Otto Neurath

Otto Neurath (* 10. Dezember 1882 in Wien; † 22. Dezember 1945 in Oxford) war ein österreichischer Philosoph, Ökonom und Pionier der visuellen Kommunikation.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Otto Neurath − Sohn des Nationalökonomen Wilhelm Neurath − studierte ab 1901 zuerst in Wien, dann in Berlin Mathematik, Ökonomie, Geschichte und Philosophie. 1906 heiratete er seine Kommilitonin Anna Schapire, die Schriftstellerin, Lyrikerin und Frauenrechtlerin. Mit ihr schrieb er das Lesebuch für Volkswirtschaftslehre, das 1910 in Leipzig veröffentlicht wurde. Seine Frau starb 1911 bei der Geburt ihres Kindes Paul.

Neurath wurde 1907 in Berlin promoviert, war von 1907 bis 1914 Lehrer an der Wiener Handelsakademie. Als Stipendiat der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden unternahm Neurath 1913 Studienreisen in Balkan-Länder, insbesondere Serbien. 1916 wurde er in das österreichische Kriegsministerium in die Wirtschaftsabteilung berufen und gleichzeitig Direktor des Kriegswirtschaftsmuseums in Leipzig. 1917 habilitierte er sich für politische Ökonomie an der Universität Heidelberg; die in Aussicht gestellte Dozentur für Nationalökonomie wurde ihm jedoch 1919 aus politischen Gründen verwehrt: Neurath war Präsident des von ihm selbst vorgeschlagenen Zentralwirtschaftsamtes der ersten Münchner Räterepublik; nach deren Niederschlagung wurde er wegen Beihilfe zum Hochverrat inhaftiert und nach diplomatischer Intervention schließlich unter Verlust der Lehrbefugnis in Heidelberg nach Österreich ausgeliefert.

1920 wurde Neurath Generalsekretär des Österreichischen Siedlungs- und Kleingartenverband, 1924 Direktor des Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. Nach den Ereignissen des 12. Februar 1934 und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates kehrte Neurath, der sich zu jener Zeit in Moskau aufhielt, nicht nach Wien zurück, sondern emigrierte zunächst in die Niederlande nach Den Haag, um dort seine Arbeit fortzusetzen.

1937 besuchte Neurath Rudolf Carnap und Charles Morris in Chicago, um das Projekt einer einheitswissenschaftlichen Enzyklopädie voranzutreiben. 1939 reiste er zur Buchpräsentation nach New York, wo bei Alfred A. Knopf, Inc. sein Buch „Modern Man in the Making“ erscheint, kehrte aber unmittelbar in sein Institut nach Holland zurück. 1940 flüchtete Neurath nach England, wurde interniert, kam schließlich frei und setzte seine Arbeit in Oxford fort. 1941 heiratete er seine Mitarbeiterin Marie Reidemeister, nunmehr Marie Neurath. Unter der Präsidentschaft von Susan Stebbing wurde 1941 das später noch jahrelang von Marie Neurath geleitete britische ISOTYPE-Institut gegründet.

1945 starb Otto Neurath in Oxford an einem Herzinfarkt. Seine letzte Berufsbezeichnung laut eigener Visitenkarte war „Consulting sociologist of human happiness“.

Werk

1924 wurde in Wien auf Initiative von Otto Neurath das „Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum“ (GWM) gegründet. In seinen eigenen Worten sollte es eine neuartige „Zentralstelle für gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftliche Unterweisung durch vorwiegend optische Mittel, Graphica und Modelle“ werden.

Das GWM entwickelte ein „Bilder-Esperanto“ (Neurath 1933) für ein Lehrmuseum ohne Ort, mit Wanderausstellungen und Dauerausstellungen zur Weltwirtschaft, etwa in der Volkshalle des Wiener Rathauses sowie in Gemeindebauten wie dem Reismann-Hof (12. Bezirk), einer Informationsvitrine im Zentrum Wiens (Tuchlauben 2) und dem damaligen Siedlungsamt (Parkring 12).

Dem Trägerverein des GWM gehörten an: Gemeinde Wien, Freie Gewerkschaften, Arbeiterkammer, Konsumgenossenschaften, Sozialversicherungen, Arbeiterbank (alle: Österreich). Die Büroräume des GWM befanden sich 1926-1927 am Borromäusplatz 3, Wien 3. Bezirk, 1927-1934 in der Ullmannstrasse 44, Wien 15. Bezirk. [1]

Zusammen mit dem Grafiker Gerd Arntz entwickelte er ab 1927 aus der „Wiener Methode der Bildstatistik“ [2] die „International Picture Language“ bzw. das Bildersprachen-System ISOTYPE = International System of Typographic Picture Education Isotype,[3]

Als Vertreter eines pragmatischen, wissenschaftstheoretischen Ansatzes gehörte Otto Neurath im Wiener Kreis dem linken Flügel an. Eines der zentralen Anliegen des Wiener Kreises war die Einheitswissenschaft. Neurath hatte eine enzyklopädische Vorstellung von der Einheit der Wissenschaft. Als ein Anhänger des Physikalismus trat er für ein antimetaphysiche, von Spekulationen befreite Sprachverwendung ein. Manche behaupten, er strebte eine Universalsprache an, welche sowohl wissenschaftliche als auch alltägliche Begriffe enthalten sollte. In der Praxis ging es Neurath eher darum, mit neuen bildlichen Mitteln eine Lingua Franca zu etablieren, um gesellschaftliche Kommunikationsprobleme zu lösen, wie sich an seinem Projekt der internationalen Bildersprache zeigt. Als ein drängendes Problem definierte Neurath dabei die Aufgabe, gesellschaftliche Vorgänge zu zeigen und alle Tatbestände des Lebens in eine erkennbare Beziehung zu gesellschaftlichen Vorgängen zu bringen.[4]

Bereits 1927 begann eine Kooperation zwischen Neurath in Wien und Paul Otlet in Brüssel, von dem Neurath Idee und Bezeichnung des Mundaneum übernahm. Es ging um eine neue Organisation des Weltwissens nach der Logik von Datenbanken.[5]

Die Kooperation für einen „Internationalen Zivilisationsatlas“ im Auftrag einer Genfer Erziehungsvereinigung konnte jedoch nicht realisiert werden.

1934 bis 1940 arbeitete Neurath gemeinsam mit Gerd Arntz in Den Haag, wo das GWM in „Mundaneum Institut Den Haag“ und die „Wiener Methode" in „ISOTYPE“ umbenannt wurden. 1940 flüchtete Neurath vor den Nazis über den Ärmelkanal Richtung England. 1942 gründete er mit seiner Mitarbeiterin Marie Reidemeister, die er inzwischen geheiratet hatte, das „ISOTYPE Institute“ in Oxford. Marie Neurath setzte die Arbeit des Oxforder Institutes nach Neuraths Tod 1945 bis in die 1970er Jahre fort.

Neben Neurath selbst propagierten vor allem drei Personen seines Umfelds die Isotype-Methode der Bildsymbolik: seine einstige Mitarbeiterin Marie Neurath (geb. Reidemeister) vor allem in Publikationen zur Wissenschaftsvermittlung für Jugendliche (Illustrated Schoolbooks and Picture Books – Max Parrish Verlag, London), sein Grafiker Gerd Arntz in den Niederlanden (Nederlandse Stichting voor Statistiek), und sein Schüler Rudolf Modley in den Vereinigten Staaten (Pictograph Corporation Inc.).

1947 übernahm die ISO - Internationale Organisation für Normung - die Aufgabe der Standardisierung und Zertifizierung von Normen, zu denen auch Testverfahren zur Verständlichkeit internationaler Piktogramme gehören (ISO 9186).

Würdigung

Im Jahr 1949 wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) die Dr.-Otto-Neurath-Gasse nach ihm benannt. Eine Würdigung des Werkes von Otto Neurath in Form eines Archives oder eines Museums in Wien gibt es nicht.

Werke

  • Antike Wirtschaftsgeschichte, Wien, 1909.
  • Lesebuch für Volkswirtschaftslehre, Wien 1910.
  • Wirtschaftsplan und Naturalrechnung - Von der sozialistischen Lebensordnung und vom kommenden Menschen, Belin 1925
  • Wissenschaftliche Weltauffassung - der Wiener Kreis gem. mit Rudolf Carnap, Hans Hahn, Veröffentlichungen des Vereins Ernst Mach, Wien 1929
  • Gesellschaft und Wirtschaft. 100 Bildtafeln, Bibliographisches Institut Leipzig, 1931
  • Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, Wien: Springer 1931
  • Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule, Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien, Leipzig 1933
  • Museums of the Future, Survey Graphic, Vol. 22.9, New York 1933
  • Einheitswissenschaft und Psychologie, Wien 1933.
  • International Picture Language, Psyche Minatures, Kegan Paul, London 1936
  • Inventory of the Standard of Living (Lebenslage), Zeitschrift für Sozialforschung, hg. von Max Horkheimer, Jg.VI, 1937, Paris, S.140-151
  • Basic by Isotype, Psyche Minatures, Kegan Paul, London 1937
  • Unified Science as Encyclopedic Integration, 'International Encyclopedia of Unified Science, Vol. 1.1, Chicago 1938, S.1-27.
  • Modern Man in the Making, New York: Knopf 1939

Posthum

  • From Hieroglyphics to Isotype, Future Books, London 1946
  • From Hieroglyphics to Isotype: A Visual Autobiography, Princeton Architectural Press, 2010
  • Otto Neurath: Philosophy between Science and Politics (Ideas in Context), Nancy Cartwright et al., Cambridge Arch. Press, 2008
  • Wissenschaftliche Weltauffassung, Sozialismus und logischer Empirismus, Rainer Hegselmann (Hg.), Frankfurt/M: Suhrkamp, 1979.
  • Gesammelte philosophische und methodologische Schriften (Band 1+2), Rudolf Haller und Heiner Rutte (Hg.), Wien: HTP 1981
  • Gesammelte bildpädagogische Schriften (Band 3), Rudolf Haller und Robin Kinross, Wien: HTP 1991
  • Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften (Band 4+5), Rudolf Haller und Ulf Höfer (Hg.), Wien: HTP 1998
  • Otto Neurath: Rationalität, Planung, Vielfalt, Elisabeth Nemeth, Richard Heinrich (Hg.), Akademie Verlag, Berlin, 1999

Literatur

  • Matthew Eve und Christopher Burke: Otto Neurath: From Hieroglyphics to Isotype. A visual Autobiography, Hyphen Press, London 2010[6]
  • Frank Hartmann, Erwin K. Bauer: Bildersprache. Otto Neurath, Visualisierungen. 2. erweiterte und durchgesehene Auflage. Wiener Universitätsverlag, Wien, 2006, ISBN 3-7089-0000-6.
  • Elisabeth Nemeth: Otto Neurath und der Wiener Kreis. Revolutionäre Wissenschaftlichkeit als politischer Anspruch. Campus, Frankfurt am Main u. a. 1981, ISBN 3-593-32956-5 (Campus – Forschung 229).
  • Elisabeth Nemeth, Paul Neurath (Hrsg.): Otto Neurath oder Die Einheit von Wissenschaft und Gesellschaft, Böhlau, Wien u. a. 1994, ISBN 3-205-98127-8 (Monographien zur österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte 6).
  • Paul Neurath: Otto Neurath und die Soziologie. In: Rudolf Haller (Hrsg.): Schlick und Neurath. Ein Symposium. Beiträge zum Internationalen Philosophischen Symposion aus Anlaß der 100. Wiederkehr des Geburtstage von Moritz Schlick (14.4.1882 – 22.6.1936) und Otto Neurath (10.12.1882 – 22.12.1945), Wien, 16. – 20. Juni 1982. Rodopi, Amsterdam, 1982, ISBN 90-6203-675-9 (Grazer philosophische Studien 16/17).
  • Mélika Ouelbani: Carnap und die Einheit der Wissenschaft. In: Elisabeth Nemeth, Nicolas Roudet (Hrsg.): Paris – Wien. Enzyklopädien im Vergleich. Springer, Wien u. a. 2005, ISBN 3-211-21538-7, S. 205–220 (Veröffentlichungen des Instituts Wiener Kreis 13), (Online-Ausgabe: ebenda 2005, doi:10.1007/3-211-33320-7).
  • Friedrich Stadler: Otto Neurath (1882-1945). Zu Leben und Werk in seiner Zeit. In: Friedrich Stadler (Hrsg.): Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit. Otto Neurath, Gerd Arntz. Löcker, Wien u. a. 1982, ISBN 3-85409-039-0 (Ausstellungskatalog: Wien, Kammer für Arbeiter und Angestellte, 26. April – 23. Juni 1982).

Anmerkungen

  1. Volker Thurm, Wien und der Wiener Kreis, WUV 2003, S.161 und S.81
  2. Otto Neurath: Bildstatistik nach Wiener Methode.In:Die Volksschule, 27.Jg., H. 12, 1931
  3. Otto Neurath: International Picture Language. The First Rules of Isotype, London 1936.
  4. Otto Neurath: Gesammelte bildpädagogische Schriften, S.247
  5. W. Boyd Rayward (Hg.): European Modernism and the Information Society, Ashgate 2008
  6. FAZ vom 23. Dezember 2010, Seite 32: Von der Schädlichkeit der Perspektive

Weblinks



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