Schweizerdeutsch

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Schweizerdeutsch
Schweizerdeutsch (SchwizerdĂŒtsch)

Gesprochen in

Schweiz
Sprecher GeschÀtzte 4'450'000 Sprecher
Linguistische
Klassifikation

Indogermanische Sprachfamilie Germanische Sprachen

Westgermanische Sprachen
Deutsche Sprache
Oberdeutsche Sprache
Alemannisch
  • Schweizerdeutsch
Offizieller Status
Amtssprache von de jure nirgendwo

de facto im mĂŒndlichen Amtsverkehr: SchweizSchweiz Schweiz

Sprachcodes
ISO 639-1:

—

ISO 639-2:

gsw

ISO 639-3:

gsw

Der geografische Sprachraum des Schweizerdeutschen

Schweizerdeutsch (schweizerdt. SchwizerdĂŒtsch, SchwiizertĂŒĂŒtsch und Ă€hnlich) ist eine Sammelbezeichnung fĂŒr die in der Deutschschweiz gesprochenen alemannischen Dialekte.

Die schweizerische Variante des Standarddeutschen wird Schweizer Hochdeutsch (in der Schweiz: Schweizerhochdeutsch) oder Schriftdeutsch genannt und darf nicht mit Schweizerdeutsch verwechselt werden.

Inhaltsverzeichnis

Sprachwissenschaftliche PrÀzisierung des Begriffs

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Sprachgrenzen zwischen den alemannischen Dialekten des Schweizerdeutschen und den ĂŒbrigen alemannischen (Elsass, Baden-WĂŒrttemberg, das bayerische Schwaben, Vorarlberg, Liechtenstein, Walsersiedlungen) beziehungsweise sonstigen deutschen Dialekten, sondern nur ein Dialektkontinuum. Zwischen den deutsch-alemannischen Dialekten in der Schweiz und den ĂŒbrigen alemannischen Dialekten besteht der pragmatische Unterschied, dass die schweizerdeutschen Dialekte in fast allen GesprĂ€chssituationen vorrangig benutzt werden, wĂ€hrend im ĂŒbrigen alemannischen Sprachraum die deutsche Standardsprache (bzw. im Elsass das Französische) die Ortsdialekte inzwischen vielfach als vorrangige Sprache verdrĂ€ngt hat.

Das deutsch-alemannische Dialektkontinuum in der Schweiz besteht aus hunderten von Deutschschweizer Mundarten. Die starke topografische Kammerung der Schweiz und die relativ geringe MobilitĂ€t bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben dazu gefĂŒhrt, dass sich die Ortsdialekte zum Teil sehr stark voneinander unterscheiden, so dass sogar die Deutschschweizer untereinander VerstĂ€ndigungsprobleme haben können. So haben Schweizer aus dem „Unterland“ oft MĂŒhe, höchstalemannische Dialekte – etwa Walliserdeutsch – zu verstehen. Neben den unterschiedlichen Aussprachen sind insbesondere Flurnamen oder Benennungen von Pflanzen, Werkzeugen, landwirtschaftliche GerĂ€ten und Ähnlichem stark regional geprĂ€gt.

Gliederung der schweizerdeutschen Dialekte

Die Gliederung der schweizerdeutschen Mundartkennzeichen erfolgt analog zu der der alemannischen (westoberdeutschen) Dialektmerkmale.

Das traditionelle Verbreitungsgebiet westoberdeutscher (= alemannischer) Dialektmerkmale im 19. und 20. Jahrhundert. Die Deutschschweiz hat â€“ mit Ausnahme von Samnaun â€“ einen wesentlichen Anteil daran.

Niederalemannisch

Zur Dialektgruppe des Niederalemannischen gehört in der Schweiz der Dialekt von Basel-Stadt, das Baseldeutsch. Kennzeichen dieses Niederalemannischen ist ein anlautendes k [kÊ°] statt des hochalemannischen ch [x] oder [χ], beispielsweise Kina statt China. Das Niederalemannische wird zugleich nördlich des Bodensees und in jenem Teil des ehemaligen Landes Baden (im heutigen Baden-WĂŒrttemberg) gesprochen, der sĂŒdlich der Oos, des Flusses durch Baden-Baden, liegt. Auch viele elsĂ€ssische Dialekte zĂ€hlen zum Niederalemannischen.

Hochalemannisch

Die meisten hochalemannischen Dialekte werden in der Schweiz gesprochen. Zum Hochalemannischen gehören sodann die Dialekte des Ă€ussersten SĂŒdwestens Baden-WĂŒrttembergs und des elsĂ€ssischen Sundgaus. Ob die Dialekte des sĂŒdlichen Vorarlbergs und des FĂŒrstentums Liechtenstein zum Hochalemannischen oder zum Mittelalemannischen (Bodenseealemannischen) gehören, hĂ€ngt von den jeweiligen Dialektgliederungskriterien ab.

Höchstalemannisch

Die Mundarten des Wallis und der Walsersiedlungen (im Piemont, im Tessin und in GraubĂŒnden, ferner in Liechtenstein und Vorarlberg), des Berner Oberlands, des freiburgischen Senselands, der sĂŒdlichen Innerschweiz (Uri, Unterwalden und mehrheitlich Schwyz) und des Kantons Glarus gehören zum Höchstalemannischen, dessen Kennzeichen Formen wie schnyyĂ€, nĂŒĂŒ(w)/nyyw, buu(w)e/bĂŒĂŒ(w)Ă€ statt hochalemannischem schneie/schnĂ€ie, neu, boue/baue sind. Die Dialekte des Wallis und der von den Wallisern (Walsern) gegrĂŒndeten Tochtersiedlungen in Norditalien und im Tessin bilden eine besonders konservative Untergruppe.

Die Mundart von Samnaun im Unterengadin gehört nicht zum Alemannischen, sondern zum Tirolerischen, also zum Bairisch-Österreichischen.

Schweizer Hochdeutsch und Schweizerdeutsch

Der Sprachgebrauch in der Schweiz unterscheidet sich dadurch von dem in Deutschland oder Österreich, dass ein deutlicher Gegensatz zwischen Dialekt und Standardsprache besteht: Dialekt und Standardsprache bilden also kein Kontinuum, in dem ein gleitender Übergang möglich wĂ€re. Eine sprachliche Äusserung kann nicht auf mehr oder weniger dialektale oder standardsprachliche Art erfolgen; man spricht entweder Dialekt oder Standardsprache und wechselt zwischen beiden.

Die Dialekte werden in der Schweiz von allen sozialen Schichten im mĂŒndlichen Bereich als normale Umgangs- und Verkehrssprache verwendet; Dialekt zu sprechen ist also nicht sozial geĂ€chtet. Auch mit sozial höhergestellten Leuten und im Umgang mit Behörden ist das Sprechen des Dialekts in jeder Situation ĂŒblich.

Schweizer Hochdeutsch wird in der Schweiz hauptsĂ€chlich fĂŒr schriftliche Äusserungen verwendet und wird deshalb auch oft «Schriftdeutsch» genannt.

In den letzten Jahrzehnten sind verstÀrkt Gebrauchsausweitungen des Dialekts zu Lasten des (Schweizer) Hochdeutschen festzustellen (wobei im Weiteren unter «Hochdeutsch» stets die deutsche Standardsprache (teilweise mit deutlichem Schweizer Akzent) zu verstehen ist):

  • Im mĂŒndlichen Bereich sollte das Hochdeutsche zwar offizielle Sprache des Schulunterrichts sein, doch beschrĂ€nken sich die Lehrer aller Stufen oftmals darauf, nur den eigentlichen Unterrichtsgegenstand in Hochdeutsch zu erteilen; zwischendurch gemachte Bemerkungen und Anweisungen (beispielsweise Stefan, gang bis so guet s FĂ€ischter go zuemache «Stefan, sei so gut und mach das Fenster zu!») erfolgen dagegen in der Mundart. Das Hochdeutsche wird damit zur Sprache der Distanz («Sprache des Verstandes»), der Dialekt zur Sprachform der NĂ€he («Sprache des Herzens»). Auch Zwischenfragen und Ă€hnliche Interventionen von SchĂŒlern und Studenten erfolgen immer mehr im Dialekt. Diesen Zustand bestĂ€tigen auch indirekt die wiederholten Ermahnungen der Schulbehörden, das Hochdeutsche im Unterricht mehr zu pflegen.
  • Vor allem in den privaten Radio- und FernsehkanĂ€len wird praktisch nur Dialekt gesprochen. Da es viele Mitarbeiter aber gewohnt sind, ihre Sprechtexte auf Hochdeutsch niederzuschreiben, entsteht beim Ablesen oft eine stark hochdeutsch geprĂ€gte Sprachform mit den Lautformen des Dialekts, aber der Syntax und dem Wortschatz des Hochdeutschen: Me befĂŒrchtet, das d Zaal der Verletzte, die i ChrankehĂŒser ygliferet worde sy, no betrĂ€chtlech aaschtyge chönnt statt me befĂŒrchtet, das d Zaal vo de Verletzte, wo i SchpitĂ€ler sy ygliferet worde, no betrĂ€chtlech chönnt aaschtyge (Berndeutsch). In den öffentlichrechtlichen Medien gilt es zu differenzieren:
    • Im Radio (private Stationen und Schweizer Radio DRS) werden fast nur noch Nachrichten und politische Informationssendungen (z. B. Echo der Zeit) sowie das gesamte Programm des Kulturkanals (DRS 2) auf Hochdeutsch ausgestrahlt.
    • Im privaten und im Schweizer Fernsehen (SF) ist der Dialekt ĂŒblich in Unterhaltungsshows, in Seifenopern und Serien (wobei hochdeutsche und hochdeutsch synchronisierte Serien nicht noch extra schweizerdeutsch synchronisiert werden), im Kinderprogramm, in allen Sendungen mit ausgesprochenem Schweizbezug (Volksmusik, Regionalnachrichten), in analysierenden Sportsendungen, in allen Interviews und Diskussionen mit Deutschschweizern ausserhalb der Hauptnachrichten.
  • In Gemeinde- und Kantonsparlamenten ist es meist ĂŒblich, die Voten im Dialekt abzugeben. Gleiches gilt im mĂŒndlichen Verkehr mit Behörden und Gerichten.
  • Im eidgenössischen Parlament wird jedoch, aus RĂŒcksicht auf die französisch, italienisch und rĂ€toromanisch Sprechenden, (Schweizer) Hochdeutsch gesprochen.
  • Auch in schriftlicher Verwendung ist das Hochdeutsche auf dem RĂŒckzug, wo es sich um die PrivatsphĂ€re handelt:
    • E-Mails und SMS vor allem der jĂŒngeren Generation
    • Sprache der Chatrooms
    • Kontaktanzeigen und Annoncen in Zeitungen.
  • Überdies werden in den hochdeutsch geschriebenen Zeitungen (zum Teil sogar im Weltblatt «NZZ») in lokalem Zusammenhang immer öfter spezielle schweizerdeutsche Vokabeln verwendet (beispielsweise Töff fĂŒr «Motorrad», BĂŒsi fĂŒr «Katze», GĂŒsel (ZĂŒrich)/GhĂŒder (Bern) fĂŒr «Abfall»)

Die Deutschschweizer haben also mangelnde Übung im mĂŒndlichen Gebrauch des Hochdeutschen; weit verbreitet ist die Ansicht, diese offizielle Nationalsprache sei eigentlich eine Fremdsprache. Dies hat zur Folge, dass ein Aussterben des Dialekts nicht mehr zu befĂŒrchten ist. Hochdeutsch wird seit dem Ersten Weltkrieg wenig geschĂ€tzt und als fremd empfunden. Andererseits klingt Schweizer Hochdeutsch auch fĂŒr viele Schweizer selbst schwerfĂ€llig und ungelenk. Hinzu kommen auch aufgrund geschichtlicher Ereignisse vorhandene Vorbehalte und Vorurteile gegenĂŒber den Deutschen und den Österreichern und damit verbunden oft auch eine ablehnende Haltung gegen das Hochdeutsche. Dialektsprache wird somit auch bewusst als Abgrenzung benutzt, wobei es nach einer Eingewöhnungszeit des guten Zuhörens auch von anderen deutschsprachigen Menschen, von ausserhalb der Schweiz, einigermassen gut zu verstehen ist.

Schweizerdeutsch ist durch die vorgenannten Faktoren zwar eher auf dem Vormarsch, andererseits durchlĂ€uft es seit einigen Jahrzehnten markante VerĂ€nderungen. Einerseits fĂŒhren die massiven Migrationsbewegungen innerhalb des Landes zu einer Nivellierung hin zu Grossagglomerationsdialekten, andererseits hat der Konsum deutscher Medien zu einem Eindringen vieler hochdeutscher Elemente gefĂŒhrt. Durch diese Entwicklungen ergibt sich ein immer stĂ€rkeres Auseinanderdriften von passiver und aktiver Sprachkompetenz der Schweizer bezĂŒglich der hochdeutschen Sprache. WĂ€hrend das SprachverstĂ€ndnis (schriftlicher und gesprochener Hochsprache) schicht- und ausbildungsspezifisch demjenigen durchschnittlicher Einwohner Deutschlands in nichts nachsteht, wird die AusdrucksfĂ€higkeit und Gewandtheit beim eigenen Gebrauch zunehmend schwĂ€cher. Gleichzeitig wird das Schweizerdeutsche immer mehr mit hochdeutschen Vokabeln und AusdrĂŒcken gesprochen. Doch auch das Englische wird immer mehr in der Alltagssprache der Jugend verwendet. So verwendet man oftmals z. B. «dĂ€ tescht isch easy gsi!» anstatt des ĂŒblichen dĂ€ tescht isch eifach gsi! ( {{lang|de|dieser Test war einfach!).

Merkmale

Im Folgenden sind verschiedene Eigenheiten der schweizerdeutschen Dialekte genannt, die im Vergleich mit der Standardsprache auffallen. Die meisten dieser Eigenheiten treten nicht bei allen schweizerdeutschen Dialekten auf, sind dafĂŒr aber auch bei Dialekten ausserhalb der Schweiz zu finden.

Vokalismus

Die meisten Schweizer Dialekte weisen die Merkmale der neuhochdeutschen Monophthongierung und Diphthongierung nicht auf. DiesbezĂŒglich gleichen sie dem Mittelhochdeutschen.

Bewahrung der mittelhochdeutschen Monophthonge

Wie im Mittelhochdeutschen gilt: Huus [huːz̊] ist «Haus», ZĂŒĂŒg [tÍĄsyËÉĄÌŠ] ist «Zeug», wiit [ʋiːt] ist «weit» etc. Ausnahmen gibt es im BĂŒndner Schanfigg (Hous [houz̊], wejt [ʋeit]), in Unterwalden (Huis [huiz̊], wejt [ʋeit]) und im Aostataler Issime (Hous [houz̊], wejt [ʋeit]), wo die alten LĂ€ngen alle diphthongiert sind. Eine weitere Ausnahme betrifft die Hiat-Diphthongierung der Langvokale vor Vokal, die in den nieder- und hochalemannischen Dialekten auftritt, nicht jedoch im höchstalemannischen (Beispiele: Mhd./höchstal. frii [v̊riː] «frei» – hoch-/niederal. frei [v̊rei]; mhd./höchstal. Suu [z̊uː] «Sau» – hoch-/niederal. Sou [z̊ou]; mhd./höchstal. nĂŒĂŒ [nyː] «neu» – hoch-/niederal. nöi [nƓi]). In weiten Teilen des östlichen Schweizerdeutsch werden die alten Diphthonge von den neuen lautlich unterschieden. So heisst es in ZĂŒrich: BĂ€i (Bai) [bÌ„ĂŠi] mit altem Diphthong, aber frei (frej) [vÌ„rei] mit sekundĂ€rem Diphthong, wo es standardsprachlich gleich lautend «Bein, frei» heisst, oder aber Baum [bÌ„aum] mit altem Diphthong, aber boue [bÌ„ouə] mit sekundĂ€rem Diphthong fĂŒr standardsprachlich gleich lautende «Baum, bauen».

Bewahrung der mittelhochdeutschen öffnenden Diphthonge

WĂ€hrend den mittelhochdeutschen öffnenden Diphthongen ie, ue, ĂŒe in der Standardsprache Monophthonge entsprechen (vergleiche Liebe, wo ie noch in der Schrift erhalten ist aber [iː] gesprochen wird), sind diese Diphthonge in den schweizerdeutschen Mundarten erhalten geblieben: lieb wird somit [liəbÌ„] ausgesprochen. Desgleichen gilt: Ein geschriebenes ue wird nicht ĂŒ, sondern Ăș-e [uə] ausgesprochen (mit Betonung auf dem -Ăș-), der Schweizer «Rudolf» ist also Ru-edi [ˈruədÌ„i], nicht RĂŒdi. Achtung: Muus [muːzÌ„] ist «Maus», aber Mues (oder Muos) [muəzÌ„] ist «Mus» – zum FrĂŒhstĂŒck gibt es also MĂŒesli und nicht MĂŒsli.

Weitere Merkmale der Vokale

  • Das lange a ist in vielen Mundarten sehr dunkel und tendiert gegen o, mit dem es in gewissen Mundarten (besonders der Nordwestschweiz) auch zusammenfallen kann.
  • Dem standarddeutschen kurzen e entspricht in vielen Wörtern das als Ă€ geschriebene ĂŒberoffene [ĂŠ] (z. B. Ă€sse [ĂŠsːə] «essen»). Historisch gesehen ist dies dann der Fall, wenn SekundĂ€rumlaut (z. B. [sĂŠgə] «sagen») oder germanisch Ă« (z. B. [ĂŠsːə] «essen») vorliegt, wogegen PrimĂ€rumlaut fast ĂŒberall als geschlossenes [e] realisiert wird (z. B. [lekːə] «legen»). In Teilen der Ostschweiz (Schaffhausen, teilweise GraubĂŒnden, St. Gallen, Thurgau) fehlt ĂŒberoffenes [ĂŠ], und es tritt wie in der Standardsprache [ɛ] ein (z. B. [ɛsːə] «essen»). Andere Teile der Ostschweiz (etwa das Toggenburg) haben eine vollstĂ€ndige Übereinstimmung mit dem mittelhochdeutschen dreistufigen System, indem sie fĂŒr den SekundĂ€rumlaut [ĂŠ] (z. B. [sĂŠgə] «sagen»), fĂŒr das germanische Ă« [ɛ] (z. B. [ɛsːə] «essen») und fĂŒr den PrimĂ€rumlaut [e] (z. B. [lekːə] «legen») kennen. Ein anderes dreistufiges System kennt das ZĂŒrichdeutsche: GrundsĂ€tzlich hat es wie die westlichen und innerschweizerischen Mundarten germanisches Ă« von [ɛ] zu [ĂŠ] gesenkt, nicht aber vor /r/, z. B. Ă€sse [ĂŠsːə] «essen», aber stÚÚrbe [ʃtɛːrbə] «sterben», und Umlaut von ahd. /a:/ ist ebenfalls [ɛː], z. B. lÚÚr [lɛːr] «leer».

Konsonantismus

  • Viele schweizerdeutsche Dialekte haben die hochdeutsche Lautverschiebung vollstĂ€ndig durchgefĂŒhrt; einem germanischen /k/ im Silbenanlaut entspricht ein [x] (wie in Chind, chalt), einem /kk/ im Silbeninlaut die Affrikate [kÍĄx] (wie in Stock [ʃtokÍĄx], Sack [zÌ„akÍĄx]). Die Affrikate [kÍĄx] wird ebenfalls verwendet fĂŒr ein /k/ in Lehnwörtern (wie in Karibik [kÍĄxaˈribÌ„ikÍĄx], Kunst [kÍĄxʊnʃt]). Dies sind allerdings keine Merkmale aller schweizerdeutschen Dialekte, sondern der hochalemannischen; sie gelten nicht bei schweizerdeutschen Dialekten, die nicht hochalemannisch sind, dafĂŒr aber auch bei hochalemannischen Dialekten ausserhalb der Schweiz.
  • ch wird in der Mehrheit der Dialekte stets velar, in manchen stets uvular ausgesprochen, und zwar auch nach vorderen Vokalen («wichtig» [ˈʋÉȘxtiÉĄÌŠ]). Palates ch findet sich im Wallis und lokal weiterhin.
  • Das r wird in den meisten Dialekten alveolar ausgesprochen (Zungenspitzen-R), im Baseldeutschen und in Teilen der Ostschweiz jedoch uvular (ZĂ€pfchen-R).
  • /p t k/ werden nicht aspiriert; aspirierte [pÊ° tÊ°] kommen nur als Cluster /ph th/ vor (ebenso [kÊ°] ausser in Chur und Basel); /b d g/ sind immer stimmlos. Es ist nicht geklĂ€rt, worin der Unterschied zwischen /p t k/ und /b d g/ liegt. Traditionell wird er als ein Unterschied zwischen Fortes und Lenes verstanden (daher auch die Schreibweisen [p t k] – [bÌ„ dÌ„ ÉĄÌŠ]). Daneben gibt es jedoch auch die Meinung, dass es sich um einen Unterschied in der QuantitĂ€t handle (konsequent notiert als [pp tt kk] – [p t k]).[1]
  • In vielen Westschweizer Dialekten mit dem Emmental als Zentrum wird der Konsonant l am Silbenende oder in Gemination zu u (IPA: w) vokalisiert; dieses PhĂ€nomen ist relativ jung und breitet sich derzeit weiter aus: alle > [ˈawːi], viel > [ˈvÌ„ÉȘw].

Siehe auch: ChuchichÀschtli

Betonung

Die Betonung ist hĂ€ufiger als im Standarddeutschen auf der ersten Silbe (oder sogar, wenn man so will, auf der nullten – Namen mit vorausgehendem «von» wie von Arx werden auf dem von betont). Bei Wörtern aus dem Französischen wie Fondue oder Bellevue und ebenso bei Akronymen wie WC oder USA liegt die Betonung auf der ersten Silbe, also FĂłndĂŒ (phonetisch: [ˈvÌ„Ă”dÌ„y]) und BĂ©llvĂŒ ([ˈbÌ„elʋy]), WĂ©Ă©-zee und Ú-Ă€ss-aa.

Endungen

  • Die meisten Dialekte unterscheiden zwei Nebensilbenvokale: -i und -ə, beispielsweise in i(ch) machə («ich mache», Indikativ) – i(ch) machi («ich mache», Konjunktiv). Höchstalemannische Dialekte wie das Walliserdeutsche haben teilweise einen noch erheblich differenzierteren Nebensilbenvokalismus, indem sie zusĂ€tzlich auch -a, -o und -u sowie geschlossenes -e unterscheiden: lauten der Singular und der Plural von «Zunge» in den meisten schweizerdeutschen Dialekten identisch Zunge, so heisst es in manchen Walliser Dialekten im Nominativ Singular Zunga (wie althochdeutsch zunga), im Dativ Singular Zungu (vgl. althochdeutsch zungĂ»n) und im Nominativ Plural Zunge (hier ist das geschlossene /e/ unklarer Herkunft).
  • Ein abschliessendes -n entfĂ€llt in den meisten Mundarten(«n-Apokope»), vor allem in der Endung -en (chouffe – kaufen, Haagge – Haken), aber auch nach betontem Stammvokal wie in Wörtern wie Wy â€“ «Wein» oder Maa â€“ «Mann». DafĂŒr taucht meistens ein Verbindungs-n zwischen Endvokalen und Anfangsvokalen wieder auf, z. B. I ha-n es Buech «ich habe ein Buch»). Dieses PhĂ€nomen hat keine grammatikalische Bedeutung, sondern dient dazu, einen Hiatus zu vermeiden. Das passiert nicht nur bei Verben, sondern auch bei anderen Wortarten. (Bsp. I ha-n es Buech, wo-n Ă€r mir ggÀÀ het «ich habe ein Buch, das er mir gegeben hat»). Gewisse alpine Mundarten (bes. östliches Berner Oberland, oberes PrĂ€ttigau und Lötschental) haben die n-Apokope nicht durchgefĂŒhrt.
  • Die Endung -ung wird in den meisten Dialekten als -ig gesprochen (nicht jedoch im Wallis, in traditionellem Stadtbernischen sowie im Schaffhauserdeutschen und nur teilweise im Senslerdeutschen). «Kreuzung» entspricht somit normalschweizerdeutschem ChrĂŒĂŒzig (aber senslerisch ChrĂŒzĂčng, Ă€lter stadtberndeutsch ChrĂŒzung, schaffhauserdeutsch ChrĂŒĂŒzing). Eine Ausnahme bilden die Typen auf -igung (z. B. «Kreuzigung»), wo es aus phonetischen GrĂŒnden bei «ChrĂŒĂŒzigung» bleibt. Ein Grenzfall ist auch das Wort «Achtung». In manchen Regionen wird das Wort als Achtig ausgesprochen, wenn es in einem Satz als Tugend/Wert ausgesprochen wird, hingegen verwendet man manchmal Achtung!, wenn es sich um den Ausruf «Vorsicht!» handelt. Dies liegt daran, dass es sich um ein Lehnwort aus der Standardsprache handelt, das das einheimische Obacht! verdrĂ€ngt.
  • Den Verb-Endungen -eln und -ern entsprechen in der Regel -(e)le und -(e)re (Bsp. zĂŒgle, bĂŒgle, tafle, ruedere, muure «umziehen, bĂŒgeln, tafeln, rudern, mauern»).
  • Bei Substantiven entfĂ€llt auslautendes -e in vielen FĂ€llen (BrĂŒgg/Brugg «BrĂŒcke», oder Pluralendung Böim «BĂ€ume»). Konservative alpine Mundarten kennen diese Apokope allerdings nicht.

Grammatik

Siehe alemannische Grammatik

Wortbildung

Das Schweizerdeutsche hat einige typische Eigenheiten der Wortbildung, die in anderen deutschen Dialekten kaum vorkommen.[2]

  • Bekannt sind die sehr hĂ€ufig gebrauchten Verkleinerungsformen auf -li, von denen es oft noch Varianten mit unterschiedlichem GefĂŒhlswert gibt, z.B. HĂŒndli, HĂŒndeli und Hundeli. Einige dieser Verkleinerungsformen wurden zu eigenstĂ€ndigen Begriffen, z.B. wird MĂŒesli nicht als Verkleinerung von Mues und RĂŒebli nicht als Verkleinerung von RĂŒebe verstanden.
  • Es gibt im Schweizerdeutschen auch Verben in Verkleinerungsform, die mit -ele enden. Diese können eine niedliche kindliche Art ausdrĂŒcken, wie schlÀÀfele fĂŒr schlaafe (schlafen), aber auch eine Abwertung bei schĂ€ffele statt schaffe (arbeiten) oder eine gemĂŒtliche, ausgedehnte Art der TĂ€tigkeit wie bei kĂ€fele (von Kaffee trinken) oder zmörgele (von Zmorge, FrĂŒhstĂŒck).
  • Typisch fĂŒr das Schweizerdeutsche sind aus dem Verb gebildete TĂ€terbezeichnungen auf -i, wie Laferi von lafere (weitschweifig reden) oder Plagööri von plagiere (prahlen).
  • Um einen Vorgang auszudrĂŒcken, wird die Endung -ete verwendet, z.B. Truckete (GedrĂ€nge) von trucke (drĂ€ngeln) oder ZĂŒglete (Umzug) von zĂŒgle (umziehen). Einige dieser Begriffe haben sich konkretisiert, z.B. Lismete (Strickzeug) von lisme (stricken) oder Metzgete (Schlachtplatte) von metzge (schlachten).

Wortschatz

Im Schweizerdeutschen gibt es sehr viele französische und italienische Lehnwörter. Eine Auswahl von typischen Wörtern sowie von AusdrĂŒcken, die bei nichtschweizerischen Zuhörern deutscher Sprache zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren können, ist in der folgenden Liste zu finden. (Es steht jeweils zuerst das schweizerdeutsche Wort bzw. der schweizerdeutsche Ausdruck, teilweise mit regionalen Varianten.)

  • abverheit – misslungen, missglĂŒckt, missraten
  • allwĂ€g, Ă€uĂ€ – Modalpartikel «wohl»; in der Verwendung als satzwertige Partikel hat sich die ursprĂŒnglich ironische Bedeutung 'wohl kaum' durchgesetzt.
  • amel, amig(s), ame, aube – «jeweils» (von «allweil» und «allweg»)
  • Anke (m!) – «Butter»
  • Ă€xgĂŒÂŽsi, Ă©xgĂŒsee – «Entschuldigung!» (von französisch «excusez»)
  • Böögg – «Popel»
  • briegge, greine, grĂ€nne, brĂŒele, hĂŒĂŒle – «weinen»
  • brĂŒele, bÀÀgge – «schreien», «laut weinen»
  • BĂŒsi, BĂŒĂŒssi, Busle – «Katze»
  • Chaschte, Schaft – «Schrank», aber auch «muskulöse(r), sportliche(r) Mann/Frau»
  • cheere – «drehen», «wenden»
  • Cheib – «Kerl» (grob oder kumpelhaft, bedeutete ursprĂŒnglich «Aas»)
  • cheibe – VerstĂ€rkung Ă€hnlich wie «sehr» («cheibeguĂ€t» = sehr gut, «cheibegross» = sehr gross, etc.)
  • Chlapf – «Knall, Schlag», auch «Ohrfeige», «Auto» oder auch «(Alkohol-)Rausch»
  • chrampfe, chnorze – «hart arbeiten» (Chrampf – «harte Arbeit», aber auch Krampf oder Verkrampfung)
  • Gonfi, Gumfi – «KonfitĂŒre», «Marmelade»
  • eis ga/go zieh – «einen trinken gehen»
  • es fĂ€gt – «es macht Spass»
  • Gröibschi, Gigetschi, GĂŒrbschi, Bitzgi, BĂŒtschgi, Butze, BĂŒtzgi – «KerngehĂ€use»
  • grĂŒezi – «(Gott) grĂŒsse Euch», Grussformel fĂŒr Leute, die man siezt bzw. frĂŒher ihrzte
  • grĂŒessech ([ËˆÉĄÌŠryÉ™ÌŻsːəx]) – «(Gott) grĂŒsse Euch» (in Bern/Solothurn/Freiburg ĂŒblich, wo geihrzt statt gesiezt wird)
  • glette – «bĂŒgeln» (mit dem BĂŒgeleisen, eigentlich «glĂ€tten»)
  • Goof (m, n) – «Balg», «Bube», «Gör» (meist als Schimpfwort empfunden; in einigen Gegenden aber auch die gewöhnliche Bezeichnung fĂŒr ein Kind)
  • Grind – «Kopf» (salopp)
  • gumpe – «springen, hĂŒpfen»
  • Gutsch – «Schluck» oder auch eine ĂŒberschwappende Menge FlĂŒssigkeit, zum Beispiel aus einem Eimer
  • hoi (daneben auch sali, salĂŒ, sĂ€lĂŒ, von französisch «salut») – Grussformel fĂŒr Leute, die man duzt, als Ursprung ist «ahoi» anzunehmen
  • huere – zeigt als Adjektiv/Adverb Intensivierung an, kann je nach Dialekt und Kontext als ĂŒblicher umgangssprachlicher Ausdruck (insbesondere in der Jugendsprache) oder als derber Fluch verstanden werden.
  • Ich mag mi nĂŒmm bsinne/erinnere – «Ich kann mich nicht mehr erinnern»
  • Ich mag nĂŒmme – «Ich kann nicht mehr/bin fix und fertig» oder aber: «Ich kann nicht mehr [essen]», d. h.: «Ich bin satt»
  • in Uusgang gaa – «ausgehen» (hat nichts mit dem Flur zu tun), ursprĂŒnglich militĂ€rsprachlich
  • gheie – «fallen, stĂŒrzen; (hinab-)werfen»
  • Kolleeg – «Kumpel, Freund»
  • lauffe, louffe – «gehen»
  • lehre – bei vielen Dialekten sowohl «lehren» als auch «lernen»
  • lisme – «stricken»
  • lose – «zuhören, horchen», auch «gehorchen» (aber: (g)hööre – «hören»)
  • luege – «schauen, lugen» (aber: (g)seh – «sehen»)
  • öppe – «etwa, ungefĂ€hr»
  • öpper – «jemand»
  • öppis – «etwas»
  • poschte – «einkaufen» (bei SpontankĂ€ufen sagt man: chröömle, chröömerle, gĂ€nggele)
  • Puff – «Unordnung» (aber auch «Bordell»)
  • merssi – «Dankeschön» (von französisch «merci»)
  • rĂŒere – «rĂŒhren», aber auch «werfen»
  • Sack – «TĂŒte», auch abgekĂŒrzt fĂŒr Hosesack – «Hosentasche»
  • schmöcke – «riechen», jĂŒnger unter hochdeutschem Einfluss auch «schmecken»
  • StĂ€ge – «Treppe», «Stiege»
  • Siech – «Typ» (grob, meist in Verbindung mit «geile» (um Respekt auszudrĂŒcken), «blööde» (um Verachtung auszudrĂŒcken) oder «huere» (als allgemeiner Fluch, wie z. B. «verdammt!»), bedeutete ursprĂŒnglich «Kranker», siehe Siechtum.
  • springe, weniger schön auch seckle – «rennen, laufen»
  • studiere – «nachdenken, ĂŒberlegen» (aber auch studieren an einer UniversitĂ€t)
  • Stutz – sowohl ein «Ein-Franken-StĂŒck» (z. B. «Hesch mer en Stutz?» – Hast du mir einen Franken/etwas Geld?) als auch eine «Erhebung» oder eine steile Stelle im GelĂ€nde, eine steil aufwĂ€rts fĂŒhrende Strasse
  • tönt guet – «klingt gut»
  • tschuute, schutte – «Fussball spielen» (von englisch «to shoot»)
  • ufem sprung sii - «es eilig haben»
  • vis-Ă -vis - «gegenĂŒber» (z.B. auf der anderen Strassenseite)
  • voorig, vöörig, vĂŒĂŒrig – «genĂŒgend; ĂŒbrig» (’s hĂ€t no voorig, das isch no voorigplibe; aber auch «zur GenĂŒge»: das langet voorig)

Einige AusdrĂŒcke des schweizerdeutschen Wortschatzes haben ihren Eingang ins allgemein verbreitete Hochdeutsch gefunden, so z. B. MĂŒesli oder Putsch, andere als sog. Helvetismen in die regionale Hochsprache (Schweizer Hochdeutsch). Bei Schweizer Schriftstellern erscheinen schweizerische Wörter in unterschiedlichem Mass.

Schreibweise

Alle Mundarten beziehungsweise Dialekte im deutschsprachigen Raum haben eines gemeinsam: Es gibt fĂŒr sie keine standardisierte Rechtschreibung. Genauso verhĂ€lt es sich mit den schweizerdeutschen Dialektformen.

In der Dialektliteratur lassen sich grob gesehen zwei verschiedene Schreibsysteme unterscheiden: Entweder eine weitgehend phonologische Schreibung, beispielsweise in Eugen Dieths Vorschlag SchwyzertĂŒtschi DialĂ€ktschrift, oder eine weitergehende Orientierung an der standarddeutschen Schreibung in der Tradition der Ă€lteren Dialektliteratur, beispielsweise in Werner Martis Vorschlag BĂ€rndĂŒtschi Schrybwys.

Der Alltagsgebrauch, beispielsweise in SMS, Chat, E-Mail oder persönlichen Briefen, ist weitgehend unbeeinflusst von den Schreibungen der Dialektliteratur. Vielmehr ist die Einstellung verbreitet, man schreibe den Dialekt «nach GefĂŒhl» oder «so, wie man es sagt», eine Einstellung, derzufolge die Rechtschreibung zur DomĂ€ne des Standarddeutschen gehört, nicht aber zum Dialekt.

Eine Sonderstellung hat das Baseldeutsche, und zwar insbesondere die SchnitzelbÀnke an der Basler Fasnacht, insofern als sich die Schreibung dieser traditionellen Literaturform stark am baseldeutschen Wörterbuch orientiert.

Im Grossen und Ganzen richten sich alle Verschriftungen des Schweizerdeutschen nach den Laut-Buchstaben-Zuordnungen der Standardsprache. Es gibt allerdings einige Abweichungen:

  • k und ck bezeichnen die Affrikate [kÍĄx].
  • gg bezeichnet einen anderen Laut als g, nĂ€mlich die (unaspirierte) Fortis [k].
  • y bezeichnet in einheimischen Wörtern und Namen immer [iː] oder [i]. Diese Verwendung geht auf eine spĂ€tmittelalterliche Ligatur aus ij zurĂŒck.
  • Ă€ wird oft fĂŒr das Schwa verwendet; diese Schreibung ist eine Besonderheit des Alltagsgebrauchs, wĂ€hrend sie in der Dialektliteratur nur sehr selten anzutreffen ist.

Anteil der Schweizerdeutschsprachigen

Bei der VolkszĂ€hlung von 2000 betrug der Anteil der deutschsprachigen Schweizer 63,6 % der Gesamtbevölkerung. Von diesen gaben 93,3 % an, im Alltag Dialekt zu sprechen. 66,4 % davon gaben sogar an, nur Dialekt und kein Standarddeutsch zu sprechen.

So wird die Hochsprache zwar in der Verfassung als eine der vier offiziellen Landessprachen definiert, bleibt aber fĂŒr den Grossteil der Bevölkerung praktisch eine Fremdsprache (siehe auch Diglossie).

In der deutschsprachigen Schweiz gibt es eine Anzahl verschiedener Dialekte. Üblicherweise werden diese nach den Kantonen unterteilt. Dies ist jedoch linguistisch nicht gerechtfertigt, da innerhalb einiger Kantone grosse Unterschiede im Dialekt vorkommen, andererseits aber in einigen kantonsĂŒbergreifenden Regionen praktisch der gleiche Dialekt gesprochen wird.

Einsprachige Kantone, in denen von der einheimischen Bevölkerung nur Schweizerdeutsch gesprochen wird, sind: St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden, Thurgau, Glarus, Schaffhausen, ZĂŒrich, Zug, Schwyz, Luzern, Uri, Nidwalden und Obwalden, Aargau, Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie Solothurn. Eine deutschsprachige Mehrheit haben GraubĂŒnden (neben RĂ€toromanisch und Italienisch) und Bern (neben Französisch). Eine deutschsprachige Minderheit neben einer französischen Mehrheit haben das Wallis und Freiburg. Im Kanton Jura gibt es eine deutschsprachige Gemeinde, Ederswiler, ebenso im Tessin die Walsersiedlung Bosco/Gurin.

Mittlerweile sind auch die meisten RÀtoromanen des Schweizerdeutschen mÀchtig, abgesehen von einigen Àlteren RÀtoromanen in abgelegenen Regionen. Gerade in den Hochburgen des RÀtoromanischen, das heisst in der oberen Surselva sowie im Unterengadin, wird das Schweizerdeutsche aber nicht als die eigene Sprache angesehen.

Historische Entwicklung des Schweizerdeutschen

Bis zum Ersten Weltkrieg Ă€hnelte die Situation des Schweizerdeutschen im Grossen und Ganzen derjenigen der anderen deutschen Dialekte: Im öffentlichen Leben wurde es mehr und mehr durch die Standardsprache verdrĂ€ngt. Eine schweizerische Besonderheit war immerhin, dass die gehobenen Klassen (Patrizier) und die Familien der Grossbourgeoisie einiger StĂ€dte wie Bern und Basel Französisch «prĂ€ferierten» und dieses auch im Alltag «parlierten». Viele französische Lehnwörter zeugen heute noch davon. – Unter anderem aufgrund der zwei Weltkriege und der Zwischenkriegszeit wurde das Schweizerdeutsche jedoch fĂŒr die deutschschweizerische IdentitĂ€t bestimmend und damit ein Mittel, sich von Deutschland abzugrenzen. Sprachlich Ă€ussert sich diese Abgrenzung darin, dass die oftmals mit Deutschland assoziierte Standardsprache kaum mehr als gesprochene Sprache verwendet wird.

Seit den spĂ€ten 1960er Jahren kann man in der Schweiz eine richtiggehende Mundartwelle (Mundart = Schweizerdialekt) beobachten. Das Schweizerdeutsche dringt in viele Bereiche vor, in welchen vorher ausschliesslich Schriftdeutsch verwendet wurde, und geniesst als Zeichen der schweizerischen und regionalen IdentitĂ€t eine hohe WertschĂ€tzung. Breitenwirksam verstĂ€rkt wurde diese Entwicklung vor allem durch den vermehrten Gebrauch des Dialekts in den Massenmedien Radio und Fernsehen. Vorreiter waren hierbei die privaten Radiostationen, die sich in den 1980er Jahren etablierten. Von ihnen schwappte die Mundartwelle dann sozusagen auch auf die Bildschirme und staatlichen Sendeanstalten ĂŒber. So waren je lĂ€nger je mehr auch auf nationaler Ebene die verschiedensten regionalen Dialekte zu hören. Sehr prĂ€gend dĂŒrfte parallel dazu auch der grosse Erfolg von in Mundart singenden Musikern gewesen sein. Schon die berndeutschen Lieder Mani Matters waren sehr populĂ€r und mit u.a. Polo Hofer, ZĂŒri West, Patent Ochsner in Berndeutsch und mit dem Trio Eugster, Jimmy Muff, den Schlieremer Chind, Toni Vescoli und den Minstrels in ZĂŒrichdeutsch kam die Dialektwelle dann in den 1980er Jahren so richtig in Schwung, auch in der Rockszene. In den 1990er Jahren und bis heute hielt dieser Trend z.B. mit SchtĂ€rneföifi, Big Zis, Bligg und Adrian Stern an und breitete sich der Gebrauch der Mundart in den elektronischen Medien und der einheimischen Popmusik noch weiter aus. Durch die Etablierung neuer Techniken, namentlich SMS und (private) E-Mails, die im eigentlichen Verwendungszweck der mĂŒndlichen oder quasimĂŒndlichen Kommunikation dienen, sich jedoch als Kommunikationsmittel der geschriebenen Sprache bedienen („geschriebene GesprĂ€che“) stiess das vorwiegend nur gesprochene Schweizerdeutsch auch in den schriftlichen Ausdruck vor und verstĂ€rkte dadurch die Mundartwelle. Mangels verbreiteter Standards bedient sich dabei jeder seiner eigenen Orthographie, in SMS sind dabei zwecks Zeicheneinsparung hĂ€ufig auch AbkĂŒrzungen, Anglizismen oder das in der Schweiz völlig unĂŒbliche ß anzutreffen.

Durch die Entwicklung der audiovisuellen Medien und durch die erhöhte MobilitĂ€t der Bevölkerung werden die Dialekte ausgehend von den stĂ€dtischen Gebieten immer mehr von AusdrĂŒcken der standarddeutschen Schriftsprache und auch des Englischen durchzogen. Dazu kommt, dass praktisch der gesamte Wortschatz des modernen Lebens ĂŒber jeweils einheitliche hochdeutsche Formen ins Schweizerdeutsche gelangt. So gelten die meisten Anglizismen aus der deutschen Sprache auch fĂŒr Schweizerdeutsch, z. B. sori (von engl. «sorry») statt ÄxgĂŒsi, schoppe (von engl. «to shop») oder iichauffe“ (von dt. «einkaufen») statt Komissioone mache oder (ĂŒbrigens auch erst jĂŒngerem) poschte. Der hochdeutsche Einfluss beschrĂ€nkt sich dabei keineswegs auf den Wortschatz, sondern macht sich auch in der Grammatik und sogar in der Aussprache bemerkbar.

Soziologische Aspekte

Die sozialen Funktionen von Schweizerdeutsch sind vielfÀltig. Es kann sowohl als Umgangssprache als auch als Fachsprache verwendet werden. Schweizerdeutsch ist weder nur Trendsprache noch eine technische Sprache. Es wird von allen Gesellschaftsschichten gleichermassen verwendet und ist also nicht mehr wie manche Dialekte als Sprachform einer «Unterschicht» diskreditiert.

Wie ĂŒberall beinhalten die VarietĂ€ten verschiedener Sprechergruppen (Secondos, Forstarbeiter usw.) zusĂ€tzliche spezielle AbkĂŒrzungen und AusdrĂŒcke.

Schweizerdeutsch gibt den Deutschschweizern starken emotionalen Halt und trĂ€gt wesentlich zu einem Gemeinschafts- und HeimatgefĂŒhl bei.[3] Ein Beispiel dafĂŒr ist der Boom der Mundartmusik seit 1990.

In den grösseren StÀdten, besonders in Basel und Bern, gab es jedoch noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ausgeprÀgte soziale Dialektunterschiede (Soziolekte). Zwar sprachen alle Schichten Dialekt, aber der Dialekt der Oberschicht unterschied sich deutlich von demjenigen der Mittelschicht, der sich wiederum sowohl vom Dialekt der Unterschicht als auch vom Dialekt der Landbevölkerung abhob.

Innere Unterschiede

Die schweizerdeutschen Dialekte unterscheiden sich zum Teil relativ stark voneinander. Überspitzt gesagt, hat beinahe jede Region, teilweise sogar jede Gemeinde, lokalspezifische Eigenheiten in ihrem Dialekt. Deutschschweizer kann man zum Teil alleine nach ihrem Dialekt recht genau einer Heimatgegend zuordnen.

VolkstĂŒmlich werden die Dialekte nach den jeweiligen Kantonen gegliedert; man unterscheidet so unter anderem Baseldeutsch, Berndeutsch, ZĂŒrichdeutsch, Solothurnerdeutsch, Senslerisch, Urnerdeutsch, Glarnerdeutsch, Walliserdeutsch, BĂŒndnerdeutsch, Appenzellerdeutsch oder St.-Galler-Deutsch. Dialektologisch gesehen treffen diese Charakterisierungen nur in EinzelfĂ€llen wirklich zu; so bilden etwa Berndeutsch, St.-Galler-Deutsch oder BĂŒndnerdeutsch keineswegs Einheiten, und umgekehrt sind die Unterschiede zwischen z. B. nördlichem St.-Galler-Deutsch, Thurgauerdeutsch und Schaffhauserdeutsch sehr gering. Ohnehin findet sich nur in wenigen FĂ€llen ein Merkmal, das nur in einer bestimmten Region vorkommt und sie von allen anderen abgrenzen wĂŒrde.

Dialektologisch unterscheidet man primĂ€r zwischen östlichem Schweizerdeutsch (geschlossene Aussprache des PrimĂ€rumlauts: fel[l]e 'fĂ€llen' sowie einförmiger Verbplural: mir/ir/si mached) und westlichem Schweizerdeutsch (sog. neutrale [also leicht geöffnete] Aussprache des PrimĂ€rumlauts: fĂšlle/fĂšue 'fĂ€llen' sowie zwei- bis dreiförmiger Verbplural: mir mache, dir mached, si mache; ausgenommen Basel-Stadt: mir/ir/si mache) sowie nördlichem Schweizerdeutsch (durchgezogene Hiatdiphthongierung: Iis 'Eis', aber schneie 'schneien') und sĂŒdlichem Schweizerdeutsch (fehlende Hiatdiphthongierung: Iis 'Eis', schniie 'schneien'). Derart erhĂ€lt man somit die ĂŒbergeordneten DialektrĂ€ume des Nordwestschweizerdeutschen (zusĂ€tzlich typisch etwa die Dehnung der Hinterzungenvokale in offener Silbe: saage/sÀÀge 'sagen'), des SĂŒdwestschweizerdeutschen (zusĂ€tzlich typisch etwa fehlende Apokope auslautender Vokale: WÀÀge/WĂ€ga 'Wege' [Pl.]), des Nordostschweizerdeutschen (zusĂ€tzlich typisch etwa die Monophthongierungen: Laatere/LÀÀtere 'Leiter', Bomm 'Baum') und des SĂŒdostschweizerdeutschen (zusĂ€tzlich typisch etwa guu 'gehen'). Das BĂŒndner Walserdeutsche gehört trotz seiner geographischen Lage nicht zum SĂŒdost-, sondern zum SĂŒdwestschweizerdeutschen, da diese Dialekte auf das sĂŒdwestschweizerdeutsche Walliserdeutsch zurĂŒckgehen. Alles in allem sind aber auch diese vier GrossrĂ€ume vielfach untergliedert, und umgekehrt lassen sich die Dialekte in den Kantonen Aargau, Luzern, ZĂŒrich sowie im Churer Rheintal, die zwischen den genannten Polen liegen, diesen nur bedingt zuordnen. So gehört z. B. ZĂŒrichdeutsch zwar in Hinsicht der Schnittmenge «PrimĂ€rumlaut bzw. verbaler Einheitsplural» und «Hiatdiphthongierung» zum Nordostschweizerdeutschen, nicht aber in Hinsicht der Entwicklung der mittelhochdeutschen Diphthonge und des sog. germanischen Ă«, die wie in den weiter westlich gesprochenen Mundarten als [Ă€i], [au], [ĂŠ] realisiert werden.

Innerhalb der grösseren MundartrĂ€ume, ja sogar zwischen den grösseren MundartrĂ€umen verwischen sich diese Unterschiede durch die wachsende MobilitĂ€t der Bevölkerung und die Verwendung des Dialektes in den Medien zusehends. Der durch dieses Zusammenwachsen der Bevölkerung entstehende Dialekt wird umgangssprachlich als «Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt» bezeichnet, wobei die jeweilige regionale Verankerung weiterhin hörbar bleibt. Die stĂ€rkste Tendenz zu einem Ausgleich zeigen die Einzugsgebiete der Grossagglomerationen ZĂŒrich, Basel und Bern. Aber auch lĂ€ndliche Mundarten stehen unter grossem Druck der neu entstehenden Grossraumdialekte. Hier zeigt es sich insbesondere, dass kleinrĂ€umige Mundartmerkmale (nicht nur Wörter, sondern auch Lautungen und Endungen) durch die grossrĂ€umig geltenden verdrĂ€ngt werden.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Siehe zu diesen Fragen: Urs Willi: Die segmentale Dauer als phonetischer Parameter von “fortis” und “lenis” bei Plosiven im ZĂŒrichdeutschen. Eine akustische und perzeptorische Untersuchung. Steiner, Stuttgart 1996. ISBN 3-515-06913-5 – und: Astrid KrĂ€henmann: Quantity and prosodic asymmetries in Alemannic. Synchronic and diachronic perspectives. de Gruyter, Berlin 2003. ISBN 3-11-017680-7
  2. ↑ Christen, Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz S27f
  3. ↑ SchwyzerdĂŒtsch von klein auf: GesprĂ€ch mit dem Auslandskorrespondenten Pascal Lechler in DRadio Wissen im Mai 2011
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Synonyme:

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  • Schweizerdeutsch — SchwyzerdĂŒtsch; SchwyzertĂŒtsch * * * schwei|zer|deutsch 〈Adj.âŒȘ schweizerdeutsche Mundarten die in der Schweiz gesprochenen deutschen Mundarten * * * schwei|zer|deutsch <Adj.>: in der auf den deutschen Mundarten basierenden Verkehrssprache… 
   Universal-Lexikon

  • Schweizerdeutsch — /shfuyt seuhr doych , shfuyt , shvuyt /, n. SchwyzertĂŒtsch. * * * 
   Universalium

  • Schweizerdeutsch — Schwei·zer·deutsch das; ; nur Sg; die deutsche Sprache, so wie sie in einem Teil der Schweiz gesprochen wird || hierzu schwei·zer·deutsch Adj 
   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • schweizerdeutsch — schwei·zer·deutsch 
   English syllables

  • schweizerdeutsch — schwei|zer|deutsch {{link}}K 149{{/link}} (schweizerisch mundartlich); vgl. deutschschweizerisch 
   Die deutsche Rechtschreibung

  • Schweizerdeutsch — Schwei|zer|deutsch, das; [s] (deutsche Mundart[en] der Schweiz) 
   Die deutsche Rechtschreibung

  • schweizerdeutsch — ˈshfÄ«tsə(r)ˌdȯich, ˈshvÄ« noun ( es) Usage: usually capitalized Etymology: German, from schweizer of or belonging to Switzerland (from Schweiz Switzerland, country in central Europe) + deutsch German, from Old High German 
   Useful english dictionary

  • SchwitzerdĂŒtsch — Schweizerdeutsch (SchwizerdĂŒtsch) Gesprochen in Schweiz, Liechtenstein Sprecher GeschĂ€tzte 4 450 000 Sprecher Linguistische Klassifikation Indogermanische Sprachfamilie Germanische Sprachen Westger 
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  • Schwyzer-DĂŒtsch — Schweizerdeutsch (SchwizerdĂŒtsch) Gesprochen in Schweiz, Liechtenstein Sprecher GeschĂ€tzte 4 450 000 Sprecher Linguistische Klassifikation Indogermanische Sprachfamilie Germanische Sprachen Westger 
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  • Schwyzerdeutsch — Schweizerdeutsch (SchwizerdĂŒtsch) Gesprochen in Schweiz, Liechtenstein Sprecher GeschĂ€tzte 4 450 000 Sprecher Linguistische Klassifikation Indogermanische Sprachfamilie Germanische Sprachen Westger 
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