Schiffmühle

Schiffmühle Minden
Schiffmühlen auf dem Rhein um 1411

Die Schiffmühle oder Schiffsmühle ist eine heute seltene Bauform der Wassermühle. Im Deutschen werden die Wortformen Schiffs- und Schiffmühle (mit und ohne Fugen-S) nebeneinander verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Erste Erwähnung

Bezeugt sind Schiffmühlen bereits für das Jahr 540 n. Chr., als die Ostgoten unter Witichis bei der Belagerung Roms die vierzehn Aquädukte zur Versorgung der Stadt zerstörten. Damit wurde auch die Trajanischen Wasserleitung zum Versiegen gebracht, die die Wassermühlen am Ianiculum in Trastevere antrieb. Um die lebenswichtige Versorgung der Stadt mit Mehl zu gewährleisten, ließ Belisar auf Barken schwimmende Mühlen im Tiber verankern, deren Räder vom Tiber angetrieben wurden.[1]

Technik der Schiffmühlen

Zeichnung 1: Schiffmühle nach H. Ernst, 1805
Übersicht 1853 der Schiffsmühlen an Ober-und Mittelrhein
Zeichnung 2: Schiffmühle nach H. Ernst, 1805

Die Mühlen- und Mahltechnik sowie der Antrieb (Wasserrad) sind bei diesem Mühlentyp auf einer schwimmenden Plattform errichtet. Zwischen Hausboot (zum Ufer hin gelegenes Hauptschiff) und Wellboot (Weitschiff) befindet sich das unterschlächtige Wasserrad, das durch Fließwasser angetrieben wird. Auf dem Hausboot stehen ein Holzhaus mit Bett, Tisch und Sessel für den Schiffsmüller und seine Gehilfen sowie das Mühlwerk. Es gibt Hinweise auf Schiffmühlen, die beidseitig ein schmaleres Wasserrad hatten, ähnlich wie es von alten Raddampfern bekannt ist. Die schwimmende Plattform wird an der strömungsintensivsten Stelle im Fluss verankert, an Brückenpfeilern wegen des guten Zugangs zur Mühle oder auch am Ufer vertäut.

Dadurch kann die Schiffmühle bei wechselnden Wasserständen aufschwimmen, es steht der Mühle stets die gleiche Wasserenergie zur Verfügung. Der Wirkungsgrad einer Schiffmühle entspricht im günstigsten Fall dem einer unterschlächtigen Wassermühle. Schiffmühlen hatten jedoch den Vorteil, dass ihre Energie im Gegensatz zu Wasser- und Windmühlen immer zur Verfügung stand, so dass sie als Grundlastmaschine (d. h. nicht besonders stark, aber dafür 24h laufend) zur Verfügung stand.

Schiffmühlen konnte man bei Bedarf (Schiffsverkehr, Flößerei, Eisgang, niedrige Wasserstände) an das sichere Ufer ziehen. Flussauf nahm man Pferde zu Hilfe, um die schwimmende Mühle an einen anderen Platz zu ziehen. Die Schiffmühlen waren, wie auch die Wasser- und Windmühlen, im Besitz der Landesherren oder Klöster. Damit war auch die rechtliche Situation geregelt (Mühlenrecht). Historische Schiffmühlen haben sich in Mitteleuropa nicht erhalten, da die aufkommende Flussschifffahrt sie zu einem Hindernis machte. Auch waren die hölzernen Schiffmühlen durch den ständigen Wasserkontakt meist nach etwa 50 Jahren baufällig.

Im Sommer 2010 wurde in Magdeburg in Sichtweite zur historischen Schiffmühle der Prototyp einer stromerzeugenden Schiffmühle getestet. Er hatte eine Länge von 16 m, eine Breite von 6 m und eine Nennleistung von 4,5 kW[2]. Das Wasserrad hatte ein Eintauchtiefe von 1,2 m.

Geografische Verbreitung der Schiffmühlen

Schiffmühlen auf dem Rhein vor Köln aus Anton Woensam, Große Ansicht von Köln 1531

An nahezu allen Flüssen in Europa wurden Schiffmühlen betrieben.

  • Elbe – bis 1911, z.B. Schiffsmühle Westerhüsen
  • Rhein: Kölner Rheinmühlen, Straßburg, Mainz und viele andere Standorte –vom 9.–20. Jahrhundert nachgewiesen. 1853 gab es von Alt-Breisach bis Koblenz 61 Schiffsmühlen.
  • Donau: Regensburg – 1493 urkundlich erwähnt; Wien Kaisermühlen, Orth an der Donau (Niederösterreich). Allein im Raum Wien hat es um 1770 an die 20 Schiffsmühlen gegeben, die teilweise bis ins 19. Jahrhundert existierten.
  • Mur: Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn
  • Weser: Minden – 1326 erstmals urkundlich erwähnt
  • Tiber: Rom

Tourismus

Prototyp einer Schiffmühle zur Stromerzeugung

Es gibt jedoch einige Nachbauten von Schiffmühlen:

Weiter gibt es Schiffmühlen als Denkmal:

  • in Magdeburg am Ufer der Elbe, wo früher bis zu 23 Stück lagen, sowie
  • in Bad Düben im Burggelände gibt es die Bergschiffmühle, mit der früher Korn gemahlen wurde.

Eine Rekonstruktion ist am Rhein in Arbeit:

  • in Ginsheim am Ufer des Rhein – gegenüber Mainz wurde Ende September 2011 die Rekonstruktion verankert. Im Jahre 1875 lagen dort z. B. 22 Mühlen im Strom.

Fotografien

Einzelnachweise

  1. Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Bd. I, Cotta, Stuttgart 1859, S. 356ff.
  2. Pressemitteilung IWR vom 28. Juli 2010
  3. Vodný mlyn Kolárovo abgerufen am 14. Februar 2010 (engl.)

Literatur

  • Adam Meltzer: Mühlenbaukunst. Merseburg 1805.
  • Heinrich Ernst: Anweisung zum praktischen Mühlenbau. Leipzig 1805.
  • J. Mager, G. Meißner, W. Orf: Die Kulturgeschichte der Mühlen. Leipzig 1988.
  • Daniela Gräf, Boat Mills in Europe from Medieval to Modern Times. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie Sachsen 51, 2006.
  • Rhein-Museum Koblenz, Beiträge zur Rheinkunde, Heft 44/1992 Seite 14ff von Josef Kläser
  • Karl Jüngel; Landschaftsmuseum Dübener Heide (Hrsg.): Schiffsmühlen. Eine Flotte, die fast immer vor Anker lag. Elbe-Druckerei Wittenberg, Bad Düben 1987, S. 96.

Weblinks

 Commons: Schiffsmühlen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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