Risorgimento

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Risorgimento
Einigung Italiens (1815 bis 1870) nach dem Wiener Kongress - die Jahreszahl bei den einzelnen Regionen gibt den Anschluss der jeweiligen Region an das Königreich Sardinien-Piemont bzw. Italien an (historisch-politische Landkarte aus Putzger historischer Weltatlas, Ausgabe 1913)

Als Risorgimento?/i (italienisch fĂŒr Wiedergeburt/Wiedererstehung) werden sowohl eine Epoche als auch weltanschaulich sehr heterogene politische und soziale Bewegungen zwischen 1815 und 1870 bezeichnet, die nach dem Wiener Kongress von 1814/15 die Vereinigung der damaligen jeweils eigenstaatlichen FĂŒrstentĂŒmer und Regionen der Apenninen-Halbinsel in einem unabhĂ€ngigen Nationalstaat Italien anstrebten. Dieser Staat wurde als konstitutionelle Monarchie (vgl. Königreich Italien) nach mehreren revolutionĂ€ren Erhebungen und den Italienischen UnabhĂ€ngigkeitskriegen 1861 durchgesetzt und 1870 mit der militĂ€rischen Einnahme des Kirchenstaats und dessen Hauptstadt Rom durch italienische Truppen vollendet.

Inhaltsverzeichnis

Historische Einordnung, Interessengruppen

In der Forschung wird die Epoche des Risorgimento von einigen Historikern wie zum Beispiel Werner Daum auch weiter gefasst. Diese setzen den Beginn der italienischen Einigungsbewegung bereits bei den von der Französischen Revolution von 1789 inspirierten republikanisch-jakobinischen AufstĂ€nden und kurzzeitigen Republik-GrĂŒndungen nach den ersten militĂ€rischen Erfolgen NapolĂ©on Bonapartes in einigen italienischen Regionen ab 1796 an (vgl. Tochterrepublik). In entsprechend weiter gefassten geschichtlichen Auslegungen wird das Risorgimento erst 1915 – mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg – oder 1919 nach dem Kriegsende und der Eingliederung der bis dahin noch zu Österreich-Ungarn gehörenden sogenannten Terre irredente (italienisch fĂŒr „unerlöste Gebiete“) in Norditalien als abgeschlossen betrachtet.

Bezogen auf den gesamteuropĂ€ischen Kontext war das Risorgimento Teil der ursprĂŒnglich am klassischen Liberalismus orientierten nationalstaatlichen UnabhĂ€ngigkeits- und Einheitsbewegungen, die sich in weiten Teilen Europas ab 1815 gegen die repressive Restaurationspolitik der Staaten der Heiligen Allianz richteten. Diese Bewegungen waren zunĂ€chst – in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts – von den Idealen der Französischen Revolution der Jahre zwischen 1789 und 1799 inspiriert, insbesondere den bĂŒrgerlichen Freiheitsrechten, die von NapolĂ©on Bonaparte mit dem Code Civil europaweit verbreitet worden waren.

Im sozioökonomischen Bereich ging das Risorgimento als Epochenbegriff einher mit den grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen UmwĂ€lzungen der Industriellen Revolution, die Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang in England genommen hatte und im Lauf des 19. Jahrhunderts auch den europĂ€ischen Kontinentalraum erfasste. Allerdings war Italien Ă€hnlich wie der grĂ¶ĂŸte Teil des Mittelmeerraums noch lange agrarwirtschaftlich dominiert. Das Land wurde um die 1860er Jahre erst relativ spĂ€t – vor allem in Norditalien – von einer nennenswerten Industrialisierung erfasst, wohingegen der SĂŒden noch lange Zeit landwirtschaftlich geprĂ€gt und von Feudalismus-Ă€hnlichen Strukturen durchzogen blieb. Gleichwohl waren auch die italienischen Staaten, insbesondere bezogen auf den Außenhandel, die Finanzpolitik und Preisbildung fĂŒr exportierte Handwerks- und vor allem Agrarprodukte, von den wirtschaftlichen Neuerungen in Europa betroffen. Dies gilt allerdings mit der EinschrĂ€nkung, dass vor allem sĂŒditalienische Regionen vorrangig autark bzw. binnenorientiert wirtschafteten und damit zunĂ€chst weniger export- oder importabhĂ€ngig an den internationalen Markt gebunden waren.

Getragen wurde das Risorgimento durch Interessengruppen mit unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen. Die Ziele reichten von der Errichtung einer konstitutionellen italienischen Monarchie (im Wesentlichen getragen durch die Fraktion der moderati = gemĂ€ĂŸigte Liberale bzw. sogenannte Liberalkonservative) bis hin zur Schaffung einer demokratischen Republik (vor allem vertreten durch die sich von den radikalen Liberalen bis zu den FrĂŒhsozialisten erstreckenden Fraktionen der democratici = Demokraten). Trotz ihrer teils heftigen politischen KontroversitĂ€t war all diesen Strömungen eine Idee gemeinsam: Die seit der französischen Revolution in den meisten Staaten Europas erstarkte, wesentlich vom zunĂ€chst liberal-revolutionĂ€r geprĂ€gten BĂŒrgertum getragene Ideologie eines damals progressiven, mehr oder weniger stark ausgeprĂ€gten Nationalismus.

Mehrere AufstĂ€nde richteten sich vor allem gegen die Vorherrschaft der spanischen Bourbonen im Königreich beider Sizilien und gegen die der habsburgischen Österreicher in Nord- und Mittelitalien. Diese Erhebungen weiteten sich bis zu Revolutionen und Kriegen aus, die dazu fĂŒhrten, dass die italienische Einheit 1861 unter FĂŒhrung Sardinien-Piemonts letztlich „von oben“ – als konstitutionelle Monarchie mit erblichem Königsthron des Hauses Savoyen – durchgesetzt wurde. Der vorlĂ€ufige Abschluss der territorialen Staatsbildung erfolgte 1870 nach der Einnahme Roms bzw. des nach 1860 mit Latium noch verbliebenen Kirchenstaats durch italienische Truppen.

Vorgeschichte: Ende 18. Jahrhundert bis 1815

Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte es Bestrebungen zur Wiederherstellung der italienischen Einheit gegeben. Die Staaten und FĂŒrstentĂŒmer der Apenninen-Halbinsel waren mindestens seit dem 16. Jahrhundert mit dem Beginn der Italienischen Kriege und dem Niedergang der mĂ€chtigen italienischen Stadtstaaten zum Ende der Renaissance ein politischer Spielball der europĂ€ischen GroßmĂ€chte gewesen.

Filippo Buonarroti (1761–1837), Vordenker der italienischen Einigung auf sozialrevolutionĂ€rer Grundlage

WÀhrend der Jahre der Französischen Revolution (1789 bis 1799) hatten sich unter dem Eindruck der 1792 ausgerufenen ersten französischen Republik italienische Jakobiner in patriotischen Gruppen zusammengefunden. In Turin, Neapel, Palermo und anderen Regionen waren diese Gruppen die ersten, die versuchten, die Forderung nach einer unteilbaren italienischen Republik durch letztlich erfolglose AufstÀnde umzusetzen.

Insbesondere ausgehend von Norditalien war es der von frĂŒhsozialistischen Ideen beeinflusste Filippo Buonarroti, der bereits frĂŒh fĂŒr eine italienische Einigung auf sozialrevolutionĂ€rer Grundlage wirkte. UrsprĂŒnglich aus Pisa in der Toskana stammend, hatte er sich von Anfang an fĂŒr die Ideen der französischen Revolution eingesetzt, musste sich zunĂ€chst aus Italien zurĂŒckziehen und hatte sich in Frankreich selbst an den revolutionĂ€ren UmbrĂŒchen beteiligt. Als Revolutionskommissar fĂŒr das im Piemont besetzte Gebiet Oneglia versuchte Buonarroti, in den Jahren 1794/95, die revolutionĂ€ren VerĂ€nderungen in Frankreich auf italienische VerhĂ€ltnisse zu ĂŒbertragen. Aufgrund von Intrigen gegen ihn wurde er nach Paris zurĂŒck berufen, und dort zu einer Haftstrafe verurteilt. Im GefĂ€ngnis lernte er den französischen RevolutionĂ€r Gracchus Babeuf kennen, und schloss sich einige Monate nach seiner Begnadigung dessen Verschwörung der Gleichen (Conjuration des Égaux) an.

Im MĂ€rz 1796 ging Buonarroti erneut nach Oberitalien, wo er durch konspirative TĂ€tigkeiten versuchte, wichtige Persönlichkeiten der französischen Armee in Italien, unter ihnen auch den neuen Oberbefehlshaber NapolĂ©on Bonaparte, fĂŒr eine italienische Einigung zu gewinnen. Buonarrotis AnhĂ€ngern gelang es, fĂŒr wenige Wochen eine revolutionĂ€re jakobinische Herrschaft in der piemontesischen Stadt Alba zu errichten. DarĂŒber hinaus versuchten sie, auch weitere revolutionĂ€re KrĂ€fte im Piemont und in der Lombardei zu mobilisieren.

Als Vertreter der Verschwörung der Gleichen entwickelte Buonarroti PlĂ€ne zur Änderung der agrarischen VerhĂ€ltnisse in Frankreich und Italien. So befĂŒrwortete er die Abschaffung des Privateigentums an Boden. Mit seiner Agrarpolitik wollte Buonarroti die Massen der landlosen Bauern an die „Gleichen“ binden. Allerdings gelang es ihm nicht, seine weitgehenden sozialrevolutionĂ€ren Vorhaben umzusetzen, da ihm sowohl die Masse der Kleinbauern als auch die italienischen Jakobiner in entscheidenden Punkten ihre UnterstĂŒtzung versagten. Letztlich scheiterten alle jakobinischen Versuche, die VerĂ€nderungen der ersten Revolutionsjahre in ihrer RadikalitĂ€t auf Italien zu ĂŒbertragen. Stattdessen setzte sich zunĂ€chst NapolĂ©on Bonaparte als militĂ€rischer Oberbefehlshaber unter der Herrschaft des Direktoriums, das nach dem Sturz Robespierres und der VerfassungsĂ€nderung von 1795 (Direktorialverfassung) die Macht in Frankreich ĂŒbernommen hatte, mit militĂ€rischer Gewalt und einer gemĂ€ĂŸigteren Politik bĂŒrgerlicher Reformen durch.

Napoléon Bonaparte als erster Konsul Frankreichs nach seinen ersten militÀrischen Erfolgen in Italien, um 1799

Im Verlauf der Koalitionskriege zwischen den europĂ€ischen Monarchien und dem revolutionĂ€ren Frankreich ab 1792/93 brach die Staatenwelt des alten Italien zusammen. Ab 1801, nach den ItalienfeldzĂŒgen NapolĂ©on Bonapartes, die sich strategisch vor allem gegen Österreich richteten, befand sich die ganze Apenninen-Halbinsel unter französischer Vorherrschaft. Noch vor der Ausrufung NapolĂ©ons zum Kaiser der Franzosen – und damit der GrĂŒndung des ersten französischen Kaiserreichs im Jahr 1804 – kam es zu fundamentalen VerĂ€nderungen in den italienischen Staaten.

Aufteilung Italiens unter napoleonischer Hegemonie 1812 (französischsprachige Karte)

Zwischen 1796 und 1802 wurden nach den ersten exterritorialen Erfolgen NapolĂ©ons (noch als General der spĂ€trevolutionĂ€ren französischen Republik unter der Herrschaft des Direktoriums – bis 1799) verschiedene Republiken gegrĂŒndet, jeweils sozusagen als Vasallenstaaten bzw. Tochterrepubliken der französischen Ersten Republik. In Norditalien waren dies die Cispadanische und die Transpadanische Republik von 1796 (die 1797 zur Cisalpinischen Republik mit der Hauptstadt Mailand zusammengeschlossen wurden), die Ligurische Republik in der Provinz um Genua sowie die Piemontesische Republik in Turin/Piemont. Auf dem Gebiet des aufgelösten Kirchenstaats entstand die Römische Republik und in Neapel die ParthenopĂ€ische Republik.

Des Weiteren begrĂŒndete NapolĂ©on – nach seinem Staatsstreich von 1799 erster Konsul Frankreichs – das Königreich Etrurien in der Toskana (1801–1807). Nach der im Dezember 1804 erfolgten Ausrufung NapolĂ©ons zum Kaiser der Franzosen, wurde – teilweise durch Umwandlung der zuvor gegrĂŒndeten Kleinrepubliken – unter der Dynastie Bonaparte ein Königreich Italien, 1806 ein Königreich Neapel ausgerufen. Bis 1809 wurde Restitalien durch Frankreich annektiert.

Kennzeichen der napoleonischen Vorherrschaft in Italien waren eine leistungsfĂ€hige zentralistische BĂŒrokratie, die Realisierung bĂŒrgerlicher Rechte durch den Code NapolĂ©on, die Abschaffung der feudalen Ordnung und ein innerer Strukturwandel in den italienischen Staaten. Bei aller zunehmenden Unzufriedenheit vieler Italiener ĂŒber die despotische Unterwerfung zugunsten der Interessen Frankreichs und bei aller EnttĂ€uschung revolutionĂ€rer Hoffnungen im liberal und demokratisch gesinnten BĂŒrgertum entstand doch ein neues staatsbĂŒrgerliches Bewusstsein und die Idee der nationalen Einigung in einem freien Italien, das nicht mehr nur ein geografischer Begriff sein sollte. Diese vor allem in den bĂŒrgerlichen Mittelschichten stattfindende Entwicklung des GefĂŒhls einer ĂŒberregionalen nationalen IdentitĂ€t war die wesentliche Voraussetzung fĂŒr die Entstehung des Risorgimento nach der militĂ€rischen Beendigung der napoleonischen Hegemonie in den politisch zersplitterten Regionen Italiens.

Restauration und Widerstand: 1815 bis 1848

Gesandte der europĂ€ischen FĂŒrstenhĂ€user beim Wiener Kongress 1815

Nach dem Sieg der anderen europĂ€ischen MĂ€chte ĂŒber NapolĂ©on wurde beim Wiener Kongress 1814/15 die Landkarte neu aufgeteilt. Wie in den anderen Staaten und Regionen Europas sollte auch in Italien die vornapoleonische Ordnung ausgehend von LegitimitĂ€tsprinzip (Herrschaft der monarchischen AdelshĂ€user nach dem Grundsatz des „Gottesgnadentums“) wieder hergestellt werden. Dieser Gedanke wurde getragen durch die so genannte Heilige Allianz, ein zunĂ€chst 1815 zwischen den Herrschern Österreichs, Preußens und Russlands geschlossenes RestaurationsbĂŒndnis.

Die spanischen Bourbonen erhielten die Vorherrschaft ĂŒber Neapel-Sizilien (ab 1816 Königreich beider Sizilien), die österreichischen Habsburger mit ihren Nebenlinien die Vorherrschaft ĂŒber die meisten mittel- und oberitalienischen FĂŒrstentĂŒmer, darunter das als Königreich proklamierte Lombardo-Venetien als Zusammenschluss der Lombardei und Venetiens, das Großherzogtum Toskana sowie die HerzogtĂŒmer Parma und Modena. Einzig das dazwischen liegende kleine Herzogtum Lucca ging vorerst an das Haus Bourbon-Parma und stand damit noch bis zu seinem Anschluss an Toskana 1847 unter dem Einfluss Spaniens und Frankreichs. Des Weiteren existierte noch der politisch wiederhergestellte Kirchenstaat unter dem Papst und das ebenfalls restaurierte Königreich Sardinien-Piemont unter dem Haus Savoyen.

In der Folge des Wiener Kongresses setzte vor allem in Norditalien die vom österreichischen Staatskanzler FĂŒrst von Metternich dominierte Restauration ein, die wichtige Reformen der napoleonischen Ära wieder rĂŒckgĂ€ngig machte. Dies fĂŒhrte zuerst zu Protesten vor allem des aufsteigenden gewerbe- und handeltreibenden BĂŒrgertums, aber auch in Kreisen des aufgeklĂ€rten Adels.

Ab 1820 loderte massiverer Widerstand auf. Als Auswirkung der spanischen Revolution von 1820, welche dort die liberale Verfassung von 1812 wiederhergestellt hatte und fast auf den gesamten Mittelmeerraum bis nach Griechenland (vgl. Griechische Revolution) ĂŒbergriff, kam es auch auf der italienischen Halbinsel zu bĂŒrgerlich-liberalen AufstĂ€nden und revolutionĂ€ren Erhebungen: Zuerst 1820 im Königreich beider Sizilien, dann 1821 im Piemont. Die italienischen Revolten wurden jedoch ebenso schnell - im Wesentlichen von österreichischen Truppen - niedergeschlagen wie die ein Jahrzehnt spĂ€ter (1831) von der bĂŒrgerlichen Julirevolution von 1830 in Frankreich inspirierten Erhebungen in Mittelitalien (Modena, Romagna), bei denen nationalstaatliche Einheit, Verfassungen und Parlamente gefordert wurden.

Organisiert wurden diese AufstĂ€nde von einem freimaurerĂ€hnlichen Geheimbund, den Carbonari (italienisch fĂŒr „Köhler“), die in relativ kleinen Gruppen revolutionĂ€rer Eliten zusammengeschlossen waren. Die Carbonari verfĂŒgten kaum ĂŒber eine Basis in der breiteren, vornehmlich lĂ€ndlichen Bevölkerung, die in weiten Teilen den Unruhen vorerst noch eher lethargisch gegenĂŒber stand. Dieser Umstand erleichterte es den Behörden, viele Gruppen der aktiven RevolutionĂ€re mit Hilfe von Spitzeln und Denunzianten auszuhebeln, bzw. sie in ihrer Wirkungskraft zu schwĂ€chen.

Giuseppe Mazzini (1805–1872)

Der seit seiner Mitgliedschaft ab 1828 von dem Geheimbund der Carbonari beeinflusste republikanisch-demokratische RevolutionĂ€r Giuseppe Mazzini grĂŒndete 1831 in Marseille, das nach dreimonatiger Kerkerhaft seine erste lĂ€ngere Exilstation bildete, den Geheimbund Junges Italien (italienisch: Giovine Italia). Mazzini verstand es im Lauf der folgenden Jahre, europaweit Mitstreiter unter den republikanisch orientierten Liberalen bis hinein in die Arbeiterschaft fĂŒr seine Ideen zu gewinnen und teilweise auch fĂŒr den Kampf in Italien anzuwerben. Er begrĂŒndete die Zeitung La Giovine Italia, das Zentralorgan der Bewegung, und ließ sie illegal in den italienischen Staaten verbreiten. In seinen Publikationen vertrat Mazzini die Forderung nach einer Einigung Italiens als demokratische Republik „von unten“, die durch das Volk erkĂ€mpft werden sollte („L'Italia farĂ  da se“, ĂŒbersetzt: Italien schafft es allein) und an dessen Ende ein freies Italien in einem „Europa der Völker“ entstehen sollte.

Diese Utopie mit bereits kosmopolitischen AnsĂ€tzen inspirierte auch junge revolutionĂ€re Idealisten aus weiteren Staaten. So wurde unter Mazzinis Einfluss 1834 im schweizerischen Bern die an den Bund des Jungen Italien angelehnten GeheimbĂŒnde Junges Deutschland und Junges Polen von exilierten Demokraten gegrĂŒndet und gleichzeitig unter dem Namen Junges Europa zusammengeschlossen. Ab 1836 organisierten sich Mazzinis AnhĂ€nger in der von ihm in London als republikanisch-revolutionĂ€re Organisation von exilierten Arbeitern gegrĂŒndeten Partito d'Azione (Partei der Aktion).

Mazzini bzw. der von ihm geleitete Geheimbund Junges Italien, dem sich 1833 auch der bis in die Gegenwart als Nationalheld gefeierte Giuseppe Garibaldi angeschlossen hatte, organisierten ab 1833 verschiedene AufstĂ€nde, die teilweise von Mazzini aus dem Exil koordiniert wurden: Zuerst im Piemont (1833/34), dann 1843 in Bologna, 1844 in Kalabrien und 1845 in Rimini. Alle diese AufstĂ€nde scheiterten. Sie beförderten jedoch unter den Verfechtern der nationalen Einheit - auch unter ideologischen Gegnern Mazzinis - eine relativ breite öffentliche Diskussion ĂŒber die Struktur eines kĂŒnftigen Italien.

Vincenzo Gioberti (1801–1852)

Dabei gab es neben der als radikal geltenden republikanischen Lösung Mazzinis und seiner AnhĂ€nger, der „historischen Linken“ (sinistra storica) unter anderem VorschlĂ€ge der „historischen Rechten“ (destra storica) wie den des Philosophen und Geistlichen Vincenzo Gioberti, der in seinem politischen Hauptwerk aus den 1840er Jahren ein neoguelfisches Programm propagierte, das vorsah, den Papst als Oberhaupt einer konstitutionellen italienischen Staatenkonföderation zu ernennen. Er berief sich dabei auf das verbindende Element des Katholizismus in Italien. Andere gemĂ€ĂŸigte Liberale wie Graf Cesare Balbo oder Marchese Massimo Taparelli D'Azeglio wollten die Einigung unter FĂŒhrung des Königreichs Sardinien-Piemont umsetzen.

Papst Pius IX. begann 1846 zu Beginn seines Pontifikats mit einer relativ liberalen Reformpolitik in Rom bzw. dem Kirchenstaat. Er bildete einen Staatsrat, grĂŒndete eine BĂŒrgerwehr, fĂŒhrte eine Amnestie durch und schlug eine Zollunion der italienischen Staaten vor.

Revolution und Krieg zwischen Sardinien-Piemont und Österreich: 1848/49

Die Reformen des Papstes im Kirchenstaat brachten die anderen FĂŒrstentĂŒmer in Zugzwang. Der liberale Druck nahm in allen italienischen Staaten zu. Dazu trug auch die 1847 in Turin gegrĂŒndete liberalkonservative Zeitschrift Il Risorgimento bei, die der Epoche ihren Namen gab. Sie trat fĂŒr eine italienische Einigung unter FĂŒhrung des Hauses Savoyen ein, das den König von Piemont-Sardinien, Karl Albert, stellte. Die Zeitung vertrat also entgegen den republikanischen Forderungen die Vorstellungen der Moderati, die ein liberales Königtum fĂŒr das kĂŒnftige Italien vorsahen. Ein bedeutender Politiker dieser Richtung, der auch wesentliche BeitrĂ€ge fĂŒr die Zeitung beisteuerte, war Cesare Balbo. Einer der MitbegrĂŒnder von Il Risorgimento und Protagonist der Liberalkonservativen, Camillo Benso Graf von Cavour, setzte sich spĂ€ter als MinisterprĂ€sident Sardinien-Piemonts von 1852 bis 1859 sowie 1860/61 an fĂŒhrender Stelle wesentlich fĂŒr dieses Ziel einer konstitutionellen italienischen Monarchie ein. Er wurde schließlich 1861 erster MinisterprĂ€sident des Königreichs Italien.

Nach 1846 kam es unter dem Druck der sich verstĂ€rkenden liberalen und demokratischen Bewegungen, die auch in anderen Staaten Mitteleuropas um sich gegriffen hatten und weiter anwuchsen (vgl. auch Februarrevolution 1848 und MĂ€rzrevolution 1848/49), zu schrittweise erfolgenden ZugestĂ€ndnissen einiger FĂŒrstentĂŒmer. Neben dem Kirchenstaat erhielten auch das Königreich beider Sizilien, die Toskana und am 4. MĂ€rz 1848 Sardinien-Piemont Verfassungen. Dabei hatte insbesondere der dortige König Karl Albert nach der Februarrevolution in Frankreich und dem Beginn der MĂ€rzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes, darunter auch im habsburgischen Kernland Österreich, die Situation erkannt. Mit seiner Verfassung begrĂŒndete er im Königreich Sardinien-Piemont eine konstitutionelle Monarchie mit fĂŒr diese Zeit relativ weit gehenden politischen und sozialen Reformen. Die Verfassung Sardinien-Piemonts bildete dann auch die Grundlage fĂŒr die spĂ€tere Verfassung des italienischen Königreichs ab 1861, wo sie im Prinzip, zumindest formell bis 1946 gĂŒltig bleiben sollte, wenn auch wĂ€hrend der Diktatur des Faschismus zwischen 1922 und 1945 faktisch ausgehöhlt. Damit positionierte sich Sardinien-Piemont als einziger Staat mit einer in der Bevölkerung als „italienisch“ akzeptierten FĂŒhrung zunehmend als wesentliche politische Speerspitze des weiteren Risorgimento.

Ausrufung der Repubblica di San Marco vor dem Dogenpalast am 23. MĂ€rz 1848 in Venedig (Lithografie von Sanesi, ca. 1850)

Im Zuge der Revolutionen von 1848/49 kam es in den italienischen FĂŒrstentĂŒmern zu der bis dahin massivsten Welle von AufstĂ€nden der Einigungsbewegung. Die revolutionĂ€ren Ereignisse begannen in Italien schon vor der französischen Februarrevolution mit dem sizilianischen Januaraufstand von 1848 und breiteten sich im Anschluss auf der ganzen italienischen Halbinsel aus. Ebenfalls schon im Januar 1848 kam es in Oberitalien, zuerst in Mailand, Brescia und Padua, zu AufstĂ€nden gegen die österreichische Vorherrschaft. Mitte MĂ€rz 1848 erklĂ€rte Mailand seine UnabhĂ€ngigkeit von Österreich und den Anschluss der Lombardei an das Königreich Sardinien-Piemont. Kurz darauf wurde in Venedig am 23. MĂ€rz 1848 unter der FĂŒhrung von Daniele Manin die Repubblica di San Marco ausgerufen (Republik des Heiligen Markus, benannt nach dem Schutzpatron Venedigs, dem Evangelisten Markus).

Landkarte des Königreichs Sardinien-Piemont im Jahr 1839, links der Landesteil Piemont auf dem Festland, rechts der Landesteil der Insel Sardinien

Zur UnterstĂŒtzung Lombardo-Venetiens zog die Armee Sardinien-Piemonts unter König Karl Albert in den Krieg gegen Österreich (Erster Italienischer UnabhĂ€ngigkeitskrieg). Karl Albert setzte sich damit demonstrativ an die Spitze der italienischen Einigungsbewegung. Nach anfĂ€nglichen Erfolgen (u.a. bei Goito) unterlagen die piemontesischen und revolutionĂ€ren Truppen am 25. Juli 1848 denen Österreichs unter Feldmarschall Johann Wenzel Radetzky in der Schlacht bei Custozza. Im darauf folgenden Waffenstillstand gelangte die Lombardei wieder an Österreich. Nach einem Aufstand in der Toskana im Februar 1849, der zum Sturz des Großherzogs und Erzherzogs des Hauses Habsburg Leopold II. und zur Ausrufung einer toskanischen Republik fĂŒhrte, brach der Krieg zwischen Sardinien-Piemont und Österreich erneut aus. Am 12. MĂ€rz 1849 erklĂ€rte Sardinien-Piemont Österreich den Krieg, weil seine Deputiertenkammer und die Stimmung im Volk eine Fortsetzung des UnabhĂ€ngigkeitskampfes verlangten. Trotz zahlenmĂ€ĂŸiger Überlegenheit unterlagen Karl Alberts Truppen am 23. MĂ€rz 1849 letztlich erneut Österreich in der Schlacht bei Novara. Der König dankte noch am Abend desselben Tages zugunsten seines Sohnes Viktor Emanuel II. ab. Dieser schloss am 6. August 1849 in Mailand einen Friedensvertrag mit Österreich. Nach dieser Niederlage und der am 23. August 1849 erfolgten Niederschlagung der Stadtrepublik Venedig, die sich mehr als ein Jahr gehalten hatte, war die italienische Einigungsbewegung in Norditalien vorerst zerschlagen.

Darstellung der Proklamation der römischen Republik im Februar 1849 in Rom

Auch im SĂŒden Italiens hatte es 1848/49 republikanisch motivierte Revolutionen gegeben, beispielsweise in Neapel und in Rom. Nachdem Pellegrino Rossi, der MinisterprĂ€sident des Kirchenstaats, einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war, floh dessen Dienstherr, der Papst, im November 1848 vor den zunehmenden Unruhen aus Rom nach Gaeta an der KĂŒste Neapel-Siziliens. Darauf wurde am 9. Februar 1849 von den bei der Wahl zur konstituierenden Versammlung am 21. Januar 1849 siegreich hervorgegangenen AnhĂ€ngern Giuseppe Mazzinis die Republik im Kirchenstaat ausgerufen. Diese stand unter der FĂŒhrung eines Triumvirats aus Mazzini, Carlo Armellini und Aurelio Saffi. Französische und zu einem kleineren Teil auch spanische Truppen intervenierten Mitte April des Jahres mit dem Ziel, die Herrschaft des Papstes wiederherzustellen. Die römische Revolutionsarmee unter Garibaldi konnte die Franzosen zunĂ€chst zurĂŒckdrĂ€ngen. Allerdings musste die Republik nach einmonatiger Belagerung schließlich kapitulieren. Garibaldi, Mazzini und andere fĂŒhrende Republikaner setzten sich erneut ins auslĂ€ndische Exil ab (Mazzini wieder nach London, Garibaldi in die USA). Am 3. Juli 1849 wurde die römische Republik endgĂŒltig niedergeschlagen, und ein Exekutivkomitee aus KardinĂ€len stellte die alten MachtverhĂ€ltnisse wieder her. Der Papst kehrte 1850 nach Rom zurĂŒck und etablierte dort nach Revidierung seiner 1846 eingefĂŒhrten Reformen ein autoritĂ€res Polizeiregime. Französische Truppen blieben bis 1870 als Schutzmacht in Rom stationiert.

Liberalkonservative Neuformierung, Sardinischer Krieg, Entwicklung zum Königreich Italien: 1850 bis 1861

Camillo Benso von Cavour (1819–1861), erster MinisterprĂ€sident der italienischen Monarchie (GemĂ€lde von Francesco Hayez)

Nach der Niederwerfung der Revolutionen von 1848/49 wurde Turin, die Hauptstadt Sardinien-Piemonts, zunehmend zum Zentrum des Risorgimento. Unter MinisterprĂ€sident Cavour verĂ€nderte sich die Strategie. Durch die Erfahrung der Revolution von 1848/49 war die Überzeugung gereift, dass Italien seine Einheit nicht allein aus eigener Kraft erreichen könne, sondern dass dazu auch BĂŒndnisse mit anderen Staaten notwendig seien. So wurde die internationale Lage mit Hilfe diplomatischer KanĂ€le genutzt, um den italienischen Nationalstaat - nun stĂ€rker unter konservativem Vorzeichen - durchzusetzen. Durch das Scheitern der Revolution war die demokratische Bewegung, die bis dahin lange Zeit prĂ€gende Kraft des Risorgimento, nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa entscheidend geschwĂ€cht worden.

Im Geheimvertrag von PlombiĂšres-les-Bains sicherte sich Cavour 1858 die Hilfe Frankreichs unter dem seit dem Krimkrieg (1853 bis 1856) nach Prestige strebenden Kaiser NapolĂ©on III. zu. Durch das NĂ€herrĂŒcken Russlands und Frankreichs nach dem Frieden von Paris 1856 war Österreich in der Folge des Krimkrieges politisch und diplomatisch geschwĂ€cht worden. Obwohl französische Truppen seit 1849 fĂŒr den Kirchenstaat bzw. den Papst in Rom eine wichtige Schutzmacht darstellten, stand Napoleon III. hinter einer Einigung Italiens, um seine eigene Machtstellung in Europa zu stĂ€rken. Er sagte Sardinien-Piemont zu, es bei einem Krieg gegen Österreich zur Eroberung Lombardo-Venetiens zu unterstĂŒtzen. DafĂŒr sollte Sardinien-Piemont Nizza und Savoyen an Frankreich abtreten. ZusĂ€tzlich wurde die Allianz durch die VermĂ€hlung der Tochter von König Viktor Emanuel II. mit dem Prinzen NapolĂ©on, des Cousins von NapolĂ©on III., besiegelt.

Napoléon III. und sein Stab bei der Beobachtung der Schlacht von Solferino

Im Mai 1859 kam es zum Sardinischen Krieg (Zweiter Italienischer UnabhĂ€ngigkeitskrieg). Durch geschickte TĂ€uschungsmanöver - Cavour zog Truppen zusammen und warb in der Lombardei um Freiwillige - wurde Österreich zum Einmarsch in Sardinien-Piemont provoziert und stand damit als kriegsauslösende Macht schuldig da. Nach knapp zweimonatigem Kriegsverlauf wurden die österreichischen Truppen bei der Schlacht von Solferino entscheidend geschlagen. Allerdings zog sich Napoleon III. nach dem Sieg gegen Österreich auf Druck der anderen GroßmĂ€chte, die kein Interesse an einer italienischen Einigung hatten, durch den geheimen Waffenstillstand mit Österreich vom 11. Juli 1859 in Villafranca, aus dem Krieg zurĂŒck. So erhielt Sardinien-Piemont nach dem Frieden von ZĂŒrich am 10. November 1859 nur die Lombardei, wĂ€hrend Venetien noch in habsburgischer Hand verblieb.

Die PlĂ€ne der GroßmĂ€chte, eine Vereinigung ganz Italiens zu verhindern, gingen jedoch nicht auf. Noch wĂ€hrend des Krieges hatten in den HerzogtĂŒmern Parma und Modena sowie im Großherzogtum Toskana AufstĂ€ndische die habsburgischen Landesherren gestĂŒrzt und auch die pĂ€pstlichen Legaten aus der zum Kirchenstaat gehörenden Romagna vertrieben. Nachdem Sardinien-Piemont Nizza und Savoyen an Frankreich abgetreten hatte, kam es im MĂ€rz 1860, von Napoleon III. gebilligt, in den noch österreichischen Gebieten Oberitaliens zu Volksabstimmungen. In diesen sprachen sich die Bevölkerungen mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit fĂŒr den Anschluss ans Königreich Sardinien-Piemont aus.

Giuseppe Garibaldi (1807–1882)

Die Preisgabe Nizzas und Savoyens brachte allerdings den populĂ€ren FreiheitskĂ€mpfer und spĂ€teren Nationalhelden Giuseppe Garibaldi, der 1854 aus seinem fĂŒnfjĂ€hrigen Exil in den USA nach Italien zurĂŒckgekehrt war, nun endgĂŒltig gegen Cavour und seine liberalkonservative pragmatische Linie auf. Garibaldi hatte - teilweise im Widerspruch zu Mazzini - aus VernunftgrĂŒnden im Interesse der italienischen Einigung die Politik Cavours mitgetragen (obwohl er im Grunde Republikaner blieb).

Garibaldi verlĂ€sst mit dem Freiwilligenheer der „Rothemden“ den Ort Quarto bei Genua in Richtung Sizilien

Garibaldi landete am 11. Mai 1860 - zunĂ€chst noch mit UnterstĂŒtzung Cavours - mit einer 1067 Mann starken Truppe aus Freiwilligen, die auch als Zug der Tausend („Mille“) bezeichnet werden, auf Sizilien, wo er sich selbst zum Diktator ernannte. In der Schlacht von Calatafimi schlug seine Armee die Truppen des Königs von Neapel. Ein Volksaufstand wirkte sich bei der Eroberung von Palermo durch Garibaldis Freischar unterstĂŒtzend aus. Im Anschluss an die Siege auf der Insel befreite seine Armee, der sich wĂ€hrend ihres Vormarsches auch viele einheimische AufstĂ€ndische aus den unterprivilegierten Schichten der Kleinbauern und Landarbeiter anschlossen, ab dem 20. August 1860 den Rest des Königreichs beider Sizilien von der Herrschaft der spanischen Bourbonen. Am 7. September 1860, nach der Flucht des letzten Bourbonenkönigs Franz II., nahm Garibaldi mit seinen Truppen, den sogenannten Rothemden, die Hauptstadt Neapel ein.

Die Schlacht bei Castelfidardo aus der Perspektive des FeldherrnhĂŒgels

Der Erfolg Garibaldis gefĂ€hrdete die FĂŒhrungsrolle Sardinien-Piemonts bei der Einigung Italiens. In den liberalkonservativen Kreisen um Cavour befĂŒrchtete man eine neapolitanische Republik und, Ă€hnlich wie bei der Niederschlagung der Römischen Republik von 1849, neue auslĂ€ndische Interventionen, falls Garibaldi bis nach Rom vordringen sollte. Graf Cavour vereinbarte mit NapolĂ©on III. dessen Billigung der Eroberung der zum Kirchenstaat gehörenden Marken und Umbriens, um Garibaldi zuvorzukommen. Im September 1860 rĂŒckten piemontesische Truppen in den Provinzen des Kirchenstaats ein. Bei Castelfidardo in der NĂ€he von Ancona unterlag die pĂ€pstliche Armee (vgl. Schlacht von Castelfidardo); der unter französischem Schutz stehende restliche Kirchenstaat mit Latium und seiner Hauptstadt Rom blieb unangetastet. Nach diesem Sieg stießen die unter dem Befehl von König Viktor Emanuel II. stehenden piemontesischen Truppen weiter nach SĂŒden vor, bis sie sich mit der FreischĂ€rlerarmee Garibaldis vereinigten.

Garibaldi (links) trifft am 26. Oktober 1860 bei Teano auf Viktor Emanuel II. (rechts)

Garibaldi trat von seinem Machtanspruch zurĂŒck, nachdem sich die Bevölkerung beider Sizilien, wie schon diejenige Norditaliens im MĂ€rz desselben Jahres, bei einem Plebiszit am 21. Oktober 1860 mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit fĂŒr den Anschluss ans Königreich Sardinien-Piemont ausgesprochen hatte. Am 26. Oktober 1860 fand in Teano bei Neapel das legendĂ€re Treffen zwischen Viktor Emanuel II. und Garibaldi statt, bei dem letzterer den piemontesischen Monarchen als „König von Italien“ begrĂŒĂŸte. Im MĂ€rz 1861 wurde schließlich in Turin die neue italienische Monarchie unter König Viktor Emanuel ausgerufen. Camillo Benso Graf von Cavour wurde erster MinisterprĂ€sident Italiens, als der er bis zu seinem Tod am 6. Juni 1861 noch knapp drei Monate im Amt blieb. VorlĂ€ufiger Regierungssitz wurde die bisherige sardinisch-piemontesische Hauptstadt Turin. 1864 wechselte dieser Status nach Florenz, der Hauptstadt der Toskana.

Viktor Emanuel II. (1820–1878), König von Sardinien-Piemont und erster König des italienischen Nationalstaats

Das neue Italien wurde letztlich „von oben“ durchgesetzt, auch wenn die vorhergehenden Revolutionen vom Volk getragen worden waren. Die Hoffnungen der Republikaner auf eine verfassunggebende Nationalversammlung erfĂŒllten sich nicht. Schrittweise wurde die sardinisch-piemontesische Verfassung von 1848 auf Italien ĂŒbertragen, mit der eine konstitutionelle Monarchie festgelegt wurde. Die politische ReprĂ€sentation war wegen eines hohen Zensuswahlrechts mit nur 1,9 % wahlberechtigter Bevölkerung auf eine kleine konservativ-liberale Oberschicht beschrĂ€nkt. Das Wahlrecht wurde spĂ€ter zwar ausgeweitet, blieb aber dennoch nur einer Minderheit vorbehalten. Es sollte bis 1912 dauern, bis ein nahezu allgemeines Wahlrecht in Italien eingefĂŒhrt wurde. Die fortschrittlichen liberalen Parlamentarier Marco Minghetti und Luigi Carlo Farini scheiterten mit ihrem Plan, autonome Regionen zur Basis des neuen Italien zu machen. Unter Bettino Ricasoli, dem Nachfolger Cavours, erhielt Italien eine zentralistische Verwaltung und wurde Ă€hnlich wie Frankreich in Provinzen gegliedert.

Die europĂ€ischen GroßmĂ€chte Frankreich, Preußen und Großbritannien erkannten den neuen Staat Italien an. Protest gegen die diplomatische Anerkennung kam von Österreich und dem Kirchenstaat, die zurecht weitere AnsprĂŒche Italiens auf ihre Hoheitsgebiete bzw. Teile davon befĂŒrchteten. Vorerst noch nicht zu Italien gehörten Venetien im Nordosten, das weiterhin unter der habsburgischen Herrschaft Österreichs stand, sowie der Restkirchenstaat mit Rom, in dem französische Schutztruppen stationiert waren.

Vollendung der Einheit Italiens bis 1870

Unter dem Eindruck der Zuspitzung des preußisch-österreichischen Konflikts schloss Italien am 8. April 1866 ein BĂŒndnis mit Preußen. Ziel war es, Österreich zu schwĂ€chen und auch Venetien an Italien anzuschließen. Wenige Tage nach Beginn des Deutschen Krieges zwischen Preußen und Österreich am 14. Juni 1866, erklĂ€rte auch Italien Österreich den Krieg (Dritter Italienischer UnabhĂ€ngigkeitskrieg).

Obwohl Österreich in den entscheidenden Schlachten des Krieges in Italien (Schlacht bei Custoza am 24. Juni 1866, Seeschlacht von Lissa am 20. Juli 1866) siegte, verlor das Kaiserreich unter Franz Joseph I. den Krieg gegen Preußen in der Entscheidungsschlacht bei KöniggrĂ€tz am 3. Juli 1866. Diese Niederlage hatte zur Folge, dass Venetien einen Tag spĂ€ter an Italien abgetreten wurde, worauf italienische Truppen kampflos in Venetien einmarschieren konnten.

Im Wiener Frieden zwischen Italien und Österreich vom 3. Oktober 1866 wurde Venetien als italienischer Besitz bestĂ€tigt. Dennoch blieben auch nach 1866 noch einige Gebiete, die weiterhin von Italien beansprucht wurden, in österreichischer Hand: Die Terre irredente („unerlöste Gebiete“), die erst nach dem Ersten Weltkrieg an Italien fallen sollten.

Nationaldenkmal Il Vittoriano in Rom

Auch der Restkirchenstaat unter Papst Pius IX. blieb weiterhin ein Konfliktherd. Schon in den 1830er Jahren war die Forderung nach einer weltlichen Herrschaft vertreten worden. Rom wurde von den italienischen Nationalisten als natĂŒrliche Hauptstadt Italiens angesehen. Im Oktober 1867 versuchte Garibaldi, der nach seinem vorĂŒbergehenden RĂŒckzug von der Politik wieder auf die aktive politisch-kĂ€mpferische „BĂŒhne“ zurĂŒckgekehrt war, mit einigen Freischaren, Rom erneut einzunehmen. Seine Einheiten wurden jedoch am 3. November 1867 von französischen und pĂ€pstlichen Truppen besiegt. Bereits 1862 war ihm ein erster Versuch misslungen.

Der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Preußen am 19. Juli 1870 kam Italien in der Frage des Kirchenstaates gelegen. Als Frankreich in Folge des Krieges seine Schutztruppen aus Rom abzog, eroberten italienische Truppen ab 11. September 1870 den Kirchenstaat, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Am 20. September 1870 wurde Rom eingenommen.

Eine Volksabstimmung ergab eine breite Zustimmung fĂŒr die Vereinigung des Kirchenstaats mit Italien. Die Vereinigung wurde am 6. Oktober 1870 durch königliches Dekret proklamiert. Damit war die Einigung Italiens und mit ihr das Ziel des Risorgimento vollendet. 1871 wurde die italienische Hauptstadt von Florenz nach Rom verlegt. Auch die meisten auslĂ€ndischen Staaten verlegten ihre Gesandtschaften nach Rom, womit sie stillschweigend das Ende der weltlichen Herrschaft des Papsttums anerkannten.

Weitere Entwicklung nach 1870

Römische Frage, Kirchenkonflikt

Der Papst hatte seinen Sitz weiterhin im Vatikan. In den sogenannten Garantiegesetzen vom Mai 1871 wurde seine Stellung in der italienischen Hauptstadt geregelt, wenn auch zunÀchst nur einseitig von der italienischen Regierung ausgehend. Demnach verblieben der Vatikan, der Lateran und die pÀpstliche Sommerresidenz in Castel Gandolfo unter der Hoheit des Papstes, der in diesen Bereichen bis in die Gegenwart als staatlicher SouverÀn gilt.

Papst Pius IX. (1792–1878)

Pius IX. und seine unmittelbaren Nachfolger Leo XIII. und Pius X. erkannten jedoch sowohl die gesetzlichen Regelungen fĂŒr den Vatikan als auch das neue Italien nicht an und lehnten jede offizielle diplomatische Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern ab. Der Streit um den Status der katholischen Kirche und die zunĂ€chst nicht formell geregelte eigenstaatliche UnabhĂ€ngigkeit des Vatikans blieb auch nach der Vollendung der italienischen Einheit ein noch lange schwelender Konflikt (sogenannte Römische Frage). Pius IX. betrachtete sich selbst als „Gefangener im Vatikan“. Die Urheber und Teilnehmer an der Einnahme des Kirchenstaates belegte er mit dem Kirchenbann. Bereits 1864 hatte er in der Enzyklika Quanta Cura bzw. dem daran angefĂŒgten Syllabus errorum grundlegende Prinzipien des politischen Liberalismus verurteilt. Dies hatte den Konflikt zwischen der römisch-katholischen Kirche und den SĂ€kularisierungsbestrebungen des Liberalismus zugespitzt und nahm in den folgenden zwei Jahrzehnten europaweite Dimensionen an (vgl. auch Kulturkampf).

In der pĂ€pstlichen Bulle Non expedit vom 10. September 1874 verbot Pius IX. italienischen Katholiken sowohl die aktive als auch passive Teilnahme an demokratischen Wahlen in Italien. Seine Forderung nach Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papsttums blieb jedoch erfolglos - trotz der weiterhin bestehenden, seit der VerkĂŒndung der pĂ€pstlichen „Unfehlbarkeit“ nach dem ersten vatikanischen Konzil am 18. Juli 1870 sogar verstĂ€rkten, kirchlichen Vormachtstellung mit weltweitem auch politischem Einfluss. Breite katholische Schichten blieben durch die Einnahme Roms entfremdet. Erst mit den 1929 geschlossenen LateranvertrĂ€gen zwischen Papst Pius XI. und der ab 1922 faschistischen italienischen Regierung unter Benito Mussolini, in denen der Heilige Stuhl Rom als Hauptstadt Italiens und Sitz der italienischen Regierung anerkannte, wurde die politische und staatliche SouverĂ€nitĂ€t des Vatikans durch Italien garantiert und damit formell besiegelt.

Nord-SĂŒd-Konflikt, Soziale Frage, Radikalisierung der Arbeiterbewegung

Im sozialen und wirtschaftlichen Bereich dauert der Konflikt zwischen dem reicheren industrialisierten Norden Italiens und dem landwirtschaftlich geprĂ€gten armen SĂŒden des Landes (Mezzogiorno) an - bis hin zu den separatistischen Bestrebungen der politisch rechtspopulistischen norditalienischen Lega Nord von Umberto Bossi am Wechsel vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Nach der Ausrufung des Königreichs Italien 1861 wurde die Hoffnung der sĂŒditalienischen Kleinbauern und Landarbeiter auf eine Umverteilung des Großgrundbesitzes enttĂ€uscht. Indirekte Steuern verstĂ€rkten ihre Armut noch. Der nach der StaatsgrĂŒndung eingefĂŒhrte Freihandel zwischen den italienischen Regionen bewirkte einen Konkurrenzdruck, dem der SĂŒden nicht standhalten konnte, und der die wirtschaftliche Weiterentwicklung der Region nachhaltig behinderte. Das Ausbleiben sozialpolitischer VerĂ€nderungen machte die noch junge italienische Arbeiterbewegung, die bis dahin von Giuseppe Mazzini, dem radikaldemokratischen Vordenker des Risorgimento, beeinflusst war, zunehmend unzufriedener mit der politischen Praxis der italienischen Monarchie. Mazzini selbst, der den grĂ¶ĂŸten Teil seiner politisch aktiven Zeit aus dem Exil heraus agieren musste, stand als entschiedener Vertreter einer republikanischen Demokratie im intellektuellen Konflikt zwischen Republikanismus und Sozialismus nicht nur in italienischer, sondern auch in gesamteuropĂ€ischer Hinsicht Anfang der 1870er Jahre - zum Ende seines Lebens - zunehmend isoliert zwischen den progressiven Polen der ideologischen Auseinandersetzungen dieser Zeit.

Michail Bakunin (1815–1876) wĂ€hrend seiner Zeit in Italien

Unter dem seit Mitte der 1860er Jahre erstarkten Einfluss des russischen Anarchisten Michail Bakunin wandte sich - ausgehend von SĂŒditalien, wo Bakunin die Gruppierung „FraternitĂ© Internationale“ (Internationale BrĂŒderlichkeit) gegrĂŒndet hatte - ein Teil der vormaligen Mazzini-AnhĂ€nger, zu dem zeitweilig auch Giuseppe Garibaldi gehörte, dem grundsĂ€tzlich staatsablehnenden und sozialrevolutionĂ€ren Anarchismus zu. Dieser dominierte - spĂ€testens nach der 1872 erfolgten, in Marxisten und Bakuninisten aufgeteilten Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation (vgl. auch Internationale) - stĂ€rker als in Nord- und Mitteleuropa die sozialistische Arbeiterbewegung in Italien bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Die anarchistische Bewegung bekĂ€mpfte - nach Bakunins Tod unter dem prĂ€genden Einfluss des Aktivisten Errico Malatesta - den italienischen Staat um so mehr, als nach dem Abflauen der nationalen Begeisterung in Folge der StaatsgrĂŒndung die ökonomischen und inneren politischen WidersprĂŒche im italienischen Staatswesen deutlicher wurden. Eine vom Marxismus beeinflusste sozialistische Partei, die Partito Socialista Italiano, in der gleichwohl von einigen Anarchisten vertretene syndikalistische EinflĂŒsse zunĂ€chst einen starken FlĂŒgel bildeten, wurde erst im Jahr 1892 gegrĂŒndet. Dies, nachdem in Norditalien die Industrialisierung vorangeschritten war und sich dort ein politisch relevantes - vor allem stĂ€dtisches - Industrieproletriat gebildet hatte.

Carmine Crocco (1830–1905), legendĂ€rer AnfĂŒhrer der briganti

Der SĂŒden Italiens blieb in Folge der sozialen Not lange Zeit ein schwelender Unruheherd, zu dem neben den von der radikalen Linken forcierten sozialen Revolten ein ausgeprĂ€gtes, oftmals gegen die Großgrundbesitzer vorgehendes Banditenwesen (Brigantentum) hinzu kam, das von den inzwischen entmachteten spanischen Bourbonen unterstĂŒtzt wurde, und das auch nach der StaatsgrĂŒndung Italiens große Teile der italienischen Armee innenpolitisch band. Ein legendĂ€rer AnfĂŒhrer der sozialrevolutionĂ€r orientierten Briganti, denen sich ab den 1860er Jahren zunehmend verarmte Bauern und Landarbeiter angeschlossen hatten, war Carmine Donatelli Crocco (eine Art italienischer Robin Hood). Er kontrollierte zeitweilig ĂŒber 40 Banden, die als Guerillaeinheiten auch Giuseppe Garibaldis FreischĂ€rler unterstĂŒtzt hatten.

Die zunehmende Verarmung SĂŒditaliens fĂŒhrte zudem zu einer lange andauernden Abwanderung großer Bevölkerungsteile in den Norden Italiens oder zu einer verstĂ€rkten wirtschaftlich motivierten Emigration; oftmals in die USA oder nach SĂŒdamerika.

Irredentismus, Imperialismus, Aufstieg der politischen Rechten

Francesco Crispi (1819–1901), PortrĂ€t etwa 1893

1877 grĂŒndete Matteo Renato Imbriani-Poerio die Organisation Italia Irredenta („Unerlöstes Italien“). Sie forderte den Anschluss des Trentino, von Triest, Friaul und Istrien an Italien. Diese Vereinigung fand rasch Verbreitung in vor allem rechtsnationalistischen Kreisen, die unter König Umberto I. ab 1878 stĂ€rker wurden. Unter seiner Herrschaft, insbesondere wĂ€hrend der Regierungszeit des autoritĂ€ren MinisterprĂ€sidenten Francesco Crispi zwischen 1887 und 1896, entwickelte sich Italien zu einem imperialistischen Staat, der seinen Einflussbereich auf Ostafrika ausdehnte und 1890 die Kolonie Eritrea konstituierte. Beim Versuch, das Einflussgebiet in Afrika nach SĂŒdosten auszudehnen, agierte Italien im Kolonialkrieg von 1895/96 erfolglos, und unterlag gegen die Truppen Kaiser Meneliks II. von Äthiopien in der Schlacht von Adua, worauf Crispi zurĂŒcktreten musste. Eritrea selbst blieb jedoch bis 1941 unter italienischer Hoheit.

Bedingt durch die ausbleibenden Erfolge in Ostafrika erneuerte Italien Anfang des 20. Jahrhunderts, nach der Ermordung König Umbertos I. durch einen anarchistischen AttentĂ€ter (1900) unter der Regentschaft von Viktor Emanuel III., seine Interessengemeinschaft mit Frankreich durch verschiedene Geheimabkommen. Dadurch geriet das libysche, damals unter osmanischer Herrschaft stehende Tripolis ins Einflussgebiet Italiens, wĂ€hrend Marokko Frankreich ĂŒberlassen wurde. 1911 annektierte Italien Tripolis und die Cyrenaica. Diese Besetzung fĂŒhrte zum Konflikt mit dem Osmanischen Reich und zum Italienisch-TĂŒrkischen Krieg von 1911/12, in dessen Folge Italien einige Mittelmeerinseln, darunter Rhodos in der ÄgĂ€is hinzugewann.

Das Königreich Italien und seine Kolonien (bis 1940)

1910 wurde mit der Associazione Nazionalista Italiana eine rechtsextrem-nationalistische Partei gegrĂŒndet, die bis 1923 in der faschistischen Organisation Benito Mussolinis aufging. Im Zuge der Hochindustrialisierung Norditaliens im Vorfeld des Ersten Weltkriegs versuchte diese Partei, die zunehmenden sozialen GegensĂ€tze durch nationalistische Parolen aufzufangen, forderte eine expansionistische Außenpolitik im Sinne des Imperialismus und erneuerte die Vorstellungen der Irredentisten. Dabei wurde sie insbesondere von der Großindustrie unterstĂŒtzt.

Regionen im heutigen Italien

Die meisten der noch zu Österreich-Ungarn gehörenden italienischsprachigen Gebiete Norditaliens (das Trentino und die grĂ¶ĂŸtenteils von Kroaten bewohnten Regionen Dalmatien und Istrien), die so genannten terre irredente fielen allerdings erst nach Österreichs Niederlage im Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 an Italien, ebenso das vor allem deutschsprachige SĂŒdtirol. Diese Gebiete waren Italien bereits 1915 bei den Geheimverhandlungen zwischen Frankreich, Großbritannien, Russland und Italien, die zum Londoner Vertrag fĂŒhrten, zugesprochen worden. GemĂ€ĂŸ den Bedingungen dieses Vertrags war Italien darauf aus dem Dreibund mit Österreich, Deutschland und RumĂ€nien ausgetreten und hatte sich an der Seite der Entente am Ersten Weltkrieg gegen das damalige Österreich-Ungarn beteiligt.

Um die demografische Struktur zugunsten der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe zu verĂ€ndern, wurden ab 1922, nach der Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini, verstĂ€rkt Italiener angesiedelt und die bis dahin regional vorherrschenden einheimischen Sprachen (Deutsch in SĂŒdtirol, Kroatisch und Slowenisch in Istrien, Kroatisch in Dalmatien) sowie die jeweiligen kulturellen Eigenheiten teils massiv unterdrĂŒckt (vgl. Italianisierung).

Kulturelle Aspekte des Risorgimento

Verteilung der in Italien gesprochenen Sprachen und Dialekte

Ein die ganze Epoche des Risorgimento durchziehendes Problem der italienischen Nationalstaatsbildung waren kulturelle Differenzen zwischen den verschiedenen Regionen der Apenninen-Halbinsel, die nicht zuletzt im Fehlen einer einheitlichen Sprache begrĂŒndet waren. Zur Zeit der StaatsgrĂŒndung in den 1860er Jahren war das Land sprachlich zersplittert. In den verschiedenen Regionen wurden sehr unterschiedliche Dialekte gesprochen, die eine ĂŒberregionale VerstĂ€ndigung und damit auch ein Nationalbewusstsein auf kultureller Grundlage erschwerten. Die italienische Schriftsprache wurde lediglich von etwa 2 bis 2,5 % der Bevölkerung auch in ihrer gesprochenen Form beherrscht, und war wesentlich in den gebildeten Kreisen des privilegierten BĂŒrgertums verbreitet. Die Mehrheit der Bevölkerung bediente sich verschiedener Dialekte, die sich von der Schriftsprache mehr oder weniger stark unterschieden. Im Übrigen waren von den damals etwa 25 Millionen Italienern zwischen 74 und 78 % Analphabeten.

Zur Herausbildung einer nationalen IdentitĂ€t wurde allerdings vor allem von den liberalkonservativen Kreisen (der historischen Rechten), die bedingt durch das eingeschrĂ€nkte Zensuswahlrecht zwischen 1861 und 1876 die parlamentarische Mehrheit bildeten, eine gemeinsame Sprache aller Staatsangehörigen als Voraussetzung erachtet. Nach diesen Vorstellungen sollte die italienische Sprache auf Grundlage der seit dem 16. Jahrhundert in der florentinischen Accademia della Crusca entwickelten Einheitssprache nicht nur Amts-, sondern auch Volkssprache sein. Charakteristisch fĂŒr einen solchen Anspruch war der programmatisch-pathetische Ausruf des konservativen Politikers Massimo D'Azeglio bei der ersten Sitzung des gesamtitalienischen Parlaments:

„Wir haben Italien geschaffen, jetzt mĂŒssen wir Italiener schaffen!“ (zitiert nach: Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, Bonn 2005; S. 58)

Italienisch war im Grunde eine Bildungssprache, die sich wie alle romanischen Sprachen aus dem Lateinischen entwickelt hatte und das erste Mal von Dante Alighieri zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Volgare Illustre in der Literatur zum Ausdruck gebracht wurde. In spĂ€teren Jahrhunderten wurde sie von anderen Literaten weiter entwickelt und bildete sich in Florenz, der Hauptstadt der Toskana, besonders stark aus. Bei den Dichtern des Risorgimento, vor allem bei Antonio Cesari, einem Vertreter des literarischen Purismo (frei ĂŒbersetzt: ... der literarischen Reinheit), nahmen Alighieri und dessen SchĂŒler Giovanni Boccaccio historisch hergeleitete, unter nationalistischen Gesichtspunkten identitĂ€tsstiftende Funktionen ein.

Alessandro Manzoni (1785–1873)

Andere, die in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts von der wesentlich aus dem deutschen Sprachraum ausgehenden Kulturepoche der Romantik geprĂ€gt waren, setzten sich dafĂŒr ein, eine gemeinsame italienische Sprache im Volk zu verbreiten, wobei die Perspektive des Volkes die entscheidende Grundlage der Dichtung und Publizistik bilden sollte. FĂŒr die italienische Literatur des 19. Jahrhunderts, der im nationalen Einigungsprozess zumal auf der sprachlich-kulturellen Ebene eine wichtige Rolle bei der italienischen IdentitĂ€tsbildung zukam, war zunĂ€chst der Lyriker Giacomo Leopardi bedeutsam, der in den 1820er Jahren mit seinen Gedichten einen italienischen Patriotismus mit verbreitete. Noch grĂ¶ĂŸere Wirkung in diesem Zusammenhang erzielte der Romancier Alessandro Manzoni mit seinem 1826 erschienen historischen Roman „I Promessi Sposi“ (Die Verlobten). Manzoni war es auch, der viele weitere Schriftsteller und Dichter in den folgenden Jahrzehnten inspirierte.

Giuseppe Verdi (1813–1901) - GemĂ€lde von Giovanni Boldini, 1886

Auf dem Gebiet der Musik spielte der Komponist Giuseppe Verdi mit seinen am episch-romantischen Stil des französischen Schriftstellers Victor Hugo orientierten berĂŒhmten Opern eine kaum weniger prĂ€gnante Rolle bei der Stiftung eines italienischen Nationalbewusstseins. FĂŒr viele Italiener - und nicht nur Italiener - gilt Verdi als der KĂŒnstler des Risorgimento schlechthin.

Gleichwohl blieb die Entwicklung einer einheitlichen, von allen italienischen StaatsbĂŒrgern gesprochenen und verstandenen Sprache ein bis ins 20. Jahrhundert hinein bestehendes kultur- und bildungspolitisches Grundproblem, das erst durch die Verbreitung der Massenmedien verringert wurde.

Siehe auch

Literatur

  • Ricarda Huch: Menschen und Schicksale aus dem Risorgimento. Insel, Leipzig 1908, 1918, 1978.
  • Eugen Lemberg: Geschichte des Nationalismus in Europa. Schwab, Stuttgart 1950.
  • Rudolf Lill: Geschichte Italiens in der Neuzeit. Wiss. Buchges., Darmstadt 1998. ISBN 3-534-80014-1
  • Wolfgang Altgeld: Das politische Italienbild der Deutschen zwischen AufklĂ€rung und Revolutionen von 1848. Niemeyer, TĂŒbingen 1984. ISBN 3-484-82059-4
  • Wolfgang Altgeld (Hrsg.): Kleine italienische Geschichte. Reclam, Stuttgart 2001. ISBN 3-15-017036-2
  • Volker Reinhardt: Geschichte Italiens von der SpĂ€tantike bis zur Gegenwart. C. H. Beck, MĂŒnchen 2003. ISBN 3-406-50284-9
  • Anne Bruch: Italien auf dem Weg zum Nationalstaat - Giuseppe Ferraris Vorstellungen einer föderal-demokratischen Ordnung. BeitrĂ€ge zur deutschen und europĂ€ischen Geschichte. Bd 33. Reinhold KrĂ€mer, Hamburg 2005. ISBN 3-89622-077-2
  • Marco Meriggi: Soziale Klassen, Institutionen und Nationalisierung im liberalen Italien. In: Geschichte und Gesellschaft. Göttingen 2000,2, S.201-218. ISSN 0340-613X
  • Gerhard Feldbauer: Geschichte Italiens - Vom Risorgimento bis heute. PapyRossa, Köln 2008. ISBN 978-3-89438-386-2
  • Gustav Seibt: Rom oder Tod. Der Kampf um die italienische Hauptstadt, Berlin 2001, ISBN 3-88680-726-6

Rezeption

Weblinks

 Commons: Risorgimento â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Dieser Artikel wurde am 16. September 2006 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen.

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