte Kuhlmann. Die Terroristen wurden offensichtlich durch das pro-pal√§stinensische ugandische Regime Idi Amins unterst√ľtzt.

Mit der Flugzeugentf√ľhrung sollte die Freilassung von insgesamt 53 Inhaftierten aus Gef√§ngnissen in Israel, Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz erpresst werden. Darunter waren auch Mitglieder der Rote Armee Fraktion und der Bewegung 2. Juni. Au√üerdem forderten die Entf√ľhrer f√ľnf Millionen US-Dollar von der franz√∂sischen Regierung f√ľr die R√ľckgabe des Flugzeuges.

Trennung der j√ľdischen von den nichtj√ľdischen Geiseln

Die Passagiere wurden in der alten Transithalle des Terminals von Entebbe als Geiseln gehalten. Die Terroristen ‚Äěselektierten‚Äú die j√ľdischen Passagiere[3] (80 Israelis sowie 22 Juden franz√∂sischer Staatsangeh√∂rigkeit sowie ein Staatenloser[4]) aus und lie√üen die anderen Geiseln frei. Diese Aussonderung wurde von dem deutschen Terroristen Wilfried B√∂se √ľbernommen. Als ihm ein Holocaust√ľberlebender dabei seine eint√§towierte H√§ftlingsnummer zeigte, erwiderte B√∂se auf den darin implizierten Vorwurf, er sei kein Nazi, sondern Idealist.[5]

Aufgrund der Ank√ľndigung der Entf√ľhrer, dass die Crew und die nicht-j√ľdischen Passagiere freikommen w√ľrden und in ein anderes Air-France-Flugzeug umsteigen d√ľrften, flog ein solches nach Entebbe. Der Kapit√§n des Flugs 139, Michel Bacos, verk√ľndete den Entf√ľhrern, dass alle Passagiere seiner Verantwortung unterl√§gen, weshalb er die j√ľdischen Passagiere nicht zur√ľcklassen wolle. Seine gesamte Crew, bis hinunter zum j√ľngsten Flugbegleiter, folgte ihm freiwillig. Nach ihrer R√ľckkehr nach Paris wurde Bacos f√ľr sein Verhalten von seinen Vorgesetzten bei der Air France gema√üregelt und f√ľr einige Zeit von seinen Aufgaben entbunden. Sp√§ter wurde ihm vom franz√∂sischen Staatspr√§sidenten der Orden der Ehrenlegion verliehen. Der Rest der Crew wurde ebenfalls ausgezeichnet[6]. Eine franz√∂sische Nonne weigerte sich ebenfalls zu gehen und wollte den Platz einer j√ľdischen Geisel √ľbernehmen, wurde aber von ugandischen Soldaten in das wartende Air-France-Flugzeug gezwungen.

Vorbereitungen der Befreiungsaktion

In Israel und vor Ort sowie in Paris bei den freigelassenen Geiseln sammelten das israelische Milit√§r und der Mossad mehrere Tage lang Informationen. Die alte Abfertigungshalle des Flughafens Entebbe war von einer israelischen Firma gebaut worden, weshalb Pl√§ne der Anlage verf√ľgbar waren. Die freigelassenen Geiseln wurden intensiv befragt; einer der Freigelassenen konnte sich an wesentliche Details der Geb√§ude, der Entf√ľhrer, ihrer Bewaffnung und ihrer Kooperation mit den ugandischen Streitkr√§ften erinnern.[7]

Die Israelis entwarfen Pl√§ne f√ľr ein Eingreifen und bauten Teile der Halle nach. Schlie√ülich flogen vier israelische Hercules-Transportflugzeuge, in Begleitung von Phantom-Jets der israelischen Luftstreitkr√§fte, im Tiefflug nach Entebbe und landeten nachts auf dem Flughafen. Ihnen folgten zwei Boeing 707, eine davon als Einsatzzentrale, das andere mit medizinischen Einrichtungen, die zum Flughafen von Nairobi in Kenia flogen.

Die Einsatztruppe von insgesamt etwa hundert M√§nnern bestand aus einer Stabseinheit unter Leitung von Brigadegeneral Shomron und zugeh√∂rigen Kommunikations- und Unterst√ľtzungstruppen, einer Eingreiftruppe von 29 Mann unter Leitung von Oberstleutnant Netanjahu, darunter Soldaten der Sajeret Matkal in verschiedenen Gruppen unter Major Betser und Matan Vilnai sowie einer Verst√§rkungstruppe, die zur Sicherung der Umgebung, zur Zerst√∂rung der MiG-J√§ger der ugandischen Luftwaffe, zur Sicherung der √úbernahme der Geiseln und zur Betankung der Flieger dienen sollte.

Ablauf der Aktion

Eines der Flugzeuge ließ kurz nach der Landung um 23:00 einen schwarzen Mercedes und einige Landrover ausrollen. Man wollte damit die Landung eines hohen ugandischen Offiziellen oder Amins selbst vortäuschen.[8] Das israelische Kommando fuhr, eine Wagenkarawane Amins imitierend, direkt zum Hauptgebäude. Auf dieser Fahrt wurden zwei ugandische Wachsoldaten erschossen, die die Fahrzeuge anhalten wollten.

Aus weiteren Lastflugzeugen wurden gepanzerte Fahrzeuge ausgeladen, mit denen der R√ľckweg gesichert und die ugandischen Soldaten vor Ort bek√§mpft wurden. Da die israelischen Flugzeuge vor dem R√ľckflug aufgetankt werden mussten, waren Pumpen an Bord, um die ugandischen Kerosintanks anzuzapfen; darin lag ein zus√§tzliches Risiko der Operation.

Neben einigen Mossad-Mitarbeitern waren haupts√§chlich √ľber hundert Elitesoldaten der Sajeret Matkal an der Aktion beteiligt.

Die Kommandoeinheit drang wenige Minuten nach der Landung in das Hauptgeb√§ude ein, in dem die Geiseln festgehalten wurden. Bei dem einsetzenden Schusswechsel starben drei der 103 Geiseln, darunter eine, als sie auf die israelischen Truppen zulief. In kurzer Zeit wurden die verbleibenden Geiselnehmer get√∂tet und mit der R√ľckf√ľhrung der Geiseln begonnen.

Ugandische Truppen er√∂ffneten ihrerseits das Feuer auf israelische Truppen, wobei Oberstleutnant Jonathan Netanjahu, ein Bruder des sp√§teren israelischen Ministerpr√§sidenten, vermutlich von einem Scharfsch√ľtzen im Tower get√∂tet wurde. Beim R√ľckzug kam es zu Feuergefechten mit den Ugandern. Die Kampfhandlungen selbst dauerten ungef√§hr neunzig Minuten. Dabei wurden sieben Terroristen und etwa 25 ugandische Soldaten get√∂tet. Elf ugandische MiG-Jagdjets (und damit der wesentliche Teil der ugandischen Luftwaffe), die sich auf dem Flugfeld befanden, wurden am Boden zerst√∂rt. Die befreiten Geiseln wurden kurze Zeit sp√§ter √ľber Nairobi nach Israel ausgeflogen. In Kenia wurden den Israelis ein regul√§rer Zwischenhalt und das Auftanken der Flugzeuge erm√∂glicht.

Nachfolgen

Die 75-j√§hrige israelische Geisel Dora Bloch befand sich zum Zeitpunkt der Geiselbefreiung in einem Krankenhaus in Kampala; daher wurde sie durch die Operation Entebbe nicht erfasst. Sie wurde am folgenden Tag auf Befehl Amins von ugandischen Offiziellen get√∂tet; ebenso wurden √Ąrzte und Schwestern, die sich f√ľr sie einsetzten, ermordet. Weiterhin lie√ü Amin mehrere Hundert in Uganda befindliche Kenianer umbringen, weil Kenia mit den Israelis kooperiert hatte.[9]

Völkerrechtliche Fragen

Im Sicherheitsrat der UN hatten die afroarabischen und sozialistischen Staaten eine Sondersitzung aufgrund der Verletzung der Souveränität Ugandas verlangt. Der UN-Generalsekretär Kurt Waldheim verurteilte die Aktion als ernsthafte Verletzung der Souveränität eines Mitgliedsstaates.

Die von einigen Staaten wie Tansania nie anerkannte Regierung Ugandas hatte mit ihrer Unterst√ľtzung der Terroristen unter anderem das Haager ICAO-√úbereinkommen zur Bek√§mpfung der widerrechtlichen Inbesitznahme von Luftfahrzeugen wie die Mindestvorgaben des Umganges mit fremden Staatsangeh√∂rigen verletzt. Die meisten westlich orientierten Staaten mit Ausnahme Japans tolerierten die Aktion. Im Sicherheitsrat fand eine ausdr√ľckliche Verurteilung Israels keine Mehrheit.[1] Botschafter Chaim Herzog verteidigte den Einsatz, auf den man mit Fug und Recht stolz sei, vor dem UN-Sicherheitsrat als Ausdruck der Werte, f√ľr die Israel stehe, f√ľr Menschenw√ľrde, das Menschenleben wie f√ľr die menschliche Freiheit an sich.[10]

‚ÄúWe come with a simple message to the Council: we are proud of what we have done because we have demonstrated to the world that in a small country, in Israel's circumstances, with which the members of this Council are by now all too familiar, the dignity of man, human life and human freedom constitute the highest values. We are proud not only because we have saved the lives of over a hundred innocent people‚ÄĒmen, women and children‚ÄĒbut because of the significance of our act for the cause of human freedom.‚ÄĚ

‚ÄěWir treten mit einer einfachen Botschaft an den Sicherheitsrat: Wir sind stolz auf das, was wir getan haben, weil wir der Welt gezeigt haben, dass in einem kleinen Land, in der Situation Israels, die den Mitgliedern dieses Rates nun allzu bekannt ist, die menschliche W√ľrde, menschliches Leben und die Freiheit der Menschen h√∂chste Werte darstellen. Wir sind nicht nur stolz, weil wir das Leben von √ľber hundert Unschuldigen ‚Äď M√§nnern, Frauen und Kindern ‚Äď gerettet haben, sondern aufgrund der Bedeutung unserer Tat f√ľr das Anliegen der Freiheit der Menschen.‚Äú

‚Äď Chaim Herzog[11][12]

Dem Juristen Ulrich Beyerlin zufolge war das Vorgehen der israelischen Streitkr√§fte mangels eines bewaffneten Angriffs Ugandas gegen Israel nicht vom Recht zur Selbstverteidigung im Kriegsfall gedeckt. √Ąhnlich wie nach der Caroline/McLeod-Aff√§re oder der Operation Dragon Rouge und Dragon Noir stellt sich bei der Operation Entebbe die Frage nach der Vereinbarkeit milit√§rischer Schutzma√ünahmen eines Staates zugunsten seiner im Ausland angegriffenen B√ľrger mit dem V√∂lkerrecht und anderen Rechtsanspr√ľchen unterhalb der Schwelle eines Krieges.[1]

Bei der Vorbereitung der Operation Feuerzauber in Zusammenhang mit der Entf√ľhrung des Flugzeugs Landshut wurde im Gegensatz zu Entebbe mit Polizeikr√§ften und nach Abstimmung mit den somalischen Machthabern eingegriffen. Dies war in Entebbe offensichtlich unm√∂glich. Offen bleibt die grunds√§tzliche Frage, wie angesichts versagender staatlicher Strukturen in manchen L√§ndern erforderliche, auch milit√§risch begleitete Rettungsma√ünahmen f√ľr B√ľrger anderer L√§nder zu begr√ľnden sind und durchgef√ľhrt werden k√∂nnen.[1]

Rezeption und Wirkungsgeschichte

Bei vielen Deutschen f√ľhrte die Aktion in Entebbe zu einer l√§nger anhaltenden Israelbegeisterung. Dabei wurden auch Formulierungen wie Blitzkrieg verwendet, deren Bezug auf das deutsche Milit√§r in Deutschland selbst tabu gewesen w√§re und die deshalb sp√§ter Ansto√ü erregten. Annette Vowinckel sprach von einer ‚ÄěVerl√§ngerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten‚Äú.[13] Die uneingeschr√§nkte[1] und nachhaltige Unterst√ľtzung auf Regierungsebene trug zu einer deutlichen Verbesserung und Festigung der regierungsamtlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel bei, w√§hrend sich die israelischen Beziehungen zur DDR weiter verschlechterten.[14]

Deutsche Kommentatoren betonten 1976 den erheblichen Druck, unter dem die bundesdeutschen Beh√∂rden angesichts der Verantwortung f√ľr die von deutschen Terroristen bedrohten j√ľdischen Geiseln gestanden h√§tten. Es wurde spekuliert, inwieweit die Bundesrepublik ohne das israelische Eingreifen das Freipressen der deutschen H√§ftlinge ohne erheblichen Gesichtsverlust h√§tte vermeiden k√∂nnen.

Die Zeit sprach von einem ‚Äěkaum wiederholbaren Gl√ľcksfall‚Äú:

‚ÄěDie Bundesregierung kam dabei ebenso gl√ľcklich aus dem Schneider. Ihre nachtr√§glich publizierte Willenserkl√§rung, sie werde keinen hierzulande inhaftierten Terroristen im Austausch gegen israelische Geiseln freilassen, lie√ü sich allein unter der Pr√§misse des Erfolges der Befreiungsaktion halten. Was h√§tten wir denn getan, was h√§tten wir tun sollen, wenn Israel gen√∂tigt gewesen w√§re, vierzig inhaftierte Pal√§stinenser freizugeben, um seine Geiseln zu retten? H√§tten wir auf Kosten des Lebens der Juden, die zuvor ein deutscher Terrorist von anderen mit vorgehaltener Pistole selektierte, einen Austausch √† la Peter Lorenz verweigert, nur um f√ľnf in deutschen Gef√§ngnissen einsitzende Baader-Meinhof-Leute nicht hergeben zu m√ľssen? Wir h√§tten das schwerlich ausgehalten.‚Äú[15]

Eine rein ‚Äěstrategische‚Äú Erkl√§rung bot dagegen der Spiegel an:

‚ÄěGeschickt zogen die Entf√ľhrer das besondere Verh√§ltnis, das Deutsche und Juden miteinander verbindet, in ihr Kalk√ľl. Sie demonstrierten, nachdem sie einmal die Aufmerksamkeit der Welt auf ihre Aktion gerichtet sahen, Gro√üz√ľgigkeit und lie√üen die Mehrzahl der Geiseln frei. Durch Deeskalation hofften sie, auch die Gegenseite zu Kompromissen bewegen zu k√∂nnen. Zugleich aber hielten sie s√§mtliche j√ľdischen Passagiere zur√ľck. Und sie kalkulierten offenbar genau ein, dass Bonn auf ihr Verlangen nach Freilassung von sechs westdeutschen H√§ftlingen eingehen m√ľsste. Denn weder innenpolitisch noch vor der Welt√∂ffentlichkeit k√∂nnten es sich gerade die Deutschen mit ihrer Vergangenheit leisten, wieder Mitverantwortung f√ľr Mord an Juden zu tragen.‚Äú[16]

Demgegen√ľber hatte 1972 die Bundesrepublik die Terroristen, welche die Geiselnahme von M√ľnchen √ľberlebt hatten, gegen erhebliche israelische Proteste nach einer Flugzeugentf√ľhrung kurzerhand von Deutschland nach Tripolis ausgeflogen.[17] 1977 war die Bundesregierung willens und f√§hig, eine gewaltsame L√∂sung des Geiseldramas in Mogadischu herbeizuf√ľhren, und nicht mehr bereit, abgeurteilte H√§ftlinge durch eine Geiselnahme freipressen zu lassen. Dazu hatte die Erfahrung aus der Operation Entebbe beigetragen, die der damalige BGS-Beamte Ulrich Wegener, der erste Kommandeur der GSG 9, administrativ unterst√ľtzt hatte.

Wiedergabe in den Medien

In den englischsprachigen L√§ndern und Israel wurde die Auseinandersetzung zwischen deutschen Terroristen, j√ľdischen Geiseln und israelischer Eingreiftruppe bereits unmittelbar nach den Anschl√§gen in einer Fernsehserie und 1976 und 77 gedrehten, und hochkar√§tig (unter anderem mit Elizabeth Taylor und Richard Burton) besetzten Kinofilmen thematisiert.

Parallel war es nach dem Sechstagekrieg 1967 und dem Jom-Kippur-Krieg 1973 aufgrund der Bedrohungslage Israels zu einer st√§rkeren Einbeziehung des Holocaust in den Gr√ľndungsmythos des Staates Israel wie in die internationale Medienwelt gekommen.[18] Diese f√ľhrte zu einer st√§rkeren Thematisierung der Judenvernichtung in internationalen Medien und Filmproduktionen und wurde ebenso bei den filmischen Wiedergaben der Operation Entebbe thematisiert.[18] In allen Verfilmungen wurde B√∂se jeweils von einem deutschen Schauspieler mit entsprechendem Akzent dargestellt, die Selektion der j√ľdischen (nicht der israelischen) Geiseln, darunter eine Holocaust√ľberlebende durch deutsche Terroristen als Schl√ľsselszene interpretiert. Bei der israelischen Verfilmung Mivtsa Yonathan spielten die Akteure Shimon Perez, Jigal Allon und Jitzchak Rabin sich selbst als Darsteller, was den Anspruch an den dokumentarischen Charakter unterstrich.

In den 1970er Jahren wurden Flugreisen zunehmend breiteren Bev√∂lkerungsschichten zug√§nglich, gleichzeitig stieg die Anzahl der Flugzeugentf√ľhrungen. W√§hrend sie anfangs zumeist durch Geiselaustausch beendet wurden, zeichnete sich mit Entebbe eine Tendenz zur Intervention ab, deren Stattfinden wie Erfolg in der westlichen Welt zunehmend begr√ľ√üt wurde.[19] In Westdeutschland geriet Entebbe gegen√ľber dem Geiseldrama der Landshut und dem Deutschen Herbst etwas ins Hintertreffen. Eine filmische oder literarische Verarbeitung fand erst viel sp√§ter statt. Thomas Ammann drehte 2010 eine ARTE-Dokumentation zum Thema, erneut mit der Selektion als Schl√ľsselszene.[20][21]

In Israel kam es einige Zeit sp√§ter zu l√§ngeren √∂ffentlichen Auseinandersetzungen zwischen Major "Muki" Betser und den Br√ľdern Iddo und dem sp√§teren Politiker Benjamin Netanyahu. Betser warf Jonathan Netanyahu im Nachhinein vor, die beiden Wachsoldaten, die seiner Afrikaerfahrung nach die Kolonne nicht ernsthaft gestoppt, sondern schlicht in Erwartung eines Offiziellen durchgewunken h√§tten, im Eingangsbereich unn√∂tigerweise erschossen zu haben. Er habe damit seinen eigenen Tod verursacht wie den √úberraschungseffekt der Aktion unn√∂tigerweise riskiert. Netanyahu war nur teilweise bei den Vorbereitungen anwesend gewesen,[22] Betser sah Netanyahu daher auf √ľbertriebene Weise glorifiziert.[23].

Auswirkungen in der linken Szene

Hans-Joachim Klein, der noch 1975 als Mitglied der Revolution√§ren Zellen (RZ) w√§hrend der OPEC-Geiselnahme in Wien drei Menschen erschossen hatte, tauchte kurz darauf unter. Er distanzierte sich 1977 von den RZ und warnte vor geplanten RZ-Anschl√§gen gegen die prominenten j√ľdischen Vertreter Heinz Galinski und Ignaz Lipinski (Leiter der J√ľdischen Gemeinde Frankfurt).[24]

Weitere Angeh√∂rige der Organisation begannen erst 1991 √∂ffentlich Selbstkritik zu √ľben und im Rahmen des gewaltsamen Todes eines Mitglieds ihr Verh√§ltnis zu den Pal√§stinensern zu hinterfragen:

‚Äě[‚Ķ] Anstatt wahrzunehmen, was uns vorgehalten wurde, n√§mlich dass wir als Organisation an einer Operation teilhatten, in deren Verlauf israelische Staatsb√ľrger und j√ľdische Passagiere anderer Nationalit√§t ausgesondert und als Geisel genommen worden waren, besch√§ftigten wir uns vor allem mit dem milit√§rischen Aspekt der Aktion und ihrer gewaltsamen Beendigung.‚Äú[25]

Das ehemalige RAF-Mitglied Peter-J√ľrgen Boock √§u√üerte als Erkl√§rung, dass RZ wie RAF ohne Hilfe der Pal√§stinenser ‚Äěvon Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre nicht mehr oder nur sehr bedingt aktionsf√§hig gewesen‚Äú w√§ren.[26] Parallel versuchte die DDR, die lange Zeit f√ľr einen vehementen Antizionismus bis zu einer Gleichsetzung von Israel mit Nazi-Deutschland einstand, Ende der 1980er-Jahre das Verh√§ltnis zu Israel zu verbessern.[27]

Deutsche Linke und Linksextreme blieben bis in die Gegenwart teilweise antizionistisch und antiisraelisch eingestellt.[28] 2004 wurde dies einschlie√ülich der unterschiedlichen Reaktionen zu Entebbe bei einer Konferenz zum ‚ÄěAntisemitismus der Linken‚Äú in der Hans-B√∂ckler-Stiftung thematisiert.[29]

Entebbe war nur f√ľr einige ‚Äěintellektuelle Au√üenseiter‚Äú wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein ein Grund, anhand der Vorf√§lle das Verh√§ltnis der deutschen Linken zum Antisemitismus kritisch zu betrachten oder sich ganz von der Linken zu distanzieren. Eine breitere Auseinandersetzung in der Linken fand erst deutlich sp√§ter statt und pr√§gte die Diskurse, welche von der Str√∂mung der Antideutschen neu angesto√üen wurden.[30]

Filmische Adaptionen

Der Zwischenfall wurde in drei größeren Filmproduktionen thematisiert. Zwei waren US-amerikanische Produktionen mit internationaler Besetzung, der dritte wurde in Israel mit zumeist israelischen Schauspielern in den Hauptrollen produziert.

Literatur

  • William Stevenson: Ninety Minutes at Entebbe. Bantam Books, 1976, ISBN 0-553-10482-9.
    • franz√∂sisch: 90 minutes √† Entebbe : tonnerre isra√©lien sur l'Ouganda. Ed. Stank√©, Montr√©al 1976, ISBN 0-88566-042-0.
  • Muki Betser, Robert Rosenberg: In geheimen Auftrag. Heyne, 1998, ISBN 3-453-14137-7.
  • Annette Vowinckel: Der kurze Weg nach Entebbe oder die Verl√§ngerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Online-Ausgabe. 1 (2004), H. 2, (online)

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ a b c d e Ulrich Beyerlin: Abhandlungen: Die israelische Befreiungsaktion von Entebbe in v√∂lkerrechtlicher Sicht. auf: zaoerv.de Max-Planck-Institut f√ľr ausl√§ndisches √∂ffentliches Recht und V√∂lkerrecht, 1977.
  2. ‚ÜĎ umfassender Bericht im Archiv des IDFs, s.9, Abs.1
  3. ‚ÜĎ Gerhard Hanloser: Bundesrepublikanischer Linksradikalismus und Israel - Antifaschismus und Revolutionismus als Trag√∂die und als Farce. In: Moshe Zuckermann (Hrsg.): Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik. Wallstein, G√∂ttingen 2005, ISBN 3-89244-872-8, S. 194.
  4. ‚ÜĎ Klaus Biesenbach: Zur Vorstellung des Terrors. Zur Vorstellung des Terrors. Die RAF-Ausstellung. Band 2. Steidl, Berlin 2005, ISBN 3-86521-102-X, S. 151.
  5. ‚ÜĎ David Tinnin: Like Father. In: Time. 8. August 1977; Julian Becker: A review of Hitler's children. Page 2
  6. ‚ÜĎ http://www.flightglobal.com/pdfarchive/view/1976/1976%20-%201254.html
  7. ‚ÜĎ The Rescue: 'We Do the Impossible'., Time Magazine. Monday, 12 July 1976. Abgerufen am 26 July 2009. 
  8. ‚ÜĎ Remembering Entebbe,Larry Domnitch. The Jewish Press (1. Juli 2009). Abgerufen am 4. Juli 2009.
  9. ‚ÜĎ 1976: Israelis rescue Entebbe hostages, BBC ‚Äď On this day. 4. Juli 2008. Abgerufen am 26. Juli 2009. 
  10. ‚ÜĎ Chaim Herzog: Heroes of Israel: Profiles of Jewish Courage. Little Brown and Company, September 1989.
  11. ‚ÜĎ Chaim Herzog: Heroes of Israel. S. 284.
  12. ‚ÜĎ Hillel Fendel: Israel Commemorates 30th Anniversary of Entebbe Rescue. In: Israel National News. 5. Juli 2006.
  13. ‚ÜĎ Annette Vowinckel: Der kurze Weg nach Entebbe oder die Verl√§ngerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Online-Ausgabe, 1 (2004), H. 2, (online)
  14. ‚ÜĎ Ilse Dorothee Pautsch, Matthias Peter, Michael Ploetz, Tim Geiger: Akten zur ausw√§rtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1976. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2007, ISBN 978-3-486-58040-2.
  15. ‚ÜĎ Hans Schueler: Terror ohne Ende. Die Entebbe-Aktion war ein Gl√ľcksfall. In: Die Zeit. 9. Juli 1976, S. 1. Zit. nach: Annette VowickelDer kurze Weg nach Entebbe ‚Ķ 2004, S. 11.
  16. ‚ÜĎ Bonn: ‚ÄěH√§rte bedeutet Massaker‚Äú. In: Der Spiegel. 5. Juli 1976, S. 21-25, hier S. 22 und spiegel-online.de. Abgerufen am 5. April 2011.
  17. ‚ÜĎ Flugzeugentf√ľhrung: Terroristen befreit. In: Die Zeit. 3. November 1972.
  18. ‚ÜĎ a b Judith E. Doneson: The Holocaust in American film, Judaic traditions in literature, music, and art. 2. Ausgabe. Verlag Syracuse University Press, 2002, ISBN 0-8156-2926-5.
  19. ‚ÜĎ Manuel Borutta, Frank B√∂sch (Hrsg.): Die Massen bewegen: Medien und Emotionen in der Moderne. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2006, ISBN 3-593-38200-8.
  20. ‚ÜĎ Thomas Ammann: Von Auschwitz nach Entebbe. In: arte. 30. Juni 2010. (Abrufbar auf youtube.com: Teil 1 (Stand: 4. April 2011)).
  21. ‚ÜĎ Thomas Gehringer: ‚ÄěVon Auschwitz nach Entebbe‚Äú: Und wieder selektiert ein Deutscher. (Rezension) In: tagesspiegel.de, 28. Juni 2010. Abgerufen am 4. April 2011.
  22. ‚ÜĎ Sharon Roffe-Ofir: Entebbe's open wound. auf: Ynet. 7 February 2006.
  23. ‚ÜĎ Josh Hamerman: Battling against 'the falsification of history'. auf: Ynet News. 4 February 2007.
  24. ‚ÜĎ Hans-Joachim Klein: R√ľckkehr in die Menschlichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen. Reinbek 1979.
  25. ‚ÜĎ Revolution√§re Zelle: Gerd Albartus ist tot. In: ID-Archiv im IISG/Amsterdam (Hrsg.): Fr√ľchte des Zorns. Texte und Materialien zur Geschichte der Revolution√§ren Zellen und der Roten Zora. Edition ID-Archiv, Berlin 1993, ISBN 3-89408-023-X, S. 20‚Äď34. Dort datiert auf Dezember 1991. Abgerufen am 5. April 2011.
  26. ‚ÜĎ Gunther Latsch: Geschichte des Terrors: Eldorado der Linksguerilla. In: Spiegel Special. 29. Juni 2004. S. 89. (online)
  27. ‚ÜĎ Sebastian Voigt: Das Verh√§ltnis der DDR zu Israel. auf: bpb. 28. M√§rz 2008.
  28. ‚ÜĎ Rudolf van H√ľllen: ‚ÄěAntiimperialistische‚Äú und ‚Äěantideutsche‚Äú Str√∂mungen im deutschen Linksextremismus. auf: bpb.de, 16. April 2008
  29. ‚ÜĎ Matthias Brosch (Hrsg.): Konf: Antisemitismus in der deutschen Linken. Hans-B√∂ckler-Stiftung, Hans-B√∂ckler-Str. 39, 40476 D√ľsseldorf 26. November 2004 - 28. November 2004, IG Metall Bildungsst√§tte Berlin / Pichelsee.
  30. ‚ÜĎ Patrick Hagen: Die Antideutschen und die Debatte der Linken √ľber Israel. In: trend. 04/2005 (onlinezeitung)

Weblinks


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Synonyme:

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  • Op√©ration Entebbe ‚ÄĒ Raid d Entebbe A√©roport d Entebbe Le raid d Entebbe, aussi connu sous le nom Op√©ration Entebbe ou Op√©ration Thunderbolt, s est d√©roul√© dans la nuit du 3 au 4 juillet 1976, √† l a√©roport international d Entebbe en Ouganda. Il a √©t√© appel√© op√©ration ‚Ķ   Wikip√©dia en Fran√ßais

  • Operation Entebbe ‚ÄĒ Operation Jonathan; Operation Thunderbolt; Operation Thunderball ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Operation Entebbe ‚ÄĒ ¬†¬†¬†On 4 July 1976, an Israeli commando operation, code named Thunderbolt, freed 103 hostages taken from a hijacked jetliner and held at the Entebbe airport, Uganda. The jetliner, Air France flight 139 originating in Tel Aviv, was hijacked on 27… ‚Ķ   Historical Dictionary of Israel

  • Operation Jonathan ‚ÄĒ Operation Entebbe, eigentlich Operation Thunderball/Thunderbolt, sp√§ter umbenannt in Operation Jonathan nach dem Leiter der Operation, Oberst Jonathan Netanjahu, der bei der Operation ums Leben kam, war eine Geiselbefreiung der Spezialeinheit… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Operation Thunderball ‚ÄĒ Operation Entebbe, eigentlich Operation Thunderball/Thunderbolt, sp√§ter umbenannt in Operation Jonathan nach dem Leiter der Operation, Oberst Jonathan Netanjahu, der bei der Operation ums Leben kam, war eine Geiselbefreiung der Spezialeinheit… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

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