Reichsland Elsaß-Lothringen

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Reichsland Elsaß-Lothringen
Reichsland Elsaß-Lothringen
Wappen Flagge
Wappen des Reichslandes Elsaß-Lothringen
Dienstflagge des Reichslandes Elsa√ü-Lothringen 1911‚Äď1918
Lage im Deutschen Reich
Lage des Reichslandes Elsaß-Lothringen im Deutschen Kaiserreich
 
Landeshauptstadt Straßburg
Regierungsform Teil des Deutschen Kaiserreiches
Staatsoberhaupt Deutscher Kaiser, vertreten durch einen Reichsstatthalter
Bestehen 1871‚Äď1918
Fläche 14.522 km²
Einwohner 1.874.014 (1910)
Bevölkerungsdichte 129 Einwohner/km²
Entstanden aus abgetretenen Gebieten Frankreichs
Aufgegangen in frz. Départements Moselle, Bas-Rhin, Haut-Rhin
Stimmen im Bundesrat 3 Stimmen (seit 1911)
Kfz-Kennzeichen VI A, B, C
Karte
Reichsland Elsaß-Lothringen

Reichsland Elsa√ü-Lothringen ist die Bezeichnung f√ľr ein aus Teilen der alten Landschaften Elsass und Lothringen gebildetes Verwaltungsgebiet des Deutschen Reiches von 1871 bis 1918. Anders als die Bundesstaaten und die Preu√üischen Provinzen unterstand das Reichsland unmittelbar dem Deutschen Kaiser.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Größte Städte:

Bevölkerung

Die Volkszählung von 1900[1] ergab folgendes Ergebnis:

Muttersprache:

  • Deutsch: 1.492.347 (86,8 %)
  • Eine andere Sprache: 219.638 (12,8 %)
    • Franz√∂sisch: 198.318 (11,5 %)
    • Italienisch: 18.750 (1,1 %)
    • Polnisch: 1.410 (0,1 %)
  • Deutsch und eine andere Sprache: 7.485 (0,4 %)

Religiöse/konfessionelle Zugehörigkeit:

  • Katholisch: 1.310.450 (76,21 %)
  • Evangelisch: 372.078 (21,64 %)
  • Andere Christen: 4.416 (0,26 %)
  • J√ľdisch: 32.264 (1,88 %)
  • Ohne Angabe: 262 (0,02 %)

Wappen

Wappenschild

Das mit kaiserlichem Erlass vom 29. Dezember 1891 genehmigte Wappen zeigt den deutschen Reichsadler (ohne Ordenskette) mit dar√ľber schwebender Kaiserkrone, belegt mit einem mit der Herzogkrone gekr√∂nten hochgespaltenen Schild. Die rechte quergeteilte H√§lfte zeigt oben im roten Feld einen einw√§rtsgekehrten goldenen, von je drei goldenen Kronen (2:1) begleiteten Schr√§gbalken (f√ľr die Landgrafschaft Oberelsass), unten im roten Feld einen ebenfalls linksgewendeten silbernen, beiderseits mit gleichfarbigen Perlen und Dreibl√§ttern abwechselnd besteckten Schr√§gbalken (f√ľr die Landgrafschaft Unterelsass). In der linken Schildh√§lfte erscheint im goldenen Feld ein roter mit drei gest√ľmmelten wei√üen, schr√§ggelegten Adlern belegter Schr√§gbalken (f√ľr das Herzogtum Lothringen).

Geschichte

Geschichte bis zur Gr√ľndung des Reichslandes

Die heutigen Regionen Elsass und Lothringen geh√∂rten seit dem Vertrag von Mersen im Jahr 870 zum Ostfr√§nkischen Reich (sp√§ter Heiliges R√∂misches Reich). Wie √ľberall bestanden auch hier verschiedene reichsst√§dtische, geistliche und reichsst√§ndische Territorien.

Der gr√∂√üte Teil des sp√§teren Reichslandes wurde durch Frankreich unter Ludwig XIV. im Zuge der Reunionspolitik in der zweiten H√§lfte des 17. Jahrhunderts nach und nach annektiert. Stra√üburg wurde 1681 von Truppen Ludwigs XIV. besetzt. Das Elsass spielte jedoch noch lange Zeit eine Sonderrolle im franz√∂sischen K√∂nigreich und blieb kulturell deutsch gepr√§gt. Es herrschte auch im Gegensatz zum √ľbrigen Frankreich eine weitgehende Toleranz gegen√ľber den Protestanten und wirtschaftlich war das Elsass durch eine Zollgrenze vom √ľbrigen Frankreich getrennt.

In der franz√∂sischen Revolutionszeit wurde die Region vollst√§ndig Teil der Ersten Franz√∂sischen Republik und blieb auch w√§hrend des Ersten Kaiserreichs, der Restaurationszeit, der Julimonarchie, der Zweiten Republik und des Zweiten Kaiserreichs ein Teil Frankreichs. Es war ‚Äď wie das √ľbrige franz√∂sische Staatsgebiet ‚Äď in D√©partements unterteilt, deren Grenzen sich nicht mit den sp√§teren Grenzen des Reichslandes deckten.

Elsass-Lothringen im Deutschen Reich

Nach dem Deutsch-Franz√∂sischen Krieg 1870/71 wurde das Gebiet mit dem Frieden von Frankfurt wieder dem deutschen Hoheitsbereich, dem neu gegr√ľndeten deutschen Kaiserreich, angegliedert. Der v√∂lkerrechtliche Gebiets√ľbergang erfolgte bereits am 2. M√§rz 1871, dem Tag des Inkrafttretens des Versailler Vorfriedens; zu einem integralen Bestandteil des Reichsgebietes im staatsrechtlichen Sinne wurde Elsa√ü-Lothringen erst am 28. Juni 1871 mit dem Inkrafttreten des Reichsgesetzes vom 9. Juni 1871 √ľber die Vereinigung von Elsass und Lothringen mit dem Deutschen Reich.[2]

Grenzen der französischen Départements und Grenzziehung Elsass-Lothringens

Die Grenzziehung im Bereich des Elsass folgte im Wesentlichen der Sprachgrenze entlang dem Hauptkamm der Vogesen. Die historisch zum s√ľdlichen Elsass (d. h. zum Sundgau) geh√∂rige, aber seit Alters her franz√∂sischsprachige Stadt Belfort mit ihrem Umland (Territoire de Belfort) an der Burgundischen Pforte verblieb bei Frankreich. Auch der gr√∂√üte Teil des alten Gesamt-Lothringens (Lorraine) mit der Hauptstadt Nancy blieb bei Frankreich, die ehemals Freie Deutsche Reichsstadt Metz mitsamt Festung (‚Üí Festung Metz) und Umland wurde allerdings ‚Äď vor allem aus strategischen Beweggr√ľnden ‚Äď dem Deutschen Reich zugeschlagen. Dadurch wurden 200.000 Lothringer mit franz√∂sischer Muttersprache zu Reichsdeutschen, die sich jedoch ohne eigene Bundesstaatsgewalt als ‚ÄěReichsb√ľrger zweiter Klasse‚Äú f√ľhlen mussten.[3] Zwar handelte es sich dabei nur um ca. 10 % der Bev√∂lkerung Elsa√ü-Lothringens, somit wesentlich weniger als die zuvor und danach deutschsprachigen Els√§sser in Frankreich, allerdings belastete dieser Umstand die deutsch-franz√∂sischen Beziehungen in den folgenden Jahrzehnten zus√§tzlich. Die sogenannten Altdeutschen, Zuwanderer aus dem √ľbrigen Deutschland, machten dann 1895 ungef√§hr die H√§lfte der Stadtbev√∂lkerung von Metz aus.[4]

Bei der Formierung des Deutschen Heeres nach der Reichsgr√ľndung war aus bereits vorhandenen Truppen das XV. preu√üische Armeekorps entstanden. Das Korps erhielt seinen Bezirk im neuen Grenzland Elsa√ü-Lothringen, wie ebenfalls das 1890 aufgestellte XVI. Armeekorps. Die s√ľdlichen Territorien des Reichslandes geh√∂rten zu den Bezirken des 1871 aus badischen Truppen aufgestellten XIV. und ab 1912 die nord√∂stlichen zum XXI. Armeekorps.

Die Rekrutierungsbezirke dieser Korps lagen außerhalb Elsaß-Lothringens. Dies traf auch auf die später im Rahmen von Heeresvergrößerungen bei diesen Korps aufgestellten und nicht immer im Reichsland stationierten Ober- und Unter-Elsässischen und Lothringischen Regimenter zu. Die zum Wehrdienst eingezogenen Elsässer und Lothringer wurden dagegen, wie als ebenso politisch unzuverlässig geltende aktive und passive Sozialdemokraten, einzeln auf sämtliche preußische Armeeeinheiten verteilt. Erst ab dem Jahre 1903 wurde ein Viertel die Elsässer Rekruten versuchsweise zu den Truppen eingezogen, die in ihrem Heimatland stationiert waren.[5]

1910 waren 4,3 % der ortsanwesenden Bev√∂lkerung ‚Äď etwa 80.000 Personen ‚Äď Milit√§rangeh√∂rige, was Elsa√ü-Lothringen zur am dichtesten mit Truppen belegten Region des Deutschen Reiches machte.

Schon 1871 gab es Pl√§ne f√ľr eine strategische Eisenbahnlinie von Berlin √ľber Wetzlar und Koblenz nach Metz, um das neue Reichsland auch milit√§rstrategisch einzubinden. Diese ‚ÄěKanonenbahn‚Äú wurde dann in den 1870er Jahren realisiert. Die dortigen Eisenbahnen der privaten Franz√∂sischen Ostbahn-Gesellschaft (Compagnie des Chemins de Fer de l‚ÄôEst) ‚Äď insgesamt 740 km Strecken ‚Äď wurden zun√§chst vom franz√∂sischen Staat gekauft und dann dem Deutschen Reich f√ľr 260 Mio. Goldmark weiterverkauft. Der Kaufpreis wurde auf die von Frankreich zu zahlende Kriegskostenentsch√§digung angerechnet. Daraus wurden die Reichseisenbahnen in Elsa√ü-Lothringen gebildet, die erste im Eigentum des Deutschen Reiches befindliche Eisenbahn.

Seit 1883 gab es Planungen zur Moselkanalisierung, um die Industrie in Lothringen mit dem Rhein zu verbinden.

Der Status ‚ÄěReichsland‚Äú

Da das Deutsche Reich ein Bundesstaat aus autonomen Gliedstaaten (‚ÄěBundesgliedern‚Äú) war, man dem Neugewinn aber zun√§chst keine Eigenst√§ndigkeit zugestehen wollte, wurden verschiedene M√∂glichkeiten der Eingliederung diskutiert:

  • Angliederung als preu√üische Provinz
  • Eingliederung Lothringens in das K√∂nigreich Bayern (die damals noch bayerische Pfalz w√§re damit verschmolzen worden), das Elsass w√§re zu Baden gekommen.
  • Neuschaffung eines ‚ÄěReichslandes‚Äú, das dem Reich (also keinem bestimmten Einzelstaat des Reiches) zugeordnet ist und das vom Kaiser direkt verwaltet wird.

Vor allem die ‚Äěpreu√üische L√∂sung‚Äú wurde anfangs von verschiedenen Seiten sehr lebhaft vertreten. Der Historiker Heinrich von Treitschke pl√§dierte 1871 im Reichstag f√ľr diese L√∂sung mit folgender Begr√ľndung: Die Aufgabe, diese entfremdeten St√§mme deutscher Nation unserem Lande wieder einzuf√ľgen, ist so gro√ü und schwer, dass man sie nur erprobten H√§nden anvertrauen darf, und wo ist eine politische Kraft im Deutschen Reiche, die die Gabe, zu germanisieren, erprobt hat, wie das alte glorreiche Preu√üen. Angesichts des bevorstehenden Kulturkampfes gegen den Katholizismus machte auch der hohe katholische Anteil unter den Neub√ľrgern Sorgen.

Otto von Bismarck setzte sich im Reichstag f√ľr die L√∂sung ein, dass Elsa√ü-Lothringen an das Reich selbst √ľberging, nicht zuletzt, weil er auf die Interessen der s√ľddeutschen Gliedstaaten R√ľcksicht nehmen musste.

Die M√∂glichkeit, Elsa√ü-Lothringen den Status eines Gliedstaates des Deutschen Reiches mit eigenem Landesherrn und eigener Verfassung zuzugestehen, wurde nicht erwogen; nicht zuletzt deshalb, weil man in Preu√üen der √úberzeugung war, dass die Bev√∂lkerung des Landes doch zuerst germanisiert werden m√ľsste. Deshalb wurde das Reichsland zun√§chst als besetztes Gebiet behandelt und unmittelbar durch das Reich verwaltet. Viele sich zu Frankreich geh√∂rig f√ľhlende, insbesondere franz√∂sischsprachige Einwohner, die sogenannten Optanten, verlie√üen die Region und zogen unter Mitnahme ihres Verm√∂gens nach Frankreich, insbesondere nach Belfort. Andere gingen in die Schweiz oder die USA.

Ergebnisse der Reichstagswahlen 1874‚Äď1912

Die Einwohner erhielten das Wahlrecht zum Deutschen Reichstag, in dem das Reichsland ab 1874 mit 15 Abgeordneten (von 397) fortan vertreten war. Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse der Reichstagswahlen in Elsaß-Lothringen 1874 bis 1912.[6]

1874 1877 1878 1881 1884 1887 1890 1893 1898 1903 1907 1912
Einwohnerzahl (in Tsd.) 1550 1532 1567 1564 1604 1641 1719 1815 1874
Wahlberechtigte (in %) 20,6 21,6 21,0 19,9 19,5 20,1 20,3 20,3 21,0 21,7 21,9 22,3
Wahlbeteiligung (in %) 76,5 64,2 64,1 54,2 54,7 83,3 60,4 76,4 67,8 77,3 87,3 84,9
Konservative (K) 0,0 0,2 2,8 0,0 12,5 14,7 10,0 4,8
Deutsche Reichspartei (R) 0,2 12,0 0,8 1,5 6,6 7,6 6,1 4,1 3,5 2,7 2,1
Nationalliberale (N) 2,1 0,0 1,9 0,7 11,5 8,5 3,6 10,3
Liberale 0,2
Freisinnige Vereinigung (FVg) 0,0 0,1 6,2 6,4
Deutsche Fortschrittspartei 1,4 0,0 1,8 0,5 14,0
Zentrum (Z) 0,0 0,6 7,1 31,1 5,4
SPD Elsaß-Lothringen (S) 0,3 0,1 0,4 1,8 0,3 10,7 19,3 22,7 24,2 23,7 31,8
Regionale Parteien (EL) 96,9 97,8 87,5 93,3 95,9 92,2 56,6 47,7 46,9 36,1 30,2 46,5
Sonstige 0,7 0,6 0,2 0,6 0,8 0,2 1,1 1,9 12,0 7,0 5,9 0,2
  1874 1877 1878 1881 1884 1887 1890 1893 1898 1903 1907 1912
Mandatsverteilung
EL 15
EL 15
EL 15
EL 15
EL 15
EL 15
K 1
EL 10
R 1
N 2
S 1
K 3
EL 8
R 1
S 2
FVg 1
K 1
EL 10
R 2
S 1
FVg 1
K 1
EL 9
R 1
N 1
FVg 1
Vp 1
U 1
R 1
EL 7
Z 5
S 2
FVg 1
EL 9
S 5

FVp: Fortschrittliche Volkspartei, durch Zusammenschluss aller linksliberalen Gruppierungen entstanden.

Die Zusammenstellung zeigt, dass die gro√üe Mehrheit der Bewohner des Reichslandes in den ersten beiden Jahrzehnten dem Deutschen Reich skeptisch gegen√ľberstanden und regionale Parteien (elsass-lothringische Autonomisten) w√§hlten (EL). Nach der Entlassung Bismarcks 1890 lockerte sich die Parteienlandschaft jedoch auf und reichsdeutsche Parteien (SPD, Zentrum, Nationalliberale, Linksliberale, Konservative) fanden mehr und mehr Anh√§nger. Auf dem Land und in den √ľberwiegend franz√∂sischsprachigen Wahlkreisen Lothringens blieben die Autonomisten weiterhin stark, in den St√§dten, insbesondere in Stra√üburg, spielten sie zunehmend nur noch eine untergeordnete Rolle, hier dominierten die Sozialdemokraten. Das zum deutschen Reichstag g√ľltige Mehrheitswahlrecht beg√ľnstigte jedoch regionale Parteien und benachteiligte gro√üe Massenparteien, wie die SPD.

Die in den Reichstagswahlen 1874‚Äď1887 gew√§hlten jeweils 15 els√§sisch-lothringischen Abgeordneten wurden (mit Ausnahme des Abgeordneten Hugo Zorn von Bulach 1884) wegen ihrer Opposition gegen√ľber der Annexion den ‚ÄěProtestler-Abgeordneten‚Äú zugerechnet (frz. d√©put√©s protestataires). Kurz nach der ersten Reichstagswahl 1874 in Elsa√ü-Lothringen stellten die Protestler im Reichstag den Antrag, dass ein Plebiszit √ľber die staatliche Zugeh√∂rigkeit des Reichslandes durchzuf√ľhren sei: ‚ÄěDer Reichstag m√∂ge beschlie√üen, da√ü die Bev√∂lkerung von Elsa√ü-Lothringen, die ohne befragt worden zu sein, dem Deutschen Reich durch den Vertrag von Frankfurt eingegliedert worden ist, aufgerufen wird, sich zu dieser Annexion zu √§u√üern.‚Äú[7] Der Antrag wurde mit gro√üer Mehrheit abgelehnt.

Landtag

1911 wurde der erste und einzige Landtag des Reichslandes Elsaß-Lothringen gewählt.

Sprachenfrage

Im Reichsland sprach die Bev√∂lkerung im Jahr 1900 zu 11,6 %, 1905 zu 11,0 % und 1910 zu 10,9 % franz√∂sisch als Muttersprache. Die Sprachenfrage wurde in einem Gesetz vom M√§rz 1872 geregelt: Deutsch wurde grunds√§tzlich die amtliche Gesch√§ftssprache, in den Landesteilen mit √ľberwiegend franz√∂sischsprechender Bev√∂lkerung jedoch sollte den √∂ffentlichen Bekanntmachungen und Erlassen eine franz√∂sische √úbersetzung beigef√ľgt werden. In einem weiteren Gesetz von 1873 wurde f√ľr die Bezirksverwaltungen von Lothringen und die Kreisverwaltungen derjenigen Kreise, in denen die franz√∂sische Sprache ganz oder teilweise Volkssprache war, der Gebrauch des Franz√∂sischen als Gesch√§ftssprache zugelassen.

In einem Gesetz √ľber das Unterrichtswesen von 1873 wurde geregelt, dass in den Gebieten mit Deutsch als Volkssprache diese auch die ausschlie√üliche Schulsprache war, w√§hrend in den Gebieten mit √ľberwiegend franz√∂sischsprechender Bev√∂lkerung der Unterricht ausschlie√ülich in franz√∂sischer Sprache gehalten wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die allgemeine Schulpflicht eingef√ľhrt (in Frankreich erst 1882).

Politische Eigenständigkeit

1874 wurde hier die Bismarcksche Reichsverfassung eingef√ľhrt. Das Land erhielt im Deutschen Reich ab 1877 das Recht, Gesetze vorzuschlagen.

Es besa√ü nunmehr eine gewisse Eigenst√§ndigkeit. Ein beratender Landesausschuss wurde eingerichtet. 1879 wurde das Amt des Statthalters eingef√ľhrt, der als Oberhaupt das Reichsland Elsa√ü-Lothringen repr√§sentierte. Ein Staatssekret√§r im Ministerium f√ľr Elsa√ü-Lothringen leitete die Regierung des Reichslandes. 1884 wurde die Universit√§t Stra√üburg zur Reichsuniversit√§t. Sie wurde nach Kaiser Wilhelm I. benannt. W√§hrend dieser Zeit erlebte das Elsass eine wirtschaftliche Bl√ľtezeit, viele neue Errungenschaften wie die Sozialversicherung und Krankenversicherung wurden entsprechend der Entwicklung in den √ľbrigen Teilen des deutschen Kaiserreichs eingef√ľhrt.

Erst im Jahre 1911 wurde Elsa√ü-Lothringen den √ľbrigen deutschen Bundesstaaten gleichgestellt und erhielt eine eigene Verfassung und ein eigenes, frei gew√§hltes Parlament, eine eigene rot-wei√üe Flagge und drei Vertreter im deutschen Bundesrat. Der Statthalter hatte festzulegen, wie sie abstimmen, wobei die Stimmen nicht gez√§hlt werden durften, wenn durch sie ein sonst unterlegener Antrag Preu√üens die Mehrheit erhielte.[8] Das Parlament bestand aus zwei Kammern: die erste Kammer bestand aus Abgeordneten der Handels- und Landwirtschaftskammern, der St√§dte und Religionsgemeinschaften, der Universit√§t und des Oberlandesgerichts, w√§hrend die 60 Abgeordneten der zweiten Kammer in freier, gleicher und geheimer Wahl f√ľr f√ľnf Jahre gew√§hlt wurden. Dennoch gab es auch Probleme, insbesondere mit den nicht gerne gesehenen preu√üischen Verwaltungsbeamten und Milit√§rs, wie die Vorg√§nge um die Zabern-Aff√§re zeigten.

Oberpr√§sidenten und Reichsstatthalter 1871‚Äď1918:

Oberpräsident des Reichslandes Elsaß-Lothringen
Nr. Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit
1 Eduard von Moeller 1871 1879
Reichsstatthalter des Reichslandes Elsaß-Lothringen
1 Edwin von Manteuffel 1879 1885
2 Chlodwig F√ľrst zu Hohenlohe-Schillingsf√ľrst 1885 1894
3 Hermann F√ľrst zu Hohenlohe-Langenburg 1894 1907
4 Karl Graf von Wedel 1907 1914
5 Nikolaus Michael Louis Hans von Dallwitz 1914 1918
6 Rudolf Schwander 1918 1918

Kurzzeitige Unabhängigkeit als Republik Elsass-Lothringen Ende 1918

Am Kieler Matrosenaufstand waren auch Els√§sser beteiligt. Diese hatte man nicht an der Westfront einsetzen wollen und deswegen zur Marine einberufen. Am 9. November wurde in Berlin die Republik ausgerufen (Novemberrevolution), am 10. November 1918 floh der Kaiser aus seinem Hauptquartier im belgischen Spa in die Niederlande, am 11. November trat der Waffenstillstand von Compi√®gne in Kraft, der u. a. vorsah, dass Elsass-Lothringen innerhalb von 15 Tagen zu r√§umen ist.[9] Wilhelm dankte zwar offiziell erst am 28. November 1918 ab, aber das Reichsland Elsa√ü-Lothringen war durch seine Flucht de facto in die Unabh√§ngigkeit entlassen. Der Landtag unter Eugen Ricklin rief am 11. November 1918 die unabh√§ngige Republik Elsass-Lothringen aus.

Nach etwa einer Woche r√ľckten franz√∂sische Truppen ein: am 17. November in M√ľlhausen, dann in Colmar und Metz, und am 21. November wurde Stra√üburg erreicht. Dies beendete die Unabh√§ngigkeit. Anfangs reagierten einige Bev√∂lkerungsteile enthusiastisch auf den Anschluss an Frankreich. Dies lie√ü nach, als die Franzosen begannen, ihre Assimilationspolitik durchzusetzen.

Teil von Frankreich

Das Reichsland beziehungsweise die Republik Elsass-Lothringen wurde am 17. Oktober 1919 aufgelöst und fortan von einer Generaldirektion in Paris verwaltet.

Vertreibungen

Die Bewohner des Elsass wurden ab dem 14. Dezember 1919 in vier Gruppen eingeteilt, je nach Abstammung:

  1. A Vollfranzosen: Einwohner, die selbst oder deren Eltern/Großeltern vor 1870 in Frankreich oder Elsaß-Lothringen geboren worden waren
  2. B Teilfranzosen: ein Eltern-/Großelternteil stammte schon vor 1870 aus Frankreich oder Elsaß-Lothringen
  3. C Ausl√§nder: Einwohner, die selbst oder deren Eltern/Gro√üeltern aus einem mit Frankreich verb√ľndeten oder neutralen Staat stammten
  4. D Deutsche: Einwohner, die selbst oder deren Eltern/Gro√üeltern aus dem √ľbrigen Deutschen Reich oder aus √Ėsterreich-Ungarn stammten.

Personen der Klasse D, nach 1870 eingewanderte Personen deutscher Abstammung und deren Nachkommen, insgesamt etwa 200.000 Menschen, wurden vertrieben. Nachdem US-Pr√§sident Woodrow Wilson auf die Regierung in Paris Druck ausge√ľbt hatte, konnte etwa die H√§lfte von ihnen in den folgenden Monaten wieder nach Elsa√ü-Lothringen zur√ľckkehren.

In Frankfurt am Main wurde 1921 das Wissenschaftliche Institut der Elsass-Lothringer im Reich gegr√ľndet.[10]

Nachwirkungen

Aufgrund der franz√∂sischen Assimilierungspolitik wuchs innerhalb der els√§ssischen Bev√∂lkerung der Missmut. Dies f√∂rderte eine starke autonomistische Bewegung. Bei den Wahlen zur franz√∂sischen Abgeordnetenkammer erzielten die els√§ssischen Autonomisten, die mit der kommunistischen Partei sowie den bretonischen und korsischen Nationalisten kooperierten, in allen els√§ssischen Wahlkreisen die absolute Mehrheit der Stimmen. Die Abgeordneten und Politiker, die sich f√ľr Autonomie aussprachen, wurden vom franz√∂sischen Staat oft zu langj√§hrigen Gef√§ngnisstrafen verurteilt, der F√ľhrer der Autonomistenpartei, Karl Roos, am 7. Februar 1940 in Nancy wegen angeblicher Spionage hingerichtet.

Zweiter Weltkrieg ‚Äď deutsche Besatzung

Ab dem 19. Juni 1940 besetzte die Wehrmacht das Elsass.

Unter den Nationalsozialisten wurde Elsass-Lothringen zwar nicht offiziell, aber faktisch dem Gro√üdeutschen Reich als CdZ-Gebiete (u. a. CdZ-Gebiet Lothringen) ein- bzw. angegliedert. Nach dem Sieg √ľber Frankreich hoffte man auf einen Frieden im Westen, der durch eine direkte Annexion Elsass-Lothringens zus√§tzlich erschwert worden w√§re. Ziemlich bald nach dem Einmarsch der Wehrmacht gab es Umsiedlungen und Vertreibungen in Lothringen. Betroffen davon waren Franzosen, die keine deutschsprachigen Wurzeln hatten. Von deutscher Seite sollten Aussiedler die frei werdenden Hofstellen besetzen. Von diesen Vertreibungen war fast die H√§lfte der Bev√∂lkerung des Departements Moselle betroffen. Am Centre Pompidou in Metz erinnert eine Gedenktafel an diese Ereignisse.[11] Das Moseld√©partement wurde zusammen mit dem Saarland und der Pfalz in den Reichsgau Westmark eingegliedert.[12]

1941 wurde die Reichsuniversit√§t Stra√üburg gegr√ľndet.

Ab 1942 galt auch f√ľr die Els√§sser und Lothringer die allgemeine Wehrpflicht. Viele von ihnen mussten ihren Kriegsdienst ‚ÄěMalgr√©-nous‚Äú in der Wehrmacht beziehungsweise in der Waffen-SS ableisten; es gab unter ihnen allerdings auch Freiwillige. Vierzehn Els√§sser (einschlie√ülich eines Freiwilligen) waren beim Massaker von Oradour-sur-Glane beteiligt.

Nachkriegszeit in Frankreich

Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb die franz√∂sische Regierung sprachlich eine Assimilierungspolitik (‚Äěc‚Äôest chic de parler fran√ßais‚Äú). Dadurch verlor die deutsche Muttersprache (Els√§sserdeutsch und insbesondere das Lothringische) derart an Bedeutung, dass die Mehrheit der jungen Leute (die nach etwa 1970 Geborenen) sie heute nicht mehr sprechen k√∂nnen.[13]

Seit 1972 gibt es in Elsass und Lothringen wieder regionale Parlamente. Autonomistisch orientierte Parteien, beispielsweise Alsace d‚Äôabord, erhalten derzeit unter 10 % der W√§hlerstimmen.

Die 1871 durch die Zession Elsass-Lothringens verursachten Grenz√§nderungen der Departements Meurthe (danach Meurthe-et-Moselle), Moselle und Vosges sowie die Abspaltung des Territoire-de-Belfort vom D√©partement Haut-Rhin wurden von Frankreich nach 1918 beibehalten. Die seitherigen D√©partements Haut-Rhin, Bas-Rhin und Moselle sind deckungsgleich mit den im Reichsland geschaffenen Bezirken Oberelsass, Unterelsass und Lothringen. Auch die nach 1871 eingef√ľhrte Verwaltungsgliederung auf kommunaler Ebene wurde von Frankreich nicht r√ľckg√§ngig gemacht, so dass die jetzigen Arrondissements den nach 1871 gebildeten Kreisen entsprechen (wenn man von j√ľngeren Zusammenlegungen wie etwa das Arrondissement S√©lestat-Erstein absieht).

Das Gebiet des ehemaligen Reichslandes (‚ÄěAlsace-Moselle‚Äú) hat innerhalb Frankreichs einige Besonderheiten aus der Zeit vor 1918 bewahrt. Dazu geh√∂ren zus√§tzliche Feiertage (Karfreitag, zweiter Weihnachtsfeiertag), einige Eigenheiten im Rechtswesen sowie die Nichtanwendung des franz√∂sischen Laizit√§tsgesetzes von 1905 auf bestehende Religionsgemeinschaften:[14] Priester, Pastoren und Rabbiner sind infolge des Konkordats von 1801 staatliche Gehaltsempf√§nger, in der Schule wird Religionsunterricht erteilt, es gibt staatliche theologische Fakult√§ten an der Universit√§t Stra√üburg und staatlich refinanzierte konfessionelle Schulen. F√ľr nach 1918 entstandene Religionsgemeinschaften, wie Muslime und orthodoxe Christen, gilt allerdings auch hier das Laizit√§tsgesetz. Der Eisenbahnverkehr verl√§uft nach wie vor rechts (im √ľbrigen Frankreich Linksverkehr).

Siehe auch: Elsass, Geschichte des Elsass

Kreise im Reichsland Elsaß-Lothringen bis 1918

Folgende Bezirke und Kreise bestanden im Reichsland Elsaß-Lothringen:

Bezirk Lothringen

Stadtkreis
Metz
√úbrige Kreise
Bolchen
Ch√Ęteau-Salins
Diedenhofen-Ost
Diedenhofen-West
Forbach
Metz, Land
Saarburg
Saargem√ľnd

Bezirk Oberelsass

Kreise
Altkirch
Colmar
Gebweiler
M√ľlhausen
Rappoltsweiler
Thann

Bezirk Unterelsass

Stadtkreis
Straßburg
√úbrige Kreise
Erstein
Hagenau
Molsheim
Schlettstadt
Straßburg, Land
Weißenburg
Zabern

Literatur

Film

  • Die Els√§sser: Ein franz√∂sischer Spielfilm aus dem Jahre 1996 mit Irina Wanka und Sebastian Koch. Der Film besteht aus vier Episoden zu je 90 Minuten Dauer und erz√§hlt die Geschichte des Elsa√ü zwischen 1870 und 1953 anhand der Geschichte fiktiver Familien.

Weblinks

 Commons: Elsa√ü-Lothringen ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Themenseite Elsa√ü-Lothringen ‚Äď Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Dr. Michael Rademacher M.A. (2006): Homepage Deutsche Verwaltungsgeschichte 1871‚Äď1990 (www.verwaltungsgeschichte.de)
  2. ‚ÜĎ Daniel-Erasmus Khan, Die deutschen Staatsgrenzen, Mohr Siebeck, 2004, Teil II Kap. II Abschn. d, S. 66 ff.
  3. ‚ÜĎ Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3. 1849‚Äď1914, C.H. Beck, M√ľnchen 1995, S. 1014.
  4. ‚ÜĎ Stephanie Schlesier in: Christophe Duhamelle, Andreas Kossert, Bernhard Struck (Hrsg.), Grenzregionen. Ein europ√§ischer Vergleich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Campus Verlag, 2007, S. 66.
  5. ‚ÜĎ Milit√§rgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Deutsche Milit√§rgeschichte in sechs B√§nden 1648‚Äď1938, M√ľnchen 1983, Bd. V, S. 27 zu den Els√§ssern, ibid. Bd. IV, S. 260 (zu den Sozialdemokraten) und ibid., Bd. IX, S. 496 sowie Max van den Bergh: Das deutsche Heer vor dem Weltkriege, Berlin 1934, S. 28.
  6. ‚ÜĎ Volksz√§hlung vom 1. Dezember 1910, ver√∂ffentlicht in: Vierteljahreshefte und Monatshefte sowie Erg√§nzungshefte zur Statistik des Deutschen Reiches. Zusammengefasst in: Gerhard A. Ritter, unter Mitarbeit von M. Niehuss (Hrsg.): Wahlgeschichtliches Arbeitsbuch ‚Äď Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1871‚Äď1918. C.H. Beck M√ľnchen, ISBN 3-406-07610-6.
  7. ‚ÜĎ Les d√©put√©s ¬ęprotestataires¬Ľ d‚ÄôAlsace-Lorraine (dort auf Franz√∂sisch zitiert: ¬ęPlaise au Reichstag d√©cider que les populations d‚ÄôAlsace-Lorraine qui, sans avoir √©t√© consult√©es, ont √©t√© annex√©s √† l‚ÄôEmpire germanique par le Trait√© de Francfort, soient appel√©es √† se prononcer sp√©cialement sur cette annexion.¬Ľ)
  8. ‚ÜĎ Gottlob Egelhaaf: Geschichte der neuesten Zeit vom Frankfurter Frieden bis zur Gegenwart (Siebente Auflage), Carl Krabbe Verlag, Stuttgart 1918, S. 534.
  9. ‚ÜĎ ‚ÄěIII. Sofortige R√§umung der besetzten Gebiete: Belgien, Frankreich, Luxemburg sowie von Elsass-Lothringen. Sie ist so zu regeln, da√ü sie in einem Zeitraum von 15 Tagen nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes durchgef√ľhrt ist. Die deutschen Truppen, welche die vorgesehenen Gebiete in dem festgesetzten Zeitraum nicht ger√§umt haben, werden zu Kriegsgefangenen gemacht. Die gesamte Besetzung dieser Gebiete durch die Truppen der Alliierten und der Vereinigten Staaten wird in diesen L√§ndern dem Gang der R√§umung folgen. [‚Ķ]‚Äú, laut Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten. Compi√®gne, 11. November 1918
  10. ‚ÜĎ Wissenschaftliches Institut der Elsass-Lothringer im Reich: Bestandsgeschichte, Universit√§tsbibliothek Frankfurt am Main
  11. ‚ÜĎ Lothringen: Gedenken an Vertreibungen durch die Nazis, in: Saarbr√ľcker Zeitung vom 2. November 2010, abgerufen am 28. Mai 2011.
  12. ‚ÜĎ Geschichte des Saarlandes im √úberblick, Staatskanzlei, Saarland √Ėffentlichkeitsarbeit
  13. ‚ÜĎ Sondages de 2001 des DNA (Derni√®res Nouvelles d‚ÄôAlsace)
  14. ‚ÜĎ Diese anerkannten Religionsgemeinschaften sind die r√∂misch-katholischen Bist√ľmer Metz und Stra√üburg, die lutherische Protestantische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass und Lothringen (EPCAAL), die israelitischen Konsistorialbezirke Bas-Rhin (CIBR), Haut-Rhin (CIHR) und Moselle (CIM) sowie die reformierte Landeskirche (EPRAL).

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