Rechtswissenschaft

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Rechtswissenschaft

Die Rechtswissenschaft oder Jurisprudenz (von lat. iuris prudentia) befasst sich mit der Auslegung, der systematischen und begrifflichen Durchdringung gegenwĂ€rtiger und geschichtlicher juristischer Texte und sonstiger rechtlicher Quellen. Eine sachgerechte Deutung juristischer Texte schließt eine wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit der Entstehung und der Anwendung von Rechtsquellen und Normen ein. Grundlegend fĂŒr diese Arbeit ist ein VerstĂ€ndnis der Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie. Die vorgenannten Disziplinen werden zusammen mit der Rechtsdogmatik und Methodenlehre auch im Plural als Rechtswissenschaften bezeichnet.

Eine klassische Definition dessen, was Rechtswissenschaft ist, gibt der römische Jurist Ulpian: Rechtswissenschaft ist die Kenntnis der menschlichen und göttlichen Dinge, die Wissenschaft vom Gerechten und Ungerechten. „Iuris prudentia est divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque iniusti scientia“ (Domitius Ulpianus: Ulpian primo libro reg., Digesten 1,1,10,2). Das „Göttliche“ im Sinne des kanonischen Rechts ist zwar lange nach der AufklĂ€rung, aber nun dennoch endgĂŒltig als Pflichtfach aus den rechtswissenschaftlichen LehrplĂ€nen entfernt worden.

In Deutschland findet sich noch heute der Pluralbegriff Jura (lat. „die Rechte“), die Singular-Form Jus oder das lateinische Ius ist eher in Österreich und der Schweiz gebrĂ€uchlich.

Neben dem weltlichen Recht und ihrer Rechtswissenschaft gibt es noch religiös begrĂŒndete Rechtswissenschaften. Das christliche Recht wird im deutschen Sprachraum oft als Kirchenrecht bezeichnet. Das Recht der katholischen Kirche ist das kanonische Recht. Mit dem Recht des Islam (Schari'a) beschĂ€ftigt sich die islamische Rechtswissenschaft (Fiqh). Neben der Theologie, Medizin und Philosophie ist die Rechtswissenschaft eine der klassischen UniversitĂ€tsdisziplinen.

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftstheoretische Einordnung der Rechtswissenschaft

Die Rechtswissenschaft ist eine hermeneutische Disziplin. Die durch die Philosophie der Hermeneutik gewonnene Erkenntnis ĂŒber die Bedingungen der Möglichkeit von Sinnverstehen wendet sie als juristische Methode auf die Exegese juristischer Texte an. Ihre Sonderstellung gegenĂŒber den ĂŒbrigen Geisteswissenschaften leitet sie, soweit sie sich mit dem geltenden Recht beschĂ€ftigt, aus der Allgemeinverbindlichkeit von Gesetzestexten ab, welche sie in Bezug auf konkrete Lebenssachverhalte in der Rechtsprechung anzuwenden hat. Unter diesem Blickwinkel lĂ€sst sich die Rechtswissenschaft auch als Erforschung von Modellen fĂŒr die Vermeidung und Lösung gesellschaftlicher Konflikte verstehen.

Die hermeneutische Methode unterscheidet sie anderseits von den empirischen Wissenschaften, wie der Naturwissenschaft, der Medizin, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, deren Ziel nicht das Verstehen von Texten ist, sondern die Erforschung von natĂŒrlichen oder sozialen RegelmĂ€ĂŸigkeiten, welche durch Erfahrung und Beobachtung ĂŒberprĂŒfbar sind. Die Rechtswissenschaft beschĂ€ftigt sich wie die anderen Textwissenschaften (Philologie, Theologie) nicht mit objektiven Erkenntnissen ĂŒber sinnlich erfahrbaren Erscheinungen.[1] Dies bleibt Nebenzweigen der Rechtswissenschaft vorbehalten, wie etwa der Rechtsphilosophie, der Rechtssoziologie und der Kriminologie.

Disziplinen

Die Teilgebiete der Rechtswissenschaft lassen sich zusammenfassen zu den exegetischen FĂ€chern und den nicht-exegetischen FĂ€chern (historische, philosophische oder empirische FĂ€cher). Bei den exegetischen FĂ€chern steht die Rechtsdogmatik ganz im Vordergrund. Bei den exegetischen nicht-dogmatischen FĂ€chern werden insbesondere die Digestenexegese und die Exegese deutschrechtlicher Quellen betrieben. Selten werden z. B. keilschriftrechtliche Quellen (Codex Hammurabi) ausgelegt.

Die nichtexegetischen juristischen GrundlagenfÀcher sind oft zugleich Disziplinen von Nachbarwissenschaften, so etwa die Rechtsphilosophie, die Rechtsgeschichte und die Rechtssoziologie.

In neuerer Zeit beschĂ€ftigt sich die Rechtswissenschaft viel mit der rechtlichen Methodik und der Lehre von der Gesetzesauslegung. Weil fĂŒr die juristische Exegese eine Juristische Methodenlehre von Bedeutung ist, wird diese oftmals gesondert gelehrt.

Dabei hat insbesondere die Rechtsphilosophie in der Rechtswissenschaft und im Rechtsstudium, im Vergleich zu Hochmittelalter und Renaissance, erheblich an Stellenwert verloren. Die Kriminologie, welche sich unter anderem mit empirischer Forschung beschÀftigt, hat an den Hochschulen ebenfalls einen eher geringen Stellenwert.

Ein Überblick ĂŒber die wichtigsten Rechtsgebiete ist im Artikel Recht enthalten.

Geschichte und Funktion der Rechtswissenschaft

WÀhrend sich die Rechtsgeschichte mit der historischen Entwicklung des Rechts selbst beschÀftigt, lÀsst sich auch untersuchen, wie sich die Wissenschaft vom Recht im Verlauf der Geschichte entwickelt hat.

Die Frage, was Recht ist, wurde ĂŒber die Jahrhunderte immer wieder unterschiedlich beantwortet. Anfangs wurde Recht gleichgesetzt mit den herrschenden Moralvorstellungen (vgl. auch Naturrecht). SpĂ€ter dominierte die Vorstellung, als Recht könne nur eine Regel verstanden werden, die von einer Körperschaft oder Person (i. d. R. dem „Herrscher“) erlassen wurde, die auch die AutoritĂ€t zu ihrem Erlass und zur Durchsetzung hatte (Rechtspositivismus). Die historische Rechtsschule betonte demgegenĂŒber zu Anfang des 19. Jahrhunderts wieder die gesellschaftliche und geschichtliche Verankerung des Rechts. Aus diesen und anderen Vorstellungen haben sich die heute ĂŒblichen Rechtssysteme entwickelt.

Hier sind wiederum vor allem zwei Arten von Rechtssystemen zu unterscheiden, nÀmlich die des kodifizierten, abstrakt definierten Rechts, und die des Fallrechts (Common Law).

Das kodifizierte Recht hat sich im Wesentlichen aus dem römischen Recht entwickelt. So war es Kaiser Justinian, der als Erster das römische Recht im Corpus Iuris Civilis zusammenstellte und damit zugleich im gesamten Römischen Reich vereinheitlichte. Auch wenn im kodifizierten Recht frĂŒhere Entscheidungen berĂŒcksichtigt werden, hat letztlich immer das Gesetzbuch und der Gesetzestext – gegebenenfalls auch Gewohnheitsrecht – die höchste AutoritĂ€t. Der wichtige Bereich des Zivilrechts wurde von Napoleon ĂŒberarbeitet und im Code civil neu kodifiziert. Dieser ist seitdem im französischsprachigen Raum, den ehemaligen französischen Kolonien und weiteren LĂ€ndern verbreitet. Daneben steht die deutsche Rechtstradition, die auf dem Boden des gemeinen Rechts in der Kodifikation des BĂŒrgerlichen Gesetzbuchs Ausdruck gefunden und ebenfalls ĂŒber Deutschland hinaus ausgestrahlt hat.

Im Gegensatz dazu steht die Entwicklung der englischen Rechtstradition des Common Law. Das Recht ist hier im Grundsatz nicht kodifiziert, sondern wird von der Rechtsprechung auf Grund von PrĂ€judizien weiterentwickelt. Dieses Rechtssystem wurde auch in den USA und anderen ehemaligen britischen Kolonien ĂŒbernommen und weiterentwickelt. So gibt es in den USA eine Schule des legal realism, nach der allein das Recht ist, was die Gerichte als Recht anwenden und vollstrecken werden. Eine andere Besonderheit des US-amerikanischen Rechts ist die große Bedeutung der Schwurgerichte (vgl. Jury).

Stattdessen hat die Rechtswissenschaft beispielsweise in Deutschland eine eigenstĂ€ndige Funktion im VerhĂ€ltnis zu Rechtsprechung. Die rechtswissenschaftliche Literatur ist ein (wirksamer und anerkannter) „Rechtsbildungsfaktor“ (zumindest im Arbeitsrecht).[2] Dies kann auch aus den Worten des Bundesverfassungsgerichtes, dass „[d]ie Gerichte [
] bei unzureichenden gesetzlichen Vorgaben das materielle Recht mit den anerkannten Methoden der Rechtsfindung aus den allgemeinen Rechtsgrundlagen ableiten [mĂŒssen], die fĂŒr das betreffende RechtsverhĂ€ltnis maßgeblich sind“,[3] geschlossen werden.[2]

Studium

Zentraler Bestandteil der juristischen Ausbildung ist in praktisch allen Rechtskreisen das Studium der Rechtswissenschaft an einer Hochschule.

In Österreich und der Schweiz wird das rechtswissenschaftliche Studium „Jus“ genannt, da das kanonische Recht keinen verpflichtenden Inhalt des Studiums mehr darstellt.

Der Begriff „Rechtswissenschaft“ bezeichnet die Wissenschaft eines Rechts (weltlich oder kirchlich). Rechtswissenschaften bedeutet hingegen, die Wissenschaft oder das Studium beider Rechte; des kanonischen und weltlichen Rechts. Der in Deutschland umgangssprachlich gebrauchte Begriff „Jura“ fĂŒr das Studium „Rechtswissenschaft“ ist irrefĂŒhrend. Jura kommt von lat. iura, dem Plural von ius. Also auch hier wieder die Unterscheidung zwischen einem oder beider Rechte. Somit mĂŒsste „Rechtswissenschaft“ in Deutschland – wie in Österreich und der Schweiz richtigerweise als „Jus“ bezeichnet werden und die Rechtswissenschaften inklusive des kanonischen Rechts als Jura, wobei auch diese Theorie nicht der RealitĂ€t entspricht, da „Rechtswissenschaften“ als Synonym fĂŒr die breitgefĂ€cherten Materien – und unabhĂ€ngig vom kanonischen Recht – verwendet wird.

Juristenausbildung in Deutschland

In Deutschland gibt es derzeit 32 juristische FakultÀten[4] sowie sechs juristische Fachhochschulen.[5]

Bezeichnung

Das Studium der Rechtswissenschaft wird in Deutschland umgangssprachlich als Jurastudium bezeichnet. Der Begriff Jura wurde in diesem Zusammenhang das erste Mal an der UniversitĂ€t von Bologna verwendet. Er leitet sich vom lateinischen ius („das Recht“) ab; iura (Plural) sind „die Rechte“, sowohl das weltliche als auch das Kirchenrecht (kanonisches Recht), welche damals noch gleichberechtigt nebeneinanderstanden. Manche UniversitĂ€ten promovieren daher auf Wunsch auch heute noch zum Doctor iuris utriusque (lat. „Doktor beider Rechte“). Wer ein Studium der Rechtswissenschaft absolviert hat, wird als Jurist bezeichnet.

Studienablauf und AbschlĂŒsse

Staatsexamen

Beinahe jede deutsche geisteswissenschaftliche UniversitĂ€t bietet einen juristischen Studiengang an. Die Studienordnungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, ebenso die Regelstudienzeit, die gewöhnlich viereinhalb bis fĂŒnf Jahre betrĂ€gt. Im darauffolgenden zweijĂ€hrigen Referendariat erwirbt der angehende Jurist die zur AusĂŒbung seines Berufes notwendige praktische Erfahrung. Wer in Deutschland die Zweite Juristische StaatsprĂŒfung erfolgreich abgelegt hat, ist berechtigt, die Bezeichnung Assessor (Rechtsassessor) zu fĂŒhren und wird umgangssprachlich als „Volljurist“ bezeichnet.

Erstes Staatsexamen

Das universitĂ€re Studium der Rechtswissenschaften wird heute mit einer „Ersten juristischen PrĂŒfung“ abgeschlossen. Allerdings enthĂ€lt die erste PrĂŒfung seit 2005 neben einem staatlichen Teil (PflichtfachprĂŒfung, 70 % der Gesamtnote) einen universitĂ€ren Teil (SchwerpunktbereichsprĂŒfung, 30 % der Gesamtnote) und stellt deshalb richtigerweise kein reines „Staatsexamen“ mehr dar. Genau genommen kann nur die PflichtfachprĂŒfung als Staatsexamen bezeichnet werden, da nur diese PrĂŒfung von den JustizprĂŒfungsĂ€mtern der BundeslĂ€nder gestellt und bewertet wird. Die SchwerpunktbereichsprĂŒfung wird an den jeweiligen UniversitĂ€ten abgeleistet. Die Ausgestaltung ist Sache der BundeslĂ€nder, welche jeweils Juristenausbildungs- und -prĂŒfungsgesetze und dazu gehörige Verordnungen geschaffen haben.

Die PflichtfachprĂŒfung besteht je nach Bundesland aus fĂŒnf bis sieben Aufsichtsarbeiten und einer mĂŒndlichen PrĂŒfung. Die Aufsichtsarbeiten werden zusammenhĂ€ngend innerhalb von zwei Wochen direkt nacheinander geschrieben. Sind die schriftlichen Klausuren erfolgreich bestanden, erfolgt ca. fĂŒnf Monate spĂ€ter die mĂŒndliche PrĂŒfung. Allerdings bestehen in der Dauer dieser Wartezeit je nach PrĂŒfungsamt erhebliche Unterschiede.

Der PrĂŒfungsstoff umfasst alle drei großen Rechtsgebiete des deutschen Rechts: das Zivilrecht, das öffentliche Recht und das Strafrecht. Die Problem- und Fragestellungen beinhalten im Rahmen des 1. Staatsexamens vor allem Probleme des materiellen Rechts, prozessuale Fragen des Zivilprozessrechts, des Strafprozessrechts, des Verwaltungsprozessrechts und Verfassungsprozessrecht werden aber bereits im Überblick abgefragt.

FĂŒr PflichtfachprĂŒfung gibt es in allen BundeslĂ€ndern zwei regulĂ€re Versuche. Als Ausnahme gilt der Freiversuch, der denjenigen Kandidaten, die direkt nach Beendigung der Regelstudienzeit (derzeit regelmĂ€ĂŸig noch acht Hochschulsemester, mit Tendenzen zu neun Semestern) in die PrĂŒfung gehen, im Fall des Nichtbestehens einen zusĂ€tzlichen Versuch gewĂ€hrt und im Fall des Bestehens die Möglichkeit der Notenverbesserung durch erneute Ablegung der PflichtfachprĂŒfung gewĂ€hrt. In einigen BundeslĂ€ndern (bspw. Bayern und Baden-WĂŒrttemberg) wird den PrĂŒfungskandidaten aber auch nach dem ersten regulĂ€ren Versuch eine Notenverbesserung, durch erneutes Ablegen der PflichtfachprĂŒfung gewĂ€hrt.

Im Oberlandesgerichtsbezirk DĂŒsseldorf in Nordrhein-Westfalen besteht neben dem Freiversuch und der Notenverbesserungsmöglichkeit zudem die Möglichkeit im Rahmen des Freiversuches die Examensklausuren der drei Rechtsgebiete auf drei Semester (vom 6. bis zum 8. Semester) aufzuteilen (Abschichtung), wobei hier daher von mehreren kleinen, als von einer PflichtfachprĂŒfung gesprochen werden muss.[6]

Zweites Staatsexamen

Im Gegensatz zum „Ersten Examen“ bleibt das nach Abschluss der Referendarzeit erfolgende „Zweite Staatsexamen“ als echtes „Staatsexamen“ bestehen. Die gesamte PrĂŒfung wird ausschließlich von den staatlichen JustizprĂŒfungsĂ€mtern der einzelnen BundeslĂ€nder gestellt und bewertet.

Eine BefĂ€higung zum Richteramt (die gleichermaßen Voraussetzung zur Zulassung als Rechtsanwalt ist) wird erst nach dem Erwerb des zweiten Staatsexamens (Großes Staatsexamen, Assessorexamen) erworben. Dem zweiten Staatsexamen geht ein zweijĂ€hriger Vorbereitungsdienst (Referendariat) voraus. Das Referendariat wird von einer weiteren theoretischen Vorbereitungsphase auf die PrĂŒfungen begleitet. Es soll an die praktische TĂ€tigkeit heranfĂŒhren. So mĂŒssen Kurse besucht werden, die von Richtern, StaatsanwĂ€lten, Verwaltungsbeamten und RechtsanwĂ€lten geleitet werden. Gleichzeitig werden sogenannte Stationen absolviert, in denen der Referendar einem Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Verwaltungsbeamten oder Ähnlichem zur praktischen Ausbildung zugeordnet wird und so Einblick in dessen Berufsalltag gewinnt. Der Status eines Rechtsreferendars ist ein öffentlich-rechtliches AusbildungsverhĂ€ltnis. Letztlich ist der Referendar Beamter des jeweiligen Bundeslandes und erhĂ€lt eine sogenannte Unterhaltsbeihilfe in Höhe von durchschnittlich ca. 800 Euro netto. Die genaue Höhe variiert aber je nach Bundesland.

Diese AssessorprĂŒfung wird bundesweit – allerdings in der ZustĂ€ndigkeit der einzelnen BundeslĂ€nder – als Klausurenexamen durchgefĂŒhrt. Die Referendare haben zwischen sieben (Saarland) und elf (Bayern) Klausuren zu schreiben. Etwa vier Monate spĂ€ter schließt das Referendariat mit einer mĂŒndlichen PrĂŒfung ab. Neben dem materiellen Stoff des ersten Examens umfasst das zweite Examen auch das Prozessrecht, wobei akademische StreitstĂ€nde gegenĂŒber dem ersten Examen an Stellenwert verlieren und die aktuelle Rechtsprechung mehr in den Vordergrund tritt.

Durch das Bestehen des zweiten Staatsexamens wird gleichzeitig die BefĂ€higung fĂŒr den höheren Dienst in der allgemeinen und inneren Verwaltung erworben (Eingangsamt: Regierungsrat). Auch die TĂ€tigkeit eines Staatsanwalts setzt die BefĂ€higung zum Richteramt voraus (eine Ausnahme stellt der dem gehobenen Dienst angehörende Amtsanwalt beim Amtsgericht dar). Charakteristisch fĂŒr das deutsche Berechtigungswesen ist, dass auch fĂŒr bestimmte Berufe außerhalb des öffentlichen Dienstes die BefĂ€higung zum Richteramt erworben werden muss. Das gilt fĂŒr den Beruf des Rechtsanwalts (einschließlich des Syndicus-Anwalts) und des Notars. FĂŒr die TĂ€tigkeit eines Justiziars ist hingegen eine besondere Berechtigung nicht erforderlich.

Die Ausbildung zum sog. Volljuristen dauert mit Studium und Referendariat inklusive Zwischenphasen (Wartezeiten auf Examensergebnisse, Wartezeiten auf Beginn des Referendardienstes) mindestens sieben Jahre.

Einstufige Ausbildung

Zur einstufigen Ausbildung in den 1970er und 80er Jahren siehe den Hauptartikel Einstufige Juristenausbildung.

Staatliche PrĂŒfungsĂ€mter

Die PrĂŒfungsĂ€mter (JustizprĂŒfungsĂ€mter) fĂŒr das Erste Staatsexamen werden in den einzelnen BundeslĂ€ndern innerhalb der Oberlandesgerichte (etwa Nordrhein-Westfalen) oder als LandesjustizprĂŒfungsamt (z. B. Niedersachsen). An den PrĂŒfungen werden als PrĂŒfer Juristen im staatlichen Dienst (Richter, StaatsanwĂ€lte, Verwaltungsjuristen), RechtsanwĂ€lte sowie Professoren beteiligt. Im ersten Staatsexamen wirken sehr hĂ€ufig Professoren als PrĂŒfer mit. Das Zweite Staatsexamen wird von den LandesjustizprĂŒfungsĂ€mtern abgenommen, die bei den jeweiligen Justizministerien gebildet werden. Bei den PrĂŒfungen im zweiten Staatsexamen sind die PrĂŒfer Richter, StaatsanwĂ€lte, Beamte, Notare oder RechtsanwĂ€lte.

Benotungssystem

Die Notenstufen bei der Einzelbewertung mit Aufgliederung in ein Punktesystem und zugehöriger Definition lauten:

  • ungenĂŒgend (0 Punkte) (eine völlig unbrauchbare Leistung),
  • mangelhaft (1–3) (eine an erheblichen MĂ€ngeln leidende, im ganzen nicht mehr brauchbare Leistung),
  • ausreichend (4–6) (eine Leistung, die trotz ihrer MĂ€ngel durchschnittlichen Anforderungen noch entspricht),
  • befriedigend (7–9) (eine Leistung, die in jeder Hinsicht durchschnittlichen Anforderungen entspricht),
  • vollbefriedigend (10–12) (eine ĂŒber den durchschnittlichen Anforderungen liegende Leistung),
  • gut (13–15) (eine erheblich ĂŒber den durchschnittlichen Anforderungen liegende Leistung) sowie
  • sehr gut (16–18) (eine besonders hervorragende Leistung).

Bei der Gesamtbewertung wird der Durchschnitt herangezogen, wobei die Zuordnung der erreichten Punktzahl zu den Notenstufen abweicht: Bis zu einem Durchschnitt von 3,99 Punkten ist die PrĂŒfung nicht bestanden, dann folgen:

  • ausreichend (4–6,49),
  • befriedigend (6,5–8,99),
  • vollbefriedigend (9–11,49),
  • gut (11,5–13,99) und
  • sehr gut (14–18).

Sowohl die Durchschnittsnoten als auch die Durchfallquote fĂ€llt bei den Rechtswissenschaften deutlich schlechter aus als in anderen StudiengĂ€ngen.[7] Überwiegend werden fĂŒr die bestandenen PrĂŒfungen die Noten „ausreichend“ oder „befriedigend“ vergeben. Nur zirka 15 % der Absolventen erreichen die Notenstufen „vollbefriedigend“ oder besser. Die Durchfallquote im ersten juristischen Staatsexamen betrĂ€gt bundesweit zirka 30 %, im zweiten Staatsexamen scheitern etwa zehn Prozent der Kandidaten beim ersten Anlauf. Die Zahl der nicht bestanden PrĂŒfungen im 1. Staatsexamen lag im bundesweiten Durchschnitt 2007 sogar bei fast einem Drittel (31,4 %).[8] Bei der Bewertung kommt es auch zu Unterschieden zwischen den verschiedenen BundeslĂ€ndern: So erreichten bspw. im 1. Examen 2008 nur knapp 9 % der Teilnehmer in Sachsen, aber 22 % der Teilnehmer in Hamburg ein PrĂ€dikatsexamen.[9]

In der deutschen Juristenausbildung gilt ein Staatsexamen ab einer Bewertung mit „vollbefriedigend“, in Bayern, Baden-WĂŒrttemberg und Sachsen schon mit „befriedigend“, als PrĂ€dikatsexamen. Ein PrĂ€dikatsexamen mit mindestens „vollbefriedigend“ wird vom öffentlichen Dienst oftmals als Einstellungsvoraussetzung verlangt.

Diplom, Bachelor und Master

Viele UniversitĂ€ten haben nach dem Bestehen des ersten Staatsexamens ein Diplomierungsverfahren auf Antrag eingerichtet. An diesen UniversitĂ€ten wird nach dem ersten juristischen Examen zusĂ€tzlich der akademische Grad „Diplom-Jurist“ (Dipl.-Jur.) oder „Magister juris“ (Mag. jur.) verliehen.

Seit einigen Jahren bieten auch verschiedene Fachhochschulen medienrechtliche und wirtschaftsrechtliche StudiengĂ€nge an, die mit dem akademischen Grad des Diplom-Informationsjuristen kurz ebenfalls Dipl. jur. bzw. Diplom-Wirtschaftsjuristen abschließen. Der Studiengang Informationsrecht kann an der Hochschule Darmstadt belegt werden. Hier wurde dieser 2001 erstmals in Deutschland etabliert. Überdies kann Jura an zahlreichen UniversitĂ€ten im Nebenfach eines Bachelor-, und Master- sowie Magisterstudiengangs als „Teilgebiete des Rechts“ gewĂ€hlt werden. In der Regel schließt das Nebenfachstudium mit einer Klausur und/oder einer halbstĂŒndigen, mĂŒndlichen PrĂŒfung ab.

Es ist teilweise auch möglich, nach einem dreijĂ€hrigen Studium den Baccalaureus Juris (bac. jur.) und nach einem weiteren Jahr den Magister Juris (Mag. jur.), meist aber LL.M. genannt, zu erwerben. Der Weg zu den klassischen juristischen Berufen wie Rechtsanwalt oder Richter wird dadurch jedoch nicht eröffnet. Der Masterabschluss an einer Fachhochschule gilt als LaufbahnbefĂ€higung fĂŒr den höheren Dienst, wenn dies vorher in der Akkreditierungsurkunde fĂŒr den jeweiligen Masterstudiengang von der zustĂ€ndigen obersten Kultusbehörde im Benehmen mit der jeweiligen obersten Innenbehörde und gegebenenfalls erforderlichen Dienstbehörde festgestellt wurde.[10]

Inhalt des Studiums

Schwerpunkt der Juristenausbildung ist die juristische Dogmatik. Am Anfang steht das Grundstudium, das Vorlesungen ĂŒber die Exegese des BĂŒrgerlichen Gesetzbuchs, des Handelsgesetzbuchs, der Zivilprozessordnung, des Strafgesetzbuchs, der Strafprozessordnung, des Grundgesetzes, des Verwaltungsverfahrensgesetzes und der Verwaltungsgerichtsordnung beinhaltet. Dazu kommen noch GrundlagenfĂ€cher, die das allgemeine VerstĂ€ndnis fördern (z. B. Digestenexegese, Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie sowie Rechtssoziologie). Eindeutiger Schwerpunkt liegt auf der BGB-Exegese, dem StGB und dem VwVfG mit der VwGO. Diese Vorlesungen sind oftmals mit einzelnen Abschlussklausuren und umfangreichen schriftlichen Rechtsgutachten, die zu Hause angefertigt werden (Hausarbeiten) zu beenden. Hieran schließt sich eine zweite Phase an, gekennzeichnet von den sogenannten (großen) „Übungen“, die ebenso von Klausuren und umfassenden Hausarbeitsgutachten auf fortgeschrittenem Niveau begleitet werden. Im Anschluss hieran verbringt jeder Student ĂŒblicherweise noch etwa ein Jahr mit Examensvorbereitungen, meist begleitet von dem Besuch eines Repetitoriums. In vielen Studienordnungen ist mittlerweile auch die Wahl eines Schwerpunktbereichs vorgesehen, welcher vertiefte Kenntnisse in einem besonderen Rechtsgebiet vermitteln soll. Auch der Erwerb von fachspezifischen Fremdsprachenkenntnissen ist in manchen BundeslĂ€ndern vorgesehen.

Jura fĂŒr das Lehramt am Gymnasium

Einige BundeslĂ€nder, etwa ThĂŒringen und Bayern, bieten an UniversitĂ€ten spezielle juristische StudiengĂ€nge an, mit dem Ziel, in Kombination mit einem anderen Unterrichtsfach und pĂ€dagogisch-didaktischen Studienanteilen, das Fach Recht bzw. Rechtskunde am Gymnasium und Fachgymnasium, hĂ€ufig mit wirtschaftswissenschaftlichen BezĂŒgen zu unterrichten.[11] Innerhalb des universitĂ€ren Studiengangs Politik bzw. Sozialkunde fĂŒr das Lehramt am Gymnasium sind etwa 25 % der Inhalte in allen BundeslĂ€ndern ĂŒberwiegend juristisch. Das Studium wird, je nach Bundesland, mit dem Master of Education (M.Ed.) fĂŒr das Lehramt am Gymnasium bzw. der Sekundarstufe II, dem Ersten Staatsexamen fĂŒr das höhere Lehramt oder dem Ersten Staatsexamen fĂŒr das höhere Lehramt an berufsbildenden Schulen abgeschlossen. Ein Wechsel vom regulĂ€ren Jura- zum Lehramtsstudium ist möglich. Der Abschluss berechtigt in allen FĂ€llen zur Promotion mit dem Ziel der Erlangung eines Doktorgrades sowie zur Aufnahme des Vorbereitungsdienstes als Studienreferendar(in) an einem staatlichen Studienseminar.

Jura in anderen StudiengÀngen

Einige UniversitĂ€ten und Fachhochschulen integrieren rechtswissenschaftliche Inhalte in andere StudiengĂ€nge, etwa in das Fach Geschichtswissenschaft, indem dort Fragen der historischen Rechtsvergleichung und Römisches Recht behandelt werden. An der FU Berlin werden innerhalb der Neueren Philologien im Bereich Landeskunde auch die Rechtssysteme und Rechtskulturen einzelner ZielsprachenlĂ€nder, etwa Spaniens oder in Lateinamerika, thematisiert. Entsprechende Lehrveranstaltungen in den FĂ€chern Spanisch und Portugiesisch finden am zur FU gehörenden Lateinamerika-Institut (Berlin) statt. Dabei wird der Stoff ĂŒberwiegend enzyklopĂ€disch und nicht kasuistisch („fallorientiert“), wie im normalen Jurastudium, vermittelt.

Ebenso spielen juristische Fragestellungen in FĂ€chern wie Medizin (z. B. Arzthaftung), Pharmazie (z. B. BetĂ€ubungsmittelgesetz) Architektur (z. B. Baurecht), SozialpĂ€dagogik (z. B. Familienrecht, AuslĂ€nderrecht) oder (Wirtschafts-)Informatik (z. B. Datenschutzrecht) eine Rolle.

Berufsaussichten

Die Berufsaussichten sind derzeit recht uneinheitlich. Die Examensnoten spielen dabei eine ĂŒberragende Rolle. WĂ€hrend die besten 10–15 % in der Regel gute bis sehr gute Berufsaussichten haben, ist der juristische Arbeitsmarkt fĂŒr Absolventen mit ausreichenden bis befriedigenden Examina (zirka 70–85 %) recht schwierig. FĂŒr eine Anstellung im Öffentlichen Dienst sind grundsĂ€tzlich zwei PrĂ€dikatsexamen erforderlich, ebenso als Zulassung fĂŒr eine Promotion (Doktor). Rund 75 % eines Absolventenjahrgangs strebt den Anwaltsberuf an, allerdings oft eher deshalb, weil andere Berufszweige aufgrund nicht ausreichender Noten verschlossen bleiben. Seit 1996 hat sich die Zahl der AnwĂ€lte bundesweit auf 155.679 (Stand: 2011) fast verdoppelt. Die Tendenz ist weiter steigend. Im Schnitt kommt in der Bundesrepublik auf 516 Einwohner bzw. potenzielle Mandanten ein Anwalt (Stand: 2011). Im Schnitt verdienen in der Bundesrepublik AnwĂ€lte, die als freie Mitarbeiter in einer Kanzlei tĂ€tig sind, 20.400 Euro brutto im Jahr (Stand: 2010). Rund 4.800 Euro Jahresgewinn erzielt ein Anwalt, der sich nach dem Examen selbststĂ€ndig macht, in den ersten drei bis fĂŒnf Berufsjahren (Stand: 2011).[12]

Bei der Suche nach beruflichen Alternativen konkurrieren Jura-Absolventen hĂ€ufig, etwa im Journalismus, im Verlagswesen, in der Öffentlichkeitsarbeit, im Personalwesen oder Projektmanagement, mit Akademikern anderer Studienrichtungen.

Etwas entspannter zeigt sich die Arbeitsmarktsituation im Allgemeinen fĂŒr Absolventen, die Jura als Nebenfach (etwa in einem wirtschafts-, sozial- oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengang) oder fĂŒr ein Lehramt studiert haben.

Juristenausbildung in Österreich

In Österreich schließt man das Diplomstudium der Rechtswissenschaften, das eine Regeldauer von acht bzw. eine Durchschnittsdauer von mehr als zwölf Semestern hat, mit dem akademischen Grad Mag. iur. ab, der auch im Sprachgebrauch gefĂŒhrt und verwendet wird. Die juristischen AbschlussprĂŒfungen werden in Österreich von den UniversitĂ€ten gestellt und bewertet. Ein juristisches Staatsexamen wie in Deutschland gibt es in Österreich nicht. Dieses Studium wird an den rechtswissenschaftlichen FakultĂ€ten der UniversitĂ€ten Graz, Innsbruck, Linz, Salzburg und Wien angeboten. Seit dem Wintersemester 2006/2007 bietet jedoch auch die WirtschaftsuniversitĂ€t Wien ein Studium des Wirtschaftsrechts an, das gemĂ€ĂŸ dem Bologna-Prozess nach sechs Semestern mit „Bachelor of Laws (WU)“, Kurzform: „LL.B. (WU)“,[13] oder auch nach weiteren vier Semestern (Masterstudium) mit dem Titel „Master of Laws“, abgekĂŒrzt „LL.M. (WU)“,[14] abgeschlossen werden kann. Die Kombination aus „LL.B. (WU)“ und „LL.M. (WU)“ berechtigen ebenso zur Ergreifung eines traditionellen juristischen Berufs.[15]

Im Zuge dieses neuen Studienplans ist auch die österreichische Ausbildung zum Rechtsanwalt in Diskussion geraten bzw. der Zugang zu dieser. Nach dem Abschluss eines Diplomstudiums umfasst diese Ausbildung derzeit weitere 5 Jahre (60 Monate), die jedenfalls 5 Monate Praxis bei Gericht und 36 Monate praktische Verwendung bei einem Rechtsanwalt im Inland zu umfassen haben; die restlichen 15 Monate können beispielsweise durch AssistententĂ€tigkeit, Doktoratsstudium (maximal 6 Monate) oder TĂ€tigkeit bei einer Behörde oder EU-Institution substituiert werden, wobei die Gesamtdauer von 60 Monaten nicht unterschritten werden kann. Nach einem Großteil dieser Zeit sollte man die RechtsanwaltsprĂŒfung an einem der vier Oberlandesgerichte ablegen, um nach Ablauf in die Liste der RechtsanwĂ€lte bei der Rechtsanwaltskammer[16] eingetragen werden zu können.

Juristenausbildung in der Schweiz

Die Schweiz besitzt neun juristische FakultĂ€ten.[17] Die juristischen AbschlussprĂŒfungen werden in der Schweiz von den UniversitĂ€ten gestellt und bewertet. Ein juristisches Staatsexamen wie in Deutschland gibt es in der Schweiz nicht. In der Schweiz wurde bis zum Jahr 2003 das Studium mit dem Lizentiat, sog. lic.iur., abgeschlossen. Durch die Bologna-Reform wurde die Titelvergabe dem internationalen Studium angepasst.

Kritik an der derzeitigen Juristenausbildung

Seit geraumer Zeit wird in Deutschland Kritik an der universitĂ€ren Ausbildung im Bereich der Rechtswissenschaft insbesondere dahingehend geĂŒbt, dass diese die Studierenden nicht in zureichender Weise auf das juristische Staatsexamen vorbereite. Dies zeige sich vor allem in der Existenz privatwirtschaftlicher Repetitorien, bei denen die meisten Studenten Kurse zur Vorbereitung auf das Staatsexamen buchen. Worin die GrĂŒnde hierfĂŒr zu suchen sind, ist umstritten. VorwĂŒrfen, die entsprechenden universitĂ€ren Lehrveranstaltungen zur Examensvorbereitung entbehrten zureichender pĂ€dagogischer QualitĂ€t, wird von Seiten der rechtswissenschaftlichen FakultĂ€ten mit dem Argument entgegengetreten, die Repetitorien wĂŒrden die Examensangst der Studierenden ausnutzen und Einzelwissen „pauken“, wo Grundlagenwissen eine bessere Vorbereitung auf das Examen darstelle.[18] Die UniversitĂ€t biete die insoweit zur Examensvorbereitung notwendigen Veranstaltungen selbst an. Nach wie vor besuchen jedoch trotzdem ca. 70 % der deutschen Jurastudierenden neben dem Studium ein oder mehrere Repetitorien.

Weiterhin bemĂ€ngeln Kritiker, dass die Kenntnisse in Ökonomie und insbesondere Volkswirtschaftslehre bei Juristen im Studium kaum vermittelt werden. Allerdings sind gerade gesetzgeberische Entscheidungen keineswegs dem Juristen vorbehalten, sondern werden in der Demokratie von den Parlamenten vorgenommen. An einigen Fachhochschulen und UniversitĂ€ten ist als Reaktion auf diesen Mangel in einem ersten Schritt der Studiengang des Wirtschaftsjuristen entstanden, der allerdings nur fĂŒr eine TĂ€tigkeit in einem Unternehmen befĂ€higt.

Kritisiert wird auch, dass die Rechtsdogmatik im Studium einen zu breiten Raum einnehme. Die Exegese anderer Quellen, wie die Digestenexegese, trĂ€ten zu weit in den Hintergrund. Dies gelte auch fĂŒr die GrundlagenfĂ€cher wie die Rechtsphilosophie, die Rechtsgeschichte oder die Rechtssoziologie, die im Jurastudium nur am Rande behandelt werden, was ein kritisches, die Gesetze reflektierendes Studium erschwere, werfen sie doch Fragen auf, ohne die eine wissenschaftlich-korrekte Auslegung und Einordnung von Rechtsnormen schwer möglich ist. Im Gegensatz zu gerichtlicher Rechtsanwendung muss Rechtswissenschaft gerade eine Reflexion ĂŒber den Gesetzestext hinaus leisten, nur so können der Entstehungsprozess, die gesellschaftliche Funktion (wie die Sozialkontrolle bei Strafrechtsnormen) und historische BezĂŒge erfasst und dargelegt werden.[19] Dem lĂ€sst sich jedoch entgegenhalten, dass die Rechtswissenschaft im Schwerpunkt die Wissenschaft vom geltenden Recht ist. Als solche hat sie aber nur dann Legitimation und Überzeugungskraft, wenn sie dem Gesetz – und dem darin ausgedrĂŒckten demokratisch gebildeten Willen – verpflichtet ist und möglichst keine eigene Wertung, auch nicht Ergebnisse gesetzesferner Reflexion, hinzufĂŒgt. Die damit angesprochene zentrale Bedeutung der Dogmatik des Rechts schließt es keineswegs aus, auch die geschichtliche Entwicklung der Rechtsnormen in Betracht zu ziehen, wie das Beispiel v. Savignys zeigt.

Auch hinsichtlich des berufpraktischen Teils, welcher im Rahmen des Referendariats vermittelt werden soll, besteht zahlreiche Kritik. In Anbetracht dessen, dass die meisten ausgelernten Juristen spĂ€ter AnwĂ€lte werden, ist es schwer verstĂ€ndlich, weshalb ein Durchlaufen einer Gerichtsstation und einer Behördenstation grundsĂ€tzlich fĂŒr jeden Referendar erforderlich ist und nicht eine Verfestigung der anwaltlichen TĂ€tigkeiten stattdessen ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum trainiert werden kann. Insofern ist eine breite Ausbildung gegeben, welche letztlich aber nur einen kleinen Einblick in die nach dem Examen folgende Arbeit geben kann und einer tatsĂ€chlichen Berufsvorbereitung, wie dies etwa bei einer frĂŒhzeitigen Spezialisierung gegeben wĂ€re, wohl so nicht gerecht werden kann.

Grenzen und Defizite der Rechtswissenschaft

Versteht man die Rechtswissenschaft als Wissenschaft vom geltenden Recht, so konzentriert sie sich dabei im Wesentlichen auf die Interpretation von Gesetzen und der aus den Gesetzen abgeleiteten Rechtsprechung und will daraus eine Erkenntnis ĂŒber das geltende Recht gewinnen. Dies findet seine Grenzen zum einen in der Menge der Rechtsnormen und zum anderen in der fehlenden Kenntnis der tatsĂ€chlichen Wirkungen der Rechtsnormen.

In einem modernen, hochkomplexen Staat gibt es jedoch eine nicht mehr ĂŒberschaubare Menge von Rechtsnormen (vgl. auch Staatsrecht, Völkerrecht). Es gibt in Deutschland mehr als 5.000 Gesetze und Verordnungen des Bundes[20], zu denen die Gesetze und Verordnungen der 16 BundeslĂ€nder und die Rechtsverordnungen und Satzungen der Bezirke, Kreise, Verwaltungsgemeinschaften und Gemeinden hinzukommen, ganz zu schweigen von dem nicht zu quantifizierenden Volumen an Verwaltungsrichtlinien (wie z. B. die TA Luft, die TA LĂ€rm) und den von AusschĂŒssen und VerbĂ€nden geschaffenen Normen, die faktisch ebenfalls Gesetzeskraft haben (wie z. B. die VOB, die DIN-Normen, die zahlreichen Richtlinien und Empfehlungen der Bundesanstalt fĂŒr Straßenwesen (BASt) und der Forschungsgesellschaft fĂŒr Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) fĂŒr den Straßenbau, die LAGA usw.). Zudem regeln viele dieser Normen sehr spezifische und hochtechnische Sachverhalte und sind nur noch von Spezialisten, aber nicht mehr von fachfremden Juristen oder gar von Laien zu verstehen. Obendrein wenden sich zahlreiche dieser Normen an den fachtechnischen Spezialisten, dem die GedankengĂ€nge eines Juristen fremd sind, was zu erheblichen VerstĂ€ndigungsproblemen zwischen dem Spezialisten und dem Juristen fĂŒhren kann. Diese Normen sind hĂ€ufig keineswegs eindeutig, widerspruchsfrei oder lĂŒckenlos, was nicht selten aber nicht bei der reinen LektĂŒre, sondern erst in der praktischen Anwendung erkennbar wird. Zudem gibt es Normen, die scheinbar eine sinnvolle Regelung enthalten, in der Praxis aber ihr Ziel weitgehend verfehlen und dafĂŒr erhebliche negative Auswirkungen entfalten (z. B. das Vergaberecht, das die Korruption kaum verhindert, aber die Vergabe erheblich teurer und langwieriger gemacht hat).

Die Rechtswissenschaft vermag die Auswirkungen der Rechtsnormen in der RealitĂ€t nur durch die Sicht der staatlichen Rechtsprechung zu erkennen, da sie so gut wie keinerlei rechtstatsĂ€chliche Forschungen betreibt. Aber nur ein vergleichsweise winziger Teil der alltĂ€glichen Rechtsanwendung fĂŒhrt zu Auseinandersetzungen vor Gericht. Über einen großen Teil des rechtlich relevanten menschlichen Verhaltens wird nicht gestritten, auch wenn das Verhalten nicht mit der juristischen Theorie ĂŒbereinstimmt. Ein anderer betrĂ€chtlicher Teil wird aufgrund der wirtschaftlichen oder sozialen MachtverhĂ€ltnisse außergerichtlich geregelt. Schließlich gibt es große Bereiche der Wirtschaft, in denen Streitigkeiten bewusst von staatlichen Gerichten ferngehalten und allenfalls von Schiedsgerichten entschieden werden, die weder ihre Verfahren noch ihre Entscheidungen publik machen. Das Studium der Rechtsprechung vermittelt somit nur einen winzigen Ausschnitt aus der Wirklichkeit der Rechtsanwendung. Obendrein gibt es Urteile, die logisch und richtig und sinnvoll erscheinen, in der Praxis aber keineswegs das beabsichtigte Ziel erreichen, sondern im Gegenteil negatives und eigentlich nicht schutzwĂŒrdiges Verhalten legalisieren (z. B. die StĂ€rkung des Auskunftsrechts von AktionĂ€ren, die kaum je einem einzelnen AktionĂ€r geholfen hat, es dafĂŒr aber ermöglicht, die Beschlussfassung auf Hauptversammlungen mit endlosen, oft unerheblichen Fragen zu torpedieren).

Versteht man unter dem geltenden Recht nicht nur die Summe der Normen, die das menschliche Verhalten in einem bestimmten Gebiet zu regeln beabsichtigen, sondern auch ihre Rechtsfolgen, also die tatsĂ€chlichen Auswirkungen dieser Normen bzw. die Art und Weise, wie diese Normen von den Betroffenen verstanden und angewendet werden, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass die Rechtswissenschaft nur die OberflĂ€che des geltenden Rechts zu erkennen vermag und gelegentlich auch falsche SchlĂŒsse daraus zieht.

Literatur

  • Aristoteles: De re publica Atheniensium (Politik und Staat der Athener), ZĂŒrich [u. a.]: Artemis 1955.
  • Platon: Nomoi, Berlin: Akademischer Verlag 1992.
  • Platon: Politeia (Der Staat), Stuttgart: Körner 1973.
  • Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Niccolo Machiavelli: Der FĂŒrst, Stuttgart: Körner 1978.
  • Cesare Beccaria: Dei delitti e delle pene. Des Herrn Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen, Aalen: Scientia 1990.
  • Jean-Jaques Rousseau: Contract social, Stuttgart: Reclam.
  • Charles de Montesquieu: Vom Geist der Gesetze, Stuttgart: Reclam 1976.
  • John Locke: Zwei Abhandlungen ĂŒber die Regierung, 10. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2004.
  • Samuel Freiherr von Pufendorf: Über die Verfassung des deutschen Reiches, Stuttgart: Reclam 1976.
  • Jean von Bodin: Über den Staat. Sechs BĂŒcher ĂŒber den Staat, Stuttgart: Reclam 1986.
  • Friedrich C. Savigny: Vom Beruf unserer Zeit fĂŒr Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Hildesheim: Olms 1967.
  • Alexander Hamilton, James Madison, John Jay: Die Federalist-Artikel, Paderborn: Schöningh 1994 (UTB).
  • Thomas Hobbes: Leviathan, Stuttgart, Reclam 1984.
  • Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten, Stuttgart: Reclam 1990.
  • Georg W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse, Stuttgart: Reclam 1970.
  • Karl Marx: Das Kommunistische Manifest (1848), Stuttgart: Reclam.
  • Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (1792; erstmals publiziert 1851), Stuttgart: Reclam 2002.
  • Julius Hermann von Kirchmann: Die Werthlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft. Eine Rede aus dem Jahr 1847, hrsg. von Gottfried Neeße, Stuttgart [u. a.]: Kohlhammer 1988.
  • Rudolf von Jhering: Der Zweck im Recht, Hildesheim: Olms 1970.
  • Rudolf von Jhering: Der Kampf ums Recht, 8. Aufl., Frankfurt a.M.: Klostermann 2003.
  • Gustav Radbruch: Rechtsphilosophie, Stuttgart: K.F. Koehler 1973.
  • Hans Kelsen: Reine Rechtslehre. Einleitung in die rechtswissenschaftliche Problematik, Wien: Franz Deutiche 1985.
  • Georg Jellinek: Allgemeine Staatslehre.
  • Carl Schmitt: Verfassungslehre, 8. Aufl., Berlin: Akademischer Verlag 1993.
  • Rudolf Smend: Verfassung und Verfassungsrecht, Berlin [u. a.]: Duncker & Humblot 1928.
  • John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, 7. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993.
  • Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 2. Aufl., Bern [u. a.]: Francke 1992.
  • Ronald Dworkin: BĂŒrgerrechte ernstgenommen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. den Vortrag „Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft“, 1848
  2. ↑ a b Reinhard Richardi (Bearbeiter); Reinhard Richardi, Hellmut Wißmann, Otfried Wlotzke, Hartmut Oetker (Hrsg.): MĂŒnchener Handbuch zum Arbeitsrecht. 3. Auflage. Band 1, C.H. Beck, MĂŒnchen 2009, ISBN 978-3-406-55553-4, § 6 Staatliche Rechtsetzung und Rechtswissenschaft Rn. 35.
  3. ↑ Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 26. Juni 1991, Az.: 1 BvR 779/85 = BVerfGE 84, 212, 226 f. = NJW 1991, S. 2549 (2550) – ZulĂ€ssigkeit und Grenzen der Aussperrung; auch a. a. O.: „Zudem war der Beschluß des Großen Senats auf so erhebliche Kritik gestoßen, daß der unverĂ€nderte Fortbestand dieser Rechtsprechung nicht gesichert erscheinen konnte.“
  4. ↑
    Wikiversity Wikiversity: Liste der juristischen FakultĂ€ten in Deutschland â€“ Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
  5. ↑
    Wikiversity Wikiversity: Liste juristischer Fachhochschulen in Deutschland â€“ Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
  6. ↑ http://www.olg-duesseldorf.nrw.de/02aufgaben/06_jpa_start/06jpa-a-z/merkblattabschicht.pdf
  7. ↑ Menetekel Examen Juristen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Spiegel Online, 11. September 2007.
  8. ↑ Statistik der juristischen PrĂŒfungen des Bundesministeriums der Justiz
  9. ↑ yourist: Statistik: 1. Staatsexamen
  10. ↑ Vereinbarung zur Akkreditierung
  11. ↑ Benedikt Vallendar, Mit Jura ans Gymnasium, in: Justament, Die Karriere-Zeitschrift fĂŒr Juristen, Oktober 2010, Berlin, S. 18 (online).
  12. ↑ azur Karrieremagazin fĂŒr junge Juristen, 01/11, Juve Verlag fĂŒr juristische Information, Köln, S. 8–9.
  13. ↑ Bachelor-Studium Wirtschaftsrecht auf der WirtschaftsuniversitĂ€t Wien
  14. ↑ Master-Studium Wirtschaftsrecht auf der WirtschaftsuniversitĂ€t Wien
  15. ↑ http://www.wu.ac.at/lehre/studienangebotaktuell/master/wirtschaftsrecht/braeg
  16. ↑ Rechtsanwaltskammer
  17. ↑
    Wikiversity Wikiversity: Liste der juristischen FakultĂ€ten in der Schweiz â€“ Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
  18. ↑ VGH Mannheim, Urteil vom 20. November 1990 – 9 S 170/90, Neue Juristische Wochenschrift (NJW), Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen, 1991, S. 3109-3112 (3110); Bernhard Großfeld: Das Elend des Jurastudiums, Juristenzeitung (JZ), Mohr Siebeck, TĂŒbingen, 1986, S. 357–360 (358)
  19. ↑ Bernd J. Hartmann, Jurassic Park: Keine Zeit zum Nach-Denken. Juristische Ausbildung aus der Sicht eines Studenten, Juristische Ausbildung (Jura), Walter de Gruyter, Berlin, 1998, S. 54–56 (54), online beim Centrum fĂŒr Hochschulentwicklung; Reinhard Mußgnug, WĂŒrzburger Thesen des Juristen-FakultĂ€tentags zur Juristenausbildung, Juristische Schulung (JuS), C.H. Beck, MĂŒnchen 1995, S. 749–753 (751).
  20. ↑ Überblick bei juris (BMJ) zu wesentlichen Gesetzen

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