Sachsen (Volk)

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Sachsen (Volk)

Die Sachsen waren ein westgermanischer Stammesverband, der sich vermutlich im 3. Jahrhundert bildete und seit dem 4. Jahrhundert sicher belegt ist. Die StĂ€mme der Chauken, Angrivarier und Cherusker, die sich zu den Sachsen zusammenschlossen, lebten im 1. Jahrhundert im Nordwesten des heutigen Deutschlands und im Osten der heutigen Niederlande (siehe NiedersĂ€chsisch). Seit der Merowingerzeit standen zumindest Teile der Sachsen immer wieder in einer losen AbhĂ€ngigkeit zum Frankenreich, bis sie von Karl dem Großen endgĂŒltig unterworfen wurden.

In Abgrenzung zur meißnisch-osterlĂ€ndischen Bevölkerung im ehemaligen wettinischen Obersachsen bzw. zu den mitteldeutschen Bewohnern des Freistaates Sachsen, die sich heute als „Sachsen“ bezeichnen, wird fĂŒr die heutigen Bewohner im Kern des originĂ€ren Siedlunggebiets der Name „Niedersachsen“ verwendet.

Dabei ist es allerdings schwierig, die Konnotation zu vermeiden, es sei von BĂŒrgern des Landes Niedersachsen die Rede. Deshalb wird in der Geschichtswissenschaft der Name Altsachsen fĂŒr das gesamte Siedlungsgebiet in Westfalen, Niedersachsen (ohne die traditionellen Siedlungsgebiete der Friesen und Slawen), im westlichen Sachsen-Anhalt, im sĂŒdlichen Schleswig-Holstein und in den nordöstlichen Niederlanden verwendet.[1]

Inhaltsverzeichnis

Siedlungsgebiet

919–1125 Sachsen in Deutschland, von William R. Shepherd

Die germanischen StÀmme der Sachsen waren im niederdeutschen Gebiet zwischen Zuiderzee (heute IJsselmeer), dem Raum von der Weser bis zur Elbe sowie nördlich der Elbe in Holstein (bis zur Eider) heimisch.

Bis vor kurzem war die Ansicht vorherrschend, die Sachsen seien von ihren Ursitzen im heutigen Holstein seit dem 3. Jahrhundert nach SĂŒden vorgedrungen, hĂ€tten dabei zahlreiche andere StĂ€mme unterworfen und sie dem sĂ€chsischen Stammesbund einverleibt. Diese Vorstellung gilt heute als ĂŒberholt. Die wichtigste Quelle, die von jenen Ursitzen berichtet, wird heute in diesem Punkt stark angezweifelt. Auch scheint der Sachsenname anfangs eher als Sammelbezeichnung der Römer fĂŒr seefahrende Raubscharen gedient zu haben, unabhĂ€ngig von deren Herkunft. DarĂŒber hinaus war die Auffassung verbreitet, die Sachsen hĂ€tten ihr Gebiet nach der Eroberung des ThĂŒringerreiches (um 531) durch die Franken bis zur Unstrut ausgedehnt. Dies gilt nach dem heutigen Kenntnisstand allerdings als sehr unwahrscheinlich. Die Ostgrenze des sĂ€chsischen Siedlungsgebietes dĂŒrfte lange Zeit am Harz gelegen haben.[2]

In den darauffolgenden Jahrhunderten eroberten sĂ€chsische StĂ€mme weite Teile Niederdeutschlands (heute Nordwestdeutschland und östliche Niederlande) und gliederten die dort lebenden germanischen StĂ€mme ihrem Stammesverband ein, zuletzt im 6. und 7. Jahrhundert das Hamaland (heutiges WestmĂŒnsterland), das Land der Brukterer (heutiges MĂŒnsterland und nördliches Ruhrgebiet) und die Tubanten (heutige Twente, Provinz Overijssel). SpĂ€ter unterschied man drei bzw. vier Stammesgruppen. In Norddeutschland und den östlichen Niederlanden (Groningen, Drenthe, Overijssel, Achterhoek) haben die sich aus dem AltsĂ€chsischen entwickelten niedersĂ€chsischen Dialekte auch weiterhin ihr traditionelles Sprachgebiet.

Historische Namensverschiebung

Der heutige Freistaat Sachsen, historisch auch KurfĂŒrstentum Sachsen (Kursachsen) bzw. Obersachsen, hat mit dem historischen Volk der Sachsen im niederdeutschen Sprachraum – außer dem Namen – nichts gemein: Die Vorfahren der Bewohner des heutigen Freistaates Sachsen gehör(t)en dem mittelhochdeutschen Dialektraum an.

Die Namenswanderung geschah dadurch, dass der Titel des Herzogs von Sachsen an FĂŒrsten fiel, die außerhalb des alten Stammesgebietes residierten, und der Name auf deren LĂ€nder ĂŒbertragen wurde. Der Herzogstitel von Sachsen fiel nach dem Sturz Heinrichs des Löwen im Jahr 1180 an den Askanier Bernhard, der in Wittenberg residierte. Bereits zu diesem Zeitpunkt verlor im deutschen Reich der Titel eines „Herzogs“ seine Bindung an ein Stammesgebiet. Mit dem Aussterben der Askanier ging der sĂ€chsische Herzogstitel dann 1423 an die Wettiner ĂŒber, die die Markgrafschaft Meißen innehatten, die im Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen lag. Da der Herzogstitel von Sachsen mit der WĂŒrde eines KurfĂŒrsten verbunden war, war er der ranghöchste und trat an die erste Stelle der Titulatur. Die LĂ€nder unter der Herrschaft des wettinischen Hauses der Herzöge von Sachsen bezeichnete man nun als „Sachsen“. Auf diese Weise „wanderte“ mit der Verleihung der sĂ€chsischen KurwĂŒrde an Friedrich den Streitbaren auch die Namensbezeichnung „Sachsen“ elbaufwĂ€rts.

Name

Seit den antiken und spĂ€tantiken Autoren, die den Begriff namentlich wiedergaben (lateinisch: Saxones, griechisch: ÎżÎč ÎŁÎŹÎŸÎżÎœÎ”Ï‚), wird der Volks- und Stammesname von dem typischen Hiebmesser der Sachsen, dem Sax, abgeleitet.[3] Dieser Zusammenhang spielt auch in der sĂ€chsischen Stammessage mehrfach eine Rolle. Eine direkte Beziehung zum Stammesnamen findet sich im Annolied aus dem spĂ€ten 11. Jahrhundert: „von den mezzerin alsĂŽ wahsin, wurdin si geheizzin Sahsi“. Aus einer Handschrift des endenden 8. Jahrhunderts, dem sogenannten sĂ€chsischen Taufgelöbnis sollte der TĂ€ufling einem Gott Saxnot neben den gemeingermanischen Göttern Wodan und Donar abschwören.

Seit dem 3. Jahrhundert klagten römische Quellen ĂŒber sĂ€chsische SeerĂ€uber. Sachsen, Angeln und JĂŒten wanderten dann im 5. Jahrhundert in den sĂŒdöstlichen Teil der britischen Hauptinsel ein (siehe auch Hengist und Horsa): das heutige England (Angelsachsen). Sie wurden dort nach einer gewaltsamen Landnahme zu den dominierenden Kulturen. So wurde im keltischen beziehungsweise irischen Sprachgebrauch der Stammesname (irisch: Sasana, schottisch-gĂ€lisch: Sasainn, walisisch fĂŒr die engl. Sprache: Saesneg) fĂŒr England verwendet. Der heutige Name England lĂ€sst sich klar von den Angeln ableiten, wĂ€hrend Landschaftsnamen wie Wessex („Westsachsen“), Essex („Ostsachsen“), Sussex („SĂŒdsachsen“) und Middlesex („Mittelsachsen“) auf die sĂ€chsischen Einwanderer hinweisen.

Nach Berichten aus dem 4. Jahrhundert war das Siedlungsgebiet der Chauken deckungsgleich mit den Gebieten, in denen etwa zur selben Zeit unter anderem die Sachsen lokalisiert wurden. Da es keinerlei Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen beiden Völkern gibt, wird vermutet, die Chauken seien damals ein Teilstamm der Sachsen gewesen bzw. dass sich beide StĂ€mme friedlich zum grĂ¶ĂŸeren Stammesverbund der Sachsen vereinigt haben.[4]

Innere VerhÀltnisse

Von der Völkerwanderung wenig berĂŒhrt, bewahrten die auf dem Festland verbliebenen Sachsen vermutlich eine relativ ursprĂŒngliche germanische Stammesverfassung und standen bis zur Eroberung durch Karl den Großen nie unter einem gemeinsamen König. Beda Venerabilis ist der einzige, der vor der Zeit Karls des Großen ĂŒber die inneren VerhĂ€ltnisse der Sachsen berichtet. Er schreibt, dass die Altsachsen nicht einen König hĂ€tten, sondern sehr viele ĂŒber dem Volk stehende Satrapen. Im Kriegsfalle hĂ€tten diese das Los entscheiden lassen, wer das Heer vorĂŒbergehend fĂŒhrt. Nach dem Krieg hĂ€tten wieder alle Satrapen die gleiche MachtfĂŒlle innegehabt.

In der Ă€ltesten Lebensbeschreibung des heiligen Lebuin (verfasst nach 840), wird von einer Versammlung der Sachsen in Marklo berichtet, bei der sich die Satrapen mit einem Gefolge von jeweils 36 Mann versammelt hĂ€tten. Lange hat man durch eine Missdeutung des Wortes „electi“ angenommen, es wĂ€ren hier gewĂ€hlte Volksvertreter zusammen gekommen. Bis in die jĂŒngste Vergangenheit wurde auch in Anlehnung an Tacitus, der von germanischen Monarchien und Republiken berichtet, an eine Art ursĂ€chsische republikanische Stammesverfassung gedacht. Dies dĂŒrfte aber nicht den Tatsachen entsprechen, wie auch die Ausdeutung des Tacitus heute als verfehlt betrachtet wird.

Ein weiteres Argument fĂŒr diese Deutung gilt heute ebenfalls als nicht mehr haltbar. Karl der Große ließ im Gesetzeswerk Capitulatio de partibus Saxoniae Versammlungen in Sachsen verbieten. FrĂŒher wurde der Gesetzestext so ausgedeutet, dass eine einzige große Versammlung der Sachsen impliziert wurde. Dies wird heute stark angezweifelt und der Markloer Landtag gilt heute ĂŒberhaupt als erdichtet. Demnach unterstanden die Sachsen bis zur Eroberung durch Karl den Großen mehreren Einzelherrschern, die zumindest zeitweise in einer Art formellem UnterordungsverhĂ€ltnis zum frĂ€nkischen Herrscher gestanden haben dĂŒrften. Dies soll wohl durch Bedas Wortwahl Satrape ausgedrĂŒckt werden.[5] In Holstein wurden jĂ€hrliche Versammlungen des Thing bis 1546 fortgesetzt.

Geschichte

FrĂŒheste Nennung

Die frĂŒheste Nennung der Sachsen wurde lange dem in Alexandria schreibenden Griechen PtolemĂ€us zugeschrieben, der in der Regierungszeit des Kaisers Mark Aurel (161–180 n. Chr.) starb und in dessen ĂŒberlieferten Texten der Name des Volkes an mehreren Stellen auftaucht. Seiner Geographie zufolge bewohnten sie das Land an der Nordsee zwischen den Chauken, die bis zur Elbe siedelten, und den Sigulonen, die nordwĂ€rts einer Landenge auf der Kimbrischen Halbinsel wohnten. Die Sigulonen sind, wie zahlreiche Völker, die PtolemĂ€us zusammen mit ihnen nennt, sonst völlig unbekannt.

Lange Zeit hat man aus diesen Angaben auf Ursitze der Sachsen um 150 n. Chr. im heutigen Schleswig-Holstein geschlossen. Die ZuverlĂ€ssigkeit dieser Angaben wird heute jedoch sehr in Frage gestellt. Insbesondere weil man vermutet, dass PtolemĂ€us seine Informationen ĂŒber die Geographie Nordeuropas aus der Zeit um Christi Geburt bezogen haben dĂŒrfte, die Sachsen aber in keiner anderen Quelle vor ihm erwĂ€hnt sind. Tacitus etwa, der um 98 n. Chr. in seinem bekannten Werk Germania den Anspruch erhob, ein vollstĂ€ndiges Bild der Bewohner Germaniens zu zeichnen, erwĂ€hnte die Sachsen nicht. Man nimmt deshalb heute an, dass die Nennung der Sachsen bei PtolemĂ€us das Resultat einer Textverderbnis ist. Die Geographie des PtolemĂ€us ist wie viele antike Werke nicht im Original erhalten. Die Ă€lteste Handschrift ist etwa 1100 Jahre jĂŒnger als das Werk selbst. Vermutlich schrieb PtolemĂ€us ursprĂŒnglich von Avionen „ABIONEΣ“ (sprich Aviones), was von spĂ€teren Abschreibern in Sachsen „ΣAΞONEΣ“ (sprich Saxones) verĂ€ndert wurde. In der Mehrzahl der Handschriften findet sich auch nicht das Wort Sachsen, sondern eine Zwischenform „AΞONEΣ“ (sprich Axones).[6]

Sachsen in der SpÀtantike

Abgesehen von PtolemĂ€us werden Sachsen erstmals bei Eutrop fĂŒr das Jahr 285[7] genannt, wobei Eutrops Text zwischen 364 und 380 n. Chr. entstand. Dies ist insofern von Bedeutung, da Autoren des Altertums oft Völkernamen der Gegenwart zur Beschreibung der Vergangenheit benutzten. So ist denkbar, dass der Name um 285 noch nicht bekannt war, wenngleich Eutrop auf eine relativ gute Quelle zurĂŒckgriff, die Enmannsche Kaisergeschichte. Lobreden des 3. Jahrhunderts aus Gallien erwĂ€hnen direkt keine Sachsen, allerdings mag der Panegyricus von 297 durchaus darauf anspielen.[8]

Die frĂŒheste zeitgenössische und somit gesicherte Nennung stammt aus dem Jahr 356, wo der Name der Sachsen in einer Rede des spĂ€teren Kaisers Julian (regierte 361–363) zusammen mit dem Volk der Franken genannt wird. Franken und Sachsen werden in der Rede als die „streitbarsten Völker am Rhein und am westlichen Meer“ beschrieben. Trotz zahlreicher Nennungen in spĂ€tantiken Quellen (z. B. Ammianus Marcellinus) sind die Sachsen bis etwa 450 n. Chr. ansonsten nicht nĂ€her geographisch fassbar. Sie treten in den Quellen dieser Zeit nur als kriegerische Seefahrer auf, deren Herkunft in der Regel im Dunkeln bleibt. Demnach könnte es sich bei dem Namen Sachsen anfangs eher um eine Art Sammelbezeichnung fĂŒr Raubscharen an den gallischen und britischen KĂŒsten gehandelt haben, die ĂŒbers Meer kamen. Als Antwort auf die hĂ€ufigen ÜberfĂ€lle errichten die Römer entlang der SĂŒd- und SĂŒdostkĂŒste Britanniens und an der KanalkĂŒste Galliens um das Jahr 300 den so genannten Litus Saxonicum, eine Kette stark befestigter MilitĂ€rlager und Flottenstationen.

Wie andere Germanen auch, traten Sachsen in den römischen MilitĂ€rdienst ein. So ist eine sĂ€chsische Schwadron, die Ala prima Saxonum in der Notitia Dignitatum erwĂ€hnt. Eine erste Nachricht, die ĂŒber die Ursitze der Sachsen Auskunft geben könnte, liefert der Kirchenvater Hieronymus (um 347–419 n. Chr.) in seiner Lebensbeschreibung des Hilarion. Ein LeibwĂ€chter das Kaisers Constantius II. kam nach dieser Quelle aus dem Gebiet zwischen Sachsen und Alemannen, das im Text als Francia (Franken) bezeichnet wird. Die ersten ErwĂ€hnungen Saxonias stammen aus dem spĂ€ten 4. Jahrhundert, sind aber nicht mit klaren geographischen Vorstellungen verbunden. Einen weiteren Anhaltspunkt liefert Zosimos, der berichtet, dass Sachsen die Salischen Franken um die Mitte des 4. Jahrhunderts aus deren Land, der großen Rheininsel Batavia vertrieben. Verwirrend ist allerdings, dass Zosimos an dieser Stelle vom sĂ€chsischen Teilstamm der Quaden spricht, die nie am Niederrhein lebten.[9]

Am Beginn des 5. Jahrhunderts verlor Rom zunehmend die Kontrolle ĂŒber die britannischen Provinzen. Im Jahr 410 forderte Kaiser Honorius die Inselbewohner auf, sich selbst zu verteidigen. SpĂ€testens in den 440er Jahren wurden Sachsen auf den Britischen Inseln sesshaft. Zuerst wurden sie von den Briten als Söldner angeworben, eroberten aber anschließend große Teile der Hauptinsel und siedelten sich dauerhaft an. Ihre angeblichen AnfĂŒhrer waren Hengest und Horsa. UrsprĂŒnglich wurden die Sachsen der britischen Inseln und jene des Festlands unterschiedslos als Sachsen bezeichnet. Erst im Verlauf des frĂŒhen Mittelalters wurde der Begriff Angelsachsen (vermutlich von Paulus Diaconus) zur Unterscheidung der britischen Sachsen von denen auf dem Festland eingefĂŒhrt, bis er sich ab dem 9. Jahrhundert durchsetzte.[10]

Gregor von Tours berichtet vom Einfall des sĂ€chsischen HeerfĂŒhrers Adovacrius (seine IdentitĂ€t mit dem bekannten Odoaker ist umstritten und eher unwahrscheinlich) nach Gallien (Angers), wobei er aber von den gallorömischen Truppen zurĂŒckgeschlagen wurde. Die Inseln der Sachsen wurden anschließend von den Franken unter Childerich I. eingenommen und verheert (siehe auch Paulus (Comes)). Der sĂ€chsische Einfall fand Gregor zufolge nach dem Tod des Aegidius († 464) statt.[11]

Sachsen im 6. und 7. Jahrhundert

Rekonstruktion eines sÀchsischen Langhauses der Merowingerzeit im ArchÀologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen
Rekonstruktion einer sĂ€chsischen Wohnanlage – der „Sachsenhof“ in Greven-Pentrup

Nicht restlos geklĂ€rt ist die Frage, ob die Sachsen maßgeblich an der Unterwerfung des ThĂŒringerreiches (um 531) durch die Franken beteiligt waren. Die drei wichtigsten Quellen, die davon berichten, sind ein Bericht Rudolfs von Fulda (9. Jahrhundert), die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey aus dem Jahr 968 und die Quedlinburger Annalen (11. Jahrhundert). Insbesondere, weil alle drei Quellen lange nach der Niederwerfung des ThĂŒringerreiches entstanden, wird ihre GlaubwĂŒrdigkeit diesbezĂŒglich stark in Frage gestellt. Auch kann davon ausgegangen werden, dass die zwei letzteren Quellen auf den Bericht des Rudolf von Fulda zurĂŒckgriffen, der vermutlich ein persönliches Interesse an der Darstellung einer alten sĂ€chsisch-thĂŒringischen Grenze an der Unstrut hatte. An der Unstrut lag zu Rudolfs Zeiten die Grenze zwischen dem Erzbistum Mainz und dem Bistum Halberstadt, wĂ€hrend die sĂ€chsisch-thĂŒringische Grenze auch im 9. Jahrhundert höchstwahrscheinlich am Harz lag. Vor allem berichtet keine zeitgenössische Quelle (Gregor von Tours, Prokopios von Caesarea) von einer sĂ€chsischen Beteiligung.[2]

Ganz im Gegensatz zur Darstellung einer sĂ€chsischen Beteiligung an der Eroberung des ThĂŒringerreiches scheinen die Sachsen in der ersten HĂ€lfte des 6. Jahrhunderts ihrerseits unter frĂ€nkischen Einfluss gelangt zu sein. Als im Jahr 555 der frĂ€nkische König Theudebald starb, erhoben sich die Sachsen gegen Chlothar I.. Dieser zog gegen die AufstĂ€ndischen, wobei er ThĂŒringen verwĂŒstete, da diese den Sachsen offenbar Hilfstruppen gestellt hatten. Kurz darauf (vermutlich 556) fand eine erneute sĂ€chsische Erhebung statt, wobei sie die auferlegten Zwangsabgaben verweigerten. Gregor von Tours schreibt in diesem Zusammenhang von einer Niederlage Chlothars, wĂ€hrend Marius von Avenches von einem erneuten Sieg Chlotars berichtet. Insbesondere weil Gregor von Tours hier ein christliches Beweisziel verfolgt, wird seine Darstellung diesbezĂŒglich in Zweifel gezogen. Unsicherheit besteht auch bezĂŒglich der ErwĂ€hnung einer dritten Auseinandersetzung (556 oder 557), bei der Sachsen in die Francia (Franken) eingedrungen und bis in die NĂ€he von Deutz vorgestoßen sein sollen.[12]

Im Verlauf der Völkerwanderungszeit hatten sich Sachsen nicht nur in Britannien, sondern auch in anderen Gegenden, etwa in Westfrankreich niedergelassen. Gregor von Tours erwĂ€hnt Sachsen um Bayeux in der heutigen Normandie, zu denen auch Chulderich zu zĂ€hlen ist. Chulderich war Gregor persönlich bekannt und stieg zum Herzog im Gebiet links der Garonne auf. Einige Sachsen hatten offenbar die Langobarden im Jahr 568 auf ihrem Zug nach Italien begleitet. Nach Gregor von Tours fielen diese Sachsen spĂ€ter im Gebiet von Riez im sĂŒdöstlichen Gallien ein, schlossen dann aber mit dem Feldherrn Mummolus einen Vertrag und schworen, dem frĂ€nkischen König als Hilfstruppen zu dienen. Sie sollten sich in der Gegend ansĂ€ssig machen, von der sie einst ausgezogen waren. Als sie dort ankamen, waren nach der ErzĂ€hlung inzwischen allerdings bereits Sueben angesiedelt worden, die den Sachsen zwei empfindliche Niederlagen zufĂŒgten. Von den meisten Forschern werden die Wohnsitze dieser Sachsen und Sueben im heutigen Deutschland im Bereich der Bode vermutet, wo der Suebengau angeblich noch an letztere erinnert. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich eigentlich um sĂ€chsische und suebische Gruppen gehandelt hat, die in Gallien angesiedelt wurden.[13]

Eine hohe Stellung erreichte im 7. Jahrhundert der Sachse Aighyna, der vermutlich von der gallischen AtlantikkĂŒste, möglicherweise aber auch aus England stammte. Unmittelbar an den Regierungsantritt von Dagobert I. als Teilkönig in Austrasien scheint sich ein sĂ€chsischer Aufstand angeschlossen zu haben. Im Zuge eines darauf folgenden frĂ€nkischen Angriffs wurde der sĂ€chsische FĂŒhrer Bertoald von Dagoberts Vater Chlothar II. angeblich im Zweikampf besiegt und das Land der Sachsen verwĂŒstet. In den folgenden Jahren entglitt den Merowingern die Herrschaft ĂŒber sĂ€chsische Gruppen zusehends.

Nach der frĂ€nkischen Niederlage gegen Samo an der Wogastisburg (ca. 631) unternahmen die Slawen EinfĂ€lle nach ThĂŒringen. Daraufhin schickten die Sachsen offenbar Gesandte an Dagobert, mit der Bitte, ihnen die Zwangsabgaben von jĂ€hrlich 500 KĂŒhen zu erlassen, wenn sie dafĂŒr im Ausgleich auf eigene Kosten gegen die Eindringlinge kĂ€mpfen und die frĂ€nkischen Grenzen schĂŒtzen wĂŒrden.[14] Der Tod des Hausmeiers Pippin im Jahr 640 fĂŒhrte zu einer Krise innerhalb des Frankenreiches, die sich zuspitzte, bis das Heer Sigiberts III. unterstĂŒtzt von Pippiniden in ThĂŒringen einfiel, wo sich Herzog Radulf an der Unstrut verschanzt hatte. Das Heer des Königs musste sich geschlagen zurĂŒckziehen, worauf Radulf mit den Wenden und „benachbarten StĂ€mmen“, worunter wohl die Sachsen zu verstehen sind, Frieden schloss.

In der Folgezeit scheinen sĂ€chsische Gruppen ĂŒber Soest und Brilon bis zum Ruhrbuckel, zur Lippe und zur Yssel vorgedrungen zu sein. Dies ist allerdings nur aus archĂ€ologischen Funden zu rekonstruieren, da schriftliche Quellen zu diesen VorgĂ€ngen schweigen.[15] Allerdings ist die Auswertung archĂ€ologischer Funde diesbezĂŒglich problematisch, da die Ausbreitung von Kunststilen und Waffentypen nicht zwangslĂ€ufig RĂŒckschlĂŒsse auf die Ausbreitung von Völkern erlaubt. Das FĂŒrstengrab in Beckum beispielsweise wurde lange als das eines sĂ€chsischen LandnahmefĂŒhrers interpretiert. Heute sieht man in dem Toten eher einen frĂ€nkischen Adeligen.[16]

Chronik

  • 98: Der römische Autor Tacitus beschreibt die StĂ€mme Germaniens in seiner Schrift „De Origine et situ Germanorum“ und nennt verschiedene StĂ€mme im spĂ€teren sĂ€chsischen Sprachgebiet, kennt jedoch den Sachsennamen nicht.
  • um 140: Der in Alexandria schreibende griechische Geograph PtolemĂ€us stellt seinen Atlas „Geographike Hyphegesis“ zusammen. In seiner ĂŒberlieferten Form erwĂ€hnt dieser die Sachsen als zwischen Chauken und Sigulonen ansĂ€ssig.[17] Dies galt lange Zeit ĂŒber als frĂŒheste ErwĂ€hnung der Sachsen in den antiken Quellen[18] und hat dazu gefĂŒhrt, dass die Sachsen nach wie vor hĂ€ufig auf modernen Karten Germaniens des 1./2. Jahrhunderts erscheinen. Heute geht die Wissenschaft von einer Textverderbnis aus, bei welcher der ursprĂŒnglich bei PtolemĂ€us vorhandene Name der Avionen (ĂŒber eine bei Markianos von Herakleia belegte Zwischenform „AΞONEΣ“) mit dem bekannteren Namen der Sachsen ersetzt worden sei.[19]
  • 285/286: FĂŒr dieses Jahr erwĂ€hnt Eutrop einen Aufstand der Sachsen, welche zusammen mit den Franken das Meer vor Belgien und Armorica unsicher machten.[20] Eutrops Text entstand allerdings erst am Ende des 4. Jh. und scheint mit dem Begriff „Saxones“, Ă€hnlich den Namen „Franken“, „Alemannen“ oder „Heruler“, einen geographisch noch nicht definierten Überbegriff darzustellen, der es kaum erlaubt, KontinuitĂ€ten mit Ă€lteren Völkerschaften festzustellen. Von "Sachsen" wird ferner berichtet, sie unternĂ€hmen PiratenĂŒberfĂ€lle auf die KĂŒsten Belgiens, Britanniens und Galliens.[21]
  • Um 300: Aufgrund hĂ€ufiger ÜberfĂ€lle der Sachsen auf die römischen KĂŒsten an der Nordsee und am Ärmelkanal befestigen die Römer diese KĂŒsten und errichten entlang der SĂŒd- und SĂŒdostkĂŒste Britanniens und an der KanalkĂŒste Galliens den Litus Saxonicum, eine Kette stark befestigter MilitĂ€rlager und Flottenstationen.
  • 356: Kaiser Julian erwĂ€hnt die Sachsen in einer Rede – die frĂŒheste zeitgenössische und somit gesicherte Nennung des Sachsennamens.
  • Ab ca. 400: Nebst Angeln und JĂŒten lassen sich auch Sachsen in Britannien nieder. Die Ortsnamenkunde lĂ€sst dabei vermuten, dass der Hauptteil dieser „Sachsen“ aus dem westlichen Niedersachsen und aus Flandern stammte.[22] Der Begriff Angelsachsen kommt erst gegen Ende des 8. Jahrhundert auf.[23]
  • Um 450: Der britische Herrscher Vortigern soll[24] Sachsen zum Schutz gegen die schottischen Pikten angeworben haben.
  • Um 469: Nach Gregor von Tours fiel der sĂ€chsische HeerfĂŒhrer Adovacrius (seine IdentitĂ€t mit dem bekannten Odoaker ist umstritten und eher unwahrscheinlich) in Gallien (Angers) ein, wurde aber von gallo-römischen Truppen zurĂŒckgeschlagen. Die Inseln der Sachsen wurden anschließend von den Franken unter Childerich I. eingenommen und verheert (siehe auch Paulus (Comes)).[11]
  • 477: Angebliche GrĂŒndung des Königreiches Sussex (= „SĂŒd-Sachsen“).
  • Um 500: GrĂŒndung des Königreiches Essex (= „Ost-Sachsen“).
  • Wahrscheinlich im 6. Jahrhundert: GrĂŒndung des Königreiches Wessex (= „West-Sachsen“).
  • Um 530: Die Sachsen erreichen den Rhein.
  • 531: Die Franken zerschlagen in der Schlacht bei Burgscheidungen das Königreich ThĂŒringen. Die Beteiligung von Sachsen an dieser Schlacht ist umstritten und beruht wahrscheinlich auf einer verfehlten Gewichtung jĂŒngerer Autoren[25], diente jedoch traditionell zur ErklĂ€rung des spĂ€teren Grenzverlaufs zwischen Franken und Sachsen. Vielmehr scheinen die Sachsen infolge der Zerschlagung des ThĂŒringer Königreiches in eine lose AbhĂ€ngigkeit des Frankenreiches gelangt zu sein.
  • 568: Viele Sachsen ziehen mit den Langobarden nach Italien, kehren aber bald wieder zurĂŒck, worauf es zum Streit mit den in den ehemals sĂ€chsischen Wohnsitzen angesiedelten Sueben kommt.
  • FĂŒr das Jahr 577 und spĂ€ter erwĂ€hnt Gregor von Tours die „Sachsen von Bayeux“.
  • Ab 596: Die britischen Sachsen werden zum Christentum bekehrt. Die Festlands-Sachsen bleiben bei ihrem alten Glauben.
  • 7. Jahrhundert: Die Sachsen beginnen, Herzöge zu wĂ€hlen, angeblich zunĂ€chst nur in Kriegszeiten. Diese Verwaltungshierarchie könnte aber durchaus auch auf eine frĂ€nkische Oberherrschaft hindeuten, da die Bezeichnungen der Herzöge ausschließlich in frĂ€nkischen Quellen ĂŒberliefert sind. Die wahrscheinlich frĂ€nkischen Herzöge versuchten, Autonomie zu erlangen, und stellten sich an die Spitze des Widerstandes gegen die unter den Pippiniden ausgerufene Christianisierung aller Landesteile, so auch der Sachsen.
  • 738: Erster Versuch der festeren Unterwerfung unter die FrĂ€nkische Krone durch Pippin den JĂŒngeren
  • 772 bis 804: Der Versuch der EinfĂŒhrung des Christentums in die grĂ¶ĂŸtenteils schon abhĂ€ngigen Gebiete fĂŒhrte zu den mehr als dreißig Jahre dauernden Sachsenkriegen Karls des Großen
  • 772: Eroberung der sĂ€chsischen Eresburg und Zerstörung des wichtigsten religiösen Zentrums der sĂ€chsischen Religion, der Irminsul. Der alte Glaube wird von den christlichen Okkupatoren als Heidentum betrachtet.
  • 775: Zweiter Feldzug der Franken. Eroberung der strategisch wichtigen sĂ€chsischen Sigiburg hoch ĂŒber der Ruhr.
Taufe des sÀchsischen Herzogs Widukind, Fresko aus dem 19. Jahrhundert
  • 777: Karl der Große beruft eine frĂ€nkische Reichsversammlung nach Paderborn ein, inmitten des Landes der vermeintlich besiegten Sachsen. Das gescheiterte Engagement Karls in Spanien lĂ€sst die Sachsen ihren UnabhĂ€ngigkeitskampf unter FĂŒhrung Herzogs Widukind wiederaufnehmen.
  • 785: Die Taufe des sĂ€chsischen Herzog Widukind leitet die Christianisierung der Sachsen ein.
  • 794: Entscheidende Schlacht auf dem Sintfeld.
  • 799: Als Machtdemonstration Karls findet erneut eine Reichsversammlung in Paderborn statt; die Sachsen sind endgĂŒltig besiegt.
  • 804: Eingliederung der Sachsen in das Reich Karls des Großen unter Beibehaltung der Things.
  • 809: Gesandte Karls einigen sich mit Gesandten des dĂ€nischen König auf die Eider als Grenzfluss zwischen dem Frankenreich und DĂ€nischem Reich. Karls Einfluss auf die Sachsen endet bei der Burg Esesfeld am Übergang der Marsch zur Geest; die Sachsen Nordalbingiens halten an ihren Traditionen und ihren FĂŒrsten auf der Geest fest.
  • 841–843: Mit dem „Stellinga-Aufstand“ kommt es letztmalig zu AufstĂ€nden des sĂ€chsischen Volkes, angestachelt durch Lothar I., der VerbĂŒndete im Kampf gegen seinen Bruder Ludwig den Deutschen suchte.
  • 9. Jahrhundert: Bildung des Herzogtums Sachsen, bestehend aus den Teilen Engern, Westfalen, Ostfalen und Nordalbingien. Der Landesherr hat in Nordalbingien nur in der Marsch etwas zu sagen, auf der Geest regieren nach wie vor die traditionellen sĂ€chsischen FĂŒrsten und FĂŒrstenfamilien. Zeitweilig brachten diese ihre Gebiete sogar ins WestfrĂ€nkische Reich ein.

Mit Heinrich I. wurde 919 ein sĂ€chsischer Herzog deutscher König. Ihm folgten die ersten deutschen Kaiser Otto der Große, Otto II. und Otto III. Die Epoche der Kaiser aus dem Hause der Liudolfinger endete mit dem Tod Heinrichs II. 1024. WĂ€hrend dieses Jahrhunderts lag der politische und kulturelle Schwerpunkt des Reichs im Gebiet der Sachsen.

Nach der AchtserklĂ€rung Heinrichs des Löwen 1180, wegen dessen Weigerung, dem Kaiser Friedrich Barbarossa Heerfolge nach Italien zu leisten, zerschlug der Kaiser das alte Stammesherzogtum Sachsen. Westfalen wurde in kirchlichen Besitz ĂŒbergeben; Heinrich dem Löwen blieben Braunschweig und LĂŒneburg, die FĂŒrsten und Bischöfe wurden fĂŒr reichsunmittelbar erklĂ€rt; der Name Herzogtum Sachsen haftete nur noch einem kleinen Landesteil an der Elbe an.

Am 6. Januar 1423 wurde dieser Teil dem Markgrafen von Meißen, Friedrich dem Streitbaren, verliehen. Da der Herzogtitel die höhere WĂŒrde besaß, fĂŒhrte dieser von nun an den Titel „Herzog von Sachsen“, wodurch der heutige Freistaat Sachsen seine Bezeichnung bekam. Die Bewohner dieses Landstriches waren Nachfahren der seit dem 7.Jh. ansĂ€ssigen Slawen (Sorben, Wenden), vor allem aber der im Zuge der Ostexpansion seit dem 12. Jh. eingewanderten mitteldeutschen Siedler aus den Gebieten des heutigen ThĂŒringens und Hessens und hatten bis zur NamensĂŒbertragung keinen historischen Bezug zum ehemaligen sĂ€chsischen Stammesverband. Dieses neue Herzogtum Sachsen wurde danach lange als Obersachsen bezeichnet, das historische sĂ€chsische Siedlungsgebiet als Niedersachsen. Letztere Bezeichnung wurde bei der Auflösung Preußens nach dem Zweiten Weltkrieg als Name des heutigen Bundeslandes Niedersachsen wiederbelebt.

SĂ€chsische Stammesgruppen

In der historischen Literatur kommen immer wieder die vier Bezeichnungen sĂ€chsischer Stammesgruppen vor. Ob es sich dabei nicht auch um die frĂ€nkische Einteilung in Verwaltungsprovinzen handelt, ist noch nicht geklĂ€rt. Im spĂ€ten Mittelalter bezeichnete der Name „Ostfalen“ nicht ein Verwaltungsgebiet, sondern ein von „Engern“ (Angrivariern) und „Westfalen“ unterschiedenes Rechtsgebiet.

Trotz der Sachsenkriege wurde die freie Ordnung der sĂ€chsischen TeilstĂ€mme erhalten. Nie hatten die Sachsen sich einem FĂŒrsten oder gar König unterordnen mĂŒssen. Nun wurden sie dazu gezwungen, konnten sich aber zum Teil fĂŒr viele Jahrhunderte ihr sĂ€chsisches Recht und die Rechtsprechung auf dem jĂ€hrlichen Thing erhalten.

Die Sachsen hatten ĂŒber Jahrhunderte eine stabile Stammesverfassung mit jĂ€hrlichen Versammlungen, den Things, bei denen alle politischen Angelegenheiten besprochen und Recht gesprochen wurde, geschaffen. HierfĂŒr wurden GaufĂŒrsten oder StammesfĂŒrsten bestimmt, die auf diesen Things zusammentrafen, um die Interessen ihrer StĂ€mme zu vertreten. Diese GaufĂŒrsten hatten aber im Gegensatz zu FĂŒrsten oder Herzögen anderer nicht sĂ€chsischer Gebiete keinen Anspruch auf das Gebiet oder Land, welches sie vertraten. Lediglich in Kriegszeiten stellten sich die Sachsen unter die FĂŒhrung eines Herzogs, welcher ein angesehener Krieger war und vom Volk, genau wie die Gau- und StammesfĂŒrsten, bestimmt bzw. gewĂ€hlt wurde.

Das alte Sachsenland bestand im Ganzen aus den drei Gauen:

  1. Westfalen: der westliche Teil des alten Sachsenlandes um die FlĂŒsse Ruhr, Sieg, Lippe und Ems, also das heutige MĂŒnsterland ĂŒber OsnabrĂŒck bis zur friesischen Grenze, im SĂŒden einschließlich des heutigen östlichen Ruhrgebietes und Sauerlandes und im Westen die heutigen niederlĂ€ndischen Provinzen Overijssel und Drenthe.
  2. Engern: der mittlere Teil des alten Sachsenlandes um die FlĂŒsse Weser, Diemel, Leine bis zur Aller, also das östliche Sauerland bzw. östliche Westfalen an der Weser von Hannoversch MĂŒnden bis ĂŒber Minden um Göttingen bis an die untere Leine in Hannover hinauf bis Holstein und Friesland.
  3. Ostfalen: der östliche Teil des alten Sachsenlandes um die FlĂŒsse Aland, Ohre, Saale, Oker, Bode im Osten bis zur Elbe, also die Gegend um Magdeburg, Braunschweig, Hildesheim, Halberstadt im SĂŒden einschließlich des Harzes, im Norden und Osten bis zur Elbe.

Die Bezeichnung Westfalen ist als einzige erhalten geblieben, die Bezeichnungen Engern und Ostfalen sind bei der Auflösung des Herzogtums Sachsen nach der AchtserklĂ€rung Heinrichs des Löwen 1180 verlorengegangen. Nur der Name Engern hatte im Titel des Herrschers des jĂŒngeren Herzogtums Sachsen mit dem Titel Herzog von Sachsen, Engern und Westfalen weiterhin Bestand. Ostfalen bestand darĂŒber hinaus nur als Name des Ostfalengaus.

NiedersÀchsisch oder Niederdeutsch ist eine eigenstÀndige Sprache mit einer eigenen Grammatik. Danach gliedert sich das NiedersÀchsische in folgende Sprachuntergruppen:

  1. NordniedersÀchsisch
  2. WestfÀlisch
  3. OstfÀlisch

Hier tauchen die alten sÀchsischen Stammes- oder Gaunamen wieder auf.

Das nordelbische Gebiet untergliederte sich in Dithmarschen, Holstein und Stormarn.

Westfalen

Die Westfalen lebten hauptsĂ€chlich zwischen dem Rheinvorland (MĂŒnsterland, mittlere Ruhr, Sauerland) und der Weser. Ihr Name hat die Bedeutung „WestmĂ€nner“ oder „Westsachsen“ und ist erstmals zur Zeit Karls des Großen bezeugt. In der letzten Zeit wurde die ethnische Zugehörigkeit der Westfalen zu den Sachsen ĂŒberzeugend in Frage gestellt. AuffĂ€llig ist, dass die archĂ€ologischen Funde aus Westfalen belegen, dass die dort ansĂ€ssige Bevölkerung schon im 6. Jahrhundert unter starkem frĂ€nkischen Einfluss stand, ohne jedoch dem Frankenreich zugerechnet werden zu können.

Eine Zugehörigkeit zur sÀchsischen Ethnie kann ebenso nicht nachgewiesen werden. Wohl erst der Druck der frÀnkischen Eroberung hat die westfÀlische Bevölkerung zum Zusammengehen mit den Sachsen genötigt. In der Betrachtung durch die erfolgreiche frÀnkische Seite wurden dann auch die eigenstÀndigen Bevölkerungsteile Westfalens unter dem Begriff der Sachsen subsumiert.[26]

Ostfalen (Saxoniae Orientalis)

Die Ostfalen („OstmĂ€nner“) lebten zwischen Weser und Elbe. Dieses ursprĂŒnglich thĂŒringische Gebiet wurde erst im 7. bis 10. Jahrhundert besiedelt.

Engern

Die Engern nahmen in Sachsen offenbar eine zentrale Stellung ein. Sie lebten an der Weser, zwischen Ostfalen und Westfalen. In ihrem Gebiet liegt die StĂ€tte der jĂ€hrlichen Versammlung von Marklo an der Weser. Der Name der Engern (lateinisch „Angarii“) scheint die verkĂŒrzte Form des Namens der Angrivarier zu sein, die demnach einen wichtigen Stamm der Sachsen bildeten.

Nordalbingier

Wie der Name (lateinisch albis Elbe) aussagt, lebten die Nordalbingier nördlich der Elbe. Der östliche Teil dieses Gebietes ging im 8. Jahrhundert grĂ¶ĂŸtenteils an die von Osten einwandernden Slawen verloren (Ostholstein) und wurde erst im Hochmittelalter von den Holsteiner Grafen erneut unterworfen. Das sĂ€chsische Gebiet wurde nach Norden von Eider und Levensau (westlich von Kiel), nach Osten durch die Schwentine begrenzt und stieß nur an der Kieler Förde an die Ostsee. Dithmarschen, Holstein und Stormarn waren im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem dĂ€nischen Königreich und dem deutschen Kaiserreich vom restlichen Sachsen getrennt. Oft regierten hier landflĂŒchtige dĂ€nische Könige mit Duldung des Kaisers, die in DĂ€nemark vom Thron gestĂŒrzt worden waren – wie auch in einigen Teilen Nordwestniedersachsens. Zweimal wurde dieses Gebiet vom Kaiser dem dĂ€nischen Königshaus zuerkannt und viele Male erkannten die Adeligen den dĂ€nischen König als ihren Lehnsherrn an.

Sprachen

  1. Die Sprache im sĂ€chsischen Stammesverband wird dem Nordseegermanischen zugeordnet und bildete gemeinsam mit den verwandten Sprachen der Angeln und JĂŒten die Grundlage des AngelsĂ€chsischen. Das FestlandsĂ€chsische stand bis zum 10. Jh. dem Altenglischen nĂ€her als dem Althochdeutschen. Bis heute gibt es einen gemeinsamen Grundwortschatz zwischen dem Englischen und dem Niederdeutschen. Erst durch den Einfluss des normannischen Französisch bekam das Englische seine germanisch-romanische Gestalt.
  2. Auch das als Sprache der Hanse verbreitete Niederdeutsche geht vor allem auf das SĂ€chsische zurĂŒck. In Schleswig-Holstein und den nördlichen Teilen des Bundeslandes Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wird bis heute neben Hochdeutsch Nordniederdeutsch gesprochen. Auch WestfĂ€lisch, OstfĂ€lisch und das in Brandenburg und im Norden von Sachsen-Anhalt bis ins 20. Jh. in lĂ€ndlichen Gebieten gebrĂ€uchliche „Platt“ sind niederdeutsche Dialekte. Selbst die heutige berlinerisch-brandenburgische Mundart hat ein deutlich niederdeutsches Substrat.
  3. Der heute umgangssprachlich als „SĂ€chsisch“ bezeichnete Dialekt Obersachsens (Kursachsen), des heutigen Freistaates Sachsen, Ost-ThĂŒringens sowie des sĂŒdlichen Sachsen-Anhalts, geht auf Ostmitteldeutsche Sprachen zurĂŒck und gehört zur thĂŒringisch-obersĂ€chsischen Dialektgruppe.

Literatur

  • Bremer ArchĂ€ologische BlĂ€tter, Beiheft 2/2000 zur gleichnamigen Ausstellung im Focke-Museum: „Siedler, Söldner und Piraten“. Chauken und Sachsen im Bremer Raum, Der LandesarchĂ€ologe Bremen, ISSN 0068-0907.
  • Torsten Capelle: Die Sachsen des frĂŒhen Mittelalters. Theiss, Stuttgart 1998, ISBN 3-8062-1384-4.
  • Torsten Capelle, Matthias Springer, Heinrich Tiefenbach: Sachsen. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 26, de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 3-11-017734-X, S. 24–60.
  • Wilhelm Gebers: Auf dem Weg nach Walhall – Die Pferde der Altsachsen – Begleiter in Leben und Tod. Industrie-Museum Lohne, Lohne 2004, ISBN 3-9808151-8-8.
  • Bruno KrĂŒger (Hrsg.): Die Germanen – Geschichte und Kultur der germanischen StĂ€mme in Mitteleuropa. Handbuch in 2 BĂ€nden. Akademie-Verlag, Berlin 1983. (Veröffentlichungen des Zentralinstituts fĂŒr Alte Geschichte und ArchĂ€ologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Bd. 4).
  • Wolfgang Giese: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit. Studien zum Einfluß des Sachsenstammes auf die politische Geschichte des Deutschen Reichs im 10. und 11. Jahrhundert und zu ihrer Stellung im ReichsgefĂŒge mit einem Ausblick auf das 12. und 13. Jahrhundert. Steiner. Wiesbaden 1979, ISBN 3-515-02787-4.
  • Hans-JĂŒrgen HĂ€ĂŸler: Niedersachsens frĂŒhe Bevölkerung: Die Altsachsen der spĂ€trömischen Kaiserzeit und des frĂŒhen Mittelalters. Hannover 2004, ISBN 3-89995-094-1.
  • Matthias Springer: Die Sachsen. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-016588-7. (Mit teils abweichenden Forschungspositionen; Rezension in Sehepunkte.)

Einzelnachweise

  1. ↑ Capelle: (1998) S. 10,11.
  2. ↑ a b Springer, Die Sachsen, S. 57–96.
  3. ↑ Albert Genrich: Der Name der Sachsen – Mythos und RealitĂ€t. In: Studien zur Sachsenforschung, 7. S. 137–144, Verlag August Lax, Hildesheim 1991
  4. ↑ Ernst Schwarz: Germanische Stammeskunde, VMA Verlag Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-938586-10-5, S. 119ff und 130ff.
  5. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 131 ff.
  6. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 17–31.
  7. ↑ Eutrop erwĂ€hnt aufstĂ€ndige Sachsen fĂŒr das Jahr, in dem Kaiser Marcus Aurelius Carinus ermordet wurde: Eutrop, Breviarium, 9, 21
  8. ↑ Vgl. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Berlin 2006, S. 287f.
  9. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 32–46.
  10. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 47–56.
  11. ↑ a b Springer, Die Sachsen, S. 53.
  12. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 97–99.
  13. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 100–111.
  14. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 111 ff.
  15. ↑ Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. Kohlhammer Verlag, FĂŒnfte aktualisierte Auflage 2006. (S.143 f.)
  16. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 115.
  17. ↑ Ptol. 2,11.
  18. ↑ So etwa noch im KIP, Bd. 4, Sp. 1577.
  19. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 17–31.
  20. ↑ Eutrop, 9.21.
  21. ↑ Atlas zur Geschichte Band 1, VEB Hermann Haack, Leipzig 1981, S. 16, Karte I
  22. ↑ Udolph 1999, S. 447; Udolph 1995, S. 266.
  23. ↑ Springer, Die Sachsen, S. 47.
  24. ↑ laut Gildas
  25. ↑ Rudolf von Fulda (nach 850), Widukind von Corvey (968) und die Quedlinburger Annalen (um 1020).
  26. ↑ Kristina Nowak: „Der Krieg gegen die ‚Sachsen‘ – Ein Beitrag zur ethnischen IdentitĂ€t in Westfalen“, in: Ralf Molkenthin / Bodo Gundelach (Hrsg.): De Ludo Kegelorum, BeitrĂ€ge zur Ernennung Dieter Schelers zum Honorar-Professor, Morschen 2008, S. 9–19; Kristina Nowak: „Geschichte wird von Siegern geschrieben
., Quellen des 6. bis 9. Jahrhunderts und der archĂ€ologische Kontext in Westfalen“, in: Henriette Brink-Kloke (Hrsg.); „Die Herrschaften von Asseln, Ein frĂŒhmittelalterliches GrĂ€berfeld am Dortmunder Hellweg“, MĂŒnchen, Berlin 2007, S. 89–94

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