Provinz Westfalen

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Provinz Westfalen
Preußische Provinz
Westfalen
Flagge Wappen
Flagge der Provinz Westfalen Wappen der Provinz Westfalen
Lage in Preußen
Hellblau: Lage der Provinz Westfalen
 
Bestehen 1816–1946
Provinzhauptstadt MĂŒnster
FlĂ€che 20.215 kmÂČ
Einwohner 4.784.000 (1925)
Bevölkerungsdichte 237 Ew./kmÂČ
Verwaltung 3 Regierungsbezirke
Kfz-Kennzeichen I X
Hymne Westfalenlied
Entstanden aus Grafschaft Limburg
FĂŒrstentum Minden
Grafschaft Mark
ErbfĂŒrstentum MĂŒnster
FĂŒrstentum Paderborn
Grafschaft Ravensberg
Sayn-Wittgenstein
Grafschaft Tecklenburg
Herzogtum Westfalen
Aufgegangen in Nordrhein-Westfalen
Heute Teil von Nordrhein-Westfalen
Karte
Karte der Provinz Westfalen 1905

Die Provinz Westfalen war von 1815 bis 1946 eine Provinz im heutigen Deutschland.

Der Staat Preußen wurde nach dem Wiener Kongress durch die Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden vom 30. April 1815 in zehn Provinzen eingeteilt, eine davon war Westfalen. Provinzialhauptstadt war MĂŒnster. In der neuen Provinz waren zahlreiche ehemals eigenstĂ€ndige Territorien mit unterschiedlichen Traditionen und Konfessionen vereinigt. Zwar entwickelte sich, von der Provinzialverwaltung gefördert, allmĂ€hlich eine Art gemeinsames „Westfalenbewusstsein“. Dennoch blieben die inneren Unterschiede groß. Dies gilt sozial- und wirtschaftsgeschichtlich fĂŒr die verschiedenen Lebenswelten im industrialisierten, stĂ€dtischen Westfalen und dem landwirtschaftlichen, dörflichen Westfalen. Daneben blieben die Konfessionsgrenzen von erheblicher Bedeutung. Unterschiede wie diese schlugen sich unter anderem in einer sehr differenzierten politischen Kultur nieder.

Inhaltsverzeichnis

GrĂŒndung und Struktur

Die Entstehung der Provinz Westfalen war ein Ergebnis des Wiener Kongresses von 1815. Unmittelbarer VorlĂ€ufer war das Generalgouvernement zwischen Weser und Rhein. Obwohl die preußische Krone bereits seit langem Territorialbesitz in Westfalen hatte, machte Friedrich Wilhelm III. keinen Hehl daraus, dass ihm die Einverleibung des Königreichs Sachsen lieber gewesen wĂ€re. TatsĂ€chlich verschob sich durch die GrĂŒndung der Provinzen Westfalen und der Rheinprovinz der Schwerpunkt in wirtschaftlicher und demografischer Hinsicht nach Westen. Gleichzeitig nahm die Zahl der Katholiken im bislang fast ausschließlich protestantischen Preußen deutlich zu. Am Anfang der Entwicklung hatte die Provinz etwa 1,1 Millionen Einwohner. Davon waren etwa 56% Katholiken und 43% Protestanten sowie etwa 1% Juden.

Die Provinz umfasste im Wesentlichen die bereits vor 1800 zu Preußen gehörigen Gebietsteile FĂŒrstentum Minden, die Grafschaften Mark und Ravensberg, Tecklenburg sowie die nach 1802/03 an Preußen gelangten FĂŒrstbistĂŒmer MĂŒnster und Paderborn sowie einige kleinere Herrschaften, darunter Limburg/Lenne. Durch den Wiener Kongress wurden Preußen im Jahre 1815 die 1810 von Frankreich annektierten Gebiete des FĂŒrstentums Salm und die sĂŒdlichen Landesteile des Herzogtums Arenberg (frĂŒheres Vest Recklinghausen) zugewiesen. Im Jahr 1816 kam noch das Herzogtum Westfalen hinzu. 1817 folgten die Wittgensteiner FĂŒrstentĂŒmer Sayn-Wittgenstein-Berleburg und Sayn-Wittgenstein-Hohenstein sowie das FĂŒrstentum Nassau-Siegen.

Mit der GrĂŒndung wurde die neue als Teil der preußischen Reformen entstandene Verwaltungsgliederung aus Gemeinde-, Kreis-, Regierungsbezirks- und Provinzialverwaltungen eingefĂŒhrt. Die administrative Eingliederung in den preußischen Gesamtstaat wurde vor allem vom ersten OberprĂ€sidenten Ludwig von Vincke betrieben. Die Provinz Westfalen bestand aus einem nahezu geschlossenen Gebiet von 20.215 kmÂČ (Stand 1939) und war verwaltungsmĂ€ĂŸig in die Regierungsbezirke Arnsberg, Minden und MĂŒnster gegliedert. 1851 und auch wĂ€hrend der Weimarer Republik wurden die Grenzen der Provinz geringfĂŒgig verĂ€ndert.

Insgesamt sorgte die preußische Verwaltung fĂŒr eine Angleichung der politischen Institutionen und Verwaltungseinrichtungen. Im Rechtswesen gab es zunĂ€chst jedoch Unterschiede. In den meisten Teilen Westfalens wurde das Allgemeine Landrecht (ALR) die rechtliche Grundlage. Im Herzogtum Westfalen und den beiden Wittgensteiner Grafschaften galten weitgehend die alten regionalen Rechtstraditionen weiter, ehe gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Wirkung zum 1. Januar 1900 das BĂŒrgerliche Gesetzbuch eingefĂŒhrt wurde.

Zur Verwaltungsgliederung siehe auch Regierungsbezirke und Kreise in Westfalen und zur Entwicklung auf der Gemeindeebene Liste der Gemeinden Westfalen: A-G, H-N, O-Z

Reaktionen auf die GrĂŒndung der Provinz

Freiherr von Vincke – Erster OberprĂ€sident der Provinz Westfalen

Die Errichtung der Provinz Westfalen stieß in den betroffenen Regionen auf unterschiedliche Reaktionen. In den bereits altpreußischen Gebieten wie Minden-Ravensberg oder der Grafschaft Mark gab es teilweise Freudenkundgebungen ĂŒber die RĂŒckkehr in den alten Staatsverband. Im Siegerland erleichterte die protestantische Konfession die Akzeptanz der preußischen Regierung. Besonders skeptisch stand man in den ehemaligen katholischen FĂŒrstbistĂŒmern MĂŒnster, Paderborn und dem Herzogtum Westfalen den neuen Landesherren gegenĂŒber. Gerade auch der katholische Adel, der in den alten geistlichen Staaten eine hervorragende Rolle gespielt hatte, blieb ĂŒberwiegend ablehnend. Jacob Venedey sprach noch zwanzig Jahre nach der ProvinzgrĂŒndung von „Musspreußen“.[1] WĂ€hrend der belgischen Revolution befĂŒrchteten die Behörden gar den Abfall der Westprovinzen von Preußen.

TatsĂ€chlich war die Eingliederung in den preußischen Staat mit Problemen verbunden. Der verwaltungsmĂ€ĂŸigen Vereinheitlichung standen zu Beginn der Provinzgeschichte die sogenannten Standesherren entgegen. Diese Gruppe der mediatisierten FĂŒrsten bewahrte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Sonderrechte. Sie behielten in gewissem Ausmaß das Gerichtsrecht oder die Aufsicht ĂŒber Schulen und Kirchen. Das zweite zentrale Problem hinsichtlich einer rechtlichen Vereinheitlichung war die Frage der Ablösung gutsherrlicher Rechte durch die Bauern im Rahmen der Bauernbefreiung. Zwar kam es 1820 zu einem Gesetz, das die Ablösung durch Geldrenten ermöglichte, aber daneben gab es zahlreiche Einzelregelungen und regionale Bestimmungen. Die Ablösung blieb bis 1848 umstritten und fĂŒhrte auf den Provinziallandtagen des VormĂ€rz regelmĂ€ĂŸig zu erheblichen Konflikten, da sie vor allem den Rittergutsbesitzern Vorteile brachte.[2] Die Unsicherheit der lĂ€ndlichen BesitzverhĂ€ltnisse war eine Ursache fĂŒr die lĂ€ndlichen Unruhen zu Beginn der Revolution von 1848. Auf lĂ€ngere Sicht haben sich BefĂŒrchtungen, dass die Bauern durch den Großgrundbesitz verdrĂ€ngt werden könnten, nicht bestĂ€tigt. Stattdessen blieben die beiden preußischen Westprovinzen mit Abstand die Gebiete mit dem geringsten Anteil an Gutsbesitz.

Zur Akzeptanz Preußens trug zu Beginn die Reformpolitik bei, die auf die Durchsetzung einer „bĂŒrgerlichen Ordnung“ abzielte. Dazu zĂ€hlte die Schaffung einer berechenbaren Verwaltung und Justiz, das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen, die Emanzipation der Juden und die Befreiung der Wirtschaft von markthemmenden Zunftordnungen. Die bildungsbĂŒrgerlichen Eliten nicht nur aus dem protestantischen, sondern auch aus dem katholischen Westfalen erkannten die preußische Regierung zunĂ€chst als Motor des Fortschritts an. Auf lĂ€ngere Sicht hatte die ZusammenfĂŒhrung so unterschiedlicher Territorien in eine Provinz auch identitĂ€ts- und bewusstseinsbildende Folgen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erinnerte man sich zwar immer noch an die Vergangenheit der alten Territorien, daneben entwickelte sich – von der preußischen Regierung bewusst gefördert â€“ auch ein westfĂ€lisches SelbstverstĂ€ndnis. Freilich stand dieses stets auch in Konkurrenz zum sich allmĂ€hlich entwickelnden Nationalstaatsgedanken.

Titelblatt von Sommers Verfassungsentwurf von 1819

WestfÀlische Verfassungsdiskussion und Restaurationszeit

Zu den Hoffnungen bĂŒrgerlicher westfĂ€lischer Zeitgenossen wie Johann Friedrich Joseph Sommer oder Franz Leo Benedikt Waldeck gehörte insbesondere der baldige Erlass einer Verfassung. In Zeitungen wie dem „Rheinisch-WestfĂ€lischen Anzeiger“ oder Hermann wurde der Wunsch nach einer Verfassung anfĂ€nglich noch deutlich artikuliert. VerfassungsentwĂŒrfe kamen etwa von Johann Friedrich Joseph Sommer oder von Arnold Mallinckrodt aus Dortmund. Weitere Teilnehmer der Verfassungsdebatte waren Philip Adam Storck und Freiherr Friedrich Alexander von Hövel. Die wohlwollende Haltung Ă€nderte sich mit dem Beginn der Restaurationszeit, dem Ausbleiben einer gesamtstaatlichen Verfassung und der Zensur der Presse deutlich. Der spĂ€tere Abgeordnete Dietrich Wilhelm Landfermann schrieb als Primaner 1820: Nicht wegen der „erbĂ€rmlichen FĂŒrstenhĂ€ndel“ habe man 1813 gekĂ€mpft, sondern darum, „dass Recht und Gesetz der Grundsatz des Staatslebens wie des BĂŒrgertums sein muss“.[3] An der Kritik Ă€nderte auch die Einrichtung von Provinziallandtagen im Jahr 1823 nur wenig, da ihnen zentrale parlamentarische Kompetenzen fehlten. Sie besaßen kein Steuerbewilligungsrecht, waren an der Gesetzgebung nicht beteiligt und hatten im Wesentlichen nur beratende Funktion. Die Abgeordneten waren zum Stillschweigen ĂŒber die Verhandlungen verpflichtet, und die Protokolle unterlagen der Zensur. Im Übrigen benachteiligte das Wahlrecht das BĂŒrgertum im Vergleich zum Adel deutlich.

Der erste westfĂ€lische Provinziallandtag tagte 1826 im Ratshaus von MĂŒnster. Die recht hohe Wahlbeteiligung zeigt, dass vor allem die BĂŒrger – die unteren Schichten hatten ohnehin kein Wahlrecht â€“ trotz aller Restriktionen den Landtag als ein Forum zur Artikulation ihrer Interessen betrachteten. Es gelang dem Landtagshauptmann (d. h. dem Vorsitzenden) Freiherr vom Stein nicht, die Diskussionen auf rein regionale Fragen zu beschrĂ€nken, vielmehr spielte 1826 und beim nĂ€chsten Landtag 1828 unterschwellig die Verfassungsfrage eine erhebliche Rolle. Noch deutlicher wurde dies wĂ€hrend des Provinziallandtages von 1831, als gleich zu Beginn der Abgeordnete fĂŒr den vierten Stand Franz Anton Bracht und bemerkenswerterweise auch der Hochadelige Freiherr von FĂŒrstenberg die Errichtung einer reichsstĂ€ndischen Verfassung fĂŒr Preußen forderten. Die Vorstellungen, wie eine Verfassung aussehen mĂŒsste, waren dabei höchst unterschiedlich. Die meisten Adeligen, so auch von FĂŒrstenberg, plĂ€dierten fĂŒr eine Wiederherstellung der altstĂ€ndischen Ordnung, wĂ€hrend vom BĂŒrgertum frĂŒhliberale Ideen vorgetragen wurden. Dabei wurde Bracht unter anderem von Friedrich Harkort und dem mĂŒnsterschen Verleger Johann Hermann HĂŒffer unterstĂŒtzt. Andere Vertreter der „Opposition“ waren der Hagener BĂŒrgermeister Christian Dahlenkamp oder der BĂŒrgermeister aus Telgte, Anton Böhmer. Selbst unter den Rittergutsbesitzern gab es einige liberale Stimmen wie beispielsweise Georg von Vincke.

Vom Geist der preußischen Reformen deutlich entfernt hatte sich auch die 1827 erlassene Kreisordnung. Bei der Wahl des Landrats, der grundsĂ€tzlich aus dem Kreis der einheimischen Rittergutsbesitzer kommen sollte, hatten die KreisstĂ€nde nur ein PrĂ€sentationsrecht, die Ernennung blieb dem König vorbehalten. Kaum weniger unzeitgemĂ€ĂŸ war die 1831 revidierte StĂ€dteordnung. Das Wahlrecht wies hohe HĂŒrden auf, und aus den Selbstverwaltungsorganen wurden faktisch staatliche Behörden. Kaum anders sah es bei der Landgemeindeordnung aus.[4]

Westfalen im VormÀrz

So wichtig fĂŒr Westfalen die Verfassungsfrage war, so gering blieb lange Zeit das Interesse an einem einheitlichen Nationalstaat. Der BĂŒrgermeister des mĂŒnsterlĂ€ndischen Rhede und Dingen schrieb 1833: „Das Hambacher Fest und burschenschaftliche Farben sind dem Frieden liebenden Landbewohnern in ihrer Bedeutung fremd.“[5] Kaum anders dĂŒrfte die öffentliche Meinung im Sauerland oder in Minden-Ravensberg ausgesehen haben. Erst in den 1840er Jahren erwachte auch in Westfalen die Nationalbewegung. Es begannen sich in vielen Gemeinden Gesangvereine zu bilden, die den nationalen Mythos pflegten; auch die westfĂ€lische Beteiligung am Kölner Dombaufest und den Sammlungen fĂŒr das Hermannsdenkmal waren betrĂ€chtlich. Insgesamt entwickelte sich ein reges Vereinsleben.

ZusĂ€tzlich zur EnttĂ€uschung ĂŒber die weitgehend ausbleibenden Reformen fĂŒhrte im katholischen Westfalen die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering 1837 wĂ€hrend der so genannten Kölner Wirren zu einer gewissen Politisierung des regionalen Katholizismus. Der liberale katholische zeitgenössische Publizist Johann Friedrich Joseph Sommer formulierte: [Die] „Zeitereignisse, wie die des letzten Decenniums [gemeint sind die Kölner Wirren], haben den gutmĂŒthigen WestfĂ€linger aufgeweckt und nicht wenig dazu beigetragen, eine gewisse religiöse Erschlaffung (
) ein Ende zu bereiten.“ Gleichzeitig erschien Sommer die Volksbewegung im Zusammenhang mit den Wirren als ein Vorbote der Revolution von 1848. Der „Staat musste nachgeben, zum ersten Mal erbebte die Gewalt vor der Stimme des Volkes.“[6] In den 1830/40er Jahren verdichteten sich zudem die liberalen, demokratischen und teilweise sogar sozialistischen Diskussionskreise (z. B. um die Zeitschrift „Weserdampfboot“, seit 1845 Das WestphĂ€lische Dampfboot).

DarĂŒber hinaus fĂŒhrten die von vielen lĂ€ndlichen Gruppen negativ beurteilten Agrarreformen zu wachsender Unzufriedenheit. Hinzu kamen in den 1840er Jahren mehrere schlechte Ernten, die vor allem in den StĂ€dten die Nahrungsmittelpreise erheblich ansteigen ließen. Daneben kam es im traditionellen produzierenden Gewerbe zu strukturellen Krisen. Ein Kennzeichen fĂŒr die teilweise schwierige soziale Lage war die hohe Zahl der Auswanderer. Zwischen 1845 und 1854 verließen etwa 30.000 Personen die Provinz, meist in Richtung Übersee; fast die HĂ€lfte von ihnen kam aus den krisengeschĂŒttelten Leinengebieten in Ostwestfalen.

Zu den sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen siehe: LĂ€ndliche RĂ€ume und Industrialisierung

Revolution von 1848/49 in Westfalen

Die Reaktionen auf den Ausbruch der Revolution von 1848 waren in Westfalen sehr unterschiedlich. Die demokratische Linke im „Rhedaner Kreis“ um die Zeitschrift „WestphĂ€lisches Dampfboot“ feierte die vermeintlich neue Zeit euphorisch. „Die Völker Europas von dem drĂŒckenden Alp befreit, der Ihnen das Athmen fast benahm.“ Ganz nach dem Vorbild der französischen Revolution forderte die in Hamm erscheinende Zeitschrift „Hermann“ die EinfĂŒhrung einer neuen Zeitrechnung. Auch programmatisch lehnte sich die Linke an Frankreich an und forderte „Wohlstand, Bildung und Freiheit fĂŒr alle“. Es gab allerdings auch gegenteilige Meinungen, etwa vom Bielefelder Superintendenten und spĂ€teren Mitglied der preußischen Nationalversammlung Huchzermeyer. Dieser sprach von einem „schmachvollen Ereignis“, von dem der „gutmĂŒtige Philister“ zu Unrecht erwartete, „dass eine Verfassung alles Elend und alle Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen wĂŒrde.“ Er befĂŒrchtete stattdessen die „Auflösung aller Ordnung“ und eine allgemeine „Zuchtlosigkeit“.[7]

Nach dem Bekanntwerden der Februarrevolution in Paris und der MĂ€rzrevolution in verschiedenen deutschen Staaten sowie in Berlin und Wien, kam es in Teilen Westfalens, vor allem im Sauerland, dem Wittgensteiner und dem Paderborner Land zu Unruhen der Landbevölkerung. So wurde etwa das RenteigebĂ€ude des Schlosses Bruchhausen bei Olsberg verwĂŒstet und die Akten wurden unter Absingen von Freiheitsliedern verbrannt. Auch andere Schlösser wie in DĂŒlmen wurden verwĂŒstet. Dieser Aufstand der Landbevölkerung wurde vom MilitĂ€r rasch niedergeschlagen. In den frĂŒhindustrialisierten Gebieten Westfalens, etwa der Grafschaft Mark, kam es in einigen Orten zur StĂŒrmung von Fabriken. In den StĂ€dten dagegen sah man sich nach der Ernennung von liberalen MĂ€rzministerien am Ziel der politischen WĂŒnsche und feierte den Sieg der Revolution fast ĂŒberall mit UmzĂŒgen und dem Hissen der schwarz-rot-goldenen Fahne. Daneben gab es vor allem in den altpreußischen Gebieten eine einflussreiche antirevolutionĂ€re Richtung; in der Grafschaft Mark vor allem um den Unternehmer Friedrich Harkort, der mit seinen bekannten Arbeiterbriefen fĂŒr seine Ansichten warb.

Aufruf des Iserlohner Sicherheitsausschusses Mai 1849

Bei den Wahlen zu den Nationalversammlungen in Berlin und Frankfurt war die politische Richtung der Kandidaten nicht das ausschlaggebende Element, sondern ihr Ansehen in der Bevölkerung spielte fĂŒr die Nominierung eine zentrale Rolle. Im Sauerland wurden daher so politisch unterschiedliche Personen (die nicht zwingend aus den Wahlkreisen stammen mussten) wie der Konservative Joseph von Radowitz, der zwischen Liberalismus und ultramontaner Weltanschauung schwankende Johann Friedrich Sommer oder der Demokrat Carl Johann Ludwig Dham gewĂ€hlt. FĂŒhrende Westfalen in der Berliner Nationalversammlung waren unter anderem die Demokraten Benedikt Waldeck und Jodocus Temme. In Berlin spielten bei der Verfassungsdiskussion Waldeck (Charte Waldeck) auf der Linken und Sommer auf der Rechten eine erhebliche Rolle.

In Frankfurt wurde Westfalen unter anderem von den Liberalen Georg von Vincke, Gustav Höfken oder dem spĂ€teren Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler vertreten. In der Region selbst bildeten sich politische Clubs und Zeitungen jeglicher politischer Couleur. Das Spektrum reichte dabei von katholischen und liberalen BlĂ€ttern bis hin zur radikaldemokratischen Neuen Rheinischen Zeitung. Ähnlich vielgestaltig wie die Presselandschaft war das politische Meinungsspektrum. Konservative ZusammenschlĂŒsse bildeten eine Ausnahme und umfassten meist nur protestantische Offiziere und Beamte in den Regierungs- und GarnisonsstĂ€dten. Eine gewisse Ausnahme war die konservative Grundhaltung der Landbevölkerung im pietistisch-protestantischen Milieu in Minden-Ravensberg. Die große Mehrheit der politisch aktiven BĂŒrger fand sich in konstitutionellen oder demokratischen Clubs zusammen. Die Liberalen grĂŒndeten im Juli 1848 auf einem Kongress in Dortmund eine fĂŒr die Provinzen Rheinland und Westfalen zustĂ€ndige Dachorganisation der konstitutionellen Vereine. Allein im Regierungsbezirk Arnsberg gab es im Oktober 28 Vereine, in den beiden ĂŒbrigen Regierungsbezirken war ihre Zahl deutlich geringer und in MĂŒnster war der örtliche Verein an inneren Konflikten zerbrochen. Erst im September 1848 gelang es auch den demokratischen Vereinen auf einem Kongress zu einer Einigung zu kommen. In MĂŒnster hatte der örtliche demokratische Verein immerhin mehr als 350 Mitglieder. Die Arbeiterbewegung in Form der Allgemeinen Deutschen ArbeiterverbrĂŒderung war im Vergleich zur Rheinprovinz nur gering vertreten. Einen starken Arbeiterverein, der sowohl im Lager der westfĂ€lischen Demokraten eine fĂŒhrende Rolle spielte und gleichzeitig Kontakt zur ArbeiterverbrĂŒderung hielt, gab es in Hamm. Insgesamt blieb die Zahl der demokratischen oder republikanischen Vereine zunĂ€chst deutlich geringer als die der Liberalen. In den katholischen Teilen Westfalens bildeten sich daneben auch erste Organisationen eines politischen Katholizismus. Diese vielerorts entstandenen sogenannten Piusvereine orientierten sich programmatisch an dem Verein der Provinzhauptstadt.

Benedikt Waldeck im Kerker

In Petitionen forderten Berufsgruppen und Gemeindevertretungen ihre Abgeordneten auf, bestimmte Forderungen in den Nationalversammlungen zu vertreten. In den folgenden Monaten nahm die politische Erregung erkennbar ab. Gerade in katholischen Gebieten stieß die Wahl von Erzherzog Johann zum Reichsverweser durch die Frankfurter Nationalversammlung auf große Zustimmung und wurde beispielsweise in Winterberg oder MĂŒnster durch patriotische Feste gefeiert. Allerdings zeigt die Reaktion auf diese Wahl, wie groß noch immer der Unterschied zwischen dem katholischen und protestantischen Westfalen war. In den altpreußischen Gebieten sah man dies zwar als Schritt hin zu einem einheitlichen deutschen Staat, sah aber vor allem Preußen in der Pflicht, die Einheit und Freiheit durchzusetzen. Im katholischen Westfalen sah man die Entscheidung der Nationalversammlung dagegen als Schritt zu einem Einheitsstaat unter katholischer FĂŒhrung. Insofern ĂŒberschnitt sich der Gegensatz von BefĂŒrwortern einer kleindeutschen und einer großdeutschen Lösung der deutschen Frage mit den regionalen Konfessionsgrenzen.

Erst die beginnende Gegenrevolution verstĂ€rkte die politische Erregung wieder deutlich. In vielen Gebieten Westfalens nahm die Bedeutung der demokratischen Bewegung zu, wĂ€hrend zögerliche Altliberale wie Johann Sommer den Unmut der Bevölkerung deutlich zu spĂŒren bekamen. In Westfalen kam es angesichts der Bedrohung der revolutionĂ€ren Errungenschaft zur Zusammenarbeit von Demokraten und konstitutionellen Liberalen, die im November 1848 im „Kongress fĂŒr die Sache und Rechte der preußischen Nationalversammlung und des preußischen Volkes“ in MĂŒnster gipfelte. Nach der Auflösung der preußischen Nationalversammlung siegten in vielen Teilen Westfalens bei der Wahl zur zweiten preußischen Kammer denn auch demokratische Kandidaten wie etwa Johann Matthias Gierse. Den Höhe- und Endpunkt der Revolution in Westfalen bildete die gewaltsame Niederschlagung des Iserlohner Aufstandes. Einige fĂŒhrende westfĂ€lische RevolutionĂ€re wie Temme oder Waldeck wurden von den Behörden spĂ€ter politisch verfolgt. Noch im Sommer 1849 wanderten erste westfĂ€lische Demokraten nach Amerika aus.[8]

LĂ€ndliche RĂ€ume und Industrialisierung in Westfalen

Vorindustrielle Zeit

Westfalen war bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine wirtschaftlich und sozial außerordentlich vielgestaltige Region. Vorherrschend war die Landwirtschaft, die vielerorts noch sehr traditionell und wenig effektiv betrieben wurde. In den meisten Gebieten dominierten kleine und mittlere bĂ€uerliche Existenzen. Nur im MĂŒnster- und Paderborner Land waren auch grĂ¶ĂŸere Betriebe verbreitet. Diese Gebiete wie auch die Soester Börde waren zudem fĂŒr die Landwirtschaft besonders geeignet. Dagegen war die Landwirtschaft in Minden-Ravensberg und im sĂŒdlichen Bergland nur wenig ergiebig. Bereits in vorindustrieller Zeit wurden einige der Landesprodukte ĂŒberörtlich vertrieben. Bekannt ist etwa der Export der westfĂ€lischen Schinken. Die Industrialisierung begĂŒnstigte die Marktverflechtung der Landwirtschaft mit den industriellen BallungsrĂ€umen. Die Nachfrage fĂŒhrte etwa zur Ausweitung der Schweinezucht. Das in der Provinz produzierte Getreide war ein wichtiger Rohstoff fĂŒr die zunĂ€chst im Ruhrgebiet und spĂ€ter auch in anderen Teilen entstehende Brauindustrie. Allein in Dortmund gab es nachweislich ĂŒber 80 einzelne BraustĂ€tten. Die NĂ€he zu den Industriegebieten als Absatzmarkt trug dazu bei, dass in den landwirtschaftlich gut nutzbaren Teilen der Region, die Landwirtschaft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der dominierende und durchaus gewinnbringende Wirtschaftszweig blieb.[9]

Historische Nadelschmiede (um 1850) bei Iserlohn

Vielerorts reichten die ErtrĂ€ge am Anfang des 19. Jahrhunderts hĂ€ufig nicht aus, um die seit dem 18. Jahrhundert wachsende Bevölkerung ausreichend zu ernĂ€hren. Die Zahl der Landarmen und Landlosen nahm zu. Viele suchten außerhalb ihrer Wohnorte nach Verdienstmöglichkeiten. Als HĂ€ndler zogen die zum Symbol des Landes gewordenen Kiepenkerle und die SauerlĂ€nder WanderhĂ€ndler umher. Die HollandgĂ€nger in den nördlichen Teilen der Provinz und die wandernden Ziegelmacher in Ostwestfalen und dem benachbarten Land Lippe verdienten ihren Unterhalt als Wanderarbeiter. Aus dem Hollandgang entwickelte sich der Töddenhandel, bei dem insbesondere das in Heimarbeit wĂ€hrend des Winters hergestellte Leinen im folgenden Sommer in Holland verkauft wurde.

Innerhalb Westfalens erleichterten die billigen ArbeitskrĂ€fte den Aufschwung vorindustrieller gewerblicher Betriebe, die fĂŒr einen ĂŒberörtlichen Markt produzierten. Im nordwestdeutschen LeinengĂŒrtel, der sich vom westlichen MĂŒnsterland ĂŒber Tecklenburg, OsnabrĂŒck, Minden-Ravensberg bis ins heutige Niedersachsen erstreckte, entstand aus der Heimarbeit eine Protoindustrie. Vor allem in Minden-Ravensberg spielte die vorindustrielle Leinenproduktion eine wichtige Rolle. Die Stoffe wurden durch sogenannte Verleger aufgekauft und vertrieben.

In SĂŒdwestfalen bestand unter Einschluss des Siegerlandes, Teilen des Herzogtums Westfalen und des mĂ€rkischen Sauerlands eine arbeitsteilige Eisen produzierende und verarbeitende Region, die sich jenseits der Provinzgrenze im Bergischen Land und im Landkreis Altenkirchen fortsetzte. Das vor allem im siegerlĂ€nder und ostsauerlĂ€nder Bergbau geförderte Erz wurde verhĂŒttet (z. B. Wendener HĂŒtte) und im Westen der Region zu Fertigwaren weiterverarbeitet (z. B. Drahtzieherei in Altena, Iserlohn und LĂŒdenscheid oder die Iserlohner NĂ€hnadelproduktion). Teilweise waren diese Gewerbe korporativ und als Verlagssystem organisiert (Reidemeister). Im sĂŒdlichen Teil des spĂ€teren Ruhrgebiets wurde bereits seit lĂ€ngerem fĂŒr die benachbarten Gewerberegionen Steinkohle abgebaut. Als Beispiel hierfĂŒr kann die Zeche Alte Haase genannt werden.

Industrialisierung

Ravensberger Spinnerei in Bielefeld

Teile des Gebietes der Provinz wurden in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einem Vorreiter der industriellen Revolution in Deutschland und gehörten in der Zeit der Hochindustrialisierung zu den wirtschaftlichen Zentren des Deutschen Kaiserreichs.

Das Ende der Kontinentalsperre öffnete die Region gegenĂŒber den englischen Industrieprodukten. Vor allem die heimgewerbliche Textilherstellung war dieser Konkurrenz auf lĂ€ngere Sicht nicht gewachsen und verschwand schließlich vom Markt. Durch eine rechtzeitige Umstellung auf die industrielle Produktionsform gelang in und um Bielefeld die Anpassung an die neue Zeit. Die Ravensberger Spinnerei (gegrĂŒndet 1854 durch Hermann Delius) war die grĂ¶ĂŸte Flachsspinnerei Europas. Im Jahr 1862 folgte die „Bielefelder Actiengesellschaft fĂŒr mechanische Weberei“. SpĂ€ter war die Nachfrage der Textilbetriebe ein Grund fĂŒr das Entstehen einer Eisen und Metall verarbeitenden Industrie in diesem Gebiet.

Allerdings konnte die neue mechanisierte Industrie nicht das ArbeitskrĂ€ftepotential beschĂ€ftigten wie die alte Heimindustrie. Gerade in den Leinengebieten Westfalens waren der Pauperismus und die Auswanderung der lĂ€ndlichen Unterschichten nach Übersee im VormĂ€rz eine weit verbreitete Erscheinung.[10]

In den Eisen und Metall verarbeitenden sĂŒdwestfĂ€lischen Gebieten hatte die industrielle Konkurrenz aus dem Ausland zunĂ€chst nur begrenzte negative Auswirkungen. Vom Markt verschwand etwa die vorindustrielle Blechproduktion in und um Olpe.

GefĂ€hrlicher fĂŒr die alten HĂŒtten und Hammerwerke war das Entstehen einer mit damals modernen Mitteln arbeitenden Industrie in Westfalen selbst. Ihre Basis war die im spĂ€teren Ruhrgebiet gefundene Steinkohle. Entscheidend fĂŒr die Entwicklung des Ruhrbergbaus war dabei die Entstehung der Tiefbauzechen, die den Abbau auch unterhalb der Mergelschicht erlaubte. Dies geschah erstmals 1837 bei Essen im rheinischen Ruhrgebiet. In Westfalen war die Zeche PrĂ€sident bei Bochum 1841 der erste Betrieb dieser Art.

Harkorts Fabrik in den Ruinen der Burg Wetter

Friedrich Harkort grĂŒndete 1818 zusammen mit Heinrich Kamp in Wetter eine mechanische Werkstatt und 1826 am selben Ort das erste Puddelwerk Westfalens. SpĂ€ter wurde das Werk nach Dortmund verlegt und es entwickelten sich daraus das HĂŒttenwerk Rothe Erde. Bald folgten vergleichbare GrĂŒndungen in HĂŒsten (HĂŒstener Gewerkschaft), Warstein, LĂŒnen (Westfalia HĂŒtte), Hörde (HermannshĂŒtte), Haspe (Hasper HĂŒtte), Bochum (Bochumer Verein) und anderen Orten. Diese neuen mit Steinkohle produzierenden Unternehmen waren deutlich produktiver als die auf die teure Holzkohle angewiesenen vorindustriellen Betriebe.

Eine Voraussetzung fĂŒr die industrielle Entwicklung war der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann der Bau von befestigten Kunststraßen, hinzu kam die Schiffbarmachung der FlĂŒsse insbesondere im Unterlauf der Ruhr und der Bau von KanĂ€len. Vor allem aber der Eisenbahnbau wurde zum Motor des industriellen Aufschwungs. Im Jahr 1847 wurde die west-östlich vom Rhein zur Weser verlaufende Stammstrecke der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft vollendet. Nur zwei Jahre spĂ€ter folgten die Strecken der Bergisch-MĂ€rkischen Eisenbahn-Gesellschaft sowie seit 1850 die der Königlich-WestfĂ€lischen Eisenbahn-Gesellschaft.

Teilregionen wie das Sauerland, die erst in den 1860er oder 1870er Jahre an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurden, gerieten dadurch im Zeitalter der wirtschaftlichen Expansion wirtschaftsgeografisch ins Abseits. In Teilen dieser Regionen kam es zu einem regelrechten Deindustrialisierungsprozess. An ihre Stelle trat vielerorts die nunmehr nach rationellen Methoden betriebene Forstwirtschaft. Nur an wenigen Orten kam es etwa wie in Schmallenberg mit Konzentration auf die Strumpfindustrie zu neuen industriellen Entwicklungen. Mit abnehmender Tendenz wurde auch weiter Bergbau betrieben.

Historischer Förderturm der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop (um 1870)

Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts verlagerte sich die Montanindustrie immer stĂ€rker in die NĂ€he der Kohlegruben im Ruhrgebiet. Seit den 1850er Jahren entstand etwa die HermannshĂŒtte, der Betrieb Rothe Erde, die Aplerbecker HĂŒtte, der Hörder Bergwerks- und HĂŒtten-Verein oder die HenrichshĂŒtte bei Hattingen. Dadurch gerieten einige der frĂŒhindustrialisierten Gebiete in SĂŒdwestfalen ins Abseits und konnten sich vielfach nur durch die Konzentrierung auf besondere Produkte behaupten (z.B. Blechproduktion in HĂŒsten). In den folgenden Jahrzehnten entstanden im Ruhrgebiet weitere zahlreiche neue Zechen und Montanbetriebe wie etwa der Schalker Verein. Außerdem wuchsen Ă€ltere Fabriken zu riesigen Betrieben mit vielen tausend BeschĂ€ftigten an. SpĂ€testens seit der Mitte des 19. Jahrhundert war der westfĂ€lische Teil des Ruhrgebiets mit seinen Kohlegruben und der Montanindustrie zum eindeutigen wirtschaftlichen Zentrum der gesamten Provinz geworden.

Bevölkerungswachstum und sozialer Wandel

Die entstehenden ArbeitsplĂ€tze zogen zunĂ€chst zahlreiche Arbeitssuchende vorwiegend aus den lĂ€ndlichen und wirtschaftlich stagnierenden Teilen der Provinz an. Seit etwa den 1870er Jahren war das ArbeitskrĂ€ftepotential Westfalens weitgehend ausgeschöpft und die Unternehmen warben immer mehr Arbeiter aus den östlichen Provinzen Preußens und darĂŒber hinaus an. FĂŒr die große Zahl polnisch sprechender Arbeiter entstanden eigene Vereine, Gewerkschaften sowie eine Seelsorge in ihrer Muttersprache. Dadurch entstand im Revier ein besonderer Bevölkerungstyp, der sich vom westfĂ€lischen Umland in einigen Aspekten wie etwa der Sprache unterschied. Im Jahr 1871 hatte die Provinz Westfalen 1,78 Millionen Einwohner, dass waren nur etwas mehr als 14 % mehr als 1858. Bis 1882 stieg die Bevölkerung dann um mehr als 20 % und Ă€hnlich hoch war die Steigerung bis 1895. In den nĂ€chsten zehn Jahren bis 1905 stiegen die Einwohnerzahlen dann um mehr als 30 % auf mehr als 3,6 Millionen. Den stĂ€rksten Zuwachs erlebte dabei der Regierungsbezirk Arnsberg, wo sich die meisten der westfĂ€lischen Industriegemeinden befanden. So stieg die Bevölkerungszahl in den Regierungsbezirken MĂŒnster und Minden von 1818 bis 1905 um etwas mehr als 100 % an, im Regierungsbezirk Arnsberg waren es ĂŒber 400 %.

Einwohnerentwicklung Westfalens 1816–1925
Jahr Einwohner (Mio.)
1816 1,066
1849 1,489
1871 1,775
1880 2,043
1890 2,413
1900 3,137
1910 4,125
1925 4,784
Quelle: Nordrhein-Westfalen.
Landesgeschichte im Lexikon. S.46

Vor allem im Ruhrgebiet, aber abgeschwĂ€cht auch in den ĂŒbrigen sich industrialisierenden Teilen Westfalens, waren die sozialen Folgen der Industrialisierung betrĂ€chtlich. In diesen Gebieten wurde die Arbeiterbevölkerung zu der mit Abstand grĂ¶ĂŸten sozialen Gruppe. Durch die Zuwanderung wuchs die Bevölkerung zeitweise sprunghaft an; es fehlte an gĂŒnstigem Wohnraum und gerade im Ruhrgebiet waren Kost- und SchlafgĂ€nger eine weit verbreitete Erscheinung. Teilweise versuchten die Unternehmen diese Not durch Werkswohnungen oder Bergarbeiterkolonien abzustellen. Der Hintergedanke war freilich auch die Bildung einer firmentreuen Belegschaft, die so von der Arbeiterbewegung fern gehalten werden sollte.

Durch das Bevölkerungswachstum entwickelten sich eine Reihe von StĂ€dten und Gemeinden zu GroßstĂ€dten. WĂ€hrend StĂ€dte wie Dortmund oder Bochum dabei auf eine alte stĂ€dtische Tradition zurĂŒckblicken konnten, wuchsen Orte wie Gelsenkirchen oder Recklinghausen innerhalb weniger Jahrzehnte von kleinstĂ€dtischen oder dörflichen Dimensionen zu einer Großstadt an. Aber auch Witten, Hamm, Iserlohn, LĂŒdenscheid und vor allem Hagen, nunmehr am Rand des Reviers, sowie Bielefeld entwickelten sich zu industriell geprĂ€gten GroßstĂ€dten.

Infrastruktur und Grenzen urbanen Lebens

Ein Kennzeichen der rasch wachsenden IndustriestĂ€dte war das weitgehende Fehlen eines BĂŒrgertums und eines schwachen Mittelstandes. Die StĂ€dte konzentrierten sich zunĂ€chst auf die nötigsten Infrastrukturmaßnahmen wie Ver- und Entsorgungseinrichtungen, öffentlichen Nahverkehr, Schulen u. Ă€. Durch Verbesserung der hygienischen Bedingungen ging die Sterblichkeit (insbesondere die Kindersterblichkeit) deutlich zurĂŒck. Epidemien wie die Cholera spielten keine nennenswerte Rolle mehr. Dagegen zeigten die noch lange Zeit weit verbreitete Tuberkulose, berufsbedingte Erkrankungen wie die Silikose der Bergleute und allgemein die Umweltbelastungen durch Bergbau und Industrie, dass diese positive Entwicklung auch ihre Grenzen hatte.[11]

Erst im weiteren Verlauf verfĂŒgten die neuen RevierstĂ€dte ĂŒber kulturelle Einrichtungen wie Museen oder Theater. Diese konzentrierten sich auf die StĂ€dte mit einer gewissen bĂŒrgerlichen Tradition, wĂ€hrend sie in den rasch gewachsenen zusammengeballten Industriedörfern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fehlten. Ein Defizit des westfĂ€lischen StĂ€dtesystems insgesamt war das nur schwach ausgeprĂ€gte Hochschulwesen. Zwar hatte es bereits im 18. Jahrhundert in MĂŒnster und Paderborn UniversitĂ€ten gegeben, diese waren aber seit Beginn der preußischen Ära nur noch „RumpfuniversitĂ€ten“ mit einem beschrĂ€nkten Lehrangebot. Erst 1902 wurde die Akademie in MĂŒnster wieder zur VolluniversitĂ€t erhoben. In den Ballungsgebieten des Ruhrgebiets begann der Ausbau des Hochschulwesen im Wesentlichen erst nach dem Ende der Provinz seit den 1960er Jahren.

Sozialer Umbruch und Gewerkschaften

Mit der EinfĂŒhrung des allgemeinen Berggesetzes von 1865 endete die bisherige Privilegierung der Bergknappen, und die Bergarbeiter unterschieden sich seither arbeitsrechtlich kaum noch von anderen Arbeitergruppen. Anfangs reagierten sie auf Lohnsenkungen, ArbeitszeitverlĂ€ngerungen usw. wie gewohnt mit Petitionen – meist erfolglos â€“ an die Behörden. Zunehmend begann man sich an den Aktionsformen anderer Arbeitergruppen zu orientieren. Bereits 1872 kam es im Ruhrgebiet zu einer ersten lokal begrenzten, erfolglosen Streikbewegung.

Bergarbeiterstreik 1889 zeitgenössischer Versammlungsaufruf

Im Jahr 1889 entluden sich die seit Jahrzehnten angestauten Spannungen in einem Streik, an dem sich zeitweise etwa 90 % der damals 104.000 Bergarbeiter beteiligten. Begonnen hatte der Ausstand in Bochum (24. April) und Essen (1. Mai). Dem schlossen sich zahlreiche weitere Belegschaften spontan an. Ein zentrales Streikkomitee wurde gebildet. Die Arbeiter verlangten Lohnerhöhungen, die EinfĂŒhrung des Achtstundentages und zahlreiche weitere Forderungen. Dass die alte obrigkeitliche Tradition im Bergbau nicht vergessen war, zeigt die Tatsache, dass das Streikkomitee eine Deputation an Wilhelm II. entsandte. Wenngleich dieser den Streik kritisierte, rĂ€umte er ein, die Beschwerden amtlich prĂŒfen zu lassen. Da gleichzeitig der Verein fĂŒr die bergbaulichen Interessen Entgegenkommen signalisierte, flaute der Streik allmĂ€hlich ab.

Der Ausstand im westfĂ€lischen und rheinischen Steinkohlerevier hatte noch im selben Jahr Vorbildfunktion fĂŒr die Bergarbeiter im Sauerland, im Aachener Revier und selbst in Schlesien. DarĂŒber hinaus hat der Streik deutlich gemacht, dass zur Interessenvertretung Organisationen nötig waren. Bereits am 18. August 1889 wurde in Dortmund-Dorstfeld der zur Unterscheidung weiterer Gewerkschaften spĂ€ter so genannte Alte Verband gegrĂŒndet. Im Jahr 1894 folgte der christliche Bergarbeiterverband, 1902 wurde ein Polnischer Verband gegrĂŒndet. Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine hatten zwar bereits seit den 1880er Jahren Organisationsversuche unternommen, blieben aber unbedeutend. Auch in Hinblick auf die Gewerkschaftsbildung waren die Bergarbeiter fĂŒr andere Berufsgruppen ein Vorbild.

1905 kam es, wieder ausgehend aus dem Bochumer Raum, zu einer umfassenden Streikbewegung, die schließlich in einen Generalstreik aller Bergarbeitergewerkschaften mĂŒndete. Insgesamt beteiligten sich etwa 78 % der Bergleute im Revier an dieser Bewegung. Obwohl der Streik abgebrochen werden musste, hatte er indirekt insofern Erfolg, als die preußische Regierung durch die AbĂ€nderung des Allgemeinen Berggesetzes viele Forderungen der Arbeiter erfĂŒllte. Im Jahr 1912 kam es mit dem Dreibundstreik zu einer vom Alten Verband, der polnischen Gewerkschaft und dem Hirsch-Dunckerschen Verband getragenen Lohnbewegung, wĂ€hrend der christliche Bergarbeiterverband die Beteiligung ablehnte. Daher lag der Anteil der AusstĂ€ndischen auch nur bei 60 %. Der Streik wurde mit großer Erbitterung gefĂŒhrt, gewaltsame Ausschreitungen fĂŒhrten schließlich zum Einsatz von Polizei und MilitĂ€r. Letztlich erfolglos musste die Bewegung schließlich abgebrochen werden.

Neben den Bergarbeitern fĂŒhrten auch Arbeiter anderer Branchen in Westfalen ArbeitskĂ€mpfe. Im Bereich der Metallindustrie konzentrierten diese sich freilich eher auf kleinere und mittlere Betriebe, wĂ€hrend in der Großindustrie die Arbeiterbewegung aus verschiedenen GrĂŒnden kaum Fuß fassen konnte. Gerade die Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie verteidigten notfalls durch Entlassungen ihren „Herr-im-Haus-Standpunkt“. Erleichtert wurde ihnen dies durch eine stark differenzierte innerbetriebliche Struktur, die das Entstehen eines vergleichbaren Gemeinschaftsbewusstsein wie etwa im Bergbau verhinderte.[12]

Politische Kultur im Kaiserreich und wÀhrend der Weimarer Republik

Die politische Kultur Westfalens, die sich vor allem in der langfristigen Entwicklung der Wahlergebnisse widerspiegelt, hing eng mit der unterschiedlichen Konfessions- und Sozialstruktur, aber auch den politischen Traditionen der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts zusammen. Insbesondere die Konfessionsstruktur spielte fĂŒr die westfĂ€lische Entwicklung eine zentrale Rolle. Wie in ganz Deutschland kam es in unterschiedlicher AusprĂ€gung zur Bildung von katholischen und sozialdemokratischen Milieus, die mit ihrem Organisationswesen das Leben ihrer AnhĂ€nger „von der Wiege bis zur Bahre“ in hohen Maße beeinflussten. Weniger deutlich war dies bei Liberalen und Konservativen.

Zentrum

Vor allem seit dem Kulturkampf konnte die Zentrumspartei, anknĂŒpfend an Traditionslinien des VormĂ€rz und der Revolution von 1848/49, die politische Landschaft in den katholischen Teilen der Provinz weitgehend monopolisieren. GestĂŒtzt auf die Konfession wurde die Partei fast unabhĂ€ngig vom jeweiligen sozialen Status gewĂ€hlt, von den katholischen Arbeitern, der Landbevölkerung, dem BĂŒrgertum bis hin zum Adel. Westfalen war eines der Kerngebiete dieser Partei. Wohl nicht zufĂ€llig trafen sich einige Politiker in den 1860er Jahren in Soest um die GrĂŒndung einer katholischen Partei zu diskutieren. Das Soester Programm aus dem Jahr 1870 gilt als eines der GrĂŒndungsdokumente des Zentrums. Mit Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Hermann von Mallinckrodt kamen fĂŒhrende Politiker aus der GrĂŒndungsphase aus der Provinz Westfalen.

Innerhalb des politischen Katholizismus machten sich seit den 1890er Jahren die sozialen Unterschiede in einer regional differenzierten Ausrichtung der Partei deutlich bemerkbar. In ĂŒberwiegend lĂ€ndlichen Gebieten war das Zentrum nicht selten eher konservativ ausgerichtet. Dort spielte der WestfĂ€lische Bauernverein eine einflussreiche Rolle. Er vertrat vorwiegend kleinere und mittlere Bauern; der landsĂ€ssige Adel war bis weit in die Weimarer Republik einflussreich und konnte sich auch politisch behaupten. Im Wahlkreis MĂŒnster-Coesfeld etwa kandidierte Georg Friedrich von Hertling, der spĂ€tere bayerische MinisterprĂ€sident und Reichskanzler von 1903 bis 1912, fĂŒr den Reichstag. Es war kein Zufall, dass der spĂ€tere Reichskanzler Franz von Papen, der auf dem Ă€ußersten rechten FlĂŒgel des Zentrums stand, aus dem eher agrarischen Werl kam und im MĂŒnsterland seine politische Basis hatte.

Dagegen war in industriell geprĂ€gten Teilen der Provinz der soziale Katholizismus besonders stark. Gerade im Ruhrgebiet und im Sauerland spielte diese Variante eine wichtige Rolle. Die christlichen Gewerkschaften etwa waren dort meist stĂ€rker als die sozialdemokratische Konkurrenz; fĂŒhrende sozialpolitisch engagierte Katholiken wie August Pieper und Franz Hitze, die beiden fĂŒhrend im Volksverein fĂŒr das katholische Deutschland tĂ€tig waren, kamen aus Westfalen.

Neben allgemeinen SĂ€kularisierungstendenzen war gerade die soziale Ausrichtung des politischen Katholizismus einer der GrĂŒnde, weshalb das Zentrum wĂ€hrend der krisengeschĂŒttelten Weimarer Republik unter mittelstĂ€ndischen Kreisen an RĂŒckhalt verlor. Im Sauerland etwa bĂŒĂŸte die Partei von 1919 bis 1933 etwa 20 % ihres ursprĂŒnglichen Stimmenanteils ein. Gleichwohl blieb sie in den katholischen Gebieten in der Regel die fĂŒhrende politische Kraft und konnte in MĂŒnster bei der Reichstagswahl 1930 sogar noch leicht zugewinnen, was wohl außer politischen auch lokalpatriotische GrĂŒnde hatte, da der am 29. MĂ€rz 1930 ernannte Reichskanzler Heinrich BrĂŒning aus MĂŒnster stammte.[13]

Sozialdemokraten und Kommunisten

Wilhelm Hasenclever

Die Folge der Dominanz des Zentrums in Westfalen bewirkte, dass der politische Liberalismus, der Konservatismus und die Sozialdemokratie im Wesentlichen auf das protestantische Westfalen beschrĂ€nkt blieben. Es war kein Zufall, dass einige fĂŒhrende Politiker aus der Anfangszeit der Sozialdemokratie wie Carl Wilhelm Tölcke oder Wilhelm Hasenclever zwar aus dem katholischen Sauerland stammten, aber ihre politische Karriere in den benachbarten protestantischen Regionen begannen.

Das mĂ€rkische Sauerland und die Gegend um Bielefeld waren frĂŒh Hochburgen der Sozialdemokratie. Gerade im mĂ€rkischen Bereich war der ADAV von Ferdinand Lassalle und seinen Nachfolgern stark. Vor allem Tölckes Wirken war es zu verdanken, dass bis 1875 die Partei in Iserlohn, Hagen, Gelsenkirchen, Bochum, Minden und Oeynhausen lokale Vereine hatte. Nach der Vereinigung von ADAV und SDAP kandidierte Tölcke als Kandidat der neuen SAP als Spitzenkandidat fĂŒr Westfalen. In Bielefeld bestimmten Persönlichkeiten wie Carl Severing vom Kaiserreich bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik das politische Leben in hohen Maße mit.

Das westfĂ€lische Ruhrgebiet war keinesfalls vor 1933 eine „Herzkammer“ der SPD. Zwar war der sozialdemokratische so genannte Alte Verband die erste Bergarbeitergewerkschaft, kaum schwĂ€cher war aber seit der Wende zum 20. Jahrhundert die christliche Konkurrenz, zu der spĂ€ter eine ebenfalls bedeutende polnische Organisation hinzukam. Nur in ĂŒberwiegend protestantischen Teilen des Reviers – wie in Dortmund â€“ konnte die SPD vor dem Ersten Weltkrieg eine bedeutende StĂ€rke erreichen. Im Ruhrgebiet waren die BergarbeiterfĂŒhrer Otto Hue und Fritz Husemann gleichzeitig auch zentrale Personen der Sozialdemokratie.

Noch direkter als die Zentrumspartei wurde die SPD gerade im Revier von den Krisen der Weimarer Republik getroffen. Die EnttĂ€uschung ĂŒber die Haltung der Partei etwa wĂ€hrend des Ruhrkampfs (1920), die Not der Inflation und der Weltwirtschaftskrise trieb zahlreiche Arbeiter in die Reihen des extremen Linken, zum Teil zunĂ€chst in ihrer syndikalistischen, spĂ€ter in ihrer kommunistischen Form. Im Revier war die KPD bereits vor der Weltwirtschaftskrise eine Massenpartei, wĂ€hrend die SPD vielfach ins Hintertreffen geriet.[14]

Liberale und Konservative

Die SPD konnte wĂ€hrend des Kaiserreichs in gewachsenen StĂ€dten wie Dortmund oder Bielefeld mit einem nennenswerten BĂŒrgertum und einem vergleichsweise starken Mittelstand die politische Landschaft nicht monopolisieren. Dem standen nicht nur das Dreiklassenwahlrecht entgegen, sondern auch beachtliche liberale und konservative KrĂ€fte.

Diese erreichten teilweise sogar die Arbeiterbevölkerung. Im Siegerland etwa blieb die protestantische Arbeiterbevölkerung lange Zeit konservativ oder hing der Christlich-Sozialen Partei des Antisemiten Adolf Stoecker an. Dieser nahm 1881 auch das Reichstagsmandat des Wahlkreises Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf an. Erst wĂ€hrend der Weimarer Republik gelang es dort den sozialistischen Parteien wirklich Fuß zu fassen.

Minden-Ravensberg blieb bis zur Reichstagswahl 1912 eine Hochburg der Deutschkonservativen Partei. Danach fiel der Wahlkreis Minden-LĂŒbbecke an die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei.

Der SĂŒden der alten Grafschaft Mark und insbesondere der Reichstagswahlkreis Hagen-Schwelm war eine Hochburg des Liberalismus, vor allem der linksliberalen Deutschen Freisinnigen Partei von Eugen Richter, der bis 1906 auch das dortige Reichstagsmandat innehatte.

Ohne ein festes, alle Lebensbereiche umschließendes Milieu gingen vor allem die ehemaligen WĂ€hler der Liberalen und Konservativen wĂ€hrend der Weltwirtschaftskrise zu den Nationalsozialisten ĂŒber.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Weltkrieg und Revolution

Auch in Westfalen herrschte zu Beginn des Ersten Weltkrieges ĂŒberwiegend nationaler Überschwang. Im Gegensatz etwa zur verbreiteten Kriegsskepsis 1866 und 1870/71 erfasste die Begeisterung nicht nur die protestantischen, sondern auch die katholischen Teile der Provinz und machte auch vor der Arbeiterbevölkerung nicht Halt. Aus Arnsberg berichtete die Lokalzeitung anlĂ€sslich der österreichischen Mobilisierung etwa: „Plötzlich stimmte jemand das Lied Deutschland, Deutschland ĂŒber alles an und sofort stimmte die Menge mit Begeisterung ein. (
) WĂ€hrenddessen zogen mehrere Trupps durch die Straßen, ihrer Sympathie fĂŒr die verbĂŒndete Donaumonarchie und ihrer Kriegsbegeisterung durch das Absingen patriotischer Lieder Ausdruck gebend. Aus den gefĂŒllten Lokalen drangen laute Kundgebungen der Begeisterung nach draußen. Erst spĂ€t in der Nacht trat endlich Ruhe ein.“ Ganz Ă€hnlich lauteten die Berichte auch in anderen Teilen der Provinz.[15]

Der Kriegsalltag, insbesondere die kurze Phase verstĂ€rkter Arbeitslosigkeit unmittelbar nach Kriegsbeginn, steigende Preise, Lebensmittelmangel und der Hunger in den IndustriestĂ€dten wĂ€hrend der zweiten KriegshĂ€lfte dĂ€mpften die anfĂ€ngliche Begeisterung schnell wieder. AllmĂ€hlich begann auch in der Provinz das bestehende politische System an Legitimation zu verlieren. Innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung fĂŒhrte die Kritik an der Politik des „Burgfriedens“ 1917 zur Abspaltung der USPD. Zwar gingen ĂŒberall in Westfalen die Mitgliederzahlen der SPD stark zurĂŒck, aber nur wenige LokalverbĂ€nde wie in Hagen und Schwelm gingen zur neuen Partei geschlossen ĂŒber. Die fĂŒr Westfalen wichtige Zentrumspartei unterstĂŒtzte an ihrer Spitze bis zum Ende die monarchische Regierung, unter ihren WĂ€hlern dagegen verbreitete sich mehr und mehr ebenfalls KriegsmĂŒdigkeit.

Seit Anfang 1918 kam es auch in Westfalen verstĂ€rkt zu sozialen Unruhen und zahlreichen Streiks in verschiedenen Teilen der Provinz. Die eigentliche Revolution kam freilich von außen. Am 8. November 1918 erreichten meuternde Seeleute der Hochseeflotte mit dem Zug Westfalen. Ihnen schlossen sich in Bielefeld, MĂŒnster und bald in der ganzen Provinz die Truppen der dortigen Garnisonen an und ĂŒberall bildeten sich Arbeiter- und SoldatenrĂ€te. Diese standen zunĂ€chst ĂŒberwiegend hinter der Revolutionsregierung von Friedrich Ebert und traten fĂŒr eine parlamentarische Demokratie ein. Ihre Teilnehmer setzten sich in Westfalen vor allem aus AnhĂ€ngern der sozialdemokratischen Parteien zusammen. In den katholischen Gebieten beteiligten sich teilweise auch Mitglieder der christlichen Gewerkschaften. Die breite Zustimmung zur Revolution Ă€nderte sich allerdings schon im Vorfeld der Wahlen zur Nationalversammlung, als sich die Katholiken gegen den neuen „Kulturkampf“ des Ministers Adolf Hoffmann (USPD) wandten. Zeitweise gab es sogar Sympathien fĂŒr die GrĂŒndung einer unabhĂ€ngigen „Rheinisch-WestfĂ€lischen Republik“.

Die Provinz in der Weimarer Republik

Provinziallandtagswahlen 1921–1933 (Stimmen in %)
Jahr Zentrum SPD DVP DNVP KPD DDP NSDAP Sonstige
1921 35,5 24,7 13,0 8,8 7,3 4,4 – 6,3
1925 35,1 22,8 11,7 10,7 9,3 2,7 – 2,2
1929 32,9 22,1 8,7 6,3 9,3 2,5 2,9 12,5
1933 28,2 15,1 – 6,8 10,3 – 36,2 2,3
Quelle:[16]

Im Januar begannen sich Teile gerade der westfĂ€lischen Arbeiter- und SoldatenrĂ€te zu radikalisieren. Zusammen mit der Kampagne fĂŒr eine Sozialisierung des Bergbaus kam es zu einer breiten Streikbewegung im rheinischen und westfĂ€lischen Ruhrgebiet. Auf der politischen Rechten begannen sich auf Anordnung des regulĂ€ren Generalkommandos in MĂŒnster auch in der Provinz Freikorps zu bilden. Als diese begannen, gegen die Streikenden vorzugehen, erreichte der Ausstand seinen Höhepunkt mit 400.000 Streikenden im ganzen Revier. Äußerlich wurde die Ruhe durch Carl Severing – den fĂŒhrenden Bielefelder Sozialdemokraten und preußischen Staatskommissar â€“ wieder hergestellt, ohne jedoch die Lage wirklich zu entspannen.

Bereits mit dem Beginn des Kapp-Putsches im MĂ€rz 1920 entbrannten in RuhrgebietsstĂ€dten wie Bochum, Wetter, Witten, Herne, Haltern, aber auch in Hagen nicht nur wie ĂŒberall im Reich Streiks, sondern zum Teil gewaltsame Unruhen, wobei sich die Arbeiter durchaus erfolgreich gegen die Freikorps wandten. Die Arbeiter waren dabei ĂŒberwiegend AnhĂ€nger der USPD, der KPD und der syndikalistischen FAUD. Nach der Kapitulation Kapps legten die Arbeitermilizen ihre Waffen nicht nieder; vielmehr entstand eine „Rote Ruhrarmee“ von bis zu 100.000 Mann, die das Ruhrgebiet weitgehend kontrollierte und bis weit ins MĂŒnsterland vorrĂŒckte. Zwar gelang es Severing, einen Waffenstillstand zu erzielen, aber die aus dem ganzen Reich zusammengezogenen Reichswehrtruppen und Freikorps gingen dennoch gewaltsam gegen die AufstĂ€ndischen vor. Unter hohen Opferzahlen vor allem auf Seiten der Arbeiter brach der Aufstand am 8. April 1920 zusammen.

50 Millionen Mark, Westfalen 1923

Die Normalisierung war im Ruhrgebiet jedoch nur vorlĂ€ufig, da seit dem 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen das Revier bis zur Lippe besetzten. Damit begann der sogenannte Ruhrkampf. Die Folge war die Proklamation des passiven Widerstandes durch die Reichsregierung, der aber schließlich abgebrochen werden musste. Die Kosten dafĂŒr waren ein entscheidender Faktor fĂŒr den Beginn der Hyperinflation. Die Provinz Westfalen prĂ€gte in der Inflationszeit eigene Notgeld-KursmĂŒnzen mit den Portraits von Annette von Droste-HĂŒlshoff, Freiherr vom Stein und dem Wappentier „Westfalenroß“ bis hinauf zum Nennwert von einer Billion.

Nach der WĂ€hrungsreform von 1923 stabilisierten sich die politischen und wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse in der Provinz fĂŒr einige Jahre. Allerdings machte 1928 der Ruhreisenstreit und die Aussperrung von 200.000 Arbeitern deutlich, wie brĂŒchig der soziale Friede war.

Reichs- und Kommunalreformen

WĂ€hrend der Weimarer Republik stellten die Diskussionen um eine Reichsreform auch die bisherige territoriale Existenz der Provinz in Frage. Zur Verteidigung setzte die Provinzialverwaltung auf eine volkskundliche und historische Legitimierung eines historischen „Raums Westfalen“. Das fĂŒhrte seit 1931 zur Veröffentlichung eines gleichnamigen mehrbĂ€ndigen Werkes. Dieses ging der Frage nach, ob es in Nordwestdeutschland einen Raum Westfalen gĂ€be, der sich von anderen Teilen dieses geografischen Raums unterscheiden wĂŒrde. Das Ergebnis war nicht ganz eindeutig. Einig war man sich aber, dass etwa das Land Lippe, der Regierungsbezirk OsnabrĂŒck, Teile des Landes Oldenburg und einige andere Gebiete außerhalb der Provinz zum historischen „Raum Westfalen“ gehören wĂŒrden.

WĂ€hrend der Republik gingen Eingemeindungen und damit die Großstadtbildung, die 1875 in MĂŒnster begonnen hatte, weiter und erreichte mit dem „Gesetz zur kommunalen Neugliederung des rheinisch-westfĂ€lischen Ruhrgebiets“ ihren Höhepunkt. Eine ganze Reihe von Landkreisen (z. B. Dortmund, Hörde, Bochum) wurden aufgelöst und die zugehörigen Gebiete meist den grĂ¶ĂŸeren nun meist kreisfreien StĂ€dten zugeordnet. Daneben entstanden mit dem Ennepe-Ruhrkreis und der Stadt Oberhausen neue territoriale Gebilde. Ebenfalls neu war der 1920 gegrĂŒndete Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk als kommunaler Zusammenschluss der RuhrgebietstĂ€dte.

Westfalen in der Zeit des Nationalsozialismus

Wie in Deutschland insgesamt war die NSDAP in Westfalen bei der Reichstagswahl 1928 noch eine völlig unbedeutende Splitterpartei. Im Regierungsbezirk Arnsberg kam sie nur auf 1,6 %. Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise nahm die Bedeutung der Partei aber rasch zu. Im Bezirk Arnsberg erzielte sie bereits 1930 fast 14 %. Vor allem abhĂ€ngig von Sozial- und Konfessionsstruktur gab es allerdings erhebliche Unterschiede. Kam die NSDAP im Reichsdurchschnitt bei der letzten halbwegs freien Reichstagswahl auf fast 44 %, waren es im (ĂŒberwiegend katholischen) Regierungsbezirk MĂŒnster nur 28,7 %, im (gemischtkonfessionellen) Regierungsbezirk Arnsberg 33,8 % und im (ĂŒberwiegend protestantischen) Regierungsbezirk Minden 40,7 %.[17]

Vergleich des Wahlverhaltens in katholischen und protestantischen Teilgebieten bei der Reichstagswahl vom 5. MĂ€rz 1933 (in %)[18]
Gebiet NSDAP SPD KPD Zentrum DNVP DVP DDP Sonstige
Kreis Iserlohn 40,35 16,36 16,01 16,58 6,39 0,68 0,46 3,18
Stadt LĂŒdenscheid 32,75 20,79 22,85 6,87 9,19 1,61 1,63 4,32
Kreis Meschede 23,14 3,06 6,49 60,99 5,68 0,25 0,13 0,28
Kreis Olpe 14,34 6,88 5,83 69,12 3,29 0,24 0,09 0,22

Ein Hauptkennzeichen der Geschichte der Provinz zwischen 1933 und 1945 war, dass sich die Entwicklung im Zuge der Gleichschaltung und der Etablierung der Diktatur kaum noch von anderen Teilen Deutschlands unterschied. ZurĂŒckgreifen konnten die neuen Machthaber auf die bereits vor 1933 zahlenmĂ€ĂŸig starken NSDAP-Gaue Westfalen-Nord (Sitz MĂŒnster) unter den Gauleitern Dr. Alfred Meyer (seit 1938 auch OberprĂ€sident) und Westfalen-SĂŒd (Sitz Bochum) unter Josef Wagner.

Gleichschaltung und Durchsetzung der Diktatur

Unmittelbar nach der Machtergreifung wurden Politiker und Beamte entlassen, die dem Zentrum oder der SPD nahe standen. Zu diesen gehörte der Arnsberger RegierungsprĂ€sident Max König (SPD). Einige LandrĂ€te oder BĂŒrgermeister wie Karl Zuhorn in MĂŒnster, Curt Heinrich TĂ€ger in Herne und Cuno Raabe in Hagen wurden nicht zuletzt deshalb aus dem Amt entfernt, weil sie sich geweigert hatten, auf den RathausdĂ€chern die Hakenkreuzfahne zu hissen. Der Landeshauptmann Franz Dieckmann (Zentrum) wurde entlassen und durch den Nationalsozialisten Karl-Friedrich Kolbow ersetzt. Ebenso entlassen wurde der OberprĂ€sident Johannes Gronowski (Zentrum). Ersetzt wurde dieser durch den nationalkonservativen Ferdinand Freiherr von LĂŒninck. Dessen Person ist ungewöhnlich, da er als Katholik Mitglied der DNVP war. Als Nicht-Nationalsozialist hat er dazu beigetragen, die Akzeptanz des Regimes in Westfalen zu erhöhen und hat die Maßnahmen der Regierung in den ersten Jahren umgesetzt.

Zahlreiche AnhĂ€nger und FunktionĂ€re – insbesondere der Arbeiterparteien â€“ wurden verhaftet und zumindest zeitweise in ein KZ eingeliefert. Am Boykott jĂŒdischer GeschĂ€fte am 1. April beteiligte sich auch in Westfalen die Bevölkerung in zahlreichen Gemeinden. Nach dem 1. Mai 1933 wurden auch in Westfalen die GewerkschaftshĂ€user der freien Gewerkschaften besetzt. In Neheim hat sich der örtliche Gewerkschaftschef daraufhin umgebracht. Am 10. Mai 1933 wurden auch in StĂ€dten der Provinz wie in MĂŒnster BĂŒcher verbrannt.

Anpassung und Widerstand

Clemens August Kardinal Graf von Galen (MĂŒnster)

Wie ĂŒberall passte sich die Bevölkerung mehrheitlich den Anforderungen des Regimes zu einem nicht unbetrĂ€chtlichen Teil bereitwillig an. Die in der Provinz starken christlichen Gewerkschaften hofften, kurzfristig an die Stelle der verbotenen freien Organisationen treten zu können und dienten sich in unterwĂŒrfigen Äußerungen den Nationalsozialisten an, ehe auch sie in der Deutschen Arbeitsfront aufgingen.

Die aktiv Widerstand Leistenden waren auch in Westfalen eine kleine Minderheit. Ein starkes Motiv fĂŒr sie war die konfessionelle Bindung. Etwa tausend Priester der katholischen Kirche erlitten zumindest vorĂŒbergehende Verhaftungen oder Verfolgungen. Einige wurden in Konzentrationslager eingeliefert; mindestens 15 starben dort. Auch die Amtsniederlegung des OberprĂ€sidenten Ferdinand LĂŒninck im Jahr 1938 und dessen spĂ€tere Hinrichtung im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 waren religiös motiviert. Reichsweit bekannt wurden die gegen die Euthanasie gerichteten Predigten des MĂŒnsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen.

Aus Ă€hnlichen GrĂŒnden wurden auch eine Reihe evangelischer Pfarrer verhaftet und teilweise in KZ eingeliefert. Im Übrigen war auch in der altpreußischen Kirchenprovinz Westfalen die Kirche vom Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche betroffen. WĂ€hrend zu Beginn die dem Regime nahestehenden Deutschen Christen in den Presbyter- und Synodalwahlen meist gewannen, wurde in Westfalen 1934 mit PrĂ€ses Karl Koch ein entschiedener Gegner dieser Bewegung zum Oberhaupt der Kirchenprovinz gewĂ€hlt.

Mahnmal im Dortmunder Rombergpark fĂŒr die Ermordungen an Karfreitag 1945

Deutlich politisch motiviert war der Widerstand der Angehörigen der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Dortmund war Zentrum eines sich trotz Verhaftungen immer wieder neu formierenden kommunistischen Widerstandes. Selbst Anfang 1945 verhaftete die Gestapo noch 28 Kommunisten, die zusammen mit 280 anderen HĂ€ftlingen und Kriegsgefangenen im MĂ€rz/April in der Dortmunder Bittermark hingerichtet wurden. Die AnhĂ€nger der SPD waren meist weniger offensiv, ihnen ging es vor allem darum, die alten Kontakte aufrechtzuerhalten und Informationen auszutauschen. Wegen ihrer zersplitterten Organisation waren diese Gruppen etwa um Fritz Henßler von der Geheimpolizei auch kaum aufzuspĂŒren. Erst nach und nach, teilweise erst 1937, wurde auch diese zerschlagen.

In Dortmund und anderen grĂ¶ĂŸeren westfĂ€lischen StĂ€dten gab es daneben Gruppen der Edelweißpiraten, informelle JugendbĂŒnde mit unangepasstem und teils widerstĂ€ndigem Verhalten.

Judenverfolgung und Euthanasie

In den Novemberpogromen wĂ€hrend und nach dem 9. November 1938 kam es auch in der Provinz zur Brandschatzung der Synagogen und teilweise, wie in LĂŒnen, auch zur Ermordung jĂŒdischer BĂŒrger. Gut dokumentiert sind die VorgĂ€nge in Medebach. Wie im ganzen Reich wurde die jĂŒdische Gemeinschaft auch in Westfalen fast völlig vernichtet. In Dortmund gab es 1933 etwa 4000 Juden, von diesen fielen 44 bis 1939 den verschiedenen Verfolgungsmaßnahmen des Regimes zum Opfer. Hinzu kamen natĂŒrliche TodesfĂ€lle. Über 1000 starben zwischen 1940 und 1945 in den Konzentrationslagern und noch 200 durch EntkrĂ€ftung in den ersten Nachkriegsmonaten. Einem Teil gelang bis 1941 die Flucht ins Ausland. In ganz Westfalen sank die Zahl der jĂŒdischen Bevölkerung zwischen 1933 von etwa 18.000 auf etwas mehr als 7000 im Jahr 1939. Diese Zahl sank bis zum Beginn der systematischen Deportationen in die Vernichtungslager noch einmal auf 5800 (1941) ab. An der Wannseekonferenz war auch der OberprĂ€sident Alfred Meyer in seiner Eigenschaft als StaatssekretĂ€r im Ministerium fĂŒr die besetzten Ostgebiete beteiligt. In Westfalen begannen die Deportationen am 10. Dezember 1941 mit Transporten aus dem MĂŒnsterland, einige Tage spĂ€ter folgten Bielefeld und der Regierungsbezirk Arnsberg. Bereits Ende MĂ€rz 1943 gab es in ganz Westfalen nur noch etwa 800 Juden. Bei ihnen dĂŒrfte es sich vor allem um geschĂŒtzte Personen im Rahmen von Mischehen und sogenannte Geltungsjuden gehandelt haben. Nach dem Krieg kamen nur wenige von ihnen in die Region zurĂŒck. Zu ihnen gehörte der Schmallenberger Hans Frankenthal, der spĂ€ter ĂŒber seine Erlebnisse berichtete, und die Familie des 2006 verstorbenen Paul Spiegel (bis zu seinem Tod Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland) aus Warendorf.

Insbesondere in den Heil- und PflegestĂ€tten, die direkt der Provinz unterstanden, war die Zahl der Tötungen im Rahmen des so genannten Euthanasieprogramms hoch. Die meisten davon betroffenen erwachsenen Patienten wurden außerhalb der Provinz meist im Zuchthaus Brandenburg ermordet. Die Tötung geistig behinderter Kinder erfolgte aber auch in Niedermarsberg im Sauerland in der dortigen Provinzialanstalt. Etwa 3000 westfĂ€lische Patienten waren insgesamt betroffen, von denen etwa 1350 in Hadamar nachweislich getötet worden sind. Inklusive der spĂ€teren Opfer ist von einer Gesamtzahl von etwa 3000 getöteten Patienten auszugehen. Allerdings gelang es den Betheler Anstalten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis zum Kriegsende eine Tötung ihrer Patienten zu verhindern.

Zweiter Weltkrieg in Westfalen

Mahnmal im Stammlager VI-A in Hemer

Sieht man vom Übergang zur Kriegswirtschaft und der EinfĂŒhrung von Lebensmittelkarten ab, war der Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft, in Fabriken und Bergwerken ein erstes Anzeichen dafĂŒr, dass der Krieg auch die Provinz erreicht hatte.[19] Die grĂ¶ĂŸten Kriegsgefangenenlager waren das Stalag 326-VI-K bei Stukenbrock (Senne) und das Stalag 326-VI-A in Hemer. Hinzu kamen weitere Lager in der gesamten Provinz. Allein in Stukenbrock starben nach einigen Angaben ĂŒber 65.000 meist sowjetische Soldaten. Ähnliche SchĂ€tzungen gibt es auch fĂŒr Hemer, wenngleich die amtlich festgestellten Todeszahlen deutlich niedriger liegen.

Mit den alliierten Luftangriffen erreichte der Krieg die Zivilbevölkerung direkt (Luftangriffe auf das Ruhrgebiet). Einen ersten Luftangriff erlebte MĂŒnster bereits 1940 und die Stadt wurde noch vor dem Beginn flĂ€chendeckender Bombardements 1941 Ziel schwerer Nachtangriffe. Insgesamt starben durch Luftangriffe in der Stadt ĂŒber tausend Personen. Allein in Bochum zĂ€hlte man ĂŒber 4000 Tote und nur noch 35 % des Baubestandes von 1939 war 1945 dort unbeschĂ€digt. Ganz Ă€hnlich war es in anderen StĂ€dten nicht nur im Ruhrgebiet und den GroßstĂ€dten, sondern auch an der Peripherie. Die StĂ€dte Soest und Meschede beispielsweise wurden zu großen Teilen zerstört, aber auch kleine Landgemeinden wie Fredeburg erlitten durch alliierte Luftangriffe teils massive VerwĂŒstungen. Im Mai 1943 zerstörten britische Flieger die Staumauer des Möhnestausees. In den Fluten von Möhne und Ruhr kamen Tausende um. In Neheim waren davon vor allem Kriegsgefangene eines örtlichen Zwangsarbeiterlagers betroffen.

Karte des Ruhrkessels

Gegen Ende MĂ€rz 1945 erreichte dann auch der Bodenkrieg das Land zwischen Rhein und Weser. Im Kampf um den so genannten Ruhrkessel kam es noch einmal zu heftigen und verlustreichen KĂ€mpfen zwischen deutschen und alliierten Truppen. Im Waldgebiet um Winterberg, Medebach und Schmallenberg kam es zu Ostern 1945 zu verlustreichen InfanteriekĂ€mpfen. Der Widerstand war allerdings vergeblich und am 1. April erreichten amerikanische Truppen Paderborn und trafen dabei auf die von Norden vorgestoßenen Einheiten. Erst am 18. April 1945 kapitulierten die letzten Einheiten der Wehrmacht in Westfalen und beendeten damit den Zweiten Weltkrieg in diesem Gebiet.

Das Ende der Provinz

Das Gebiet der Provinz Westfalen gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zur Britischen Besatzungszone. Die Grenze nach Hessen war gleichzeitig die Grenze zwischen britischer und amerikanischer Zone. An die westfĂ€lischen Kreise Siegen und Olpe grenzte die französische Zone. Bis zum Umzug nach Berlin war Bad Oeynhausen Sitz der britischen MilitĂ€rregierung. Diese bediente sich dabei weitgehend der deutschen Verwaltungsstrukturen. Sie ernannten im Juli 1945 Rudolf Amelunxen zum neuen OberprĂ€sidenten fĂŒr die Provinz. In Ă€hnlicher Weise wurden neue RegierungsprĂ€sidenten fĂŒr Arnsberg (Fritz Fries), Minden und MĂŒnster bestellt. Zu Beginn des Jahres 1946 wurde zudem eine neue politische Volksvertretung – der Provinzialrat â€“ eingesetzt. Ihre Mitglieder kamen nach einem festgesetzten SchlĂŒssel aus den inzwischen neu- oder wiedergegrĂŒndeten Parteien. Die SPD stellte 35, die CDU 30, die KPD 20, das Zentrum 10, die FDP 5 Abgeordnete. Mit der Auflösung der preußischen Provinzen in der britischen Besatzungszone und der GrĂŒndung des Landes Nordrhein-Westfalen am 23. August 1946[20] (auf Beschluss des britischen Kabinetts im Juni 1946) war das Ende der Provinz besiegelt. Im Jahr 1947 verlor das Land Lippe mit Beitritt nach Nordrhein-Westfalen seine SelbststĂ€ndigkeit und aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Minden wurde der vergrĂ¶ĂŸerte Bezirk Detmold gebildet. Noch vor dem bekannten Kontrollratsgesetz Nr. 46 betreffend der Auflösung des Staates Preußen vom 25. Februar 1947 war die Provinz somit lĂ€ngst von der politischen BildflĂ€che verschwunden. Mit GrĂŒndung der Bundesrepublik Deutschland und der GĂŒltigkeit des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 wurde Nordrhein-Westfalen dann zum Bundesland, in dem Westfalen als Landesteil weiterbesteht.

OberprÀsidenten der Provinz Westfalen

OberprÀsidenten der Provinz Westfalen
Amtszeit Name
1816 bis 1844 Ludwig Friedrich Freiherr von Vincke
1845 bis 1846 Justus Wilhelm Eduard von Schaper
1846 bis 1850 Eduard Heinrich Flottwell
1850 bis 1871 Franz Gerhard Xaver von Duesberg
1871 bis 1882 Friedrich von KĂŒhlwetter
1883 bis 1889 Robert Eduard von Hagemeister
1889 bis 1899 Heinrich Konrad Studt
1899 bis 1911 Gustav Wilhelm Eberhard Freiherr von der Recke von der Horst
1911 bis 1919 Karl Prinz von Ratibor und Corvey
1919 Felix Friedrich Graf von Merveldt, DNVP
1919 bis 1922 Bernhard Wuermeling, Zentrum
1922 Felix Friedrich Graf von Merveldt, DNVP
1922 bis 1933 Johannes Gronowski, Zentrum
1933 bis 1938 Ferdinand Freiherr von LĂŒninck, DNVP
1938 bis 1945 Alfred Meyer, NSDAP
1945 bis 1946 Rudolf Amelunxen, Zentrum

Anmerkungen

  1. ↑ Jacob Venedey: Preußen und das Preußentum. Mannheim, 1839. S.202, zit. nach Conrad, Westfalen im VormĂ€rz, S.5
  2. ↑ vergl. zur Ablösefrage etwa: Keinemann, Westfalen im Zeitalter der Restauration, S.59-68.
  3. ↑ zit. nach: Michael Epkenhans: WestfĂ€lisches BĂŒrgertum, preußische Verfassungsfrage und Nationalstaatsgedanke 1830–1871. In: Teppe/Epkenhans, Westfalen und Preußen, S.126.
  4. ↑ zu den Anfangsjahren der Provinz etwa: Karl Teppe, Michael Epkenhans: Westfalen und Preußen. Integration und Regionalismus. Paderborn 1991, ISBN 3-506-79575-9.
  5. ↑ Epkenhans, S.129
  6. ↑ Johann Friedrich Josef Sommer: Juristische ZeitlĂ€ufe. In: Neues Archiv fĂŒr Preußisches Recht und Verfahren sowie fĂŒr deutsches Privatrecht Jg.1850
  7. ↑ Epkenhans, S.130.
  8. ↑ vergl zur Revolution 1848/49 und zum VormĂ€rz: Wilfried Reinighaus / Horst Conrad (Hrsg.): FĂŒr Freiheit und Recht. Westfalen und Lippe in der Revolution 1848/49. MĂŒnster 1999, ISBN 3-402-05382-9
  9. ↑ Ein zeitgenössischer Bericht: Johann Nepomuk Schwerz: Beschreibung der Landwirtschaft in Westfalen. Erstausgabe 1836 (Faksimile MĂŒnster, o.J.), vergl. zur weiteren Entwicklung: Michael Kosidis: Marktintegration und Entwicklung der westfĂ€lischen Landwirtschaft 1780–1880: marktorientierte ökonomische Entwicklung eines bĂ€uerlich strukturierten Agrarsektors. MĂŒnster, 1996.
  10. ↑ vergl. zur Krise des Leinengewerbes: Keinemann, Westfalen im Zeitalter der Restauration, S.68ff.
  11. ↑ vergl. dazu: Das Öffentliche Gesundheitswesen im Regierungs-Bezirk Arnsberg: Gesamtbericht. (Insgesamt 4 Ausg. erschienen). Arnsberg, 1888–1894.
  12. ↑ zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert vergl. etwa: Detlef Briesen u.a.: Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte Rheinlands und Westfalens. Köln 1995, ISBN 3-17-013320-9
  13. ↑ vergl.: Rainer FeldbrĂŒgge: Das WestfĂ€lische Zentrum 1918–1933: politische Kultur im katholischen Milieu. Diss. Uni Bielefeld, 1994.
  14. ↑ vergl. zur Sozialdemokratisierung des Ruhrgebiets v.a. nach dem Zweiten Weltkrieg: Karl Rohe: Vom sozialdemokratischen Armenhaus zur Wagenburg der SPD. Politischer Strukturwandel nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Geschichte und Gesellschaft 4/1987. S.508–534.
  15. ↑ Centralvolksblatt 171/1914 vom 28.07.
  16. ↑ Zahlen aus Artikel Westfalen ĂŒbernommen (ursprĂŒngliche Fassung s. Diskussionsseite), Daten konnten bislang nicht verifiziert werden!
  17. ↑ Zahlen nach: Klaus Wisotzky: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. In: Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon. S.307
  18. ↑ Dabei reprĂ€sentieren der Kreis Iserlohn und die Stadt LĂŒdenscheide das protestantische und die Kreise Meschede und Olpe das katholische Westfalen. Quelle: Statistik des Deutschen Reiches
  19. ↑ dazu etwa: Wilfried Reininghaus: Zwangsarbeit und Zwangsarbeiter in Westfalen 1939–1945. Quellen des Staatsarchivs MĂŒnster. In: Der Archivar 53/2000 S.114–121.
  20. ↑ Verordnung Nr. 46 – Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbstĂ€ndige LĂ€nder.

Literatur

  • Hans-Joachim Behr: Rheinland, Westfalen und Preußen in ihrem gegenseitigen VerhĂ€ltnis 1815–1945. In: WestfĂ€lische Zeitschrift 133/1983, S. 37ff.
  • Ralf Blank: Kriegsendphase und „Heimatfront“ in Westfalen, in: WestfĂ€lische Forschungen 55 (2005), S. 361–421.
  • Detlef Briesen u.a.: Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte Rheinlands und Westfalens. Köln 1995, ISBN 3-17-013320-9
  • Gustav Engel. Politische Geschichte Westfalens. Köln 1968.
  • Harm Klueting: Geschichte Westfalens. Das Land zwischen Rhein und Weser vom 8. bis zum 20. Jahrhundert. Paderborn 1998, ISBN 3-89710-050-9.
  • Friedrich Keinemann: Westfalen im Zeitalter der Restauration und der Julirevolution 1815–1833. Quellen zur Entwicklung der Wirtschaft, zur materiellen Lage der Bevölkerung und zum Erscheinungsbild der Volksstimmung. MĂŒnster 1987.
  • Wilhelm Kohl: Kleine WestfĂ€lische Geschichte. DĂŒsseldorf 1994, ISBN 3-491-34231-7.
  • Wilhelm Kohl (Hrsg.): WestfĂ€lische Geschichte. Bd.2: Das 19. und 20. Jahrhundert. Politik und Kultur. DĂŒsseldorf 1983, ISBN 3-590-34212-9.
    Darin u.a.: Hans-Joachim Behr: Die Provinz Westfalen und das Land Lippe 1813–1933, S. 45–165, Alfred Hartlieb von Wallthor: Die landschaftliche Selbstverwaltung, S. 165–210, Bernd Hey: Die nationalsozialistische Zeit, S. 211–268, Karl Teppe: Zwischen Besatzungsregime und politischer Neuordnung, S. 269–341.
  • Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon. Red. Anselm Faust u.a. DĂŒsseldorf 1993, ISBN 3-491-34230-9.
  • Armin Nolzen: Die westfĂ€lische NSDAP im „Dritten Reich“, in: WestfĂ€lische Forschungen 55 (2005), S. 423–469.
  • Wilfried Reinighaus / Horst Conrad (Hrsg.): FĂŒr Freiheit und Recht. Westfalen und Lippe in der Revolution 1848/49. MĂŒnster 1999, ISBN 3-402-05382-9
    Darin u.a.: Horst Conrad: Westfalen im VormĂ€rz, S. 5–13, Wilfried Reininghaus: Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte des VormĂ€rz in Westfalen und Lippe, S. 14–21, Ders., Axel Eilts: FĂŒnfzehn Revolutionsmonate. Die Provinz Westfalen vom MĂ€rz 1848 bis Mai 1849. S. 32-73.
  • Wilhelm Ribhegge: Preussen im Westen. Kampf um den Parlamentarismus in Rheinland und Westfalen. MĂŒnster, 2008 (Sonderausgabe fĂŒr die Landeszentrale fĂŒr politische Bildung NRW)
  • Karl Teppe, Michael Epkenhans: Westfalen und Preußen. Integration und Regionalismus. Paderborn 1991, ISBN 3-506-79575-9.
    Darin u.a.: Michael Epkenhans: WestfĂ€lisches BĂŒrgertum, preußische Verfassungsfrage und Nationalstaatsgedanke 1830–1871.
  • Alfred Hartlieb von Wallthor: Die Eingliederung Westfalens in den preußischen Staat. In: Peter Baumgart (Hrsg.): Expansion und Integration. Zur Eingliederung neugewonnener Gebiete in den preußischen Staat. Köln 1984, S. 227ff.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Province of Westphalia â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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