Schlüsselfiedel

Nyckelharpa, gebaut von Eric Sahlström
Details der Mechanik
Spielweise: Marco Ambrosini mit einer Nyckelharpa von Annette Osann
Putte mit Schlüsselfidel am Knochenhaueramthaus in Hildesheim
Kirche von Tolfta, Uppland, Schweden. Zwei Engel mit Nyckelharpa in den Deckengemälden, 2. Hälfte 15. Jahrhundert
Engel mit "Viola a chiavi", Cappellina di Palazzo Pubbico, Siena, Italien. Fresko von Taddeo di Bartolo, 1408

Die Nyckelharpa ist ein Streichinstrument. Der Begriff stammt aus Schweden (Plural Nyckelharpor) und ist zunehmend international und auch in Deutschland gebräuchlich. Die deutschen Bezeichnungen sind „Schlüsselfidel“, „Schlüsselgeige“ oder seltener „Tastenfidel“. (Die gelegentlich gebrauchte Schreibweise Schlüsselfiedel ist nach Auskunft der Duden-Redaktion nicht sinnvoll, da „Fiedel“ eine abwertende Bezeichnung für Geige ist, während „Fidel“ die frühmittelalterliche Urform aller Streichintrumente bezeichnet.)

Inhaltsverzeichnis

Aufbau und Arten

Die Nyckelharpa ist ein Streichinstrument. Mit Hilfe eines kurzen Bogens werden ihre Saiten in Schwingung versetzt. Die Tonhöhe der Melodiesaite(n) wird dabei durch das Betätigen von Tasten, (den Schlüsseln) bestimmt - ähnlich wie bei der Drehleier. Diese Tasten werden auch als Tangenten bezeichnet.

Es gibt eine Vielzahl an Formen der Nyckelharpa. Eine moderne, chromatische Nyckelharpa hat vier Melodiesaiten, die dem Bogen gespielt werden. Je nach Bauart der Tastatur können verschieden viele (meist drei oder alle vier) Melodiesaiten mit den Tangenten verkürzt und damit in der Höhe verändert werden. Die nicht variierten Saiten werden als Bordun genutzt.

Dazu kommen meist zwölf Resonanzsaiten oder Sympatiesaiten (engl. sympathetic strings - eine Saite für jeden Halbton). Diese Resonanzsaiten liegen unter den Melodiesaiten und werden nicht mit dem Bogen berührt, sondern durch die angespielten Töne und deren Obertöne zum Mitschwingen angeregt. Durch die Resonanzsaiten entsteht der Eindruck eines Hall-Effektes. Wann die ersten Nyckelharpor mit Resonanzsaiten ausgestattet wurden, konnte bisher nicht geklärt werden.

Nach dem Vorhandensein von Resonanzsaiten erfolgt auch eine erste Einteilung unterschiedlicher Typen von Nyckelharpas:

Nyckelharpor ohne Resonanzsaiten sind die Mora-Harpa, die Esse-Harpa (West-Finnland) oder die Nyckelharpa von Vefsen (Norwegen).

Nyckelharpor mit Resonanzsaiten sind die Enkelharpa, Silver- und Kontrabasharpa und die chromatische (schwedisch kromatisk) Nyckelharpa, die modernste und am weitesten verbreitete Form. Die Anzahl der Resonanzsaiten und deren Stimmung variiert, die chromatische Nyckelharpa hat zwölf davon.

Weitere Unterteilungen erfolgen nach Art, Anzahl und Position von Bordun- und Melodie-Saiten. Eine Unterteilung nach Anzahl von Tastaturreihen, wie sie oft vorkommt, ist ungenau. Vor allem im oberen Register werden die Tangenten für das Abgreifen der Töne aus Platzgründen oft über zwei Tastaturreihen verteilt. Der Tonumfang ist bei den älteren Formen meist diatonisch, die modernen sind chromatisch spielbar.

Geschichte

Das Musikinstrument Nyckelharpa gibt es seit dem Mittelalter. Belege über ihre Existenz finden sich hauptsächlich in Schweden, aber auch in Dänemark, Deutschland, Österreich und Italien.

Eine der wahrscheinlich ältesten Abbildungen einer Nyckelharpa findet sich auf einem Steinrelief am Portal der Källunge kyrka in Gotland, Schweden, datiert auf ca. 1350. Das dargestellte Instrument ähnelt stark einer Frühform der Nyckelharpa, die heute als „Mora-Harpa“ bekannt ist. Diese bis heute überlieferte Form der Nyckelharpa wurde nicht nach ihrem Fundort Älvdalen in Dalarna (Mittelschweden) benannt, sondern nach ihrer neuen Heimat in Mora, wo sie im Zornmuseum ausgestellt ist. Auf der Halsrückseite der Mora-Harpa steht die Jahreszahl 1526. Es kann sich dabei aber nicht um das Baujahr handeln, weil dieses nachweislich das Jahr 1680 ist.

Im Deutschland des 16. und 17. Jahrhunderts war die „Schlüsselfidel“ offenbar bekannt, denn sowohl bei Sebastian Virdung „Musica getutscht und ausgezogen“ als auch bei Michael Praetorius „Syntagmatis musici tomus secundus“ von 1619 mit „Theatrum instrumentorum“ wird sie erwähnt und detailliert dargestellt. 1989 fand der schwedische Instrumentenforscher Per-Ulf Allmo an der Fassade des Hauses der Schlachterinnung (dem Knochenhaueramtshaus von 1529) in Hildesheim eine Verzierung mit fünf Putten, von denen eine ganz offensichtlich auf einer Nyckelharpa spielt. Eine Abbildung eines Engels in Siena, Italien, zeigt ebenfalls ein Instrument, welches vom selben Typus wie die Schlüsselfidel von Praetorius ist (Fresko von Taddeo di Bartolo, 1408). In seinem 2004 erscheinenden Buch „Den gäckande nyckelharpan“ wurden neue Erkenntnisse über die Herkunft der Nyckelharpa veröffentlicht. Per-Ulf Allmo fand anhand älterer Darstellungen Belege, dass die Idee der Nyckelharpa ursprünglich von Kontinental-Europa nach Schweden gewandert ist.

Im Salzburger Museum Carolino Augusteum werden zwei Schlüsselfideln aus dem Süddeutsch-Österreichischen Raum aus dem 17. Jahrhundert aufbewahrt.

Heutige Brauchpflege

Jedes Jahr findet in Österbybruk im schwedischen Uppland ein Treffen der besten Spielleute statt, die so genannte nyckelharpstämman. Dabei werden einerseits Wettbewerbe durchgeführt (eine WM), außerdem können auch die Instrumente selbst zur Begutachtung eingereicht werden. Andererseits steht das gemeinschaftliche Spielen und Instrumentebauen - auch mit spontanen Treffen unterschiedlicher Spielgruppen - eine zentrale Rolle.

Während bekannte Spielleute die Nyckelharpa vor allem solo oder mit anderen Nyckelharpor spielen, wird das Instrument volkstümlich vor allem in Gruppen zusammen mit Akkordeon, Kontrabass und natürlich Violine gespielt.

Nyckelharpa-Spieler, Instumentenbauer und Komponisten

Bedeutende Nyckelharpa-Spieler

Die chromatische Nyckelharpa wurde 1929 von August Bohlin (1886-1949) entwickelt und später zu einem modernen, vielseitig einsetzbaren Instrument weiterentwickelt. Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Nyckelharpa nicht verbreitet und wurde nur noch von wenigen Spielmännern in Uppland gespielt. Vor allem Eric Sahlström (1912-1986) hat durch seine Kompositionen zu einer Erweiterung des Repertoires beigetragen.

Einer seiner Nachfolger ist Johan Hedin, der nicht nur musikalisch, sondern auch durch seine Neukonstruktionen, die von Peder Källman gebaut werden, bekannt ist. Die neuesten Mitglieder der Instrumentenfamilie sind die Alto- und Tenor-Nyckelharpa.

Stilprägende, bekannte Nyckelharpaspieler sind: Anders Norudde, Tellu Virkkala (beide Mora-Harpa), Olov Johansson (Chrom. NH und Kontrabasharpa), Åsa Jinder, Johan Hedin und Björn Björn (Silverbasharpa). Die Nyckelharpa wird aber auch zunehmend außerhalb Schwedens gespielt (Triskilian, Poeta Magica, Adaro, Marco Ambrosini, Didier François, Cultus Ferox, Faun, Duivelspack und Versengold) und gebaut (Jean-Claude Condi, Annette Osann, Ralf Gehler und Nikolaj Marks).

Wichtige Instrumentenbauer

Bekannte Nyckelharpabauer in Schweden sind Esbjörn Hogmark, Olle Plahn, Leif Eriksson, Björn Björn und Sören Åhker.

In Frankreich haben Jean-Claude Condi und Annette Osann, ausgehend vom Geigenbau eine eigenständige Form des Nyckelharpabaus entwickelt. Jean-Claude Condi hat außerdem den Bau von Bögen für die Nyckelharpa entscheidend weiter entwickelt.

Komponisten

Viele zeitgenössische Komponisten haben Werke für Nyckelharpa geschrieben: u.a. Michael Riessler, Marco Ambrosini, Didier François, Ditte Anderson, Jean-Louis Matinier, Lisma Project, Katharina Dustmann, Olov Johansson, Boris Koller und Johan Hedin.

Unterricht

In Schweden gibt es Ausbildungsmöglichkeiten auf der Nyckelharpa am Eric-Sahlström-Institutet in Tobo. Dort werden einjährige Vollzeitkurse, aber auch externe Kurse angeboten, die dann länger dauern. Eine auf zwei bis drei Jahre angelegte berufsbegleitende „Europäische Nyckelharpa Fortbildung“ für Musiker wurde auf Initiative von Marco Ambrosini (im Zusammenarbeit mit den Dozenten Didier François, Annette Osann, Ditte Andersson und Jule Bauer) in einer Kooperation der Scuola di Musica Popolare di Forlimpopoli in Italien, dem Eric-Sahlström-Institutet in Schweden und der Akademie Burg Fürsteneck in Deutschland entwickelt.

Weblinks


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