Paraphilie

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Paraphilie

Die Paraphilien (griechisch παραφÎčλία, von parĂĄ, „abseits“, „neben“, und philĂ­a, „Freundschaft“, „Liebe“) sind eine Gruppe psychischer Störungen, die sich als ausgeprĂ€gte und wiederkehrende, von der empirischen „Norm“ abweichende, sexuell erregende Phantasien, dranghafte sexuelle BedĂŒrfnisse oder Verhaltensweisen Ă€ußern, die sich auf unbelebte Objekte, Schmerz, DemĂŒtigung oder nicht einverstĂ€ndnisfĂ€hige Personen wie Kinder beziehen und in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder BeeintrĂ€chtigung bei der betroffenen Person oder ihren Opfern hervorrufen. Was die Paraphilien zu psychischen Störungen und nicht einfach zu extravaganten Vorlieben macht, ist, dass Menschen, die von einer Paraphilie betroffen sind, anderen oder sich selbst Leid zufĂŒgen (siehe Definitionen unten).

Inhaltsverzeichnis

Wandlungen des Begriffs

Der Begriff wurde von Friedrich Salomo Krauss geprĂ€gt, nachdem bereits 1843 der ungarische Arzt Heinrich Kaan unter dem Titel Psychopathia sexualis eine Schrift veröffentlicht hatte, in der er die SĂŒndenvorstellungen des Christentums in medizinische Diagnosen umwandelte. Kritiker sehen Krauss in einer entsprechenden Traditionslinie, die der moralischen Vorstellungswelt seiner Zeit entsprach.

Heute werden Paraphilien als psychische Störungen im DSM-IV-Katalog, sowie unter dem Begriff „Störung der SexualprĂ€ferenz“ (F65) in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10) klassifiziert. Die Diagnose einer sexuellen Vorliebe als Paraphilie ist jedoch hĂ€ufig umstritten und unterliegt historisch und soziologisch einem kontinuierlichen Wandel, der sich in einer andauernden Überarbeitung und Diskussion seitens der Herausgeber beider diagnostischer HandbĂŒcher spiegelt.

Abgrenzung des Begriffs

Wenngleich Überschneidungen möglich sind, sind von der Paraphilie folgende Fachtermini begrifflich abzugrenzen:

  • DyssexualitĂ€t: ein „sich im Sexuellen ausdrĂŒckendes Sozialversagen“ als ein „Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit verĂ€nderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen“,
  • Devianz und Perversion: (letzterer Begriff findet heutzutage kaum noch Verwendung und gilt eher als abwertend bis diskriminierend),
  • Sexualdelinquenz: ein in erster Linie durch die jeweilige Gesetzgebung und Rechtsprechung definiertes Verhalten.

Von Laien werden Paraphilien (auch schon in ihrer subklinischen Form) hĂ€ufig als Perversionen bezeichnet, wobei sich sowohl die WHO wie auch die APA nachdrĂŒcklich gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit „ausgefallenen“ sexuellen Vorlieben ausspricht.

Diagnosen nach ICD-10 und DSM-IV-TR

Klassifikation nach ICD-10
F65 Störungen der SexualprÀferenz
F65.0 Fetischismus
F65.1 Fetischistischer Transvestitismus
F65.2 Exhibitionismus
F65.3 Voyeurismus
F65.4 PĂ€dophilie
F65.5 Sadomasochismus
F65.6 Multiple Störungen der SexualprÀferenz
F65.8 Sonstige Störungen der SexualprÀferenz
F65.9 Störung der SexualprÀferenz, nicht nÀher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die deutsche Textausgabe des 1992 von der WHO herausgegebenen ICD-10, Kapitel V (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) unterscheidet sich maßgeblich von den Online-Versionen oder Diagnose-Listen, indem hier die diagnostischen Kriterien der meisten Krankheiten ausfĂŒhrlich formuliert werden, wĂ€hrend sie in Online-Ausgaben hĂ€ufig nur knapp aufgefĂŒhrt werden und in den ICD-10-Listen teilweise vollkommen fehlen. Aufgrund dessen kommt es in diesem Bereich hĂ€ufig zu Fehldiagnosen (s. u.).

Die American Psychiatric Association hat in ihrer Neuauflage des DSM (DSM-IV-TR, 2000) die diagnostischen Kriterien fĂŒr die Paraphilien geĂ€ndert, sodass auch hier eine Diagnose nach einer nicht aktuellen Ausgabe des Manuals fehlerhaft sein kann.

Diagnose nach ICD-10, Störungen der SexualprÀferenz (F65)

  • Erstes Kriterium ist das wiederholte Auftreten intensiver sexueller Impulse und Phantasien, die sich auf ungewöhnliche GegenstĂ€nde oder AktivitĂ€ten beziehen.
  • Zweites Kriterium ist, dass man entsprechend den Impulsen handelt oder sich durch sie deutlich beeintrĂ€chtigt fĂŒhlt.
  • Das dritte Kriterium bestimmt, dass diese PrĂ€ferenz seit mindestens sechs Monaten besteht.[1]

Diagnose nach DSM-IV-TR, Paraphilie

  • Kriterium A: Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte BedĂŒrfnisse oder Verhaltensweisen, die sich 1. auf ungewöhnliche nichtmenschliche Objekte, 2. auf Leiden oder DemĂŒtigung von sich selbst oder anderen Menschen oder 3. auf Kinder oder andere Personen beziehen, die nicht einwilligungsfĂ€hig oder -willig sind.
  • Kriterium B: Die Person hat auf diese sexuell dranghaften Phantasien oder BedĂŒrfnisse mit einer nicht einwilligungsfĂ€higen oder -willigen Person gehandelt, oder die Phantasien, sexuell dranghaften BedĂŒrfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder BeeintrĂ€chtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
  • Kriterium C: Die Kriterien A und B werden nicht ausschließlich wĂ€hrend Phasen akuter Intoxikation, manischer Episoden oder Schizophrenie erfĂŒllt und resultieren nicht aus geistiger Behinderung, Demenz, PersönlichkeitsverĂ€nderung oder einem medizinischen Krankheitsfaktor.[2]

Diskussionen um die Diagnose der Paraphilien

Die diagnostischen Kriterien (vor allem das Kriterium B des DSM und die analoge Textstelle des ICD-10) werden hĂ€ufig von Fachleuten sowie Aktivisten kritisiert. In der vorangehenden Ausgabe des DSM (DSM-IV, 1994) Ă€hnelte der Wortlaut des Kriteriums B mehr der im ICD-10 beschriebenen Textstelle. Der Aufruf zur Änderung des Kriteriums ergab sich aus der Diskussion um die sexuelle Vorliebe zu Kindern (PĂ€dophilie, s.u.), da die Diagnose nach APA- und WHO-Richtlinien bei Patienten nicht gestellt werden konnte, die zwar sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen hatten, jedoch keinen Leidensdruck entwickelt hatten. Es wurde also auf einem APA-Symposium beschlossen, das Kriterium B (neben dem Leidensdruck) um das Ausleben der sexuellen PrĂ€ferenz wider den Willen einer anderen Person zu erweitern. Somit konnte nach der Veröffentlichung des DSM-IV-TR im Jahre 2000 die Diagnose der Paraphilie leichter gestellt werden. Eine Anpassung der Kriterien des ICD-10 seitens der WHO blieb bis heute aus.

Laienbegriff und Fehldiagnose

Ähnlich wie bei den meisten psychischen Störungen gibt es auch bei den Paraphilien eine ausgeprĂ€gte Grauzone zwischen der von der Gesellschaft etablierten, empirischen Norm und der pathologischen AusprĂ€gung eines von dieser Norm abweichenden Zustandes. Dies findet sich beispielsweise auch in der Unterscheidung zwischen einer Angst (nicht pathologisch) vor einem spezifischen Reiz (z. B. eine Spinne) und einer Phobie (pathologischer Zustand). Daher betonen sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die American Psychiatric Association, dass sich eine Paraphilie ĂŒber das psychische Leid definiert und nicht ĂŒber die normabweichende sexuelle Vorliebe selbst:

„Eine Paraphilie muss unterschieden werden vom nicht pathologischen Einsatz sexueller Phantasien, Verhaltensweisen oder Objekten zur Stimulierung der sexuellen Erregung bei Personen ohne Paraphilie. Phantasien, Verhaltensweisen oder Objekte gelten nur dann als paraphil, wenn sie in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder BeeintrĂ€chtigungen fĂŒhren (z. B. wenn sie unverzichtbar sind, zu einer sexuellen Funktionsstörung fĂŒhren, die Einbeziehung einer nicht einwilligenden oder nicht einwilligunsfĂ€higen Person erfordern, zu juristischen Schwierigkeiten fĂŒhren, soziale Beziehungen gefĂ€hrden).“

– American Psychiatric Association: [2]

Der Laienbegriff einer Paraphilie unterscheidet sich hiervon deutlich: Wer Gefallen an Erniedrigung findet, andere gerne beim Sex beobachtet oder durch Exkremente oder bestimmte KleidungsstĂŒcke erregt wird, gilt umgangssprachlich bereits als Sadomasochist, Voyeurist, Koprophilist oder Fetischist, also als paraphil. Diese SexualprĂ€ferenzen sind jedoch in den meisten FĂ€llen deutlich subklinisch ausgeprĂ€gt und erst ab ErfĂŒllung des Kriteriums B als paraphil zu bezeichnen. Hier ist AufklĂ€rungsarbeit seitens der Fachwelt von großer Bedeutung.

Um diese Diskrepanz zwischen Fach- und LaienverstĂ€ndnis zu umgehen, bezeichnen sich im angloamerikanischen Sprachraum AnhĂ€nger ungewöhnlicher Vorlieben als special interest groups („spezielle Interessengruppen“) und verwenden eigene Bezeichnungen wie water sports, scat und sneaks 'n' sox statt den FachausdrĂŒcken Urophilie, Koprophilie und Schuh- und Sockenfetischismus.

Die oben beschriebene Grauzone hat jedoch nicht nur beim Laienbegriff ihre Konsequenzen, sondern fĂŒhrt auch hĂ€ufig bei nicht geschulten Ärzten und Psychologen zu Fehldiagnosen. Diese Fehldiagnosen sind in den meisten FĂ€llen Diagnosen nach ICD-10. Dies lĂ€sst sich aus zwei GrĂŒnden erklĂ€ren:

  • Wie oben erwĂ€hnt finden sich in vielen „Kurzausgaben“ des ICD-10 nur knappe bis gar keine diagnostischen Kriterien, weshalb eine ungewöhnliche sexuelle PrĂ€ferenz aus sich selbst heraus oft als Paraphilie diagnostiziert wird, obwohl sie gar nicht die diagnostischen Anforderungen erfĂŒllt.
  • Eine Diagnosestellung nach ICD-10 ist (im Gegensatz zum DSM) ein hierarchischer Prozess, bei dem Diagnosen (Ă€hnlich einem Entscheidungsbaum) in Klassen mit Subklassen und teilweise weiteren Subklassen unterteilt werden. Demnach mĂŒssen erst die diagnostischen Kriterien einer jeweils ĂŒberstellten Klasse erfĂŒllt werden, bevor eine Klasse „weitergegangen“ werden darf, worin sich nun jedoch die ĂŒbergeordneten Kriterien nicht ein weiteres Mal aufgelistet finden. Viele Kliniker werden im Rahmen ihrer Ausbildungen nach wie vor nicht in die korrekte Benutzung des ICD-10 eingewiesen, weshalb sie es wie ein Nachschlagewerk benutzen und somit Fehldiagnosen treffen.

So finden sich die Diagnostischen Kriterien fĂŒr einen Fetischismus beispielsweise nicht unter diesem Kapitel, sondern hier wird nur die Art der sexuellen PrĂ€ferenz beschrieben. Die klinischen Leitlinien sind ĂŒbergeordnet bei den Paraphilien (Störungen der SexualprĂ€ferenz) zu finden, weshalb ein Kliniker, der im ICD-10 allein „Fetischismus“ nachschlĂ€gt, hier ausschließlich eine Beschreibung der sexuellen PrĂ€ferenz finden wird, die natĂŒrlich auch ein nicht klinischer Patient erfĂŒllen kann. Es muss also bei der korrekten Diagnosestellung erst die Überkategorie F65.x diagnostiziert werden, bevor im Entscheidungsbaum des ICD-10 weiter zur Diagnose F65.0 (Sexueller Fetischismus) weitergegangen werden darf.

Die hohe Zahl an Fehldiagnosen sowie die aus dem Laienbegriff resultierende Stigmatisierung von Personen mit ungewöhnlicher Vorliebe fĂŒhrt zu Abschaffungsgesuchen der kompletten Kategorie F65 seitens einiger Fachleute und Aktivisten. Da die APA jedoch ausdrĂŒcklich den Unterschied zwischen nicht pathologischen sexuellen PrĂ€ferenzen und Paraphilien betont, sieht sie eine Abschaffung der Diagnose nicht vor. “There are no plans or processes set up that would lead to the removal of the Paraphilias from their consideration as legitimate mental disorders.“ (Regier (APA), 2003).

Ich-Syntonie vs. Ich-Dystonie bei Paraphilien

Im Gegensatz zu vielen psychischen Störungen sind die Paraphilien in der Regel Ich-synton. Dies fĂŒhrt in vielen FĂ€llen dazu, dass Paraphile nicht erkannt werden, da sie sich selbst meist nicht als krank empfinden. Demnach entsteht der Leidensdruck (wenn ĂŒberhaupt) erst spĂ€t im Krankheitsverlauf und ist meist sekundĂ€r, sprich der Patient leidet nicht unter seiner eigenen Symptomatik, wie bei Ich-dystonen Erkrankungen (z. B. Phobien), sondern er leidet unter MissstĂ€nden, die sich sekundĂ€r aus seiner Krankheit ergeben. Hierzu gehören hĂ€ufig juristische Folgen, soziale Isolation, finanzielle Schwierigkeiten, Verluste des Arbeitsplatzes, medizinische Krankheitsfaktoren etc., hervorgerufen durch das Auftreten der sexuellen Phantasien, BedĂŒrfnisse oder Verhaltensweisen.

Paraphilien und Persönlichkeit

Die Ursachen fĂŒr Paraphilien sind bis heute nicht geklĂ€rt, obwohl es (wie bei den meisten psychischen Störungen) viele, teilweise sehr divergierende ErklĂ€rungsansĂ€tze gibt. Eine ĂŒber Jahrzehnte empirischer Forschung validierte Verbindung findet sich zwischen SexualitĂ€t (im Allgemeinen) und Persönlichkeit. Nach den gĂ€ngigen Persönlichkeitstheorien resultieren menschliche Verhaltensweisen, Denkmuster, Einstellungen etc. zu einem großen Anteil aus der Persönlichkeitsstruktur eines jeden Individuums. Dies lĂ€sst sich empirisch ĂŒberprĂŒfbar auch auf sexuelles Verhalten ĂŒbertragen.
Aus dieser Überlegung heraus stellen einige Forscher ZusammenhĂ€nge zwischen gestörtem Sexualverhalten und Persönlichkeitsstörungen auf. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Paraphilie mit einer Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen ist, sondern vielmehr, dass das gestörte Verhalten, welches viele (nicht alle) Paraphile aufweisen, stark an die VerhĂ€ltnisse bei Persönlichkeitsstörungen erinnern.
Eine Persönlichkeitsstörung (F60.x) definiert sich aus einer deutlichen Normabweichung in den Einstellungen und dem Verhalten einer Person, wobei diese Normabweichung dauerhaft und gleich bleibend ist, eine ausgeprÀgte Tiefe und Breite (unabhÀngig von spezifischen Situationen) aufweist sowie in der Kindheit und Jugend beginnt, sich im Erwachsenenalter manifestiert und in den meisten FÀllen als Ich-synton erlebt wird.
Diese ZustĂ€nde finden sich ebenfalls in einer Gruppe von Paraphilen, deren normabweichendes sexuelles Verhalten extrem ausgeprĂ€gt ist, dauerhaft und dominant sowie im Erwachsenenalter (meist stĂ€rker werdend) manifest wird. Hierbei empfinden sich die betroffenen Paraphilen nicht als krank, sondern betrachten ihre sexuellen BedĂŒrfnisse als hĂ€ufig wichtiger als die anderer Menschen, sodass es hĂ€ufig zu GesetzesbrĂŒchen kommt (z. B. Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe auf Kinder, Diebstahl, LeichenschĂ€ndung, Nötigung, Hausfriedensbruch etc.). FĂŒr diesen Zustand wurde das Konzept der Paraphilen Persönlichkeit(sstörung) vorgeschlagen, das jedoch noch relativ unerforscht ist und sich bisher grĂ¶ĂŸtenteils auf qualitative Forschung und wenige empirische Ergebnisse stĂŒtzt.
Überschneidungen finden sich auch im Konzept der DissexualitĂ€t von Prof. Klaus Michael Beier des Instituts fĂŒr Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der CharitĂ© in Berlin.

„Zur – soweit wie möglich moralisch neutralen â€“ Kennzeichnung dieses zentralen Aspektes bietet sich der Begriff ‚DissexualitĂ€t‘ an als ein ‚sich im Sexuellen ausdrĂŒckendes Sozialversagen‘, welches verstanden wird als Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit verĂ€nderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen.“

– Beier, 1995

HĂ€ufige Paraphilie-Formen

Die meisten der bekanntesten Paraphilien werden in beiden diagnostischen HandbĂŒchern als eigene Klassen gefĂŒhrt, nur einige der im Folgenden aufgefĂŒhrten Formen sind in die Restkategorien eingeordnet. Da das DSM-IV keine eigenen DiagnoseschlĂŒssel vorsieht – die dort angegebenen sind lediglich die alten SchlĂŒssel des ICD-9 –, werden hier der Einfachheit halber nur die Kodierungen nach ICD-10 angegeben.

F65.0 Fetischismus

Fetischismus bezeichnet die sexuelle Fixierung auf unbelebte GegenstĂ€nde, die als Ersatzobjekt fĂŒr den gewöhnlichen Sexualakt mit Partner dienen. Typische sexuelle Fetische sind KleidungsstĂŒcke. AusdrĂŒcklich fĂŒr den sexuellen Gebrauch bestimmte Hilfsmittel wie Vibratoren sind von der Diagnose ausgenommen. Die Fixierung auf bestimmte Körperteile wird demgegenĂŒber als Partialismus, eine Erregung durch Leichenteile als Nekrophilie bezeichnet.

Fetischismus darf nach ICD-10 nur dann diagnostiziert werden, wenn er so ausgeprĂ€gt ist, dass er die wichtigste oder sogar einzige Quelle sexueller Erregung darstellt und den Geschlechtsverkehr fĂŒr den Betroffenen fast zwanghaft oder qualvoll werden lĂ€sst. Das Einbeziehen von Zusatzmaterial in den Geschlechtsverkehr, etwa bei Rollenspielen mit Verkleidung, gilt nicht als sexueller Fetischismus, wenn die Diagnosestellung von F65.x nicht erfĂŒllt ist. Ebenso wenig handelt es sich um Fetischismus, wenn bei der Selbstbefriedigung ein Gegenstand herangezogen wird, um die Erinnerung an den Besitzer wachzurufen, also beispielsweise ein getragener Slip des Partners.

F65.1 Fetischistischer Transvestismus / Transvestitischer Fetischismus (DSM)

Bei Transvestitischem Fetischismus (die DSM-Bezeichnung fĂŒhrt zu weniger Verwirrung) wird die sexuelle Erregung allein aus dem Anziehen der Kleidung des anderen Geschlechts gewonnen. Dies ist deutlich abgrenzbar von sowohl TranssexualitĂ€t als auch klassischen Transvestismus sowie den anderen Verhaltensweisen des Transgender-Spektrums, bei dem das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts nicht an eine sexuelle Stimulation gekoppelt ist. Im Gegensatz zu Transgendern berichten transvestitische Fetischisten hĂ€ufig davon, dass sie die Kleidung des anderen Geschlechts nach dem Orgasmus oder dem Abklingen der sexuellen Erregung ausziehen (ICD-10).

F65.2 Exhibitionismus

Exhibitionisten erreichen ihre sexuelle Erregung durch das Zeigen des Genitals (hĂ€ufig in Kombination mit Selbstbefriedigung), wobei es ihnen nicht auf das Hervorrufen eines sexuellen Kontaktes ankommt, sondern sie das Erschrecken oder die Angst ihrer Opfer meistens als erregend empfinden. Der Exhibitionist ist typischerweise kein Vergewaltiger. Vielmehr fĂŒhrt hĂ€ufig das (bewusste oder unbewusste) besonders stark ausgeprĂ€gte BedĂŒrfnis nach Selbsterniedrigung zu dieser sexuellen Praxis (Masturbieren vor Zeugen). Es kommt zu einem sich gegenseitig verstĂ€rkenden Ursachen-Wirkungs-Komplex, da fĂŒr die BestĂ€tigung der erfolgreichen Selbsterniedrigung Zeugen notwendig sind, die die Praxis des Exhibitionisten verurteilen. Die Verurteilung der exhibitionistischen Handlung durch die dazu notwendigerweise anwesenden Beobachter geschieht sehr wohl auch im Interesse des Exhibitionisten. Es ist der Wunsch des Exhibitionisten, von anderen fĂŒr sein Verhalten (in irgendeiner Weise) deutlich verurteilt zu werden.
In seltenen FÀllen lÀsst sich auch Exhibitionism by proxy beobachten, wobei der (meist mÀnnliche) Partner sexuelle Erregung empfindet, andere nackt darzustellen. Dies ist jedoch hÀufig nicht eigenstÀndig, sondern als Eigenschaft von sexuellem Sadismus zu finden.

F65.3 Voyeurismus

Voyeure empfinden sexuelle Erregung beim Beobachten Anderer bei sexuellen oder masturbatorischen Handlungen bzw. in unbekleidetem Zustand. Aufgrund ihrer Paraphilie machen sie sich hÀufig der sexuellen Nötigung oder des Hausfriedensbruches strafbar. Das Betrachten eigens zur sexuellen Stimulation hergestellten Materials (Pornographie) wird in der Regel nicht als Voyeurismus klassifiziert.

F65.4 PĂ€dophilie

Siehe ausfĂŒhrlicher im Hauptartikel zur PĂ€dophilie unter dem dortigen Abschnitt Grundlagen.

Bei der PĂ€dophilie richtet sich das sexuelle und emotionale Interesse ausschließlich oder ĂŒberwiegend auf Kinder im prĂ€- oder frĂŒh peripubertĂ€ren Alter. In Abgrenzung dazu wird die sexuelle Erregung durch postpubertĂ€r mĂ€nnliche Kinder und Jugendliche hĂ€ufig als Ephebophilie (Neigung erwachsener MĂ€nner zu pubertĂ€ren Jungen) oder Parthenophilie (Neigung erwachsener MĂ€nner zu pubertĂ€ren MĂ€dchen) bezeichnet.

Laut ICD 10 und DSM-IV-TR rechtfertigt eine einmalige sexuelle Handlung mit einem Kind nicht die Diagnosestellung einer PĂ€dophilie[3].

Die Frage der medizinisch-psychologischen Einordnung bzw. deren Voraussetzungen sollte allerdings nicht mit einer strafrechtlichen oder ethischen Bewertung verwechselt werden. Sexuelle Handlungen mit Personen unter einem gewissen Alter sind nach dem Recht praktisch aller Staaten Straftaten.

Siehe hierzu (insbesondere auch zu kriminologischen Aspekten wie den Folgen fĂŒr die Opfer) im Artikel Sexueller Missbrauch von Kindern.

F65.5 Sadomasochismus

Sadomasochismus ist nach Definition F65.5 eine Kontraktion der Termini Sexueller Sadismus und Sexueller Masochismus
und umfasst auch einvernehmliches Sexualverhalten, welches hĂ€ufig als BDSM abgegrenzt wird. Beide Begriffe gehen auf BĂŒcher zurĂŒck, in denen die jeweilige Spielart exzessiv beschrieben wurde:

Aus dieser Sicht beschreibt Sadomasochismus aktives ZufĂŒgen oder das lustvolle Dulden von Schmerzen, Fessel, Erniedrigung oder ZufĂŒgen anderer, ĂŒblicherweise als belastend empfundener seelischer Qualen, zur sexuellen Stimulation. Sadomasochismus kann also viele verschiedene Facetten annehmen, bei denen es nicht immer um die ZufĂŒgung körperliche Schmerzen geht. (vergleiche Lustschmerz).

Eine Sonderform des sexuellen Masochismus im weitesten Sinne ist die sogenannte Sexual Asphyxia, bei der sexuelle Erregung durch eine Reduktion der Blutzufuhr zum Gehirn (meist durch Selbst-Strangulation) bewirkt wird. Diese Form der Stimulation kann sowohl beim Sex wie auch bei der Selbstbefriedigung erfolgen.
Sexual Asphyxia ist jedoch nicht eindeutig den Paraphilien zuzuordnen, da nicht geklĂ€rt ist, ob es sich wirklich um eine Normabweichung handelt. Es gibt es Anzeichen dafĂŒr, dass eine Reduktion der Sauerstoffkonzentration im Blut tatsĂ€chlich sexuell erregend wirkt. Ein Indiz ist die Wirkung von Amylnitrit (Poppers). Die APA berichtet von etwa 2 TodesfĂ€llen pro Million Menschen im Jahr durch sexuelle Selbst-Strangulation.

Die Definition des F65.5 widerspricht der der Autoren des DSM-IV und fĂŒhrte international zu Protesten und der GrĂŒndung von Organisationen, die sich die Abschaffung dieser aus ihrer Sicht diskriminierenden Definition zum Ziel gesetzt haben.[4]

F65.6 Multiple Störungen der SexualprÀferenz

Paraphilien treten nicht immer isoliert auf, sondern können hÀufig in Kombination bei Patienten beobachtet werden. Die hÀufigsten Kombinationen bestehen aus Fetischismus, Transvestismus und Masochismus.

F65.8 Sonstige Störungen der SexualprÀferenz

Paraphilien in ihrer Gesamtheit sind sehr selten, weshalb nicht jede einzelne Paraphilie ihre eigene diagnostische Kodierung erhÀlt. Somit fehlt die Kategorie F65.7, und alle weiteren Formen von Paraphilie werden unter F65.8 subsumiert. Dazu zÀhlen:

Frotteurismus

Auch als Frottage bezeichnet bereitet es dem Patienten sexuelle Erregung, seinen Körper (meist in der Öffentlichkeit) an denen anderer, unbekannter Personen zu reiben. Frotteurismus ist jedoch klinisch zu vernachlĂ€ssigen, da es in seiner Reinform keine GefĂ€hrdung Dritter darstellt, besonders aufgrund der Tatsache, dass das Reiben hĂ€ufig von den „Opfern“ gar nicht wahrgenommen wird, da es meist in Menschenmengen stattfindet (z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder KaufhĂ€usern). DarĂŒber hinaus klingt Frotteurismus laut APA (1994) ĂŒblicherweise nach dem 25. Lebensjahr ab.

Zoophilie

FrĂŒher wurde der Begriff der Sodomie oft benutzt, um sowohl sexuelle Handlungen an Tieren als auch den Analverkehr zwischen MĂ€nnern zu bezeichnen und damit beides abzuwerten. Daher wird heute unmissverstĂ€ndlich von einer Zoophilie gesprochen, wenn Tiere Objekte sexueller Erregung oder Befriedigung sind.

Nekrophilie

Nekrophilie bezeichnet sexuelle Handlungen an menschlichen Leichen.

Obwohl die Nekrophilie eine eher seltene Form der Paraphilie ist, lassen sich jedoch unterschiedliche Richtungen nekrophiler Handlungen beobachten:

  • Die wohl gefĂ€hrlichste Form von Nekrophilie ist die Vorliebe fĂŒr frische Leichen. Dies ergibt sich daraus, dass es hierbei im wahrsten Sinne des Wortes zu BeschaffungskriminalitĂ€t kommt, sprich zu Morden an anderen, um an eine frische Leiche zu gelangen. Einer der berĂŒchtigtsten nekrophilen Mörder des 20. Jahrhunderts, Jeffrey Dahmer, beschrieb mehrfach eine massive sexuelle Erregung durch die WĂ€rme der Eingeweide seiner Opfer. HĂ€ufig befriedigen sich diese Nekrophilen bis zu einem gewissen Verwesungsgrad ihrer Opfer, bevor sie die Leichen entsorgen und erneut morden. Aufgrund des Falles von Armin Meiwes hat im FrĂŒhjahr 2005 der deutsche Bundesgerichtshof entschieden, dass das Töten eines Menschen mit dem Ziel, sich anschließend entweder an der Leiche oder an Bild- und Tonmaterial der Tötung zu erregen, auch das Mordmerkmal der Tötung zur Befriedigung des Geschlechtstriebes erfĂŒllt.
  • Eine andere Vorliebe von Nekrophilen sind teilweise verweste Leichen. Die Objekte der sexuellen Begierde werden daher Ă€hnlich wie bei der letzten Gruppe auf Friedhöfen exhumiert. Es zeigt sich, dass viele Nekrophile dieser Gruppierung hĂ€ufig explizit Berufe wĂ€hlen, in denen ihnen das Herankommen an Leichen erleichtert wird (z. B. Bestatter)
  • Die letzte Gruppierung erfĂ€hrt sexuelle Befriedigung durch Handlungen an bereits skelettierten Leichen, die meist auch auf Friedhöfen exhumiert werden.

HĂ€ufig befriedigen sich Nekrophile auch mit Leichenteilen, meist aufgrund der Tatsache, dass der Verwesungsprozess bereits zu weit fortgeschritten ist, um die ganze Leiche zu „verwenden“ oder zu transportieren.

Es gibt im Internet eine Vielzahl an Foren, in denen Nekrophile sich austauschen, Tipps und Tricks vergeben oder sich gegenseitig ihre Erlebnisse schildern. Nekrophilie findet darĂŒber hinaus in vielen Kunstformen ihren Platz, wie in Filmen oder Musik. Ein SĂ€nger, der das Thema Nekrophilie hĂ€ufig in Titeln wie Cold Ethyl oder I Love The Dead besingt, ist Alice Cooper.

Acrotomophilie und Apotemnophilie

Diese Formen sexueller PrĂ€ferenz sind vor allem durch das Buch A Leg To Stand On von Oliver Sacks bekannt geworden, obwohl dort keiner der beiden ZustĂ€nde ausdrĂŒcklich beschrieben wird.

Unter Acrotomophilie versteht man sexuelle Erregung durch Umgang mit amputierten Menschen, Apotemnophilie ist ein sexueller Lustgewinn durch Amputation. Beide Begriffe wurden 1977 vom amerikanischen Psychologen John Money im selben Artikel geprĂ€gt. Money beschrieb darin zwei FĂ€lle von Patienten, die sich jeweils gesunde Gliedmaßen amputieren lassen wollten, und erklĂ€rte dieses Verlangen mit sexuellen WĂŒnschen.

Diese Argumentation ist jedoch umstritten, da es in keinem der FĂ€lle (weder bei Money noch bei zahlreichen darauf folgenden) wirklich um einen sexuellen Lustgewinn durch die Amputation ging. Die Einordnung der Apotemnophilie unter den Paraphilien ist daher nach Meinung vieler Fachleute nicht haltbar. Heute wird hĂ€ufiger der Begriff „BIID“ verwendet (Body Integrity Identity Disorder).

Quellen

  1. ↑ H. Dilling et al. (Hrsg.): ICD-10. Kap. V (F) Forschungskriterien. Übersetzt von E. Schule-Markwort und W. Mombour. Erste Auflage. Huber , Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 1994
  2. ↑ a b American Psychiatric Association: Diagnostic and statistical manual of mental disorders. Vierte Auflage. Washington (DC) 2000
  3. ↑ Hans-Ludwig Kröber, Dieter Dölling, Norbert Leygraf, Henning Sass (Hrsg.): Handbuch der forensischen Psychiatrie : Band 2: Psychopathologische Grundlagen und Praxis der forensischen Psychiatrie im Strafrecht, Springer 2011, ISBN 978-3-7985-1447-8, S. 483 nach Auszug bei google-books.
  4. ↑ vgl. Die Kritik des AK Psychologie und Sexualwissenschaft der Bundesvereinigung Sadomasochismus e.V., online unter Inhaltliche Arbeit an der „ ICD-10-GM“.

Literatur

  • Volkmar Sigusch: NeosexualitĂ€ten. Über den Wandel von Liebe und Perversion. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2005, ISBN 3-593-37724-1.
  • Volkmar Sigusch: Vom Nutzen des Perversen. SĂŒddeutsche Zeitung vom 8. April 2008
  • Brigitte Vetter: Pervers, oder? SexualprĂ€ferenzstörungen. 100 Fragen, 100 Antworten. Ursachen – Symptomatik – Behandlung. Hans Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84672-9.

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