Ritter

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Ritter
Idealbilder hochmittelalterlicher Ritter: Hartmann von Aue

 und Ulrich von Lichtenstein (Codex Manesse, um 1340)

Ritter (mittelhochdeutsch: Reiter, lat. eques, franz. chevalier, engl. knight, ital. cavaliere, span. caballero, poln. rycerz, slaw. vitez, vityaz, ungar. vitĂ©z) ist die Bezeichnung fĂŒr die wehrhaften, schwer gerĂŒsteten, berittenen Krieger des europĂ€ischen Mittelalters.

Ab dem 11. Jahrhundert etablierten sich neben adligen Grundherren auch unfreie Hofbeamte (Ministerialen) als Ritter. Sie gingen im 13. und 14. Jahrhundert im niederen Adel auf und wurden zum Kern des Ritterstandes. Im Hochmittelalter schufen sich daneben auch die Ministerialengeschlechter selber oder sogar Klöster eigene Gefolgschaften, die sich als Ritter bezeichneten. Die meisten dieser Untervasallen (sog. niedere Ministerialen) konnten sich jedoch aus wirtschaftlichen GrĂŒnden nicht auf die Dauer im Adelstand etablieren. Zahlreiche BurgstĂ€lle im Umkreis von Burgen oder Ruinen zeugen bis heute von ihrer Existenz.

Im spĂ€teren Mittelalter war die „RitterbĂŒrtigkeit“, also die Abstammung von adligen, ritterlichen Vorfahren meist Voraussetzung fĂŒr die Aufnahme in den Ritterstand. In einem feierlichen Akt, ursprĂŒnglich der Schwertleite, spĂ€ter dem Ritterschlag, wurde man vom Herrscher oder einem anderen Adligen zum Ritter erhoben, vorausgesetzt man brachte die erforderlichen Merkmale und QualitĂ€ten mit. Ab dem 13. Jahrhundert bildeten Ritter einen erblichen Stand. MilitĂ€risch gesehen handelte es sich nicht um Kavallerie, obwohl die Bezeichnung Ritter von ursprĂŒnglich Reiter herzuleiten ist. Ritter waren EinzelkĂ€mpfer, die Ritterschlacht war eine Ansammlung von gleichzeitigen EinzelkĂ€mpfen. Kavallerie hingegen besteht aus Reitern, die im taktischen Verband zusammen und gefĂŒhrt kĂ€mpfen. Die Anerkennung als Ritter durch Eintrag (Immatrikulation) in entsprechende Adelsregister konnte teilweise noch bis in das frĂŒhe zwanzigste Jahrhundert hinein entscheidend dafĂŒr sein, ob ein Recht auf Sitz und Stimme im Landtag bestand, so etwa im Baltikum.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Die meisten Adligen des Mittelalters waren keine Ritter. Aus finanziellen und familiĂ€ren GrĂŒnden zogen es viele vor, Zeit ihres Lebens Edelknechte (lat. Armigeri, „SchildtrĂ€ger“), und damit ritterbĂŒrtige und waffentragende Krieger zu bleiben. Auch bei Hochadligen war die RitterwĂŒrde keineswegs selbstverstĂ€ndlich. Manchmal wurde sie gegen Zahlung einer erheblichen Summe erkauft.

Reiterharnisch Kaiser Maximilians I. († 1519)

Besonders bei Turnieren wurde streng zwischen Rittern und Edelknechten unterschieden. So durften Ritter beispielsweise mit drei Pferden auf dem Turnierplatz erscheinen, Knechten wurden nur zwei zugestanden. Vor großen Schlachten versuchten viele Feudalherren die Kampfmoral Ihrer Truppen zu stĂ€rken, indem man diese Edelknechte in großer Anzahl in den Ritterstand aufnahm. So soll der polnische König WƂadysƂaw II. JagieƂƂo unmittelbar vor der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg die RitterwĂŒrde an tausend seiner „Szlachtschitzen“ verliehen haben. Diese „Promotionen“ kamen natĂŒrlich auch nach der Schlacht vor.

Gelegentlich wurden sogar tapfere nichtadlige Kriegsknechte zu Rittern geschlagen oder mit dem Schwert umgĂŒrtet. Diese Standeserhöhungen waren aber meist nur symbolischer Natur, vergleichbar mit heutigen Ordensverleihungen, denn den so ausgezeichneten Knechten fehlten meist die nötigen finanziellen Mittel, um die RitterwĂŒrde dauerhaft anzunehmen. Einige besonders tapfere KĂ€mpfer wurden sogar mehrere Male zum Ritter geschlagen, blieben aber weiterhin Edelknechte.

Historische, regionale und politische UrsprĂŒnge

Die Bezeichnung „Ritter“, abgeleitet von germ. ridare (= reiten) bzw. ital. cavaliere, franz. chevalier hergeleitet von spĂ€tlateinisch caballus (= Pferd), verweist auf den Ursprung des Rittertums aus der in SpĂ€tantike und FrĂŒhmittelalter entstandenen Panzerreiterei. Regional liegen die UrsprĂŒnge des mittelalterlichen Rittertums im heutigen Frankreich, das „frĂ€nkische (französische)“ Rittertum wurde dann ĂŒber das niederlĂ€ndisch-lothringische Sprachgebiet nach Osten weitervermittelt. „Ritter“ ist deshalb nach der Ansicht einiger Historiker (etwa Reitzenstein) ein Lehnwort aus dem NiederlĂ€ndischen beziehungsweise dessen niederdeutschen VorgĂ€ngerdialekten (Ridder). Von Deutschland aus breitete sich die Ritterkultur bis weit nach Osteuropa aus, besonders Böhmen entwickelte eine spĂ€te, aber umso eindrucksvollere AusprĂ€gung. Noch heute ist Böhmen das Gebiet mit der höchsten Burgendichte Europas. Die politische Grundlage des europĂ€ischen Rittertums war der Feudalismus. „Rittertum und Feudalismus gehören in ihrer Geschichte unlösbar zusammen“ (Josef Fleckenstein). In einer anderen Gesellschaftsform hĂ€tte sich das Rittertum in seinem historischen Erscheinungsbild nicht ausprĂ€gen können, beruht es doch auf der gesellschaftlichen Heraushebung des Kriegers (auch des „Beamten“) aus der Volksmasse. Hier lassen sich deutliche Parallelen zur Herausbildung adliger Kriegerkasten in anderen Kulturkreisen erkennen, z. B. der Samurai in Japan. Einen ebenfalls gesellschaftlich herausgehobenen Reiterstand außerhalb des hier behandelten mittelalterlichen Rittertums stellten die römischen Equites dar.

Geschichtliche Entwicklung

FrÀnkische Panzerreiter mit Drachenstandarte, abgebildet im Goldenen Psalter von St. Gallen, 9. Jhd.
Normannische Kavallerie auf dem Teppich von Bayeux, um 1070

Gepanzerte und mit Lanzen und Langschwertern bewaffnete Reiter waren bereits bei den Parthern und Sarmaten so erfolgreich, dass im römischen Reich der SpĂ€tantike ebenfalls solche Kataphrakte eingesetzt wurden. Über den Föderatenstatus wurde auch bei Ostgoten und Alanen diese Waffengattung eine StĂŒtze der KriegsfĂŒhrung.

Die UrsprĂŒnge des mittelalterlichen Rittertums gehen bis in das 8. Jahrhundert zurĂŒck. Nachdem die Mauren innerhalb von knapp drei Jahren den grĂ¶ĂŸten Teil Spaniens erobert hatten und sich anschickten, die PyrenĂ€en zu ĂŒberqueren, sah sich das frĂ€nkische Reich einer akuten GefĂ€hrdung ausgesetzt. Die berittenen arabischen KĂ€mpfer waren viel beweglicher als die schwerfĂ€llige frĂ€nkische Infanterie und stellten eine echte Gefahr dar. Die Erfindung des SteigbĂŒgels im Osten gab den Reitern einen taktischen Vorteil und verlieh ihnen Sicherheit im Sattel. Durch die Übernahme des SteigbĂŒgels wurde das Reiten erleichtert und konnte sich in Europa als Fortbewegungsmöglichkeit etablieren.

Um der von den Mauren ausgehenden Gefahr zu begegnen, baute der frĂ€nkische Hausmeier Karl Martell eine neue Truppengattung auf: Die frĂ€nkischen Panzerreiter, die als VorlĂ€ufer der spĂ€teren Ritter gelten. Im Jahr 732 konnten die Franken in der zweitĂ€gigen Schlacht von Tours und Poitiers die moslemischen Araber besiegen. Auch bei der anschließenden Reconquista, der RĂŒckeroberung der spanischen Halbinsel durch die Christen, kam der leichten iberischen Form von Panzerreitern, den Jineten, eine wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle zu.

Im Frankenreich der Merowinger und Karolinger wurde der Panzerreiter mehr und mehr zum TrĂ€ger der Stoßkraft in kriegerischen Aufgeboten, obgleich Fußvolk und leichte Reiterei weiterhin die Masse der MilitĂ€rmacht stellten.

Als im 9. Jahrhundert die Wikinger Westeuropa heimsuchten, kam vorrangig den Panzerreitern die Aufgabe zu, die Eindringlinge abzuwehren. Die Wikinger kamen mit Booten auf den FlĂŒssen ins Landesinnere, errichteten Heerlager und starteten von den Lagern aus Reiterangriffe. Den Panzerreitern gelang es hĂ€ufig, den Feind ĂŒberraschend zu stellen und zu vernichten.

Ende des 9. Jahrhunderts begannen die Angriffe der ungarischen Reiterkrieger auf Mittel- und Westeuropa (UngarneinfĂ€lle). Im OstfrĂ€nkischen Reich konnte das alte Volksheer den angreifenden BogenschĂŒtzen auf ihren schnellen, wendigen Pferden keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzen. Daher beschlossen die Großen des Reiches unter König Heinrich I. auf dem Reichstag in Worms (927) die Anlage großer Landesburgen (UngarnwĂ€lle) und den Aufbau einer Elitetruppe aus Panzerreitern nach karolingischem Vorbild. Gegen hohe Tributzahlungen wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt. Diese Zeit nutzte man zum Burgenbau und zum Aufbau der Reitertruppe. 933 wurden die Tributzahlungen vorzeitig eingestellt, was natĂŒrlich neue Angriffe auf ostfrĂ€nkisches Gebiet zur Folge hatte. Die ostfrĂ€nkischen Truppen stellten sich den Magyaren an der Werra und der Unstrut in ThĂŒringen entgegen und schlugen sie in die Flucht. Die Panzerreiterei hatte ihre große BewĂ€hrungsprobe bestanden.

Der erhebliche materielle Aufwand, den der einzelne Freie fĂŒr den Kriegsdienst zu leisten hatte, fĂŒhrte bereits in karolingischer Zeit dazu, dass nur solche Freien, die mehr als 9 Hofstellen besaßen, voll „wehrpflichtig“ waren; Ă€rmere mussten (nach einem detaillierten SchlĂŒssel) zu mehreren gemeinsam einen KĂ€mpfer aus den eigenen Reihen entsenden und seinen Kriegsdienst finanzieren. Dazu gehörten nicht nur AusrĂŒstung und Bewaffnung, auch fĂŒr den Lebensunterhalt wĂ€hrend des Feldzuges musste der „Wehrpflichtige“ sorgen.

Noch höher war naturgemĂ€ĂŸ der Aufwand fĂŒr den Panzerreiter. Ein schweres und besonders ausgebildetes Kriegspferd (der dextrier) und ein teurer Panzer wurden benötigt, vielfach auch noch Knechte als Begleitpersonal. Entsprechend kamen als Panzerreiter nur Reiche – aus eigenem Besitz (Allod) oder aus königlichen oder hochadligen Lehen − in Betracht. Manchmal wurden hierzu auch LĂ€ndereien der von den Ungarn zerstörten Klöster eingezogen und an die Vasallen verteilt.

Allerdings waren es zu Beginn der Ritterzeit hĂ€ufig gerade Unfreie (Ministerialen, dazu zĂ€hlten im Mittelalter z. B. auch ein Gutsleiter oder ein Burgvogt), die von ihren Herren gerne als Ritter verwendet wurden. Sie wurden „Dienstmannen“ genannt und waren anfangs noch von den freien Rittern getrennt. SpĂ€ter hoben sich die Unterschiede auf. Unfreie fanden sich unter den neuen Rittern sehr viel öfter als Mitglieder alter Adelsfamilien. Daraus resultierte ein regelrechter sozialer Schub, der erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts ein Ende fand, als Kaiser Barbarossa verbot, Söhne von Priestern und Bauern noch in den Ritterstand zu erheben[1].

Durch diese Aufgabenteilung entstand eine „Kriegerkaste“ − das germanische Volksheer der Völkerwanderungszeit blieb nur noch in Resten erhalten und der mittelalterliche Adel bildete sich heraus.

Vom rĂŒcksichtslosen Haudegen zum christlichen Kavalier

Symbol stÀdtischer Freiheit und EigenstÀndigkeit: Der ritterliche Volksheld Roland (Bremen)

Die frĂŒhen Ritter fĂŒhrten aus Habgier oder Langeweile oft private Fehden und Kleinkriege, unter denen in erster Linie die Bevölkerung zu leiden hatte. Sie waren kĂ€mpferisch geschult und rĂŒcksichtslos im Sozialverhalten, was zusammen eine brisante Mischung darstellte. Also bildeten sich verschiedene Interessengruppen heraus, die versuchten, dem entgegenzuwirken. Eine der mĂ€chtigsten dieser Gruppen war die Kirche, die damals eine Reihe von Reformen einfĂŒhrte.

Zu diesen Reformen gehörte auch die sogenannte Gottesfriedensbewegung, die sich wĂ€hrend des 10. Jahrhunderts von Cluny aus formierte. Die Geistlichkeit sicherte sich dazu die UnterstĂŒtzung des hohen Adels, der ebenfalls die zunehmenden ritterlichen Übergriffe mit wachsendem Unmut beobachtete. So gestĂ€rkt fĂŒhrte die Kirche, die in diesem Zusammenhang erstmals auch als weltlicher Gesetzgeber auftrat, eine Reihe von Schutzregeln ein, die jeder Christ einhalten musste, wollte er nicht riskieren, nach seinem Tod ewig in der Hölle zu schmoren. Die Gottesfriedensbewegung bildete so die Grundlage fĂŒr eine Umerziehung der Ritter: weg von der HaudegenmentalitĂ€t, hin zum BeschĂŒtzen von Armen und Schwachen.[2]

Zur BlĂŒtezeit des Rittertums erforderte die Aufnahme in den Ritterstand eine vieljĂ€hrige Vorbereitung. Der zukĂŒnftige Ritter blieb bis zum siebenten Lebensjahr unter der Obhut der Mutter, die fĂŒr seine christliche Erziehung sorgte. Dann begann die Ausbildung zum Ritter, indem der Knabe an den Hof eines FĂŒrsten oder auch zu einem Ritter gesandt wurde, dem er als Edelknabe (Bube) diente. Auch sollte er die feinen höfischen Sitten möglichst in unmittelbarer NĂ€he einer Edelfrau lernen. Zugleich wurde er von Geistlichen, altbewĂ€hrten Knappen und fahrenden SĂ€ngern in den Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet, welche die höhere Bildung der damaligen Zeit ausmachten. Von großem Umfang war diese Bildung allerdings nicht, sie bezog sich hauptsĂ€chlich auf die Kenntnis der biblischen Geschichte und die Sagen und Begebenheiten der Vorzeit, hinzu kamen Musik, Gesang und Saitenspiel. Schreiben und Lesen waren keine allgemein verbreiteten Fertigkeiten.

Eine Hauptaufgabe der Edelknaben lag darin, ihre körperliche Kraft und Gewandtheit auszubilden. Sie ĂŒbten sich tĂ€glich im Laufen und Springen, lernten Reiten und Schwimmen, schossen mit der Armbrust, warfen „den schweren Stein“ und ĂŒbten sich im Gebrauch von Schild, Schwert und Lanze. Mit vierzehn wurde der Edelknabe zum Knappen erhoben und nach erfolgreich bestandener Knappschaft in der Regel mit 21 zum Ritter „befördert“ (zunĂ€chst per Schwertleite, spĂ€ter per Ritterschlag).

Ritter in der höfischen Literatur des hohen Mittelalters

Der Ritter gehörte im hohen Mittelalter zu den zentralen Figuren der höfischen Literatur. Die Autoren vermittelten in ihren Werken ein Ideal ritterlichen Verhaltens, dem sich die Gesellschaft annÀhern sollte.

Entstehung des Ritterideals - Kulturelle EinflĂŒsse aus dem Frankenreich

Im Zentrum des Ideals standen feste geschlechtsspezifische Konzepte ĂŒber die Rolle von Mann und Frau im privaten und gesellschaftlichen Bereich. Unterschiedliche moralische Vorstellungen trafen hier aufeinander. Die klassische christliche Tugendlehre wurde beibehalten, aber es kamen neue Werte hinzu. Die frĂ€nkischen Höfe ĂŒbten im hohen Mittelalter einen großen Einfluss auf die fĂŒhrenden StĂ€nde in ihren NachbarlĂ€ndern aus. Auch an den deutschen Höfen ĂŒbernahm man viele gesellschaftliche Konventionen und Verhaltensweisen. Am deutlichsten zeigt sich der soziale Wandel am deutschen Rittertum. Die Literatur des hohen Mittelalters liefert der heutigen Forschung wichtige Hinweise ĂŒber das reale Leben der Ritter am Hofe. Parallelen zwischen frĂ€nkischer und deutscher Kultur sind bereits auf der Begriffsebene erkennbar. Beispielsweise hat man festgestellt, dass das mittelhochdeutsche Wort ritter und das französische chevalier auf einen gemeinsamen Ursprung zurĂŒckgehen. Das Wort ritter oder auch rĂźter entspricht dem lateinischen miles und bezeichnete schwer bewaffneter Reiterkrieger und Soldaten. Der Dienstgedanke, wie man ihn spĂ€ter beim Minnedienst findet, ist hier bereits angelegt; militare bedeutet nĂ€mlich soviel, wie Kriegsdienst tun oder schlicht dienen[3]. Es gehörte zu den Pflichten eines Ritters am Hofe nach der Gunst einer Dame zu streben. Die höfischen Damen kamen dem Wunsch nach Erhörung und Minne jedoch in der Regel nicht nach. Das Umwerben der Frau wurde mit einem mĂŒhsamen Dienst gleichgesetzt.

Der Ritterbegriff in der deutschsprachigen Literatur

Aus den ĂŒberlieferten Zeugnissen weiß man, dass der deutsche Begriff ritter seit dem 11. Jahrhundert gebraucht wurde. Ebenso geht man davon aus, dass das Wort durch die höfische Epik einen Bedeutungswandel erfahren hat. Es wurde aus der militĂ€rischen SphĂ€re auf das Leben zu Hofe ĂŒbertragen und reprĂ€sentierte ein hier neues Gesellschaftsideal. Damit grenzte man sich entschieden von der Vorstellung des berittenen Kriegers ab, der zuvor noch synonym zum Ritter verwendet wurde[4].

Der erste Schritt zur AnnĂ€herung an das Ideal, den ein Angehöriger des Hofes erfĂŒllen musste, war die intensive BeschĂ€ftigung mit Literatur. Im JĂŒngeren Titurel Wolfram von Eschenbachs findet sich eine Textstelle, die dies verdeutlicht: „swer ritterlich geverte sol ritterlichen triben [
] der sol daz nimmer gerne lan beliben, ern hoere da von lesen, sagen, singen“. (neuhochdeutsch: wer Ritterschaft auf ritterliche Weise ĂŒben will [
] der sollte nie davon ablassen zuzuhören, wenn davon vorgelesen, gesprochen und gesungen wird, vgl. JĂŒngerer Titurel 2958,1f)[5].

Der Begriff ritter war jedoch nicht ausschließlich an die MĂ€nnerwelt gebunden. Dies zeigt sich in der Verwendung des Adjektivs ritterlich. Es bedeutete soviel, wie stattlich, schön oder prĂ€chtig und diente mitunter auch der Beschreibung höfischer Damen. Im Gedicht König Rother ist beispielsweise von den ritterlichen GewĂ€ndern der Hofdamen die Rede (mittelhochdeutsch: si trogin ritarlich gewant, vgl. König Rother, v. 1824). An anderer Stelle heißt es, die Damen am Hofe seien gut gewachsen und schlank und ganz ritterlich (mittelhochdeutsch: wol gewassen unde smal und rĂźterlich ubir al, vgl. Straßburger Alexander, v. 6047f). Sowohl beim König Rother, als auch beim Straßburger Alexander handelt es sich um SchriftstĂŒcke unbekannter Autoren, die vermutlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden sind. Der Straßburger Alexander ist die Überarbeitung vom Alexanderlied des Pfaffen Lamprechts[6].

Der Tugendadel

Auf der Grundlage des höfischen Gesellschaftsideals entwickelte sich der so genannte Tugendadel. Es handelte sich um eine neue Kategorie, die besonders vornehmes und sittengerechtes Verhalten auszeichnete und von den Dichtern benutzt wurde, um den bestehenden Ritterstand zu kritisieren. Ein wahrer Ritter musste demnach nicht von seiner gesellschaftlichen Position her adelig sein. Es genĂŒgte, wenn seine moralische Gesinnung edel und rein war. So heißt es beim Spruchdichter Bruder Wernher: „ein armer der ist wol geborn, der rehte vuore in tugenden hĂąt; sĂŽ ist ein ungeslahte gar, swie rĂźche er sĂź, der schanden bĂź gestĂąt“ (neuhochdeutsch: Ein Armer, der den richtigen Weg der Tugend geht, ist vornehm, wĂ€hrend ein Reicher, der sich der Schande zugesellt, aus ganz niedrigem Geschlecht ist, vgl. Bruder Wernher, Nr. 22)[7].

Die Vorstellung, dass wahrer Adel nur durch die rechte Gesinnung eines Menschen und nicht durch Geburt erworben werden kann, wurde in der höfischen Literatur jedoch nur selten thematisiert. Der ideale Ritter besaß meist beides – Adel von Geburt und Adel des GemĂŒts.

EinflĂŒsse auf die Autoren

Die Autoren konnten nur eingeschrĂ€nkt Kritik an den gesellschaftlichen ZustĂ€nden der Höfe ĂŒben. Das liegt daran, dass viele von ihnen vom höfischen Publikum und der finanziellen Zuwendung ihrer MĂ€zene abhĂ€ngig waren. Entweder waren sie direkt an den Höfen angestellt oder sie verdienten sich ihren Lebensunterhalt als fahrende Berufsdichter. Die meisten Autoren sind mit Mahnungen daher sehr vorsichtig umgegangen. Eine beliebte Methode, Kritik und Lehre dennoch unverhĂŒllt darzustellen, war die Verlagerung der Geschichte vom Höfischen ins lĂ€ndliche Milieu. Dabei distanzierten sich die Zuschauer einerseits vom Geschehen, ĂŒbersahen aber andererseits nicht seinen moralischen Gehalt.

Ausstrahlung bis ins 20. Jahrhundert

Ritterturnier in MĂŒnchen, 1500

Seit dem SpĂ€tmittelalter prĂ€gte das Rittertum nicht nur den eigentlichen Ritterstand, sondern auch die Lebensweise des gesamten christlich-europĂ€ischen Adels. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist bis heute die Ritterlichkeit. Ein wichtiger Ausdruck ritterlicher Lebensweise war das Turnier, das sich seit dem 12. Jahrhundert beim Adel großer Beliebtheit erfreute. Es diente nicht nur der Unterhaltung, sondern war auch Übung fĂŒr kriegerische Auseinandersetzungen.

TatsĂ€chlich glichen mittelalterliche Schlachten, die nach ritterlichem Kodex ausgetragen wurden, manchmal eher großen Turnieren und forderten vergleichsweise wenig Todesopfer. Die ritterlich kĂ€mpfenden Adligen waren nicht selten darauf bedacht, ihre Gegner gefangenzunehmen, um sie gegen ein Lösegeld wieder in die Freiheit zu entlassen.

Mit dem Aufkommen von Feuerwaffen und schwerer Infanterie verlor die vom Rittertum geprĂ€gte Kampfweise ihre Bedeutung. Dennoch hielt die Kavallerie der frĂŒhen Neuzeit an den alten Idealen noch fest, als sie schon lange Feuerwaffen benutzte. Selbst die ersten Kampfpiloten des Ersten Weltkriegs, bei denen es sich zumeist um ehemalige Kavalleristen handelte, griffen in ihren auf Fairness und Ehrenhaftigkeit bedachten ZweikĂ€mpfen am Himmel noch auf ritterliche Vorstellungen zurĂŒck.

MilitÀrischer Niedergang

SpĂ€tmittelalterlich-frĂŒhneuzeitliche RĂŒstungen im Grazer Zeughaus
„Gotischer Plattenharnisch“, um 1490

Es war nicht, wie oft fĂ€lschlich angenommen wird, die Erfindung des Schießpulvers, die das Ende der militĂ€rischen Bedeutung der Panzerreiter eingeleitet hat, sondern die Etablierung gut organisierter Fußtruppen. Die Schlacht von Kortrijk/Courtrai 1302 stellt einen diesbezĂŒglichen Wendepunkt dar: Flandrische Fußsoldaten haben das siegessichere französische Ritterheer vernichtet und ihnen die goldenen Sporen geraubt, weshalb die Auseinandersetzung auch als Schlacht der goldenen Sporen bezeichnet wird. Bei diesem Waffengang haben allerdings noch Landschaft und Witterung die Fußkrieger begĂŒnstigt. Als eine der letzten, nach den „alten Regeln“ gefochtene „richtige Ritterschlacht“ gilt die Schlacht bei MĂŒhldorf/Ampfing 1322.

1386 bei Sempach besiegten Schweizer Bauern die abgesessene österreichische Ritterelite – nach mehreren AnlĂ€ufen – im Frontalangriff von einem HĂŒgel herunter. Die Eidgenossen mit ihren Spießen und Hellebarden sollten in weiterer Folge zu den erbittertsten Gegnern der Ritter werden. Im Kampf gegen Ritter zu Pferde auf freiem Feld waren sie noch unterlegen – das sollte sich Ă€ndern, als sie die Piken verlĂ€ngerten (Schweizer Langspieß) und die Taktik perfektionierten.

Bei Grandson, Murten und Nancy 1476/77 besiegten sie mit Burgund jene Macht, die als Inbegriff des Rittertums galt. Bereits wĂ€hrend des HundertjĂ€hrigen Krieges hatte sich die Verwundbarkeit der alten Ritterheere durch BogenschĂŒtzen und eine geschickte Taktik, die auch die WetterverhĂ€ltnisse mit einbezog, erwiesen (Azincourt, CrĂ©cy). Damit war der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Schlachtfeld zugunsten der „modernen Infanterie“ (Pikeniere) und leichten Reiterei entschieden.

Die schwere Reiterei passte sich den im 14. Jahrhundert aufkommenden Feuerwaffen durch immer noch massivere RĂŒstungen an, mit denen sie auch ihre Schlachtrösser schĂŒtzte. Als bezahlten Söldnern (Lanzierere) kam den schweren Reitern noch im 16. Jahrhundert eine wichtige taktische Aufgabe zu. Durch die rasche Weiterentwicklung der Waffentechnik erwiesen sich die Panzerreiter aber bald als zu unbeweglich, besonders durch die aufwendigen Rosspanzer. Manchmal wurden sie von den Fußsoldaten einfach mit den Spießen vom Pferd gezogen und gefangengenommen oder getötet.

Auch veraltete die AusrĂŒstung vieler Ă€rmerer Ritter. Ein auf Maß gearbeiteter Harnisch ermöglichte eine ĂŒberraschende Beweglichkeit und guten Schutz. Viele KĂ€mpfer trugen jedoch Kompositharnische, also zusammengestellte Panzerungen verschiedenster QualitĂ€t und Herkunft. Diese RĂŒstungen waren oft von den Vorfahren ererbt, saßen also nicht optimal. Die Kavallerie der frĂŒhen Neuzeit begnĂŒgte sich darum (und aus KostengrĂŒnden) mit dem Halbharnisch, der spĂ€ter auf das Anlegen eines KĂŒrasses reduziert wurde.

Wirtschaftlicher Abstieg und Neuanfang

OriginalrĂŒstung Götz von Berlichingens († 1562). Museum Burg Hornberg
Der Sitz eines Reichsritters: Das Renaissanceschloss der Herren von Rotenhan in Eyrichshof (Ufr.)

Der wirtschaftliche Niedergang der Ritterschaft steht auch im Zusammenhang mit der VerdrĂ€ngung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft, was auf militĂ€rische Verpflichtungen bezogen die Ablösung von feudalen Bindungen durch finanzielle Bindungen zur Folge hatte. Die FĂŒrsten und Könige des SpĂ€tmittelalters wollten sich aus der AbhĂ€ngigkeit von ihren Untervasallen lösen, weshalb sie verstĂ€rkt auf Söldnerheere setzten. Dadurch verloren die Ritter stark an Bedeutung, die zuvor die wichtigste StĂŒtze der feudalen Heeresaufgebote waren.

Diese Entwicklung stĂ€rkte die Macht der Könige und Kaiser und schwĂ€chte die Ritter und deren Zusammenhalt. Ein Teil der Ritterschaft verarmte. Um sich selbst noch Bedeutung zu verschaffen und ĂŒberhaupt eine Überlebensgrundlage zu erhalten, gingen einige Ritter zum Raubrittertum ĂŒber, indem sie – auch unter Berufung auf das alte Fehderecht – andere Adlige und benachbarte Ritter bekĂ€mpften und ausraubten. Sogar die Truppen der Landesherrn oder StĂ€dtebĂŒnde mussten hier gelegentlich einschreiten und die Burg eines solchen Adligen besetzen und unter Zwangsverwaltung stellen. Allerdings wird der Begriff des „Raubritters“ von vielen Historikern als „ideologisch belastet“ vermieden. Begriffe wie etwa „RĂ€uber“ oder „Raptores“ sind aber eindeutig historisch belegbar. Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl Götz von Berlichingen, der „Ritter mit der eisernen Hand“, der es sogar zu literarischem Ruhm brachte. Viele Ritter passten sich aber auch den verĂ€nderten Gegebenheiten an, indem sie als hochbezahlte Söldner in eine Lanzierer- oder KĂŒrassier-Einheit eintraten.

Auch gelang es vielen der alten Dienstmannenfamilien, sich endgĂŒltig aus der AbhĂ€ngigkeit von Hochadel, Klöstern und Hochstiften zu lösen. Diese Niederadelsschicht stieg zur Reichsritterschaft auf, die sich zur Wahrung ihrer Rechte im 16. Jahrhundert zu „Ritterorten“ und „Ritterkantonen“ organisierte und nur den Kaiser als Oberherrn anerkannte. In der RealitĂ€t blieben sie jedoch den alten Herren meist als HofrĂ€te oder Minister verbunden und behielten ihre privilegierten Sitze in der Kirche. Von einem allgemeinen Niedergang des Rittertums am Ende des Mittelalters kann daher nicht ernsthaft gesprochen werden. Zwar trat die Funktion als Krieger immer mehr in den Hintergrund, fĂŒr viele Geschlechter eröffneten die neuen VerhĂ€ltnisse aber völlig neue wirtschaftliche Perspektiven. Die Grundlage des neuen Wohlstandes war der ausgedehnte Grundbesitz so mancher Familie, da die alten Lehen meist lĂ€ngst in Eigentum ĂŒbergegangen waren. Die alten Burgen wurden verlassen und es entstanden neue Schlösser im Stil der Renaissance.

Nach der blutigen Niederschlagung der großen Bauern- und BĂŒrgerrevolten des frĂŒhen 16. Jahrhunderts erhielten zahlreiche Adelsfamilien hohe EntschĂ€digungssummen von den beteiligten StĂ€dten und Gemeinden. Auch diese Geldmittel trugen zum wirtschaftlichen Aufstieg solcher Geschlechter bei und wurden oft zur standesgemĂ€ĂŸen Wiederherstellung der alten Burgen oder eben fĂŒr Neubauten verwendet. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches zwischen 1803 und 1806 verlor die Reichsritterschaft allerdings ihre Herrschaftsrechte und Privilegien (vergleiche Reichsdeputationshauptschluss). In einigen Gebieten befinden sich jedoch bis heute umfangreiche LĂ€ndereien im Besitz des Landadels.

Nachklang und „Wiedergeburt“

Eine der grĂ¶ĂŸten Reenactment-Veranstaltungen Europas: Die Schlacht von Grunwald/Tannenberg (Polen)

In den letzten Jahren ist es im Zuge eines wieder erwachten Interesses am Mittelalter zu einer „Renaissance des Rittertums“ gekommen. Neben den beliebten MittelaltermĂ€rkten sowie den Ritterfestspielen zum Beispiel in Kaltenberg gibt es Gruppen, die das Mittelalter in historischen Darstellungen wiederbeleben wollen, und sich dabei oftmals bemĂŒhen, dem Vorbild möglichst gut gerecht zu werden. HĂ€ufig sehen diese Gruppen ihre praktische TĂ€tigkeit als bedeutende ErgĂ€nzung zur als zu theoretisch empfundenen Forschung von Historikern. Gelegentlich werden diese Gruppen auch von Museen angeworben, um die LebensumstĂ€nde vergangener Zeiten anschaulicher zu machen und so das Interesse der Besucher zu wecken. Verschiedene Gruppen beschĂ€ftigen sich mit der Rekonstruktion historischer Kampfformen der Ritter, unter anderem mit der Deutschen Fechtschule.

Ritter in den Medien

Seit der Mitte des 20 Jh. sind Ritter und die damit verbundenen Vorstellungen in den Medien zahlreich vertreten. Besonders historische Romane, Fantasy- und Historienfilme nehmen sehr oft die (abgewandelte) Figur des Ritters als Protagonisten. Auch gibt es neuerdings zahlreiche populĂ€rwissenschaftliche Dokumentationen, die sich um eine allgemein verstĂ€ndliche Darstellung des historischen Ritters bemĂŒhen. WĂ€hrend Romane, Filme und Fantasy-Darstellungen in der Regel keinen Anspruch auf historische AuthentizitĂ€t erheben, existieren bis heute viele Mythen und MissverstĂ€ndnisse, die sogar in populĂ€rwissenschaftliche Dokumentationen Eingang fanden und deren QualitĂ€t spĂŒrbar mindern. Zwar schwankt die Darstellung der Ritter in Printmedien sehr (die Palette reicht von akribischer Recherche bis hin zu pseudowissenschaftlichen Behauptungen), jedoch gibt es nach wie vor populĂ€re Vorstellungen vom Ritter des europĂ€ischen Mittelalters, die keine historische Grundlage besitzen und dennoch gelegentlich sogar in wissenschaftlichen Abhandlungen auftauchen.

Zu der bekanntentesten massenmedialen Mythen zĂ€hlt die Behauptung, dass der mittelalterliche Ritter eine Art „dumpfer DraufgĂ€nger“ war, der ausschließlich durch brutale Kraft seine Gegner bezwang.[8] Dieses Bild entstand nicht zuletzt durch die historischen Romane von Walter Scott wie „Ivanhoe“ und „Der Talisman oder Richard Löwenherz in PalĂ€stina“, wo etwa Richard I. von England ein riesiges zweihĂ€ndiges Schwert nur durch rohe Körperkraft bedienen konnte. Obwohl diese Darstellung zum grĂ¶ĂŸten Teil ein Fantasieprodukt Scotts war, wurde sie von den Lesern des 19. Jahrhunderts bald als authentisch akzeptiert, beeinflusst von Meinungen der Degenfechter des 18. und 19. Jahrhunderts, welche dem aufgeklĂ€rten Zeitgeist gemĂ€ĂŸ die breiten Schwerter des Mittelalters (im Kontrast zu leichten zeitgenössischen Fechtdegen) als schwer und unhandlich darstellten[9]. Die Vorstellung vom Ritter als „primitivem Kraftprotz“ entbehrt jedoch historischer Belege[10]. Die meisten Menschen des Mittelalters von „edler Geburt“ hatten im Idealfall eine solide Ausbildung in den sieben freien KĂŒnsten. So kann der typische Ritter des 12. bis 14. Jahrhunderts eher mit dem modernen Offizier verglichen werden, der fĂŒr seinen Beruf eine entsprechende Bildung aufweisen musste, die nur mit einem gewissen Grad an Intelligenz zu erreichen war.

Oft werden, besonders in populĂ€rwissenschaftlichen Dokumentationen - zum Beispiel angeboten von Discovery Channel und History Channel - sowie zahlreichen Filmen die RĂŒstungen der europĂ€ischen Berufskrieger unzutreffend dargestellt. Am hĂ€ufigsten sind Anachronismen, z. B. Plattenpanzer im FrĂŒh- oder Hochmittelalter. Ritter des Hochmittelalters werden hĂ€ufig in gotischer PlattenrĂŒstung, bewaffnet mit einem Normannenschild und Großschwert vom Typ XIIIa dargestellt, was historisch gesehen völliger Unsinn ist. Vielfach werden sogar Fantasy-RĂŒstungen als mittelalterlich ausgegeben. Die „klassische Ritterzeit“ begann im 12. Jahrhundert und endete im 14. bis 15. Jahrhundert mit dem militĂ€rischen Niedergang, so dass aus historischer Sicht eher ein Ringpanzer die typische Panzerung des Ritters ausmachte, die in der Regel leicht (12–15 kg), agil und effektiv war.[11][12][13]. Plattenpanzer fanden erst im 15. Jahrhundert Verbreitung und sind damit an der Grenze zwischen SpĂ€tmittelalter und Renaissance anzusiedeln. Der gotische Plattenpanzer ist ein Fantasieprodukt der Renaissance und hat mit dem wahren Mittelalter wenig gemein.

Die Waffen des Ritters wie sein Schwert, Lanze, Falchion und der Morgenstern werden oft als primitive KnĂŒppelwaffen portrĂ€tiert, oft einher gehend mit seinem Haudrauf-Image. Die Vorstellung von der Kampfesweise des Ritters gleicht leider in den meisten Medien den romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, wo dem Ritter jegliches Können und Finesse abgesprochen wurde. Der Kampfstil, wobei mit Schwert auf RĂŒstung und Schild samt Waffe des Gegners mit Kraft eingeschlagen wird, stammt aus dem BĂŒhnenkampf, und wird in den Fachkreisen als Schaukampf bezeichnet. Der allseits aus Filmen, LARP und Reenactment bekannte choreografierte Schaukampf ist ein moderner Sport aus dem 20. Jahrhundert und hat dementsprechend keinerlei ĂŒberlieferte historische Wurzeln. Quellen aus dem SpĂ€tmittelalter und Renaissance welche eine ausgiebige Auskunft ĂŒber die historischen Kampfesweisen geben sind die sog. FechtbĂŒcher; diese wiederum vermitteln im Gegensatz zu den populĂ€ren Massenmedien ein ganz anderes Bild von den mittelalterlichen Kampfesweisen[14]. Das Ă€lteste heute erhaltene Fechtbuch, das Manuskript I.33, zeigt bereits um das Jahr 1300 ein ausgereiftes ritterliches Kampfsystem mit einem Faustschild und den damals ĂŒblichen Schwert. Wenn man der ersten Schrift der Liechtenauer-Tradition folgt,[15] dann zeichnet sich ein Bild der ausgeprĂ€gten Kampfkultur und Systematisierung der ritterlichen Kriegerelite. Das Bild, welchem nach ein Ritter mit seinem Kampfschwert wie mit einer Axt auf seine Gegner eindrosch und durch den Knockout den Sieg erlangte, ist eines modernen Ursprungs und wird durch keine historische Quelle bestĂ€tigt[16]. Insbesondere durch die große PopularitĂ€t der asiatischen KampfkĂŒnste werden heute zahlreiche ĂŒberholte Schwert-Mythen wieder diskutiert und oft als selbstverstĂ€ndlich betrachtet. Historisch belegt ist jedoch eine seit dem SpĂ€tmittelalter nachweisbare hochentwickelte Fecht- und Kampfkunst, welche zur ritterlichen Ausbildung gehörte.

Literarische und kinematografische Umsetzung

Wurde der Ritter im viktorianischen Zeitalter und der ersten HĂ€lfte des 20 Jh. noch als romantisch verklĂ€rter Kavalier gesehen, brachte die Kinematografie der zweiten HĂ€lfte des 20 Jh. eine neue romantisch-postmoderne Sichtweise der mittelalterlichen Epoche. Der Ritter wurde immer mehr "barbarisiert" und die Darstellungen enthielten immer mehr Gewalt, wobei verstĂ€rkt auf die negativen Assoziationen des 18 und 19 Jh. bezĂŒglich des Mittelalters zurĂŒckgegriffen wurde. So zĂ€hlt heute ein Bild des brutalen, rĂŒckstĂ€ndigen, ungebildeten und oft fanatischen mittelalterlichen Kriegers zu dem Standardrepertoire des Historien- und Fantasygenres.[17] Die Umwelt solcher Krieger wird zudem möglichst dĂŒster in Szene gesetzt, mangelnde Hygiene, Kriege und Hunger sind am hĂ€ufigsten anzutreffen. Wissenschaft und Bildung werden aus dramaturgischen und eskapistischen GrĂŒnden zugunsten der Magie und Alchemie ausgeblendet.

Vorstellungen von einem „barbarischen Mittelalter“ sind jedoch gĂ€nzlich postmodern. Die oft dargestellte RĂŒckstĂ€ndigkeit des mittelalterlichen Europas hat wie oben erwĂ€hnt mehr dramaturgische GrĂŒnde, denn historisch hat es solche ZustĂ€nde in Europa nie gegeben[18][19]. Die postmodernen Vorstellungen vom Mittelalter als einer "dunklen Zeit" entstammen ebenfalls aus dem romantisch geprĂ€gten 19 Jahrhundert[20], wobei vor allem die historischen Quellen des 14 Jh. als Quelle gern gebraucht werden. Das spĂ€tmittelalterliche 14 Jh. war jedoch eher eine Ausnahme als die Regel denn aufgrund der KlimaverĂ€nderung traten Missernten, Hungersnöte, ĂŒberfĂŒllte StĂ€dte (was zu schlechter Hygiene fĂŒhrte) und Epidemien auf welche eine nachhaltige VerĂ€nderung der spĂ€tmittelalterlichen Gesellschaft bewirkten, die sich letztendlich in der Renaissance gipfelte. Aus wissenschaftlicher Sicht lĂ€sst sich zwischen 1000 und 1300 eine langanhaltende Warmperiode nachweisen, in der die HĂ€ufigkeit von Epidemien und Missernten deutlich geringer war als bisher angenommen.

Entsprechend diesen wissenschaftlichen und historisch ĂŒberlieferten Fakten lĂ€sst sich die angebliche „Barbarei“ des Ritters und seiner Lebensweise als ein Produkt der Postmoderne erkennen welche wiederum auf romantischen Vorstellungen des 19 Jh. fußt. Die tatsĂ€chliche Lebensweise, Aussehen, religiöses Leben und Kampftaktik des Ritters[21] entsprechen nicht der oben erlĂ€uterten populĂ€ren Meinung. Literarische und kinematigrafische Darstellungen der Gegenwart sind in erster Linie Projektionen des Zeitgeistes auf die Vergangenheit, die einer eskapistischen Intention folgen und hiermit keinen Anspruch auf historische AuthentizitĂ€t besitzen.[22]

Literatur

  • Norbert Angermann (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Dtv, MĂŒnchen 2003ff, ISBN 3-423-59057-2 (9 BĂ€nde mit Registerband, teilw. veralteter Forschungsstand; Nachdr. d. Ausg. MĂŒnchen 1977ff).
  • Rainer Atzbach: Ritter. Die militia christiana als Lebensform im Mittelalter. In: Kai Thomas Platz, Konrad Bedal (Hrsg.): Ritter, Burgen und Dörfer. Mittelalterliches Leben in Stadt und Land. Gebietsausschuß FrĂ€nkische Schweiz, TĂŒchersfeld 1997, ISBN 3-9803276-6-3, S. 48–51 (Ausstellungskatalog).
  • Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 3. Aufl. Dtv, MĂŒnchen 1986, ISBN 3-423-30170-8 (2 Bde.).
  • Joachim Ehlers: Die Ritter. Geschichte und Kultur. C.H. Beck. MĂŒnchen 2006, ISBN 978-3-406-50892-9[23].
  • Josef Fleckenstein: Rittertum und ritterliche Welt. Siedler Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-88680-733-9.
  • Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter. 4. Aufl. Beck Verlag, MĂŒnchen 2009, ISBN 978-3-406-57345-3 (Beck'sche Reihe; 1357).
  • Karl-Heinz Göttert: Die Ritter. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010807-9[24].
  • Christopher Gravett: The Normans. Warrior knights and their castles. Osprey Publ., Botley 2007, ISBN 978-1-84603-218-9.
  • Christopher Gravett: The world of medieval knight. Bedrich Books, New York 1996, ISBN 0-87226-277-4.
  • Werner Hechberger: Adel, MinisterialitĂ€t und Rittertum im Mittelalter. (EnzyklopĂ€die deutscher Geschichte; Band 72). Oldenbourg, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-486-55083-7 (aktueller und umfassender Überblick des derzeitigen Forschungsstandes zum Thema und ĂŒber 400 Verweise auf weiterfĂŒhrende Literatur).
  • Andrea Hopkins: Knights. Collins & Brown, London 1990, ISBN 0-89660-013-0.
  • Maurice Keen: Das Rittertum. Bibliograph. erg. Aufl. Albatross Verlag, DĂŒsseldorf 2002, ISBN 3-491-96065-7.
  • Franz Kottenkamp, Friedrich Martin von Reibisch: Der Rittersaal. Eine Geschichte des Rittertums, seines Entstehens und Fortganges, seiner GebrĂ€uche und Sitten. Melchior-Verlag, WolfenbĂŒttel 2009, ISBN 978-3-941555-14-3 (Nachdr. d. Ausg. Stuttgart 1842).
  • Hans-JĂŒrgen Kotzur (Hrsg.): Die KreuzzĂŒge. Kein Krieg ist heilig. Verlag von Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3240-8 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Dom- und Diözesanmuseum (Mainz), 2. April bis 30. Juli 2004).
  • Johannes Laudage und Yvonne Leiverkus (Hrsg.): Rittertum und höfische Kultur der Stauferzeit. Böhlau Verlag, Köln 2006, ISBN 3-412-34905-4 (EuropĂ€ische Geschichtsdarstellungen; 12).
  • Heinz Meyer: Geschichte der Reiterkrieger. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007347-8.
  • Werner Meyer: Deutsche Ritter, Deutsche Burgen. BechtermĂŒnz-Verlag, MĂŒnchen 1998, ISBN 3-8289-0282-0 (Nachdr. d. Ausg. MĂŒnchen 1990).
  • Ewart Oakeshott: A knight in battle. Dufour Editions, Chester Springs, Pa. 1998, ISBN 0-8023-1322-1 (Nachdr. d. Ausg. London 1971).
  • Werner Paravicini: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters (EnzyklopĂ€die deutscher Geschichte; 32). Oldenbourg-Verlag, MĂŒnchen 1994, ISBN 3-486-55008-X.
  • Alexander von Reitzenstein: Rittertum und Ritterschaft (Bilder aus deutscher Vergangenheit; 32). Prestel Verlag, MĂŒnchen 1972, ISBN 3-7913-0032-6.
  • Andreas Schlunk, Robert Giersch: Die Ritter. Geschichte, Kultur, Alltagsleben. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1791-2 (Katalog der gleichnamigen Aussstellung, Historisches Museum der Pfalz, 30. MĂ€rz bis 16. Oktober 2003).
  • Alan Williams: The knight and the blast furnace. A history of metallurgy or armour in the middle ages and the early modern period. Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-12498-5.

Weblinks

 Commons: Ritter â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Ritter â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter. 2009.
  2. ↑ Die Ritter. Handreichung zur Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer.
  3. ↑ Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 65.
  4. ↑ Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 68.
  5. ↑ Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literaturund Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 443f.
  6. ↑ Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 67.
  7. ↑ Joachim Bumke (Hrsg.): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 422.
  8. ↑ John Clements: Top Myths of Renaissance Martial Arts.
  9. ↑ John Clements: Gewicht und Handhabung historischer Waffen
  10. ↑ John Clements: A Short Introduction to Historical European Martial Arts
  11. ↑ Alan Williams: The Knight and the Blast Furnace.
  12. ↑ Craig Johnson: Some Aspects of the Metallurgy and Production of European Armor. In: Armoured Proceedings Symposion, 1999.
  13. ↑ Historischer Überblick ĂŒber die Technologie des Ringpanzers (engl.)
  14. ↑ The Armarium.
  15. ↑ Hanko Döbringers Fechtbuch aus dem Jahr 1389 (PDF-Datei)
  16. ↑ S. Matthew Galas: Setting The Record Straight. The Art of the Sword in Medieval Europe.
  17. ↑ Siehe [1]
  18. ↑ Christopher Gravett: The World of the Medieval Knight.
  19. ↑ Christopher Gravett: The Normans. Warrior Knights and Their Castles.
  20. ↑ Siehe [2]
  21. ↑ Ewart Oakeshott: A Knight in Battle.
  22. ↑ Siehe [3]
  23. ↑ Rezension
  24. ↑ Deutschlandradio Kultur vom 1. Juni 2011: Rezension „Kulturgeschichte der Ritterfigur“

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