Oskar Panizza

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Oskar Panizza
Oskar Panizza und Signatur (Datierung unbekannt).

Leopold Hermann Oskar Panizza (* 12. November 1853 in Kissingen; † 28. September 1921 in Bayreuth) war ein deutscher Schriftsteller, Satiriker und Publizist.

In seinen Schriften attackierte Panizza den wilhelminischen Obrigkeitsstaat, die katholische Kirche, sexuelle Tabus und bĂŒrgerliche Moralvorstellungen. Als literarischer Individualist nimmt er eine Sonderrolle in der deutschen Literaturgeschichte ein: Der EinzelgĂ€nger der MĂŒnchner Moderne lĂ€sst sich nur grob zwischen Naturalismus und Expressionismus einordnen. Panizzas Schreibstil war spontan, flĂŒchtig und unkonventionell – dem spĂ€teren Expressionismus Ă€hnlich; dabei benutzte er ab 1893 eine phonetische Orthographie. Er verwendete zwar hĂ€ufig die Formensprache des Naturalismus, doch ist der grĂ¶ĂŸte Teil seiner ErzĂ€hlungen und seiner Gedichte auf das Innenleben des ErzĂ€hlers ausgerichtet, das sich hĂ€ufig stark von der realen Außenwelt unterscheidet. Seine Themen waren hĂ€ufig autobiografisch geprĂ€gt und dienten ausdrĂŒcklich auch der Selbsttherapie des psychisch labilen Autors.

Panizzas Hauptwerk ist das 1894 erschienene satirische Drama Das Liebeskonzil – eine in der Literaturgeschichte beispiellose antikatholische Groteske. Bedeutend sind daneben Panizzas bizarre ErzĂ€hlungen, in denen er Realistik und Phantastik verband. Als Ă€ußerst polemischer Publizist setzte Panizza vor allem satirische Mittel ein und gab von 1897 bis 1900 die Zeitschrift ZĂŒrcher Diskußjonen heraus, in der er individualanarchistische und atheistische Überzeugungen vertrat. Panizzas lyrisches Schaffen wird in erster Linie als bemerkenswertes Zeugnis seiner zunehmenden Geistesgestörtheit rezipiert. Waren die ersten Veröffentlichungen noch deutliche Nachahmungen romantischer Lyrik, so sind die expressiven Gedichte der 1899 erschienenen Parisjana inhaltliche wie stilistische Provokationen, die selbst von ehemals befreundeten Zeitgenossen als „Material fĂŒr den Irrenarzt“ gewertet wurden.

Das von spektakulĂ€ren Literaturskandalen begleitete Werk Oskar Panizzas ist kaum von seiner bewegten Lebensgeschichte zu trennen: Nach einer streng pietistischen Erziehung und einer von Leistungsverweigerung geprĂ€gten Schulzeit wurde er Nervenarzt, wandte sich aber bald der Literatur zu. Seine blasphemischen Provokationen brachten ihn nach einem aufsehenerregenden Prozess 1895 ein Jahr lang wegen GotteslĂ€sterung ins GefĂ€ngnis. Er gab die deutsche Staatsangehörigkeit auf und ging ins Exil nach ZĂŒrich und, nachdem er dort ausgewiesen wurde, nach Paris. Nach Erscheinen seines Gedichtbandes Parisjana 1899 – seines letzten gedruckten Werks – lief eine internationale steckbriefliche Fahndung wegen MajestĂ€tsbeleidigung nach ihm, und sein gesamtes in Deutschland verbliebenes Vermögen wurde eingezogen. Deshalb nach Deutschland zurĂŒckgekehrt, endete der ehemalige Irrenarzt Panizza, der sich wĂ€hrend seines Studiums mit Syphilis infiziert hatte, selbst als paranoider, von Wahnvorstellungen und Halluzinationen beherrschter Geisteskranker in der Nervenklinik. Nach 16 Jahren in der Heilanstalt starb er 1921 im Bewusstsein, als Dichter gescheitert zu sein: „Ich hab umsunst gelebt“.[1]

Kein anderer Autor des wilhelminischen Deutschland – vielleicht Frank Wedekind ausgenommen – war so sehr von der Zensur betroffen, keiner wurde fĂŒr seine literarischen Werke Ă€hnlich hart durch die Justiz bestraft. Fast alle seine BĂŒcher wurden schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten und konfisziert, an eine AuffĂŒhrung seiner TheaterstĂŒcke war jahrzehntelang nicht zu denken und seine Familie weigerte sich nach seinem Tod, die Urheberrechte freizugeben. So konnte eine Rezeption seiner Werke erst in den spĂ€ten 1960er Jahren einsetzen, in grĂ¶ĂŸerem Umfang geschah dies erst in den 1980er Jahren.

Inhaltsverzeichnis

Jugend und frĂŒhe Jahre

Konfessionskonflikt im Elternhaus

Oskar Panizza wuchs als viertes von fĂŒnf Kindern des Hoteliers Karl Panizza (* 1808 in WĂŒrzburg) und dessen Frau Mathilde, geborene Speeth auf. Im 17. Jahrhundert war die Familie Panizza vom Comer See nach Deutschland eingewandert und hatte sich in WĂŒrzburg niedergelassen. Karl Panizza hatte sich vom Kellner zum Besitzer des fĂŒhrenden Hotels Kissingens, dem Russischen Hof, emporgearbeitet, dabei aber auch Schulden angehĂ€uft. 1844 lernte er die dreizehn Jahre jĂŒngere Mathilde Speeth kennen, die er bereits nach wenigen Tagen heiratete.

So tiefkatholisch die vĂ€terliche Familie Panizza war, so kĂ€mpferisch protestantisch war die Familie Mathildes. Die Mutter Oskars entstammte dem adligen Hugenottengeschlecht de MeslĂšres, das 1685 aus Frankreich nach Sachsen geflohen war und den bĂŒrgerlichen Namen Mechthold angenommen hatte. Von heftigem religiösem Eifer erfĂŒllt verfasste sie unter dem Pseudonym „Siona“ pietistische Erbauungsschriften. Der konfessionelle Konflikt prĂ€gte die frĂŒhen Jahre Oskar Panizzas: Der Vater, der zunĂ€chst nach heftigen Streitigkeiten im Ehevertrag eine protestantische Taufe zugesagt hatte, bestand auf der katholischen Taufe und Erziehung Oskars.

Im November 1855 starb Karl hochverschuldet an Typhus. Mathilde sah in dem frĂŒhen Tod die Strafe Gottes fĂŒr das gebrochene Versprechen, die Kinder protestantisch zu erziehen, und ließ diese nun evangelisch umtaufen. Dagegen reichte der katholische Pfarrer Anton Gutbrod beim Landgericht Kissingen Klage mit der BegrĂŒndung ein, Karl sei bei der Unterzeichnung einer entsprechenden EinverstĂ€ndniserklĂ€rung zwei Tage vor seinem Tod nicht bei klarem Verstand gewesen. Die jahrelangen und spektakulĂ€ren Prozesse wurden als Bad Kissinger Konfessionsstreit bekannt, von der Presse zum Skandal aufgewertet[2] und schließlich bis zum Hofe des bayerischen Königs Maximilian II. getragen. Die Gerichte gaben der Klage des Pfarrers in jeder Instanz Recht; eine Eingabe Mathildes bei Maximilian II. 1858 blieb ohne Erfolg. Trotz angedrohter GefĂ€ngnis- und verhĂ€ngter Geldstrafen, die sie nicht bezahlte, fĂŒhrte Mathilde ihren privaten Religionskrieg fort. Sie entzog ihre Kinder dem bayrischen Staat und schickte sie wiederholt zu verschiedenen Verwandten nach Schwaben und ins preußische Hanau.

Schulzeit

Das ehemalige Hotel Russischer Hof in Bad Kissingen.

Gegen alle staatlichen Anweisungen wurde Oskar so nach streng pietistischen Prinzipien erzogen und erhielt mehrere Jahre lang Privatunterricht in der halboffiziellen Schule von Dr. Johann Wilhelm Schmidt. Von 1863 bis zu seiner Konfirmation 1868 besuchte Oskar Panizza das Knabeninstitut der pietistischen BrĂŒdergemeinde Kornthal im protestantischen WĂŒrttemberg und anschließend das Gymnasium in Schweinfurt, wo er bei einem BuchhĂ€ndler wohnte. 1870 wechselte er an ein MĂŒnchner Gymnasium und lebte dort bei seinem Onkel, dem Stadtpfarrer Feez. Oskar, der zunehmend durch Leistungsverweigerung auffiel, wurde nicht in die Sekunda versetzt, so dass sich die Hoffnungen seiner Mutter, er möge ein Theologiestudium absolvieren, bald zerschlugen. Deshalb nahm er ab 1871 Privatunterricht in kaufmĂ€nnischen FĂ€chern und Französisch, konzentrierte sich daneben jedoch immer stĂ€rker auf Literatur und Musik. So nahm er in dieser Zeit Gesangsunterricht am MĂŒnchner Konservatorium.

Gescheiterte Berufsversuche und MilitÀr

Als Mathilde 1873 klar wurde, dass Oskar weder als Kaufmann noch als SĂ€nger großen Erfolg haben wĂŒrde und sich stattdessen in der frivolen Großstadt amĂŒsierte, holte sie ihren aufsĂ€ssigen Sohn zurĂŒck nach Kissingen, damit der bald 20-JĂ€hrige dort das Hotelfach erlernen und schließlich den „Russischen Hof“ leiten sollte, den Mathilde mit sehr viel grĂ¶ĂŸerem Erfolg fĂŒhrte, als dies ihrem Mann gelungen war. Nun eskalierte der Konflikt zwischen Mutter und Sohn völlig und bald sah Mathilde ein, dass auch dieser Plan keinen Erfolg haben wĂŒrde.

Stattdessen begann Oskar Panizza im jĂŒdischen Bankhaus Bloch & Co. in NĂŒrnberg, fĂŒr das auch sein Bruder Karl arbeitete, ein Volontariat, das er aber nach drei Monaten abbrach. Nach diesem erneuten Desaster kehrte er nach MĂŒnchen zurĂŒck und nahm seine Musikstudien am Konservatorium wieder auf, wurde aber sehr bald zum einjĂ€hrigen MilitĂ€rdienst eingezogen, den er 1873 bis 1874 bei der 7. Kompanie des 2. Bayrischen Infanterieregiments in MĂŒnchen ableistete. HĂ€ufige Arreste und psychosomatische Erkrankungen waren Ausdruck der Probleme, die er wĂ€hrend der harten Zeit in der bayerischen Armee hatte. Gegen Ende seiner Dienstzeit infizierte er sich mit Cholera.

Nach dem MilitĂ€rdienst nahm Panizza 1874 zunĂ€chst seine Musikstudien in MĂŒnchen wieder auf und begann, Seminare an der Philosophischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t zu besuchen. Dabei wurde ihm klar, dass das fehlende Reifezeugnis fĂŒr weitere akademische Studien eine unĂŒberwindliche HĂŒrde bleiben wĂŒrde und so beschloss er, noch einmal sein altes Gymnasium in Schweinfurt zu besuchen. 1876, inzwischen 23 Jahre alt, legte er dort erfolgreich das Abitur ab.

Studium der Medizin und Arbeit als Psychiater

Das Klinikum links der Isar in MĂŒnchen.

Panizza immatrikulierte sich 1877 an der Medizinischen FakultĂ€t der MĂŒnchner UniversitĂ€t. Das Medizinstudium absolvierte er sehr erfolgreich, wurde Assistent von Hugo von Ziemssen, dem Direktor des stĂ€dtischen Klinikums links der Isar, und promovierte bereits 1880 summa cum laude mit einer Dissertation Über Myelin, Pigment, Epithelien und Micrococcen im Sputum. Nach der Promotion arbeitete er zunĂ€chst fĂŒr einige Monate in einem MilitĂ€rhospital und ging dann mit Empfehlungsschreiben von Ziemssens fĂŒr ein halbes Jahr nach Paris. Statt wie geplant die dortigen KrankenhĂ€user und psychiatrischen Anstalten zu besuchen, zog ihn jedoch das Studium der französischen Literatur und vor allem des Theaters in seinen Bann.

1881 approbierte Panizza und arbeitete von 1882 bis 1884 als Assistenzarzt zweiter Klasse an der Oberbayerischen Kreis-Irrenanstalt in MĂŒnchen unter Professor Bernhard von Gudden, dem Arzt Ludwigs II., der spĂ€ter mit diesem im Starnberger See den Tod fand.

Syphilisinfektion

Eine Erholungsreise im FrĂŒhjahr hatte Panizza 1878 zunĂ€chst nach Norditalien, dann nach Neapel gefĂŒhrt. Nach eigenen Angaben zog er sich auf dieser Reise eine Syphilisinfektion zu, wahrscheinlich steckte er sich jedoch bei einer MĂŒnchner Prostituierten an. Möglich ist allerdings auch, dass Panizza die Krankheit lediglich erfand, damit diese ihn in besonderer Weise auszeichnen und Assoziationen zu anderen syphilitischen KĂŒnstlern wecken sollte.[3] Bereits als Student hatte er sich, nicht ohne eigenes Zutun, den Beinamen Mephisto erworben und gefiel sich darin, sich zu einem genial-verrĂŒckten Syphilitiker zu stilisieren.

Panizza gab spĂ€ter an, dass seine Gehbehinderung eine Folge der um die Jahrhundertwende noch unheilbaren Syphilis gewesen sei. Einige Ärzte diagnostizierten dagegen statt einer von der Syphilis herrĂŒhrenden Gumma am rechten Innenschenkel lediglich eine chronische KnochenhautentzĂŒndung mit Kallusbildung und auch Panizzas Mutter fĂŒhrte die Behinderung auf einen Unfall in seiner Kindheit zurĂŒck.

Vom Irrenarzt zum Dichter

Entscheidung fĂŒr die Literatur

Oskar Panizza (Aufnahme um 1895)

Ein gespanntes VerhĂ€ltnis zu von Gudden, seine angeschlagene Gesundheit und der Wunsch, mehr Zeit fĂŒr seine schriftstellerischen Ambitionen zur VerfĂŒgung zu haben, ließen Panizza die Stelle als Nervenarzt nach zwei Jahren kĂŒndigen und er ließ sich fĂŒr kurze Zeit als praktischer Arzt nieder. Es folgten Depressionen, die etwa ein Jahr lang anhielten. Oskar Panizza litt zu dieser Zeit unter der Furcht, wahnsinnig werden zu können. GeschĂŒrt wurde diese Angst durch zwei Selbstmordversuche seiner Schwester Ida und durch den Tod seines Onkels Ferdinand Speeth, der 1884 in religiösem Wahn in der Irrenanstalt des Juliusspitals WĂŒrzburg starb. Ein anderer Onkel mĂŒtterlicherseits hatte sich erschossen. Von Oktober 1885 bis Oktober 1886 „flĂŒchtete“ Oskar Panizza deshalb nach London.

Um in seinem literarischen Schaffen keine Kompromisse eingehen zu mĂŒssen, bat er seine Mutter um finanzielle UnterstĂŒtzung. Diese hatte kurze Zeit vorher das Hotel verpachtet, war jedoch nicht gewillt, Oskars schriftstellerische Ambitionen zu unterstĂŒtzen. Nach einem monatelangen Streit sagte sie ihm schließlich eine Jahresrente von 6.000 Mark zu.

Lyrische Versuche

1885 erschien Panizzas erste literarische Veröffentlichung, der Gedichtband DĂŒstre Lieder. Die deutlich in der Tradition des bewunderten Heinrich Heine stehenden Gedichte waren weder ein Verkaufserfolg, noch riefen sie auch nur die geringste öffentliche Resonanz hervor. Trotzdem war das Buch fĂŒr Panizza eine Befreiung: Das Schreiben hatte therapeutische Wirkung auf den psychisch labilen Dichter, es half ihm, seine Depressionen zu ĂŒberwinden – ein Umstand, der ihn zu der Überzeugung brachte, dass nur die ununterbrochene schriftstellerische Arbeit ihn geistig gesund wĂŒrde erhalten können. Seit dieser Erfahrung lebte er als freier Schriftsteller. Er wurde zu einem exzessiven Leser, dessen LektĂŒre von Martin Luther und Ulrich von Hutten ĂŒber Ludwig Tieck, Edgar Allan Poe, Heinrich Heine und E. T. A. Hoffmann bis zu seinen Zeitgenossen reichte.

Die 1887 veröffentlichten Londoner Lieder blieben wie der 1889 erschienene Gedichtband LegendĂ€res und Fabelhaftes ohne Kritikerecho und beendeten fĂŒr die nĂ€chsten zehn Jahre Panizzas lyrische Unternehmungen. In seinem Gesamtwerk sollte Lyrik eine sehr untergeordnete Rolle spielen, auch wenn er die Poesie Zeit seines Lebens als höchste Form menschlichen Ausdrucks ansah. Panizzas Schreibstil war spontan, flĂŒchtig und unkonventionell – dem spĂ€teren Expressionismus Ă€hnlich.

Erste literarische Erfolge mit ProsaerzÀhlungen

Titelbild zu Visionen (1893).

1890 debĂŒtierte Oskar Panizza als Prosaautor mit den von Poe inspirierten, Realistik und Phantastik verbindenden Grotesken DĂ€mmerungsstĂŒcke. Er verwendete zwar mitunter die Formensprache des Naturalismus, doch richtete sich ein großer Teil seiner bizarren ErzĂ€hlungen und Gedichte auf das Innenleben des ErzĂ€hlers aus, das sich hĂ€ufig stark von der realen Außenwelt unterschied. Zumeist griff er dabei Themen und Begebenheiten aus dem eigenen Leben auf.

1892 veröffentlichte Panizza die ErzĂ€hlungen Aus dem Tagebuch eines Hundes und ging 1893 mit den Grotesken Visionen zu einer phonetischen Schreibweise ĂŒber. Unter den zehn ErzĂ€hlungen dieser Sammlung findet sich die Satire Der operirte Jud’. Der jĂŒdische Protagonist der Geschichte kann selbst durch Operationen, Bluttransfusionen, VerhaltensĂ€nderungen und die Konversion zum protestantischen Glauben sein wahres jĂŒdisches Wesen nicht ablegen. Diese ErzĂ€hlung lĂ€sst sich als Ausdruck einer extrem antisemitischen Haltung interpretieren,[4] wie sie auch fĂŒr anarchistisch-oppositionelle deutsche Intellektuelle der Jahrhundertwende nicht untypisch war. Andererseits kann man den Operirten Jud’ auch als Parodie auf das tragische Scheitern jĂŒdischer AssimilationsbemĂŒhungen lesen.[5] Einige Jahre spĂ€ter bezeichnete Panizza Antisemiten jedenfalls als „kulturfeindliche Schreier.“[6]

Neben der schriftstellerischen Arbeit hatte Panizza begonnen, als Redakteur fĂŒr die naturalistische Zeitschrift Die Gesellschaft, fĂŒr Moderne BlĂ€tter und andere Magazine zu schreiben und hielt ab 1891 VortrĂ€ge, darunter das weitgehend von Cesare Lombroso abgeschriebene, dennoch diesen kritisierende Referat Genie und Wahnsinn, einen Aufsatz ĂŒber Realismus und Pietismus (beide 1891) und ĂŒber Die Minnehöfe des Mittelalters (1892). Auch in der MĂŒnchner BohĂšmeszene begann Panizza nun, eine Rolle zu spielen. Er wurde fĂŒr einige Monate neben Michael Georg Conrad Vorsitzender der Literaturvereinigung Gesellschaft fĂŒr modernes Leben und Vorstandsmitglied des Theatervereins der neu gegrĂŒndeten Freien BĂŒhne.

Angriffe auf Kirche und Staat

Mitglieder der Gesellschaft fĂŒr modernes Leben: Otto Julius Bierbaum, Georg Schaumberg, Oskar Panizza, Michael Georg Conrad, Hanns von Gumppenberg und Julius Schaumberger (um 1893).

Zum ersten Mal geriet Panizza in Konflikt mit dem Staat, als der Landwehr-Bezirkskommandeur den Reserveoffizier im Sommer 1891 aufforderte, aus der „Gesellschaft fĂŒr modernes Leben“ auszutreten, da diese „realistische Tendenzen, die mit dem Gegebenen zu brechen suchen und mit der weltlichen und kirchlichen Macht in Conflict zu gerathen Gefahr laufen“ verfolge.[7] Da sich Panizza weigerte, wurde er unehrenhaft aus der Armee entlassen. Nur wenig spĂ€ter konfiszierte die Staatsanwaltschaft den Almanach Modernes Leben, fĂŒr den Panizza den Beitrag Das Verbrechen in Tavistock-Square beigesteuert hatte, der ihm eine Anklage wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit einbrachte, die allerdings bald fallengelassen wurde.

Mit den nĂ€chsten drei Veröffentlichungen wurden die Texte Panizzas zunehmend beißender gegen die staatliche Obrigkeit und vor allem gegen die katholische Kirche. Die unbefleckte EmpfĂ€ngniß der PĂ€pste (1893) erweiterte das von Pius IX. verkĂŒndete Dogma der unbefleckten EmpfĂ€ngnis Marias satirisch auf die Zeugung der PĂ€pste. Das Buch wurde beschlagnahmt und im sogenannten „objektiven Verfahren“ fĂŒr ganz Deutschland verboten. 1894 folgten Der heilige Staatsanwalt und Der teutsche Michel und der römische Papst. Altes und Neues aus dem Kampfe des Teutschtums gegen römisch-wĂ€lsche Überlistung und Bevormundung in 666 Tesen und Zitaten, das ebenfalls beschlagnahmt wurde.

Mit einiger Effekthascherei ĂŒbernahm Panizza in der radikalen MĂŒnchner Avantgarde die Rolle eines genialisch-verrĂŒckten Syphilitikers, der keine Gelegenheit zur literarischen Provokation verstreichen ließ. Obwohl er durch seine Veröffentlichungen innerhalb der MĂŒnchner Moderne eine gewisse Bekanntheit erreicht hatte, war ihm der erhoffte literarische Durchbruch nicht gelungen, als er 1893 mit vierzig Jahren das Werk schrieb, fĂŒr das er berĂŒhmt-berĂŒchtigt werden sollte: Das Liebeskonzil.

Das Liebeskonzil und die Folgen

Hauptwerk und gezielte literarische Provokation

Manuskript des Liebeskonzils (1893).

Panizzas Hauptwerk ist die satirische „Himmelstragödie“ Das Liebeskonzil – eine in der Literaturgeschichte beispiellose antikatholische Groteske.[8] Das Drama erklĂ€rt das plötzliche Auftreten der Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts als göttliches Auftragswerk des Teufels, um eine verkommene Menschheit zu strafen, und thematisiert das katholische Gottesbild, heuchlerische Frömmigkeit sowie die Dekadenz der RenaissancepĂ€pste.

SchauplĂ€tze der Handlung sind der Himmel, die Hölle und der Hof des Borgiapapstes Alexander VI. im Jahr 1495. Gottvater, ein seniler und gebrechlicher Tattergreis, der hinfĂ€llige und debile Christus und die abgebrĂŒhte Jungfrau Maria erhalten Nachricht von skandalösen ZustĂ€nden auf der Erde, insbesondere in Neapel, und von Orgien am Hofe des Papstes. Zum Osterfest nehmen sie den Vatikanspalast selbst in Augenschein und werden dabei Zeugen obszöner Spiele und Intrigen der Hofgesellschaft. Deshalb handeln sie mit dem Teufel ein GeschĂ€ft aus: Dieser soll eine schreckliche Strafe erfinden, die unmittelbar auf fleischliche SĂŒnde folgen, aber die Seelen der Menschen erlösungsfĂ€hig belassen soll, da die Schöpferkraft Gottes verbraucht ist und er sich keine neuen Menschen mehr erschaffen kann – er also auf die vorhandenen angewiesen ist. Als Gegenleistung fordert der Teufel ein prĂ€chtiges Portal fĂŒr die heruntergekommene Hölle, das Recht auf unangemeldete Sprechstunden mit Gott und vor allem die Freiheit, seine Gedanken zu verbreiten, denn „wenn jemand denkt, und darf seine Gedanken nicht mehr Andern mitteilen, das ist die grĂ€ĂŸlichste aller Foltern.“[9] Die vom Teufel ersonnene Strafe ist nun die „Lustseuche“ Syphilis. Um diese auf die Erde zu bringen, zeugt der Teufel mit Salome, der durchtriebensten Gestalt in der Hölle, das „Weib“, eine unwiderstehlich schöne Frau, die zuerst den Papst, dann die KardinĂ€le, die Bischöfe und schließlich die ĂŒbrige Kirchenhierarchie mit der Krankheit infiziert, die sich schnell in der gesamten Menschheit ausbreitet.

Als EinflĂŒsse fĂŒr das Liebeskonzil hat man vor allem das 1800 unter dem Pseudonym Pater Elias veröffentlichte StĂŒck Germania, ein Trauerspiel ausgemacht, das Ă€hnliche Motive aufweist. Andere weitlĂ€ufige, von Panizza selbst genannte Vorbilder sind Goethes Faust, La Guerre des Dieux ancien et modernes von Évariste de Forges de Parny, Sebastian Sailers Fall Luzifers aus der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts und die Jesuitendramen mit ihren Himmel- und Hölleszenen und den allegorischen Darstellungen von Tugenden und Lastern. Das Liebeskonzil ist dem GedĂ€chtnis Ulrich von Huttens gewidmet, der an der Syphilis erkrankt war und nach langem Leiden daran starb.

Der Fall Panizza

Titelbild der 1897 bei Jakob Schabelitz in ZĂŒrich verlegten dritten Ausgabe des Liebeskonzils,
KĂŒnstler: Max Hagen.

Die antikatholische Satire wurde zum grĂ¶ĂŸten Literaturskandal der 1890er Jahre. Im Oktober 1894 erschien das Liebeskonzil bei Jakob Schabelitz in ZĂŒrich. Panizza verschickte Rezensionsexemplare an Journalisten und Freunde, so dass das Buch zum vielbesprochenen literarischen Thema wurde, noch ehe es in den deutschen Handel gelangte. Theodor Fontane, Detlev von Liliencron, Otto Julius Bierbaum und andere reagierten begeistert auf das spektakulĂ€re Werk.[10]

Das Liebeskonzil war nur wenige Wochen lang in den BuchlĂ€den erhĂ€ltlich: Nach einer Besprechung in der Allgemeinen Zeitung beschlagnahmte die Polizei am 8. Januar 1895 alle in Deutschland zugĂ€nglichen Exemplare und die MĂŒnchner Staatsanwaltschaft unter Freiherr von Sartor erhob Anklage wegen Blasphemie aufgrund § 166 des Reichsstrafgesetzbuches. Ein Problem war dabei der Nachweis, dass das in der Schweiz gedruckte Werk in Deutschland ĂŒberhaupt Leser gefunden hatte. Schließlich erklĂ€rten zwei MĂŒnchner BuchhĂ€ndler, 23 Exemplare verkauft zu haben und ein Polizist aus Leipzig gab eine ErklĂ€rung ab, das Buch gelesen und an seinem Inhalt „Aergerniß genommen“ zu haben – seine Anzeige unterzeichnete er mit „i. A. MĂŒller“.[11]

Der Fall ging durch die deutsche Presse. Panizza fand FĂŒrsprecher unter liberalen und sozialdemokratischen Journalisten, aber heftige Anfeindungen in konservativen Zeitungen. Auch Thomas Mann, der Panizza wĂ€hrend seiner Studienzeit in MĂŒnchen im „Akademisch-dramatischen Verein“ persönlich kennengelernt hatte, Ă€ußerte VerstĂ€ndnis fĂŒr die Verfolgung der blasphemischen „Geschmacklosigkeit“ durch die Justiz. Er ging in seiner Kritik dabei von Panizzas veröffentlichter Verteidigungsrede aus und hatte das Buch, wie viele andere Kritiker, wahrscheinlich nicht selbst gelesen.[12]

Da konservative Politiker eine politische Opposition vermuteten, wie sie sich tatsĂ€chlich erst rund 15 Jahre spĂ€ter entwickeln sollte, wurde aus dem Fall Panizza ein hochpolitischer Prozess gegen „die Moderne“. Die Staatsanwaltschaft ging deshalb mit außerordentlicher HĂ€rte gegen Panizza vor. Im Prozess, der am 30. April 1895 vor dem Landgericht MĂŒnchen I stattfand, nahm Panizza die Rolle eines VorkĂ€mpfers fĂŒr die Freiheit moderner Literatur ein und stilisierte sich dabei zu einem MĂ€rtyrer, bewusst die Risiken einer solchen Haltung in Kauf nehmend. Gegen den Rat seiner Freunde, die ihm zuvor schon vergeblich zur Flucht ins Ausland geraten hatten, suchte er in seiner literatur- und kunsthistorisch angelegten Verteidigung kĂ€mpferisch die Auseinandersetzung mit dem Staat. Trotzig weigerte er sich auch zu leugnen, dass er die Veröffentlichung des in der Schweiz verlegten Buches fĂŒr Deutschland beabsichtigt hatte – die wohl einzige Chance auf einen Freispruch.

Mit seiner Rede ĂŒber die Grundwerte kĂŒnstlerischer Freiheit konnte er die zwölf Geschworenen kaum ĂŒberzeugen, zu deren Auslosung die Justiz 28 BĂŒrger mit durchweg geringer Bildung geladen hatte. Bereits Panizzas Bekenntnis „Ich erklĂ€re, daß ich Atheist bin“[13] hatte eine Verurteilung geradezu provoziert. Einer der Geschworenen sagte ganz offen: „Wann der Hund in Niederbayern verhandelt worden wĂ€r, der kam net lebendig vom Platz!“[14] Selbst der von Panizza als SachverstĂ€ndiger geladene Freund und Förderer Michael Georg Conrad stand angesichts dieses Verhaltens fassungslos vor Gericht und konnte Zweifel an der geistigen Gesundheit Panizzas kaum verbergen. So lief der Prozess unweigerlich auf eine Verurteilung Panizzas hinaus. Kein anderer Schriftsteller im wilhelminischen Kaiserreich wurde mit vergleichbarer HĂ€rte gestraft: Anders als etwa Frank Wedekind oder Hanns von Gumppenberg wurde Panizza nicht zu kurzer Festungshaft, sondern zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt und trug die Kosten des Verfahrens und des GefĂ€ngnisaufenthaltes.

Zwischen Prozess und Haftstrafe

Zeichnung von Oskar Panizza (Datierung unbekannt).

Noch im Gerichtssaal wurde Panizza verhaftet und erst nach dreiwöchiger Haft gegen eine außergewöhnlich hohe Kaution von 80.000 Mark bis zur endgĂŒltigen Entscheidung des Reichsgerichts in Leipzig auf freien Fuß gesetzt.

FĂŒnf Monate vor der Veröffentlichung des Liebeskonzils hatte Panizza in einem Aufsatz ĂŒber „Volkspsychologie“ formuliert, „daß eine erlittene GefĂ€ngnisstrafe fĂŒr eine ideell verteidigte Sache fast der Garantieschein fĂŒr PopularitĂ€t in der Masse“ sei.[15] Konsequent versuchte er in dieser kurzen Frist, aus der öffentlichen Aufmerksamkeit Nutzen zu ziehen und veröffentlichte im Juli die Schrift Meine Verteidigung in Sachen das „Liebeskonzil“. Nebst dem SachverstĂ€ndigen-Gutachten des Dr. M. G. Conrad und dem Urteil des k. Landgerichts MĂŒnchen I.[16] Theodor Lessing, ein junger Autor und ebenfalls ehemaliger Assistenzarzt in MĂŒnchen, griff die Debatte auf und schrieb zwei Monate nach dem Prozess eine enthusiastische und auf Selbstdarstellung ausgerichtete Verteidigungsschrift, „ohne das verurteilte StĂŒck ĂŒberhaupt zu kennen.“[17] Der Einsatz fĂŒr Panizza hatte eine Durchsuchung von Lessings Wohnung und die Konfiszierung einiger seiner Gedichte durch die Polizei zur Folge.

Bei der UrauffĂŒhrung von Georg BĂŒchners Komödie Leonce und Lena in einer FreilichtauffĂŒhrung des MĂŒnchner Theatervereins „Intimes Theater“ am 31. Mai 1895 in der Regie von Ernst von Wolzogen spielte Oskar Panizza den Hofprediger – fast 60 Jahre, nachdem das StĂŒck geschrieben worden war. Noch am Abend vor seinem Prozess hatte Panizza bei der ersten AuffĂŒhrung des Intimen Theaters in August Strindbergs „GlĂ€ubiger“ mitgewirkt. Am 11. Oktober 1895 – als Oskar Panizza bereits seit zwei Monaten im GefĂ€ngnis saß – fand in Leipzig die UrauffĂŒhrung seines Einakters Ein guter Kerl statt. Das StĂŒck um einen Erbstreit ist das einzige Werk Panizzas, das als naturalistisch bezeichnet werden kann, und blieb das einzige zu seinen Lebzeiten inszenierte TheaterstĂŒck.

Der Illusionismus und die Rettung der Persönlichkeit

In die Zeit zwischen Prozess und Haftstrafe fÀllt die einzige philosophische Veröffentlichung Panizzas: Der Illusionismus und die Rettung der Persönlichkeit. Skizze einer Weltanschauung. Oskar Panizza adaptierte darin die Philosophie Max Stirners und kritisierte vehement eine einseitig naturwissenschaftliche Sicht auf die Psyche des Menschen. Damit war eine deutliche Kritik an der hirnanatomisch-neurophysiologischen Psychiatrie ausgesprochen, wie sie von Gudden vertrat.

Panizza formulierte die Überzeugung, dass es keine geistigen Normen gebe und nur die radikalen Taten und Ideen einzelner die Weltgeschichte lenkten. FĂŒr den Einzelnen existiere die Außenwelt nur als Projektion in seinem Kopf, Halluzinationen seien fĂŒr ihn dagegen unabhĂ€ngig von der wirklichen Welt real. Diese Überzeugung ist eine deutliche Reaktion auf die latente geistige Störung Panizzas, die spĂ€ter zum Ausbruch kommen sollte und die der erfahrene Nervenarzt als solche diagnostizierte. Die Kluft zwischen realer Außenwelt und innerem Welterleben gehört zu den erzĂ€hlerischen Leitmotiven im Werk Panizzas. Bereits das Liebeskonzil hatte nicht Gott, sondern das Gottesbild der Katholiken zum Gegenstand – ein Unterschied, den Panizzas Richter und die Geschworenen nicht nachvollziehen konnten. Wohl am stĂ€rksten thematisiert die 1894 geschriebene und 1896 als Sonderdruck veröffentlichte, stark autobiographisch geprĂ€gte ErzĂ€hlung Die gelbe Kroete die Diskrepanz zwischen der objektiven und der subjektiv wahrgenommenen Welt.

Ein Jahr im GefÀngnis

Am 8. August 1895 trat Panizza die einjĂ€hrige Einzelhaft in der Haftanstalt Amberg an, die er vollstĂ€ndig abbĂŒĂŸte. Ein Gnadengesuch, das Panizzas Anwalt am 30. August an den Prinzregenten mit einer Geisteskrankheit und der UnzurechnungsfĂ€higkeit seines Mandanten begrĂŒndete, hatte keinen Erfolg, trug aber zehn Jahre spĂ€ter nicht unwesentlich zur EntmĂŒndigung Panizzas bei. Das Gesuch wurde ohne Kenntnis Oskar Panizzas eingereicht – wahrscheinlich auf Betreiben der Familie.

In der Haft war es Panizza gestattet zu schreiben. Da er jedoch nicht publizieren durfte, veröffentlichte Panizza aus der Haftanstalt einige AufsÀtze und Rezensionen in der Zeitschrift Die Gesellschaft unter Pseudonym, so eine Besprechung von Wedekinds Der Erdgeist oder den psychiatriekritischen Artikel Neues aus dem Hexenkessel der Wahnsinns-Fanatiker. Weitere in Amberg verfasste Schriften erschienen nach der Haftentlassung.

Das Manuskript Ein Jahr im GefĂ€ngnis – mein Tagebuch aus Amberg, das Panizza an Conrad sandte, tat dieser als literarisch wertlos ab und es blieb ungedruckt.[18] Das nur noch fragmentarisch erhaltene Tagebuch des HĂ€ftlings gibt einen Eindruck von den psychischen Qualen der GefĂ€ngniszeit. Unter den einfachen und derben Gefangenen und Aufsehern war der GefĂ€ngnisgeistliche Friedrich Lippert, der spĂ€tere Vormund Panizzas, sein einziger GesprĂ€chspartner. Eine Folge der DemĂŒtigungen im GefĂ€ngnis war eine deutliche Politisierung Panizzas, der die psychischen und physischen Erniedrigungen durch WĂ€rter und Gefangene als systematischen Teil des staatlichen Strafvollzugs auffasste.

Abschied von MĂŒnchen

Als er im August 1896 nach MĂŒnchen zurĂŒckkehrte, traf die starke VerĂ€nderung, welche die Haftzeit im Wesen Panizzas verursacht hatte, die meisten seiner Freunde wie ein Schock. Er wirkte abgezehrt und bleich, war zu einem eigenbrötlerischen Skeptiker geworden.

Noch im GefĂ€ngnis hatte Panizza die Streitschrift Dialoge im Geiste Huttens und das Pamphlet Abschied von MĂŒnchen verfasst, mit dem er sich programmatisch von Deutschland abwandte und seine Emigration in die Schweiz ankĂŒndigte. Gut einen Monat nach seiner Haftentlassung beantragte Panizza die Entlassung aus der Bayerischen Staatsangehörigkeit und zog im Oktober 1896 nach ZĂŒrich. Zuvor brachte er noch weitere literarische Projekte zu einem Ende, darunter den letzten Artikel fĂŒr die Gesellschaft, Der Klassizismus und das Eindringen des VariĂ©tĂ©, in dem er sich fĂŒr eine Erneuerung der dramatischen Kunst aus dem Geiste des VarietĂ©es einsetzte, und die Ausarbeitung eines frĂŒheren Aufsatzes ĂŒber die mittelalterlichen Haberfeldtreiben in Buchform, das im renommierten S. Fischer Verlag erschien.

Emigration in die Schweiz

ZĂŒrcher Diskußjonen

Oskar Panizza mit seiner HĂŒndin Puzzi (etwa 1897).

Obwohl Oskar Panizza MĂŒnchen und Deutschland aus eigenem Entschluss den RĂŒcken gekehrt hatte, sah er sich als Exilant, als Verstoßener und stellte sich selbst in die Tradition politischer FlĂŒchtlinge wie Heinrich Heine.

Da Panizza keinen Verleger mehr fand, der seine neuen BĂŒcher und keine Zeitschrift, die seine Artikel veröffentlichen wollte, grĂŒndete er in ZĂŒrich einen eigenen Verlag und gab darin ab Mai 1897 die ZĂŒrcher Diskußjonen heraus, die den Untertitel FlugblĂ€tter aus dem Gesamtgebiet des modernen Lebens trugen. Grundfragen nach dem VerhĂ€ltnis von Individuum und Staat, von Idee und Tat bestimmten die redaktionelle Ausrichtung der Zeitschrift. Themen waren neben der Literatur und Kunst religiöse, erotische, sittengeschichtliche und politische Essays, Satiren und ErzĂ€hlungen. Unter den Artikeln finden sich so ungewöhnliche Titel wie Das Schwein in poetischer, mitologischer und sittengeschichtlicher Beziehung oder Christus in psicho-patologischer Beleuchtung.

Angeblich lagen den Veröffentlichungen GesprĂ€che an Diskussionsabenden zugrunde. Ob diese tatsĂ€chlich stattfanden und wie viele GĂ€ste daran teilnahmen, ist heute nicht mehr ermittelbar. Sicher ist, dass Panizza unter eigenem Namen und den Pseudonymen Louis AndrĂ©e, Hans Dettmar, Sven Heidenstamm, Hans Kistenmaecker, Jules Saint-Froid, Sarcasticus und mit der Sigle *** den grĂ¶ĂŸten Teil der BeitrĂ€ge selbst verfasste. Einige Namen weiterer Autoren sind jedoch bekannt, so schrieben Franziska GrĂ€fin zu Reventlow, LĂ©on Bazalgette, Ludwig Scharf, Heinrich Pudor und die russische Immigrantin Ria Schmujlow-Claaßen, mit der Panizza eine langjĂ€hrige Freundschaft verband, fĂŒr die ZĂŒrcher Diskußjonen.

Die Zeitschrift hatte eine maximale Auflage von 400 Exemplaren und wurde von dem deutschen MĂ€zen Otto von Grote unterstĂŒtzt. Als Panizza, der mit nur 600 Mark Guthaben in die Schweiz eingereist war, persönlich und verlegerisch in finanzielle Schwierigkeiten geriet, verlangte Grote redaktionellen Einfluss. Panizza weigerte sich jedoch und zog es vor, die Auflagenhöhe der ZĂŒrcher Diskußjonen herabzusetzen.

Psichopatia criminalis

Neben der Zeitschrift entstand in ZĂŒrich eine Satire auf eine politische Indienstnahme der Psychiatrie: Die Psichopatia criminalis mit dem Untertitel Anleitung um die vom Gericht fĂŒr notwendig erkanten Geisteskrankheiten psichjatrisch zu eruĂŻren und wissenschaftlich festzustellen. FĂŒr Ärzte, Laien, Juristen, VormĂŒnder, Verwaltungsbeamte, Minister etc. Im Stile einer wissenschaftlichen Studie erlĂ€utert darin der ehemalige Psychiater unter anderem am Beispiel der MĂ€rzrevolution, wie man durch ein „mĂ€ssig grosses Irrenhaus zwischen Neckar und Rhein, etwa von der GrĂ¶ĂŸe der Pfalz [
] die kriminelle Bewegung, ich wollte sagen: die epidemische Psichose“[19] im Keim hĂ€tte ersticken können und welche Lehren daraus fĂŒr die Gegenwart zu ziehen seien. Als beispielhafte FĂ€lle aus der Geschichte behandelt Panizza Tiberius Sempronius Gracchus, Christian Friedrich Daniel Schubart, Wilhelm Weitling, Robert Blum und Max Stirner. Die Psichopatia criminalis ist deutlich von den anarchistischen und antimonarchistischen Grundhaltungen geprĂ€gt, die Panizza wĂ€hrend der Haft in Amberg entwickelt und die sich in den ZĂŒrcher Exilantenkreisen noch verstĂ€rkt hatten. Die BroschĂŒre steht inhaltlich in Zusammenhang mit dem 1891 gehaltenen Vortrag Genie und Wahnsinn und der Abhandlung Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit von 1895.

Ausweisung aus der Schweiz

Panizzas Stimmung schwankte in der Schweiz zwischen Depressionen und großer Lebens- und Kampfeslust. Zwar wurde er zum Mittelpunkt einer Gruppe intellektueller, teilweise anarchistischer „Revoluzzer“ doch er knĂŒpfte in ZĂŒrich nicht oder nur scheinbar an sein altes Bohemienleben an. Er pflegte kaum enge Freundschaften und isolierte sich zunehmend. Stunden verbrachte er damit, seiner geliebten HĂŒndin Puzzi vorzulesen, deren Tod 1897 ihn tief erschĂŒtterte. Dennoch fĂŒhlte er sich in seinem Gastland wohl und beantragte das Schweizer BĂŒrgerrecht. In dieser Situation wurde er am 25. Oktober 1898 völlig unerwartet aus der Schweiz ausgewiesen, nachdem er lĂ€ngere Zeit mit einer 15-jĂ€hrigen Prostituierten verkehrt und diese auch nackt fotografiert hatte. Die tatsĂ€chliche Ursache fĂŒr die Ausweisung dĂŒrfte jedoch eine politische Reaktion auf das Attentat auf die österreichische Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 in Genf gewesen sein, in dessen Folge die Schweizer Behörden konsequent gegen Anarchisten, Sozialisten und Intellektuelle vorgingen, die Kontakte zu diesen Kreisen unterhielten. Am 15. November 1898 verließ Panizza ZĂŒrich und kam sechs Tage spĂ€ter mit seiner Bibliothek von 10.000 BĂŒchern, einem BĂŒfett und einem Bett in Paris an.

Exil in Paris

Depressionen, Halluzinationen und Verfolgungswahn

Brief mit Zeichnung von Oskar Panizza (Datierung unbekannt).

Die neuerliche Emigration, die Panizza wie ein Schlag getroffen hatte, fĂŒhrte ihn in eine schwere psychische Krise. Er wurde in Paris zunehmend von Resignation, depressiven SchĂŒben, Halluzinationen und Verfolgungswahn beherrscht und zog sich weitgehend von menschlicher Gesellschaft zurĂŒck. Die Furcht, erneut ausgewiesen zu werden, war so groß, dass er in seiner weitrĂ€umigen Wohnung auf dem Montmartre sogar jahrelang darauf verzichtete, seine Bibliothek aus den Umzugskisten auszupacken.

Panizza wurde mehr denn je zu einem skurrilen und menschenscheuen Sonderling. Nur wenige frĂŒhere Bekannte wie Frank Wedekind, Anna Croissant-Rust und Max Dauthendey besuchten ihn gelegentlich. In seinem frĂŒheren Freund, dem Lyriker Ludwig Scharf, wollte er sogar einen Geheimpolizisten der Berliner Regierung erkennen und warf ihn kurzerhand aus seiner Wohnung hinaus. So sehr Panizzas Wahnsystem, Gegenstand einer weitreichenden Verschwörung zu sein, deren Initiator Kaiser Wilhelm II. sei, von Verfolgungs- und GrĂ¶ĂŸenwahn geprĂ€gt war, so scheint der Verdacht, von der Polizei ĂŒberwacht zu werden, doch nicht völlig unbegrĂŒndet gewesen zu sein: Post von ihm kam geöffnet bei der Mutter an und von anderer Seite drohte ihm sein ehemaliger MĂ€zen Otto von Grote aus Furcht, beider frĂŒherer Briefwechsel könnte unangenehme Folgen fĂŒr ihn haben, mit den Verbindungen zur deutschen Gesandtschaft und ĂŒber diese zur Pariser Fremdenpolizei. Dazu bemerkte von Grote in einem Brief an Michael Georg Conrad: „Solche Irrsinnige sind unberechenbar!“[20]

Parisjana

Die sechs Jahre, die Panizza in Paris verbrachte, waren nicht annĂ€hernd so produktiv, wie die MĂŒnchner und die ZĂŒrcher Zeit. Bis 1901 gab er weiterhin die ZĂŒrcher Dißkussjonen heraus und behielt dabei den Titel auch in Paris bei. Panizza bekannte sich nun offen zum Anarchismus als „Prinzip der Negazjon“[21] und sah sich zunehmend in einem persönlichen Kampf mit Kaiser Wilhelm II., den er nicht nur fĂŒr seine Ausweisung aus ZĂŒrich verantwortlich machte, sondern der ihn auch aus Paris vertreiben wolle.

Panizzas letzte Buchveröffentlichung, der Lyrikband Parisjana (1899), wurde deshalb zu einer persönlichen Kampfansage an den deutschen Kaiser, ein Pamphlet in einer SchĂ€rfe, die Panizza bis dahin nicht erreicht hatte. In den kĂŒnstlerisch wenig ambitionierten, dafĂŒr um so zeitkritischeren Balladen in Panizzas typischer phonetischer Schreibweise prangerte er das verhasste wilhelminische Deutschland als untragbaren Klassenstaat an, in dem das Volk und die Kunst unterdrĂŒckt wĂŒrden, und rief die Untertanen zur „Revoluzion“ auf.

Steckbriefliche Fahndung

Zeichnung Oskar Panizzas (Datierung unbekannt).

In merkwĂŒrdiger Verkennung der inzwischen nationalistischen Überzeugung seines frĂŒheren Freundes Michael Georg Conrad, widmete er diesem die Parisjana. Empört wandte sich Conrad an den Herausgeber der Gesellschaft, Ludwig Jacobowski: „Es hilft nichts, mit Panizza muß sauber aufgerĂ€umt werden und so schnell wie möglich“, der Gedichtband sei „Material fĂŒr den Irrenarzt“, Panizza „in der gebildeten Welt ein todter Mann“.[22] Conrad veröffentlichte heftige Rezensionen in der Gesellschaft, in Das litterarische Echo und in Die Wage. Daraufhin wurde die Staatsanwaltschaft auf die Parisjana aufmerksam, am 29. Januar 1900 erhob erneut Freiherr von Sartor Anklage und einen Tag spĂ€ter erging ein Beschlagnahmebeschluss. Seit dem 2. Februar wurde nach Panizza mit einem internationalen Steckbrief gefahndet.

Am 28. Februar 1900 beantragte die Staatsanwaltschaft wegen Fluchtgefahr die Beschlagnahmung von Panizzas Vermögen. Da dieser staatenlos war und sich im Ausland aufhielt, wurde das Verfahren bald wieder eingestellt, der Besitz Panizzas in Höhe von 185.000 Mark blieb jedoch konfisziert. Nun erwies es sich als fatal, dass Oskar Panizza bei seiner Ausreise in die Schweiz die Weigerung seiner Familie, ihm seinen Erbanteil auszuzahlen, akzeptiert hatte. UnterstĂŒtzung seitens seiner Familie, die durch ihn ihren gesellschaftlichen Ruf verloren zu haben glaubte, war ausgeschlossen und zum Verkauf seiner Bibliothek konnte er sich nicht durchringen – so verarmte Panizza schnell und konnte bald die Miete nicht mehr bezahlen.

Wahnsinn, EntmĂŒndigung und Ende in der Nervenklinik

Haft und ErklÀrung der UnzurechnungsfÀhigkeit

Zeichnung von Oskar Panizza, Bildunterschrift: pour Gambetta sans faute. das ist der verteufelte Thoth / der die armen Seelen abfĂ€ngt, und / im Fluge durch die LĂŒfte fĂŒhrt (entstanden wahrscheinlich 1906).

In dieser Situation stellte er sich am 13. April 1901 der MĂŒnchner Justiz. Unmittelbar wurde er in der MĂŒnchner Fronfeste am Anger inhaftiert und verhört. Am 15. April 1901 wurde das Verfahren wegen MajestĂ€tsbeleidigung wieder aufgenommen, Panizzas Vermögen aber freigegeben.

Da, ausgehend von seinen literarischen Werken seit dem Liebeskonzil, Zweifel an der geistigen Gesundheit Panizzas bestanden, wurde er zur Untersuchung in die Kreis-Irrenanstalt eingeliefert, an der er selbst Anfang der achtziger Jahre als Assistenzarzt gearbeitet hatte. Nach der Fronfeste empfand er diese Anstalt nahezu als Paradies. Hier wurde er untersucht, bis er am 3. August 1901 zurĂŒck ins GefĂ€ngnis geschickt wurde. Nachdem drei Wochen spĂ€ter das psychiatrische Gutachten vorlag, wurde Panizza gerichtlich fĂŒr unzurechnungsfĂ€hig erklĂ€rt und als Paranoiker eingestuft, die Anklage gegen ihn wurde fallengelassen. Noch am selben Abend wurde er entlassen und reiste am 28. August 1901 nach Paris zurĂŒck.

Expandierendes Wahnsystem

Nach seiner RĂŒckkehr im November 1901 veröffentlichte Panizza nur noch wenige Nummern der ZĂŒrcher Diskußjonen. Zwar schrieb er weiter, fand jetzt aber nicht einmal mehr einen Drucker fĂŒr seine Werke. Ungedruckt blieb deshalb auch seine Prosasammlung Imperjalja, die inhaltlich an die Parisjana anschlossen. Die Texte illustrieren Panizzas Verschwörungstheorie: Demnach fĂŒhrte eine Nebenregierung Bismarcks einen geheimen Kampf gegen Wilhelm II. und Panizza war Objekt und entscheidende Figur dieses Ringens, dessen Kritik der Kaiser mehr fĂŒrchte als alles andere. Selbst hinter „Jack dem Aufschlitzer“ und zahllosen anderen Skandalen stecke in Wahrheit der Kaiser, doch nur wenige Eingeweihte wie Panizza wĂŒssten davon. Bald gab es nichts mehr, das nicht Teil der großen Verschwörung war.

Panizza isolierte sich immer mehr von seiner Umwelt, litt unter ÜbelkeitsanfĂ€llen und wurde von akustischen, visuellen und Geruchshalluzinationen geplagt, die er in sein Wahnsystem integrierte: Ein „Luftsingen“ hielt er fĂŒr ihm geltendes Pfeifen kaiserlicher Agenten, gastritische Schmerzen fĂŒhrte er auf eine Vergiftung zurĂŒck. AlltagsgegenstĂ€nde schienen ihm Wörter zu artikulieren, selbst der Flug von Schwalben schien ein gegen ihn gerichteter Akt zu sein. 1903/04 diagnostizierte der frĂŒhere Nervenarzt bei sich selbst eine „Dissozjazjon der Persönlichkeit“.[23]

Internierung und EntmĂŒndigung

Zeichnung von Oskar Panizza, Bildunterschrift: pour Gambetta! (dem französischen republikanischen Politiker Léon Gambetta gewidmet, entstanden 1906).

Am 23. Juni 1904 verließ Panizza Paris und bat in der MĂŒnchner Kreisirrenanstalt um Aufnahme. Diese wurde jedoch abgelehnt, offiziell wegen ÜberfĂŒllung, tatsĂ€chlich wohl, weil die Finanzierung der Therapie des Staatenlosen ungesichert war. Daraufhin wandte sich Panizza an die private Nervenheilanstalt Neufriedenheim, aus der er aber bereits nach zehn Tagen wegen eines heftigen Streits mit dem Direktor verwiesen wurde. Oskar Panizza mietete sich ein Zimmer in Schwabing und fĂŒhlte sich fortgesetzt durch Mensch und Natur belĂ€stigt und verhöhnt. Wiederholt kam es zu Streitereien mit MĂŒnchner BĂŒrgern, die Anzeigen, Verhöre und polizeiliche Überwachung zur Folge hatten.

Einen Selbstmordversuch am 19. Oktober 1904 gab Oskar Panizza im letzten Moment auf. Als er anschließend in UnterwĂ€sche durch die Stadt lief, der herbeigerufenen Polizei einen falschen Namen angab und behauptete, ein Patient der Nervenklinik zu sein, wurde er zur Untersuchung seines geistigen Zustandes in die psychiatrische Klinik eingewiesen. In einer Autobiographie, die Panizza in der Irrenstation des stĂ€dtischen Krankenhauses 1/I auf Wunsch des Arztes im November 1904 verfasste,[24] behauptete Panizza stolz, er habe diese Einweisung absichtlich und schließlich erfolgreich provoziert. Der ehemalige Psychiater Panizza schreibt in diesen Aufzeichnungen ĂŒber den Patienten Panizza in der dritten Person und benennt das Pfeifen als Halluzination, gleichzeitig aber als RealitĂ€t.

Am 28. MĂ€rz 1905 wurde er in die Anstalt fĂŒr GemĂŒtskranke St. Gilgenberg in Eckersdorf bei Bayreuth ĂŒberwiesen und im April gegen seinen Willen entmĂŒndigt. Oskar Panizzas VormĂŒnder wurden Justizrat Popp und sein Bruder Felix, nach dessen Tod 1908 Dekan Friedrich Lippert, Panizzas GesprĂ€chspartner aus der Amberger GefĂ€ngniszeit. 1907 wechselte Oskar Panizza in das Luxussanatorium Mainschloß Herzoghöhe in Bayreuth, in dem er der einzige Geisteskranke war. Nur wenig Gesichertes ist ĂŒber Panizzas Zeit im Sanatorium bekannt, aus einem Brief der Mutter geht jedoch hervor, dass er sich 1905 das Leben nehmen wollte.[25] In Bayreuth ĂŒbersetzte Panizza noch eine Zeit lang lateinische Texte und schrieb an einem letzten, nie vollendeten Buch: Die Geburtsstunde Gottes, ein mitologischer Ziklus im Sinne des Sonnen- und Mondlaufes. Eines seiner letzten Gedichte aus dem Jahr 1904 trĂ€gt den resignierten Titel: „Ein Poet, der umsunst gelebt hat“.[26] Nach ĂŒber 16 Jahren in der Heilanstalt erlag Oskar Panizza am 28. September 1921 wiederholten SchlaganfĂ€llen. Die Familie weigerte sich, einen Grabstein fĂŒr ihn zu setzen und scheint einen großen Teil des unveröffentlichten Nachlasses vernichtet zu haben.[27]

Rezeption

Zeitgenössische Rezeption und frĂŒhe Legendenbildung

Die meisten BĂŒcher Panizzas wurden schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten und konfisziert, an eine tatsĂ€chliche TheaterauffĂŒhrung seines Liebeskonzils war lange Zeit gar nicht zu denken und Panizzas Familie weigerte sich, die Urheberrechte fĂŒr Neuauflagen des EntmĂŒndigten freizugeben – so war eine wirkliche Rezeption seiner Werke jahrzehntelang kaum möglich. Die Skandalfigur Oskar Panizza aber war eine der schillerndsten Personen der Schwabinger BohĂšme-Szene und spĂ€ter mystifizierte Figur etlicher literarischer Werke: So schildert ihn Hanns von Gumppenberg in seinem SchlĂŒsselroman Der fĂŒnfte Prophet als mephistophelischen Sonderling, Oscar A. H. Schmitz als Alchimisten, Zauberer und DĂ€mon der Welt. Ob Thomas Mann ihn im Doktor Faustus skizziert hat, ist nicht nachweisbar, aber möglich.[28] FĂŒr Sigmund Freud war das Liebeskonzil „ein stark revolutionĂ€res BĂŒhnenstĂŒck“[29] und Walter Benjamin schĂ€tzte Panizza als „hĂ€retischen Heiligenbildmaler“.[30]

1913 erschien eine auf 50 Exemplare limitierte und in den Niederlanden gedruckte Edition des Liebeskonzils fĂŒr die „Gesellschaft der MĂŒnchner Bibliophilen“, die von Alfred Kubin illustriert wurde.[31] Wegen der strikten Zensur musste jedes Exemplar dieser Privatausgabe den gedruckten Namen des spĂ€teren Besitzers auf der Titelseite tragen. Unter den Mitgliedern der Gesellschaft waren unter anderem Franz Blei, Karl Wolfskehl, Erich MĂŒhsam und Will Vesper. Von 1917/18 stammt ein großformatiges ÖlgemĂ€lde von George Grosz (Widmung an Oskar Panizza), das heute in der Staatsgalerie Stuttgart hĂ€ngt.[32]

Nach dem Ersten Weltkrieg lebte der „Fall Panizza“ in Justiz-, Psychiatrie- und Literaturkreisen fort. Emil Kraepelin, der Panizza untersucht hatte, setzte sich in seinen psychiatrischen LehrbĂŒchern mit seinem Fall auseinander. Bibliophile zahlten in den 1920er Jahren Höchstpreise fĂŒr Exemplare der beschlagnahmten Erstauflage des Liebeskonzils. Kurt Tucholsky schrieb 1920 ĂŒber Panizza, dass er, „als er noch bei Verstande war, der frechste und kĂŒhnste, der geistvollste und revolutionĂ€rste Prophet seines Landes gewesen ist. Einer, gegen den Heine eine matte Zitronenlimonade genannt werden kann und einer, der in seinem Kampf gegen Kirche und Staat (
) bis zu Ende gegangen ist.“[33]

Friedrich Lippert, der Vormund Panizzas, veröffentlichte 1926 gemeinsam mit Horst Stobbe im Privatdruck die Biographie In memoriam Oskar Panizza.[34] Gemeinsam mit der darin abgedruckten, 1904 auf DrĂ€ngen der Ärzte in der Kreisirrenanstalt verfassten Selbstbiographie Panizzas und den Autobiographien von Walter Mehring[35] und von Max Halbe[36] bildeten diese Erinnerungen lange Zeit die Grundlage fĂŒr jede Darstellung des Lebens von Oskar Panizza. Alle diese Werke sind jedoch aus unterschiedlichen GrĂŒnden ungenau oder tendenziös. Dass Panizza trotz geistiger Gesundheit ins Irrenhaus eingeliefert worden sei, geht in erster Linie auf Mehring, Halbe und Äußerungen Wedekinds zurĂŒck und galt bald als allgemein anerkannte Tatsache. Sowohl die Rolle der „Obrigkeit“, als auch die seiner Familie war dabei Gegenstand der Spekulation. Erst seit den 1980er Jahren wurde der Blick auf Oskar Panizza durch ein grĂŒndlicheres Quellenstudium erweitert. Einen gĂ€nzlich anderen Blickwinkel auf das schwarze Schaf der Familie Panizza nimmt die ungedruckte, Ă€ußerst religiös gefĂ€rbte, nicht veröffentlichte Biographie der Mutter Mathilde ein.[37]

Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten

Der teutsche Michel und der römische Papst (hier das Titelbild zur ersten Auflage 1894) gehörte in einer redigierten Fassung unter dem Titel Deutsche Thesen gegen den Papst und seine DunkelmÀnner zu den Werken Panizzas, die bei Nationalsozialisten populÀr waren.

Ein Thema war Panizzas Prozess ausschließlich fĂŒr Linksintellektuelle, bis Ende 1927 der „MĂŒnchener Beobachter“, ein Beiblatt zum Völkischen Beobachter, eine nationalsozialistische Interpretation von Panizzas Liebeskonzil und den Abdruck seiner ErzĂ€hlung Der operirte Jud veröffentlichte[38].

Panizzas Werk wurde wĂ€hrend des Dritten Reichs von den Nationalsozialisten vereinnahmt, dabei jedoch auf die entsprechend verwertbaren Texte reduziert. Emil Ferdinand Tuchmann, der jĂŒdische Vorsitzende einer 1928 gegrĂŒndeten „Panizza-Gesellschaft“, musste 1933 ins Pariser Exil gehen, zwei Jahre spĂ€ter gab aber der nationalsozialistische KulturfunktionĂ€r und Autor Kurt Eggers zwei Anthologien mit ausgewĂ€hlten Werken Panizzas heraus. In der Interpretation Eggers’ wurde der Individualanarchist und frankophile BohĂšmien Panizza zum antisemitischen, antifranzösischen und antibritischen Willensmenschen. Ein typisches Ergebnis dieser Umdeutung war die Umformulierung des Buchtitels Der teutsche Michel und der römische Papst in Deutsche Thesen gegen den Papst und seine DunkelmĂ€nner, das 1940 in großer Auflage erschien. Ein Nachdruck wurde im Völkischen Beobachter veröffentlicht. Damit war Panizza postum zum nationalsozialistischen Autor geworden, dessen Werk von Reichsleiter Martin Bormann persönlich beworben wurde.

Wiederentdeckung in den 1960er Jahren

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Werke Panizzas lange Zeit weder verlegt noch gespielt und waren kein Thema der Germanistik. Als Jes Petersen 1962 ein Faksimile der Erstausgabe des Liebeskonzils in einer kleinen Auflage von 300 Exemplaren neu herausgab, wurde das Buch auf den Index gesetzt und Petersen inhaftiert. Seine Wohnung wurde durchsucht, BĂŒcher und Bilder beschlagnahmt und ihm wegen Verbreitung pornographischer Schriften der Prozess gemacht. Nach heftigem Protest der Presse wurden jedoch alle Anklagepunkte gegen Petersen wieder fallengelassen. Erst 1964 gab Hans Prescher das Liebeskonzil zusammen mit anderen Schriften bei Luchterhand heraus. Damit war erstmals eine Grundlage fĂŒr eine breitere Rezeption Panizzas in Deutschland verfĂŒgbar. 1960 war eine französische Übersetzung erschienen, 1964 folgte eine niederlĂ€ndische, 1969 eine italienische und 1971 eine englische Ausgabe.

ZunĂ€chst hatte im Dezember 1965 ein MĂŒnchener Studententheater, die StudiobĂŒhne der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t (LMU), Panizzas StĂŒck als szenische Lesung zur AuffĂŒhrung gebracht und war hierbei in Konflikt mit dem konservativen AStA-Vorsitzenden an der LMU MĂŒnchen, dem spĂ€teren bayerischen Finanzminister Kurt Faltlhauser, geraten.[39] Die UrauffĂŒhrung des Liebeskonzils als TheaterstĂŒck fand dann erst 1967, also 74 Jahre nach der Erstveröffentlichung, auf der Wiener KleinbĂŒhne Experiement statt und 1969 wurde es im ThĂ©Ăątre de Paris unter der Regie von Jorge Lavelli zum ersten Mal auf eine großen BĂŒhne gebracht. Als das Liebeskonzil 1973 am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater endlich seine deutsche ErstauffĂŒhrung erlebte, blieb die erwartete empörte Reaktion der Öffentlichkeit aus, allerdings widmete die fĂŒhrende Fachzeitschrift Theater heute Panizza die Titelreportage.[40]

In den 1970er Jahren wurden lediglich einzelne Texte Panizzas in Anthologien veröffentlicht bis 1976 das Liebeskonzil im Fischer Verlag erschien. 1977 folgte Aus dem Tagebuch eines Hundes, 1978 Die kriminelle Psychose, genannt Psichipatia criminalis und 1979 Dialoge im Geiste Huttens mit einem Vorwort von Heiner MĂŒller.

Verfilmung und Panizza-Renaissance in den 1980er Jahren

Einen veritablen Skandal hatte eine Inszenierung am Teatro Belli in Rom unter der Regie von Antonio Salines 1981 zur Folge. Die italienische Produktion Il concilio d’amore wurde in den Film Liebeskonzil des deutschen Regisseurs Werner Schroeter integriert, der im ausverkauften Zoo Palast auf der Berlinale 1982 Premiere feierte. Die Filmhandlung ist nicht völlig identisch mit Panizzas StĂŒck, so fehlt ihm, wie schon der italienischen Inszenierung, die zĂŒgelloseste Szene am Hofe Alexanders VI. im Vatikan. Dagegen werden die Szenen von dem Prozess gegen Panizza umrahmt, dessen „BeweisstĂŒcke“ sie sind. Die hohen Erwartungen konnte der Film nicht erfĂŒllen: Statt der erwarteten Provokation rief der Film eher enttĂ€uschte Langeweile hervor und galt bald als Flop, die Religionskritik als harmloser Anachronismus aus wilhelminischer Zeit.[41] Auch finanziell war die Low-Budget-Produktion kein Erfolg und lockte nur wenige Zuschauer in die wenigen Kinos, in denen der Film lief.

Seitdem wird das Liebeskonzil regelmĂ€ĂŸig, aber nicht hĂ€ufig auf die BĂŒhne gebracht.[42] Unter anderem wurde es 1988/89 am Berliner Schillertheater in der Regie von Franz Marijnen und mit Musik von Konstantin Wecker aufgefĂŒhrt. Die meisten Ausgaben der Werke sowie die meisten literaturwissenschaftlichen Studien ĂŒber Werk und Leben Panizzas wurden in der zweiten HĂ€lfte der 1980er Jahre veröffentlicht.

Gerichtliche Auseinandersetzungen in den 1990er Jahren

Völlig ĂŒberraschend kam im Mai 1985 ein Verbot des Filmes durch die Tiroler Landesregierung, weil er die christliche Religion beleidige. Als das Otto-Preminger-Institut fĂŒr audiovisuelle Mediengestaltung (OPI) das Liebeskonzil sechs Abende in ihrem Kino in Innsbruck zeigen wollte, erstattete die katholische Diözese Anzeige gegen den Direktor des OPI, Dietmar Zingl, und fand die UnterstĂŒtzung des Staatsanwalts. Trotz harscher Reaktionen der österreichischen Presse wurde der Film, wie kurze Zeit vorher Das Gespenst von Herbert Achternbusch, in Tirol verboten. 1994 bestĂ€tigte der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte diese Entscheidung.[43]

In der Schweiz erstattete 1997 eine Gruppe namens „Christen fĂŒr die Wahrheit“ unter Berufung auf § 261 StGB (Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit) Anzeige gegen eine Inszenierung des Liebeskonzils durch die Abschlussklasse der Schauspielschule Bern. Diese Klage wurde 1998 durch ein Berner Gericht abgewiesen.

Literaturwissenschaftliche Studien

Bis zu Beginn der 1980er Jahre beschrĂ€nkten sich wissenschaftliche Texte zu Panizza weitgehend auf die Nachworte der wenigen Editionen und sehr vereinzelte AufsĂ€tze, von denen einige im Zusammenhang mit der Antipsychiatrie-Bewegung standen. Nach einer amerikanischen Dissertation von Peter D.G. Brown aus dem Jahre 1971 (Doghouse, Jailhouse, Madhouse) wurden grĂ¶ĂŸere Studien erst 1983 erneut von Peter D.G. Brown (Oskar Panizza. His Life and Works) und 1984 von Michael Bauer (Oskar Panizza. Ein literarisches PortrĂ€t) veröffentlicht. Nachdem Rolf DĂŒsterberg 1988 eine Studie ĂŒber die ZĂŒrcher Diskußjonen und Knut Boeser 1989 eine Quellendokumentation ĂŒber Leben und Werk Panizzas veröffentlicht hatten, folgten nur noch 1993 ein weniger literaturwissenschaftliches als programmatisches Buch von Rainer Strzolka (Oskar Panizza. Fremder in einer christlichen Gesellschaft) und 1999 eine Monographie von JĂŒrgen MĂŒller (Der Pazjent als Psychiater), der sich speziell fĂŒr die psychiatrischen Aspekte der Werkinterpretation und der Biographie Panizzas interessierte.

Bis heute hat sich wenig daran geĂ€ndert, dass die meisten Literaturgeschichten Panizza, wenn ĂŒberhaupt, in wenigen SĂ€tzen oder lediglich passim abhandeln. Selbst viele umfangreiche Standardwerke zur Literatur des 19. Jahrhunderts oder Autorenlexika ignorieren Panizza noch immer. Wo Panizzas Werk ErwĂ€hnung findet, wird ihm heute allerdings eine bedeutende Sonderrolle in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende jenseits des Naturalismus eingerĂ€umt.

Werke

  • Über Myelin, Pigment, Epithelien und Micrococcen im Sputum. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der DoctorwĂŒrde der medizinischen FacultĂ€t zu MĂŒnchen. Leipzig 1881.
  • DĂŒstre Lieder. Unflad, Leipzig 1886. (tatsĂ€chlich 1885 erschienen)
  • Londoner Lieder. Unflad, Leipzig 1887.
  • LegendĂ€res und Fabelhaftes. Gedichte. Unflad, Leipzig 1889.
  • DĂ€mmerungsstĂŒcke. Vier ErzĂ€hlungen. Friedrich, Leipzig 1890.
    (Darin die ErzÀhlungen Das Wachsfigurenkabinett, Eine Mondgeschichte, Der Stationsberg und Die Menschenfabrik)
  • Genie und Wahnsinn. Vortrag, gehalten in der „Gesellschaft fĂŒr modernes Leben“, CentralsĂ€le, am 20. MĂ€rz 1891. Poeßl, MĂŒnchen 1891 (= MĂŒnchener Flugschriften, 1. Serie, Nr. 5 u. 6)
  • Aus dem Tagebuch eines Hundes. Friedrich, Leipzig 1892.
  • (Bruder Martin O.S.B.) Die unbefleckte EmpfĂ€ngnis der PĂ€pste. Aus dem Spanischen von Oskar Panizza. Schabelitz, ZĂŒrich 1893.
  • Visionen. Skizzen und ErzĂ€hlungen. Friedrich, Leipzig 1893.
    (Darin die ErzÀhlungen Die Kirche von Zinsblech, Das Wirtshaus zur Dreifaltigkeit, Ein criminelles Geschlecht, Der operierte Jud', Der Goldregen, Ein skandalöser Fall, Der Korsetten-Fritz, Indianer-Gedanken, Eine Negergeschichte und Ein Kapitel aus der Pastoralmedizin)
  • Die Wallfahrt nach Andechs. Erstmals erschienen in Der Zuschauer : Monatsschrift fĂŒr Kunst, Litteratur und Kritik. Hamburg, Verlag der Zuschauer, 2. Jahrgang (1894), Nr. 23 (1894-12-01); Nr. 25 (1894-12-15)[1]
  • Der heilige Staatsanwalt. Eine moralische Komödie in fĂŒnf Szenen (nach einer gegebenen Idee). Friedrich, Leipzig 1894.
  • Das Liebeskonzil. Eine Himmels-Tragödie in fĂŒnf AufzĂŒgen. Schabelitz, ZĂŒrich 1895. (tatsĂ€chlich 1894 erschienen)
  • Der teutsche Michel und der römische Papst. Altes und Neues aus dem Kampfe des Teutschtums gegen römisch-wĂ€lsche Überlistung und Bevormundung in 666 Tesen und Zitaten. Mit einem Begleitwort von Michael Georg Conrad. Friedrich, Leipzig 1894.
  • Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit. Skizze einer Weltanschauung. Friedrich, Leipzig 1895.
  • Meine Verteidigung in Sachen „Das Liebeskonzil“. Nebst dem SachverstĂ€ndigen-Gutachten des Dr. M. G. Conrad und dem Urteil des k. Landgerichts MĂŒnchen I. Schabelitz, ZĂŒrich 1895.
  • Die gelbe Kroete. O. O. (Sonderdruck, 1896).
  • Ein guter Kerl. Tragische Szene in 1 Akt. Höher, MĂŒnchen 1896. (= Meßthaler's Sammlung moderner Dramen 2)
  • Abschied von MĂŒnchen. Ein Handschlag. Schabelitz, ZĂŒrich 1897.
  • Dialoge im Geiste Hutten's. Ueber die Deutschen. Ueber das Unsichtbare. Ueber die Stadt MĂŒnchen. Ueber die Dreieinigkeit. Ein Liebes-Dialog. ZĂŒrcher Diskußionen, ZĂŒrich 1897.
  • Die Haberfeldtreiben im bairischen Gebirge. Eine sittengeschichtliche Studie. Fischer, Berlin 1897.
  • Nero. Tragödie in fĂŒnf AufzĂŒgen. ZĂŒrcher Diskußionen, ZĂŒrich 1898.
  • Psichopatia criminalis. Anleitung um die vom Gericht fĂŒr notwendig erkanten Geisteskrankheiten psichjatrisch zu eruiren und wissenschaftlich festzustellen. FĂŒr Ärzte, Laien, Juristen, VormĂŒnder, Verwaltungsbeamte, Minister etc. ZĂŒrcher Diskußionen, ZĂŒrich 1898.
  • Parisjana. Deutsche Verse aus Paris. ZĂŒrcher Diskussionen, ZĂŒrich 1899. (tatsĂ€chlich in Paris erschienen)

Postum veröffentlichte Manuskripte

  • Imperjalja. Manuskript Germ. Qu. 1838 der Handschriftenabteilung der Staatlichen Museen Preussischer Kulturbesitz zu Berlin. Hrsg. von JĂŒrgen MĂŒller. Pressler, HĂŒrtgenwald 1993 (Schriften zu Psychopathologie, Kunst und Literatur 5) ISBN 3-87646-077-8
  • Selbstbiographie. In: Der Fall Oskar Panizza. Hrsg. von Knut Boeser. Ed. Hentrich, Berlin 1989. S. 8-14 (erstmals in: F. Lippert u. H. Stobbe, In memoriam Oskar Panizza, MĂŒnchen 1926).
  • Pour Gambetta. SĂ€mtliche in der Prinzhorn-Sammlung der Psychiatrischen UniversitĂ€tsklinik Heidelberg und im Landeskirchlichen Archiv NĂŒrnberg aufbewahrten Zeichnungen. Hrsg. von Armin Abmeier. Edition Belleville, MĂŒnchen 1989, ISBN 3-923646-30-5
  • Mama Venus. Texte zu Religion, Sexus und Wahn Hrsg. von Michael Bauer. Luchterhand-Literaturverlag, Hamburg/ZĂŒrich 1992, Sammlung Luchterhand 1025. ISBN 3-630-71025-5.

Literatur

  • Michael Bauer und Rolf DĂŒsterberg: Oskar Panizza. Eine Bibliographie. Lang, Frankfurt am Main 1988. (= EuropĂ€ische Hochschulschriften; Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; 1086) ISBN 3-631-40530-8
  • Michael Bauer: Oskar Panizza. Ein literarisches PortrĂ€t. Hanser, MĂŒnchen 1984, ISBN 3-446-14055-7 und ISBN 3-446-13981-8
  • Knut Boeser (Hrsg.): Der Fall Oskar Panizza. Ein deutscher Dichter im GefĂ€ngnis. Eine Dokumentation. Edition Hentrich, Berlin 1989. (= Reihe deutsche Vergangenheit; 37) ISBN 3-926175-60-5
  • Peter D.G. Brown: Oskar Panizza. His Life and Works. Bern und Lang, New York 1983 (= American University Studies; Series 1, Germanic Languages and Literatures; vol. 27 ISBN 0-8204-0038-6 u. EuropĂ€ische Hochschulschriften; Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; 745) ISBN 3-261-03365-7
  • Peter D.G. Brown (Hrsg.): Das Liebeskoncil. Eine Himmels-Tragödie in fĂŒnf AufzĂŒgen. Faksimile-Ausgabe der Handschrift, eine Transkription derselben, des Weiteren die Erstausgabe des „Liebeskonzils“ als Faksimile, sowie „Meine Verteidigung in Sachen 'Das Liebeskonzil'“ und Materialien aus der zweiten und dritten Ausgabe. belleville, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-936298-16-5
  • Rolf DĂŒsterberg: „Die gedrukte Freiheit“. Oskar Panizza und die ZĂŒrcher Diskussjonen. Lang, Frankfurt am Main u.a. 1988. (= EuropĂ€ische Hochschulschriften; Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; 1098) ISBN 3-8204-0288-8
  • JĂŒrgen MĂŒller: Der Pazjent als Psychiater. Oskar Panizzas Weg vom Irrenarzt zum Insassen. Edition Das Narrenschiff, Bonn 1999, ISBN 3-88414-291-7
  • Dietmar Noering und Christa Thome: Das FlĂŒstern der Geschichten oder Ein GesprĂ€ch der Herren Raabe, Panizza und Klaußner nebst EinwĂŒrfen einiger anderer. In: Schauerfeld. Mitteilungen der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, 3. Jg., H. 4, 1990 S. 2-13.
  • Rainer Strzolka: Oskar Panizza. Fremder in einer christlichen Gesellschaft. Berlin: Karin Kramer Verl. 1993 ISBN 3-87956-115-X

TheaterstĂŒck

Weblinks

Online-Texte

 Wikisource: Oskar Panizza â€“ Quellen und Volltexte

Bibliotheksnachweise

Leben und Werk

 Commons: Oskar Panizza â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ O. Panizza, Ein Dichter der umsunst gelebt, in: F. Lippert u. H. Stobbe, In memoriam Oskar Panizza, MĂŒnchen 1926, S. 54.
  2. ↑ U.a. von der Augsburger Postzeitung, den Neuesten Nachrichten und dem Frankfurter Journal, vgl. M. Bauer, S. 240.
  3. ↑ Eine AbwĂ€gung dieser Möglichkeiten finden sich u.a. bei J. MĂŒller, S. 201f und Peter D. G. Brown, S. 17.
  4. ↑ Z.B. bezeichnet Jens Malte Fischer den Operirten Jud’ als „Explosion eines wĂŒtenden Antisemitismus wie er in dieser Drastik nur noch vom,StĂŒrmer' erreicht worden“ sei. (Deutschsprachige Phantastik zwischen DĂ©cadence und Faschismus, in: Rein A. Zondergeld (Hrsg.): PhaĂŻcon 3, Almanach der phantastischen Literatur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1978, S. 93-130.)
  5. ↑ So Alexander Bahar, Die grĂ€sslichste aller Foltern.
  6. ↑ Zitiert nach J. MĂŒller, S. 70.
  7. ↑ Brief O. Panizzas an CĂ€sar Flaischlen, 30. August 1891, zitiert nach M. Bauer, S. 135.
  8. ↑ Eine solche Sonderstellung betont z.B. Viktor Ćœmergač, Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Regensburg, AthenĂ€um, Bd. II., S. 225. Bereits Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky und Theodor Fontane hatten sich in diesem Sinne geĂ€ußert.
  9. ↑ Das Liebeskonzil, in: Neues aus dem Hexenkessel der Wahnsinns-Fanatiker, hrsg. v. M. Bauer (1986), S. 66.
  10. ↑ Zahlreiche publizierte und private Reaktionen finden sich bei K. Boeser, S. 105-123.
  11. ↑ Zitiert nach M. Bauer, S. 154.
  12. ↑ Thomas Mann, Das Liebeskonzil, in: Das Zwanzigste Jahrhundert 5, 1895, Hbd. 2, S. 522.
  13. ↑ Protokoll, S. 5 /SA Mchn., St. Anw. Nr. 7119/. Zitiert nach: M. Bauer, Oskar Panizza, S. 17.
  14. ↑ Zitiert nach M. Bauer, S. 153.
  15. ↑ Die Gesellschaft 10, 1894, H. 5. S. 703. Zitiert nach: M. Bauer, Oskar Panizza, S. 20.
  16. ↑ Abgedruckt in K. Boeser, S. 51ff.
  17. ↑ Theodor Lessing: Einmal und nie wieder. Prag 1935, S. 234. Zitiert nach: M. Bauer, Oskar Panizza, S. 19.
  18. ↑ AuszĂŒge abgedruckt in K. Boeser, S. 85ff.
  19. ↑ O. Panizza, Psichopatia, ZĂŒrich 1898, S. VIf., zitiert nach M. Bauer, S. 201.
  20. ↑ Brief Otto von Grotes an Michael Georg Conrad vom 8. Januar 1900. Zitiert nach M. Bauer, S. 206.
  21. ↑ Zitiert nach M. Bauer, S. 204.
  22. ↑ Zitiert nach M. Bauer, S. 208.
  23. ↑ Zitiert nach J. MĂŒller, S. 212.
  24. ↑ Abgedruckt in K. Boeser, S. 8ff.
  25. ↑ M. Bauer, S. 35.
  26. ↑ Abgedruckt in K. Boeser, S. 192.
  27. ↑ M. Bauer, S. 33f.
  28. ↑ M. Bauer, S. 226, Anm. 20.
  29. ↑ Sigmud Freud, Die Traumdeutung, Wien/Leipzig 1900, S. 149. Zitiert nach: M. Bauer, Oskar Panizza, S. 22
  30. ↑ Zitiert nach M. Bauer, S. 12.
  31. ↑ Nachdruck 1991 herausgegeben von Michael Bauer, Spangenberg Verlag MĂŒnchen.
  32. ↑ Eine Abbildung findet sich auf dieser Website.
  33. ↑ Ignaz Wrobel (Pseudonym von Kurt Tucholsky): Oskar Panizza, in: Freiheit, 11. Juli 1920.
  34. ↑ In memoriam Oskar Panizza. Hrsg. v. Friedrich Lippert und Horst Stobbe, MĂŒnchen (Selbstverlag) 1926.
  35. ↑ Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur. Hamburg 1952.
  36. ↑ Max Halbe, Jahrhundertwende. Geschichte meines Lebens. 1893–1914. Danzig 1935.
  37. ↑ Teilweise bei K. Boeser, S. 183ff. zitiert und referiert.
  38. ↑ Oskar Panizza, in: MĂŒnchener Beobachter vom 8. Januar 1927, S. 2
  39. ↑ Stefan Hemler: Protest-Inszenierungen. Die 68er-Bewegung und das Theater in MĂŒnchen, in: Hans-Michael Körner u. JĂŒrgen SchlĂ€der (Hrsg.), MĂŒnchner Theatergeschichtliches Symposium 2000, MĂŒnchen, Utz-Verlag 2000 (Studien zur MĂŒnchner Theatergeschichte 1), S. 276-318, hier S. 293f, ISBN 3-89675-844-6, Pdf online
  40. ↑ Theater heute 14, Oktober 1973.
  41. ↑ Zahlreiche entsprechende Kritikerzitate finden sich bei Peter D. G. Brown, The Continuing Trials of Oskar Panizza: A Century of Artistic Censorship in Germany, Austria and Beyond. In: German Studies Review 24/3 (Oktober 2001), S. 537f.
  42. ↑ Eine Liste aller Inszenierungen findet sich auf der Website von Peter D.G. Brown.
  43. ↑ Urteil des ECHR
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