Rutupiae

Ruinen von Rutupiae vor dem Hintergrund eines modernen Kraftwerks

Rutupiae war der römische Name für Richborough bei Sandwich in Kent. Es handelte sich um ein römisches Kastell an der britischen Sachsenküste.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Im Jahr 43 n. Chr. landeten die Römer ihre Armee bei ihrer zweiten Invasion Britanniens unter Kaiser Claudius in Kent beim heutigen Richborough an. Zu dieser Zeit war dieser Ort eine geschützte Lagune zwischen der Küste und der Isle of Thanet. Die Invasoren werden von den Historikern auf ungefähr 50.000 Mann geschätzt. Archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass sofort nach der Landung begonnen wurde, Richborough zu einem befestigten Brückenkopf auszubauen.

Nach Konsolidierung der römischen Herrschaft im südöstlichen Britannien wurde Rutupiae zur wichtigsten Marine- und Nachschubbasis für das weitere Vorgehen der Römer in Britannien. Neue Heerstraßen wurden Richtung Canterbury und London angelegt, Holzbauten wurden an einem gitterförmigen Straßennetz errichtet, um Soldaten, Versorgungsgüter und Getreide darin unterzubringen. Die meisten dieser Gebäude waren an der Vorderseite offene Kaufläden, die die täglichen Bedürfnisse der Soldaten und ihrer Angehörigen stillten. Ein großes Gebäude mit Innenhof wurden an der der See zugewandten Seite errichtet. Der genaue Verwendungszweck des Gebäudes ist nicht ganz klar, es scheint als eine Art Herberge oder mansio für Durchreisende gedient zu haben.

Nach dem Jahr 85 änderte sich das Erscheinungsbild grundlegend, die provisorischen Holzbauten der Gründungszeit wurden beseitigt und durch solidere Konstruktionen ersetzt. Ein mit weißem Marmor verzierter, viertoriger Triumphbogen (Quadrifrons), 25 m hoch, markierte symbolisch den Eingang in Roms neue Provinz Britannien, solche Monumente hat man auch in anderen Provinzstädten aufgestellt (z. B. das sogenannte Heidentor in Carnuntum). Im abgelegenen Britannien sollte dieses Bauwerk die Unterjochung der einheimischen Bevölkerung hervorheben und Roms Macht noch sichtbar unterstreichen. Einzelne bronzene Fundstücke und Teile von bearbeiteten Marmor geben eine gute Vorstellung darüber, wie er einmal ausgesehen haben könnte.

Die Zivilsiedlung (vicus) lag westlich des Triumphbogens im einen von Erdwerken umgebenen Areal und setzte sich auch noch etwas außerhalb der Wälle weiter fort. Die alte Mansio wurde ebenfalls abgerissen und in Steinbauweise neu errichtet. Weiters fand man die Überreste eines Friedhofes und die von zwei kleinen Tempeln. Im Südwesten lag das kleine Amphitheater, die Bevölkerung der Stadt muss also zu dieser Zeit erheblich gewachsen sein.

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts erforderten drastische politische Umwälzungen eine massive Befestigung der Hafenstadt. Ein Großteil der Zivilstadt wurde planiert, der große Quadrifrons verfiel immer mehr und wurde nun als Beobachtungsposten benutzt. Erdrampen und ein dreifacher Verteidigungsgraben wurde ausgehoben. Kurz danach wurde der Triumphbogen vollständig abgetragen, mit dem Abbruchmaterial wurden massive Steinmauern hochgezogen und ein völlig neues Kastell entstand. Es scheint, dass dies um das Jahr 275 in großer Eile geschah; als die Steinmauern fertig waren, wurden die provisorischen Erdwerke und Gräben wieder zugeschüttet. Im Zentrum des Kastells wurde ein Hauptquartier errichtet. Es war völlig von anderen Holzbauten umgeben. Auch Überreste einer Therme wurden im Nordosten des Kastells ausgegraben, dort wo einst die große Mansio gestanden hatte. Eine neue Bedrohung in Gestalt von angelsächsischen und fränkischen Piraten trat nun in Erscheinung, die Vorläufer der späteren sächsischen Siedler, die sich bald, über die Nordsee kommend, dauerhaft in Britannien festsetzen sollten. Die „Sachsenküste“ wurde stärker befestigt, am nördlichen Ausgang des Wantsum Channels, der Thanet vom Festland trennte, wurde das Lager Regulbium (Reculver) errichtet.

Nach der Römerzeit

Am Ende des 4. Jahrhunderts waren laut der Notitia Dignitatum Teile der Legio II Augusta in Rutupiae stationiert. Zu dieser Zeit zog sich die römische Armee wieder aus Britannien zurück. Eine Anzahl von Münzfunden zeigt jedoch, dass in dem Militärlager noch rege Betriebsamkeit herrschte. Ein Gebäude mit einem hexagonalen, gekachelten Basin, wahrscheinlich ein Taufbecken, das eine frühchristliche Kirche gewesen sein könnte, wurde im nordwestlichen Areal ausgegraben. Wahrscheinlich stammt das Gebäude aus dem späten 4. oder frühen 5. Jahrhundert und dürfte auch noch einige Zeit nach Abzug der Römer in Gebrauch gewesen sein. Als im Jahr 597 Augustinus von Canterbury in Britannien landete, kam er wahrscheinlich auf seinem Weg nach Canterbury, wo er die Abtei begründete, auch durch Richborough. Aufgrund seiner exponierten Lage als wichtiger Hafen blieb aber dieser Ort unter seinen wechselnden Herren auch während des dunklen Zeitalters durchgehend besiedelt.

Befestigung

Das Kastell sicherte den südlichen Eingang des Wantsumkanals, eine Stelle, an der man relativ schnell und ungefährdet den Oceanus Britannicus nach dem gallischen Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) überqueren konnte. Heute ist dieser Kanal längst verlandet und nur Marschland und Deiche zeigen die Stellen, wo einst römische Schiffe segelten.

Die Ruine des römischen Kastells liegt dadurch heute relativ hoch und 3 km landeinwärts. Mit 2,5 ha etwas kleiner als das benachbarte Regulbium (Reculver), waren die Verteidigungsmauern von Rutupiae dennoch massiver konstruiert und nachträglich modernisiert worden. Die meisten Abschnitte der an der Basis 3,3 m messenden Mauer stehen heute noch bis zu einer Höhe von 8 m. Sie wurde hauptsächlich aus Feuerstein erbaut, zahlreiche andere Gesteinsarten aus der Umgebung wurden ebenfalls für den Bau verwendet.

Der Nordwall z. B. dürfte größtenteils aus dem Material des abgebrochenen Triumphbogens bestehen. Zweibändrige Ziegelreihen (sie enthalten auch eine kleine Menge wiederverwendeter Dachziegel) wurden in einem Meter Abstand zueinander eingebaut. Die Mauerecken waren mit vorkragenden, halbrunden massiven Türmen geschützt, während die Zwischentürme viereckig und innen hohl waren. Zwei V-förmige Gräben schützten noch zusätzlich die Kastellmauern.

Literatur

  • Nick Fields: Rome’s Saxon Shore Coastal Defences of Roman Britain AD 250–500, (Fortress 56, Osprey Books, Dezember 2006)

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