Reliquie

ÔĽŅ
Reliquie
Ganzkörperreliquie des seligen Johannes XXIII. in einem Seitenaltar des Petersdoms

Eine Reliquie (lateinisch √úberbleibsel) ist ein Gegenstand religi√∂ser Verehrung, besonders ein K√∂rperteil oder Teil des pers√∂nlichen Besitzes eines Heiligen. Eine Sonderform sind Ber√ľhrungsreliquien, also Gegenst√§nde wie Kleidungsstoffe, mit denen der Heilige in Ber√ľhrung kam oder gekommen sein soll.

Inhaltsverzeichnis

Reliquien in den Weltreligionen

Reliquien finden sich in allen Hauptreligionen, vor allem aber im Christentum, im Shinto (vgl. shintai) und im Buddhismus (vgl. Sarira). Als der erleuchtete Buddha hochbetagt starb, wurden nach der buddhistischen √úberlieferung seine sterblichen √úberreste einge√§schert. Seine Asche, Knochen und Z√§hne teilten sich mehrere Kleink√∂nige Nordindiens. √úber den Reliquien wurden H√ľgelgr√§ber errichtet, die im Laufe der Zeit immer aufw√§ndiger kultisch ausgestaltet wurden. Auch im schiitischen Islam gibt es Reliquienverehrung an den Gr√§bern von Heiligen.

Geschichte der christlichen Reliquienverehrung

Ganzk√∂rperrelique des Hl. Hyacinthus im Kloster F√ľrstenfeld

Bereits im fr√ľhen Christentum entwickelte sich eine besondere Verehrung der M√§rtyrer. Der erste biblische Beleg f√ľr Reliquien findet sich in der Apostelgeschichte, wo die Gl√§ubigen den hl. Paulus mit T√ľchern ber√ľhrten und diese dann bei sich trugen (Apg 19,12 EU). Lange Zeit wurde der aus der Urkirche herr√ľhrende Brauch gepflegt, √ľber den Gr√§bern von heiligen M√§rtyrern Kirchen zu errichten (etwa die Peterskirche in Rom). Sp√§ter ging man in der lateinischen Kirche dazu √ľber, unter oder in den Altar Reliquien einzubetten. Die Ostkirchen setzen, ihrer Tradition folgend, Reliquien in die Mauern ihrer Kirchen. Mit dieser Praxis soll der innere Zusammenhang zwischen der ‚ÄěGemeinschaft der Heiligen‚Äú[1] und der irdischen Kirche versinnbildlicht werden.

Die Reliquienverehrung ist eine der √§ltesten Formen der Heiligenverehrung und bereits seit der Mitte des 2. Jahrhunderts nachweisbar. Dies ist bemerkenswert, da in der heidnischen Antike die Reliquienverehrung nicht erw√ľnscht war und K√∂rperteile von noch so frommen Verstorbenen als unrein galten.[2] Die gro√üen Kathedralen des Mittelalters verdanken ihre Entstehung und ihren Ruhm vor allem hochverehrten Reliquien ‚Äď etwa der Drei K√∂nige im K√∂lner Dom oder der heiligen Jungfrauen in St. Ursula in K√∂ln.

Am Vorabend der Reformation war es in der Volksfr√∂mmigkeit, in der Reliquienverehrung traditionell eine gro√üe Rolle spielte, zu immer st√§rkeren Ausw√ľchsen gekommen.[3] Die Reformatoren kritisierten zun√§chst diese Ausw√ľchse, bevor ihre Kritik grunds√§tzlicher wurde. So hielt Martin Luther am 26. Januar 1546 in der Frauenkirche zu Halle eine Predigt gegen den ‚ÄěReliquienkram‚Äú des Erzbischofs Albrecht. Aus vielen Kirchen wurden im Zuge des Reformatorischen Bildersturms auch die Reliquien entfernt, unter den Reformierten Calvin und Zwingli sogar verbrannt. Der Verbleib vieler zuvor bedeutsamer Reliquien ist seitdem unbekannt. Entgegen dem Befehl der protestantisch gewordenen Landesherren bewahrte die Bev√∂lkerung Marburgs und manch anderer Orte die Reliquien auf.

Evangelische Christen sehen die Heiligenreliquien bis heute als unbiblisch an, in Religionsgemeinschaften wie den Adventisten und den Zeugen Jehovas gilt ihre Verehrung sogar als Götzendienst.

Auf dem Konzil von Trient, dem Konzil, das die Gegenreformation einleitete, wurde in der 25. Sitzungsperiode (1563) die Reliquienverehrung ausdr√ľcklich empfohlen und Kritik seitens der Reformatoren zur√ľckgewiesen.[4] In der Folge bl√ľhte die seltener gewordene Reliquienverehrung in katholischen Gebieten wieder auf. Wallfahrten zu Reliquienschreinen wurden zu einem wichtigen Mittel der Gegenreformation.

Im 19. Jahrhundert kam es zu einer erneuten Bl√ľte der Reliquienverehrung. Zur Trierer Wallfahrt von 1844 zum Heiligen Rock kamen binnen sieben Wochen eine Million Pilger. Liberale Publikationen wie der Kladderadatsch richteten ihren Spott gegen die Katholiken.

Das 20. Jahrhundert war im deutschen Sprachgebiet, mitbeeinflusst durch die liturgische Bewegung mit ihrer Wende zur Innerlichkeit und die Liturgiereform, durch einen stetigen R√ľckgang der Bedeutung der Reliquienverehrung gepr√§gt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist, unterst√ľtzt durch eine Vielzahl popul√§rwissenschaftlicher Publikationen, das Interesse an den Reliquien und ihrer Verehrung wieder gewachsen.

Kategorisierung

Heilig-Blut-Altar St. Martin (Weingarten) W√ľrttemberg)
  1. Reliquien erster Klasse sind alle Körperteile von Heiligen, insbesondere aus dem Skelett (ex ossibus, aus den Knochen), aber auch Haare, Fingernägel und, soweit erhalten, sonstige Überreste, in selteneren Fällen auch Blut. Bei Heiligen, deren Körper verbrannt wurden, gilt die Asche als Reliquie erster Klasse.
  2. Reliquien zweiter Klasse, auch echte Ber√ľhrungsreliquien genannt, sind Gegenst√§nde, die der Heilige zu seinen Lebzeiten ber√ľhrt hat, insbesondere Objekte von besonderer biographischer Bedeutung. Dazu geh√∂ren etwa bei heilig gesprochenen Priestern und Ordensleuten ihre Gew√§nder, bei M√§rtyrern die Folterger√§te und Waffen, durch die sie ums Leben kamen.
  3. Reliquien dritter Klasse oder mittelbare Ber√ľhrungsreliquien sind Gegenst√§nde, die Reliquien erster Klasse ber√ľhrt haben. Solche Objekte, in der Regel kleine Papier- oder Stoffquadrate, die kurz auf die Reliquien gelegt und hinterher auf Heiligenbildchen geklebt werden, werden in vielen katholischen Wallfahrtsorten besonders in S√ľdeuropa bis heute als Souvenirs an Pilger verkauft.

Eine Stellung au√üerhalb dieses Schemas kommt den sogenannten biblischen Reliquien zu, also den Gegenst√§nden, die mit dem neutestamentlichen Heilsgeschehen, insbesondere mit Jesus Christus und der Mutter Gottes in direkte Verbindung gebracht werden. Dazu z√§hlen vor allem die Kreuzreliquien, kleine Holzsplitter vom Kreuz Christi, von denen viele tausende √ľber die ganze Welt verteilt in katholischen und orthodoxen Kirchen verehrt werden. Zu den Gegenst√§nden, die Bez√ľge zur Passion, also zur Leidensgeschichte Jesu aufweisen, geh√∂ren daneben auch die Lanze, bei der Kreuzigung verwendet wurde ((Joh 19,34 EU) oder Partikel der Kreuzn√§gel (etwa in der Eisernen Krone der Langobarden), Partikel der Dornenkrone (in Notre-Dame de Paris), ferner das Turiner Grabtuch, das Schwei√ütuch der Veronika (im Petersdom in Rom), wie auch die anderen Leidenswerkzeuge. In √§hnlicher Weise werden Gew√§nder verehrt, die Maria und Jesus zu Lebzeiten getragen haben sollen, etwa der Heilige Rock in Trier, die Sandalen Jesu in Pr√ľm sowie Windel und Lendenschurz Jesu in Aachen. Die Gew√§nder Mariens (Schleier, G√ľrtel) z√§hl(t)en zu den Reliquien in Konstantinopel, Paris und anderswo.

Sandalen Jesu ‚Äď Abtei Pr√ľm (Eifel)

Da Jesus nach (Lk 24,50-53 EU, Apg 1,1-11 EU) und, nach Lehre der r√∂misch-katholischen Kirche, die Jungfrau Maria leiblich in den Himmel aufgenommen wurden, gibt es von ihnen folgerichtig keine Reliquien ex ossibus und nur wenige Reliquien erster Klasse. Solche Christusreliquien tauchten im Mittelalter auf, werden heute √ľberwiegend als F√§lschungen angesehen und in der katholischen Kirche nur noch lokal verehrt.

Das kanonische Recht verbietet Katholiken den Handel mit Reliquien. Katholiken d√ľrfen solche Objekte zwar erwerben, sie besitzen und verehren, aber nicht weiterverkaufen.[5] Zul√§ssig sind lediglich das Verschenken von Reliquien an andere Gl√§ubige und die R√ľckgabe an die Kirche.

Reliquar mit Kopfreliquie der hl. Ludmilla im Kloster der hl. Agnes von Böhmen in Prag

Besondere Bedeutung kommt in der abendl√§ndischen Kirche den Ganzk√∂rperreliquien zu. Es wird als Anzeichen besonderer Heiligkeit, oft auch ihrer ‚ÄěReinheit‚Äú angesehen, wenn ein Leichnam nicht verwest.[6] Diese Reliquien haben eine dementsprechende Bedeutung in der sogen. Volksfr√∂mmigkeit, was sich auch auf den Heiligsprechungsprozess auswirken kann.

Wunderwirkungen

Schrein mit den Gebeinen der heiligen Hildegard von Bingen in der Pfarrkirche von Eibingen

Vor allem im Mittelalter wurden den Reliquien viele Wunder (miracula) zugesprochen. In der Hagiographie sind Zeitpunkte solcher Wunder oft die Auffindung von Reliquien sowie die Translatio (√úberf√ľhrung) der heiligen Gebeine von einem Ort an einen anderen Ort, etwa bei der Auffindung des Heiligen Kreuzes oder bei der √úberf√ľhrung der Gebeine des hl. Nikolaus von Myra nach Bari. Die Lebensbeschreibungen der Heiligen wurden in Hagiographien gesammelt, wie der ‚Äěgoldenen Legende‚Äú (Legenda aurea) oder den Werken des C√§sarius von Heisterbach. Ihre gro√üe Verehrung sowie Wundergeschichten l√∂sten w√§hrend des Mittelalters eine allgemeine Suche nach Reliquien von Heiligen, insbesondere solchen von M√§rtyrern, aus. Dabei schreckte man auch vor Entwendungen der heiligen Leichname (corpora sanctorum) nicht zur√ľck, wie z. B. in dem von Einhard verfassten Translationsbericht √ľber die √úberf√ľhrung der Heiligen Marcellinus und Petrus von Rom nach Michelstadt-Steinbach zu lesen ist. So wurden beispielsweise auch hunderte kleinste Teile des Kreuzes, das der √úberlieferung zufolge die Kaiserinmutter Helena um 325 von Jerusalem nach Rom und Konstantinopel gebracht hatte, nach der Eroberung Konstantinopels w√§hrend des Vierten Kreuzzuges im Jahre 1204 durch die Kreuzritter √ľber die L√§nder Europas verstreut. So viele Kirchen behaupteten am Ende den Besitz eines Splitters des Kreuzes, dass Erasmus von Rotterdam bemerkte, sie reichten aus, um daraus ein ganzes Schiff zu bauen. Jedoch erg√§ben diese millimetergro√üen Bruchst√ľcke noch nicht einmal ein Drittel des Kreuzes.

Beim Grabtuch von Turin steht die kirchliche Anerkennung als Reliquie nach wie vor aus. Das Interesse an Reliquien l√§sst sich auch dadurch begr√ľnden, dass naturwissenschaftlich oftmals unerkl√§rliche Ph√§nomene im Zusammenhang mit Reliquien bekannt wurden. Haupts√§chlich die ‚ÄěUnversehrtheit‚Äú (keine Verwesung) der Heilig gesprochenen oder bestimmter Organe bzw. Teile ihres K√∂rpers sind hier zu nennen. In der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes der T√§ufer in Eibingen im Rheingau wird der Schrein der Hildegard von Bingen mit Herz und Zunge in unverwestem Zustand aufbewahrt.

Christliche Bedeutung

Unter Christen verlangt die Piet√§t grunds√§tzlich die Achtung auch vor dem toten K√∂rper. Umso mehr wird bei Christen aus einer religi√∂sen Gesinnung heraus den sterblichen √úberresten jener Menschen Ehrfurcht erwiesen, die zu Gott gegangen sind. Reliquien d√ľrfen nicht auf magische Weise missverstanden werden, so als ob ihr blo√üer Besitz das Heil garantiere oder sich mit ihnen bestimmte Wirkungen erzielen lie√üen. Vielmehr ist es im katholischen und auch orthodoxen Verst√§ndnis die F√ľrbitte der Heiligen bei Gott, der eine bestimmte Hilfe zugeschrieben wird, nicht aber irgendeiner toten Sache als solcher, denn die Reliquie steht nur als Stellvertreter f√ľr den Heiligen.

Obwohl bereits eine vom 26. Februar 386 datierte Regelung im Codex Theodosianus den Verkauf von M√§rtyrergebeinen untersagte, wurden Reliquien in den folgenden Jahrhunderten gleichwohl gehandelt. Auch ein im Jahr 1215 vom 4. Laterankonzil ins kanonische Recht eingebrachter Passus, altehrw√ľrdige St√ľcke weder aus ihren Beh√§ltnissen zu nehmen noch sie zum Verkauf zu stellen, konnte den Reliquienhandel nicht unterbinden.[7]

Aufbewahrung (Reliquiar; Reliquienschrein)

Reliquienbeh√§lter aus Alt√§ren des Ostchores der Theophanu im Essener M√ľnster, datiert auf 1054

Urspr√ľnglich wurden die Reliquien von Personen, die im Rufe besonderer Heiligkeit und Gottesn√§he standen, unter den Alt√§ren der ersten christlichen Kirchen beigesetzt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die bis heute g√ľltige katholische Tradition, bei der Weihe einer neu errichteten Kirche eine Reliquie des jeweiligen Namenspatrons in die Mensa des Hauptaltars einzumauern und in gr√∂√üeren Kirchen verschiedenen Heiligen eigene, mit Reliquien ausgestattete Alt√§re zu errichten.

Um die dadurch gewachsene Bedeutung der Reliquien f√ľr die Kirche, in der sie sich befanden, zu unterstreichen, begann man mit der Anfertigung spezieller, meist k√ľnstlerisch und materiell sehr kostbar ausgef√ľhrter Beh√§ltnisse zur Aufbewahrung der Reliquien. Diese Beh√§lter werden zusammenfassend als Reliquiare bezeichnet.

Die folgenden Abbildungen stammen aus dem Werk Lucas Cranach des √Ąlteren Dye zeigung des hochlobwirdigen hailigthums der stifftkirche aller hailigen zu wittenberg aus dem Jahre 1509, in dem er alle Reliquien der Stiftskirche in Wittenberg abgebildet hat. Die kleine Auswahl gibt einen √úberblick √ľber die Bandbreite der Aufbewahrungsm√∂glichkeiten von Reliquien.

Die √§lteste Form des Reliquiars ist der Reliquienschrein. Dabei handelt es sich um einen meist reich geschm√ľckten, dem Sarkophag des Heiligen entsprechenden Kasten in Originalgr√∂√üe oder miniaturisierter Ausf√ľhrung. Ber√ľhmte Reliquienschreine des hohen Mittelalters sind der Dreik√∂nigenschrein im K√∂lner Dom, der Aachener Karlsschrein, der Marburger Elisabethschrein und der Eibinger Hildegardisschrein.

Reliquienschrein in Form einer Basilika, K√∂ln, 1. H√§lfte 13. Jahrhundert

Erste vom Typus des Schreins abweichende Formen des Reliquiars entwickelten sich vor allem in der Ostkirche, darunter die Staurothek, eine flache goldene Lade zur Unterbringung gro√üer Kreuzreliquien ‚Äď ein bekanntes Exemplar aus Byzanz, die Limburger Staurothek, befindet sich heute im Limburger Domschatz ‚Äď und das Enkolpion, eine meist kreuzf√∂rmige Reliquienkapsel, die vom Priester an einer Kette um den Hals getragen wurde.

Im Westen √ľbernahm man im Verlauf des Mittelalters zun√§chst die ostkirchlichen Reliquiartypen, von denen als diplomatische Geschenke sowie besonders infolge der Pl√ľnderung Konstantinopels durch venezianische Truppen im Jahre 1204 zahlreiche Exemplare nach Mitteleuropa gelangten. Daneben traten Beh√§ltnis-Variationen wie das gro√üe Reliquienkreuz und die formal einer Pilgertasche nachempfundene Bursa. Ber√ľhmte Beispiele f√ľr diese Typen finden sich mit dem Reichskreuz und der Stephansbursa in den r√∂misch-deutschen Reichskleinodien. Unter den Pilgern des beginnenden Sp√§tmittelalters wuchs die Begierde danach, die Reliquien auf ihren Wallfahrten unmittelbarer in Augenschein nehmen zu k√∂nnen; vielfach stellte sich gegen√ľber den geschlossenen Reliquienk√§sten ein gewisses Misstrauen ein, zumal Reliquienf√§lschungen √ľberhand nahmen. Daher wurde zun√§chst der Typus des sprechenden Reliquiars entwickelt ‚Äď dabei handelt es sich um Beh√§ltnisse, die in ihrer √§u√üeren Form dem K√∂rperteil nachempfunden sind, dessen √úberreste sich darin befinden. Reliquiare f√ľr Armknochen wurden als goldene Arme gestaltet, Fu√üreliquiare als goldene Beine, Sch√§delreliquiare als kostbar geschm√ľckte Reliquienb√ľsten. Wichtige Beispiele sind die Karlsb√ľste im Aachener Domschatz und die Sch√§delreliquiare der Apostel Petrus und Paulus in der Lateranbasilika in Rom. Bedeutende Kirchen und Kl√∂ster sammelten ihre Reliquiare in speziellen Heiltumskammern und zeigten sie den Gl√§ubigen stolz bei Prozessionen und sogenannten Heiltumsweisungen, von denen sich eine besonders bedeutende in Trier mit der periodischen Ausstellung des Heiligen Rocks bis heute erhalten hat.

Auch die sprechenden Reliquiare wurden von den Gl√§ubigen bald als unbefriedigend empfunden, weshalb man im Sp√§tmittelalter dazu √ľberging, aufwendig gefasste gl√§serne Beh√§lter zu schaffen, in denen die eingeschlossenen Reliquien f√ľr den Betrachter sichtbar waren. Ein solches Schauglas wird je nach Ausf√ľhrung als Reliquienmonstranz oder Ostensorium bezeichnet; im Volksmund nennt man kreuzf√∂rmige Ostensorien wegen ihrer Verwendung durch den Priester bei Flursegnungen auch Wetterkreuze. Kleine Reliquiensplitter werden seit dem sp√§ten Mittelalter von offiziellen kirchlichen Stellen in spezielle verglaste Kapseln von meist ovaler Form eingeschlossen und anschlie√üend versiegelt oder verplombt, um die Echtheit der enthaltenen Reliquie zu dokumentieren und zu verhindern, dass kleine Reliquien verloren gehen k√∂nnen. Eine solche Kapsel wird als Theca bezeichnet; meist befindet sich in ihr neben der Reliquie ein Zettelchen mit erkl√§render Beschriftung, die sogenannte Cedula.

Eine Sonderform des Reliquiars ist das Osculatorium, auch Paxtafel, Kusstafel oder Pacificale genannt. Dabei handelt es sich um eine flache Metallplatte mit eingesetzter Reliquienkapsel, die r√ľckseitig mit einem Griff oder Henkel versehen ist. In der vorkonziliaren katholischen Liturgie wurde das Osculatorium vor der Kommunion als Friedenssymbol durch die Bankreihen gereicht und von jedem Gottesdienstbesucher symbolisch gek√ľsst (Friedenskuss).

Sammlungen

Haupts√§chlich im Mittelalter war es unter Christen verbreitet, Reliquien weiterzuschenken. Wichtige Pers√∂nlichkeiten der Christenheit, die mit Kl√∂stern in Kontakt waren, bekamen oftmals Reliquien geschenkt. Somit entstanden Sammlungen von verschiedensten Reliquien, die oftmals √ľber Jahrhunderte zusammengetragen wurden. So wird beispielsweise in der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes der T√§ufer in Eibingen im Rheingau der Eibinger Reliquienschatz aufbewahrt. Diese √∂ffentlich zug√§ngliche Sammlung von Reliquien hatte die Heilige Hildegard bereits im 12. Jahrhundert zusammengetragen.

Reliquienverehrung

Am Gedenktag eines Heiligen oder zum Patrozinium einer Kirche wird in der Liturgie des Heiligen oder des Festgeheimnisses besonders gedacht. Mancherorts werden dabei den Gläubigen Reliquare mit Reliquien zur Verehrung zugänglich gemacht. Der Priester kann dabei auch einen besonderen Segen mit dem Reliquar erteilen.

Eine besonders herausragende Form der Reliquienverehrung in der katholischen Kirche ist die Reliquienprozession. Hierbei werden die Reliquien von Heiligen in besonders w√ľrdevoller Form √ľber einen meist traditionell festgelegten Prozessionsweg getragen. Eine wichtige bis heute gepflegte Feier dieser Art ist die Reliquienprozession der Heiligen Hildegard von Bingen, die j√§hrlich am 17. September in Eibingen stattfindet.

Wallfahrten

Ebenfalls bis in die heutige Zeit finden traditionelle Wallfahrten statt, anlässlich derer sonst nicht sichtbare/zugängliche Reliquien den Gläubigen gezeigt werden.

Bekannte Beispiele sind etwa die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, zu der die Aachener Heiligt√ľmer aus dem Marienschrein des Aachener Dom geholt werden, die in unregelm√§√üigen Abst√§nden stattfindenden Wallfahrten zum Heiligen Rock (die Tunika Christi) nach Trier und die Wallfahrt zu den ‚ÄěHeiligen drei Hostien‚Äú nach Andechs.

Siehe auch

Literatur

  • Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom fr√ľhen Christentum bis zur Gegenwart. Beck, M√ľnchen 1997, ISBN 3-406-42867-3
  • Philippe Cordez: ‚ÄěDie Reliquien, ein Forschungsfeld. Traditionslinien und neue Erkundungen‚Äú, in: Kunstchronik, 2007/7, S. 271-282
  • Harrie Hamer (Hrsg.): 'Heilige Erinnerung. Reliquien und Reliquienbeh√§lter aus der Sammlung Harrie Hamers. V√∂lcker, Goch 2003
  • Horst Herrmann: Lexikon der kuriosesten Reliquien. Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohameds. R√ľtten & Loening, Berlin 2003, ISBN 3-352-00644-X
  • Michael Hesemann: Die stummen Zeugen von Golgatha. Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi. Hugendubel, M√ľnchen 2000, ISBN 3-7205-2139-7
  • Jean-Luc Deuffic (√©d.): Reliques et saintet√© dans l'espace m√©di√©val [1]
  • Karl-Heinz Kohl: Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte. Beck, M√ľnchen 2003. ISBN 3-406-50967-3
  • Markus Mayr: Geld, Macht und Reliquien. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Reliquienkultes im Mittelalter, Studienverlag, Innsbruck 2000
  • Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon f√ľr Theologie und Kirche. 3. Aufl. Herder, Freiburg 1993

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Glaubenssatz aus dem Nic√§no-Konstantinopolitanum.
  2. ‚ÜĎ Nachweisbar aus Angst vor Seuchen. Dies ist auch der Grund, weshalb s√§mtliche Friedh√∂fe per amtlicher Verordnung (siehe K√∂tting) vor einer Stadt lagen und fast alle fr√ľhchristlichen Kirchen vor den Stadtmauern erbaut wurden, weil sich drumherum ja meistens ein Friedhof befand.
  3. ‚ÜĎ Vgl. hierzu bspw.: August Franzen: Kleine Kirchengeschichte, Freiburg 91980, S. 244.
  4. ‚ÜĎ dass diejenigen, welche behaupten, den Reliquien der Heiligen geb√ľhre keine Vererhrung und Ehre [...], des G√§nzlichen zu verdammen seien. Zitiert nach: Das heilige allg√ľltige und allgemeine Concilium von Trient. Beschl√ľsse und heil. Canones nebst den betreffenden Bullen treu √ľbersetzt von Jodoc Egli; Verlag Xaver Meyer Luzern 1832 [2. Auflage], S. 274-332.
  5. ‚ÜĎ Vgl. Codex Iuris Canonici can. 1190.
  6. ‚ÜĎ Die naturwissenschaftliche Diskussion um dieses Ph√§nomen kann im Rahmen dieses Artikels nicht ersch√∂pfend dargestellt werden. Vgl. hierzu den Artikel √ľber Bernadette Soubirous.
  7. ‚ÜĎ Herbers/Bauer: Der Jakobuskult in S√ľddeutschland, Seite 307. ISBN 3-8233-4007-7, abgefragt am 26. Februar 2009

Weblinks

 Commons: Reliquien ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Reliquie ‚ÄĒ Sf erw. fach. (15. Jh.), mhd. reliquińď Entlehnung. Ist entlehnt aus kirchen l. reliquiae, dieses aus l. reliquiae √úberrest, Zur√ľckgebliebenes , zu l. reliquus zur√ľckgelassen, √ľbriggeblieben , zu l. relinquere (relictum) zur√ľcklassen , zu l.… ‚Ķ   Etymologisches W√∂rterbuch der deutschen sprache

  • Reliquie ‚ÄĒ ¬Ľk√∂rperlicher √úberrest eines Heiligen, seiner Kleider; Gebrauchsgegenst√§nde usw. als Gegenstand religi√∂ser Verehrung¬ę: Das Fremdwort wurde bereits in mhd. Zeit aus gleichbed. kirchenlat. reliquiae (sanctorum) ¬Ľ√úberreste, Gebeine (der Heiligen)¬ę… ‚Ķ   Das Herkunftsw√∂rterbuch

  • Reliquie ‚ÄĒ Rest; Restbestand; Residuum; √úberbleibsel; Rudiment; √úberrest; Relikt; R√ľckstand * * * Re|li|quie [re li:kvi…ô], die; , n: √úberrest vom K√∂rper eines Heiligen oder Gegenstand, der mit ihm in Zusammenhang steht und verehrt wird: Reliqu ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Reliquie ‚ÄĒ die Reliquie, n (Aufbaustufe) √úberreste, Asche, Kleider o. √Ą. eines Heiligen als Gegenstand religi√∂ser Verehrung Beispiel: Die Reliquien werden im Dom in einem Schrein aufbewahrt ‚Ķ   Extremes Deutsch

  • Reliquie ‚ÄĒ *1. Eine Reliquie aus etwas machen. Es wie ein Heiligthum achten und verwahren. *2. Er will Reliquien daraus machen. Er will es lange aufbewahren. Frz.: Il en veut faire des reliques. (Lendroy, 1296.) ‚Ķ   Deutsches Sprichw√∂rter-Lexikon

  • Reliquie ‚ÄĒ Re¬∑li¬∑quie [re liňźkvi…ô] die; , n; Rel; ein Gegenstand, der aufbewahrt und verehrt wird, weil er f√ľr die Leute einen gro√üen religi√∂sen Wert hat (z.B. ein Sch√§del oder ein Ring) <Reliquien verehren> || K : Reliquienschrein, Reliquienverehrung ‚Ķ   Langenscheidt Gro√üw√∂rterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Reliquie ‚ÄĒ Re|li|quie ‚Ć© [ kvj…ô] f.; Gen.: , Pl.: n‚Ć™ k√∂rperl. √úberrest eines Heiligen od. Gegenstand, der ihm einst geh√∂rte [Etym.: <lat. reliquiae ¬ĽZur√ľckgelassenes, √úberrest¬ę; zu relinquere ¬Ľzur√ľck lassen, √ľbrig lassen¬ę] ‚Ķ   Lexikalische Deutsches W√∂rterbuch

  • Reliquie ‚ÄĒ Re|li|quie [...kvi…ô] die; , ...ien [...iŐĮ…ôn] <aus gleichbed. kirchenlat. reliquiae (Plur.), dies aus lat. reliquiae ¬ĽZur√ľckgelassenes, √úberrest¬ę zu relinquere ¬Ľzur√ľcklassen, √ľbrig lassen¬ę>: 1. k√∂rperlicher √úberrest eines Heiligen, √úberrest… ‚Ķ   Das gro√üe Fremdw√∂rterbuch

  • RELIQUIE ‚ÄĒ reliquiae ‚Ķ   Abbreviations in Latin Inscriptions

  • Reliquie ‚ÄĒ Re|li|quie, die; , n (√úberrest der Gebeine, Kleider o. √Ą. eines Heiligen als Gegenstand religi√∂ser Verehrung) ‚Ķ   Die deutsche Rechtschreibung


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.