Regenw√ľrmer

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Regenw√ľrmer
Regenw√ľrmer
Ein Tauwurm (Lumbricus terrestris) beim Verlassen seiner Wohnr√∂hre (Abends ‚Äď 20 Uhr)

Ein Tauwurm (Lumbricus terrestris) beim Verlassen seiner Wohnr√∂hre (Abends ‚Äď 20 Uhr)

Systematik
ohne Rang: Urm√ľnder (Protostomia)
√úberstamm: Lophotrochozoen (Lophotrochozoa)
Stamm: Ringelw√ľrmer (Annelida)
Klasse: G√ľrtelw√ľrmer (Clitellata)
Ordnung: Wenigborster (Oligochaeta)
Familie: Regenw√ľrmer
Wissenschaftlicher Name
Lumbricidae
Gattungen
  • Allolobophora
  • Dendrobaena
  • Eisenia
  • Eiseniella
  • Lumbricus
  • Octolasium
Ein Regenwurm im humosen Oberboden im östlichsten Teil von Slawonien

Die Regenw√ľrmer (Lumbricidae) sind im Erdboden lebende, gegliederte W√ľrmer aus der Ordnung der Wenigborster (Oligochaeta). Sie geh√∂ren innerhalb des Stammes der Ringelw√ľrmer (Annelida) zur Klasse der G√ľrtelw√ľrmer (Clitellata). In der Schweiz leben derzeit etwa 40,[1] in √Ėsterreich 62,[2] in Deutschland 39, in Europa etwa 400 und weltweit etwa 3000 Regenwurmarten.[3] Nicht alle der in Europa lebenden Arten sind urspr√ľnglich dort heimisch. Ihre durchschnittliche Lebenszeit liegt zwischen 3 und 8 Jahren. Der 9 bis 30 Zentimeter lange Tauwurm oder Gemeine Regenwurm (Lumbricus terrestris) ist neben dem 6 bis 13 Zentimeter langen Kompostwurm (Eisenia fetida) wohl die bekannteste einheimische Annelidenart. Im Jahr 2004 wurde der f√ľr den Naturkreislauf n√ľtzliche Regenwurm vom Naturschutzbund Deutschland zum ‚ÄěWirbellosen Tier des Jahres‚Äú erkl√§rt.[4] In der Schweiz ist der Regenwurm zum Tier des Jahres 2011 ernannt worden.[5]

Inhaltsverzeichnis

Name

Die Herkunft der Bezeichnung ‚ÄěRegenwurm‚Äú ist umstritten. Einer Ansicht zufolge soll er auf den althochdeutschen Begriff ‚ÄěRegnwurm‚Äú zur√ľckgehen, der sich auf das Verhalten der W√ľrmer beziehe, bei starken Regenf√§llen die unterirdischen Wohnr√∂hren rasch zu verlassen, um auf der Erdoberfl√§che dem Wasseranstieg im Oberboden zu entkommen. Nach anderer Ansicht r√ľhrt der deutsche Name von ihrer steten unterirdischen Aktivit√§t her; noch im 16. Jahrhundert soll es die Bezeichnung ‚Äěreger Wurm‚Äú gegeben haben. Treffender, weil auf den eigentlichen Aufenthaltsort des Wurms bezogen, ist die englische Bezeichnung ‚ÄěEarthworm‚Äú und der franz√∂sische Begriff ‚ÄěVer de Terre‚Äú.

Weshalb die Regenw√ľrmer bei Regen ihre Wohnr√∂hren verlassen, ist offensichtlich noch nicht vollst√§ndig gekl√§rt. Oftmals wird angenommen, dass die Regenw√ľrmer nicht an die Erdoberfl√§che kriechen, weil sie angeblich das feuchte Milieu der Niederschl√§ge lieben, sondern weil sie bei Regen, insbesondere bei langanhaltenden Regenperioden, in ihren G√§ngen im Erdboden ersticken w√ľrden, da der im Wasser gel√∂ste Sauerstoff nicht ausreicht, um den Wurm √ľber die Hautatmung mit gen√ľgend Sauerstoff zu versehen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten jedoch, dass selbst unter anaeroben Bedingungen unter Wasser gehaltene Regenw√ľrmer erst nach 35 Stunden langsam zugrunde gehen. Wie sich weiter herausstellte, schalten die W√ľrmer unter diesen extremen Bedingungen auf einen glykolytischen Stoffwechsel ohne Sauerstoffverbrauch um (Milchs√§ureg√§rung). Im Uferbereich von unverbauten Gew√§ssern findet man stellenweise Regenwurmarten, die im Oberboden auch eine tempor√§re √úberflutung durchaus tolerieren und unbeschadet √ľberstehen.

Eine Studie der Carlton Universit√§t im kanadischen Ottawa legt hingegen nahe, dass Regenw√ľrmer aus Angst vor Maulw√ľrfen an die Oberfl√§che kriechen: Das Ger√§usch des Regens √§hnle dem Grabeger√§usch der Maulw√ľrfe. Dazu beschallten die Forscher Waldboden mit Tieftonschwingungen von 500 Hz und weniger, was den Frequenzen eines grabenden Maulwurfs entspreche. Diese Beschallung habe zahlreiche W√ľrmer aus der Erde getrieben. Nasse Erde habe hingegen keine Auswirkung gezeigt. [6]

Körperbau

Segmentierung

Borsten vergrößert durch ein Mikroskop

Der K√∂rper des Regenwurms besteht aus zahlreichen zylindrischen Gliedern (Segmenten), welche au√üen an ihren Seiten die kaum aus der Haut hervorragenden Borsten tragen. Die Borsten, von denen Regenw√ľrmer pro Segment vier Paar besitzen, bestehen aus Chitin und Proteinen und k√∂nnen mit Hilfe besonderer Muskeln bewegt werden. Die Anzahl der Segmente nimmt mit dem Alter des Wurms zu. Eine spezielle Wachstumszone in der N√§he des Hinterendes produziert neue Glieder. Ausgewachsene Exemplare erreichen um die 160 Segmente.

Hautmuskelschlauch

Nach au√üen hin ist der gesamte K√∂rper des Wurms und damit auch jedes seiner Segmente durch einen Hautmuskelschlauch abgegrenzt. Auf eine einschichtige Epidermis, die einige Dr√ľsen- und Sinneszellen enth√§lt und nach au√üen von einer kollagenhaltigen Cuticula umgeben ist, folgt eine Ringmuskelschicht. An diese schlie√üt wiederum nach innen die dicke L√§ngsmuskelschicht an. Die meisten Arten besitzen Hautpigmente. So sind zum Beispiel viele Lumbricus-Arten mehr oder weniger rot gef√§rbt. Alle Allolobophora-Arten besitzen dagegen mehr dunkle Pigmente, die die Hautoberfl√§che eher hellgrau oder grau-schwarz erscheinen lassen.

Verdauungsorgane

Eine Art Oberlippe, auch Kopflappen (Prostomium) genannt, √ľberw√∂lbt am Kopfende den Mund. Die Mund√∂ffnung f√ľhrt in den Darm, der den Regenwurm von vorne bis hinten vollst√§ndig durchzieht. Der Darm beginnt mit dem muskul√∂sen Pharynx, auf den die Speiser√∂hre (Oesophagus) mit ihren Kalks√§ckchen sowie ein muskul√∂ser Kropf und Muskelmagen folgen. Hier wird (√§hnlich wie bei H√ľhnern) die pflanzliche Nahrung durch mitaufgenommene kleine Steinchen (hier: Sandk√∂rner) gleichm√§√üig zerrieben. Es folgt der lange Mitteldarm, der auf der R√ľckenseite in seiner gesamten L√§nge eine Einst√ľlpung (Typhlosolis) aufweist, die die innere Darmoberfl√§che vergr√∂√üern hilft. Am Hinterende des Wurms befindet sich der After. Mit Hilfe kalziumhaltiger Abscheidungen neutralisieren die W√ľrmer alle aufgenommenen s√§urehaltigen Bodeninhaltsstoffe und sorgen so auf nat√ľrliche Weise f√ľr eine Bodenverbesserung.

Coelom

Zwischen den inneren Organen und dem Hautmuskelschlauch liegt in jedem Segment rechts und links ein mit Fl√ľssigkeit ausgef√ľllter und von einer elastischen zarten Haut umgebener Hohlraum, die sekund√§re Leibesh√∂hle (Coelom). Die abgrenzenden Quer- und L√§ngsw√§nde in den Segmenten werden als Dissepimente bzw. Mesenterien bezeichnet. Die eingeschlossene Fl√ľssigkeit wirkt f√ľr den wirbellosen Organismus gewisserma√üen als hydrostatisches Skelett. Im Zusammenwirken (Interaktion) mit dem Hautmuskelschlauch unterst√ľtzt es den Wurm sowohl beim Bohren im Boden als auch bei der Fortbewegung allgemein, z. B. Kriechen an der Bodenoberfl√§che oder in der Wohnr√∂hre.

Ausscheidungsorgane

Die Ausscheidungsorgane beginnen hinten in jedem Coeloms√§ckchen der Segmente (mit Ausnahme der ersten drei Glieder und des letzten Segments) links und rechts vom Darm mit je einem Wimpertrichter der sogenannten Nephridien. Diese gehen im n√§chsten Coeloms√§ckchen in einen langen, in Schleifen gewundenen, von Blutgef√§√üen umsponnenen Exkretionskanal √ľber, der sich im Endabschnitt zu einer Harnblase erweitert. Der Wimpertrichter saugt Coelomfl√ľssigkeit an, deren gr√∂√üter Teil im Exkretionskanal ins Blut transportiert wird (bis auf die Abfallstoffe). Die Adern dienen gleichzeitig der Versorgung des Ausscheidungsorgans mit Sauerstoff und N√§hrstoffen. Diese Versorgung der Zellen ist n√∂tig, weil an den Schleifen des Nephridiums aktive Transportvorg√§nge zur Ausscheidung von Harns√§ure, Harnstoff, Ammonium und Salzen sowie zur Resorption von Wasser, Ionen und organischen Verbindungen ablaufen.

Fortpflanzungsorgane

Regenw√ľrmer besitzen als Zwitter sowohl weibliche als auch m√§nnliche Geschlechtsorgane und diese zudem jeweils beidseitig. Sie beginnen mit zwei Paar Hoden vorn im Coelom des 10. und 11. Segmentes. Hier beginnen die Spermienleiter jeweils mit einem Wimperntrichter (einer √Ėffnung mit einem Saum von Zilien, die in Richtung des Inneren schlagen), vereinigen sich beiderseits und m√ľnden im 15. Segment in zwei erkennbaren √Ėffnungen (m√§nnlicher Porus) nach au√üen. Im 13. Segment liegen entsprechend die weiblichen Organe (Eierst√∂cke und Eileiter√∂ffnungen). Die Eileiter m√ľnden aber schon im 14. Segment nach au√üen. Hinzu kommen noch drei Paar Samentaschen (Receptacula seminis) im 9. bis 11. Segment zur Aufnahme von Spermien bei der Paarung.

Nervensystem

Zeichnung mit Markierungen der einzelnen Bereiche
Längsschnitt durch das Vorderende
bm = Bauchmark
d = Darmlumen mit Nahrungspartikeln
ep = Epithel
lm = Längsmuskulatur
m = Mundöffnung
osg = oberes Schlundganglion
rm = Ringmuskel
usg = unteres Schlundganglion

Das Nervensystem ist hoch entwickelt. Es ist in das Gehirn oder Oberschlundganglion, das Bauchmark und die Segmentalnerven untergliedert. Das aus zwei miteinander verwachsenen Cerebralganglien bestehende Gehirn liegt im dritten Segment kurz vor dem Beginn des Pharynx dorsal dem Darm auf. Von ihm ziehen zahlreiche Nerven nach vorn in Richtung Prostomium. Schlundkonnektive verbinden das Oberschlundganglion auf beiden Seiten des Vorderdarms mit dem zu Beginn des vierten Segments ventral vom Darm gelegenen Unterschlundganglion (siehe nebenstehende Abbildung). Es folgt der Hauptstrang des Nervensystems, der auf der Bauchseite den Wurm vom vierten Kopfsegment bis zum Schwanzsegment durchzieht. Er wird daher als Bauchmark bezeichnet. In einem Frontalschnitt durch das Bauchmark erkennt man, dass es sich evolution√§r vom Strickleiternervensystem ableitet. Die urspr√ľngliche Organisation des Strickleiternervensystems besteht aus paarigen, l√§ngs zur K√∂rperachse verlaufenden Konnektiven, die durch quer zur K√∂rperachse angeordnete Kommissuren miteinander verbunden sind. Konnektive und Kommissuren sind durch Nervenknoten (Ganglien), die √ľberwiegend aus den Zellk√∂rpern der Nervenzellen bestehen, miteinander verbunden. Beim Regenwurm sind diese Elemente alle in einem median verlaufenden (unpaaren) Nervenstrang vereint. In azangef√§rbten histologischen Pr√§paraten kann man die beiden Faseranteile (Kommissuren und Konnektive) sowie die Nervenknoten auf geeigneten Schnitten gut differenzieren. Pro Segment zweigen vom Bauchmark je drei Paar Segmentalnerven ab. Das vordere Paar liegt im kranialen (kopfw√§rts orientierten) Abschnitt eines Segments; das mittlere und das hintere Paar liegen meist eng benachbart im caudalen (schwanzw√§rts orientierten) Bereich eines Segments. Diese typische Anordnung erlaubt in den allermeisten F√§llen, ein histologisches Pr√§parat nach kopfw√§rts/schwanzw√§rts zu orientieren. Nach ihrer Abzweigung vom Bauchmark verlaufen die Segmentalnerven zun√§chst durch die sekund√§re Leibesh√∂hle des Regenwurms (Coelom) und treten dann in den Hautmuskelschlauch ein, wo sie sich in einen ventralen und einen dorsalen Ast auftrennen. In ihrem weiteren Verlauf zwischen Ring- und L√§ngsmuskulatur zweigen fortw√§hrend feine Fasern ab und innervieren die Muskelzellen sowie die Zellen der Epidermis. Die Innervation der Dissepimente, also der muskul√∂sen Scheidew√§nde zwischen den Segmenten, erfolgt durch die sogenannten Septalnerven, die in den Achseln der vorderen Segmentalnerven vom Bauchmark abzweigen. Das Darmnervensystem des Regenwurms, das man auch stomodaeales System nennt, wurde erst relativ sp√§t entdeckt. Augen fehlen zwar, doch ist der Regenwurm vor allem am Vorder- und Hinterende lichtempfindlich. In der Epidermis finden sich einzelne Sehzellen. Somit ist der Regenwurm zumindest in der Lage, hell und dunkel zu unterscheiden[7]. Der Regenwurm reagiert auch auf Ersch√ľtterungen des Bodens.

Blutgefäßsystem

Besondere Atmungsorgane besitzt der Regenwurm nicht, aber ein vielfach verzweigtes, geschlossenes Blutgef√§√üsystem, das den √ľber die Haut aufgenommenen Sauerstoff und die aus dem Darm aufgenommenen N√§hrstoffe im ganzen K√∂rper verteilt. Es besteht aus einem R√ľckengef√§√ü, das das Blut von hinten nach vorn treibt, und einem Bauchgef√§√ü. In den Segmenten sieben bis elf werden die beiden Hauptblutgef√§√üe durch muskul√∂se und stark kontraktile Schlingen, die so genannten Lateralherzen (zwei pro Segment), miteinander verbunden. In den √ľbrigen Segmenten gibt es keine direkte Verbindung mehr zwischen dem R√ľcken- und dem Bauchgef√§√ü. Das Blut selbst ist durch den roten Blutfarbstoff H√§moglobin, der im Blutplasma gel√∂st ist, rot gef√§rbt. Es enth√§lt auch farblose Blutk√∂rperchen, die Amoebocyten, die jedoch meistens den Gef√§√üw√§nden anliegen. Das H√§moglobin des Regenwurms besteht nicht wie das des Menschen aus nur 4, sondern aus 24 Untereinheiten. Entsprechend hoch ist die Molare Masse von 3.840.000 g¬∑mol‚ąí1.

Lebensweise

Ernährung

Teilweise in den Boden gezogene Bl√§tter (rechts) und Ausscheidungen (linke Bildmitte) von Regenw√ľrmern.

Die nachtaktiven Regenw√ľrmer sind √ľberwiegend Substrat- und Pflanzenfresser, das hei√üt, sie f√ľllen ihren Darm mit humusreicher Erde und vermodertem Pflanzenmaterial. Sie ziehen nachts beispielsweise Keimlinge und Bl√§tter in die Erde, um sie dort verrotten zu lassen und sp√§ter als Nahrung zu verwerten. Um die Bl√§tter festzuhalten, k√∂nnen Regenw√ľrmer ihr Vorderende knopfartig aufbl√§hen, so dass ihr Mund wie von einer Saugscheibe umgeben ist. Diese wird an das Blatt oder den Blattstiel gepresst, und mit Hilfe des muskul√∂sen Pharynx saugt sich der Wurm so sehr fest, dass er in der Lage ist, das angesaugte Blatt r√ľckw√§rts kriechend in seine Wohnr√∂hre zu ziehen. Sekrete aus den Pharynxdr√ľsen f√∂rdern den Zersetzungsprozess. Die aufgenommene Nahrung wird anschlie√üend mit Hilfe des Muskelmagens zerrieben und im Mitteldarm verdaut.

St√§ndig fressen sich die Regenw√ľrmer kreuz und quer durch die Bodenschichten ihres Lebensbereiches. Die dabei aufgenommene Erde enth√§lt Detritus-Bestandteile, Bakterien, Pilzsporen und zahlreiche Einzeller, die verdaut und als Nahrung genutzt werden k√∂nnen. Manche Arten verzehren auch Aas. Durch die Beschaffenheit der Erde, die der Regenwurm erzeugt, wenn er die mitgefressenen Bodenbestandteile wieder ausgeschieden hat, werden die f√ľr den Boden n√ľtzlichen Mikroorganismen gef√∂rdert und die bodenfeindlichen einged√§mmt, z. T. sogar vernichtet.

Fortbewegung und Graben

Mit Hilfe seiner Borsten und der Ring- und L√§ngsmuskulatur ist der Regenwurm in der Lage, sich sowohl vorw√§rts als auch r√ľckw√§rts kriechend zu bewegen. Sind beispielsweise beim Kriechen die Borsten schr√§g nach hinten gerichtet, bewirkt das Zusammenziehen der Ringmuskeln des Vorderendes, dass dieses d√ľnner und l√§nger wird. Dabei verankern die Borsten die hinteren Segmente im Boden, w√§hrend der vordere Teil √ľber den Boden gleitend sich nach vorne schiebt. Nun folgt eine von vorn nach hinten verlaufende Kontraktion der L√§ngsmuskeln, wodurch die Segmente wieder dicker und k√ľrzer werden, was den Wurmk√∂rper nach vorne zieht (peristaltische Bewegung). Ber√ľhrungs- und Lichtreize k√∂nnen Regenw√ľrmer auch zu sehr raschen Muskelkontraktionen im Sinne einer Fluchtreaktion veranlassen. Beim Eindringen in den Oberboden sowie beim Bau neuer unterirdischer Wohnr√∂hren wird das verd√ľnnte Vorderende als Bohrinstrument benutzt. Zum √úberwinden des Bodenwiderstandes dient der stabile hydrostatische Druck der Leibesh√∂hlenfl√ľssigkeit.

Fortpflanzung

Foto zweier aneinandergehefteter, kopulierender Regenw√ľrmer
Kopulation ‚Äď das Clitellum ist bei beiden W√ľrmern gut sichtbar
Kokons von Lumbricus terrestris

Die Geschlechtsreife, die mit ein bis zwei Jahren eintritt, zeigt sich durch die Ausbildung des sogenannten G√ľrtels (Clitellum), einer gelblichen sattelf√∂rmigen dr√ľsenreichen Verdickung vom 27. bis 35. Segment. (Die Seitenr√§nder des Clitellums treten als sogenannte Pubert√§tsleisten besonders hervor.) Regenw√ľrmer sind Zwitter und befruchten sich wechselseitig. Gro√üe Dr√ľsen des G√ľrtels scheiden bei der Begattung ein Sekret aus, mit dem sich jeder Wurm an der Bauchseite des 10. Segmentes des anderen Partners gegenl√§ufig anheftet. Dann scheidet jeder Wurm aus den beiden Spermienleitern eine deutlich sichtbare Spermienportion aus, die er durch Hautbewegungen l√§ngs zweier Samenrinnen in Richtung seines G√ľrtels zu den dort befindlichen Samentaschen (Receptacula seminis) des Partners transportiert. Die dort gespeicherten fremden Spermien dienen ein paar Tage sp√§ter zur Befruchtung der eigenen Eizellen. (Bei einigen Regenwurmarten wurde hin und wieder auch Selbstbefruchtung beobachtet.) Die Eier werden (wie auch bei den Blutegeln) in Kokons abgelegt. Ein Clitellum-Sekret dient zur Bildung der H√ľlle dieses Ei-Kokons, ein zweites f√ľllt es mit einer Eiwei√üschicht. Dann zieht sich der Wurm r√ľckw√§rts aus dem Kokonring, in den dabei aus den Eileiterm√ľndungen je nach Art ein oder mehrere Eier und aus den Samentaschen Spermien abgegeben werden. Die Embryonen ern√§hren sich von dem Eiwei√ü, von dem sie umgeben sind, und machen im Ei nach einer kurzen Trochophora-Phase die Metamorphose zum zun√§chst durchsichtigen Wurm durch. Die Entwicklungsdauer der Jungw√ľrmer kann je nach Art und Umgebungstemperatur sehr verschieden sein. So schl√ľpft der Kompostwurm (Eisenia fetida) in seiner relativ warmen Umgebung bereits nach 16 bis 20 Tagen, dagegen ben√∂tigt Lumbricus terrestris bei einer mittleren Bodentemperatur von etwa 12 ¬įC bis zu 135 Tage.

Lebensraum

Die Regenw√ľrmer lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  • Epig√§ische Arten wohnen knapp unterhalb der Bodenoberfl√§che im organisch angereicherten Horizont oberhalb des Mineralbodens. Sie leben vorwiegend von Tierauscheidungen und abgestorbenem Pflanzenmaterial. Aufgrund des notwendigen UV-Schutzes sind sie dunkel gef√§rbt.
  • Anektische Formen sind vertikalgrabend und suchen auch tiefere Bodenschichten (> 2 m) auf. Diese Arten f√∂rdern die Durchmischung der Mineralerde mit dem Humus.
  • Endog√§ische Vertreter der Regenw√ľrmer leben im oberen Bereich des Mineralbodens. Sie sind durchscheinend bleich gef√§rbt, da sie selten an die Oberfl√§che kommen.

√úberleben im Winter

Die Wintermonate (Dezember bis Februar) verbringen Regenw√ľrmer in Mitteleuropa in 40 bis 80 cm Bodentiefe in einer Art K√§ltestarre. H√§ufig finden sich unter w√§rmespeichernden Bodenstrukturen wie Baumst√ľmpfen, Steinen oder Komposthaufen ganze Kolonien zusammengerollter W√ľrmer. Unter hohen und dicht geschlossenen Schneedecken ist der Boden gegen K√§lte gesch√ľtzt und meist nicht gefroren. Stellenweise kann man hier Regenw√ľrmer beobachten, die selbst im Winter im Bereich des Oberbodens aktiv sind. Noch ist unbekannt, inwieweit und wie lange die Tiere K√§ltegrade √ľberstehen k√∂nnen. Mittelfristig droht den im Winter aktiven W√ľrmern die Gefahr auszutrocknen, da eine Durchfeuchtung des Bodens aufgrund der gefrorenen Schneedecke bzw. Bodenoberfl√§che nicht stattfindet. Manche Arten k√∂nnen w√§hrend der Winterruhe ca. 80 % ihres urspr√ľnglichen Gewichts einb√ľ√üen, bevor sie sterben. Lumbricus terrestris zum Beispiel vollzieht in den relativ milden Gegenden S√ľdwestdeutschlands (Oberrheingraben) keine richtige Winterruhe. Er erscheint in feuchten, frostfreien N√§chten stets an der Bodenoberfl√§che, um Nahrung aufzunehmen. Die im Herbst abgelegten Kokons der geschlechtsreifen Regenw√ľrmer entwickeln sich im frostfreien Boden √ľber den Winter hinweg weiter. Im Fr√ľhjahr schl√ľpfen die Jungw√ľrmer nach Eintritt einer Bodentemperatur von √ľber 10 ¬įC.

Foto von entlang einer Röhre aufgegrabenem Erdboden (Schnitt)
Tiefgr√ľndige, vertikal angeschnittene Regenwurmr√∂hre

Bedeutung f√ľr die Bodenverbesserung

Regenw√ľrmer k√∂nnen in bestimmten Bereichen einen Anteil von bis zu 90 Prozent der Biomasse der gesamten Bodenfauna ausmachen, wobei die Wurmdichte bis zu 2000 Individuen pro Quadratmeter erreichen kann.[8] Sie nehmen als Destruenten eine zentrale Stellung beim Abbau organischer Substanzen ein. Bei ihren Wanderungen durch die B√∂den bilden Regenw√ľrmer R√∂hren. In lockerem Bodensubstrat wie zum Beispiel feuchten Waldb√∂den oder Komposterde haben die Tiere beim Durchdringen des Bodens keine Probleme. Mineralb√∂den dagegen bieten je nach K√∂rnung, Festigkeit und aktuellem Wassergehalt sehr unterschiedliche Widerst√§nde. Meist werden die gebohrten R√∂hren mit Schleim und Exkrementen der W√ľrmer ringsherum ausgekleidet und somit f√ľr den raschen Auf- und Abstieg stabilisiert. Man nennt diese Verfestigung auch ‚ÄěTapete‚Äú. Sie dient u. a. auch den Pflanzen als D√ľnger. Die lufthaltigen G√§nge sorgen daf√ľr, dass aerobe Bakterien mit gen√ľgend Sauerstoff versorgt werden und sich abgestorbene Pflanzenteile besser zersetzen. In den vertikal gebohrten G√§ngen k√∂nnen aber auch Pflanzenwurzeln schneller in die Tiefe wachsen.

Von besonderer Bedeutung ist eine Tatsache, die bereits Charles Darwin in seinem Buch Die Bildung der Ackererde durch die T√§tigkeit der W√ľrmer beschrieb, dass Regenw√ľrmer best√§ndig die aus den tieferen Schichten des Bodens stammende Erde durch ihren Darm hindurch an die Erdoberfl√§che bef√∂rdern und dadurch zur Auflockerung und Bel√ľftung der B√∂den beitragen.[9] Als begleitender Effekt zeigt sich u. a. das erleichterte Eindringen von Wasser in tiefere Bodenschichten. Dies wiederum f√∂rdert das Pflanzenwachstum.

Ihren Kot setzen die Regenw√ľrmer meist oberirdisch in Form von geringelten Kotb√§llchen am M√ľndungsende ihrer G√§nge ab. Nach Darwins Berechnung bef√∂rdern die Regenw√ľrmer in vielen Teilen Englands j√§hrlich auf einem sechs Hektar gro√üen Landst√ľck ein Gewicht von mehr als 25.000 kg Erde an die Oberfl√§che und bewirken dadurch eine ganz erhebliche Durchmischung der Bodenschichten, wobei der Untergrund mit Humusstoffen angereichert wird. Durch diese T√§tigkeit "versinken" Steine oder auch verlorene M√ľnzen im Boden, weil die Ausscheidungen, die auf der Oberfl√§che abgelagert werden, aus tieferen Bodenschichten stammen. Dieser Vorgang wird allgemein als Bioturbation bezeichnet. In den Oberb√∂den der Tropen und Subtropen wurden noch wesentlich h√∂here Umsetzungsraten festgestellt. Es liegt nahe, dass die B√∂den des tropischen Regenwaldes hierbei an der Spitze liegen (bis zu 280 t pro ha).

Die gezielte Verarbeitung von Kompost (Kompostierung) durch Regenw√ľrmer (Wurmkompost) ergibt als Produkt den so genannten Wurmhumus mit hochkonzentrierten Bestandteilen an pflanzenverf√ľgbaren N√§hrstoffen. Im Freiland sind die positiven Einfl√ľsse von Regenw√ľrmern nicht messbar, da man sie von den anderen Umwelteinfl√ľssen nicht trennen kann. Unter standardisierten Bedingungen im Labor hingegen sind die Auswirkungen ihrer T√§tigkeiten auf die Bodenverbesserung belegbar. Erfahrungen haben aber auch gezeigt, dass sich √ľberm√§√üige k√ľnstliche D√ľngung eher ung√ľnstig auf die Regenwurmfauna auswirkt. Eine franz√∂sische Bauernweisheit behauptet zu Recht: ‚ÄěDer liebe Gott wei√ü, wie man fruchtbare Erde macht, und er hat sein Geheimnis den Regenw√ľrmern anvertraut.‚Äú

Foto eines Regenwurms im Erdboden (Schnitt)
Regenw√ľrmer sorgen f√ľr Bel√ľftung des Bodens

Biologischer Gartenbau

F√ľr den biologischen Gartenbau sind Regenw√ľrmer von zentraler Bedeutung. Regenw√ľrmer gelten als wichtigste Erzeuger von Dauerhumus, gleichbedeutend mit den Ausscheidungen des Regenwurms, einer stabilen Bodenstruktur, ideal f√ľr das Pflanzenwachstum und mit vielen f√ľr die Pflanzen verf√ľgbaren N√§hrstoffen. Daher ist auch die Pflege des Bodens in Form von Abdecken oder oberfl√§chliches Hacken gegen Austrocknung, Mulchen und Einbringen von Kompost eine Verg√ľnstigung der Lebensbedingungen f√ľr das Bodenleben (Edaphon) und somit f√ľr die Regenw√ľrmer. Der Komposthaufen im biologischen Gartenbau stellt sozusagen die Verdauungst√§tigkeit des Regenwurms im gro√üen Stil nach. Hier finden sich vor allem der Kompostwurm und der Rote Waldregenwurm sehr h√§ufig ein, ebenso wie unter ausgebrachtem Mulchmaterial. Die Reife des Kompostes l√§sst sich dadurch feststellen, dass der Haufen zusammengesunken ist und die Regenw√ľrmer diesen verlassen haben. Die N√§hrstoffanreicherung durch die Regenw√ľrmer wird indirekt durch organische D√ľngung erzeugt und auf Kunstd√ľnger wird explizit verzichtet. Da die Grabet√§tigkeit der Regenw√ľrmer den Boden ausreichend lockert, ist im biologischen Garten bei richtiger Bodenpflege ein Umgraben im Gegensatz zur konventionellen Anbaumethoden nicht mehr erforderlich.

Fressfeinde

Laufkäfer (Carabus auratus) erbeutet einen Regenwurm

Regenw√ľrmer werden in erster Linie durch zahlreiche Vogelarten verfolgt. Meist sind es Stare, Drosseln, Amseln und Kr√§hen, die den W√ľrmern gezielt nachstellen. Weitere nat√ľrliche Feinde sind Marder, Maulw√ľrfe, Igel, Spitzm√§use, Erdkr√∂ten, Fr√∂sche, Feuersalamander, Hundertf√ľ√üler, Ameisen und Laufk√§fer. Auch F√ľchse und Dachse ern√§hren sich gern von Regenw√ľrmern.

Maulw√ľrfe bei√üen den Regenw√ľrmern h√§ufig ins Vorderende, um sie am Davonkriechen zu hindern. Die auf diese Art und Weise bewegungsunf√§hig gewordenen, aber noch lebensf√§higen W√ľrmer werden anschlie√üend an einem sicheren Platz unter der Erde als Nahrungsvorrat deponiert, zum Beispiel f√ľr die Wintermonate.

Parasiten

In Regenw√ľrmern leben zahlreiche parasitierende Organismen. Neben verschiedenen, zum Teil symbiotisch lebenden Bakterien, Ciliaten und Flagellaten finden sich besonders h√§ufig Gregarinen (Sporozoen) und Fadenw√ľrmer (Nematoden). Befallen werden vor allem die Leibesh√∂hle sowie die Samenblase. Die meisten Parasiten sind harmloser Natur, einige aber √ľbertragen als Zwischenwirte schwere Krankheiten (zum Beispiel die Lungenwurmkrankheit bei Schweinen und H√ľhnern durch Metastrongylus-Arten). Hin und wieder werden auch Larven von Bandw√ľrmern (Eucestoda) in Regenw√ľrmern nachgewiesen. Gelegentlich parasitieren auch Larven der Goldfliege (Lucilia sericata) in Regenw√ľrmern. Sie halten sich bevorzugt im vorderen Bereich des Regenwurms (drittes und viertes Segment) auf und f√ľhren nach einiger Zeit zum Tod ihres Wirts.

Regenerationsverm√∂gen und Selbstverst√ľmmelung

Regenw√ľrmer verf√ľgen √ľber ein beachtliches Regenerationsverm√∂gen. So ist es den Tieren m√∂glich, nach der Durchtrennung ihr Hinterende fast vollst√§ndig wieder auszubilden. Die W√ľrmer sind auch in der Lage, in bestimmten Gefahrensituationen sich selbst zu verst√ľmmeln (Autotomie), z. B. wenn sie ein Fressfeind gepackt hat. Hierbei schn√ľrt der Wurm am Hinterende eine Reihe von Segmenten ab und √ľberl√§sst sie dem R√§uber, um sich mit dem restlichen K√∂rper durch Flucht in Sicherheit zu bringen.

Das weit verbreitete Ger√ľcht, dass zwei lebende W√ľrmer entstehen w√ľrden, wenn man einen Wurm in der Mitte durchtrennt, trifft nicht zu. Gerade in der K√∂rpermitte ist das Regenerationsverm√∂gen des Regenwurms am geringsten. Jedes K√∂rpersegment besitzt die genetische Anlage, nur den After und nicht den Kopf wieder auszubilden. Das Vorderende kann nur √ľberleben, wenn die Teilung des Regenwurms hinter dem 40. Segment erfolgt. In diesem Bereich befinden sich die lebenswichtigen Organe wie das Oberschlund- und das Unterschlundganglion (Nervenzentren mit gehirn√§hnlichen Funktionen) sowie die Lateralherzen, die f√ľr die Aufrechterhaltung des H√§molymphkreislaufs erforderlich sind. Diese lebensnotwendigen Organe m√ľssen vollst√§ndig erhalten bleiben, da sie nicht regeneriert werden k√∂nnen.

Am Vorderende k√∂nnen maximal die ersten 4 Segmente, das sogenannte Prostomium, abgetrennt werden. Diese Segmente werden alle wieder komplett ersetzt. Trennt man vorne mehr Segmente ab, werden nicht mehr alle regeneriert. Bei mehr als 15 entfernten Segmenten ist meist keine Regeneration des Vorderendes mehr m√∂glich. Das Hinterende ist in weitaus h√∂herem Ma√üe zur Regeneration f√§hig, wobei auch hier wieder das Regenerationsverm√∂gen zur K√∂rpermitte hin abnimmt. Das Regenerat hebt sich durch seine hellere F√§rbung von der benachbarten K√∂rperpartie deutlich ab. W√§hrend der Regeneration fallen die Regenw√ľrmer in eine K√∂rperstarre. Dies machen sich Maulw√ľrfe zunutze, die sie in die vordersten Segmente bei√üen und die dann unbeweglichen Regenw√ľrmer in Kammern als Vorrat lagern.[10]

Gefährdung und Schutz

Foto einer städtischen Straßenbaustelle mit Asphaltfertiger und Kombiwalze
Gefährdung durch vollständige Versiegelung der Bodenoberfläche durch Straßen- und Wegebau

Vor allem die Zerst√∂rung ihres Lebensraumes durch Schadstoffeintr√§ge und Fl√§chenversiegelung gef√§hrdet die Regenw√ľrmer.

Die Schadstoffe k√∂nnen aus privaten wie gewerblichen Anlagen stammen, aus dem Stra√üenverkehr, aus Abf√§llen und aus der Ausbringung von Kl√§rschlamm. Auch unsachgem√§√üe Anwendung von D√ľnge- und Pflanzenschutzmitteln sch√§digt die B√∂den. Alle genannten Faktoren bewirken eine Ver√§nderung und Einschr√§nkung der nat√ľrlichen Bodenfunktionen. Besonders betroffen davon sind n√§hrstoffarme und flachgr√ľndige Standorte, die von Natur aus ein geringeres Pufferverm√∂gen gegen√ľber Bodenver√§nderungen besitzen. Infolge der allgemeinen Sch√§digung binden die B√∂den immer weniger Humusanteile und Mineralstoffe. Das Bodenleben kommt letztlich zum Erliegen, dies f√ľhrt schrittweise zur vollst√§ndigen Erosion des Oberbodens durch Wind und Regen.

Weitere Probleme bringen die Verdichtung und die zunehmende Versiegelung der B√∂den mit sich. Man hat festgestellt, dass unter v√∂llig versiegelten Fl√§chen wie Fahrbahnen und Parkpl√§tzen keine Bodenlebewesen mehr existieren. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags ‚ÄěSchutz des Menschen und der Umwelt‚Äú wagt in ihrem Zwischenbericht (‚ÄěKonzept Nachhaltigkeit‚Äú) die Prognose, dass weite Fl√§chen des Bundesgebietes in ca. 80 Jahren zugebaut sein werden, wenn die Fl√§cheninanspruchnahme durch Siedlung und Verkehr wie in den letzten 30 Jahren weiter voranschreiten wird.

Es liegt auf der Hand, bei der Planung von neuen Wohn- und Gewerbegebieten auf eine fl√§chensparende Bauweise mit m√∂glichst geringer Fl√§chenversiegelung zu achten. Selbst in dichtbesiedelten Ballungszentren k√∂nnen Regenw√ľrmer und andere Bodenlebewesen existieren, wenn ihnen durch die Anlage von Baumscheiben, Rasensteinen, Gr√ľnfl√§chen und Heckenz√ľgen Lebensraum bleibt.

Wurmzucht, Wurmfarm

Die meisten Regenwurmarten k√∂nnen relativ einfach in Gefangenschaft gehalten und entsprechend gut vermehrt werden. Auf diese Weise werden Regenw√ľrmer vielerorts in sogenannten Wurmfarmen in gro√üem Stil gez√ľchtet und kommerziell genutzt. Vielfache Verwendung finden die W√ľrmer als Futtertiere im Zoofachhandel oder als K√∂der f√ľr den Angler. Zuchtans√§tze und Zubeh√∂r zur Wurmzucht k√∂nnen von darauf spezialisierten Unternehmen im Internet bestellt und auf dem Postweg zugeschickt werden.

Seit einiger Zeit werden Wurmkulturen auch f√ľr die Bodenverbesserung und f√ľr die Kompostwirtschaft eingesetzt. Am besten eignen sich hierf√ľr Arten, die bereits von Natur aus hohe Umsetzungs- und Reproduktionsraten aufweisen (z. B. Eisenia fetida).

Neuerdings werden auch tropische Regenwurmarten in geheizten Anlagen kultiviert (z. B. Eudrilus eugeniae aus Westafrika). Solche Arten sollten allerdings nur in geschlossenen Bereichen (Gew√§chsh√§usern, Laboreinheiten) gez√ľchtet werden. Ins Freiland ausgebracht sollte sie wegen der Neozoenproblematik jedoch nicht. Auch f√ľr den Hobbyg√§rtner und den Halter von Terrarientieren (z. B. Schildkr√∂ten, Frosch- und Schwanzlurche) kann sich die Zucht von Regenw√ľrmern in so genannten Wurmkisten lohnen. Diese speziellen Beh√§ltnisse eignen sich u. a. auch f√ľr die Aufstellung auf Balkonen und Terrassen.

Immer wieder tauchen in der Presse Berichte auf, dass Regenw√ľrmer f√ľr den menschlichen Verzehr gez√ľchtet und angeboten werden (z. B. als Fleischkl√∂√üchen ‚Äď sog. ‚ÄěWormburger‚Äú oder frisch frittiert). Aufgrund der generell starken Parasitierung der W√ľrmer ist hier aber Vorsicht geboten (siehe Kap. Parasiten).

Fangmethoden

Thielemann’sche Oktettmethode

Die Thielemann‚Äôsche Oktettmethode ist eine in der Wissenschaft inzwischen anerkannte Anwendung, zum Fang von Regenw√ľrmern mittels elektrischen Stroms. Das Verfahren nach dem Biologen Dr. Ullrich Thielemann wird h√§ufig im Rahmen von Untersuchungen zur standardisierten Bestandserfassung der Regenwurmfauna spezieller Standorte angewandt. Auch im Zuge des Biomonitorings ist es eine weit verbreitete Nachweismethode. Hierbei st√∂√üt man acht Elektroden mit einem Abstand von etwa 50 cm zueinander kreisf√∂rmig in den Oberboden. Je nach Leitf√§higkeit des anstehenden Bodens werden ‚Äězerhackte‚Äú Gleichstromimpulse von 50 bis 250 Volt an die Elektroden f√ľr die Dauer von etwa 20 Minuten angelegt. Binnen weniger Minuten werden die im elektrischen Feld angesiedelten Regenw√ľrmer aus dem Boden getrieben, wobei die gr√∂√üeren Exemplare meistens zuerst an die Oberfl√§che kriechen.

Formaldehyd

Eine andere und auch √ľblichere Methode f√ľr die Gewinnung von Regenw√ľrmern aus dem Erdreich ist die Anwendung von Formalin (Formaldehyd). Zur Gewinnung der Tiere werden 50 ml 37 % Formalin auf 10 Liter Leitungswasser vermengt und die so erzeugte Formalinmischung auf etwa 1/2 m¬≤ Rasen- oder Bodenfl√§che verteilt. Die so gewonnenen Tiere werden sofort nach dem Auflesen zur Abschleimung ca. 10 bis 15 Minuten in sauberes Leitungswasser gelegt. F√ľr die Bestimmung der Tiere z. B. unter einem Binokular werden sie nach einer Erholungspause von etwa zwei Stunden mit CO2-Gas bet√§ubt. Danach werden die W√ľrmer auf ein vorbereitetes Zuchtsubstrat gelegt, wo sie sich nach f√ľnf bis zehn Minuten eingraben.

Senf

Als Alternative zum giftigen und umweltsch√§dlichen Formaldehyd wird seit Anfang der 1990er Jahre auch Senf als (zudem kosteng√ľnstigeres) Austreibungsmittel empfohlen. Bei dieser Methode werden zun√§chst 60 g Senfmehl in einen halben Liter Wasser gegeben. Nach einer Stunde Wartezeit und gr√ľndlicher Durchmischung wird die Suspension in 9,5 Liter Wasser gegeben. Ebenso kann Fertigsenf verwendet werden, der leichter zu handhaben ist, da er direkt in das Wasser einger√ľhrt werden kann; jedoch ist hier die Austreibungswirkung im Hinblick auf bestimmte Regenwurmarten (namentlich der Gattungen Aporrectodea und Allolobophora) geringer.[11]

Andere Fangmethoden

In bestimmten Regionen Kanadas, der USA und Englands werden Regenw√ľrmer in gro√üem Ma√üe mittels Worm Charming, Worm Fiddling oder Wurmgrunzen gejagt.[12][13]

Systematische √úbersicht der in Deutschland vorkommenden Arten

Regenwurm im Bodenprofil

Die systematische Gliederung der W√ľrmer findet ihren Anfang in der Unterteilung der Invertebraten in zehn Klassen durch Lamarck. Cuvier ordnete die St√§mme nach vergleichend morphologischen Gesichtspunkten in vier Kreise (Vertebrata, Mollusca, Articulata, Radiata), wobei er jedoch im Wesentlichen die Einteilung Lamarcks beibehielt. Zahlreiche Forscher gliederten aus diesen Kreisen weitere Gruppen heraus und reihten sie als selbst√§ndige St√§mme in die Systematik ein. So wurde der Stamm Vermes in den St√§mmen Plathelmintes, Nemertini, Nemathelminthes und Annelida aufgeteilt. Der ‚ÄěWurm‚Äú-Begriff kennzeichnet heute nur noch einen bestimmten Habitus, aber keinesfalls mehr eine systematische Einheit. Nach Otto Graff (1953) unterscheiden wir bei den Lumbriciden zwei Gattungsgruppen, die durch den Besitz morphologischer Unterschiede sowie ihrer √∂kologischen Anspr√ľche zu bestimmen sind: Eisenia, Lumbricus und Dendrobaena geh√∂ren zu den Gattungen, die stets rot pigmentiert sind. Sie leben im Laubwald im Oberboden ‚Äď die juvenilen Tiere ausschlie√ülich in der Streuschicht. Die pflanzlichen Abfallprodukte (z. B. Falllaub) werden verzehrt und dadurch abgebaut. F√ľr den Boden bedeutet das, dass der Gasaustausch (CO2-Kreislauf) durch die Falllaubschicht nicht behindert wird.

Den rot pigmentierten Gattungen steht die Gruppe Octoclasium, Eiseniella und Allobophora gegen√ľber, die alle Schattierungen zwischen schwarz, grau und bl√§ulich bis gr√ľnlich aufweisen, jedoch nie rot pigmentiert sind. Sie leben im tieferen Erdreich und nehmen viel Mineralboden in ihrem Darm auf. Ihre Ausscheidungsprodukte bestehen aus einem Gemisch von organischen und anorganischen Teilen. Diese werden im Boden ausgeschieden, so dass diese Gattungsgruppe nicht nur zur Lockerung und Durchl√ľftung der tieferen Bodenhorizonte beitragen, sondern den Mineralboden auch mit organischen Substanzen anreichern. Die Gattung Eiseniella spielt dabei keine wesentliche Rolle, da sie meistens nicht im Boden lebt und daher in Kulturb√∂den ohne Bedeutung ist. Das Verhalten der beiden Gattungsgruppen auf dem Gr√ľnland ist √§hnlich, jedoch sind hier die √∂kologischen Unterschiede verwischt, da - durch die Kultur verursacht - der biologische Rhythmus zwischen Vegetation und Laubwald erheblich gest√∂rt ist.

In Deutschland finden sich derzeit 39 Regenwurmarten aus 6 Gattungen: Gattung Allolobophora (14 Arten):

Allolobophora antipae Allolobophora caliginosa (Feldwurm, Wiesenwurm) Allolobophora chlorotica (Kleiner Ackerwurm)
Allolobophora cupulifera Allolobophora diomedea Allolobophora handlirschi
Allolobophora icterica Allolobophora jenensis Allolobophora limicola
Allolobophora longa Allolobophora minuscula Allolobophora oculata
Allolobophora rosea Allolobophora smaragdina
Regenwurm attackiert durch Ocypus olens

Gattung Dendrobaena (9 Arten):

Dendrobaena attemsi (r√∂tlich, bis 5 cm) Dendrobaena austriaca Dendrobaena illyrica
Dendrobaena octaedra Dendrobaena platyura (grau, bis 17 cm) Dendrobaena pygmaea
Dendrobaena rubida (blassrot, bis 6 cm) Dendrobaena subrubicunda Dendrobaena tenuis

Gattung Eisenia (4 Arten):

Eisenia eiseni Eisenia fetida andrei (Kompostwurm, bis 13 cm), Eisenia fetida fetida (Mistwurm)
Eisenia veneta

Gattung Eiseniella (1 Art):

Eiseniella tetraedra

Gattung Lumbricus (8 Arten (9)):

Lumbricus badensis (Badischer Regenwurm) Lumbricus castaneus Lumbricus festivus
Lumbricus friendi Lumbricus polyphemus Lumbricus pusillus
Lumbricus rubellus (Rotwurm, leuchtend rot bis 12 cm) Lumbricus terrestris (Tauwurm) Lumbricus moliboeus

Gattung Octolasium (3 Arten):

Octolasium croaticum, Octolasium cyaneum, Octolasium lacteum

Neozoenproblematik europ√§ischer Regenw√ľrmer in den USA

Im Nordosten der USA wirkt sich das Ern√§hrungsverhalten eingeschleppter europ√§ischer Regenwurmarten (vermutlich als Angelk√∂der) stellenweise auf das Boden√∂kosystem der Laubw√§lder aus. Da dort urspr√ľnglich keine Regenw√ľrmer verbreitet waren, haben sich die Laubw√§lder darauf eingestellt, dass sich dichte Laubschichten auf dem Boden bilden, die im Winter als Isolierung dienen und kleinere Pflanzen sowie Baumsch√∂sslinge vor Frost sch√ľtzen. Wo aber Regenw√ľrmer diese Schicht zersetzen, sind B√∂den und Unterwuchs dem strengen Frost des nordamerikanischen Winters ausgesetzt. Dies kann dort heimische Arten sowie die Waldverj√ľngung bedrohen.

Regenw√ľrmer in der Popul√§rkultur

Eine Regenwurm-Adaptation ist der unkonventionelle Videospielheld Earthworm Jim, der auch seine eigene Zeichentrick-Reihe erhielt. Diese Figur stellt einen schie√üfreudigen Superhelden dar. In der Zeichentrickserie ‚ÄěDie Biene Maja‚Äú tritt ein Regenwurm mit Namen Max auf. Andere Videospiele, in dem Regenw√ľrmer die Protagonisten sind, ist die Worms-Reihe.

Wissenswertes

  • Wird ein Regenwurm, z. B. durch einen Spatenstich, in zwei Teile zerteilt, stirbt der Schwanzteil auf jeden Fall ab. Der Kopfteil dagegen kann √ľberleben, wenn er lang genug ist: Fand die Zerteilung etwa ab dem vierzigsten Segment vom Kopf abw√§rts statt, ist der Regenwurm in der Lage einen neuen Schwanz zu regenerieren. K√ľrzere Kopfteile sind dagegen nicht √ľberlebensf√§hig, da sich bis in diesen Bereich lebenswichtige Organe des Wurms hineinziehen.[14]

Quellen

Literatur

Briefmarke der Färöer-Inseln
  • W. Peters, V. Walldorf: Der Regenwurm - Lumbricus terrestris L. Heidelberg 1986, ISBN 3-494-01124-9.
  • W. Buch: Der Regenwurm im Garten. Ulmer, Stuttgart 1986, ISBN 3-8001-6276-8.
  • J. E. Satchell: Earthworm Ecology. Chapman and Hall, London 1983, ISBN 0-412-24310-5.
  • Otto Graff: Die Regenw√ľrmer Deutschlands. Ein Bilderatlas f√ľr Bauern, G√§rtner, Forstwirte und Bodenkundler. Verl. M. u. H. Schaper, Hannover 1953. (Schriftenreihe der Forschungsanstalt f√ľr Landwirtschaft Braunschweig-V√∂lkenrode 7)
  • B. Gruner, E. Zebe: Studies on the anaerobic metabolism of earthworms. In: Comp. Biochem. Physiol. 60 B (1978), S. 441‚Äď445.
  • G. Osche: Der ‚ÄěRiesenregenwurm‚Äú (Lumbricus badensis) des S√ľdschwarzwaldes. In: Der Feldberg im Schwarzwald. Natur- und Landschaftsschutzgebiete Bad.-W√ľrtt. 12, Karlsruhe 1982, S. 394‚Äď396.
  • Charles Darwin: Die Bildung der Ackererde durch die Th√§tigkeit der W√ľrmer mit Beobachtung √ľber deren Lebensweise. 1882.
    • Nachdruck: Die Bildung der Ackererde durch die T√§tigkeit der W√ľrmer. M√§rz-Verlag, Berlin/Schlechtenwegen 1983, ISBN 3-88880-017-X.
  • U. Thielemann: Elektrischer Regenwurmfang mit der Oktett-Methode. In: Pedobiologia. 29 (4) 1986, S. 296‚Äď302.
  • J. Breidenbach: Normalanatomie und -histologie des Lumbriciden Lumbricus terrestris L. Dissertation, 2002. (online)
  • Volz: Charakterisierung von Waldstandorten durch Regenwurmgesellschaften. 1962. (Quelle)
  • U. Kutschera, J. M. Elliott: Charles Darwin's observations on the behaviour of earthworms and the evolutionary history of a giant endemic species from Germany, Lumbricus badensis (Oligochaeta: Lumbricidae). In: Applied and Environmental Soil Science. 2 (2010), S. 1‚Äď11. doi:10.1155/2010/823047. (Open Access Article)
  • Andre√ƬĀ Voisin: Lebendige Grasnarbe. M√ľnchen: LVB 1961, S. 194‚Äď224

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ F. H√§ni: Pflanzenschutz im integrierten Ackerbau. 2001
  2. ‚ÜĎ Erhard Christian, Andr√°s Zicsi: Ein synoptischer Bestimmungsschl√ľssel der Regenw√ľrmer √Ėsterreichs (Oligochaeta: Lumbricidae). In: Die Bodenkultur. Bd. 50, Heft 2 (1999), S. 121‚Äď131, S. 121.
  3. ‚ÜĎ Hans-Wilhelm Gr√∂mping: Regenwurm. In: Natur-Lexikon.com. Absatz 2. Abgerufen am 29. Oktober 2010.
  4. ‚ÜĎ Djuke Nickelsen: Ein emsiger, aber lichtscheuer Geselle: Der Regenwurm ist ‚ÄěWirbelloses Tier des Jahres 2004‚Äú. 29. M√§rz 2004.
  5. ‚ÜĎ Pro Natura: Tier des Jahres 2011.
  6. ‚ÜĎ dpa: Angst vor Maulw√ľrfen treibt Regenw√ľrmer ans Licht. 16. Dezember 2008.
  7. ‚ÜĎ E. Hadorn, R. Wehner, Allgemeine Zoologie, Thieme (1978), S. 271, ISBN 3-13-367420-2
  8. ‚ÜĎ C. A. Edwards & P. J. Bohlen: Biology and Ecology of Earthworms. Chapmann & Hall, London (1996)
  9. ‚ÜĎ C. Darwin: The formation of vegetable mould through the action of worms, with observations of their habits. Murray, London (1881); deutsche Ausgabe: Volltext (PDF)
  10. ‚ÜĎ W. Westheide, R. Rieger: Spezielle Zoologie. Teil 1. Einzeller und wirbellose Tiere. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, Jena, New York 1996, ISBN 3-437-20515-3, S. 363.
  11. ‚ÜĎ Fr√ľnd, H.-C. & Jordan, B. (2004). Eignung verschiedener Senfzubereitungen als Alternative zu Formalin f√ľr die Austreibung von Regenw√ľrmern. Mitteilungen der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft, 103, 25‚Äď26. Auch verf√ľgbar unter: pdf. Abgerufen am 22. April 2007.
  12. ‚ÜĎ Lucy Berrington: The War on Worms, Sunday Mirror, 28. April 1996. Online abgerufen am 9. Februar 2011
  13. ‚ÜĎ Kenneth Catania: Maulwurf-Alarm √† la Darwin Spektrum der Wissenschaft, 2, 2011
  14. ‚ÜĎ Wissenswert: Zerteilter Regenwurm ‚Äď aus eins mach zwei?. bild der wissenschaft. Abgerufen am 31. Mai 2011.

Weblinks

 Commons: Regenw√ľrmer ‚Äď Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Regenwurm ‚Äď Bedeutungserkl√§rungen, Wortherkunft, Synonyme, √úbersetzungen
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