Polnisch-Sowjetischer Krieg

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Polnisch-Sowjetischer Krieg
Polnisch-Sowjetischer Krieg
Polnischer Sch√ľtzengraben in der Schlacht an der Memel, September 1920
Polnischer Sch√ľtzengraben in der Schlacht an der Memel, September 1920
Datum 1919‚Äď1921
Ort Zentral- und Osteuropa
Casus Belli Unabh√§ngigkeit Polens, der Ukraine und Lettlands
Ausgang Sieg Polens
Friedensschluss Frieden von Riga 1921
Konfliktparteien
Flag RSFSR 1918.svg Sowjetrussland
Flag of Ukrainian SSR.svg USSR
Flag of Poland.svg Polnische Republik
Flag of Ukrainian People's Republic 1917.svg Ukrainische Volksrepublik
Flag of Latvia.svg Lettland
Befehlshaber
Flag RSFSR 1918.svg Lenin (Staatsoberhaupt)
Flag RSFSR 1918.svg Leo Trotzki (Volkskommissar f√ľr das Kriegswesen)
Flag RSFSR 1918.svg Michail Tuchatschewski (Westfront)
Flag RSFSR 1918.svg Josef Stalin (Lemberger-Front)
Flag RSFSR 1918.svg Alexander Jegorow (S√ľd-Westfront)
Flag RSFSR 1918.svg Semjon Budjonny (1. Kavallerie-Armee)
Flag of Poland.svg J√≥zef PiŇāsudski (Staatsoberhaupt)
Flag of Poland.svg Tadeusz Jordan-Rozwadowski
Flag of Poland.svg Flag of Latvia.svg Edward Rydz-ŇömigŇāy
Flag of Poland.svg WŇāadysŇāaw Sikorski
Flag of Ukrainian People's Republic 1917.svg Symon Petljura

Im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919‚Äď1921 (russisch –°–ĺ–≤–Ķ—ā—Ā–ļ–ĺ-–Ņ–ĺ–Ľ—Ć—Ā–ļ–į—Ź –≤–ĺ–Ļ–Ĺ–į, Sowetsko-polskaja woina; polnisch Wojna polsko-bolszewicka) standen sich der wiederentstandene polnische Staat sowie das postrevolution√§re Sowjetrussland gegen√ľber.

Inhaltsverzeichnis

Ursache

Russland, durch die Oktoberrevolution vorzeitig aus dem Ersten Weltkrieg ausgeschieden, nahm an den Pariser Verhandlungen √ľber die Nachkriegsregelungen nicht teil. Somit war eine Grenzregelung zwischen der neu gegr√ľndeten Republik Polen und dem nunmehr kommunistischen russischen Staat nicht getroffen worden.

Das noch im B√ľrgerkrieg befindliche Russland der Bolschewiki war bestrebt, seine Einflusssph√§re in den Westen zu verschieben bzw. eine proletarische Revolution in Deutschland auszul√∂sen.

Polen wiederum versuchte seine neu gewonnene Unabh√§ngigkeit zu erhalten bzw. die eigene Machtposition an seiner Ostflanke zu st√§rken. √úber die angestrebte Grenze zu Sowjetrussland gab es in der polnischen Politik keine Einigkeit. Marschall PiŇāsudski, der die polnischen Streitkr√§fte kommandierte, strebte eine m√∂glichst weit nach Osten reichende Einflusssph√§re in Form einer osteurop√§ischen Konf√∂deration unter polnischer F√ľhrung an. Als Bezug diente dabei der Verlauf der Ostgrenze Polen-Litauens am Vorabend der Polnischen Teilungen (1772).

Eine vollst√§ndige Unabh√§ngigkeit der Ukraine und Wei√ürusslands, die von diesen teilweise angestrebt wurde, war sowohl gem√§√ü polnischen als auch russischen Kriegszielen ausgeschlossen. In der Ukraine wurde Polen dennoch von nationalen Kr√§ften unterst√ľtzt, die zuvor von den Bolschewiki abgesetzt worden waren.

Unklar und umstritten ist der genaue Zeitpunkt des Beginns sowie der Auslöser des Krieges. Manche Autoren bezeichnen die Offensive polnischer Streitkräfte gegen Kiew 1920 als Beginn des Krieges. Andere siedeln den Kriegsausbruch schon im Jahre 1919 an. Da dem Krieg ein schwelender Grenzkonflikt voranging, haben beide Ansichten ihre Berechtigung. Umstritten ist außerdem, ob man das Ende des Krieges auf den Waffenstillstand am 18. Oktober 1920 oder erst auf den Friedensschluss von Riga am 18. März 1921 datieren soll.

Durch die polnisch-ukrainische Allianz von 1920 nach dem polnisch-ukrainischen Krieg wurde das Gewicht der Beteiligten während des Kriegsverlaufs verschoben.

Benennungen und Definitionen

Der Krieg selbst hat mehrere Bezeichnungen, von denen ‚Äěpolnisch-sowjetischer Krieg‚Äú die gebr√§uchlichste ist. Dabei bezieht sich das Attribut ‚Äěsowjetisch‚Äú nicht auf die erst im Dezember 1922 gegr√ľndete Sowjetunion, sondern auf die bereits seit 1917 bestehende Russische Sozialistische F√∂derative Sowjetrepublik. Daneben wird auch vom ‚Äěpolnisch-russischen‚Äú oder ‚Äěrussisch-polnischen Krieg‚Äú gesprochen. Dies ist jedoch nicht eindeutig, da es zahlreiche Kriege und kleinere bewaffnete Konflikte zwischen Polen und Russland gab. In polnischen Quellen wird meist vom ‚ÄěPolnisch-bolschewistischen Krieg‚Äú (wojna polsko-bolszewicka) oder vom ‚ÄěBolschewistischen Krieg‚Äú (wojna bolszewicka) gesprochen. Au√üerdem existiert die Bezeichnung ‚ÄěKrieg von 1920‚Äú (polnisch Wojna 1920 roku). Das offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion sah den Krieg als Teil der ausl√§ndischen Interventionen w√§hrend des Russischen B√ľrgerkriegs zwischen den b√ľrgerlichen ‚ÄěWei√üen‚Äú und den bolschewistischen ‚ÄěRoten‚Äú, der seit der Revolution im Gange war. Der Versuch des nicht-kommunistischen Polens, die Unabh√§ngigkeit von (Sowjet-) Russland zu erreichen bzw. zu erhalten, wurde als Parteinahme f√ľr die ‚Äěwei√üe‚Äú Seite und als Versuch, die Ausbreitung der proletarischen Revolution nach Westen zu blockieren, verstanden. Dabei kam zum Tragen, dass die polnische Minderheit in den Grenzgebieten meist dem wohlhabenden Landadel oder dem B√ľrgertum angeh√∂rten. Daher wird der Krieg in sowjetischen Quellen auch als ‚ÄěKrieg gegen Wei√ü-Polen‚Äú bezeichnet. In der Volksrepublik Polen folgte die offizielle Geschichtsschreibung ebenfalls dieser Linie. Der Krieg wurde weitgehend aus dem offiziellen Geschichtsbild ausgeklammert und, soweit √ľberhaupt, als bewaffnete Aktion b√ľrgerlicher Kreise dargestellt, die nicht im Interesse und mit R√ľckendeckung der polnischen Nation gehandelt h√§tten.

Vorgeschichte und Kriegsziele

Polen in den Grenzen von 1771 und die Beendigung der I. Republik durch die drei Teilungen 1772, 1793 und 1795

Der Erste Weltkrieg hatte die politische Landkarte des √∂stlichen Mitteleuropas und Osteuropas grundlegend ver√§ndert. Der Zerfall des russischen Reiches im Zuge der Niederlage in der Oktoberrevolution und der Untergang √Ėsterreich-Ungarns lie√üen Raum f√ľr neue Nationalstaaten. Neben Finnland, Estland, Lettland, Litauen und der Tschechoslowakei machte auch Polen erfolgreich den Schritt zur Eigenstaatlichkeit. Nach den Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 war ein polnischer Staat zun√§chst nicht mehr existent. Allerdings lebten in den Gebieten, die bis 1772 zu Polen geh√∂rt haben, neben Polen ohnehin eine Reihe von anderen Volksgruppen (Wei√ürussen, Ukrainer, Kaschuben, Deutsche etc.) Die Polen hatten sich stets eine kulturelle Eigenst√§ndigkeit bewahrt, das Problem der Grenzen Polens trat aber mit den neuen oder wiederauflebenden Nationalstaaten unmittelbar zutage. Dies hatte sich schon w√§hrend des Weltkrieges manifestiert. Das Deutsche Reich hatte versucht, durch die Einrichtung eines pro forma unabh√§ngigen K√∂nigreichs Polen diese Tendenzen f√ľr sich zu nutzen. Nach dem Waffenstillstand an der Westfront erkl√§rte sich Polen am 7. November 1918 unabh√§ngig. Unter anderem auf Druck der Ententem√§chte wurde der Status Polens in den Pariser Vorortvertr√§gen als unabh√§ngiger Nationalstaat von der Weimarer Republik 1919 und von √Ėsterreich 1918 anerkannt. Die westlichen Verb√ľndeten legten mit der Curzon-Linie einen provisorischen Grenzverlauf fest, der es zwar vermied, eine Reihe von nichtpolnischen Volksgruppen unter polnische Herrschaft zu stellen, seinerseits aber wiederum viele Polen von ihrem Nationalstaat ausschloss. Polen selbst befand sich, bedingt durch die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, in einer √∂konomischen Krise. Hilfe erhielt es von einer amerikanischen Hilfsmission unter Herbert Hoover. Die Wiedererrichtung des polnischen Staates war bis zum Kriegsende nicht abgeschlossen. Zwar gab es z. B. schon eine neue stabile W√§hrung, aber die neue Verwaltung hatte sich noch nicht √ľberall durchgesetzt. Das Milit√§r sollte sich in den kommenden Jahren als das leistungsf√§higste Instrument der Politik des polnischen Staates erweisen.

Die Bolschewiki betrachteten Polen als einen von der Entente gesteuerten Staat und sahen in ihm die Br√ľcke nach Europa, auf der die Revolution nach Westen getragen werden sollte. Insgesamt √ľberwog in Russland die Auffassung, dass die unabh√§ngig gewordenen Staaten Mittel- und Osteuropas rebellierende russische Provinzen seien, so dass auch die Gegner der Bolschewiki im B√ľrgerkrieg, die Wei√ügardisten, Polen und den √ľbrigen Staaten dieser Region die Souver√§nit√§t absprachen, und nach einer Wiederherstellung Russlands in den Grenzen des Zarenreichs strebten. Russland befand sich zu dieser Zeit im B√ľrgerkrieg. Die Wei√üen Armeen versuchten die Bolschewiki von ihrer Machtposition zu verdr√§ngen und den russisch dominierten Vielv√∂lkerstaat wiederherzustellen. Das Land selbst wurde von wirtschaftlichem Verfall und Versorgungsproblemen heimgesucht. Die Verluste unter der Bev√∂lkerung durch K√§mpfe und Krankheiten werden auf bis zu acht Millionen beziffert.

Marschall J√≥zef PiŇāsudski kn√ľpfte mit seiner Politik an die Tradition von Polen-Litauen (I. Rzeczpospolita) an, mit Polen als F√ľhrungsmacht.

Das Hauptmotiv der polnischen F√ľhrung, allen voran des Staatsoberhauptes J√≥zef PiŇāsudski, war die Erlangung einer m√∂glichst starken Position gegen√ľber jenen Staaten, die mehr als hundert Jahre zuvor an den polnischen Teilungen beteiligt waren ‚Äď also Russland, Preu√üen und √Ėsterreich-Ungarn. Dies f√ľhrte nicht nur zu Auseinandersetzungen mit Russland, sondern beispielsweise auch in den Abstimmungsgebieten Schlesiens, wo sich deutsche Freikorps und polnische Nationalisten zeitweise (bis 1921) gegen√ľberstanden. Den gr√∂√üten Spielraum sah die polnische F√ľhrung im Osten. Einem m√∂glichen Wiedererstarken Russlands, diesmal unter kommunistischer F√ľhrung, setzte PiŇāsudski die Idee einer von Polen dominierten osteurop√§ischen Konf√∂deration entgegen. Als historisches Vorbild f√ľr das polnisch gef√ľhrte ‚ÄěZwischenmeerland‚Äú (poln. Mińôdzymorze) diente hierf√ľr die polnisch-litauische Realunion, die bis 1791 bestanden hatte. Der Staatenbund sollte Polen, die Ukraine, Wei√ürussland und Litauen umfassen. Der polnische Milit√§rhistoriker Edmund Charaszkiewicz nannte diese Politik 1940, mit Bezug auf eine aus dem Russland des neunzehnten Jahrhunderts stammende Bewegung, Prometheismus. [1] Dieser Politik stellten sich zwar einflussreiche polnische Politiker wie Roman Dmowski entgegen, da sie einen vergr√∂√üerten polnischen Nationalstaat anstrebten, PiŇāsudski konnte sich allerdings durchsetzen.

Die politischen Gedanken auf sowjetischer Seite waren ma√ügeblich vom Marxismus gepr√§gt. Gem√§√ü dieser Theorie w√ľrde die Revolution zuerst in den Industriestaaten Europas ausbrechen. Sie war allerdings in Russland als erste aufgetreten. Lenin folgerte daraus, dass die Weltrevolution von Russland aus auf Europa √ľbergreifen w√ľrde. Lenin selbst glaubte, dass Russland als einziger kommunistischer Staat nicht bestehen k√∂nne, somit sah er den Export der Revolution nicht nur als Option, sondern auch als Notwendigkeit seiner Politik an. Die bestehende Instabilit√§t in Deutschland f√∂rderte diese Ansicht. Die junge deutsche Republik hatte bis 1920 drei Putschversuche von rechts, vier Generalstreiks und f√ľnf Regierungschefs erlebt. Des Weiteren wurde das Reich durch separatistische Bestrebungen, gef√∂rdert durch die harten Bedingungen des Versailler Vertrages, weiter unter Druck gesetzt. B√ľrgerkriegs√§hnliche Auseinandersetzungen im Jahre 1919, die durch den Einsatz von Freikorps niedergeschlagen wurden, best√§rkten die Bolschewiki in ihrem Glauben an einen bevorstehenden revolution√§ren Umbruch auch in anderen Teilen Europas. Zwar waren Versuche, 1918 den deutschen Kommunisten Hilfe zu schicken, fehlgeschlagen, doch erhofften sich einige Kommunisten von einem Vormarsch der Roten Armee eine St√§rkung ihrer Position innerhalb Deutschlands. Durch die Erfahrungen des B√ľrgerkrieges lernte die kommunistische Partei ihre politischen Ziele durch milit√§rische Methoden durchzusetzen. Dies sollte ein Leitmotiv des russischen Handelns in der Eskalation zum Krieg mit Polen werden.

Generell sah sich die kommunistische F√ľhrung isoliert und im B√ľrgerkrieg, zuerst durch eine Intervention der Mittelm√§chte, dann durch das Eingreifen der Entente, von Feinden umgeben. Ihr milit√§risches Vorgehen gegen die Unabh√§ngigkeitsbestrebungen in den baltischen Staaten und der Ukraine hatte sie ebenso mit allen westlichen Nachbarstaaten in gewaltt√§tige Grenzkonflikte gebracht. Als der Krieg zwischen Russland und Polen schlie√ülich ausgebrochen war, wurde er von der russischen F√ľhrung auch als ideologische Auseinandersetzung pr√§sentiert: ‚ÄěIm Westen wird das Schicksal der Weltrevolution entschieden. √úber der Leiche Wei√üpolens verl√§uft die Stra√üe zum Weltenbrand. Auf Bajonetten werden wir der arbeitenden Menschheit Frieden und Gl√ľck bringen.‚Äú[2] Diese Parole gab der Revolution√§re Milit√§rrat Sowjetrusslands im Juli 1920 in einer Proklamation an Soldaten der Roten Armee aus.

Verlauf 1918

Nach Beginn in 1918 erzielten die Polen große Erfolge und besetzten weite Landstriche der Ukraine einschließlich Kiews.

Erster Weltkrieg und Instabilität in Mittel- und Osteuropa

Als die deutschen Soldaten unter der F√ľhrung von Max Hoffmann 1918 begannen, sich aus Mittel- und Osteuropa nach Westen zur√ľckzuziehen, befahl Lenin der West-Armee der Roten Armee, nach Westen vorzudringen. Das Hauptanliegen dieser Operation war, durch Mittel- und Osteuropa zu ziehen, in den unabh√§ngig gewordenen Staaten sowjetische Regierungen zu installieren und die kommunistischen Revolutionen in Deutschland und √Ėsterreich-Ungarn zu unterst√ľtzen.

Polen kämpfte gegen die Tschechoslowakei um Teschen, gegen Deutschland um Posen (siehe Großpolnischer Aufstand) und gegen die Ukraine um Galizien (siehe Polnisch-Ukrainischer Krieg).

Seit Ende der Besetzung mit Kriegsende 1918 entwickelten sich Grenzkonflikte zwischen vielen unabh√§ngig gewordenen Staaten Mittel- und Osteuropas: Rum√§nien k√§mpfte gegen Ungarn um Siebenb√ľrgen, Jugoslawien k√§mpfte gegen Italien um Rijeka, Die Ukrainer, Wei√ürussen, Litauer, Esten und Letten bek√§mpften sich gegenseitig und/oder die Russen. Winston Churchill kommentierte bissig: ‚ÄěDer Krieg der Giganten ist zu Ende, der Hader der Pygm√§en hat begonnen.‚Äú[3]

Verlauf 1919

Frontverlauf Februar 1919 und Oktober 1919
Zeitgenössische Karte von 1920

Eskalation

Vom M√§rz 1919 an berichteten polnische Nachrichtendienstquellen √ľber sowjetische Pl√§ne zu einer Offensive. Das polnische Oberkommando zog daher eine Pr√§ventivoffensive in Betracht. Der Plan f√ľr die Operation Kiew war die Zerschlagung der Roten Armee an Polens rechter Flanke. Das politische Ziel der Offensive war die Einsetzung einer pro-polnischen Regierung unter Petljura in Kiew.

Im Februar 1919 kam es zu dem ersten Zusammentreffen polnischer Truppen und Vorauseinheiten der Roten Armee. Im weißrussischen Bjarosa entwickelte sich ein Feuergefecht zwischen beiden Parteien. Der Zusammenstoß stellte allerdings beiderseits eine ungeplante Aktion in Kompaniestärke dar. Beide Seiten waren zuvor gegen die ukrainischen Nationalisten unter Symon Petljura vorgegangen.

Die Rote Armee startete im M√§rz eine erfolgreiche Offensive auf Wilna und Grodno, formell zu Litauen geh√∂rig, aber ethnisch damals mehrheitlich polnisch. Gleichzeitig griffen die Polen entlang der Memel an und nahmen die Kleinst√§dte Pinsk und Lida in Wei√ürussland ein. Die polnischen Soldaten hatten im Weltkrieg oft auf beiden Seiten gedient. Ebenso wurden sie durch eine Mission von franz√∂sischen Offizieren in der Ausbildung ihrer Truppen unterst√ľtzt. W√§hrend sich die sowjetische Propaganda √ľber den ‚Äěbourgeoisen‚Äú Charakter der polnischen Streitkr√§fte lustig machte, √§u√üerten sich die Spitzen des Milit√§rs im kleinen Kreis ganz anders. ‚ÄěGegen uns operiert zum ersten Mal eine regul√§re Armee, die von guten Technikern gef√ľhrt wird‚Äú, [4] warnte Trotzki das Zentralkomitee der Partei. Durch diese √úberlegenheit konnte die polnische Armee auch das zahlenm√§√üige Missverh√§ltnis ausgleichen. Sie hatte 1919 230.000 Soldaten an ihrer Ostgrenze, w√§hrend die Rote Armee insgesamt 2.300.000 Soldaten umfasste.

Ein polnischer Vorsto√ü vertrieb die Bolschewiki am 19. April aus Wilna. Politisch bedeutete dies f√ľr die Polen enormen Gewinn, da dadurch auch die Hauptstadt der von Sowjetrussland installierten wei√ürussisch-litauischen Republik in polnische Hand fiel. Der Vorsto√ü nach Osten ging weiter. Am 28. August setzten die Polen erstmals Panzer ein, um Babrujsk zu erobern. Damit waren sie bereits tief nach Wei√ürussland vorgedrungen. Im Oktober hielten die polnischen Truppen eine Front von D√ľnaburg im s√ľdlichen Lettland bis zur Desna in der n√∂rdlichen Ukraine.

Die Sowjetf√ľhrung befand sich w√§hrend des Jahres 1919 in einer bedr√§ngten Lage und konnte auf den Vormarsch der Polen nicht entsprechend reagieren. Der kommunistische Staat war durch die Offensiven dreier Wei√üer Armeen unter Denikin in S√ľdrussland, Koltschak in Sibirien und Judenitsch im Baltikum bedroht. Lenin gelang es, die polnische Regierung durch das Versprechen gro√üer territorialer Zugest√§ndnisse, die fast ganz Wei√ürussland in polnische Hand gebracht h√§tten, zu beschwichtigen. PiŇāsudski selbst hatte weitere Gr√ľnde, um seine Offensive nicht weiter fortzuf√ľhren: Die Wei√üe Bewegung vertrat das Ziel eines geeinten, ungeteilten Russlands, was auch die neuen Nationalstaaten Mittel- und Osteuropas mit einschloss. Der polnische Staatschef wartete deshalb mit der Absicht ab, dass sich beide B√ľrgerkriegsparteien gegenseitig weiter schw√§chten.

Verlauf 1920

In der Schlacht von Warschau (‚ÄěWunder an der Weichsel‚Äú) schlugen die Polen die sowjetische Armee und dr√§ngten sie in der Folge bis in die Ukraine zur√ľck.

Bis zum Jahresbeginn 1920 hatten die sowjetischen Truppen im B√ľrgerkrieg den Hauptteil der Wei√üen Armeen zerschlagen.

Polnische Breguet 14 auf dem Flugfeld von Kiew

Nur noch eine rund 20.000 Mann starke Streitmacht unter Wrangel hatte sich auf die Halbinsel Krim, fernab des russischen Kernlands, zur√ľckgezogen. Ebenso gelang es der F√ľhrung in Moskau, sich durch Friedensvertr√§ge mit Estland und Litauen milit√§risch zu entlasten. Im Januar 1920 folgte eine Umgruppierung der Roten Armee. Vorgesehen war eine 700.000 Mann starke Armee entlang der Beresina zu versammeln, um eine Offensive gegen die polnischen Truppen Ende April einzuleiten. Die Rote Armee hatte damals bereits eine St√§rke von nominell f√ľnf Millionen Mann. Doch diese √úbermacht t√§uschte. Die Truppen waren schlecht ausgebildet und teilweise unzureichend bewaffnet. Schon im B√ľrgerkrieg hatte sich gezeigt, dass Einheiten der Roten Armee oft gegen zahlenm√§√üig stark unterlegene Wei√üe Truppen chancenlos waren. Zwar hatte die Rote Armee einige Waffendepots der deutschen Armee und einige franz√∂sische Panzer von den Wei√üen erbeutet, doch auf die Gesamtbewaffnung der Streitkr√§fte wirkte sich das kaum aus. In einem Punkt waren die Russen allerdings durch den B√ľrgerkrieg im Vorteil: Sie hatten bereits 1919 im Kampf gegen die Kosaken erkannt, dass im Kampf zwischen gering technisierten Armeen in den Weiten Russlands die Kavallerie ein entscheidender Faktor war.

Vorbereitung in Polen

Polnische Jagdflugzeuge der KoŇõciuszko-Staffel

Die polnische Armee ging milit√§rtechnisch einen anderen Weg. Die meisten Offiziere hatten aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges den Schluss gezogen, dass die Kavallerie den materiellen Aufwand, den ihr Unterhalt erforderte, nicht rechtfertigte. Trotzdem ging der Aufbau der Armee schnell voran. Zu Beginn des Jahres 1920 z√§hlte sie bereits rund 500.000 Soldaten. Die meisten hatten im Weltkrieg gedient. Es gab aber auch unerfahrene Freiwillige, darunter 20.000 Polen aus den USA, die sich der Truppe angeschlossen hatten. Ein Problem war, dass die Bewaffnung der Truppe aus verschiedenen L√§ndern stammte. Somit musste die Logistik der Truppen verschiedene Munitionsarten und Ersatzteilstandards bei der Versorgung ber√ľcksichtigen. Insgesamt waren die polnischen Truppen materiell besser ausger√ľstet als die Rote Armee. Die deutsche Regierung verh√§ngte f√ľr Waffenlieferungen am 20. Juli 1920 ein Embargo und erkl√§rte Deutschland bei der kriegerischen Auseinandersetzung f√ľr neutral.[5]

Polnische Offensive

Weitestes Vordringen polnischer Truppen 1920

Die erste nennenswerte Offensivoperation des Jahres war die Eroberung von D√ľnaburg am 21. Januar 1920. Die 1. und 3. Division der polnischen Division unter Rydz-ŇömigŇāy eroberten die Stadt in heftigen zweiw√∂chigen K√§mpfen gegen die Rote Armee. Die Stadt selbst war strategisch von untergeordneter Bedeutung. Allerdings hatte die lettische Regierung die Hilfe der polnischen Streitkr√§fte angefordert, um die mehrheitlich lettische Stadt an ihren neuen Nationalstaat anzugliedern. Nach der Eroberung durch polnische Truppen wurde die Stadt auch an den verb√ľndeten Staat √ľbergeben. Somit stellte die Operation einen Gewinn politischen Prestiges f√ľr Polen dar. Im M√§rz 1920 unternahmen die polnischen Armeen zwei simultane, erfolgreiche Vorst√∂√üe in Wei√ürussland und der Ukraine. Damit wurde die F√§higkeit der Roten Armee, ihre geplante Offensive durchzuf√ľhren, erheblich gemindert.

Am 24. April begannen die polnischen Streitkr√§fte schlie√ülich ihre Hauptoffensive mit dem Ziel Kiew. Unterst√ľtzt wurden sie dabei von den Truppen der ukrainischen Nationalisten unter Petljura. Die polnische 3. Armee unter Rydz-ŇömigŇāy f√ľhrte von Westen den Hauptsto√ü auf die ukrainische Hauptstadt. An ihrer s√ľdlichen Flanke drang die 6. Armee unter WacŇāaw Iwaszkiewicz in der Ukraine vor. N√∂rdlich von der Hauptsto√ürichtung f√ľhrte die 2. Armee unter Listowski eine weitere Offensive durch.

Zwar wurde Kiew am 7. Mai erobert, doch die eigentlichen milit√§rischen Ziele des Unternehmens wurden verfehlt. Die Rote 12. und die Rote 14. Armee zogen sich nach einigen Scharm√ľtzeln an der Grenze schnell zur√ľck. Den polnischen Streitkr√§ften war es also nicht gelungen, die Truppen ihres Gegners einzuschlie√üen und ernsthaft zu dezimieren. Dies w√§re wohl nebens√§chlich gewesen, wenn das politische Ziel der Offensive erf√ľllt worden w√§re. PiŇāsudski erhoffte sich starke Unterst√ľtzung von den ukrainischen Nationalisten, denn er wusste, dass die polnische Armee allein das gro√üe Land weder besetzen noch wirksam gegen die Rote Armee verteidigen konnte. Eine politische Kampagne in der Ukraine sollte durch Appelle an den ukrainischen Patriotismus um Unterst√ľtzung f√ľr die Streitkr√§fte Petljuras werben. Die Ukraine war schon seit 1917 Kriegsschauplatz, die Bev√∂lkerung war der K√§mpfe m√ľde, und Petljura war schon einmal im Kampf gegen die Rote Armee gescheitert. Infolgedessen blieb die Resonanz auf die Rekrutierungsbem√ľhungen gering. Die ukrainischen Nationalisten konnten nur zwei Divisionen ins Feld stellen und waren somit keine nennenswerte Hilfe.

PiŇāsudskis Vorsto√ü auf Kiew war somit in jeder Hinsicht ein Pyrrhussieg. Milit√§risch gesehen standen die polnischen Truppen in einer sehr exponierten Position fern ihrer Nachschubbasen in Zentralpolen. Die roten Truppen waren durch ihren fr√ľhen R√ľckzug intakt geblieben und konnten sich zu einer Gegenoffensive neu formieren. Politisch gesehen war die Operation ein voller Misserfolg. Nicht nur fehlte die Unterst√ľtzung der Ukrainer, sondern auf internationalem Parkett konnte die Sowjetunion Polen als Aggressor darstellen. Dies f√ľhrte dazu, dass die Entente, allen voran Frankreich, weniger Bereitschaft zeigte, Polen materiell zu unterst√ľtzen.

Am 30. Mai 1920 ver√∂ffentlichte der ehemalige General Alexei Brussilow, ein bekannter Veteran des ersten Weltkriewgs, in der Prawda die Aufforderung ‚ÄúAn alle fr√ľheren Offiziere, wo immer sie auch sind‚ÄĚ, in der er sie ermutigte, alte Kr√§nkungen zu vergessen und sich der roten Armee anzuschlie√üen[6]. Brussilow betrachtete es als die patriotische Pflicht eines russischen Offiziers, der bolschewistischischen Regierung Hilfe zu leisten, die seiner Meinung nach Russland verteidigte. Auch Lenin entdeckte den Nutzen des russischen Patriotismus. So wandte sich ein Aufruf des Zentralkomitees an die ‚Äěverehrten B√ľrger Russlands‚Äú, die sowjetische Republik gegen polnische Anma√üung zu verteidigen[7].

Sowjetische Gegenoffensive

Frontverlauf im August 1920

Die Rote Armee hatte ihre Truppen bereits zu Beginn des Jahres f√ľr eine Offensive in den ukrainischen Grenzgebieten gruppiert. Um Kiew stand die S√ľdwestliche Armeegruppe unter Jegorow. Seine Front umfasste die 12. und 14. Rote Armee. Zus√§tzlich war ihr das 1. Kavalleriekorps der 1. Roten Reiterarmee unter Budjonny als Offensivkapazit√§t zugewiesen worden. In Wei√ürussland hatten die Bolschewiki die Westliche Armeegruppe aufgestellt. Sie stand unter dem Befehl von Tuchatschewski. Sie umfasste die 3., 4., 15. und 16. Armee. Ebenso verf√ľgte sie mit dem 3. Kavalleriekorps √ľber eine berittene Offensivformation.

Bei der Gegenoffensive zeigte sich, dass die Entscheidung Jegorows, sich zur√ľckzuziehen und die polnischen Armeen sozusagen ins Leere laufen zu lassen, richtig war. Am 15. Mai startete er seine Gegenoffensive. Er lie√ü seine 12. Armee n√∂rdlich, seine 15. Armee s√ľdlich von Kiew vorgehen. Unterst√ľtzt wurde sein Angriff vom 1. Kavalleriekorps s√ľdlich von Kiew. Die Polen hatten nicht die Kr√§fte, beide Seiten gleichzeitig ausreichend zu verteidigen. Ebenso fehlte ihnen die Kavallerie, die sie beim Aufbau ihrer Armee nicht ber√ľcksichtigt hatten. Am 12. Juni wechselte Kiew wieder den Besitzer. Die polnischen Truppen schafften es allerdings, sich trotz der sowjetischen Zangenbewegung zur√ľckzuziehen und entkamen ihrerseits der Vernichtung.

Die Westliche Armeegruppe der Roten Armee blieb w√§hrenddessen nicht unt√§tig. Sie begann ihren Vorsto√ü am 14. Mai. Dieser Angriff scheiterte jedoch. Eine Wiederaufnahme der Angriffe nach Verst√§rkungen am 4. Juli brachte dann den gew√ľnschten Erfolg. Am 11. Juli eroberten Tuchatschewskis Soldaten Minsk. Die polnischen Truppen zogen sich vor den vorr√ľckenden Truppen der Roten Armee zur√ľck, doch ihre Defensivstrategie erwies sich als Nachteil. Analog der Westfront im Ersten Weltkrieg, versuchten die Polen eine durchgehende Verteidigungslinie durch eingegrabene Infanterie zu schaffen. Die Front gegen Tuchatschewski war jedoch 300 km breit. Die Polen hatten 120.000 Soldaten und 460 Gesch√ľtze zur Verf√ľgung. Ein koordiniertes Stellungssystem h√§tte mehr Soldaten, mehr Artillerie und vor allem strategischer Reserven bedurft, die man an kritischen Punkten einsetzen konnte. Somit konnten die Roten die St√§rke ihrer Kavallerie ausspielen, die sich gegen eine √ľberdehnte gegnerische Front als erfolgreiche Offensivwaffe erwies. Durch den Mangel der polnischen Armee an berittenen Einheiten waren auch etwaige Gegenangriffe zum Scheitern verurteilt, da sie nicht in der n√∂tigen Geschwindigkeit ausgef√ľhrt werden konnten.

Tuchatschewskis Front bewegte sich im Juli am Tag durchschnittlich 30 Kilometer auf das polnische Kernland zu. Am 14. Juli fiel Wilna, wenige Tage später Grodno. Schließlich eroberte die Rote Armee am 1. August Brest-Litowsk. Damit standen die roten Truppen nur noch 100 Kilometer östlich der polnischen Hauptstadt Warschau.

Im S√ľden war w√§hrenddessen Jegorows westliche Armeegruppe nicht minder erfolgreich gewesen. Seine Truppen hatten die Polen aus der Ukraine gedr√§ngt und waren nach S√ľdpolen vorger√ľckt. Im Juni begannen sie mit der Belagerung des Industriezentrums Lemberg in Ostgalizien. Der Rest seiner Front drehte sich nordwestlich, um Tuchatschewski beim Angriff auf Warschau zu unterst√ľtzen.

Schlacht an der Weichsel

Polnische Gegenangriffe in der Schlacht an der Weichsel
‚Üí Hauptartikel: Schlacht bei Warschau (1920)

Bald warf die Rote Armee die polnischen Truppen bis ins polnische Kernland zur√ľck, so dass eine Niederlage und Besetzung Polens erwartet wurde. Am 10. August √ľberquerte das sowjetische III. Kavalleriekorps unter Gai Dimitrejwitsch Gai die Weichsel n√∂rdlich von Warschau. Diese Bewegung sollte nach dem Offensivplan Warschau von Danzig, dem einzigen offenen Hafen f√ľr die Verschiffung von Waffen und Nachschub, abschneiden. Derweil lie√ü der sowjetische Befehlshaber seine Infanterie der 16. und 3. Armee im Zentrum Druck auf die Hauptstadt aus√ľben. Tuchatschewski war fest der Ansicht, dass sein Offensivplan mit dem Einbruch der Kavallerie in die linke Flanke der Polen das Schicksal der Hauptstadt besiegelt h√§tte.

Der sowjetische Offensivplan erwies sich aber als fehlerhaft. Die Ursachen hierf√ľr sind unter anderem in den Erfahrungen des B√ľrgerkrieges zu suchen. In den innerrussischen K√§mpfen war die Rote Armee gegen Rebellen angetreten, deren St√§rke im R√ľckzug abnahm. Je weiter die feindlichen Wei√üen Armeen von ihrem Ziel, der Hauptstadt Moskau, abgedr√§ngt wurden, desto mehr br√∂ckelte der innere Zusammenhalt ihrer Truppen. Die polnische Armee hingegen wurde im R√ľckzug st√§rker. Sie verk√ľrzte dadurch ihre Nachschubwege und Kommunikationslinien. Des Weiteren sorgte die Verteidigung der eigenen Hauptstadt f√ľr eine St√§rkung der Truppenmoral. Tuchatschewski rechnete damit, gegen einen demoralisierten Gegner vorzugehen. Er traf jedoch auf eine gut organisierte und hochmotivierte Armee. Nach Ansicht des italienischen Milit√§rattach√©s in Warschau, Curzio Malaparte, gingen die Sowjets zudem von falschen politisch-organisatorischen Voraussetzungen aus, weil sie gehofft hatten, im belagerten Warschau w√ľrde ein Aufstand des Proletariats und der j√ľdischen Minderheit ihrer Seite helfen.

Ein noch gravierenderer Fehler ist im h√∂chsten Kommando der sowjetischen Armee zu suchen. W√§hrend Tuchatschewski mit seiner Nordwestfront auf Warschau vorr√ľckte, wurde der S√ľdwestfront unter Jegorow der Angriff auf Lw√≥w befohlen. H√§tte man beide Fronten auf die polnische Hauptstadt konzentriert, h√§tten die Russen die doppelte St√§rke inklusive eines weiteren Kavalleriekorps zur Verf√ľgung gehabt. So wurde nun Tuchatschewskis s√ľdliche Flanke vollkommen entbl√∂√üt, da er sie aus eigenen Kr√§ften decken musste und keinen Kontakt zur S√ľdwestfront hatte. F√ľr diese Entscheidungen wird von einigen Historikern Josef Stalin verantwortlich gemacht, der als Politkommissar der S√ľdwestfront gro√üen Einfluss auf deren Ziele hatte.

Bereits vier Tage nach dem √úbergang der sowjetischen Kavallerie begann der polnische Gegenangriff. PiŇāsudski hatte eine Zangenbewegung geplant. Am 14. August griff die polnische 5. Armee unter WŇāadysŇāaw Sikorski n√∂rdlich von Warschau an. Ihr gegen√ľber stand Gais III. Kavalleriekorps und die 3. und 15. Armee der Roten Armee. Trotz dieser zahlenm√§√üigen Unterlegenheit gelang es den Polen, den russischen Vorsto√ü zur√ľckzuschlagen, und nach wenigen Tagen ergriffen sie selbst die Offensive. Am 16. August startete die 4. polnische Armee unter PiŇāsudski selbst einen Angriff s√ľdlich von Warschau. Die Truppen waren w√§hrend des sowjetischen Vormarsches eilig mit Freiwilligen verst√§rkt worden. Die Zangenbewegung erwies sich als erfolgreich, als PiŇāsudskis Truppen zwei Tage sp√§ter das r√ľckw√§rtige Gebiet der Russen aufrollten. Tuchatschewski befahl am selben Tag den R√ľckzug seiner Soldaten, doch war es f√ľr die Schl√ľsseleinheiten zu sp√§t. Mit dem III. Kavalleriekorps verlor die Nordwestfront ihre gr√∂√üte Offensivkraft und auch zahlreiche Infanteriedivisionen blieben im Kessel zur√ľck.

In die polnische Geschichte ging diese Schlacht als Wunder an der Weichsel ein. Dieser Begriff wurde allerdings von den politischen Gegnern PiŇāsudskis gepr√§gt, die ihm damit das Verdienst an der Verteidigung der Hauptstadt absprechen wollten. PiŇāsudski bezeichnete die Schlacht selbst als eine Art ‚ÄěPr√ľgelei‚Äú (polnisch ‚Äěbijatyka‚Äú)[8]. Seine Strategie wurde nach seinen eigenen Aussagen vollst√§ndig von den Umst√§nden diktiert. Er vermutete die Hauptkr√§fte der Bolschewiki vor seinem Frontabschnitt. Diese standen allerdings gegen√ľber Sikorskis 5. Armee im Norden. Sikorski konnte sich allerdings ohne gr√∂√üere Schwierigkeiten gegen diese durchsetzen. Als PiŇāsudski seine 4. Armee vorsto√üen lie√ü, traf sie auf viel schw√§cheren Widerstand als erwartet und PiŇāsudski besuchte pers√∂nlich die Frontlinie, da er es nicht glauben konnte, nur gegen schwache Kr√§fte vorzugehen. Diese strategische Fehleinsch√§tzung brachte ihm aber einen entscheidenden Vorteil, da er nun mit seiner st√§rksten Armee sozusagen durch die Leere zu den R√ľckzugslinien der Roten Armee vorsto√üen konnte.

Zweite Polnische Offensive

Die Schlacht um Warschau war zwar ein Wendepunkt des Krieges, sie entschied ihn aber nicht endg√ľltig. Im Westen glaubte man, dass der kommunistische Staat seine Reserven mobilisieren k√∂nne, um die Polen auch nach der Niederlage von Warschau f√∂rmlich zu √ľberrennen. Der britische Premierminister David Lloyd George sagte hierzu: ‚ÄěWenn Ru√üland Polen zermalmen will, kann es das tun, wann immer es ihm gef√§llt.‚Äú [9] Die sowjetische S√ľdwestliche Armeegruppe hatte sich zwar von Lw√≥w Lemberg zur√ľckgezogen. Doch sie stand immer noch auf polnischem Gebiet und war durch die Kavalleriearmee unter Budjonny noch immer eine ernstzunehmende Offensivstreitmacht. Am 25. August 1920 begann sie vom Oberlauf des Bug wieder in zwei Kolonnen westw√§rts zu marschieren. Die polnischen Streitkr√§fte waren aber auf dieses Man√∂ver vorbereitet. General Sikorski teilte seine 3. Armee in zwei Gruppen auf, die n√∂rdlich und s√ľdlich der vorsto√üenden Kavalleriearmee der Roten Armee vorr√ľckten. Bemerkenswert ist, dass beide polnische Sto√ükeile mit einer Kavalleriebrigade beziehungsweise einer Kavalleriedivision ausgestattet waren. Die Polen hatten also schnell von der sowjetischen Taktik der berittenen Vorst√∂√üe gelernt. Am 30. August 1920 gelang ihnen die Einschlie√üung der sowjetischen Kavalleriearmee. Die Truppen der Bolschewiki wurden in einem Schlauch von nur 20 km eingeschlossen. Zwar gelang ihnen drei Tage sp√§ter der Ausbruch, doch verzeichnete die Armee, durch den engen Belagerungsring ihrer Initiative beraubt, gro√üe Verluste. Darunter fiel auch Budjonnys Kommandostab, der von polnischer Artillerie zerst√∂rt wurde, als der sowjetische Befehlshaber nicht anwesend war. Nach ihrem Ausbruch konnte sich die Kavalleriearmee nicht mehr konsolidieren und zog sich bis nach Schytomyr in der heutigen Ukraine zur√ľck.

Des Weiteren kam es bei dieser Auseinandersetzung zu einem der letzten reinen Kavalleriegefechte in Europa. Nach diesem Gefecht, bei dem polnische Reiter ihre sowjetischen Gegner am Ausbruch hinderten, ging diese Operation als Schlacht von Komar√≥w in die polnische Milit√§rgeschichte ein. Weiterhin wird auch von der Schlacht von ZamoŇõńá gesprochen, was dem Gesamtumfang der Gefechte besser gerecht wird.

Neben der Kavalleriearmee blieb auch die Westliche Armeegruppe auf polnischem Boden. Sie waren zwar bei Warschau besiegt worden, allerdings konnte Tuchatschewski an der Memel eine Verteidigungslinie aufbauen. Hier wurden, in der Hoffnung auf eine neue Offensive gegen Warschau, seine Truppen aufgefrischt. So hatte er Anfang September wieder bereits 113.000 kampfbereite Soldaten unter seinem Kommando; diese Zahl lag nur wenig unter seiner Truppenstärke an der Weichsel.

PiŇāsudski versammelte die 4. und 2. polnische Armee, um seinen Gegner erneut zu schlagen. Der polnische Plan f√ľr die Schlacht an der Memel am 20. September 1920 war einfach, aber erfolgreich. PiŇāsudski entfaltete seine Truppen, w√§hrend die Rote Armee noch dabei war, ihre Kr√§fte wiederherzustellen. W√§hrend er mit seiner Infanterie das feindliche Zentrum angriff, gelang es seiner Kavallerie, die Russen an ihren Flanken zu √ľberfl√ľgeln. Tuchatschewski musste sich eine Woche nach dem Beginn der Schlacht zur√ľckziehen, um der Einkesselung durch die polnischen Truppen zu entgehen.

Durch den Erfolg der beiden Schlachten wurden die sowjetischen Armeen zwar nicht vernichtet, aber desorganisiert und stark dezimiert. Die polnische Armee stie√ü nun mit derselben Geschwindigkeit nach Osten vor, mit der die Russen im Sommer gegen Warschau vorger√ľckt waren. Am 18. Oktober r√ľckten polnische Truppen in die wei√ürussische Hauptstadt Minsk ein. Zuvor hatte die polnische F√ľhrung noch Vilnius, damals mehrheitlich polnisch, unter ihre Kontrolle gebracht. Die Stadt war von Sowjetrussland an ihre litauischen Verb√ľndeten √ľbergeben worden und wurde international als litauisch anerkannt. PiŇāsudski brachte seine Heimatstadt trotzdem durch einen politischen Trick unter seine Kontrolle: Der Kommandeur der 1. Litauisch-Wei√ürussischen Division der polnischen Armee Lucjan ŇĽeligowski meuterte angeblich spontan am 12. Oktober mitsamt seiner gesamten Einheit. Daraufhin marschierte er nach einem kurzen Grenzgefecht in der Stadt ein. Er proklamierte einen Staat mit dem Namen Republik Mittellitauen. Dieses eher fiktive Gebilde wurde dann nach einem Plebiszit 1922 an Polen angegliedert.

Politik und Diplomatie

Polen hatte unter nicht direkt beteiligten europ√§ischen Staaten nur wenige Verb√ľndete.

Ungarn bot ein Corps aus 30.000 Kavalleristen an, doch die tschechoslowakische Regierung erlaubte den Transit nicht, so dass nur einige Z√ľge mit Waffenlieferungen in Polen eintrafen.

W√§hrend des Krieges verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Polen und Litauen. Der baltische Staat dr√§ngte auf seine volle politische Unabh√§ngigkeit, was den polnischen Konf√∂derationspl√§nen widersprach. Des Weiteren beharrte Litauen auf der historischen Hauptstadt Vilnius, in der allerdings eine polnische Bev√∂lkerungsmehrheit lebte. Mehr Erfolg hatten die polnischen Integrationsbestrebungen mit Lettland. Die dortige provisorische Regierung schloss sich mit Polen gegen Russland zusammen und f√ľhrte Anfang 1920 bereits gemeinsame Milit√§roperationen durch.

Frankreich, das eine Politik des Zur√ľckdr√§ngens des Kommunismus verfolgte, entsandte 1919 eine 400 Mann starke Gruppe nach Polen. Sie bestand haupts√§chlich aus franz√∂sischen Offizieren, jedoch gab es auch einige britische Offiziere, die von Lieutenant General Sir Adrian Carton de Wiart geleitet wurden. Die franz√∂sischen Bem√ľhungen zielten darauf ab, die Organisation und Logistik der polnischen Armee zu verbessern. Unter den franz√∂sischen Offizieren befand sich auch der sp√§tere franz√∂sische Pr√§sident Charles de Gaulle, der w√§hrend des Krieges den h√∂chsten polnischen Milit√§rorden, den Virtuti Militari, bekam.

Zus√§tzlich schickte Frankreich die so genannte Blaue Armee nach Polen: eine Truppe, die haupts√§chlich aus polnischst√§mmigen und einigen internationalen Freiwilligen bestand und im Ersten Weltkrieg unter franz√∂sischem Kommando gek√§mpft hatte. Sie wurde vom polnischen General J√≥zef Haller angef√ľhrt.

Diplomatische Bem√ľhungen 1919

Im Jahr 1919 wurden mehrere Versuche zu Friedensverhandlungen zwischen Polen und Sowjetrussland unternommen. Sie scheiterten aber, da sich beide Seiten noch militärische Gewinne versprachen und deshalb zu wirklichen Zugeständnissen nicht bereit waren.

Diplomatische Bem√ľhungen 1920

Die polnische Regierung nutzte die relative Ruhe, die nach den ersten Kampfhandlungen eintrat, intensiv, um durch Diplomatie in der Ukraine Fu√ü zu fassen. Ein Haupterfolg war die Einigung mit dem ukrainischen Nationalistenf√ľhrer Symon Petljura, den die Polen kurz zuvor noch bek√§mpft hatten. Petljura war vor dem Druck der Bolschewiki mit seinen verbliebenen Truppen aus der Ukraine nach Polen geflohen. Petljura akzeptierte die territorialen Gewinne Polens auf Kosten der Ukraine und stimmte einer gro√üz√ľgigen Grenzregelung zu. Die polnische Seite versprach im Gegenzug milit√§rische Hilfe und die Wiedereinsetzung von Petljuras Regime im Falle eines Erfolgs gegen Sowjetrussland. Dies war ein gro√üer Schritt in Richtung der polnischen Konf√∂derationspl√§ne; im Falle eines milit√§rischen Sieges sollte die Ukraine als mit Polen verb√ľndeter Pufferstaat gegen Russland dienen. Petljura ergriff damit die letzte Chance, die Eigenstaatlichkeit der Ukraine wiederherzustellen. Beide Politiker ernteten in den eigenen Lagern heftige Kritik. PiŇāsudski wurde von Dmowskis Nationaldemokraten angegriffen, die die Unabh√§ngigkeit der Ukraine vollkommen ablehnten. In der ukrainischen Bev√∂lkerung war die Ann√§herung an Polen weitgehend unpopul√§r. Die polnische Armee hatte 1919 noch gegen die ukrainischen Nationalisten Krieg gef√ľhrt. Die Ukrainer in Galizien, deren Staat nach der milit√§rischen Besetzung in Polen eingegliedert worden war, sahen in dem Abkommen einen regelrechten Verrat ihrer Interessen. So kam es Mitte 1920 sogar zu einer Spaltung der ukrainischen Nationalbewegung. Petljuras Soldaten blieben loyal im B√ľndnis mit Polen, w√§hrend die galizischen Ukrainer auf die Seite der Roten Armee √ľberwechselten.

Als sich das Blatt gegen Polen wendete, begann der politische Einfluss PiŇāsudskis zu schwinden, w√§hrend seine Gegner, einschlie√ülich Roman Dmowski, an Einfluss gewannen. PiŇāsudski gelang es jedoch, seinen Einfluss, insbesondere √ľber das Milit√§r, im letzten Moment wiederzuerlangen ‚Äď als die sowjetischen Truppen bereits vor Warschau standen, die politische F√ľhrung in Panik geriet und die Regierung unter Leopold Skulski Anfang Juli zur√ľckgetreten war.

Das Provisorische Polnische Revolutionskomitee (1920)

W√§hrenddessen wuchs das Selbstbewusstsein der sowjetischen F√ľhrung. Es zeichneten sich der Beginn des sowjetischen Vordringens und die Expansion der bolschewistischen Revolution nach ganz Europa ab. Auf Befehl der Kommunistischen Partei Russlands (KPR (B)) wurde am 28. Juli in BiaŇāystok eine polnische Marionetten-Regierung installiert, das ‚ÄěProvisorische Polnische Revolutions-Komitee‚Äú (polnisch Tymczasowy Komitet Rewolucyjny Polski (TKRP)). Sie sollte die Verwaltung der durch die Rote Armee eroberten polnischen Gebiete √ľbernehmen. Diese kommunistische Gruppe hatte so gut wie keinen R√ľckhalt in der polnischen Bev√∂lkerung.

Im Juli 1920 erkl√§rte Gro√übritannien, dass es gro√üe Mengen √ľbersch√ľssigen milit√§rischen Materials aus dem Ersten Weltkrieg zur Unterst√ľtzung nach Polen schicken werde. Doch ein drohender Generalstreik des Trades Union Congress, der Einw√§nde gegen die Unterst√ľtzung der Polen durch Gro√übritannien erhob, f√ľhrte dazu, dass dieses Vorhaben nie verwirklicht wurde. Der britische Premierminister David Lloyd George war von der Unterst√ľtzung der Polen selbst nie √ľberzeugt gewesen, sondern wurde von dem rechten Fl√ľgel seines Kabinetts, allen voran Lord Curzon und Winston Churchill, dazu gedr√§ngt. Am 11. Juli 1920 stellte Gro√übritannien Sowjetrussland ein Ultimatum, in dem es ein Ende der Feindseligkeiten gegen Polen und die Russische Armee (die Wei√üe Armee in S√ľd-Russland mit Pjotr Wrangel als Oberbefehlshaber) forderte sowie die Anerkennung der Curzon-Linie als einer vor√ľbergehenden Grenze zu Polen, solange nicht eine dauerhafte Grenzziehung verhandelt werden k√∂nne. Im Falle der sowjetischen Weigerung drohte Gro√übritannien damit, Polen mit allen m√∂glichen Mitteln zu unterst√ľtzen (tats√§chlich waren diese Mittel wegen der politischen Lage in Gro√übritannien jedoch eher begrenzt). Am 17. Juli lehnte Sowjetrussland die britischen Forderungen ab und machte seinerseits ein Gegenangebot zur Verhandlung eines Friedensvertrages direkt mit Polen. Die Briten antworteten mit der Drohung, die laufenden Gespr√§che √ľber ein Handelsabkommen zu beenden, wenn Sowjetrussland die Offensive gegen Polen weiter vorantriebe. Diese Drohung wurde ignoriert. Der drohende Generalstreik kam Lloyd George als Vorwand f√ľr den R√ľckzug von seinen Versprechungen gelegen. Am 6. August 1920 verk√ľndete die Labour Party, dass britische Arbeiter niemals als Verb√ľndete Polens an dem Krieg teilnehmen w√ľrden, und dr√§ngte Polen dazu, einen Frieden auf der Grundlage sowjetischer Bedingungen zu akzeptieren.

Polen musste weitere R√ľckschl√§ge aufgrund der Sabotage von Waffenlieferungen erleiden, weil Arbeiter in √Ėsterreich, der Tschechoslowakei und Deutschland den Transporten die Durchfahrt verwehrten.

Auch Litauen war √ľberwiegend anti-polnisch eingestellt und schlug sich bereits im Juli 1919 auf die sowjetische Seite. Die litauische Entscheidung war einerseits getragen von dem Wunsch, die Stadt Vilnius und die angrenzenden Gebiete in den litauischen Staat zu inkorporieren, und andererseits von dem Druck, den die sowjetische Seite auf Litauen aus√ľbte, nicht zuletzt durch die Stationierung gro√üer Truppenverb√§nde der Roten Armee nahe der litauischen Grenze.

Frieden von Riga

Unterredungen zwischen Polen und Sowjetrussland zur Beendigung des Krieges begannen am 21. September 1920. Es dauerte bis zum 12. Oktober 1920, bis die beiden Parteien sich einigen konnten. Es dauerte bis zum 18. M√§rz 1921, bis ein formeller Friede geschlossen wurde, da die polnische Armee weiterhin gegen Sowjetrussland operierende ukrainische Einheiten unterst√ľtzte.

Im Frieden von Riga, der am 18. M√§rz 1921 unterzeichnet wurde, stimmte Sowjetrussland einem Waffenstillstand und Friedensvertrag zu, der Polen erhebliche Gebiete im Osten zusicherte. Die polnisch-sowjetische Grenze verlief stellenweise bis zu 250 km √∂stlich des geschlossenen polnischen Siedlungsgebiets. Diese nun in den polnischen Staat integrierten Gebiete waren ethnisch sehr heterogen, wobei in den Gro√üst√§dten wie Lemberg und Vilnius die Polen dominierten, auf dem Land Wei√ürussen oder Ukrainer sowie Litauer. Polen, Wei√ürussen und Ukrainer stellten die gr√∂√üten Volksgruppen, wobei keine von ihnen im Gesamtgebiet die Mehrheit stellte.[10]

Nach den Siegen der polnischen Armee in den Feldz√ľgen nach der Schlacht von Warschau begannen beide Seiten erste Verhandlungen, um den Kriegszustand zu beenden. Die Polen versprachen sich von einem weiteren Vorgehen gegen Russland keinen Gewinn. Ebenso h√§tte ein Winterfeldzug die Wirtschaftskrise, die in Polen herrschte, noch weiter verst√§rkt.

Polen 1920 nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg

Die russische Seite war am Rande einer milit√§rischen und wirtschaftlichen Katastrophe. Der Krieg hatte enorm an den Ressourcen des vom B√ľrgerkrieg zerr√ľtteten Landes gezehrt. Im September wurden im Hinterland die Lebensmittel f√ľr die Rote Armee knapp, und auch den Zivilisten erging es nicht besser. Unruhen, Pl√ľnderungen und Anarchie griffen um sich. Besonders stark betroffen war die Stadt Wjasma, der Hauptknotenpunkt f√ľr die Versorgung der Truppen im Westen. Mit diesen Ereignissen sank auch die Truppenmoral. Dies √§u√üerte sich in Desertionen und Meutereien ganzer Einheiten. Des Weiteren wurde der Sowjetstaat durch die letzte Offensive der Wei√üen unter General Wrangel noch weiter unter Druck gesetzt. Beide Seiten hatten somit gute Gr√ľnde, den Krieg zu beenden, auch wenn keine Seite ihre anf√§nglichen Ziele verwirklichen konnte.

Die Unterredungen begannen am 21. September 1920 in der lettischen Hauptstadt Riga. Dieser Ort war selbst symboltr√§chtig und wurde von den Polen ausgew√§hlt, denn aus Lettland war die Rote Armee mit polnischer Hilfe zur√ľckgeschlagen worden. Am 23. September erm√§chtigte Lenin den Verhandlungsf√ľhrer der Bolschewiki, Adolf Joffe, weitgehende Zugest√§ndnisse zu machen. Aufgrund der aussichtslosen milit√§rischen Lage und des Vorsto√ües des wei√üen Generals Wrangel war er bereit, f√ľr einen Waffenstillstand in zehn Tagen gr√∂√ütm√∂gliche territoriale Zugest√§ndnisse zu machen. Es dauerte allerdings bis zum 12. Oktober, bis die beiden Parteien sich einigen konnten. Durch die sowjetischen Gebietsabtretungen wurde die polnische Grenze bis zu 250 Kilometer √∂stlich der Curzonlinie verschoben. Besonderer Erw√§hnung bedarf in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass diese Gebiete mehrheitlich von Ukrainern und Wei√ürussen besiedelt waren, so dass sowohl die Polen als auch die Russen dort eine Minderheit darstellten. Die Sowjetregierung erkannte die Herrschaft Polens √ľber Galizien an, bestand jedoch auf einer sowjetischen Ukraine. Damit wurde die ukrainische Nationalbewegung von den Polen de facto fallengelassen.

In einem geheimen Zusatzprotokoll wurden die √∂konomischen Bedingungen des Vertrags geregelt. Polen garantierte Sowjetrussland freien G√ľtertransport nach Litauen, das durch die Grenzregelung von Russland abgeschnitten war. Gleiches galt f√ľr Deutschland und √Ėsterreich. Im Gegenzug verpflichtete sich die Sowjetregierung, den polnischen Anteil an der ehemals zaristischen Staatsbank in Gold, Rohstoffen und Konzessionen an die Polen auszuzahlen. Des Weiteren wurde die R√ľckgabe aller industriellen Produktionsmittel an Polen vereinbart, die w√§hrend des Weltkriegs unter zaristischer Herrschaft demontiert worden waren. Dasselbe galt f√ľr alle Kunstsch√§tze und Kulturg√ľter seit der Teilung Polens 1772. Der Waffenstillstand trat am 18. Oktober in Kraft. Es dauerte noch bis zum 18. M√§rz 1921, bis ein formeller Friede geschlossen wurde, da die polnische Armee weiterhin gegen Sowjetrussland operierende ukrainische Einheiten unterst√ľtzte.

Der polnische Verhandlungsf√ľhrer Jan DńÖbski wurde in seiner Heimat heftig kritisiert. Viele Politiker bem√§ngelten, dass der Vertrag vollkommen die Interessen der Entente ignoriert habe. PiŇāsudski selbst war davon wenig beeindruckt. Er kritisierte vor allem, dass mit der Sowjetisierung der Ukraine seine Pl√§ne einer osteurop√§ischen F√∂deration faktisch beerdigt wurden. Ebenso sahen viele Katholiken die Anerkennung des sowjetischen Regimes als untragbar. Lenin konnte trotz der milit√§rischen Niederlage und dem Ausbleiben der prophezeiten Revolution in Polen und Europa den Vertrag innenpolitisch als einen Sieg verkaufen. Dabei kam ihm die propagandistisch wichtige Zerschlagung der letzten wei√üen Armee unter Wrangel zu Hilfe, die noch 1920 erfolgte.

Folgen

Gräber polnischer Soldaten auf einem Friedhof in Warschau

Die junge polnische Republik hatte ihr Staatsgebiet erheblich ausweiten k√∂nnen. Mit dem Zuwachs an litauischem Territorium (Wilna-Gebiet, 1921) r√ľckte das Ziel n√§her, die Grenzen von 1772 wiederherzustellen, die Beziehungen zu Litauen sanken auf einen Tiefpunkt herab, die litauische Geschichtsschreibung und das kollektive Bewusstsein haben dieses Trauma bis heute nicht verwunden. Innenpolitisch gesehen st√§rkte der Krieg vor allem Marschall PiŇāsudskis popul√§re Stellung als ‚ÄěVater der Unabh√§ngigkeit‚Äú. Er konnte allerdings die √∂konomischen Probleme seines Landes in den Folgejahren nicht l√∂sen und wandte sich 1922 von der Politik ab. Ebenso wurde die beherrschende Stellung des Milit√§rs im jungen Nationalstaat durch den Krieg festgeschrieben. Diese nutzte PiŇāsudski, um sich beim Mai-Umsturz 1926 wieder an die Macht zu bringen. Dabei schloss er viele seiner damaligen Mitstreiter innerhalb des Milit√§rs aus, die seinen Staatsstreich nicht mittragen wollten. Der Marschall f√ľhrte bis 1935, zumeist ohne politisches Amt, als einflussreichste Gr√∂√üe der Politik das Regiment im Staat. Da Polen mit den enormen Gewinnen aus dem Krieg gegen Russland territorial saturiert war, st√ľtzte er sein Regime auf die Sanacja-Ideologie (dt.: ‚ÄěGesundung‚Äú). Diese hatte die moralische und wirtschaftliche Gesundung des Staates unter autorit√§rer F√ľhrung zum Ziel. Dies f√ľhrte zur rigiden Unterdr√ľckung politischer Gegner und nationaler Minderheiten, so etwa der Ukrainer und Wei√ürussen, die gerade durch die Annexionen des Krieges in den polnischen Staat einverleibt worden waren. Deren nationale Identit√§t war zur Zeit des Krieges schwach entwickelt, denn die Mehrheit der Bev√∂lkerung definierte sich mehr √ľber religi√∂se oder regionale Identit√§ten. Die Polonisierungsbestrebungen der sp√§teren polnischen Regierung stie√üen trotzdem auf starken Widerstand.

Au√üenpolitisch hatte der Krieg f√ľr Polen ebenso weitreichende Folgen. Das Verh√§ltnis zur britischen Regierung unter David Lloyd George war gest√∂rt, wobei die britische Seite selbst gespalten war. Eine Gruppe unter Winston Churchill wollte Polen unterst√ľtzen, w√§hrend der Regierungschef selbst dagegen eintrat, da ihm PiŇāsudski zu wenig die Interessen der Entente ber√ľcksichtigt hatte. Schon w√§hrend des Krieges wuchsen die polnischen Beschwerden √ľber die mangelnde Unterst√ľtzung ihrer Verb√ľndeten. So schrieb der polnische Premierminister Ignacy Jan Paderewski anklagend an die britische Regierung im Oktober 1919: ‚ÄěDie Versprechungen des Herrn Lloyd George zur Unterst√ľtzung unserer Armee vom 27. Juni sind nicht zustandegekommen.‚Äú[11] Ebenfalls waren die Polen von Frankreich entt√§uscht, da sie sich mehr materielle Hilfe versprochen hatten. Der Chef der franz√∂sischen Milit√§rmission Maxime Weygand wurde infolgedessen von den Entscheidungen ausgeschlossen und regelrecht vorgef√ľhrt, da er der polnischen Sprache nicht m√§chtig war. Dies hielt die franz√∂sische Regierung nicht davon ab, ihn bei seiner R√ľckkehr als Helden zu feiern, wodurch sie unter Alexandre Millerand innenpolitisch Prestige gewinnen konnte. Infolgedessen wurden die polnisch-franz√∂sischen Beziehungen auch ein Jahr sp√§ter mit einem Staatsbesuch PiŇāsudskis normalisiert. Gegen√ľber der Sowjetunion zementierte der Krieg einen un√ľberwindbaren Gegensatz. Dieser f√∂rderte einen Revanchegedanken innerhalb der politischen F√ľhrungen. So sicherte sich der auch am Polnisch-Sowjetischen Krieg beteiligte Stalin im geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 die Gebiete, die 1920 den Polen √ľbergeben worden waren.

In Sowjetrussland verst√§rkte der Krieg gegen Polen zusammen mit dem Russischen B√ľrgerkrieg die wirtschaftliche Krise. Diese konnte durch den Aufbau der Plan- und Kommandowirtschaft unter Lenin nicht beseitigt werden, sondern wurde nur noch verschlimmert. Somit waren beide Kriege ein Faktor f√ľr die kurzzeitig pragmatischere Neue √Ėkonomische Politik der Sowjetunion zwischen 1921 und 1928. Lenin brandmarkte seine eigene vormals verfolgte Politik als Kriegskommunismus.

Doch der Ausgang des Krieges hatte nicht nur Bedeutung f√ľr Polen, sondern f√ľr ganz Europa. Die Niederlage der Roten Armee bei Warschau konnte das Vordringen des Kommunismus nach Westen stoppen, so dass Sowjetrussland seine Hoffnungen, die Weltrevolution √ľber die ‚ÄěLeiche Polens‚Äú nach Westeuropa exportieren zu k√∂nnen, vorerst aufgeben mussten. Der britische Botschafter in Berlin und Leiter der Mission der Entente in Polen, Lord D‚ÄôAbernon, fasste dies mit folgenden Worten zusammen:[12]

‚ÄěWenn Karl Martell die Invasion der Sarazenen mit seinem Sieg in der Schlacht bei Tours nicht aufgehalten h√§tte, so w√ľrde heute in den Schulen von Oxford der Koran gelehrt, und die Sch√ľler w√ľrden einem beschnittenen Volk die Heiligkeit und Wahrheit der Lehren des Mohammeds verk√ľnden. Wenn es PiŇāsudski und Weygand in der Schlacht bei Warschau nicht gelungen w√§re, den triumphalen Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, so h√§tte dies nicht nur eine gef√§hrliche Wende in der Geschichte des Christentums zur Folge, sondern eine fundamentale Bedrohung der gesamten westlichen Zivilisation. Die Schlacht bei Tours rettete unsere Vorfahren vor dem Joch des Korans; es ist wahrscheinlich, dass die Schlacht bei Warschau Mitteleuropa und ebenso einen Teil Westeuropas vor einer sehr viel gr√∂√üeren Gefahr rettete; der fanatischen sowjetischen Tyrannei.‚Äú

Diese Auffassung ist aber unter heutigen Historikern nicht unumstritten.[13] Speziell in Deutschland nutzten rechtsextreme, völkische Kreise den Krieg als Anlass, um antisemitische Propaganda zu verbreiten. Sie bedienten sich hierbei des rassistischen Klischees der Gleichsetzung zwischen Judentum und Sowjetsystem.[14] Der Krieg hatte auch Auswirkungen auf die linken Parteien Europas. Gemäßigte sozialistische Parteien wandten sich vom revolutionären Experiment in der Sowjetunion ab, sobald die öffentliche Meinung sie bei der Schlacht um Warschau als Aggressor ansah. Revolutionäre Gruppierungen wurden durch den offensichtlichen Misserfolg des Exports der Revolution gedämpft. So schrieb die KPD-Politikerin Clara Zetkin anlässlich des Friedens von Riga an Lenin:[15]

‚ÄěDer fr√ľhe Frost des R√ľckzugs der Roten Armee aus Polen vernichtete die revolution√§re Blume ... Ich beschrieb Lenin, wie es die Vorhut der deutschen Arbeiterklasse befiel ... als die Genossen mit dem Sowjetstern auf ihren M√ľtzen in unm√∂glich alten Uniformfetzen und Zivilkleidung, mit Bastschuhen und abgerissenen Stiefeln ihre kleinen, munteren Pferde geradewegs auf die deutsche Grenze in Gang setzten.‚Äú

Die ukrainischen Gebiete wurden durch den Frieden von Riga auf mehrere Staaten verteilt, Galizien hingegen unter polnischer Flagge vereint. Wei√ürussland gab Gebiete ab. Nachdem Polen den √∂stlichen, gr√∂√üeren Teil der Ukraine den Bolschewiki √ľberlassen musste, konnten diese dort ihre Herrschaft weiter festigen. Die ukrainische Nationalbewegung wurde durch den Verlauf des Krieges beendet. Mehrere Bauernaufst√§nde wurden mit √ľberlegener milit√§rischer Gewalt durch die Rote Armee niedergeschlagen, besonders Bauern aus der westlichen Ukraine, die oft noch Bindungen nach Polen oder den nun polnischen Teil hatten, waren schweren Repressalien ausgesetzt. Viele der ersten Insassen der Gulags waren neben Balten Ukrainer. Erst die durch die Kollektivierung ausgel√∂ste Hungersnot von 1933 konnte den letzten Widerstand gegen die Sowjetisierung brechen.

Opfer des Krieges

Eine Kontroverse gibt es √ľber die Behandlung russischer Kriegsgefangener in Polen. √úber deren Schicksal hat es bis zum Zusammenbruch des Ostblocks 1990 keine offene Diskussion gegeben. Dasselbe gilt auch f√ľr die Behandlung der Ukrainer, die nach dem Krieg in Polen interniert wurden. Beide Staaten machten w√§hrend des Krieges eine √∂konomische Krise durch und waren oft nicht in der Lage, ihre eigene Bev√∂lkerung angemessen zu versorgen. Aus diesem Grund war die Versorgung der Kriegsgefangenen oft unzureichend.[16] Zehntausende Gefangene beider Seiten starben an der Spanischen Grippe, die nach dem Weltkrieg global w√ľtete. Ein polnisches Internierungslager in Tuchola erlangte durch die hohe Anzahl an Toten schreckliche Ber√ľhmtheit.[17] Eine Mission des Roten Kreuzes, die zur Untersuchung des Lagers entsandt wurde, fiel unter nicht gekl√§rten Umst√§nden einem Mord zum Opfer.[18] Auch polnischen Angaben zufolge fielen im Winter 1920/21 Zehntausende der 110.000 nach der Schlacht um Warschau gefangenen genommenen sowjetischen Rotarmisten Hunger, Folter, K√§lte, Krankheiten und Exekutionen in polnischen Internierungslagern zum Opfer.[19][20]

Auch die milit√§rischen Einheiten handelten √§u√üerst brutal. Beide Seiten versuchten tats√§chliche oder erfundene Verbrechen der Gegenseite propagandistisch auszuschlachten, so dass es schwer f√§llt, zwischen Mythos und Verbrechen zu unterscheiden. Einige Fakten sind allerdings heute zweifelsfrei belegt. Die polnische Armee erhielt von der Regierung die Order, jegliche Sympathisantent√§tigkeit gegen√ľber den Kommunisten zu unterbinden. Dies stellte einen Freibrief zur Gewaltanwendung dar, der vor allem die ukrainische und wei√ürussische Bev√∂lkerung hart traf. Bei einem exemplarischen Fall wurde im April 1919 bei Vilnius eine junge, angeblich kommunistische Sympathisantin von polnischen Truppen get√∂tet, ihre Leiche verst√ľmmelt und √∂ffentlich zur Schau gestellt.[21] Doch auch auf sowjetischer Seite kam es zu √úbergriffen gegen die Bev√∂lkerung und den Kriegsgegner. Die Rote Armee praktizierte auch hier ihre im B√ľrgerkrieg angewandte Methode der Geiselnahme von Zivilisten[22], um entweder die √∂rtliche Bev√∂lkerung zur Kooperation zu bewegen oder um m√∂gliche Freisch√§rler abzuschrecken. In einem Fall wurden diese Geiseln sogar zu milit√§rischen √úbungszwecken mit S√§beln ermordet.[23] Des Weiteren nahmen die Bolschewiki keine Gefangenen, wenn sie keine M√∂glichkeit sahen, diese nach dem Gefecht entsprechend ‚Äěsicher‚Äú zu verwahren. Kurz vor dem R√ľckzug aus Lida ermordeten Soldaten der Roten Armee s√§mtliche polnischen Gefangenen in der Stadt. Bei diesem Vorfall kam es auch zu Leichensch√§ndungen.[24] Als exemplarischer Fall sei Wilna angemerkt. W√§hrend der sowjetischen Besatzung von Juli bis Oktober 1920 wurden 2.000 B√ľrger get√∂tet, vor allem durch die Tscheka. Durch die polnischen Besatzungstruppen im April 1920 hatten 65 Einwohner der Stadt den Tod gefunden. [25]. Die Einwohnerzahl der Stadt hatte 1919 rund 123.000 betragen.[26] Es gab aber auch Orte, wie Wńôgr√≥w in denen die Besatzung durch die roten Truppen friedlich verlief.

Besonders hart traf es die j√ľdische Gemeinde, die von beiden Seiten als Feind angesehen wurde. Die Polen waren misstrauisch gegen√ľber der st√§dtischen Intelligenzija, der viele Juden angeh√∂rten. Diese bekam deshalb die staatlich sanktionierte Gewalt st√§rker zu sp√ľren. Die Kommunisten verd√§chtigten reiche j√ľdische B√ľrger und auch j√ľdische Kleinh√§ndler und Handwerker der Sympathie f√ľr ihre Gegner. Dazu kamen noch Pogrome der lokalen Bev√∂lkerung, die oft von den Krieg f√ľhrenden Parteien gef√∂rdert wurden. So ist ein Fall in ŇĀuk√≥w belegt, bei dem polnische Truppen aktiv an einem Pogrom beteiligt waren. Die Bev√∂lkerung pl√ľnderte j√ľdische Gesch√§fte und der √∂rtliche Rabbi wurde in einem Streit mit einem polnischen Offizier verletzt. Als dem√ľtigende Ma√ünahme zwangen die polnischen Soldaten die j√ľdische Bev√∂lkerung, die √∂ffentlichen Latrinen zu reinigen.[27] Die ukrainischen Verb√ľndeten der Polen unter Petljura werden des Weiteren f√ľr eine gro√üe Zahl an Pogromen und Massenmorden gegen die j√ľdische Bev√∂lkerung verantwortlich gemacht.[28] Abschlie√üend l√§sst sich sagen, dass der Umfang der staatlichen Repression, Massenhinrichtungen, Pl√ľnderungen und Pogrome bis heute nicht ausreichend quantifiziert ist.

Sch√§tzungen √ľber die milit√§rischen Verluste belaufen sich auf 431.000 Soldaten f√ľr die Rote Armee in beiden Kriegsjahren. Die polnischen Truppen verloren 1920 202.000 Soldaten, wobei dieser Zahl sowohl Verwundete, Tote als auch Gefangene zu Grunde liegen.[29]

Siehe auch

Literatur

  • Norman Davies:
    • White Eagle, Red Star, the Polish-Soviet War, 1919‚Äď20. Pimlico, London 2003. ISBN 0-7126-0694-7
    • God‚Äôs Playground. A History of Poland. Bd 1. The Origins to 1795; Bd 2. 1795 to the Present. Oxford University Press, Oxford 2005. ISBN 0-19-925339-0, ISBN 0-19-925340-4
  • Evan Mawdsley: The Russian Civil War. Birlinn Limited, Edinburgh 2005. ISBN 1-84341-024-9
  • Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Random House, New York 1994. ISBN 0-394-50242-6
  • Leo Trotzki (Lev Davidovińć Trotzkij): Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. Aus dem Russ. √ľbertr. v. Alexandra Ramm. S. Fischer, Berlin 1929, Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1974. ISBN 3-436-01965-8

Rezeption

  • Isaak Babel: Die Reiterarmee (Budjonnys Reiterarmee). Malik, Berlin 1926; aus d. Russ. neu √ľbers., hrsg. u. komm. v. Peter Urban. Friedenauer Presse, Berlin 1994 (Orig. I. Babel: Konarmija. Moskva/Leningrad 1926). ISBN 3-921592-84-4

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ‚ÜĎ Edmund Charaszkiewicz: Przebudowa wschodu Europy (Der Wiederaufbau Osteuropas), NiepodlegŇāoŇõńá (Unabh√§ngigkeit). London 1955, S. 125-167.
  2. ‚ÜĎ √úbersetzung eines Zitats aus einer Proklamation des Revolution√§ren Milit√§rrats der RSFSR, aus: Evan Mawdsley, Edinburgh 2005, S. 250. Originaltext: ‚ÄěIn the West the fate of the world revolution is decided. Over the corpse of White Poland lies the road to world conflagration. On bayonets we will bring happiness and peace to labouring humanity.‚Äú
  3. ‚ÜĎ √úbersetzung eines Zitats aus Norman Davies: White Eagle Red Star. Pimlico, London 2003, S. 21. Originaltext: ‚ÄěThe war of the giants has ended; the quarrels of the pygmies have begun.‚Äú Davies ist als britischer Historiker in Polen sehr popul√§r und widmet sich vor allem polnischer Geschichte. Von diversen anderen Autoren wurde ihm ein pro-polnischer Blickwinkel vorgeworfen.
  4. ‚ÜĎ Zitat Trotzkis aus Evan Mawdsley, Edinburgh 2005, S. 257. Originalzitat in Englisch: ‚ÄěWe have operating against us for the first time a regular army, led by good technicians.‚Äú
  5. ‚ÜĎ Augsburger Allgemeine vom 20. Juli 2010, Rubrik: Das Datum
  6. ‚ÜĎ –í–ĺ–Ľ—Ć–ī–Ķ–ľ–į—Ä –Ě–ł–ļ–ĺ–Ľ–į–Ķ–≤–ł—á –Ď–į–Ľ—Ź–∑–ł–Ĺ: –Ě–Ķ–ĺ—Ą–ł—Ü–ł–į–Ľ—Ć–Ĺ–į—Ź –ł—Ā—ā–ĺ—Ä–ł—Ź –†–ĺ—Ā—Ā–ł–ł (Russian). Olma Media Group 2007, ISBN 5373012297 (Zugriff am 9 October 2010)
  7. ‚ÜĎ Polen 1919- 1921 von Alexander Riediger S. 24
  8. ‚ÜĎ Norman Davies: White Eagle - Red Star. The Polish Soviet War 1919-1920. Pimlico, London 1972, 2004. ISBN 0-356-04013-5
  9. ‚ÜĎ Norman Davies: White Eagle - Red Star. Pimlico, London 2003, S.226. Originaltext: ‚Äěif Russia wants to crush Poland, she can do so whenever she likes.‚Äú
  10. ‚ÜĎ Die gr√∂√üten drei Minderheiten (Polen, Ukrainer und Wei√ürussen) stellten zusammen zwischen 80-85% der Population, der Rest setze sich zusammen aus: Juden (ca. 9%), Russinen (Lemken, Bojken, Huzulen), Poleschuken, Russen (unter 1%), Litauer, Tschechen, Deutsche (bis 2%) u.a. Anzumerken ist, dass ethnisch-nationale Kategorien f√ľr einen gro√üen Teil der Bev√∂lkerung damals nicht ma√ügeblich waren, zumal die sprachlichen Grenzen flie√üend waren. Demgegen√ľber spielten st√§ndische und konfessionelle Unterschiede eine gr√∂√üere Rolle.
  11. ‚ÜĎ Norman Davies: White Eagle - Red Star. Pimlico, London 2003, S. 84. Originaltext: ‚ÄúThe promises of Mr. Lloyd George made on 27th June have not materialized.‚ÄĚ
  12. ‚ÜĎ √úbersetzung eines Zitats aus Norman Davies: White Eagle - Red Star. Pimlico, London 2003, S. 265. Originaltext: ‚ÄěIf Charles Martell had not checked the Saracen conquest at the battle of Tours the interpretation of the Koran would be taught at the schools of Oxford, and her pupils might demonstrate to a circumised people the sanctity and truth of the revelation of Mahomet. Had Pilsudski and Weygand failed to arrest the triumphant advance of the Soviet Army, not only would Christianity have experienced a dangerous reverse, but the very existence of the Western civilization would have been imperilled. The battle of Tours saved our ancestors from the Yoke of the Koran; it is probable that the Battle of Warsaw saved Central and parts of Western Europe from a more subversive danger - the fanatical tyranny of the Soviet.‚Äú D'Abernon zeigt hierbei die seinerzeit typische Sicht der Schlacht gegen die Araber. Die Bedeutung derselben wird mittlerweile auf Basis der damaligen Quellen stark relativiert. Siehe hierzu den Artikel Schlacht bei Tours und Poitiers.
  13. ‚ÜĎ Orlando Figes: Die Trag√∂die eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924. Goldmann, M√ľnchen 2001, S. 741. ISBN 3-442-15075-2; Figes bestreitet den Expansionsdrang Sowjetrusslands nach Europa, w√§hrend seine Kollegen Davies und Mawdsley diese Sicht vertreten.
  14. ‚ÜĎ Dissertation von Walter Jung an der Universit√§t G√∂ttingen
  15. ‚ÜĎ Norman Davies: White Eagle - Red Star. Pimlico, London 2003, S. 265. Originaltext des Zitats in englischer Sprache : The early frost of the Red Army's retreat from Poland blighted the growth of the revolutionary flower ... I had described to Lenin how it had affected the revolutionary vanguard of the German working class ... when the comrades with the Soviet star on the caps, in impossibly old scraps of uniform and civilian clothes, with bast shoes or torn boots, spured their small, brisk horses right up the German frontier.
  16. ‚ÜĎ Zbigniew Karpus: JeŇĄcy i internowani rosyjscy i ukraiŇĄscy na terenie Polski w latach 1918‚Äď1924 (Russische und Ukrainische Kriegsgefangene und Internierte in Polen, 1918‚Äď1924). ToruŇĄ 1997. ISBN 83-7174-020-4 (Polnisches Inhaltsverzeichnis. Englische √úbersetzung: Russian and Ukrainian Prisoners of War and Internees in Poland, 1918‚Äď1924. Adam MarszaŇāek, Wydawn 2001. ISBN 83-7174-956-2; Zbigniew Karpus, Alexandrowicz StanisŇāaw, Waldemar Rezmer: Zwycińôzcy za drutami. JeŇĄcy polscy w niewoli (1919‚Äď1922). Dokumenty i materiaŇāy. (Sieger hinter Stacheldraht: Polnische Kriegsgefangene, 1919‚Äď1922. Dokumente und Materialien).
  17. ‚ÜĎ Nesavisimaya Gaseta: Bericht einer russischen Zeitung √ľber das Lager (russisch). July 16, 1998.
  18. ‚ÜĎ Norman Davies: White Eagle - Red Star. Pimlico, London 2003, S.32.
  19. ‚ÜĎ Newsweek Polska vom 27. September 2009: PiekŇāo za drutami (H√∂lle hinter Stacheldraht) und Newsweek Polska vom 27. September 2009: JeŇĄcy wojny 1920 r. - prawda niewygodna dla Polak√≥w i Rosjan (Kriegsgefangene von 1920 - unbequeme Wahrheit f√ľr Polen und Russen)
  20. ‚ÜĎ RIA Novosti vom 28. September 2009: Rotarmisten starben massenweise in polnischen KZs
  21. ‚ÜĎ Vo imya Demokratij. in: Prawda. Moskau vom 7. Mai 1920. Zitiert nach Norman Davies: Red Eagle - White Star, S. 238.
  22. ‚ÜĎ Einen √úberblick √ľber Geiselnahmen als Repressionsinstrument im B√ľrgerkrieg, aber auch als Mittel der √∂konomischen Politik geben St√©phane Courtois, Nicolas Werth, Andrzej Paczkowski u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Piper Verlag, M√ľnchen 1998, S. 107 ff. ISBN 3-492-04552-9
  23. ‚ÜĎ Norman Davies schildert den Vorfall auf S. 239 von White Eagle ‚Äď Red Star, er bezieht sich hierbei auf die fotografische Dokumentation 1917-1921 des Sikorski-Instituts in London, Photo Nr. 10116.
  24. ‚ÜĎ ebd. S. 240. Er bezieht sich hierbei auf das Public Records Office, London WO 417/9/60.
  25. ‚ÜĎ ebd. S. 240. Er bezieht sich hierbei auf das Public Records Office, London WO 106/973, FO 371 5398/572.
  26. ‚ÜĎ Joachim Tauber und Ralph Tuchtenhagen: Vilnius. Kleine Geschichte der Stadt. B√∂hlau Verlag, K√∂ln-Weimar-Wien 2008, ISBN 978-3-412-20204-0, S. 180.
  27. ‚ÜĎ ebd. S. 240. Davies bezieht sich hierbei auf das Warschauer Archiv Archiwum Akt Nowych.
  28. ‚ÜĎ Orlando Figes: Die Trag√∂die eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924. vollst√§ndige Taschenbuchausgabe. Goldmann, M√ľnchen 2001, S. 718. ISBN 3-442-15075-2; Der Autor beruft sich hierbei auf eine Untersuchung j√ľdischer Organisationen in der Sowjetunion, bei der die Gesamtzahl der j√ľdischen Opfer auf 150.000 bis 300.000 gesch√§tzt wurde. Allerdings gelten diese Angaben f√ľr das gesamte ehemalige Zarenreich und f√ľr die Gesamtdauer des Russischen B√ľrgerkriegs.
  29. ‚ÜĎ Evan Mawdsley: The Russian Civil War. Birlin Ltd., Edinburgh 2002, S.257. ISBN 1-84158-064-3
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